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Kassiber aus den Nischen des Alltags – Über Sorgearbeit vs. künstlerische Arbeit

von Jasper Nicolaisen

 

„A room of one´s own“ – Ein Zimmer ganz für sich, so lautet eine alte, aber leider keineswegs überkommene Forderung feministischer Künstler*innen. Virginia Wolf brachte in ihrem Essay von 1929 die Notwendigkeit auf den Punkt, dass Frauen für ihre Arbeit als Künstlerinnen – hier: Autorinnen – eben auch die grundsätzlichen Bedingungen ungehinderter, ungestörter Betätigung brauchen, wie sie Männer damals wie heute für selbstverständlich nehmen. Dieses „eigene Zimmer“ steht natürlich auch stellvertretend für den „Freiraum“, den ein solcher physischer Rückzugsort erst ermöglicht. Muße, Stille, Sich-Versenken-Können, Eintauchen in den Flow, Gelegenheit zur Detailarbeit, zum Verbessern, Überarbeiten, eben Raum, Zeit und Gelegenheit etwas zu tun, das keinem unmittelbaren Zweck dient.

Ein solcher Platz, eine solche Tätigkeit gerät zwangsläufig in Konflikt mit den Erwartungen, die damals und allzu oft auch noch heute an Frauen gerichtet werden, nämlich die scheinbar zweckfreie Tätigkeit, die künstlerische Arbeit doch bitte abseits der täglichen Pflichten zu verrichten. Wenn alles erledigt ist, dann bitte gerne, schreibt, ihr Frauen, so viel ihr wollt, es kann ja auch was Schönes dabei rauskommen, und ein nettes Hobby hat noch keiner geschadet. Nur die Wohnung muss geputzt sein, der Einkauf gemacht, die Kinder versorgt und möglichst schon im Bett – und wenn eines aufwacht, dann bitte das Geschreibe unterbrechen, der Gatte muss sich ausruhen. Wer schon einmal hauptsächlich für die Sorgearbeit – so unser zeitgenössischer Begriff – verantwortlich war, weiß nur allzu gut: es hört nie auf, der Haushalt ist nie fertig und irgendein Kind wacht garantiert immer genau dann auf, wenn eine den Computer hochgefahren und die ersten Sätze getippt hat, wenn du denn vor lauter Müdigkeit überhaupt dazu kommst.

In meinem Fall zum Beispiel – und ich bin nicht mal eine Frau, sondern ein verpartnerter Mann, der zurzeit keiner Erwerbsarbeit nachgeht, sondern „nur“ einer freiberuflichen Tätigkeit, also noch relativ gut dran, im Vergleich mit den meisten Frauen zu Woolfs Zeit und auch heute noch – in meinem Fall tippe ich jetzt um kurz nach halb neun (abends) am Küchentisch, und mein Mann kommt rein und meckert, ich solle doch nicht immer seine Schlafhose waschen, die fehle ihm dann zur Nacht. Immerhin bringt er das größere Kind ins Bett. So kann ich schreiben, aber gleich, gegen neun, ruft jemand an, wegen meiner freiberuflichen Tätigkeit. Also tippe ich sehr schnell und achte erstmal wenig auf Schreibfehler. Meine Beiträge sind ohnehin immer legendär voll mit Schreibfehlern und Flüchtigkeitskommas. Ich habe oft keine Zeit, alles noch mal durchzulesen oder eine Nacht drüber zu schlafen.

Trotzdem schreibe ich – und nicht nur als Hobby. Für Geld, weil mir was wichtig ist, um mich auszudrücken, um an Diskussionen teilzunehmen, Zeitgenosse zu sein, um eine wichtige Seite meiner selbst zu erleben, aus Eitelkeit, for fun. Gut, dass das klappt.

Natürlich könnte ich viel mehr darum kämpfen, abends wirklich frei zu haben. Vielleicht sogar ganze Nachmittage. Tage! Wochenenden! Warum ich das nicht genug tue, also, das ist Stoff für eine Psychoanalyse oder wenigstens für einen viel längeren – ich traue mich gar nicht zu sagen – Essay, als ich ihn heute zwischen halb neun und neun schaffe. Kindheit, Konfliktverhalten, Selbstbild, man kennt es.

Natürlich könnte ich auch das, was mir im Leben am Wichtigsten ist, Schreiben, tatsächlich an erste Stelle stellen. Ich könnte mich scheiden lassen, die Kinder verlassen oder nur noch im Wechselmodell betreuen.

Tatsächlich liegt mir aber was an der Familie, auch wenn sie mich oft nervt. Das ist ja gerade die Falle, wie sie auch viele Frauen kennen. Die Sorgearbeit nervt, aber die Menschen, denen sie gilt, sind einem wichtig. Nicht immer sind diese Verhältnisse ausbeuterisch, voll Zwang, ein Gefängnis. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass mich die Familie auch als Autor weiterbringt. Sie verschafft mir Stoff, Stimmen, Dialoge, Figuren, die ich oft ziemlich eins zu eins weiterverwurste. Sie ist Hallraum, gibt mir Feedback, kritisiert und ermuntert mich. Sie gibt mir Sicherheit und schafft, bei aller Belastung, ein angstfreies Klima zum Schreiben. Was nützt mir alle Zeit der Welt, wenn ich von Ängsten und Neurosen geplagt am Schreibtisch sitze?

Ich kenne zu viele Kolleg:innen, die außer Schreiben nichts haben. Und die meisten Autor:innen rücken ja niemals in die finanziell und statusmäßig gut versorgten Ränge vor. Sie hangeln sich von Buch zu Buch, von Kleinverlag zu Kleinverlag, müssen immer wieder um Aufträge, Chancen und Wahrnehmung kämpfen. Das zehrt, wenn man irgendwann begreift, dass der Durchbruch nicht mehr kommt, dass man ewig ein:e Autor:in des Mittelfeldes bleiben wird. Wenn dann an das eigene Zimmer kein anderes anschließt, wird es schnell einsam, krank, von Süchten und Ängsten geplagt.

Manchmal habe ich sogar den Eindruck, die Familie, das Hickhack um die Sorgearbeit macht mich als Autor besser. Erstens habe ich weniger Ausreden. Ich kann es mir nicht leisten, auf Inspiration zu warten. Wenn Zeit ist, wird geschrieben. Ich schreibe prinzipiell anders als jemand, der alle Zeit der Welt zu haben glaubt. Ich blicke nicht zurück. Ich verliere mich nicht in Revisionen. Ich weiß: Texte entstehen in einer gegebenen Zeit. Sie müssen nicht perfekt sein, weil ich es mir nicht leisten kann, perfekte Texte abzuliefern. Sie dienen ihrem Zweck und fassen eine Kette von Gedanken, Gefühlen, Bildern so gut, wie ich es hier und heute abend (mir bleiben noch zehn Minuten bis neun) vermag. Wenn es nicht hinhaut, muss es der nächste Text richten. Ich erkenne auch immer wieder: weder die Leute, die mich drucken, noch die Leser:innen erwarten perfekte Texte. Gute Texte, engagierte Texte, Texte, die überhaupt da sind und fertig geworden sind, das ist mehr als genug.

So lange, bis die Zeit um ist, schreibe ich also. Zweitens muss ich mich immer wieder aufs Neue entscheiden, wie wichtig ich mich nehme, welche Rolle das Schreiben in meinem Leben einnehmen soll. Ich muss sagen: jetzt nicht. Heute Abend setze ich mich hin. Lasst mich in Ruhe. Das macht manchmal Verhandlungen nötig. Ohne Witz, ich kann bessere Figuren schreiben und ihre Konflikte schildern, weil es auch in meinem Leben nicht nur um mich geht.

Die Forderung nach dem eigenen Raum bleibt bestehen. Nicht nur, weil es vielen, vielen Frauen noch viel schwerer gemacht wird als mehr – von den vielen Vorteilen, die ich genieße, war hier noch kaum die Rede, angefangen von der warmen Küche und dem selbstverständlich funktionierenden Laptop (es wäre sonst auch noch ein zweiter und ein Handy da), bis zum nicht betrunkenen und gewalttätigen Ehemann. Auch für alle, die es so verhältnismäßig gut haben, wie ich, aus Solidarität und weil es ohne ein bisschen Ruhe eben doch nicht geht. Ich möchte (von 20:53 Uhr bis 21:01 Uhr) aber noch anmerken, dass ich die ergänzende Forderung nach der Möglichkeit, trotzdem und gleichzeitig in Beziehung zu sein, für ebenso wichtig halte.

Das Schreiben in absoluter Ruhe und Freiheit, die völlige Autonomie, das strahlende, eisige Genietum, das nur abseits der Welt gedeihen kann, ist auch ein fürchterliches Männerding. Allzu schnell wird daraus die Ausrede: ich kann jetzt nicht schreiben, ihr lasst mich ja nicht in Ruhe, ich kann mein großes Werk nicht vollenden, wenn ich mich allzu sehr auf dich einlasse, verstehe bitte, dass ich dich nicht unterstützen kann, ich bin ein wichtiger Künstler. Alles steckt darin, wenn der eigene Raum auf patriarchale Typen trifft, die maßlose Selbstüberschätzung der eigenen Kunst, die beschissene Ausrede für jedes schlechte Benehmen, weil man sich´s als Genie schuldig ist, und die ins ewige verlängerte Kindheit mit den Jungs beim Saufen und Frauenbelästigen, weil so eben das echte Künstlerleben ausschaut und man ja Inspiration braucht.

Autor:innen, die das eigene Werk etwas tiefer hängen (ohne es aufzugeben), die in Beziehung(en) sind – das muss keine klassische Familie sein, nicht hetero- oder homosexuell –, die gestresst und in Beschlag genommen sind, schreiben formal und inhaltlich anders, und ich behaupte: vielleicht nicht im absoluten Sinn besser, aber doch anders, als wir es so sattsam von den genialen Männern kennen, die außer der Großkunst nichts gebacken gekriegt haben.

Ich war gezwungen – von mir selbst gezwungen – einen kleinen Roman auf dem Handy zu schreiben, während mein zweites Kind im Tragebeutel vor meiner Brust hing, sonst war keine Zeit da. Dieses Buch ist notgedrungen kürzer, gedrängter, fetzenhafter, sicherlich unperfekter nach manchen Maßstäben, weniger geschliffen, mit weniger ausgefeilten inneren Bezügen versehen, als welche, die ich unter anderen Bedingungen geschrieben habe.

Punkt Neun. Schnell jetzt.

Aber es ist auch lebendiger, es geht neue Wege, es überrascht mich. Es ist vor allem inhaltlich und formal Ausdruck seiner Entstehungsbedingungen. So, wie wir erst heute lernen, Briefe, Tagebücher, Notizen und andere Literaturformen von Frauen neben die als  „groß“ angesehenen Romane und Stücke von Männern zu stellen, gerade weil sie nicht so sind und den dort implizit aufgestellten Ansprüchen, neun Uhr zwo, nicht genügen, uns andere Einblicke, andere Welten, okay, das Telefon klingelt, ihr wisst, was ich meine, es muss beides sein. Vielleicht sprechen solche Bücher mehr zu Leuten, die unter ähnlichen Bedingungen leben.

P.S. am nächsten Tag, kleineres Kind schläft, größeres ist in der Schule, Elterntermin aber mal wieder verpasst, peinlich: Ich sehe die Nachteile eigentlich wieder mehr. Vor allem mein Selbstbild: das Schreiben in den Nischen des Alltags lässt mich das eigene, na ja, Werk seltsam gering schätzen, ich erzähle oft nicht davon und stapele eigentlich immer sehr tief. Mir fällt es schwer, mich als „Autor“ zu bezeichnen und ich lade ungern alle meine Online-Kontakte zur Winzlesung in der Kirche von Sackdoden oder so ein als wär´s die Nobelpreisverleihung. Twitter-Diskussionen über „Autorendinge“ scrolle ich schnell weiter: ich habe da nichts verloren, ich „revise“ nicht und habe keine „beats“ und wo soll ich bitte die „draft readers“ hernehmen, die mir sagen, wie die dritte und vierte Manuskriptfassung aussehen soll, also ehrlich.

 

Photo by Ryan Wallace

When The Party’s Over – Warhols Kinder und das Ende von Manhattans Nachtleben

von Isabella Caldart

New York: Stadt der Tristesse? Erst vor einigen Tagen konnte man in der ZEIT lesen, die Corona-Pandemie habe New York in die achtziger Jahre zurückversetzt. Aus der „glitzernden Weltmetropole” sei wieder eine „eine entleerte, unterkühlte, vermüllte, gefährliche Kulisse” geworden. Aber was heißt das? Wie war New York in den Achtzigern? Eine Ahnung von dieser ambivalenten Stadt liefert die Geschichte der Club Kids, die damals das Manhattaner Nachtleben revolutionierten – bis Mitte der neunziger Jahre ein Mord die Szene beendete. Wie konnte es so weit kommen? Eine Geschichte von Drag, Drogen und Drano. In den Nebenrollen: Siri Hustvedt, RuPaul und Rudy Giuliani.

Tale of a Young Man

In den Achtzigern ist Manhattan weltweit als Brutstätte der Kriminalität verschrien. Das bankrotte New York hat sich nicht von dem großen Blackout im Jahr 1977 erholt, bei dem die gesamte Stadt lahmgelegt wurde, was nicht nur zu Plünderungen und Vandalismus führte, sondern auch dazu, dass viele Eigentümer ihre Häuser niederbrannten, um Geld von der Versicherung zu kassieren. Einige Viertel liegen auch Jahre später noch teilweise in Schutt und Asche, die Verbrechensrate ist hoch (1990 sollte mit 2.245 Morden der Höhepunkt erreicht sein), der Drogenkonsum ebenso. In Manhattan gelten vor allem der Time Square und das East Village als No-Go-Areas.

