Autor: Daniel Staehr

Growling – Über einen Visionär des Death Metal

“Death metal has now become exclusively about being evil, Satanic and playing full speed ahead. It’s not what I’m into at all.”

Chuck Schuldiner

Meinen ersten Kontakt mit der Musik von Death hatte ich während meines ersten Besuchs des Wacken Open Airs 2007. Ich war 16 Jahre alt und fuhr relativ naiv auf das größte deutsche Metalfestival. An einem Abend, während ich mit Besucher*innen, die neben mir campten, Bier trank, fragte ich einen Typen, was das für eine Band auf seinem Shirt sei. Ich hatte dieses markante Logo, mit der Sense mitten im Bandnamen, schon oft auf dem Festivalgelände gesehen. Häufig getragen von Menschen, die, wie ich später lernte, noch Kinder waren, als Death 1998 ihr letztes Album The Sound of Perseverance veröffentlicht hatten. 

Von diesem Fremden habe ich eine erste Version der Geschichte der Band gehört, die den modernen Metal revolutionierte. In den folgenden Jahren habe ich immer wieder sporadisch in einzelne Songs Deaths reingehört. Ironischerweise war es lange die toxische Fankultur in Online-Foren, die mich abschreckte. Ein Umfeld, in dem jede Unwissenheit und Abweichung von der Gruppenmeinung mit Häme und Beleidigungen bestraft wird. Erst als Mitzwanziger, als ich mich verstärkt mit Musik auseinandergesetzt und mich ein Stück weit von dem toxischen Teil der Metalszene emanzipiert hatte, begann ich, auch Death intensiver zu hören. Nach und nach habe ich mir die Diskografie erschlossen.

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Kapital, Ideologie und Codes – Kritiken an der Wirtschaftsordnung der Gegenwart

von Daniel Stähr

Thomas Piketty: Kapital und Ideologie, C.H. Beck 2019.

Katharina Pistor: Der Code des Kapitals: Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft, Suhrkamp 2019.

Es gibt zwei elementare Herausforderungen, vor denen die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten stehen wird: die sich anbahnende Klimakatastrophe und die immer stärker wachsende globale ökonomische Ungleichheit. Anfang 2020 kam mit der Corona-Pandemie eine weitere Menschheitsaufgabe dazu, die zu radikalen Einschnitten im gesellschaftlichen Leben geführt hat. Die Pandemie wirkt wie eine Vorschau darauf, was uns im Kampf gegen die Klimakrise erwartet und wie wenig geeignet unsere aktuellen Systeme für diesen Kampf sind. 

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Geldgeschichten – GameStop und die Narrative Ökonomie

von Daniel Stähr

 

In den vergangenen Wochen hat die Aktie des Spielehändlers GameStop explosionsartig an Wert gewonnen. Hedgefonds wie Melvin Capital, die auf fallende Kurse gewettet hatten (sogenannte Shorts, bzw. das Shorten einer Aktie), wurden an den Rand des Ruins gebracht. Dahinter steht eine mehr oder weniger abgesprochene Aktion von Nutzer*innen des Reddit Unterforums WallStreetBets, deren Ziel es war, in GameStop zu investieren, um so den Preis der Aktie nach oben zu treiben. Seitdem beobachtet die gesamte Welt fasziniert, wie Reddit die Wall Street Giganten ins Wanken bringt. Die Hintergründe, wie genau Shorts funktionieren, und wieso die Verluste bei stark steigenden Kursen so hoch sind, wurden inzwischen umfassend erläutert (oder wie hier von Angela Göpfert).

Wie lassen sich solche Phänomene, die scheinbar unvereinbar sind mit der traditionellen Theorie der Wirtschaftswissenschaften, wissenschaftlich erklären? Eine mögliche Antwort darauf liefert der Ökonomie-Nobelpreisträger [1] Robert Shiller in Narrative Economics, ( dt. Narrative Wirtschaft, Plassen Verlag 2020, übers. v. Philipp Seedorf)[2]. Darin vertritt Shiller die These, dass reale Wirtschaftsabläufe durch virale Geschichten, also bestimmte sich schnell verbreitende Narrative, die innerhalb einer Gesellschaft zirkulieren, beeinflusst werden können.

