Autor: Nina Tolksdorf

K.I. oder Autorin? – Ein neues Buch über die Automatisierung des Schreibens

von Nina Tolksdorf

Schönthaler, Philipp: Die Automatisierung des Schreibens & Gegenprogramme der Literatur. Berlin 2022.

Als Daniel Kehlmann sich 2021 in Mein Algorithmus und ich zum Sieger über die KI stilisierte, machte Twitter sich darüber lustig. Kehlmann setzte zu seinem literarischen Experiment mit Hilfe einer KI aus der Befürchtung heraus an, als Autor ersetzt zu werden. Ist die KI in der Lage, ebenso gute Texte zu schreiben wie ich? Sind wir nicht davon ausgegangen, dass Sprache dem Menschen gehört, ihn sogar definiert und von allen anderen Lebewesen unterscheidet?  Obwohl das schon lange nicht mehr zutrifft, weil längst klar ist, dass auch Pflanzen, Tiere und die Umwelt Sprachen haben, rüttelt die Entwicklung einer sprachfähigen KI bei manchen dennoch stark an der Krone der Schöpfung. In Experimenten, die belegen sollen, dass Autor:innen nicht ersetzbar sind, zeigt sich der verzweifelte Versuch, die nächste Kränkung der Menschheit aufzuhalten. Erst im November 2022 sind wir dieser wieder ein Stück näher gekommen: Mit ChatGPT ist ein ChatBot veröffentlicht worden, der nicht allein durch den Einsatz von KI, sondern durch die Interaktion mit menschlichen Gesprächspartner:innen auch von “natürlicher” Intelligenz lernt. 

Philipp Schönthalers Buch Die Automatisierung des Schreibens und Gegenprogramme der Literatur entfaltet sich zwar vor diesem Hintergrund, geht in seiner Komplexität jedoch weit darüber hinaus. In einer historisch versierten Analyse geht Schönthaler der Differenz zwischen Programmieren und Schreiben nach. Anders als es häufig der Fall ist, sieht Schönthaler in früheren Formen des automatisierten Schreibens – sei es ein Gedicht des Dada, das durch Zufall entsteht, seien es literarische Experimente durch Schlafentzug – keine Vorläufer des Programmierens. 

Um die Unterschiede herauszuarbeiten und in ihrer Breite zu entfalten, geht Schönthaler den Tätigkeiten des Programmierens und Schreibens in ihren Vernetzungen mit poetologischen, computerhistorischen, militärischen, ökonomischen, politischen, mathematischen, literaturwissenschaftlichen und psychoanalytischen Komponenten nach. Das Resultat ist ein überaus komplexes und umfangreiches Buch, das wohl alle lesen sollten, die sich für den Zusammenhang von Schreiben und Technologie interessieren. Allerdings muss man vorweg auch eine Warnung aussprechen: Das Buch ist ausgesprochen wissenschaftlich geschrieben und fordert die ganze Aufmerksamkeit der Lesenden ein.     

Schönthaler geht nicht von einer linearen Entwicklung des Schreibens aus, arbeitet sich aber chronologisch an drei für die Geschichte der Automatisierung zentralen Zeitpunkten ab: 1910/20, 1950/60 und 2010ff. Die Avantgarden 1910/20 zeichneten sich durch den Versuch aus, sich von der bürgerlichen Ordnung und Schreibweise freizumachen, indem sie die „Schreibhand vom Kopf entkoppeln“. Unter anderen diskutiert Schönthaler hier die Arbeiten Filippo Tommaso Marinettis, Gertrud Steins, Hugo Balls und Hans Arps. Obwohl deutschsprachige Arbeiten und Debatten im Vordergrund stehen, blickt Schönthaler auch immer wieder auf den europäischen und US-amerikanischen Raum.

Mit den Nachkriegsavantgarden – hier spielen unter anderen Oswald Wiener, Konrad Bayer, Max Bense und George Perec die Hauptrollen – analysiert Schönthaler eine Wende von der Mechanisierung zur Automatisierung. An diesen beiden Begriffen und ihren Verwendungen, die in anderen Arbeiten nicht selten synonym verwendet werden, wird deutlich, warum für Schönthaler der Blick auf die spezifische historische Situiertheit der literarischen Ereignisse wichtig wird. Die Kommerzialisierung von Rechenmaschinen ist auf die Entwicklungen der Automobilindustrie und ihre Umrüstung auf die Produktion von Waffen zurückzuführen. Erst dieser Schritt löste weitläufig die Befürchtung aus, dass nach der mechanisierten Hand der Geist vom elektronischen Gehirn ersetzt wird, sprich: dass es keiner menschlichen Agency mehr bedarf.