Downtown lebt

Doch gerade das East Village ist Magnet für Artists und Outsider. Mitten in das Chaos und den Dreck dieser Straßen zieht im Spätsommer 1984 ein hochgewachsener, schlanker 18-Jähriger mit straßenköterblondem Haar. Wie so viele andere, die aus Ohio, Iowa oder Wyoming nach New York kommen, so ist auch er als schwuler Junge seiner Heimatstadt South Bend, Indiana, entflohen, um in der Hauptstadt der Misfits endlich dazuzugehören. Michael Alig, so sein Name, hat aber mehr als nur dieses Ziel: Er will König des Nachtlebens von Manhattan werden.

Downtown Manhattan wird zu der Zeit bevölkert von Künstler*innen wie Jean-Michel Basquiat, Keith Haring, Andy Warhol oder Madonna. Die großen Zeiten der Factory und des Studio 54 aber sind vorbei. Als Warhol im Februar 1987 stirbt, beschreit der bekannte Underground-Journalist Michael Musto in der Village Voice den „Death of Downtown“. Michael Alig aber, der sich inzwischen einen Namen gemacht hat, nutzt die entstandene Lücke aus; und mit ihm zusammen andere, oft minderjährige Partygänger*innen (1984 war das Mindestalter für Alkoholkonsum auf 21 Jahre festgelegt worden), die sich unter anderem Jenny Talia, Richie Rich, DJ Keoki, Freeze oder Gitsie nannten, außerdem RuPaul, James St. James, Amanda Lepore und Walt Cassidy – die sogenannten Club Kids.

Bei dem Stoff, den die Club Kids hergeben – queere Subkultur, New Yorker Nachtleben, Hedonismus und Exzess – wundert es wenig, dass nicht nur bis heute zahlreiche Artikel und Dokumentationen über diese Szene veröffentlicht werden, sondern dass sie auch literarisch verarbeitet wurde. Jarett Kobek beispielsweise lässt seinen Protagonisten Baby in dem kaum beachteten Roman Unsere wunderbar kurze Zukunft (2018), das Prequel zu dem sehr erfolgreichen Ich hasse dieses Internet (2016), mehrfach auf Michael Alig treffen; Baby empfindet Abneigung für ihn, kann sich einer gewissen Faszination aber nicht erwehren. Er wird zum teilnehmenden Beobachter des Nachtlebens: „[Andy Warhols] Tod hinterließ ein Vakuum, und dann kam dieses bösartige Geschöpf Michael Alig, das verzweifelt und sabbernd zu Licht und Glamour drängte.“

Queere Szene

Aus dem Jahr 2020 betrachtet, könnte man die Club Kids als Influencer*innen oder It-People bezeichnen, die berühmt sind, weil sie berühmt sind. Sie fallen primär durch ihre extravaganten, genderfluiden, aber auch ironischen Outfits auf – ein Look, der sich irgendwo zwischen Culture Club, Slipknot und Ronald McDonald befindet und der 20 Jahre später von Lady Gaga perfektioniert wird. James St. James, eins der bekanntesten Club Kids und ein Freund von Michael Alig, veröffentlichte 1999 sein Memoir Disco Bloodbath, das einige Jahre später unter dem Titel Party Monster mit Macaulay Culkin als Michael Alig, Seth Green als James St. James und Chloë Sevigny (selbst Club Kid späterer Generation) und Marilyn Manson in den Nebenrollen verfilmt wurde. „Yes, the looks were pretty lame in the beginning – just cheap homemade costumes”, beschreibt James St. James die Evolution des Stils – mit merkwürdiger Distanz, war er doch selbst Teil der Szene.

Their sense of style got better as the years went on, but you could always spot a club kid in the wild if there was something glued to his or her face: sequins? feathers? lug-nuts? a Virginia ham? Yup. That’s a club kid.

Während sich zeitgleich Uptown in Harlem die Ballroom-Szene von queeren Schwarzen als emanzipatorische Bewegung – mit nicht minder flamboyanten, dafür aber glamourösen statt witzigen Styles – entwickelt, fehlt den weißen Club Kids das politische Element. Allerdings: In einer Zeit, in der die Angst vor HIV auf dem Höhepunkt ist und von der cishet Gesellschaft nach wie vor als „Schwulenkrankheit“ angesehen wird, bringen die Club Kids Drag und offen gelebte, oft auch performative Homo- und Bisexualität in die Clubs Manhattans und später über zahlreiche Talkshowauftritte in die Wohnzimmer des ganzen Landes.

Innerhalb weniger Jahre erreicht der charismatische Michael Alig (dessen Mutter Elke übrigens aus Bremerhaven stammt) sein Ziel. Er und seine Club Kids repräsentieren Underground und Subkultur, sind aber trotzdem im Mainstream angekommen. Ob in den legendären Clubs Tunnel, Club USA oder dem Palladium, überall wird nach seiner Anwesenheit verlangt, später soll er dem schlecht laufenden Limelight mit einer Partyreihe neues Leben einhauchen. Nichts ist ihm zu wild, zu abgefahren, um zu schockieren. Aber auch fern der Discotheken beweist Michael Alig, dass er die Massen anzieht. In Zeiten vor Handys und dem Internet gelingt es ihm regelmäßig, flashmobartige Partys zu veranstalten und innerhalb von ein, zwei Stunden Hunderte Feiernde zu mobilisieren, mit denen er Subway-Wägen oder etwa den McDonald‘s am Times Square stürmt. Diese Momente sind oft gut dokumentiert. Jarett Kobek beschreibt sie in seinem Roman mit Sarkasmus:

Michael Alig kam mit Kartons voller Essen die Treppe herauf. Alle kreischten. Michael! Michael! Michael! Er stieg auf den Tisch einer Nische und warf der Menge das Essen zu, wie ein Antichrist, der vergiftete Brotlaibe verteilte. Die Leute schubsten und warfen sich übereinander, um nur ja Cheeseburger und Big Macs und Pommes in die Hände zu bekommen.

Von Ende der Achtziger bis Mitte der Neunziger hält diese Ära an, zeigt aber in den letzten Jahren starke Verfallserscheinungen – bevor sie im März 1996 abrupt endet. Insbesondere Michael Alig, der von vielen seiner Zeitgenoss*innen als hoch narzisstisch sowie als Soziopath beschrieben wird, rutscht immer tiefer in die Drogenabhängigkeit ab.

Michael, der Mörder

Was genau am 17. März 1996 passiert, widerspricht sich in den Details. Grob ist der Verlauf aber bekannt. Der 24-jährige Andre „Angel“ Melendez, einer von Michael Aligs Dealern, besucht ihn in seiner Wohnung in Hell’s Kitchen, weil Michael ihm Geld schuldet. Während eines Streits zwischen den beiden kommt es zum Handgemenge. Robert Riggs, genannt Freeze, eilt seinem Freund Michael zur Hilfe und schlägt Angel dreimal mit einem Hammer auf den Kopf. Mutmaßlich stecken sie Angel dann ein Sweatshirt in den Mund und verfrachten ihn in die Badewanne. Ob Angel Melendez zu diesem Zeitpunkt noch lebt oder nicht, ist ungeklärt. Ebenso die Frage, ob Michael und Riggs dem bewusstlosen Angel Drano, einen Abflussreiniger, in den Mund kippen, oder ob sie die Verwesung der Leiche mit Eiswürfeln und Drano bremsen oder den Geruch überdecken wollten.

Fest steht: Michael Alig und Riggs stehlen Drogen, Geld und Klamotten von Angel, lassen den Körper in der Badewanne zurück und gehen feiern. Rund eine Woche lang liegt die Leiche unentdeckt im Badezimmer, während Riggs und Alig in den anderen Räumen ihres Apartments sogar noch eine Party schmeißen. Als der Gestank zu stark wird, kauft Riggs ein großes Küchenmesser bei Macy’s, mit dem Alig die Arme und Beine von Angel absägt. Die Körperteile versenken sie im Hudson River.

In den nächsten Monaten wird Michael Alig zahlreichen Personen erzählen, er habe Angel ermordet. Die einen glauben ihm nicht, halten das für einen makaberen Scherz oder PR-Gag, die anderen haben Angst, bei Michael in Missgunst zu fallen und aus dem erlesenen Kreis der Club Kids verstoßen zu werden. Es ist ein offenes Geheimnis in Downtown, das Michael Alig Angel umgebracht hat. Den meisten ist klar, was das bedeutet: Michaels unaufhaltsame Abwärtsspirale hat ihr Ende erreicht – und mit ihm die gesamte Szene, sobald dieser Mord ans Licht kommt. James St. James hält in seinem Memoir fest: „Michael had finally gone too far […] he destroyed […] everything he had worked so hard to create.” Dass ein Mensch ermordet wurde, spielt für ihn wie für viele andere, die nach Angels Tod wenig freundliche Worte für ihn finden, kaum eine Rolle. Die Polizei unterdessen interessiert sich ebenfalls nicht für Angel Melendez‘ Verschwinden. Latino, schwul, Dealer? Keine Priorität für Ermittlungen der NYPD. Erst als Michael Musto Gerüchte in der Village Voice veröffentlicht und Angels Torso in Staten Island angespült wird, hat der Mord Konsequenzen für Alig, der im Dezember 1996 schließlich festgenommen wird.

Was bei den Aussagen von Zeug*innen und den Beschreibungen dieser Szenen in fast allen Artikeln, Büchern und Dokus fehlt oder höchstens am Rande erwähnt wird: Am Tatort, an dem Robert „Freeze“ Riggs und Michael Alig Angel Melendez ermorden, ist noch eine weitere Person anwesend – der Sohn von Paul Auster.

Die vierte Person am Tatort

On a Sunday in March of 1996 I was at home in my bedroom with a friend”, zitiert James St. James in Disco Bloodbath das Geständnis von Riggs und fügt in Klammern hinzu: „This is Freeze’s only mention of Daniel.” Daniel ist Paul Austers Sohn aus erster Ehe mit der Schriftstellerin Lydia Davis, mit der er von 1974 bis 1977 verheiratet war. Noch heute äußern sich weder Paul Auster noch seine zweite Ehefrau Siri Hustvedt oder deren Tochter Sophie Auster öffentlich über Daniel. Es gibt auch nur wenige Artikel, die ihn in Verbindung mit dem Mord an Angel bringen. Jarett Kobek fasst dies in Unsere wunderbar kurze Zukunft trocken zusammen:

Paul Austers Sohn wird sich schuldig bekennen, 3000 Dollar von Angels Geld gestohlen zu haben. Morganthau wird Paul Austers Sohn nicht in den Zeugenstand rufen, um gegen Michael Alig oder Freeze auszusagen, weil er Junkies für unzuverlässige Zeugen hält. 2003 wird Siri Hustvedt, die Stiefmutter von Paul Austers Sohn, einen unverblümt autobiographischen Roman mit dem Titel Was ich liebte schreiben, der Angels Mord streift. Hustvedt fiktionales Gegenstück wird spekulieren, dass das fiktionale Gegenstück von Paul Austers Sohn über den Mord nie die Wahrheit gesagt hat. Vier Männer befinden sich am 16. [sic] März in Michael Aligs Wohnung. Dem ärmsten von ihnen wird dreimal mit einem Hammer auf den Schädel geschlagen. Derjenige mit den besten Beziehungen bekommt fünf Jahre auf Bewährung. So funktioniert die Welt.

In Zeitungsartikeln muss man gezielt nach Daniel Auster suchen, um mehr über dessen Anwesenheit am Tatort zu erfahren. Siri Hustvedt unterdessen – bei der kein Geheimnis ist, dass ihre wie auch Paul Austers Bücher stark autobiografisch geprägt sind – beschäftigt sich in dem erwähnten Roman Was ich liebte (2003), ihrem bis heute bekanntesten Werk, mit Michael Alig, in ihrer fiktionalisierten Version Teddy Giles genannt. Der Roman erzählt über mehrere Jahrzehnte hinweg das Leben zweier avantgardistischer Paare, die jeweils einen Sohn haben, von denen sich einer der beiden, Mark, mit dem Performance-Künstler Teddy Giles einlässt, und immer wieder seine Eltern und Zieheltern belügt, bestiehlt und hintergeht. Marks Stiefmutter Violet, Hustvedts Alter Ego (wie die Schriftstellerin selbst stammt Violet aus Minnesota und hat norwegische Vorfahren) sagt an einer Stelle über den unberechenbaren Mark: „Ich habe Angst vor ihm.“ Ihre Gefühle zu Mark sind auch eine Schlüsselszene des Romans, in der der Titel erwähnt wird:

Ich bin selbstsüchtig, Leo, und ich habe etwas Kaltes und Hartes in mir. Ich bin voller Hass. Ich hasse Mark. Dabei habe ich ihn geliebt. Natürlich nicht von Anfang an, aber ich habe langsam gelernt, ihn zu lieben und später dann zu hassen, und ich frage mich, ob ich ihn auch hassen würde, wenn ich ihn geboren hätte, wenn er mein eigener Sohn wäre? Aber die wirklich schreckliche Frage ist: Was war es, was ich liebte?

Während Siri Hustvedts Figuren mit Marks Verhalten zu kämpfen haben, dem sie unterschiedlich begegnen, ist Teddy Giles eindeutig als gefühllos, narzisstisch und undurchschaubar dargestellt. Im Verlaufe des Romans wird deutlich, dass er einen Jungen ermordet, seine Leiche zerstückelt und im Fluss versenkt hat – genau wie Michael Alig. Die Frage, inwieweit die Figur Mark in diesen Mord involviert war, bleibt in der Fiktion des Romans ebenso offen wie die Frage, was genau Daniel Auster in der Realität am Tatort gemacht hat.

