Autor: Isabella Caldart

Türen öffnen – Interview mit Sharon Dodua Otoo über das Schwarze Literaturfestival „Resonanzen“

Das Gespräch führte Isabella Caldart

Über Diversität in der Buchbranche wird seit einigen Jahren viel diskutiert, um ihren Mangel zu kritisieren und um für eine größere Vielfalt einzustehen. Sharon Dodua Otoo, Bachmann-Preisträgerin und Autorin des Romans „Adas Raum“ (Fischer 2021) gehört in diesem Diskurs zu den wichtigsten Stimmen- Jetzt hat sie gemeinsam mit den Ruhrfestspielen das Schwarze Literaturfestival „Resonanzen“ (19. bis 21. Mai) ins Leben gerufen, um anderen deutschsprachigen Schwarzen Autor*innen den Weg in den Literaturbetrieb zu ermöglichen. Wie genau das aussehen soll, verrät sie uns im Interview.

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And Just Like That… macht das alles narrativ keinen Sinn – Über das Revival von „Sex and the City“

von Isabella Caldart

Das Problem fängt schon beim Titel an. Während Sex And The City zwei prägnante Begriffe im Titel hat, die direkt darauf verweisen, worum es in der Serie geht, heißt das Revival And Just Like That… samt drei Pünktchen, die wohl sowohl eine gewisse Verspieltheit als auch einen Raum vieler sich öffnender Möglichkeiten andeuten sollen. Zusammen mit dem Titel wirkt das merkwürdig schwammig und unentschlossen.

Kulturelles Erbe

Sex And The City ist also zurück (oder auch nicht, da weder Sex noch die Stadt sonderlich präsent sind), und ob man damit nun etwas anfangen kann oder nicht: In den vergangenen Monaten bekam diese Serie viel Aufmerksamkeit, wurde in etablierten Medien ebenso unter die Lupe genommen wie von Fans auf TikTok. Seit der Bekanntgabe im Januar 2021, dass es diese Neuauflage, über die immer mal wieder spekuliert worden war, in der Tat geben würde, und vor allem seit mehr und mehr Informationen über den Cast veröffentlicht wurden, kristallisierten sich insbesondere vier Fragen heraus: Wie würde die Serie mit dem Verlust ihrer beliebtesten Protagonistin umgehen? (Kim Cattrall hat mit Nachdruck deutlich gemacht, dass sie nicht nochmal in die Rolle von Samantha schlüpfen wird.) Wie würde das Leben von Frauen über 50 dargestellt werden? Welche Rolle würde Grey’s Anatomy-Star Sara Ramírez als non-binary Latinx Person in der Serie haben? Und wie würde Willie Garsons überraschender Tod während der Dreharbeiten eingebaut werden?

Dass Sex And The City (1998-2004) neu aufgelegt wurde, überrascht in der ganzen Welle der Reboots und Revivals, die wir derzeit erleben, wenig. Die Fanbase ist groß und treu, das Bedürfnis, Carrie, Miranda und Charlotte wiederzusehen vorhanden. Mit den beiden Kinofilmen (2008, 2010) gab es bereits zwei kommerziell erfolgreiche Fortsetzungen. Und eine Serie, die Frauen in ihren 50ern in den Fokus nimmt, ist an und für sich eine gute Idee. Schließlich sind Frauen, die die 40 überschritten haben, in Film und Fernsehen nach wie vor stark unterrepräsentiert. Außerdem hat Sex And The City nicht nur die Popkultur, sondern auch (zumindest auf die USA bezogen) die Gesellschaft beeinflusst, da die Serie Frauen zeigte, die selbstbewusst über ihr Sexleben sprachen; noch in den neunziger Jahren ein Novum. Ich war nicht die einzige, die die Hoffnung hatte, dass man sich dieses kulturellen Einflusses und Erbes bewusst wäre und dass man nach den vielen Jahren, die seit Ende der Serie (beziehungsweise seit dem letzten Film) vergangen waren, auch die Zeit hatte, ein gutes Produkt zu entwickeln. Diese Hoffnung wurde enttäuscht. Das Revival stand in mehrfacher Hinsicht unter keinem guten Stern.

Wenn die Fiktion die Realität beeinflusst, wenn die Realität die Fiktion beeinflusst

Das Finale der Serie sowie die beiden Filme verraten den eigentlichen Spirit von Sex And The City, laut dem die vier Freundinnen ihre Seelenverwandten sind und keine Männer brauchen – am Ende sind alle in festen Beziehungen. Und diese Beziehungen sind rund 15 Jahre später zum Start von And Just Like That… immer noch intakt. Das Ende der ersten Folge wartet dann aber mit einem Knaller auf: Big stirbt nach dem Training auf einem Hometrainer der Marke Peloton an einem Herzinfarkt. 

Bigs Tod in der ersten Folge und seine Beerdigung in der zweiten, am selben Abend ausgestrahlten Episode setzten eine Kettenreaktion in Gang, die zeigt, was für eine interessante Wechselbeziehung (Pop-)Kultur und Realität haben können. Die Firma Peloton, die Geld für die Produktplatzierung bezahlt hatte, wusste nicht, in was für einem Kontext ihr Gerät gezeigt werden würde: Doppelt bitteres Marketing für Peloton, denn erst wenige Monate zuvor war die Firma nach dem tödlichen Unfall eines Kindes und anderen Sicherheitsproblemen in die Negativschlagzeilen geraten. Nach außen hin nahm Peloton den Tod einer Serienfigur auf einem ihrer Produkte aber mit erstaunlicher Gelassenheit zur Kenntnis; es wurde ein Statement veröffentlicht, in dem auf Bigs Herzprobleme in der sechsten Staffel und seinen „extravaganten Lifestyle“, seine Vorliebe für „Cocktails, Zigarren und große Steaks“, verwiesen wurde. Nur wenige Tage später folgte ein gewitzter Werbeclip, in dem Big-Darsteller Chris Noth mit seiner Peloton-Trainerin aus And Just Like That… am Kamin sitzt, und in dem Ryan Reynolds das Voiceover für die Werbung liefert. Peloton nahm mit dieser Werbung eine Korrektur der Fiktion vor, um das Image des Unternehmens zu retten.