An dieser historischen Zäsur macht Schönthaler auch deutlich, inwiefern er die Nachkriegsavantgarden nicht in der Nachfolge der Avantgarden verortet, Programmieren nicht als Nachfolge des Schreibens versteht. Während das Schreiben der Avantgarden noch auf den Menschen angewiesen ist und die Maschine als Ergänzung funktioniert, werden in den 1950er und 60er Jahren Mensch und Computer gleichermaßen als eigenständig verfahrende Agenten adressiert.       

An den 2010er Jahren interessiert Schönthaler nun weniger die digitale Literatur, wie z.B. Code- oder auch Twitterliteratur. Stattdessen will er vor dem Hintergrund von KI und der hier nicht mehr transparenten und nachvollziehbaren automatisierten Textproduktion die Bedeutung eines nichtprogrammierbaren Schreibens untersuchen und statt nach der KI in der Erzählung, der Bedeutung der Narration im Digitalen nachgehen. Kein Silicon Valley, so ließe sich sagen, kommt ohne Erzählung aus. Ziel dieses Unterfangens ist zu zeigen, dass die Digitalisierung das Erzählen keinesfalls überflüssig macht. Was aber unterscheidet eine programmierte von einer geschriebenen Erzählung? Obwohl beide, so Schönthaler, über Verknüpfung oder Verkettung funktionieren, unterscheiden sie sich im jeweiligen Modus der Verknüpfung.

In der Automatisierung des Schreibens nimmt die Entfaltung dieser Unterschiede viele Seiten ein, die es sich durchaus zu lesen lohnt. Es geht vor allem darum, dass die natürliche Sprache, um programmierbar zu werden, in numerische Werte umgewandelt werden muss. Sie hat dadurch ein ganz anderes Verhältnis zur Welt, denn ihre Verknüpfungsregeln – also das „Wie“ des Aneinanderreihens von Worten und Sätzen – müssen automatisierbar werden. Auch in der natürlichen Sprache gibt es eine Regelhaftigkeit des Zeichengebrauchs, doch verfährt diese nicht notwendig auf der Basis statistischer Werte. 

Während Programmieren also immer meint, dass die wahrscheinlichste Verknüpfung und Regel gestiftet und angewendet wird, ist die Verknüpfung des Schreibens nach Schönthaler überaus heterogen und kann darüber hinaus „absichtsvoll“ gebrochen werden. Die Verknüpfungstypen beim Programmieren sind insofern geschlossen, als sie nach Wahrscheinlichkeit verfahren. Schreiben hingegen ist genuin offen, da über jede einzelne Verknüpfung immer neu entschieden wird.

In zitiertem „absichtsvoll“ sowie in der Entscheidung für oder gegen Verknüpfungen deutet sich bereits eine Größe an, auf die Schönthaler immer wieder zurückkommt: das Subjekt des Schreibens, das in jedem Schreibprozess anwesend sein muss. Ein Beispiel, an dem Schönthaler das zeigt, ist Samuel Becketts Watt. Was Watt für eine Untersuchung der Programmierbarkeit von Literatur interessant macht, ist, dass sich seine Struktur und Sprache der Programmiersprache annähern (obwohl der Roman entstand, bevor computertechnologische Strukturen allgemein bekannt und zugänglich wurden (1941/43)). Das zeigt sich zum Beispiel in Passagen wir der folgenden: 

“Nicht das Watt sich ruhig und frei und froh fühlte, oder je gefühlt hätte, durchaus nicht. Aber er dachte, dass er sich vielleicht ruhig und frei und froh fühlte, oder, wenn nicht ruhig und frei und froh, wenigstens ruhig und froh oder frei und froh oder froh und ruhig, oder, wenn nicht ruhig und frei oder frei und froh oder froh und ruhig, wenigstens ruhig oder frei oder froh ohne es zu wissen.” 

Das Formelhafte, das heißt hier, das Durchspielen unterschiedlicher Kombinationen von Spracheinheiten, ist, was den Text an Computersprache erinnern lässt und immer wieder zu literarischen Experimenten verleitet hat. Eines dieser Experimente ist Megawatt von Nick Montfort. Hier werden ausgewählte Stellen des Textes mit dem Programm Megawatt algorithmisch erweitert und potenziert. In der Literaturwissenschaft wurde dieses Experiment dahingehend analysiert, dass es zum einen zeige, dass schon Watt digitale Literatur sei und Megawatt nur die konsequentere Ausführung der in Watt angelegten Struktur (Hannes Bajohr).