Auch wenn Hustvedt zu ihrem Stiefsohn schweigt, so sagte sie mit Blick auf ihr Gesamtwerk in einem Interview mit dem Guardian im Jahr 2010 einen bemerkenswerten Satz: „The only monster I’ve ever really made is Teddy Giles.“

Das Ende der Party

„And now: the party was over.” Kein Satz in James St. James‘ überdrehtem, teils selbstironischen, teils sehr kokettierenden Memoir hat mehr Wahrheitsgehalt. Die Party ist vorbei. Gut zwei Jahre vor dem Mord, im Januar 1994, wird der Republikaner Rudy Giuliani, heute einer von Trumps größten Unterstützern, Bürgermeister von New York City. Der Kriminalität begegnet er mit Law-and-Order-Politik, außerdem forciert er mit seiner „Quality of Life Campaign“ eine künstliche Gentrifizierung, indem er unter anderem die Stadt von Graffiti reinigen und viele Straßenstände sowie windschiefe Kiosks verbieten lässt, die sogenannte Disneyfizierung des Times Square vorantreibt und auch sonst alles tut, um New York das Gesicht zu verpassen, das es heute hat: das einer “glitzernden Weltmetropole”.

Das New Yorker Nachtleben ist dem neoliberalen Saubermann Giuliani schon lange ein Dorn im Auge – und der Mord an Angel Melendez der gefundene Grund, um endlich reinen Tisch zu machen. Giuliani lässt zahlreiche Razzien durchführen, bis ein Club nach dem anderen schließt. Die Zeit des subkulturellen Hedonismus ist vorbei, die der Lounges mit überteuerten Getränken angebrochen. Wie Underground-Journalist und Club-Kids-Chronist Michael Musto dies – an seinen Frenemy Michael Alig adressiert – ausdrückt:

You not only killed Angel, you basically murdered nightlife because, as Mayor Giuliani kept looking for ways to crack down on clubs so they became safe for tourists and community boards, you gave him every reason to put further restraints and make going out an exercise in constantly looking back to see who’s watching your every move. In fact, you made it very uncool to go out at all, especially dressed with any flamboyance, because the association was with a hateful, grisly act of violence that was substance-fueled and totally demented. It was years until people were able to dress up and laugh again, and if you find the nightlife still a little too restrained when you reenter it, you mainly have yourself to blame! (Übersetzung unten)

Die Szene der Club Kids hat einige bekannte Gesichter hervorgebracht, vor allem RuPaul (den James St. James in seinem Buch noch als „Mauerblümchen“ bezeichnet) und Chloë Sevigny haben es geschafft, aber auch Künstler Walt „WaltPaper“ Cassidy, der erst vergangenes Jahr das Buch New York: Club Kids veröffentlichte, Drag-Diva Amanda Lepore und natürlich James St. James selbst, der heute manchmal bei RuPaul’s Drag Race zu sehen ist, haben aus ihrer damaligen Bekanntheit langfristigen Gewinn gezogen. Robert „Freeze“ Riggs kam 2010 aus dem Gefängnis und holte ein Soziologiestudium an der NYU nach.

Und Michael? Michael Alig wurde 2014 nach 17 Jahren Haft ebenfalls entlassen. In den Wochen und Monaten danach gab er viele Interviews (und noch immer hat er eine kleine Fanbase, darunter viele junge Menschen, die zu Club-Kids-Zeiten teils nicht einmal geboren waren), promotete ein paar Partys und nahm mit Ex-Freund und Ex-Club-Kid DJ Keoki ein furchtbares Lied auf. Seitdem ist es recht ruhig geworden um ihn. Hin und wieder, wenn er offensichtlich Geldmangel hat, verkauft er alte Flyer über seinen Twitter-Account. Aber sonst kräht kein Hahn mehr nach ihm.

Übersetzung Zitat:
Du hast nicht nur Angel gekillt, sondern mit im Grunde auch das Nachtleben, denn Bürgermeister Giuliani, der nach Wegen suchte, gegen Clubs vorzugehen, um sie für Touris und Gemeinderäte safe zu machen, hast du alle Gründe geliefert, um mehr Beschränkungen durchzusetzen und aus dem Ausgehen eine Aufgabe zu machen, bei der man sich die ganze Zeit umdrehen muss, um zu checken, wer jeden deiner Schritte beobachtet. Tatsache ist, wegen dir ist Feiern jetzt uncool, vor allem, wenn man sich flamboyant kleidet, weil das jetzt mit deiner drogeninduzierten, völlig bescheuerten, hassvollen und widerwärtigen Gewalttat assoziiert wird. Es hat Jahre gedauert, bis sich die Leute wieder aufbrezelen und lachen konnten. Und wenn dir das Nachtleben, sobald du zurückkommst, zu verklemmt erscheint, trägst du die Hauptschuld daran!

Titelbild von Isabella Caldart

[Atelier NRW] Ein Mantel aus Papier – Nachwort zu einem unvollendeten Roman (Auszug)

Im vergangenen Oktober trafen sich sechs Autorinnen und Autoren aus Nordrhein-Westfalen im Gräflichen Park Bad Driburg zu dem dreitägigen Symposium Atelier NRW. Aus den Vorträgen und geführten Gesprächen sind Essays entstanden, die einmal im Monat auf 54books veröffentlicht werden.

Einleitung von Dorian Steinhoff
Über das Leben der Ideen im Verborgenen von Sabrina Janesch
Nabelschau von Yannic Han Biao Federer
Ans Ende schreiben von Gunther Geltinger
Leben, um zu schreiben – schreiben, um (davon) zu leben? von Juliana Kálnay

 

Von Albert Weiden

Im Herbst 2017 erschien in der Zeitschrift Lettre International ein Text mit dem Titel “Bastian Schneider”. Darin behauptet ein Mann selben Namens Folgendes: „Originalität kann ich nirgendwo entdecken. Und was ich da sage, leitet sich nicht nur aus meinem Amt als intertextueller Assistent ab, sondern auch von meinem ewigen Eindruck, daß alles die Kopie von etwas ist, das seinerseits die Kopie einer anderen Kopie war. Ich selbst bin nur der Abklatsch anderer, die vor mir bereits ebensolches mutmaßten. Machen wir uns also nichts vor. Hier ist alles falsch. Dessen eingedenk, habe ich eines Tages beschlossen, Nägel mit Köpfen zu machen und, wenn ich schon nicht auch nur im Traum daran denken kann, nach Originalität zu streben, mich zumindest einer extremen Haltung zuzuwenden. Seither habe ich die Neigung, möglichst radikal unoriginell zu sein.“

 

Der Text besteht aus insgesamt 48 solcher kurzen Absätze, in denen alle möglichen Berühmtheiten herbeizitiert werden, um diese These zu untermauern. Verfasst hat ihn der berühmte katalanische Autor Enrique Vila-Matas. Die Tageszeitung La Vanguardia mutmaßte in einer Rezension, wer dieser Bastian Schneider denn nun eigentlich sei – tatsächlich eine Erfindung von Vila-Matas, ein Gespenst oder der deutsche Schriftsteller Bastian Schneider, Autor von Vom Winterschlaf der Zugvögel, der Vila-Matas nur nachmache.

Schon in Vila-Matas‘ Roman Kassel: Eine Fiktion von 2014 taucht ein Bastian Schneider auf. Mit „The Last Season of the Avant-Garde“ soll der Künstler bei der documenta 13 vertreten gewesen sein. Bei dem Werk handelt es sich um ein unfertiges Schlachtengemälde. Daran angebracht ist ein hölzernes Schild mit einer sogenannten Priamel, die fälschlicherweise Martinus von Biberach zugeschrieben wird. Von Biberach ist möglicherweise 1498 in Biberach gestorben, wann und ob er überhaupt je geboren wurde, ist nicht bekannt. Der Spruch besagt jedenfalls Folgendes:

                 Ich leb und waiß nit wie lang, / ich stirb und waiß nit wann, / ich far und
weiß nit wohin, / mich wundert daß ich frölich bin.

*

 Als mich der Verlag damit beauftragte, das unvollständige Manuskript von Bastian Schneiders Buch Das Loch in der Innentasche meines Mantels für eine Publikation zusammenzustellen, war mein Freund bereits seit über einem Jahr verschwunden. Ich rede hier von dem echten Bastian Schneider – was auch immer das heißen soll –, von jenem deutschen Schriftsteller also, in dem die spanische Presse einen Plagiator witterte. Eine Spekulation, die wohl nicht ganz unschuldig an seinem Verschwinden ist und ihn nun tatsächlich zu einem Gespenst gemacht hat. Alle Versuche ihn zu finden sind fehlgeschlagen. Selbst die Verleihung des Prix Perec hat bisher nichts dazu beigetragen, ihm auf die Spur zu kommen. Und auch die Polizei gab ihre Bemühungen auf und die Suche wurde endgültig eingestellt.

Der Verlag sieht es nun als sein Recht und seine Pflicht an, wenigstens den Torso des von Schneider im Vorfeld versprochenen Romans der Öffentlichkeit anheim zu stellen, womit man schließlich mich betraut hat, seinen besten Freund und Mentor. Vielleicht erhofft sich der Verlag, ein wenig vom Mythos des jungen Schriftstellers und Dichters zu profitieren. Ich für meinen Teil habe nur deswegen eingewilligt, das Buch nach Möglichkeit zu dem zu machen, was Schneider sich darunter vorgestellt haben mag, weil ich darin die einzige noch verbliebene Chance sehe, er möge – wenn er denn noch lebt – dieses sein Buch in die Hände bekommen und endlich aus seinem Versteck treten.

*

Ich schätze Bastian Schneider als den Verfasser von literarischen Miniaturen, Skizzen und Prosagedichten, mit denen er mit einigem Erfolg die Bühne der Literatur betreten hatte. Er hatte sich die sogenannte kleine Form fleißig erarbeitet und beherrschte sie leidlich. Aber nach drei derartigen Büchern hatte er alle Formen des Kleinen ausgeschöpft. Zeit also für den großen Wurf, den kontroversen Roman zur Lage der Gesellschaft (oder gegen sie), nach dem die Feuilletons und demnach die Verlage fortwährend lechzen. Doch dazu fehlten ihm, ganz offen gesprochen, und ich glaube er wußte das, die Ausdauer, die Disziplin, und schlichtweg auch das Talent (für langatmige Handlungen und Familienaufstellungen mit allerlei durchpsychologisierten sogenannten Charakteren, die sich dann auch noch entwickeln!). Vor allem aber fehlte ihm dazu eines: die Lust. Davon legen sowohl seine vorherigen Bücher Zeugnis ab, allein schon durch ihre Form, als auch die Seiten des hier nun endlich vorliegenden Buches, indem er die bereits begonnene Geschichte, die ja durchaus Potenzial hat, schlichtweg einem anderem zu erzählen überläßt, diesen anderen aber schließlich mit sich ins Verschwinden reißt und am Ende nichts weiter übrig bleibt als ein paar leere Seiten, die zu füllen nun mir obliegt. Und was sind diese leeren Seiten anderes als das Loch in der Innentasche seines Mantels? Mit etwas Phantasie könnte man meinen, er hätte es genau so gewollt – aber soviel Phantasie hatte Bastian Schneider nun auch wieder nicht. Das belegen auch seine drei Bücher, allen voran Die Schrift, in dem sich vordergründig eine Alltagsbeobachtung an die nächste reiht.

Sicher, das war sein poetisches Programm, die „profane Epiphanie“, wie er es, sich auf Kafka, Joyce und Benjamin berufend, gelegentlich nannte. Drunter machte er es nicht. Er wollte ja gerade das erzählen, was zwischen den Zeilen der vermeintlich eigentlichen Geschichte passiert, das was auf dem Weg zu einem konventionellen Roman auf der Strecke bleibt und von den meisten Romanciers achtlos liegen gelassen wird, während sie einer aufregenden Handlung nachjagen oder ein spannendes und aktuelles Thema erörtern. All das interessierte Schneider nicht, jedenfalls nicht in der Literatur. Er wollte ganz einfach nicht über derlei „Gewäsch“ schreiben, wie wir gelesen haben. Und auch wenn die „Vorbereitung zur Vorbereitung des Romans“, wie er es im Tagebuch einmal treffend formuliert, durchaus Züge eines konventionellen Romans hat, so bleibt er sich und seinem Programm treu, wenn er all das nach kürzester Zeit wieder aufgibt und verschwinden läßt inklusive sich selbst.

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Bei unserem letzten Treffen in Paris machte ich folgendes Foto von Bastian Schneider:

Wir saßen in der Métro auf dem Weg zu den Buttes Chaumont, um auf den Spuren des Pariser Bauern zu wandeln. Er war, wie so oft, gerade dabei etwas zu notieren, wie man in der unteren Bildhälfte erkennen kann. Als ich bemerkte wie der Chinese am Gleis Schneider beim Schreiben beobachtete, mit diesem verwunderten Ausdruck im Gesicht, drückte ich den Auslöser. Möglich, daß der Mann wiederum mein Vorhaben durch- und mich anschaute. Als ich Schneider das Foto einige Wochen später zuschickte, bedankte er sich jedenfalls sehr für dieses „Portrait des Künstlers als verdutzter Chinese“. Das Sich-Wundern über das Alltägliche hat Schneider immer wieder vehement verteidigt gegenüber den Jägern nach dem Besonderen, und vielleicht sah er sich deswegen in dem Foto durchschaut und gespiegelt gleichermaßen.