Wenige Tage später, am 16. Dezember 2021, veröffentlichte der Hollywood Reporter einen Artikel, laut dem zwei Frauen in den Jahren 2004 beziehungsweise 2015 von Chris Noth vergewaltigt wurden. Kurze Zeit später wurden weitere ähnliche Vorwürfe gegen den Schauspieler bekannt. Peloton zog die gerade erst veröffentlichte Werbung zurück und Big wurde in der Serie aus sämtlichen Flashbacks von Carrie gestrichen. Mehrere Tage später veröffentlichten Sarah Jessica Parker, Cynthia Nixon und Kristin Davis ein gemeinsames Statement in ihren Social-Media-Accounts: „Wir sind zutiefst betroffen über die Anschuldigungen gegen Chris Noth. Wir unterstützen die Frauen, die sich gemeldet und ihre schmerzlichen Erfahrungen mitgeteilt haben. Wir wissen, dass dies eine sehr schwierige Sache sein muss, und wir würdigen sie dafür.“

Für And Just Like That… war der Verlust also ein dreifacher: Samantha, die nur noch sporadisch in Kurznachrichten an Carrie auftauchte, Big, bei dem, wenn man es zynisch ausdrücken will, das Timing gerade so stimmte, dass alle Szenen entfernt werden konnten – und eben Carries bester Freund Stanford, da der Schauspieler Willie Garson am 21. September 2021 an Bauchspeicheldrüsenkrebs verstarb. Wie auch Samanthas Abwesenheit wird Stanfords plötzliches Verschwinden auf unbefriedigende Weise erklärt: Auf einem Post-it hinterlässt er Carrie die Notiz, dass er nach Tokio gezogen sei. In einem begleitenden Podcast zur Serie erklärte Executive Producer, Autor und Regisseur Michael Patrick King, dass man eigentlich einen richtigen Abschied von Stanford und Carrie vorgesehen hatte, doch zu dem Zeitpunkt war Garson schon nicht mehr in der Lage, diese Szene zu drehen. Und da das Team beschloss, Garsons echten Tod nicht für eine rührselige Storyline ausschlachten zu wollen, wurde er auf diese knappe Weise aus der Serie geschrieben.

Carrie, Charlotte und Miranda – und Samantha

Aber zurück zum Inhalt: Charlottes Storyline ist während der gesamten Staffel kaum existent. Neben ihrer Rolle als Mutter geht es um ihre Rolle als Ehefrau; ein richtiger eigener Handlungsbogen wird ihr aber nicht zugestanden. Bei Miranda ist dafür umso mehr los. Zu Beginn von And Just Like That ist sie zurück an der Uni, weil sie aufgrund ihres Entsetzens wegen des Muslim Travel Bans ihren alten Job als Anwältin aufgegeben hat und jetzt umschulen will, um sich sinnvolleren Aufgaben zu widmen. Miranda, die zu Zeiten von Sex And The City die progressivste der vier Frauen war, ist in diesem Revival wie verwandelt. Erst tritt sie, die in Brooklyn wohnt, bei ihrer Begegnung mit ihrer Schwarzen Dozentin Nya in jedes erdenkliche Fettnäpfchen, dann verhält sie sich ihr gegenüber wie ein klassischer White Savior. Es ist, als hätte man im Writers‘ Room (in dem sowohl Sex And The City- als auch neue Drehbuchautor*innen wirkten) komplett vergessen, wer Miranda überhaupt ist. Innerhalb kürzester Zeit freunden sich Miranda und Nya dann an, ohne dass je wirklich ersichtlich wird, warum überhaupt. Kurz darauf lernt sie zudem Che kennen, nicht-binäre*r Podcaster*in und Comedian, und verliebt sich in Che.

Und Samantha? Erleidet fast noch mehr Ungerechtigkeit. Ihre Abwesenheit wird damit begründet, dass Carrie sie als PR-Managerin gefeuert habe, woraufhin Samantha nach London gezogen ist und jeden Kontakt abgebrochen hat. Als würde Samantha das jemals tun. Im Verlauf der Staffel hat sie via Handy hin und wieder Kontakt mit Carrie, bis Carrie im Finale in Paris ist und sie fragt, ob sie sich treffen wollen. Samantha willigt ein. Ein Wiedersehen das – natürlich – nicht gezeigt wird und sich für uns Zuschauer*innen somit ziemlich unbefriedigend anfühlt

Während Miranda nicht wiederzuerkennen ist und Charlotte wenig nennenswerte Szenen hat, ist es ausgerechnet Carrie, aufgrund ihres egozentrischen Verhaltens die wohl unbeliebteste Protagonistin der Originalserie, diejenige, der mit And Just Like That… eine Art der Wiedergutmachung widerfährt. Carries Trauerprozess um ihre große Liebe ist teilweise zwar messy, doch genau deswegen auch realistisch. Dass sie nach der Testamentsverlesung Natasha auflauert, weil Big auch seine Ex-Frau bedacht hat, ist zwar neurotisch, aber sehr typisch für sie – und führt am Ende zur Aussprache, die beiden Frauen eine Art Abschluss ermöglicht. Auch Carries kurze emotionale Ausbrüche mehrere Monate nach dem Tod sind realistisch dargestellt. Und gleichzeitig gibt es zum Ende der Staffel Hoffnung auf eine potentielle neue Liebe, was uns ein Bild vermittelt, das in Filmen und Serien oft ausgespart ist: Für Frauen jenseits der 50 ist ein Neuanfang immer noch möglich