Schönthaler lenkt hier ein und zeigt, inwiefern gerade Watt ein Beispiel für das Gegenprogramm der Literatur darstellt. Begründet wird das mit der Subjektposition im Schreiben. Gilles Deleuzes‘ Lektüre von Watt anführend, bindet Schönthaler das dem Roman wesentliche Motiv der Erschöpfung an ein Subjekt, welches die Erschöpfung betreffen muss. Megawatt hingegen lösche jede Subjektinstanz. Indem Watt also die Notwendigkeit des Subjekts vorführt und Megawatt genau dieses auslöscht, zeigt Watt, so Schönthaler, dass Programmieren nicht Schreiben ist, auch wenn das Schreiben an computerisierte Sprache erinnert.

Die Subjektivität verortet Schönthaler allerdings nur im Schreibprozess. Ließe sie sich nicht auch im Leseprozess finden? Und welche Auswirkungen hätte das auf den Unterschied zwischen Programmieren und Schreiben? Diese Frage stellt sich mir deswegen, weil mittlerweile jeden Tag Texte gelesen werden, von denen nicht gewusst wird, dass es sich um generierte Texte handelt. Gleichzeitig lassen sich auch generierte Texte poetologisch lesen, das heißt so lesen, als gäbe hier die Sprache über ihr eigenes Funktionieren Auskunft, was Schönthaler zufolge der natürlichen Sprache vorbehalten bleibt.

Ein Beispiel ist K. Allado-McDowells Pharmako AI, ein Kollektivprojekt einer Person mit dem Sprachmodell GPT-3, in dem nicht nur die Kollektivität von Mensch und GPT-3 als kybernetische Schreibpraxis beschrieben, sondern auch über das Funktionieren der Sprache durch und jenseits des menschlichen Bewusstseins diskutiert wird. Welche Rolle also spielt das Lesen und das Wissen um generierte Literatur? Mit anderen Worten, wenn Megawatt als potenzierte Variante von Watt Lesende ebenso oder stärker erschöpfen sollte als Watt, bleibt das Motiv der Erschöpfung dann nicht erhalten, obwohl es bei einer anderen, also nicht in der schreibenden Subjektivität verortet wird?

Auch Schönthalers umfangreiches Buch hat die Tendenz, mechanisierte und digitalisierte Schreibweisen zugunsten der Literatur zu befragen, das heißt, Kriterien für die Analyse anzusetzen, an denen Programmiersprache abgleiten muss, wie etwa menschliche Entscheidungsprozesse. Was dabei aber deutlich wird, ist, dass Schreiben und Programmieren als kulturelle Praktiken – wie verschieden sie auch sein mögen – in ihrem Verhältnis zueinander in einem handfesten Zusammenhang stehen mit sprachwissenschaftlichen, historischen, philosophischen und psychologischen Fragen, die von der Literatur immer wieder hinterfragt und auch angeregt werden. Die Automatisierung des Schreibens  erzählt keine lineare Geschichte, weil sein Gegenstand zeigt, dass  eine solche Geschichte ein vereinfachtes Modell ist, sich mit der Komplexität der Mechanisierung und Automatisierung auseinanderzusetzen. Die Struktur des Buches macht genau das deutlich, manchmal verliert es sich dabei – das aber im positivsten Sinn.

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Schönthaler verwendet erfrischenderweise das generative Femininum. Allerdings bespricht er v.a. (primär) Texte und Theorien von männlichen Autoren und Theoretikern. Wenn von Therapeutin und Autorin in Zeiten die Rede ist, in denen es Frauen unmöglich oder schwer möglich war, diese Berufe auszuführen, dann übergeht ein unhinterfragtes generatives Femininum genau diese Problematik und macht sie unsichtbar.

Foto von Joan Gamell auf Unsplash

Refresh – Über ‚Digitale Literatur II‘

von Nina Tolksdorf

Jeder Medienwandel steht in einem engen Zusammenhang mit neuen Formen von Literatur, die sich gegenüber den tradierten meist erst beweisen müssen. Dafür bedarf es nicht einmal eines großen Umbruchs. In Deutschland genügt etwa die Einführung des Taschenbuches, die ab den 1950er Jahren zu ausgiebigen Debatten führte. Auf dem Spiel steht mit der Einführung eines neuen Mediums regelmäßig nichts Geringeres als der Geist. So wurde noch 2006 von einem deutschen Literaturwissenschaftler befürchtet, dass das Schreiben auf Tastatur und Co. dazu führe, dass der Daumen seine oppositionelle Stellung zu den restlichen Fingern verlieren werde, dieses evolutionäre Wunder aber das Greifen und damit das Begreifen ermögliche.[1]  

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