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 Der von Bastian Schneider zitierte Roland Barthes meinte zu seinem Buch Über mich selbst: „All dies muß als etwas betrachtet werden, was von einer Romanperson gesagt wird.“ Eine durch ihren inflationären Gebrauch leere Behauptung, und doch immer noch kühn. Schneider hätte sie gewiß für sich und sein Leben reklamiert, wenngleich nicht für seine Texte. Für seine Texte hätte er im Gegenteil behauptet, sie müßten als etwas betrachtet werden, was eben nicht von einer Romanperson gesagt wird. Sein Leben oder das Leben an sich war ihm Roman genug, weswegen er es nicht für nötig erachtete, daraus wiederum einen Roman zu machen, einen Roman zweiter Ordnung sozusagen oder einen Roman des Romans. Dazu hätte es ja nur des Fleißes bedurft, sein Leben – ob erfunden oder erlebt – abzuschreiben, ein paar Namen zu ändern und einen Plot zu stricken, wie es die meisten Schriftsteller tun. Gerade daran lag ihm – bislang – nichts, er wollte das Nicht-Romanhafte ins Recht setzen, erzählt zu werden, den kleinen Splitter Wirklichkeit, den er dann mittels der Sprache bis zur Kenntlichkeit entstellt (oder es wenigstens versuchte). Deswegen hatte Schneider auch eine besondere Vorliebe fürs Groteske, für Kippbilder aller Art, die immer beides liefern, die schöne Oberfläche und den Abgrund dahinter. Beide leben von einander und beide dürfen einander nicht an die Perfektion verraten, sei es an die des Scheins oder an die der Tiefe. Er haßte die Perfektion, und er verabscheute Perfektionisten. Ihre Verbissenheit bis zum Stumpfsinn war ihm fremd. Er hatte auch einfach keine Zeit dafür, das Leben war ihm wichtiger und mußte gelebt werden, als Roman versteht sich. Vielleicht war er einzig darin Perfektionist, sorglos und glücklich zu leben als Figur seines eigenen Lebensromans. Umso verwunderlicher, daß er einfach so verschwunden ist. […]

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 Abschließend möchte ich sagen, daß das Rätsel des Lochs in der Innentasche meines Mantels nicht nur von kriminalistischer Art ist, bei dem man sich fragt: Wo steckt Bastian Schneider? Wer ist er oder wer steckt hinter ihm? Und wer hat was getan beziehungsweise wen geschrieben? Der Roman schließt bereits bei der Konzeption ein anderes Rätsel ein, das die Beziehung des Lesers zum Text sowie die Beziehung Schneiders zu seinem eigenen Werk betrifft. Diese faszinierende Komplexität wird in Wirklichkeit noch verstärkt und nicht etwa zerstört durch die Tatsache, daß das Buch nicht abgeschlossen werden konnte. Denn das Geheimnis der Unabgeschlossenheit ist eng verflochten mit dem Projekt des Buches. Die von mir zusammengetragenen Materialien zeigen uns Schneider bei der Arbeit. Beim Lesen dringen wir in die Fabrik des Romanciers ein, und dieser Romancier ist gerade durch seine Unoriginalität wohl einer der originellsten des 21. Jahrhunderts. Zugegeben, hier matrjoschkat es gewaltig – zum Besten des Buches, wie ich meine, und zum Gewinn für die Leser, die über allerlei Umwege in den Genuß von Schneiders mutmaßlich letztem Buch kommen. Somit ist er am Ende in gewisser Weise doch wieder aufgetaucht, und zwar in diesem seinen Mantel aus Papier, den ich die Ehre hatte fertig zu schneidern.

Weggemopst – Das Problem mit dem digitalen Gebrauchtbuchhandel

von Thomas Hoeps

 

In Lutz Seilers Mystizismus-Burner Kruso zerrt der Titelheld ein schleimiges „Zopftier“ aus dem Küchenabfluss einer Ausflugsgastronomie hervor, das sich dort über Monate hinweg aus Haaren, Essensresten und Schweiß alchemistisch zusammenlegiert hatte, den Lurch. Seit ich meinen Beitrag über den digitalen Gebrauchtbuchhandel aus Autor*innensicht vorbereite, gerät mir unerfreulicherweise dauernd das Bild dieses Lurchs vor Augen. Denn am Ende ist der unaufhaltsame Aufstieg der Buch-Reseller auch nur ein Teil einer recht unschönen Masse von Entwicklungen, die die prekäre Einkommenssituation von Autor*innen verschärfen. Einzeln betrachtet mögen sie dabei nicht unbedingt dramatisch wirken, in seiner Gesamtheit jedoch scheint mir dieser Lurch auf Dauer anders als in Seilers Roman kein Düngemittel, sondern toxisch zu sein.

Der Resellermarkt…

… ist ein sehr lukratives Geschäft geworden. Branchenführer Medimops hat seinen Jahresumsatz in nur vier Jahren von 120 Millionen Euro (2015) auf 250 Millionen Euro (2019) mehr als verdoppelt. 64 Prozent davon, gut 160 Millionen Euro, wurden über den Handel mit gebrauchten Büchern generiert, der Großteil davon in Deutschland. Dazu kommen nicht nur weitere Großanbieter wie rebuy, sondern auch die Professionalisierung des Privatverkaufs durch die Verbreitung über Plattformen wie ebay oder den Amazon Marketplace.

Natürlich gibt es den Handel mit gebrauchten Büchern, seit es Bücher gibt. Der zentrale Unterschied zu den Vor-Internet-Zeiten ist aber, dass man nicht mehr teils jahrelang physisch durch Antiquariate oder über Flohmärkte stromern muss, um an ein gesuchtes Buch zu gelangen. Eine kurze Rechercheminute genügt, das Buch nicht nur zu finden, sondern zugleich auch in der Angebotskonkurrenz zum Bestpreis kaufen zu können.

Bei nicht mehr lieferbaren Titeln ist das großartig, gleichwohl das Preisdumping im E-Commerce klassische Antiquariate unter massiven Druck setzt. Am besten aber, so berichtete der Momox-CEO Heiner Kroke im Börsenblatt, verkauften sich eh die jüngeren Bestseller. Kaum ist ein Buch auf dem Markt, läuft es auch schon sekundär über die E-Plattformen. Am komfortabelsten geschieht das für die Kunden von Amazon, wo direkt auf der Primärverkaufsseite der günstige Gebrauchtpreis für „wie neu“-Exemplare dafür wirbt, doch lieber gleich Second-Hand zu kaufen.

Von Platzangst, Nachhaltigkeit und Teilhabe

Toll also, dass es so leicht geworden ist, sich von Büchern zu trennen und kostengünstig an neue zu kommen. Und zugleich werden damit ja auch andere Probleme gelöst: Über die bange Frage hinaus, wo in der Wohnung denn noch Platz für das x-te Buchregal sein soll, betrifft es Aspekte von gesellschaftlicher Relevanz: Ist es denn zu verantworten, dass ein Buch nach ein paar Lektürestunden nicht mehr genutzt wird? Ist es nicht nachhaltiger und ressourcenschonender, ihm ein zweites, drittes, viertes Leben zu verschaffen, bei Käufer*innen oder – und hier wird dann auch noch kulturelle Teilhabe trotz Existenzminimum ermöglicht – bei den Nutzer*innen öffentlicher Bücherschränke?

Wer wollte gegen solche positiven Effekte ernsthaft Einwände erheben?

Von der Erschöpfung I

Als der ehemalige Buch-Vertriebsmanager Ulrich Erdle vor wenigen Monaten im Börsenblatt seinen Unmut über den umsatzstarken Zweitverwertungsmarkt von Momox & Co äußerte und eine Gebührenbelegung der gewerblichen Reseller ebenso wie der Verkaufsplattformen zugunsten der Autor*innen und Verlage forderte, zuckte die Justiziarin des Börsenvereins mit den Schultern: Kann man nix machen, ist Gesetz! Denn „das Verbreitungsrecht des Autors erschöpft sich gemäß § 17 Abs. 2 UrhG, nachdem das Buch erstmalig in den Verkehr gebracht wurde. Der Urheber wurde für sein Werk mit dem ersten Verkauf vergütet.“

Und Herr Momox behauptete daran anschließend, im Falle der Erhebung einer Zweitverkaufsgebühr müsste ja logischerweise „Neuware dann im Gegenzug günstiger werden, da von Vornherein ein Zweit- und Drittverkauf eingeplant ist.“

Von der Erschöpfung II

Wie könnte ich mich als Autor also gegen rechtliche Realitäten, wirtschaftliche Entwicklungen und gesellschaftliche Notwendigkeiten stellen und über entgangene Einnahmen aus Second Hand-Verkäufen klagen? Zumal ich ich angeblich doch schon hinreichend für diese weiterverkauften Bücher entlohnt wurde? Will dieser Autor jetzt also nur ein weiteres Mal frech abkassieren? Second Hand = Second Cash?

In der letzten Zeit spüre ich eine wachsende Erschöpfung, wenn die ökonomische Realität unserer Arbeit wieder einmal ausgeblendet wird. Soll ich erneut vorrechnen, wie viel Honorar Autor*innen für die oft zwei, drei Jahre Arbeit an ihrem Buch erhalten, wenn der marktübliche Satz von fünf und zehn Prozent vom Nettoverkaufspreis gezahlt wird und das Buch kein Bestseller oder gehobener Midlist-Titel wird? Dass die Kostenplanung von Büchern aber für alle Beteiligten feste (zugegeben, zuweilen auch prekäre) Monatsgehälter oder Stundensätze kalkuliert, nur für die eigentlichen Urheber Vorschüsse ansetzt, von denen oft kein halbes Jahr zu leben ist? Dass mehr nur hereinkommt, wenn das Buch dann doch deutlich über den Break-even-Punkt hinausschießt? Oder vielleicht noch einmal berichten, wie unerfreulich sich die durchschnittlichen Startauflagehöhen seit Jahren entwickeln und dass es darum bei vielen Büchern mittlerweile tatsächlich auf jedes einzelne verkaufte Exemplar ankommt. Zumal da definitiv kein Sekundärmarkt miteinkalkuliert ist, weil das Resultat nicht mehr marktgängige und sozialverträgliche Verkaufspreise wären?

Ich habe deshalb immer weniger Lust auf solche Erklärungen, weil es am Ende doch nur wie ein beleidigtes Mimimi klingt. Denn die Entscheidung, haupt- oder auch „nur“ nebenberuflich als Schriftsteller zu arbeiten, auch eine im Bewusstsein erwartbarer ökonomischer Einschränkungen ist und bleibt ja eine stolze, frei getroffene. Trotzdem schaut man doch immer wieder recht fassungslos darauf, wie viel Geld in diesem Betrieb dann doch umläuft und in welchen Kanälen es schließlich landet.

Her damit!

Womit wir in das Habitat des Lurchs zurückgekehrt wären, zu dessen weiteren Bestandteilen tiefgreifende Veränderungen im Buchhandel genauso zählen wie der Wegfall öffentlich finanzierter Lesereihen oder eben die große Selbstverständlichkeit, mit der unsere Arbeit kostenlos oder lowestbudget-orientiert genutzt wird. Die findet man ja nicht nur im Trend, dass auch gut verdienende Leser*innen aktuelle Bücher zur Ersparnis einer Handvoll Euros lieber über Resellerplattformen kaufen. Sondern zum Beispiel selbst bei den Bücherfreund*innen in den öffentlichen Bibliotheken, die unter dem Deckmantel der „Informationsfreiheit“ (real aber zur Entlastung ihrer kommunalen Haushalte) Druck ausüben, das Ausleihlimit von e-book-Lizenzen aufzuheben (zu den Auswirkungen der Onleihe übrigens hier eine aktuelle Studie).

Bedingungen für den gewerblichen Wiederverkauf einzuführen, wie es Ulf Erdle und andere mit der Einrichtung von „Schonfristen“ für Neuerscheinungen oder der Erhebung von Zweitverwertungsabgaben fordern, werden das Grundproblem mangelnder Honorierung der Autor*innen sicher nicht lösen. Und es wirkt vielleicht sogar nur wie ein Abwehrkampf in aussichtsloser Stellung. Aber dem Lurch das zu entreißen, was uns zusteht, ist nicht zuletzt auch eine Frage der Selbstachtung. Also, schnappen wir ihn uns!

 

Photo by Brandable Box on Unsplash

Wenn sich Wörter mögen – Die Kinderlyrikwerkstatt Poedu

von Kathrin Schadt

 

Während des ersten Lockdowns ab dem 13.3.2020 befand ich mich mit meiner 7-jähringen Tochter Greta in Barcelona und erfand  zunächst in privatem Rahmen für sie eine Poesiewerkstatt, um sie während der Quarantäne irgendwie zu beschäftigen. In wenigen Tagen fand dieses Projekt dann aber überraschend viele Neugierige, über 60 Familien haben sich mittlerweile auf Facebook dazu angemeldet, außerdem kooperieren Dichter*innen und zahlreiche Institutionen aus dem deutschsprachigen Raum.

Jeden Freitag wird seitdem den teilnehmenden Kindern eine jeweils andere Poesieaufgabe von bekannten Poet*innen gestellt. Unter ihnen bislang: Michael Stavarič, Ulrike Almut Sandig, Michael Augustin, Uljana Wolf, Yevgeniy Breyger, Andrea Karime u.v.m. Innerhalb einer Woche können die Kinder dann die Ergebnisse zunächst in einer geschlossenen, virtuellen Gruppe untereinander austauschen, Fotos und Videos hochladen, miteinander auch in Pandemiezeiten in Kontakt kommen. Am darauffolgenden Freitag werden dann auf der öffentlichen Poedu-Facebookseite und auf Fixpoetry jeweils die neuesten Gedichte der Kinder veröffentlicht.

Poedu habe ich das Projekt genannt, weil Poesie meist etwas ist, was Erwachsene für Erwachsene machen. Also PoeSIE. Ziel des Projektes ist es aber eine Werkstatt zu schaffen, bei der alles erlaubt ist, bei der jede und jeder mitmachen darf: ich, er, sie und du. Wir machen PoeDU. In dem Namen steckt auch noch fein und heimlich das Wort EDUcación, spanisch für Bildung und PuEDo, ich kann.