BPoC-Pendants

Der Mangel an diversen Figuren bei Sex And The City ist seit Jahrzehnten im Diskurs über die Serie ein Thema. And Just Like That… versucht, all das gutzumachen, was Sex And The City versäumt hat. Nicht nur wurden nicht-weiße Drehbuchautor*innen engagiert, auch die Welt von Carrie, Miranda und Charlotte wurde diversifiziert. Auf recht platte Weise allerdings: Jede der Figuren bekommt ein BPoC-Pendant zur Seite gestellt. Charlotte hat eine reiche Schwarze Freundin namens LTW (Nicole Ari Parker), Carrie freundet sich mit ihrer indischsstämmigen Maklerin Seema (Sarita Choudhury) an und Miranda bekommt mit Nya (Karen Pittman) eine Schwarze Dozentin, mit der sie sich nach einem holprigen Kennenlernen ebenfalls anfreundet. Noch dazu gibt es Che, ein*e non-binary Latinx Stand-up-Comedian, dargestellt von Sara Ramírez. Man hat sich also redlich bemüht.

Doch wie schon Sex And The City weiß auch And Just Like That… nicht mit seinen nicht-weißen Figuren umzugehen. Narrativ mutet es merkwürdig an, dass alle vier Neulinge erst in der ersten Episode oder zeitlich kurz davor die Protagonistinnen kennenlernen, und sich nicht wenigstens eine Person schon in den Jahren, Jahrzehnten davor mit Carrie, Charlotte oder Miranda angefreundet hat. Es ist verständlich, dass man im Writers‘ Room alles getan hat, um den Eindruck zu vermeiden, man wolle Samantha irgendwie ersetzen. So jedoch wirkt alles wenig organisch.

Wenig organisch sind dann auch die neuen Charaktere selbst, die auf eine merkwürdige Weise in die Handlung eingebaut wurden: Zunächst sieht man sie jeweils nur mit einer der drei Protagonistinnen zusammen, was Sinn macht, um sie langsam an die Zuschauer*innen heranzuführen. Dann werden sie aber teilweise über Folgen gar nicht gezeigt, um plötzlich unabhängige Storylines zu bekommen, die aber erstaunlich flach bleiben. 

LTW ist eine reiche, kunstinteressierte Mutter, die Charlotte so ähnelt, dass sie sogar „Black Charlotte“ genannt wird. Seema ist mit Mitte 50 noch auf der Suche nach „dem Richtigen“, während Nya und ihr Partner darüber diskutieren, ob sie es doch noch mit dem Kinderkriegen versuchen sollen. Die drei Schauspielerinnen, alle talentiert und charismatisch, bemühen sich, die Rollen mit Leben zu füllen, doch das seichte Drehbuch schränkt sie erkennbar ein, die Figuren bleiben eindimensional. Während Seema zweifelsfrei die beste neue Figur ist, witzige One-Liner hat und sich ihre Freundschaft mit Carrie glaubwürdig entwickelt, verschwindet LTW immer mehr im Hintergrund. Die Story rund um Nyas mögliche Unfruchtbarkeit hat Potential – doch leider lernt man die Figur zu schlecht kennen, um sich wirklich für sie zu interessieren, und die Kind-ja-oder-nein-Gespräche wiederholen sich sehr.

„I was cravin‘ me some Che”

Und dann wäre da noch Che. And Just Like That… bemüht sich in Sachen Diversität auch um mehr Queerness. Bei Charlottes Kind funktioniert das sogar sehr gut: Dass sich ihr Kind plötzlich Rock nennt und nicht mehr als Mädchen identifiziert, ist für Charlotte und Harry zunächst ein großer Brocken zu schlucken und entsprechend verhalten sie sich Rock gegenüber; diese Darstellung ist aber realistisch. Im Verlaufe der Episoden begleiten wir Harry und Charlotte auf ihrem Weg zur Akzeptanz, die im Finale darin mündet, dass sie für Rock eine They-Mitzwa schmeißen wollen (die Rock schließlich ablehnt mit der Begründung, they wolle sich auf keine einzige Identität festlegen, nicht mal auf die – und hier schnappen die Eltern hörbar nach Luft – auf die als New Yorker*in).

All das, was bei Rock richtig gemacht wurde, wurde bei Che versemmelt. Che ist ohne Frage die Figur des Revivals, die mit Abstand am stärksten diskutiert wurde. Die meisten Fans und Kritiker*innen sind sich einig: Sie mögen Che nicht. Che ist so unbeliebt, dass Michael Patrick King zu their Verteidigung sprang und Che in einem Interview kürzlich als „ehrlich, gefährlich, sexy, witzig und warm“ bezeichnete. Eins ist sicher: Witzig ist Che wirklich nicht. Die zahlreichen Stand-up-Shows, die wir ertragen müssen, sind nicht lustig, sondern nur cringe. Kein einziger Witz zündet; es geht ausschließlich um Sex und Gender (und das auf plumpe statt geistreiche oder facettenreiche Weise), als wäre they die Karikatur einer queeren Person.

Und Che wirkt genuin unsympathisch. Nun muss ein queerer Charakter natürlich nicht auf Beliebtheit angelegt sein. Zu Recht sagte Sara Ramírez in einem Interview: „Wir haben eine Figur geschaffen, die ein menschliches Wesen ist, unvollkommen, komplex, und nicht existiert, um gemocht zu werden oder Zustimmung von jemandem zu bekommen.“ Außerdem sind oft die Serienfiguren, die widersprüchlich sind, ob Anti-Held*innen oder eindeutige Bösewichte, die interessantesten. Dass Che unsympathisch ist, ist also nicht unbedingt das Problem. (Es sei trotzdem angemerkt, dass das extrem narzisstische und forsche Verhalten eher unangenehm als unterhaltsam wirkt.) Das Problem mit der Figur ist zweierlei: Zum einen wird Che auf Queerness reduziert. Man kann kaum mitzählen, wie oft Che die eigene Nicht-Binarität betont, als wäre das einzige, was nicht-binäre Menschen machen, allen zu erzählen, dass sie nicht-binär sind – ein klassisches queerfeindliches Stereotyp. Viel mehr über Ches Backstory erfahren wir nicht. Es handelt sich um eine erstaunlich eindimensionale Figur, obwohl sie so präsent ist in der Serie.