Ein ökonomisches Narrativ in Shillers Sinne ist demnach eines, dass das Verhalten der Wirtschaftssubjekte (bspw. Unternehmen oder individuelle Haushalte) aktiv verändern kann. Was wir im Zuge der Reddit vs. Wallstreet Geschehnisse erlebt haben, kann als das Funktionieren eines solchen Narratives interpretiert werden. Viele der Nutzer*innen, die sich über das Subreddit WallStreetBets an der Rallye auf die GameStop-Aktie beteiligten, taten das wahrscheinlich nicht aus einem Kalkül der eigenen Gewinnmaximierung heraus, sondern waren von dem „we are the 99 percent“ Slogan beeinflusst.

Der Gedanke, Teil der großen, unterprivilegierten Masse zu sein (zumindest in ökonomischer Hinsicht im Vergleich zu den 1 Prozent der Reichsten, für die die Hedgefonds der Wallstreet stellvertretend stehen), war die Motivation für dieses am Ende gebündelte Vorgehen. Dass der Kauf der Aktien häufig über eine App Namens RobinHood abgewickelt wurde, half dem David gegen Goliath Narrativ zusätzlich. Denn Fakt ist auch, wer am Ende finanziell von dem Kurs-Boom am meisten profitiert, ist noch nicht genau abzusehen. Es ist nicht auszuschließen, dass auch große Anleger*innen profitieren, die rechtzeitig aufgesprungen sind. Schließlich ist auch der Investmentriese Blackrock einer der größten GameStop Anteilseigner und verdient, da die Aktie Teil einiger seiner Finanzprodukte ist, indirekt mit an dem Kursanstieg. Weiterlesen

Ökonomie der Ungleichheit – Neue Bücher über Wirtschaft und Gender

von Daniel Stähr

[CN Sexualisierte Gewalt, Misogynie]

Der globalen Wirtschaft gehen jedes Jahr 160 Billionen Dollar verloren, durch die ungleiche Bezahlung und den ungleichen Zugang zu wirtschaftlicher Partizipation der Geschlechter. Frauen besitzen weltweit nur 18,3 % des Landes. Frauen sind von der Erbschaft in vielen Teilen der Welt ausgeschlossen und selbst in den High-Income-Ländern Europas und Nordamerikas sind sie in den seltensten Fällen die Erben von Unternehmen.[1] Sowohl im globalen Finanz- als auch Güterhandel kontrollieren Männer 99% der Geschäfte, während Frauen weltweit jeden Tag in Summe ca. 12 Milliarden Stunden unbezahlte Carearbeit (Kinderbetreuung, Haushaltsarbeit, Pflege) verrichten. Es existiert kein Land auf der Welt, in dem Frauen im Schnitt dasselbe verdienen wie Männer.[2] Weiterlesen

Kanon-Wrestling bei den 44. Tagen der deutschsprachigen Literatur #tddlKanon

von Daniel Stähr

 

Vieles war anders, vieles war neu bei den 44. (digitalen) Tagen der deutschsprachigen Literatur, aber eine Sache hat sich auch 2020 nicht verändert: Auch dieses Jahr griff die Jury in der Diskussion auf einen impliziten „Bachmannpreis-Kanon“ zurück, der die vorgetragenen Texte in einen Bezugsrahmen setzt. Nachdem Berit Glanz im letzten Jahr angeregt  hatte, diesen Kanon festzuhalten und somit abzubilden, welche Werke, Künstler*innen, Schriftsteller*innen und generell kulturellen Erzeugnisse als Referenzen verwendet werden, haben wir auch beim diesjährigen Bachmannpreis auf Twitter unter #tddlkanon die Bezüge der Juror*innen gesammelt. Weiterlesen