Mit dem Projekt sollen Kinder und Jugendliche an die Möglichkeiten unserer Sprache herangeführt werden. Als spielerische Quelle, als Ventil, als Befreiung, fern von zähen Homeschooling-Aufgaben. In Zeiten der Krise brauchen auch Kinder Ausdruck und Hoffnung und mit dem Poedu wollen wir herausfinden, welche Möglichkeiten die Lyrik uns bietet, um dazu beizutragen. Im Vorwort zum gerade entstehenden Poedu-Buch schreibt die Lyrikerin Monika Rinck:

„Was man alles mit [Sprache] machen kann, zeigen die Poedu-Kinder […]. Was für eine Fülle tritt den Leser:innen gleich auf den ersten Seiten entgegen. Das Herz geht auf! Hier wird mit großem Ernst gespielt und das Spiel so ernstgenommen, dass es eine Lust ist. […] Es ist für Menschen in jedem Alter eine schöne und sehr erheiternde Lektüre. Reime und Lügen, die Verbundenheit der Klänge und ihr verführerisches Flüstern, ganz knapp an der Realitätsprüfung vorbei. Durchgewitscht! Gerade nochmal entkommen. Und wie schön es ist, Verse in oft so erfindungsreicher alternativer Rechtschreibung zu lesen und Befehle zur Kenntnis zu nehmen, die zunächst unmöglich zu sein scheinen. “Los, schwimm zurück in den Garten!” Alles spricht, und alles ist ansprechbar. Es ist ein großzügiger Hochgenuss, der außerdem zum Mitmachen, Nachmachen und Neumachen einlädt. Anleitungen zum Jubel und zur Beschimpfung, Schriftcollagen, Gedichte in den Sprachen der Tiere, Gedichte in altehrwürdigen Formen, wie dem Akrostichon, übersetzte Gedichte, Gedichte mit Gebrauchsanleitungen und Pflegehinweisen, Gedichte, die sich auf der Schwelle zwischen den Sprachen treffen, und die bevölkert sind von Wesen, die es gar nicht, aber im Gedicht dann ja doch gibt. Denn da ist Platz dafür. Die erneuerte Erinnerung daran, wie groß dieser Platz ist, ist ein Geschenk, das Poedu und alle an der Entstehung des Buches Beteiligten uns machen. Danke!“

Die virtuelle Poedu-Werkstatt begann mit der Frage, was Poesie denn nun eigentlich sei? Die Antworten der Poedu-Kinder zeigten den Macher*innen dann gleich zum Auftakt, was alles Großartiges auf sie warten würde:

Poesie ist ein weibliches Wort oder eine Mehrzahl, obwohl es sich eher wie Singular anhört. – (Leo, 10)

Ich glaube, Poesie ist, wenn die Wörter etwas verbindet und sich die Wörter mögen.  (Gwang, 11)

Für mich ist Poesie wie ein großer Himmel, wo ganz viele Wörter drin sind. Und die Wörter sind die Kinder […]. – (Rübezahl Cocktail, 7)

Im April 2021 wird ein Buch zum Projekt im Elif Verlag erscheinen, illustriert von Petrus Akkordeon. Das Buch wird die Gedichte der teilnehmenden Kinder auf Papier festhalten, damit sie tatsächlich anfassen, blättern und zusammenhängend lesen können, was sie selbst über die Monate geschaffen haben. Aber auch, um diese besondere, miteinander erlebte Zeit festzuhalten, in der die Welt aus den Fugen geriet und die Kinder sich diese mit Worten wieder zusammenfügten.

Das Buch trägt das Poedu aber auch zu allen anderen Familien nach Hause, von Kindern für Kinder, zum Lesen, Schreiben, Nachahmen: zum Poeduen. Zu allen im Buch enthaltenen 25 Aufgaben dürfen die Leser*innen ihre eigenen Gedichte ins Buch schreiben und auch gerne dem Poedu schicken. Hinter jedem Kapitel findet sich auf Leerseiten Platz dafür. So können die Familien selbst, aber auch Schulen, Kindergärten und Einrichtungen die Poesiewerkstatt für sich fortsetzen und weiterspinnen.

Juliane Ziese von der Edition Lyrigma lernte das Poedu über ihren Sohn Vito (5) kennen und wurde bald von der Begeisterung dafür angesteckt. Sie ist mittlerweile Teil des Poedu-Teams und entwickelt dazu ein Kartenspiel, das dem Spiel mit Sprache nun noch ein feines Krönchen aufsetzt: ist es ein Quartett? Ein Rufspiel? Eine Fragerunde? Es ist alles zusammen und kann in vier verschiedenen Variationen gespielt werden. Das Spiel leitet außerdem an, selbst Gedichte zu schreiben, zu malen und Poesie laut vorzutragen.

Mit Buch und Kartenspiel kommt Poesie nun mit einem derart leichtfüßigen Schritt daher, dass es auch den Deutschunterricht um eine verspielte Variante erweitern könnte. Die Dichterin Karla Reimert Montasser, die im Haus für Poesie für die poetische Bildung zuständig ist, schreibt dazu:

„Ich sitze hier und bin den Tränen nahe, weil das Poedu – auf poetischste Weise – ohne Rückhalt, ohne größere Ressourcen, nur ausgestattet mit Sprache und Spieltrieb, diesem Lockdown etwas Unglaubliches abgerungen hat. Entstanden ist womöglich das beste Projekt für poetische Bildung im Grundschulalter, mit einem Feuerwerk an Ideen und unfassbar schönen Ergebnissen. In jeder Zeile fühlt man die Verbindung der Kinder zu der Aufgabe, zum Projekt, im Sinne von absolutem Vertrauen. Wunderbar auch, bald ein Buch in den Händen halten zu können, an dem so viele DichterInnenfreunde aus dem deutschsprachigen Raum mitgearbeitet haben. Ihr Geist und ihre Ansätze verteilen sich feinstofflich über alle Seiten. Ich wünsche mir, dass dieses Buch in allen Schulen eingesetzt wird und in allen Schreibgruppen.“

Aber letztlich zählt beim Poedu nur eine Stimme: die der Kinder. Und die kommt mit einer Wucht daher, dass nur laut: „In Deckung!“ gerufen werden kann. Deshalb sollen hier nun ein paar Gedichte sprechen, stellvertretend für alle Poedu-Gedichte die während der letzten Monate entstanden sind:

Gebrauchsanleitung für mein Gedicht

Mein Gedicht braucht
eine Strickleiter,
um ganz nach oben zu kommen.
Es muss 3-mal am Tag gefüttert werden,
sonst bekommt es rote Zähne
vor Wut.
Mein Gedicht möchte mit dir spazieren gehen,
egal ob Regen oder Sonne,
es klettert gern mit dir.
Es will am Mittag duschen
und ab und zu in einen See springen.
(Karl Egal, 6)

*

Ich werde die Nachtleuchtende genannt
und schreibe meinen Text auf diese Hand
Ich bin Feuer und Wasser
in der Ferne wirke ich blasser
Schillernd und bunt
schwebe ich über den Meeresgrund
Mit anderen bilde ich einen Schwarm
ich mag es mal kalt, mag es mal warm
Gegen den Strom schwimme ich
auch als Medusa kennt man mich
(Tintenfisch, 9)

*

Meine Bucket-List

Ich wünsche mir, eine einzige Mama zu sein
Ich wünsche mir 50 Kinder
Ich wünsche mir viele Papageien, die immer, wenn ich nach Hause komme, in meinen ganzen Körper  fliegen
Ich wünsche mir, Sitter von Babytieren zu sein
Ich wünsche mir, Bauchreden zu können
Ich wünsche mir, wenn ich aufwache, dass mein ganzes Haus voller Wasser, Fische, Wale und Delfine ist, und meine Papageien auf Seepferdchen reiten
Ich wünsche mir eine Hose, die mit Wasser gefüllt und ganz dick ist
Ich wünsche mir, mit meinen Papageien in der Badewanne zu baden, wo wir zusammenschrumpfen und durch den Abfluss in eine andere Welt rutschen
Ich wünsche mir vor meiner Haustür eine Rutsche, die mich überall hin in die Welt bringt
Ich wünsche mir, dass all meine Papageien ein Flugzeug formen, das ich von innen steuern kann
Ich wünsche mir, mit den Babytieren, die ich sitte, durch eine Türe in eine Welt aus Decken und Kissen zu gehen, wo wir tun können, was wir wollen
Ich wünsche mir, fliegen zu können
Ich wünsche mir, reiten zu lernen
(Anisnofla, 7)

*

Ein Klatschspiel für Kinder in Fantasiesprache

KLATSCH KLATSCH TSCHU TSCHU

Tschitschi baka dudu
Ehbeh ahdeh hai!

Dakdak bubu De
De daka gugu hai!

Pupu kahkah blu
Kah eff hakah ta!

All Se Ma Lu Tu
An lulu baka tschutschu …

Tee kah!
(Rübezahl Cocktail, 7)

 

Das Poedu-Buch (ISBN: 978-3-946989-38-7) kann beim Elif-Verlag vorbestellt werden: eMail Elif Verlag

Das Poedu-Kartenspiel kann bei der Edition Lyrigma vorbestellt werden: eMail Edition Lyrigma

(Titelbild: Poedu-Illustration von Petrus Akkordeon)

Ökonomie der Ungleichheit – Neue Bücher über Wirtschaft und Gender

von Daniel Stähr

[CN Sexualisierte Gewalt, Misogynie]

Der globalen Wirtschaft gehen jedes Jahr 160 Billionen Dollar verloren, durch die ungleiche Bezahlung und den ungleichen Zugang zu wirtschaftlicher Partizipation der Geschlechter. Frauen besitzen weltweit nur 18,3 % des Landes. Frauen sind von der Erbschaft in vielen Teilen der Welt ausgeschlossen und selbst in den High-Income-Ländern Europas und Nordamerikas sind sie in den seltensten Fällen die Erben von Unternehmen.[1] Sowohl im globalen Finanz- als auch Güterhandel kontrollieren Männer 99% der Geschäfte, während Frauen weltweit jeden Tag in Summe ca. 12 Milliarden Stunden unbezahlte Carearbeit (Kinderbetreuung, Haushaltsarbeit, Pflege) verrichten. Es existiert kein Land auf der Welt, in dem Frauen im Schnitt dasselbe verdienen wie Männer.[2]

Das sind nur einige Beispiele für die XX-Ökonomie (gesprochen: Doppel X Ökonomie), die Linda Scott in Das Weibliche Kapital beschreibt (übersetzt von Stephanie Singh). Die Wirtschaftswissenschaftlerin war Professorin an der Saïd Business School der Oxford University und ist inzwischen emeritiert. Unter der XX-Ökonomie versteht sie eine Schattenwirtschaft, in der die weibliche (Wirtschafts-)Tätigkeit durch ökonomische Hindernisse und kulturelle Zwänge getrieben wird. Auf 350 Seiten zeichnet Scott ein globales Bild dieser XX-Ökonomie und beschreibt die Mechanismen, die dazu führen, dass Frauen strukturell diskriminiert werden. Sie verlässt sich dabei nicht auf die bestehenden Daten, sondern ordnet diese kritisch und misstraut ihnen systematisch: „Wenn wir sinnvolle Veränderungen herbeiführen wollen, ist das Wissen um das, was hinter den Daten liegt, von entscheidender Bedeutung, damit unsere praktischen Maßnahmen nicht scheitern oder gar Schaden anrichten.“

Immer wieder macht sie klar: das System, das Frauen benachteiligt, ist dasselbe, das die Daten bereitstellt. Nicht selten wird die Realität dadurch verzerrt. Damit reiht sich Scotts Text auch in die Arbeiten ein, die die sexistische Datenlücke thematisieren. So hat die Journalistin Caroline Criado-Perez erst Anfang des Jahres mit ihrem Buch “Unsichtbare Frauen” ein Plädoyer zur Schließung des Gender Data Gaps vorgelegt . Ein Beispiel verdeutlicht das Problem. So galten von Frauen geführte Unternehmen, basierend auf vermeintlich objektive Daten wie Umsatz, Gewinn oder Wachstumsraten, lange als weniger rentabel.

Daraus wurde der Schluss gezogen, dass Frauen „von Natur aus“ weniger unternehmerisches Geschick besäßen. Die Wahrheit ist allerdings differenzierter. Frauen haben etwa fast überall deutlich schlechteren Zugang zu Krediten. Sie zahlen bei gleichen Voraussetzungen im Schnitt höhere Zinsen auf Unternehmenskredite als Männer. Das ist jahrzehntelang niemandem aufgefallen, weil Banken lange Daten nicht nach Geschlechtern getrennt erhoben haben (und es in vielen Ländern der Welt immer noch nicht tun, dort wo es getan wird, gleichen sich die Daten aber auf erstaunliche Weise unabhängig vom kulturellen Hintergrund). Wenn Frauen Kredite sowohl im geringeren Umfang als auch zu höheren Zinsen bekommen, dann ist es nur folgerichtig, dass es ihre Unternehmen schwieriger haben.

Anekdotische Evidenz als Appell

Scott geht es um mehr, als nur den Status quo darzustellen. Sie will mit Mythen und Vorurteilen aufräumen, die durch verzerrte Daten scheinbar bekräftigt werden. Streng wissenschaftliche Argumente werden mit Anekdoten aus ihrer beruflichen Erfahrung kombiniert. Dabei kommt der Autorin ihre jahrelange Feldarbeit zugute. So hat sie für Regierungsorganisationen, NGOs aber auch privaten Unternehmen etwa in Ghana, Uganda, Bangladesch, Südafrika, Moldawien oder Brasilien Projekte begleitet oder geleitet, die eine Verbesserung der Lage der Frauen vor Ort erreichen wollten. Wenn Scott also Argumente dafür anführt, dass die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen der beste Weg ist, um sie vor Gewalt zu schützen, dann erzählt sie beispielhaft von ihren Erlebnissen in Afrika, Asien oder Europa, wo sie Frauen kennen gelernt hat, die aufgrund ihrer finanziellen Abhängigkeit (sexualisierte) Gewalt ausgesetzt waren. Die verfügbaren Daten belegen den Punkt, dass die wirtschaftliche Selbstständigkeit Gewalt gegen Frauen reduziert, sehr deutlich, aber die teils drastischen Schilderungen von individuellen Schicksalen geben den Zahlen ein Gesicht und eine Dringlichkeit. Das Weibliche Kapital ist ein Appell, den Worten Taten folgen zu lassen.