Das andere Problem ist Ches Verhältnis mit Miranda. Die Geschichte ist oft nicht stimmig. Es ist lobenswert, dass erzählt wird, dass auch Frauen jenseits der 50 noch ihre Queerness entdecken können, wie es bei Miranda der Fall ist. Mirandas wundersame Charakterwandlung macht hier aber ebenfalls keinen Halt. Sie himmelt Che auf eine Weise an, die überhaupt nicht zu ihrer Person passt. Das erste Mal Sex haben sie dann in einer Szene, als Che bei Carrie, die nach einer OP im Bett schläft, mit Tequila auftaucht, sich mit Miranda in Carries Küche betrinkt und sie fingert, während Carrie, die aufgewacht ist, weil sie aufs Klo muss, in eine Flasche pinkelt und alles mitbekommt.

Wirklich schlimm ist, wie Steve in diesem Handlungsstrang um Che und Miranda behandelt wird. Das Problem in ihrer Beziehung ist die Inkonsistenz, betrachtet man das gesamte SATC-Universe: Im ersten Film ist es Steve, der Miranda betrügt, das aber sofort beichtet und seinen Fehltritt wirklich bereut. Dennoch kann Miranda ihm nur schwer verzeihen. Und nun betrügt sie Steve nicht nur ein Mal, sondern monatelang. Als sie ihm schließlich sagt, dass sie die Scheidung möchte, hat sie nicht einen Moment der Trauer, des Schmerzes, obwohl sie diese Ehe nach mehrere Jahrzehnten beendet. Sie fühlt sich ohne Steve frei, als hätte sie einen unerträglichen Ballast abgeworfen – und nichts hat Steve weniger verdient.

Die Episode endet damit, dass Miranda ausgerechnet Che zu einer Comedyshow nach Cleveland hinterher reist, um Che ihre Liebe zu gestehen, obwohl Che ihr eindeutig gesagt hat, dass they ihr keine konventionelle Paarbeziehung bieten kann. Am Ende der Staffel scheinen sie dennoch in einer Art Beziehung zu sein, die Miranda so wichtig ist, dass sie ihren neu eingeschlagenen Karriereweg wieder aufgibt und mit Che nach Hollywood zieht. Keine Figur im Revival ist inkonsequenter und enttäuschender als Miranda.

Resümee

And Just Like That… fehlt, was Sex And The City ausgezeichnet hat: Carries Voiceover, durch das auch Handlungsstränge, die nichts direkt miteinander zu tun hatten, in eine gewisse Verbindung gebracht wurden. Das Revival verzichtet auf diese Erzählinstanz, abgesehen von einem Satz zum Schluss jeder Episode, der mit „And just like that…“ beginnt (wo es früher „I couldn’t help but wonder…“ war). Man wollte offensichtlich auch hier vom Original abrücken. Die Folge ist allerdings, dass sich manche Storylines recht lose anfühlen.

Zudem weiß die Serie nicht genau, was sie sein will. Sex And The City war eine Mischung aus Comedy, Drama und Rom-Com, die knapp 25 Minuten langen Folgen ein starkes Indiz dafür, dass die Serie eher in Richtung Comedy tendierte. Neben den schlechten Drehbüchern funktionierten die beiden Kinofilme aus einem ganz basalen Grund nicht: Sex And The City lebte davon, dass die vier Frauen immer wieder neue Dates hatten. Beide Filme konzentrieren sich aber nur auf die Beziehungen und Reibungen zwischen den Protagonistinnen und ihren Partnern, ohne neue Figuren in die Handlungen zu integrieren, was den eigentlichen Reiz der Serie ausmachte. And Just Like That… nun hat 40-minütige Episoden, also ein klassisches Drama-Format. Es hilft aber nicht: Was genau uns And Just Like That… überhaupt erzählen will, ist nach zehn Folgen immer noch offen.

Ob And Just Like That fortgesetzt wird, steht noch nicht endgültig fest, Presseberichten zufolge laufen die Gespräche aber schon. Verwunderlich wäre es nicht: Auch wenn diese erste Staffel bei Kritiker*innen wie Zuschauer*innen gleichermaßen nicht gut ankam, war sie überall Gesprächsthema. Dass Hate-Watching eben auch Einschaltquoten bringt und somit weitere Staffeln ermöglicht, hat nicht zuletzt die Serie Emily in Paris gezeigt, bei der Staffel drei und vier bestellt sind. And Just Like That hat also gute Chancen. Ist das Experiment And Just Like That ein totaler Flop? Ich würde sagen nein, weil es hie und da gute Szenen gab und weil die Storyline um Carries Trauer wirklich gut gearbeitet ist. Trotzdem bin ich persönlich wirklich erstaunt darüber, wie schlecht dieses Revival am Ende ist. Immerhin hat es mich dazu inspiriert, ein Re-Watch von Sex And The City zu machen. Denn trotz all der Fehler, die diese Serie hatte, ist sie immer noch sehenswert, witzig, spannend und teilweise herzerwärmend; war sie ein unglaublich wichtiger kultureller, ja revolutionärer Meilenstein.