Der Umgang mit Frauen ist eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte. […] Um der Gerechtigkeit und des Mitgefühls willen, aber auch im Sinne des materiellen Wohlstands der gesamten Spezies rufe ich euch auf, euch auf diese wichtige Reise zu machen und euch der Bewegung zur wirtschaftlichen Stärkung der Frauen anzuschließen.

Um ihre Thesen zu stützen und einigen der bekanntesten Argumente von Gegner*innen der Gleichstellung von Mann und Frau zu widerlegen (beispielsweise: „Männer sind evolutionär die Ernährer der Familie“, „Es ist von der Natur nun mal so vorgesehen, dass Frauen zu Hause bleiben und sich um die Kinder zu kümmern.“) führt Scott eine enorme Fülle an Quellen an. Dabei beschränkt sie sich nicht nur auf wirtschaftswissenschaftliche Belege, sondern nutzt Forschungen aus der Anthropologie, Neurologie, den Kultur- und Geschichtswissenschaften, der Psychologie, der Anatomie und der Soziologie. Genau hierin besteht einer der großen Vorzüge des Buches. Auf 350 Seiten scheint es eigentlich völlig unmöglich mehrere Jahrtausende der Evolutionsgeschichte von Mann und Frau, sowie die Forschung zu der Entwicklung des menschlichen Gehirns und eine Chronologie der ökonomischen Benachteiligung der Frau zu beschreiben. Scott schafft es aber, die für ihre Argumentation relevanten Fakten zu präsentieren, ohne sich in der schieren Masse ihrer Bezugspunkte zu verlieren. Immer wieder führt sie ihre Exkurse zurück zu ihrem eigentlichen Anliegen: die Verbesserung der Situation von Frauen heute.

Etwa zeigt Scott am ersten Gleichstellungsgesetz Großbritanniens exemplarisch welche strukturellen Probleme es in der Gleichstellungspolitik gibt. 1970 hatte die britische Regierung den Equal Pay Act verabschiedet, nicht so sehr aus Überzeugung, sondern weil ein solches Gesetz Bedingung für den Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft war (die EWG war Vorläuferin der heutigen EU). Das Gesetz umfasst gerade einmal zehn Seiten, inklusive eines Passus, der sich in der Nachbetrachtung als fatal herausstellte: „[die Maßnahmen] sind auf Frauen und ihre Behandlung im Vergleich zu Männern bezogen, doch sie gelten gleichermaßen umgekehrt für Männer und ihre Behandlung im Vergleich zu Frauen.“ Diese Stelle wurde damals in das Gesetz integriert, um der Wut der Männer über eine mutmaßliche Bevorzugung von Frauen vorzubeugen.

Die Folge war keinesfalls, dass von da an Männer und Frauen gleiche Aufstiegschancen erhielten, oder gleich bezahlt wurden. Vielmehr hatte auf Grundlage des Equal Pay Act jeder Mann die Chance zu klagen, wenn eine Frau mit gleicher Qualifikation an seiner Stelle befördert wurde, mit dem Argument der „positiven Diskriminierung“ von Frauen. Nimmt man hinzu, dass zu diesen Zeiten jedes Unternehmen in Großbritannien seine Angestellten entlassen konnte, wenn sie über ihr Gehalt sprachen, festigte der Equal Pay Act von 1970 auf einer institutionellen Ebene die Unterschiede zwischen Männern und Frauen, mit Folgen die bis heute reichen.

Was Scott hier verdeutlicht ist, dass Maßnahmen, die zu einer Gleichstellung führen sollen, aber Männer und Frauen gleich behandeln, per Design zum Scheitern verurteilt sind. Sie ignorieren nämlich die über Jahrhunderte bestehende Machtasymmetrie zwischen den Geschlechtern und zementieren diese so indirekt. Eine Politik die Gleichstellung ernst meint, muss Frauen zwangsläufig “positiv diskriminieren”, um die bestehenden Strukturen aufzubrechen und die bestehende Lücke zu schließe (gleiches gilt für jede marginalisierte Gruppe, die innerhalb einer Gesellschaft systematisch schlechter gestellt ist). Ein Beispiel für einen Ansatz der tatsächlich in der Lage ist den Gender Pay Gap zu schließen kommt ausgerechnet aus den USA. Dort wuchsen die Löhne von Frauen zwischen 1970 und 1990 in Bezug auf die Gender Pay Gap um 30%.

Treibend für diese Entwicklung waren zwei Gründe. Präsidentielle Exekutivverordnungen, die Unternehmen zu ernsthaften und überprüfbaren Bemühungen, die Geschlechterdiskriminierung aktiv abzubauen, verpflichteten, und der relativ einfache Zugang zu Sammelklagen, wenn gegen diese Verordnung verstoßen wurden. Gerade diese Last der Gleichberechtigung von den Schultern einzelner Personen zu nehmen, ist essentiell. In vielen Ländern besteht zwar die Möglichkeit gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz zu klagen. Diese Prozesse sind aber oft lang und teuer und nur die wenigsten Frauen haben die Ressourcen, so eine gerichtliche Auseinandersetzung zu führen. Hätten die USA diesen Trend beibehalten gäbe es dort heute keine Einkommenslücke mehr. Vor allem die Besetzung des Obersten Gerichtshofs mit konservativen Richter*innen während der 80er und 90er Jahre, hat aber dazu geführt, dass viele der nachweislich wirksamen Maßnahmen in den Folgejahren zurückgenommen wurden.

Frauen werden nicht geringer bezahlt, weil sie weniger gebildet, motiviert, oder ehrgeizig sind, weil sie seltener nach mehr Gehalt fragen, schwächer, feiger oder fauler sind oder an den Herd gehören. Keine dieser oder der unzähligen anderen Ausreden, mit denen wir den Frauen kulturell selbst die Schuld an ihrer Situation geben, ist richtig. Sie werden geringer bezahlt, weil feindselige Männer und die von ihnen geschaffenen Institutionen immer wieder Wege finden, der Gleichstellung der Geschlechter auszuweichen.

Insgesamt steht Das Weibliche Kapital nicht so sehr in der Tradition der Arbeiten über die Ungleichheitsentwicklung von Thomas Piketty, Branko Milanović oder Jeffrey Sachs, mit denen sie auch von ihrem deutschen Verlag (Hanser) beworben wird. Vielmehr geht Das Weibliche Kapital über die Forschung der genannten hinaus, weil hier neben der Ungleichheit eine zweite Dimension, die der Geschlechterdiskriminierung, verhandelt wird. Damit ist sie den Arbeiten der Ökonomin Claudia Goldin wesentlich näher, die in den 1990er und 2000er-Jahren herausragende Forschung zur Einkommensungleichheit und den besonderen Charakteristika der weiblichen Arbeitskraft betrieben hat. So zeigt Goldin in ihrer Pollution Theory of Discrimination, dass, weil Frauen von Männern als weniger kompetent wahrgenommen werden, die Aufnahme einer Frau in einen Berufsstand, der bisher vor allem Männern vorbehalten war, das Prestige dieses Berufs in den Augen der Männer senkt. Das führt dazu, dass Frauen der Zugang zu männerdominierten Berufen erschwert wird. Scotts Arbeit lässt sich zumindest in Teilen als empirische Bestätigung von Goldins Modell interpretieren.

Dennoch gibt es blinde Flecken. So ist ist die binäre Weltsicht im gesamten Buch problematisch. Scott beschränkt sich auf die Unterscheidung von Männern und Frauen und gibt dem Text wenig Platz für die Folgen von Mehrfachdiskriminierung. Die besonderen Bedrohungen und Hindernissen denen trans Frauen und Männer oder nicht-binäre Personen ausgesetzt sind, finden keinen Platz. Auch die Hautfarbe spielt bei Scott lediglich eine untergeordnete Rolle. Zwar führt sie für Südafrika die Unterschiede der schwarzen und weißen Bevölkerung exemplarisch an, aber für die USA oder Europa wird nicht darauf eingegangen, dass weiße Frauen strukturell in einer besseren Situation sind als Women of Color. Das ist bedauerlich, da Scott ansonsten sehr genau auf die unterschiedlichen akuten Bedürfnisse von Frauen in unterschiedlichen Regionen der Erde (wie zum Beispiel: Ländern in sub-Sahara Afrika vs. Europas) eingeht, ohne diese gegeneinander auszuspielen, oder die Kämpfe der jeweiligen Frauen zu hierarchisieren.

Eine andere Kritik, der sich Scott regelmäßig ausgesetzt sieht (zuletzt etwa durch Meredith Haaf in der Süddeutschen Zeitung) ist ihr Wirken innerhalb der bestehenden kapitalistischen Strukturen. Immer wieder muss sie sich für ihre Zusammenarbeit mit multinationalen Konzernen wie Walmart oder dem Kosmetikunternehmen Avon rechtfertigen. Scott ist dort Mitglied in Kommissionen, die eingesetzt werden, um die Bemühungen zur Förderung von Frauen innerhalb der Unternehmen oder deren Vertriebsketten zu evaluieren und zu verbessern. Dieser Kritik, die die Autorin in ihrem Text selbst aufgreift, liegt der Gedanken zugrunde, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder man ist für oder gegen das gegenwärtige kapitalistische System. Dass es aber möglich ist, das aktuelle Wirtschaftssystem mindestens in Teilen abzulehnen, sich aber dennoch innerhalb des Systems dafür einzusetzen, die Lebensumstände von Menschen zu verbessern, wird anscheinend negiert. Scott geht es allerdings nicht darum, konkrete Aussage darüber zu machen, wie für sie ein ideales Wirtschaftssystem aussehen würde (abgesehen davon, dass in so einem System alle Menschen den gleichen Zugang zu Ressourcen haben müssen). Vielmehr geht es ihr darum, konkrete Möglichkeiten aufzuzeigen, um die reale Lebensqualität von Millionen von Frauen zu verbessern. Man muss den Kapitalismus nicht lieben, um das als ein wünschenswertes Ziel anzuerkennen.

Der Frauenatlas

Eine perfekte Ergänzung zu Scotts Buch ist in vielerlei Hinsicht Der Frauenatlas von Joni Seager. 1987 erschien der Frauenatlas der US-amerikanischen Geografin erstmals in den USA und wurde seitdem unregelmäßig mit aktualisierten Daten neu aufgelegt. 2020 erscheint, ebenfalls bei Hanser die längst überfällige deutschsprachige Version der aktuellen Auflage (in der Übersetzung von Renate Weitbrecht und Gabriele Würdinger). Seager gelingt es, auf fast 200 Seiten und mithilfe von über 150 Infografiken und Karten ein umfassendes Bild der Situation von Frauen auf der Welt zu zeichnen und dabei so wenig verallgemeinernd zu werden wie möglich.

Doch wenn wir etwas aus den modernen feministischen Bewegungen gelernt haben, dann das tatsächlich bestehende Unterschiede zwischen Frauen nicht durch pauschale Verallgemeinerungen verschleiert werden dürfen. Diese Unterschiede zeigen sich an den Bruchlinien von Race, Alter, Sexualität, Religion, Gesellschaftsschicht und Herkunftsland.

So widmet Seager einem Abschnitt explizit der schwierigen Datenlage, sobald die Weltsicht eines binäres Geschlechterverhältnis aufgegeben wird. Durch die Vermittlung der zahlreichen Fakten mithilfe von Infografiken und Karten ist es Seager möglich, differenziert vorzugehen und immer wieder besondere Situationen hervorzuheben. Ergänzt und eingeordnet werden diese Zahlen durch kurze Texte, die enorm zum Verständnis, gerade einiger komplexerer Zusammenhänge, beitragen. Der Frauenatlas zeigt dabei nicht nur die Defizite, sondern präsentiert auch Fortschritte in den Bemühungen der letzten dreißig Jahre. Ohne dabei einen Zweifel aufkommen zu lassen, wie viel Arbeit noch vor uns liegt, bis eine gerechte Welt für Männer und Frauen erreicht ist.

An zwei Beispielen lässt sich das Vorgehen im Frauenatlas illustrieren. In einer Weltkarte stellt Seager etwa die Gesetzeslage bei Abtreibungen für jedes Land dar. Anschließend setzt sie die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche mit den Gesetzen in Beziehung, um so zu zeigen, dass das Verschärfen von Abtreibungsgesetzen nicht zu weniger Abtreibungen führt. Ganz im Gegenteil, je einfacher und sicherer der Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen ist, desto weniger gibt es. In einem anderen Abschnitt setzt sich die Autorin mit dem weltweiten Analphabetismus auseinander. Nach wie vor ist ein großer Teil der Analphabet*innen weiblich (ca. zwei Drittel), leichte Fortschritte gibt es bei der Alphabetisierung von Frauen dennoch. Zwischen 1990 und 2014 hat sich der globale Anteil der Frauen, die lesen und schreiben können von 69% auf 82% erhöht. Getrieben wird diese Entwicklung durch den besseren Bildungszugang für Mädchen in vielen afrikanischen Ländern. So wuchs der Anteil im Senegal von 17% auf 44%, auf den Kapverden von 53% auf 85% und in Burundi von 28% auf 83%.