Beitragsbild von Florian Wehde

Ein Davor, ein Danach – Die Pandemie in Fernsehserien

von Isabella Caldart

Für die Fiktion stellt die Pandemie eine klare Zäsur dar. Bisher war es möglich, das Jahr beziehungsweise die Epoche einer Serie, eines Films oder eines Romans eher vage zu halten und dadurch eine Form der Gegenwärtigkeit zu vermitteln. Fiktionale Werke, die größere gesellschaftliche Ereignisse oder Namen von etwa Politiker*innen nicht oder höchstens am Rande in ihre Handlung einbauten, hatten diese gewisse Zeitlosigkeit, bei der allein durch weniger relevante Faktoren wie Smartphone-Modelle oder Mode konkrete Jahre festzustellen waren. Ob (im US-Kontext) eine Serie nun 2010, 2015 oder 2019 spielte, machte keinen großen Unterschied. Es war immer ein diffuses „Jetzt“.

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Britney, Paris und Monica – das eigene Narrativ zurückerobern

von Isabella Caldart

Am 23. Juni 2021 war es endlich soweit – nach dreizehn Jahren äußerte sich Britney Spears zum ersten Mal zu der Vormundschaft, die ihr Vater zu dem Zeitpunkt noch innehatte. Bis sie die Möglichkeit bekam, vor Gericht auszusagen, mussten Aktivist*innen der #FreeBritney-Bewegung jahrelang auf ihre Situation aufmerksam machen und die „New York Times“-Doku „Framing Britney Spears“ (Februar 2021) erscheinen, die einem breiten Publikum erst die Schwere von Britneys Fall verdeutlichte. Es musste also sehr großen öffentlichen Druck geben. Am Ende ging alles ganz schnell: Am 12. November 2021 wurde die Vormundschaft beendet. Britney Spears ist frei – #FreedBritney, wie sie selbst schrieb.

Die Geschichte, wie Britney Spears ihre Autonomie verlor, ist mittlerweile bekannt. Sie lässt sich auf die misogyne Stimmung der nuller Jahre zurückführen, einer Zeit, zu der es en vogue war, auf Magazincovern über vermeintliche „Schönheitsmakel“ von Frauen zu lästern, Celebritys zu verfolgen und ihre potentiellen psychischen Probleme medial auszuschlachten. Britney ist bei weitem nicht die Einzige, die um die Jahrtausendwende durch den Dreck gezogen wurde: Paris Hilton, Monica Lewinsky, Mischa Barton, Amanda Bynes, Jessica Simpson, Nicole Richie, Lindsay Lohan… die Liste ist lang. Wie konnte es soweit kommen? Welche Rolle spielten dabei die Medien? Und wie schaffen es diese Frauen nach so vielen Jahren, gar Jahrzehnten endlich ihre eigene Geschichte zu erzählen, ihrer Version der Ereignisse Geltung zu verschaffen?

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Copaganda? – „Brooklyn Nine-Nine“ und die Darstellung von Polizeigewalt

von Isabella Caldart

Dieser Text enthält Spoiler für die finale Staffel von „Brooklyn Nine-Nine“

„Brooklyn Nine-Nine“ ist nicht nur eine witzige und populäre Sitcom, das fiktive 99. Revier gilt für viele Fans auch als Idealvorstellung, wie die echte Polizei sein sollte. Die Serie ist in vielerlei Hinsicht fortschrittlich: Der Cast ist sehr divers (Stephanie Beatriz und Melissa Fumero erwähnten in Interviews öfter ihre anfänglich große Überraschung darüber, dass zwei Latinas in Hauptrollen gecastet wurden), aber niemals stereotyp erzählt, die Witze werden nicht auf Kosten marginalisierter Gruppen gemacht, und obwohl es sich um eine Sitcom handelt, schreckt sie nicht davor zurück, auch ernste Themen zu behandeln.

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Heterowelten? Queere Repräsentation in frühen Teenie-Serien

von Isabella Caldart

Obwohl mit der kurzlebigen, aber noch immer beliebten Serien „Willkommen im Leben“ bereits im Jahr 1994 ein schwuler Protagonist im Hauptcast einer High-School-Serie war, hatten es queere Figuren nicht leicht in den Teenie-Serien der neunziger und nuller Jahre. Bei jenen, in denen homo-, bisexuelle oder angedeutet trans/non-binary Figuren eine Rolle spielten, zeigt sich bei kritischer Betrachtung in der Gegenwart, dass die Repräsentation zweischneidig ist: Einerseits wurden gesellschaftliche Tabus gebrochen und der Diskurs somit vorangetrieben, andererseits war die Darstellung der queeren Charaktere oft eindimensional, stereotyp oder gar queerfeindlich. Ein Rückblick, der zeigt, dass wir trotz vieler Backlashes gesellschaftlich doch einige Schritte nach vorne gemacht haben.

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Literarischer Stadtplan für New York City

von Isabella Caldart

Seit anderthalb Jahren gibt es ein Einreiseverbot für Europäer*innen in die USA, das noch immer nicht wieder aufgehoben wurde. Ein Glück, dass man sich mithilfe von Büchern sicher, günstig, schnell und umweltschonend an persönliche Traumziele weltweit lesen kann. Ein besonders beliebtes Traumziel ist für viele New York City; rund 65 Millionen Besucher*innen (darunter 13 Millionen aus dem Ausland) verzeichnete die Stadt in prä-pandemischen Jahren. Zugleich gehört New York auch zu den beliebtesten Schauplätzen von Romanen.

Wer an New-York-Bücher denkt, denkt zumeist an Romane wie Fegefeuer der Eitelkeiten, Manhattan Transfer oder Die New-York-Trilogie. Aber es gibt eine wesentlich größere Bandbreite an literarischen Texten, die New York als Setting haben. Auffällig dabei: Im East Village und in Harlem sind besonders viele Geschichten angesiedelt, und vor allem die siebziger Jahre, eine Zeit, in der New York dreckig und gefährlich war, werden als zeitlichen Rahmen gerne gewählt. Eine Auswahl.