Ergänzend dazu stellt Seager außerdem Daten über den funktionalen Analphabetismus in den USA bereit, wo die Lesekompetenz von ca. 36. Millionen nicht über das Niveau der 3. Klasse hinausgehen. Hier existiert keine Gender-Lücke mehr, dafür wird auf die Diskriminierung von Minderheiten verwiesen. Schwarze und Hispanics sind in den USA drei bis vier Mal so häufig von funktionalem Analphabetismus betroffen wie Weiße. Wo die zahlreichen Daten in Das weibliche Kapital teilweise erschlagend wirken (was der Form des Textes geschuldet ist), ist Der Frauenatlas eine ideale Datensammlung weil er, in verschiedene Ober-Kategorien unterteilt (über Bildung, Recht auf körperliche Selbstbestimmung bis hin zu Macht und Besitz), übersichtlich den Status Quo aufbereitet.

Eine misogyne Disziplin

Es gibt noch eine weitere Lesart der beiden Bücher, die über den Appell für die Gleichberechtigung der Frauen hinausgeht: Eine Kritik an der Ignoranz der Wirtschaftswissenschaften. Ein Beispiel mit dem Scott in Das weibliche Kapital einführt, ist die Debatte um Sexismus innerhalb der Wirtschaftswissenschaften, die 2017 und 2018 vor allem in den großen amerikanischen Zeitungen geführt wurde (etwa in diesen lesenswerten Texten von Elizabeth Winkler und Diane Coyle). Ausgelöst wurde sie durch die Abschlussarbeit der Berkeley-Absolventin Alice Wu. Wu hatte Millionen von Postings eines anonymen Forums analysiert, auf denen sich Studierende der Wirtschaftswissenschaften über Jobs und Job-Gerüchte austauschen konnten. Sie analysiert, ob sich die Sprache, in der über weibliche oder männliche Wissenschaftler*innen geschrieben wurde, signifikant voneinander unterscheide. Die drei häufigsten Wörter in Bezug auf Frauen waren „Hotter“, „bb“ (als Kurzform für „baby“), „Lesbian“ (gefolgt von Begriffen wie „Feminazi“ oder „anal“), bei den Männern waren es „Mathematician“, „Pricing“, „Adviser“.

Diese Missachtung von Frauen in den Wirtschaftswissenschaften ist kaum verwunderlich. Die Disziplin weigert sich seit über einem Jahrhundert die unterschiedlichen Voraussetzungen für Männer und Frauen an der Wirtschaft teilzuhaben, in ihre Modelle zu integrieren. Es ist umso unverständlicher, da die Kritik, die sich die Volkswirtschaftslehre oft öffentlich gefallen lassen muss, fast banal erscheint. Wenn in der Öffentlichkeit die VWL kritisiert wird, fallen schnell Sätze wie „der Markt regelt alles“ als vermeintliches Mantra der Ökonom*innen, obwohl in jedem Grundstudium „Marktversagen“ als Teil der Wohlfahrtsökonomie gelehrt wird.

Auch der „Homo Oeconomicus“ muss immer wieder herhalten, als vermeintlicher Beweis der disziplinären Realitätsferne, obwohl er, wenn er denn überhaupt noch verwendet wird, einzig eine Erleichterung für Berechnungen ist und als Baseline fungiert (nach dem Motto: „Wenn es für den Homo Oeconomicus schon nicht funktioniert, funktioniert es für nicht rationale Agenten erst recht nicht“). Die Annahme der rationalen Individuen und perfekten Märkte ist eher etwas, das neoliberale Nachwuchspolitiker*innen auf Twitter für bare Münze nehmen, aber nichts, das in der internationalen Ökonomie ernst genommen wird. Wohingegen die Unterschiedslosigkeit im Zugang zu Ressourcen von Mann und Frau ein kaum infrage gestelltes Faktum der VWL ist. Es herrscht weiterhin die Meinung, dass zwei Individuen, die sich gleich verhalten (wenn auch eventuell irrational) am Markt (der durchaus Versagen kann) die gleichen Ergebnisse erzielen. Eine absurde Vorstellung.

Wenn Scott “Das weibliche Kapital” von der Gleichstellung der Frau als dem größten vorhandenen Wachstumsbeschleuniger spricht, dann tut sie das nicht in dem Glauben an das Allheilmittel des ständigen Wirtschaftswachstums (ganz im Gegenteil). Vielmehr hält Scott der Wirtschaftswissenschaft den Spiegel vor. Eine Disziplin, deren Mitglieder das Wachstum von Volkswirtschaften noch allzu oft als wichtigstes Maß zur Messung gesellschaftlichen Fortschritts und Wohlstands nutzen, ignoriert freiwillig den potenziell größten Wachstumsfaktor.

In den letzten 30 Jahren gab es durchaus Forschungen dazu, Gender-Spezifikation in ökonomische Modelle zu integrieren, aber diese Ansätze der “feminist economics” [3] sind weit davon entfernt, reale Auswirkungen darauf zu haben, wie einflussreiche ökonomische Modelle heute gelehrt oder angewendet werden. Das Frauen systematisch schlechteren Zugang zu allen Märkten haben als Männer wird aus allen populären Modellen wegrationalisiert. Meistens, weil dieses Problem von den entsprechenden Wissenschaftler*innen negiert wird. Mit dem Argument, dass Frauen, die sich wie Männer verhalten, auch die gleichen Erträge haben würden wie Männer, wird das Problem von Anfang an in das Reich der Mythen verbannt. Die Schuld wird, wie so oft in der Geschichte, bei den Frauen selbst verortet.

80 aus 85

Die Ursache dieses Problem ist offensichtlich. Die Wirtschaftswissenschaften, angefangen bei Adam Smith über John Maynard Keynes bis zu Paul Krugman sind eine Wissenschaft von weißen Männern für weiße Männer. 80 der 85 Preisträger des Nobel Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften sind weiße Männer. Lediglich die beiden in Indien geborenen Amartya Sen und Abhijit Banerjee, der Schwarze Ökonom William Arthur Lewis und die beiden einzigen weiblichen Gewinnerinnen Elinor Ostrom und Esther Duflo durchbrechen diese Riege. Nun mag man argumentieren, dass dieser Preis sowieso irrelevant ist, aber er bestimmt zum einen immer noch, welche Stimmen in der öffentlichen Debatte um ökonomische Fragen gehört werden und ist zum anderen ein Indikator dafür, wessen Forschungen als relevant betrachtet wird. In dieser einseitigen Perspektive liegt das größte Problem der Wirtschaftswissenschaften im 21. Jahrhundert.

Dass dieses System lange Daten produziert hat, die nicht die tatsächliche Situation von Frauen widerspiegeln, verwundert kaum. Zumal sie von Forscherinnen oder Schwarzen Ökonom*innen wesentlich mehr verlangt als von ihren weißen, männlichen Kollegen. Will eine Schwarze Ökonomin systematische Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen oder Männer und Frauen in Modellen etablieren, so bräuchte sie neben ihrer ökonomischen Expertise unter anderem auch eine anthropologische und/oder politikwissenschaftliche, um die Relevanz ihres Anliegens überhaupt erst einmal zu begründen. Nur wenn sie diese Expertise in anderen Disziplinen nachwiese, würde ihr eventuell zugehört. So geht es auch Linda Scott. Es hätte nicht gereicht, wenn sie in ihrem Buch die Ungleichbehandlung von Frauen als Tatsache vorausgesetzt hätte, um sich anschließend auf Lösungsvorschläge zu konzentrieren. Sie musste zuerst belegen, dass das Problem existiert und nicht durch die freien Entscheidungen von Frauen ausgelöst wird und dann zahlreiche absurde und pseudowissenschaftliche Argumente zu vermeintlich natürlichen Unterschieden zwischen Männern und Frauen widerlegen, um zu ihrem eigentlichen Punkt zu kommen.

Und darin liegt vielleicht die größte Stärke und Leistung der Bücher von Scott und Sears – dass sie diese Arbeit zukünftigen Forscherinnen abgenommen haben. Beide liefern eine so große Menge an wissenschaftlichen Belegen und Daten, dass sie nicht einfach mit einem „Männer und Frauen sind von Natur aus unterschiedlich“ oder „der Gender Pay Gap existiert nur, weil Frauen sich schlechter bezahlte Berufe aussuchen“ [4] abgetan werden können. Das macht sie zu Texten, deren Wert in der öffentlichen Debatte um die wirtschaftliche Situation und Gleichberechtigung von Frauen nicht unterschätzt werden darf.

[1] Ich verwende an dieser Stelle den Begriffe Low Income Länder anstelle von den diskriminierenden Begriffen „Entwicklungsländer“ oder „3. Welt Länder“. Es gibt in der ökonomischen Praxis feste Grenzen die Länder anhand des BIP pro Kops in Low-Income Countries, Middle-Income Countries und High-Income Countries einteilen. Diese Begriffe sind sowohl wissenschaftlich genauer und reproduzieren keine Stereotype von „unterentwickelten“ Ländern. Ich ermutige jede*n in Zukunft ebenfalls auf diese Begriffe zurückzugreifen.

[2] Die Daten stammen aus Linda Scotts „Das Weibliche Kapital“ oder Joni Seagers „Der Frauenatlas“. Davon abweichende Quellen sind weiter unten aufgeführt.

[3] 1988 veröffentlichte die neuseeländische Ökonomin Marilyn Warin “If Women Counted” und begründete damit die “feminist economics”. Seit den 90er-Jahren gibt es verstärkt Arbeiten, die aufzeigen wo die Wirtschaftswissenschaften einen Gender-Bias haben, welche negativen Folgen dieser hat und wie er adressiert werden könnte. Nilüfer Çagatay, Myra Strober, Alisa McKay, Nancy Folbre und Julie A. Nelson gehören zu einigen der relevantesten Ökonominnen der feministischen Wirtschaftswissenschaften. Bezeichnend für den Stand der deutschen Debatte diesbezüglich ist, dass es nicht mal einen deutschsprachigen Wikipedia-Eintrag zu dieser Disziplin der VWL gibt.

[4] Was den Gender Pay Gap angeht, ist das die wohl beliebteste Ausrede, um ihn zu negieren. Tatsächlich ist die Kausalität aber andersrum. Berufe, die vor allem von Frauen ausgeführt werden, werden schlechter bezahlt. Treten in einen Beruf, der vormals von Männern dominiert wurde, mehr Frauen ein, sinkt der Lohn.

Zusätzliche Quellen:

The World Bank, 2018, „Unrealized Potential: The High Cost of Gender Inequality in Earnings“

Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Röhl/Schmidt, 2010, „Unternehmensnachfolge durch Frauen“

https://www.oxfam.de/ueber-uns/aktuelles/oxfams-studie-sozialer-ungleichheit-12-milliarden-stunden-arbeit-ohne-bezahlt

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Queere Literatur ist politische Literatur [Queering Literaturbetrieb]

Queering Literaturbetrieb
In den letzten Jahren ist ein Trend queerer Literatur auszumachen, in Übersetzung feiern Autor*innen wie Ocean Vuong, Maggie Nelson oder Edouard Louis große Erfolge. Dennoch haben queere Autor*innen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, aber auch im Literaturbetrieb, immer noch zu wenig Präsenz und Mitspracherecht. Diskriminierung, Sexismus, LGBTIQ+-Feindlichkeiten und Ignoranz gehören leider weiterhin zum Alltag. Die neue Kolumne Queering Literaturbetrieb widmet sich in kurzen Essays den Dissonanzen zwischen Literaturproduktion und Verlagswesen. Sie fragt nach dringlichen Themen und Diskursen innerhalb der Gruppe der queeren Schreibenden. Eva Tepest, Katja Anton Cronauer, Kevin Junk und Alexander Graeff haben sich als Autor*innen zusammengeschlossen, um mit dieser neuen Kolumne den aktuellen Wasserstand der queeren, deutschsprachigen Literatur auszuloten. Sie wollen mit ihren Essays individuelle Erfahrungen aus den verschiedenen Berufs- und Lebensrealitäten zusammentragen und zugleich ein größeres Bild von aktuellen Chancen, Ambivalenzen und Missständen aufzeigen.

 

Eine Kolumne von Alexander Graeff

 

Eintritt in eine neue Welt

Als ich vor 15 Jahren meine erste Erzählung veröffentlichte, war das für mich der Eintritt in eine neue, zuvor verschlossene Welt. Ich war ein Glückspilz, denn ich hatte nur vier Jahre, nachdem ich nach Berlin geflohen war, einen Verlag gefunden, der mit meinen frühen literarischen Versuchen etwas anfangen konnte.

Mein Verleger schien außerdem Interesse an meiner Person zu haben. Er lud mich auch privat ein, wie ich es damals in meiner Unsicherheit bezeichnete. Es folgten eine Reihe sakraler Lesungsveranstaltungen in schicken Mitte-Clubs und – für meine Verhältnisse – großbürgerliche Abendessen mit anschließenden Diskussionen über Gott und die Welt im Raucherzimmer.

Da ich mir mit einem Philosophiestudium zwei Jahre zuvor einen Jugendwunsch erfüllt hatte, kannte ich akademisches Sprechen bereits aus dem Studium. Was die Gäste besagter Abendessen und die anderen Autor*innen in den schicken Mitte-Clubs aber mit Sprache anstellten, faszinierte mich ebenso wie es mir unüberwindliche Barriere war. Meine eher bildungsferne, kleinbürgerliche Herkunft und mein Aufwachsen in der Provinz versuchte ich möglichst zu verstecken. Ich bemühte mich, halbwegs Hochdeutsch zu sprechen und die durch meinen Dialekt verunstaltete Grammatik zu korrigieren, bevor mir das Gepolter aus dem Mund geflogen kam. Die Empfehlung meines Verlegers, eine Sprechausbildung zu beginnen, fühlte sich anfangs zwiespältig an.