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Das Ende des erzählenswerten Lebens – „King of Queens“ und die Kinder

von Isabella Caldart

Sitcoms, die keine Familie, sondern einen Freundeskreis im Zentrum der Handlung haben, tun sich schwer damit, das Thema Kinder logisch und unterhaltsam in den Handlungsbogen einzubauen. Sind die Schauspielerinnen tatsächlich schwanger, wird – mal mehr, mal weniger gelungen – versucht, die Schwangerschaft während des Drehs zu kaschieren, oder aber die Figur wird für einige Folgen aus der Serie geschrieben.

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Ein paradoxes Problem – Interview mit Elisa Diallo über fehlende Diversität in der Buchbranche

Ein Gespräch mit Elisa Diallo, geführt von Isabella Caldart

Die deutsche Buchbranche ist vor allem hinter den Kulissen vorrangig weiß (und bürgerlich). Auch wenn mehr und mehr Bücher erscheinen, die den Literaturbetrieb diverser machen, bilden die Bücher und Autor*innen, die von Verlagen eingekauft und veröffentlicht werden, diese Struktur mehr als deutlich ab. Damit Verlagsprogramme dauerhaft diverser werden, muss sich zunächst aber hinter den Kulissen einiges ändern. Elisa Diallo (Paris, *1976), zuständig für Rechte und Lizenzen im Schöffling Verlag und Autorin des Memoirs „Französisch verlernen. Mein Weg nach Deutschland“, hat einige Vorschläge, wie man das Problem fehlender Repräsentation in der hiesigen Verlagsbranche anpacken könnte. Das Wort „Diversität“ kann sie langsam nicht mehr hören. In Ermangelung einer Alternative verwenden wir es im Interview trotzdem.

Elisa, in deinem Buch Französisch verlernen thematisierst du unter anderem Rassismus in Deutschland und Frankreich. Um deinen Job in der Buchbranche geht es dabei nur am Rande. Du erzählst aber eine Anekdote: „Eine meiner Freundinnen ist Lektorin in den Niederlanden und auch schwarz. Wir witzeln oft, dass wir wohl die beiden einzigen Nicht-Weißen in der internationalen Verlagswelt sind. Auf den Buchmessen passiert es manchmal, dass uns die Kollegen verwechseln, die uns oder eine von uns beiden kennen.“ Zunächst ganz allgemein gefragt: Wie divers ist die hiesige Buchbranche?

Elisa Diallo, Mitarbeiterin im Schöffling-Verlag und Autorin, Fotografie: Herby Sachs

Die deutsche Buchbranche ist meiner Erfahrung nach extrem weiß. Fast noch störender als die fehlende Diversität wegen Hautfarbe und ethnischer Herkunft ist für mich aber die bezüglich sozialer Herkunft. Es wird eine bestimmte Ausbildung erwartet, um mit Texten zu arbeiten. Aber die Frage ist: Stimmt das wirklich? Braucht es dafür einen akademischen Titel? Auch der Vertrieb von Büchern, sprich die Buchhandlungen, könnte diverser werden. Dieser Bereich ist im Umbruch, aber noch überwiegend weiß und bürgerlich, und die meisten Buchhändler*innen sprechen nur eine bestimmte Zielgruppe an. In den letzten Jahren, so mein Gefühl, haben sich alle im schnellsten Tempo zum Thema „Diversität“ weitergebildet, alle reden von „BPoC“, aber bei mir weckt das Unbehagen. Schaut man die Herbstvorschauen durch, ist dieser „Trend“ auch schon wieder vorbei.

In den USA gibt es die Debatte schon länger, in Deutschland ist sie noch neu…

Solange „Diversität“ nur ein Werbeslogan bleibt, bin ich skeptisch. Wir brauchen auf jeden Fall Studien, handfeste Daten zu diesem Thema, sonst ist es immer nur gefühlt. „Gefühlt“ sind wir auf einem guten Weg, aber vielleicht auch nicht. Wir brauchen Daten über das Personal in der ganzen Branche, Verlage, Agenturen, Buchhandlungen … Und es geht auch um die Inhalte der Bücher. Wir hatten ein tolles Frühjahr mit Sharon Dodua Otoo, Mithu Sanyal oder Asal Dardan – viele verschiedene Stimmen. Aber alle haben über das Thema Rassismus geschrieben. Ich weiß nicht, ob es jemanden interessiert, sobald Schwarze Autor*innen über etwas anderes schreiben, während weiße Männer über alles schreiben können. Außerdem gelten Schwarze Erzählungen als Nische. Deutschland sieht sich immer noch als homogene weiße Gesellschaft, was extrem kontraproduktiv ist. Man geht von einer weißen, bürgerlichen Leserschaft aus, die man bedienen muss und glaubt, diese Leserschaft könne sich nicht mit Schwarzen Geschichten identifizieren. Es ist nur Platz für Geschichten mit aufklärerischer Funktion, man soll was lernen über Rassismus. Darüber hinaus besteht kein Interesse.

Du hast es eben schon angesprochen: In den USA gibt es Umfragen wie die Diversity Baseline Survey, in denen Mitarbeiter*innen von Verlagen und Redaktionen unter anderem ihre Race angeben können. Ist eine vergleichbare Umfrage auch für Deutschland wünschenswert, um zahlenbasiert weiterarbeiten zu können?

Ja, dann hätte man eine Bestandsaufnahme. Ähnlich wie bei #frauenzählen: Für mich waren diese Grafiken überraschend, fast kontra-intuitiv, weil ich gedacht hätte, dass Frauen sichtbarer sind in der Literaturwelt. Genau deswegen brauchen wir Zahlen. Sonst ist das am Ende nur ein Trend und geht nicht weiter. Die Frage der Repräsentation ist keine theoretische „Luxusfrage“, sondern ein Stück des Puzzles, wie wir friedlich und respektvoll in einer vielfältigen Gesellschaft zusammenleben wollen. Ich sehe das als ein Kontinuum – von der Abwesenheit sogenannter Minderheiten in der Literatur und generell in Medien zur Gewalt von Polizei und der Gleichgültigkeit der Gesellschaft. Das bewirkt etwas. Durch ZDF-Krimis bekommt man starke Empathie für Polizist*innen und deren Probleme.

Du hast im Vorfeld dieses Interviews gesagt, du möchtest dich zu dem Streit um die Übersetzung von Amanda Gormans Gedichtband The Hill We Climb äußern. Wie ist deine Haltung dazu?

Ich fand diese reflexartigen Reaktionen unglaublich. Alle Schwarzen Autor*innen aus Amerika, die in Europa übersetzt werden, werden von weißen Übersetzer*innen übersetzt. Es ging darum, sich einmal etwas anderes zu überlegen, weil die Autorin Aktivistin ist und in einer bestimmten Tradition schreibt. Seit drei Jahren redet man sich den Mund fusselig über Diversität. Das hat Janice Deul in ihrem Text [der Auslöser der Diskussion] über die Gorman-Übersetzung thematisiert – aber was daraus gemacht wurde, war eine emotionale, irrationale Empörung von wegen, „als weiße Person darf man gar nichts mehr“ und „dann darf man auch keine griechischen Klassiker übersetzen“.

Sharon Dodua Otoo schrieb über die Kontroverse um die niederländische und katalanische Übersetzung: „Bemerkenswert erscheint es mir an dieser Stelle, dass die Gefühle und Ansichten von Obiols und Rijneveld so viel Platz bekommen haben – dass ich allerdings auf Anhieb nichts über die Reaktionen Schwarzer Übersetzer*innen in Spanien oder den Niederlanden gefunden habe.“

Der niederländische Artikel war ein Kommentar über die Entscheidung, dass Marieke Lucas Rijneveld The Hill We Climb übersetzen sollte. Rijneveld hat sich dann von sich aus zurückgezogen, es gab kein Verbot durch eine Institution oder so. In Holland hat man viel Geld hingelegt, da war klar, dass man sich eine*n Superstar als Übersetzer*in ins Boot holt, und Rijneveld war durch den Gewinn des International Booker Prizes in den USA bereits bekannt. Worum es bei Amanda Gorman geht, wofür sie steht, hat niemanden interessiert oder niemand erkannt – weil Verlage das in der Regel nicht können, weil Verlage diese Sensibilität, die Expertise meistens nicht im Haus haben. Da musste erst eine Person von außen kommen, eine Schwarze Aktivistin, die fragte, ob erneut alles nach Schema F gemacht oder ob nicht die Chance genutzt werden sollte, um ein Zeichen zu setzen. Daran sieht man, wie fake die Diskussionen um Diversität sind.

Auf Deutsch wurde der Gedichtband am Ende von Uda Strätling, Hadija Haruna-Oelker und Kübra Gümüşay übersetzt, einer weißen Übersetzerin, einer Schwarzen Journalistin und einer bekannten Autorin mit türkischem Background. Was sagst du zu dieser Wahl?

Ich dachte zuerst, das ist interessant, warum nicht ein Experiment wagen? Aber ich frage mich auch, wie das zustande kam. Warum braucht man so ein Team? Konnte man bei Hoffmann und Campe keine Schwarze Übersetzerin finden? Die Branche funktioniert über persönliche Kontakte. Sobald wir konkrete Zahlen und Daten haben und feststellen, dass es ein Problem mit Repräsentation gibt, müssten wir dies Funktionsweise der Branche durchbrechen. Ich denke vielleicht ein bisschen radikal, aber so wäre man gezwungen, neue Wege für eine Zusammenarbeit zu finden, damit auch andere Leute mal zum Zug kommen.

Die Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse haben für einigen Unmut gesorgt, und auch bei anderen Preisen wird immer häufiger die Zusammensetzung der Jury kritisiert. Es gab einen offenen Brief mehrerer Autor*innen, Journalist*innen und Menschen aus dem universitären Bereich, der nicht nur die Beachtung von Schwarzen und Autor*innen of Color fordert, sondern auch die Strukturen des Literaturbetriebs kritisiert. Was waren dein erster Gedanke, als du von dem Brief erfahren hast?

Grundsätzlich finde ich es immer gut, wenn dieses Thema angesprochen wird. Ich hatte aber gemischte Gefühle dabei. Meine erste Reaktion zur Shortlist war auch Überraschung darüber, dass Adas Raum nicht nominiert wurde, weil ich das für eines der wichtigsten Bücher des Frühjahrs halte – auch ästhetisch! Wir wissen natürlich nicht, wie die Jury arbeitet. Ich habe übrigens gehört, dass in der Sitzung debattiert wurde über die rein weiße Shortlist, aber dass man diese Bücher am Ende halt am besten fand und die Liste durchaus als divers ansah, weil alte Schriftstellerinnen nominiert waren. Bei dem offenen Brief war meiner Meinung nach schade, dass die Leute, die unterschrieben haben, hauptsächlich amerikanische und britische Universitätsmitarbeiter*innen waren. Daher meine Skepsis. Man weiß, was das für Kritik aufruft – dass es sich um Identitätspolitik handelt, die aus der angelsächsischen Welt importiert wurde. Und die Reaktionen, die ich wahrgenommen habe, gingen auch alle in diese Richtung. Insgesamt freue ich mich über jeden Aufschrei, weil wir uns dringend in der Branche damit auseinandersetzen müssen, aber ich habe das Gefühl, das ist komplett ins Nichts gelaufen.

Sollte man denn auf den natürlichen Wandel, auf nachwachsende Generationen hoffen, oder bist du für proaktive Maßnahmen?

Ich bin generell für Quoten und proaktive Maßnahmen, sonst warten wir noch drei Generationen, und dafür habe ich keine Geduld. Wir brauchen in den Verlagen dringend Leute, die sich mit diesem Thema auskennen, damit das nicht nur ein punktueller Hype ist, sondern auf der Agenda bleibt. Ich traue den Verlagen zu, dass sie etwas erreichen, wenn sie es wirklich ernst meinen. Da, wo man feststellt, dass man ein Wissen nicht hat, muss man sich dieses Wissen reinholen, zum Beispiel durch Diversity Manager. Für eine Branche, die davon lebt, sich in andere hineinzuversetzen und neue Welten zu erträumen, sind wir alle unglaublich fantasielos. Auch inhaltlich sehe ich in Deutschland viel Luft nach oben: Wenn man durch die Vorschauen zur Unterhaltungsliteratur blättert, geht es bei den Krimis immer nach Skandinavien, die Frauenliteratur ist durch und durch weiß, und auch in der Fantasy hat man es als nicht-weiße*r Autor*in unglaublich schwer. Es wird immer erwartet, dass du nur über Rassismus schreibst. Ich muss leider wieder Amerika als Beispiel nehmen. Dort gibt es die literarische Gattung Afrofuturism, die Science-Fiction, alternative Welten und Vorstellungen von Afrika verbindet, mit Schwarzen als Protagonist*innen. Das hat dafür gesorgt, dass viele Schwarze Leute das Schreiben als Möglichkeit für sich sehen. Es ist in den USA ein anerkanntes literarisches Genre, das in Mainstream-Verlagen publiziert wird.

Die Forderung, gezielt (mehr) nicht-weiße Autor*innen zu nominieren, könnte aber darüber hinwegtäuschen, wie homogen die Buchbranche ist. Die New York Times etwa stellt in einer groß angelegten Recherche aus dem vergangenen Jahr fest: „Literary prizes may also make publishing appear more diverse than it actually is. Over the past decade, more than half of the 10 most recent books that were awarded the National Book Award for fiction were written by people of color […] Look at the books that appeared on The New York Times’s best-seller list for fiction, though, and a different picture emerges: Only 22 of the 220 books on the list this year were written by people of color.” Hältst du eine Quote für sinnvoll, weil sich dadurch rückwärts auch hinter den Kulissen etwas verändern kann, oder verschleiert das eher die Problematik?

Wahrscheinlich beides. Das ist das Problem: Es ist paradox. Durch Maßnahmen erreicht man was, aber man muss immer wieder messen um kontrollieren, was langfristig die Effekte sind. Das ist eine fortlaufende Arbeit. Das Problem ist wahrscheinlich, inwiefern Preise generell repräsentativ sind für den Markt und inwiefern sie den Markt auch steuern.

Es gab in den vergangenen Monaten zwei Verlagsgründungen, die für unser Thema interessant sind: Stolze Augen ist ein Verlag von BPoC für BPoC, der Akono Verlag konzentriert sich auf zeitgenössische afrikanische Literatur. Reicht das aus, um nachhaltig nicht-weiße Autor*innen zu publizieren?

Das ist auf jeden Fall gut. Den Vorteil haben wir in Deutschland dank der Preisbindung: Wir haben sehr viele kleine Verlage und unabhängige Buchhandlungen und können viel mehr Vielfalt am Leben halten. Eigentlich sollte man meinen, wir könnten im Vergleich zu Amerika oder England, wo es das nicht gibt, super mutig sein. Generell habe ich keine Angst vor Identitätspolitik, auch nicht im Kulturleben. Ich freue mich über jede mutige Gründung. Aber nachhaltig ist das nicht, denn den Markt in seiner Gesamtheit bestimmen immer mehr die Konzernverlage.

Der Akono Verlag wurde von einer weißen Person gegründet. Findest du es gut, wenn Weiße ihre Privilegien einsetzen, oder siehst du es als Problem, wenn ein auf afrikanische Stimmen ausgerichteter Verlag von einer Weißen geleitet wird?

Ich fürchte, ich finde das problematisch, auch wenn es schwierig ist, das zu begründen, weil ich dann sofort den Vorwurf des „umgekehrten Rassismus“ höre. Ich will nicht behaupten, dass Weiße zwangsweise keine Expertise haben, aber ich frage mich: Wo sind die Schwarzen Leute, die die Autorität haben, andere Schwarze zu verlegen? Aber klar, die Struktur ist, wie sie ist, die Macht liegt noch immer fast ausschließlich bei Weißen, und im Moment kann man nicht mehr verlangen, als dass sie ihre privilegierte Position nutzen und anderen Sichtbarkeit verschaffen.

In den USA wurden nach den Debatten und dem Black Lives Matter-Sommer gezielt Schwarze Lektor*innen und Verleger*innen eingestellt beziehungsweise befördert und neue Imprints gegründet, um nachhaltig nicht-weiße Stimmen zu fördern, während sich hier in Deutschland bisher so gut wie nichts getan hat. Was wünschst du dir für die Zukunft?

Um das Thema ernsthaft anzugehen, müssen, wie gesagt, als erstes Daten erhoben werden. Mit Rassismus sollten sich nicht nur die paar Schwarzen Menschen der Branche beschäftigten, sondern alle, das geht nämlich Weiße ebenso an. In Amerika wurden im vergangenen Jahr in oberen Etagen auch nicht-weißen Menschen wichtige Positionen zugetraut. Das kann man sich auch in Deutschland wünschen. Vielleicht passiert es auch schneller, als man denkt, wer weiß. Ich bin insgesamt skeptisch, was dieses Thema angeht, aber ich bin gleichzeitig überzeugt, dass es gar nicht so viel braucht, um etwas zu bewegen. Und eigentlich traue ich es der Branche zu, dass ich das noch erlebe, bevor ich in Rente gehe. Das Problem ist, dass es zwar nicht den Willen gibt, nichts zu verändern, aber auch nicht den Willen, etwas zu verändern. Und die Abwesenheit von Willen reicht schon aus, damit alles so bleibt, wie es ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

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