Heteronormative Verfugung

Von sichtbarer Queerness, für die Berlin in der ganzen Republik ja bekannt war und ist, konnte in diesen Kreisen nicht die Rede sein. Die Gesellschaft, in die ich eintauchte, war durch und durch heteronormativ verfugt. Die wenigen offen schwulen oder noch weniger lesbischen Autor*innen in der Peripherie stellten keinen wirklichen Bruch mit dieser Struktur dar – ganz im Gegenteil. Durch diese Gegenbeispiele fühlte sich die Mehrheit in der Norm erst bestätigt.

Ich passte weder ins heterosexuelle Bild, was andere wahrscheinlich von mir hatten, noch taugte ich als schwules Gegenbeispiel. All das Wissen von heute über die Eigenständigkeit nicht-monosexueller Orientierungen, über Bisexual Erasure, Bi+- und Pansexualität oder Polyamorie besaß ich damals noch nicht. Einmal mehr fehlten mir die Worte, um das Bild, was sich andere von mir machten, korrigieren zu können. Das betraf meine sexuelle Orientierung ebenso wie die Klasse meiner Herkunft. Allein, dass ich als Mann Schmuck trug, löste schon eigenartig verklemmte Belustigung aus, meine Tätowierungen versuchte ich, wo es ging, zu verbergen. Die Dominanz traditioneller und distinguierter Haltungen in jener jungen Berliner Literaturszene, in der ich mich fortan bewegte, änderte sich auch nicht, als ich Jahre später den größeren Literaturbetrieb kennenlernte. Auch als – nach zwei Jahren Sprechausbildung – erste Lesereisen und Präsentationen auf der Leipziger Buchmesse folgten, blieb das Berliner Umfeld unverändert. Einzige Lichtblicke für mich waren ein paar queere und sehr kollegiale Autor*innen und Verleger*innen, die ich auf der Messe kennenlernte. Beziehungskonstellationen jenseits der Ehe oder nicht-heterosexuelle Orientierungen waren im Berliner Kreis aber weder Themen unserer Gespräche noch kamen sie in der Literatur vor.

In den Siebzigerjahren geboren, war ich im Schnitt fünf bis acht Jahre älter als die anderen Autor*innen und Verleger*innen, mit denen ich in Berlin zu tun bekam. Warum ich mit Mitte 30 noch nicht verheiratet sei, wollte man wiederholt von mir wissen. Jahre später gefolgt von der Frage, warum ich mit 40 immer noch kinderlos sei. In dieser neuen Welt, die ich betreten hatte, traf ich auf Achtzigerjahrgänge, die bürgerlicher waren als meine Eltern. Dass die jungen Menschen dieses Kreises bereits mit Anfang 20 souverän über Buchmessen stolzierten, Verlage gründeten und reflektierte Bücher veröffentlichten, war natürlich ohne ihre bildungsbürgerliche Herkunft undenkbar. Es ging gar nicht so sehr um ökonomisches Kapital, das die Eltern ungern in die verrückten Projekte ihrer Kinder stecken wollten, vor allem war es das kulturelle und symbolische Kapital, was ihnen den Mut und die Sicherheit bescherte, solche großen Schritte trotz der wenigen Lebensjahre zu wagen.

Surreale Literatur

Über die Jahre arbeitete ich an meiner literarischen Stimme und widmete mich natürlich auch den ‚klassischen‘, kulturellen Beständen, die mich reizten, die ich aber immer gebrochen sehen wollte. Gleichzeitig wollte ich die herkömmliche Wahrnehmung von Welt nicht radikal ablehnen, sie doch aber herausfordern und nicht einfach nur mit meiner Literatur aktualisieren. So entwarf ich zahlreiche Parallelwelten, bürgerliche ebenso wie phantastische und utopische. Ich wollte auch problematische Figuren schaffen: brutale Väter, faschistische Großväter, unterdrückte Mütter, mythisierte Töchter, triumphierende Göttinnen, suizidale Söhne. Das war meine Art, nicht nur affirmativ mit griechischen oder ägyptischen Mythen, Literatur- und Kunstgeschichte oder Religionen umzugehen.

Als in einer Rezension meines ersten Erzählbandes Gedanken aus Schwerkraftland (2007) von surrealer Literatur gesprochen wurde, fand ich diese Wendung so treffend, dass ich sie bis heute verwende. Das war es, was ich wollte: Schreiben gegen den naiven Realismus, Schreiben gegen die problematischen (Erzähl-)Strukturen im Mythos, Schreiben gegen die Normen. Und ich musste schreiben über meine eigene Sozialisation und Herkunft, was bedeutete, über Gewalt zu schreiben, vor allem über sprachliche Gewalt und Sprachlosigkeit.

Das Private ist politisch

Ich verstand meine Literatur damals zwar als kritisch und surreal, aber immer noch nicht als politisch. Die psychosozialen Zugriffe schienen mir plausibler. Wieder war es mein Verleger, der mich auf den Gedanken brachte, dass die literarische Verarbeitung der Biografie (heute würde man es autofiktionales Schreiben nennen) auch politisches und selbstermächtigendes Potenzial habe. Das Private ist politisch. Aus anderen Kontexten kannte ich das Motto bereits. Zögerlich freundete ich mich mit dem Gedanken an, dass mein Schreiben die herkömmliche literarische Reflexion meiner Ego-Perspektive übersteigen könnte und widmete mich diesem Zugriff in meinem zweiten Buch Minkowskis Zitronen (2011).

Es dauerte noch einmal drei Jahre, dann entschied ich mich, auch jenseits des eigenen Schreibens politischer zu werden. Das bedeutete, gerade in dieser bildungsbürgerlichen, heteronormativen Welt des Literaturbetriebs soziokulturell aktiv werden zu müssen. Das war der innere Beweggrund. Es gab auch einen äußeren. Die gesellschaftspolitischen und später parlamentarischen Veränderungen in Deutschland machten die Sache dringlich, denn so viel wusste ich aus der Geschichte dieses Landes: Das Bürgertum mit seiner Tendenz, abweichende Teile des sozialen Miteinanders unsichtbar zu machen, ermöglichte erst den Aufstieg rechtsnationalistischer und faschistischer Projekte und Parteien. Es war fast so, als ob der immer dringlicher werdende Kampf gegen die politischen Unsäglichkeiten wie AfD, Demo für alle, PEGIDA & Co. in meine Literatur drängte. Nicht ich wählte diesen Kampf als Thema, er wählte mich und meine Literatur.

Anti-queere Struktur trotz des angeblichen Trends

Seit ich mich für mehr Sichtbarkeit queerer Autor*innen und Stoffe im Literaturbetrieb einsetze, hat es Gegenwind gegeben. Zu glauben, dass sich nach zehn Jahren etwas Grundlegendes geändert haben könnte, war naiv. Ein bisschen Bewegung kam in den Betrieb, Konzepte wie „Literatur als soziale Praxis“ z. B. entstanden. In den letzten Jahren wurde sogar von einem Trend queerer Literatur gesprochen. Übersetzungen von Ocean Vuong oder Edouard Louis erschienen in großen Verlagen, wurden von der Kritik gefeiert und queere Klassiker wie Eileen Myles endlich ins Deutsche übersetzt. Und doch ist die Präsenz queerer Autor*innen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur immer noch bescheiden.

Die Reaktionen einiger meiner Leser (es waren tatsächlich nur cis-männliche), die wohl dachten, ich knüpfe mit meiner Literatur und der Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte, Mythologie und Religionen an die kulturellen Arrangements patriarchaler, familialistischer und ethnozentristischer Sinnbezüge an, waren geprägt von Verwirrung und Enttäuschung. Ich sprach und schrieb jetzt nämlich über meine eigene Literatur, wie ich sie deute. Das hatte ich mich vorher nicht getraut. Die Enttäuschungen waren groß. So groß, dass ich Schimpftiraden per Email oder anderes Getrolle auf den Social Media-Präsentationen meiner queeren Projekte, wie z. B. der Lesereihe „Schreiben gegen die Norm(en)?“, über mich ergehen lassen musste.

Die direkten Reaktionen hätte man erwarten können. Es gab aber auch subtile. Welche, die anti-queeres Potenzial unterschwellig deutlich werden lassen; welche, die strukturell begründet sind durch Institutionen, Medien, Sprache und Mentalität. Einstellungen, die so fest zementiert und naturalisiert sind, dass sie trotz oberflächlicher Offenheit gegenüber von der Norm abweichenden Positionen und Literaturen (siehe Tokenismus), scheinbar keine Reflexion, ja nicht mal Wahrnehmung möglich machen.

Kulturelle Selektionsprozesse in Deutschland

Das sind dann die Situationen, in denen ein linker Berliner Verleger, der sonst um differenzierte Sprache und sozialphilosophische Sensibilität bemüht ist, Menschen mit nicht-heteronormativer Orientierung als „Gender“ bezeichnet und auch nach mehrmaligen Nachfragen meinerseits keine Stellung dazu bezieht. Oder, wenn ein Buchhändler bei einem großen Publikumsverlag anfragt, was im Klappentext eines Spitzentitels das Wort „queer“ bedeute und warum der Verlag ein so unbekanntes Wort verwende. Dieses Verhalten ist fester Bestandteil kultureller Selektionsprozesse in Deutschland. Etwas, was feministischen, queeren, jüdischen und (post-)migrantischen Positionen kulturbedingt seit eh und je widerfährt: dass sie unsichtbar gemacht werden.

Die kulturimmanente deutsche Marginalisierung zeigt sich auch an einer Erfahrung, die eine befreundete Berliner Jurorin in der Sitzung eines renommierten Verlagspreises machte. Eine im Literaturbetrieb gut situierte Mitjurorin kommentierte das queere Buchprogramm des Berliner Querverlags mit „das will doch niemand lesen“. Meine Freundin, selbst Autorin, die queeres Engagement in der Literatur unterstützt, hatte den seit 1995 bestehenden Querverlag für den Preis vorgeschlagen. Selbst ausgeprägte und über Jahre hinweg bewährte, progressive Strukturen schützen also nicht vor der Unsichtbarmachung durch die hegemoniale Mehrheitsmeinung bestimmter literaturbetrieblicher Instanzen und mächtiger Entscheider*innen.

Was leider auch nicht schützt, ist die Zugehörigkeit zur queeren Community. Zugegeben, diese Community ist heterogen, man kann nicht unbedingt Solidarität erwarten, auch wenn sie für die politische Meinungsbildung so wichtig wäre. Wenn man aber von einem Herausgeber zu hören bekommt, dass er ungern zur „besseren Frauenbeauftragten mutieren“ wolle, nachdem man nach der Geschlechterverteilung der Autor*innen einer queeren Anthologie gefragt hat, ist einfach nur entmutigend. Was mich ebenso immer wieder verwundert, sind Strukturen, die seitens (pro-)queerer Verwerter*innen auf den einkalkulierten Ausschluss von Personen des sogenannten Milieus der unteren Mitte setzen. Wenn Buchpräsentationen – die meistens nichts weiter als Marketingveranstaltungen für das neu erschienene (queere) Buch sind – bewusst in distinguierten Locations des sogenannten sozial gehobenen Milieus veranstaltet werden, ausschließlich in englischer Sprache stattfinden und der Eintrittspreis 15 Euro beträgt.

Kultur ohne Vagheit und Variabilität ist nicht denkbar

Nach wie vor setzen sich also die Abgrenzungen vom jeweils signifikant Anderen durch. Identitäten haben zwar Konjunktur, viel zu selten werden sie aber als Ansammlung unterschiedlicher Verortungen unter anderen Verortungen betrachtet. Das gilt auch für den Literaturbetrieb. Wer einmal in einem Genre schreibt, schreibt in der Regel immer in diesem Genre. Wer verwertend tätig ist, hat es schwer, auch produzierend tätig werden zu können. Wer queer ist, kann nicht auch noch feministisch sein oder migrantisch oder aus Ostdeutschland oder jüdischen oder christlichen Glauben haben. Das sind doch viel zu viele Merkmale! Es überfordert.

So wie Verleger*innen, Lektor*innen, Buchhändler*innen und Leser*innen von allzu viel Diversität angeblich auch überfordert sein sollen: Von homosexuellen Figuren in Romanen, die eine Hauptrolle spielen oder kein Interesse an Sex haben. Oder von Erzählungen, deren narratologischer Aufbau nicht dem mythischen Prinzip der maskulinen Heldenreise entspricht, in der Bisexualität bloß ein Abenteuer ist, das durch die heldenhafte Entscheidung für Heterosexualität überwunden werden muss. Die Literatur ist auch in dieser Hinsicht kulturelles Symbol für einen alles durchdringenden Entscheidungszwang. Da wundert es nicht, dass auch jene Texte angeblich überfordern, in denen die Pronomen „sie“ und „er“ fehlen.

Das alles sind Mythen und Klischees. Kultur ohne Vagheit und Variabilität ist doch gar nicht denkbar. Menschen ohne Vagheit und Variabilität sind nicht denkbar. Dabei braucht man vor Identitäten ja keine Angst zu haben. Gefährlich werden sie nur, wenn sie sich nicht verändern, sondern starr bleiben, wenn sie nicht floaten oder strayen. Sozialwissenschaftlich gesehen sind Identitäten streunende Hunde, die ins Wasser gefallen sind und nun hierhin und dorthin treiben. Ab und zu rudern sie beherzt mit den Vorderbeinen, um starker Strömung zu begegnen oder Untiefen zu umschwimmen. Das ist die Bewegung menschlicher Identitäten im Verlauf der Biografie, der empirisch belegte Normalfall. Und doch wird in weiten Teilen immer noch am singularistischen Identitätsmythos und an anti-pluralistischen Erzählhaltungen festgehalten.

Queere Figuren und Stoffe besitzen genauso Identifikationspotenziale wie heterosexuelle Charaktere, Literatur über „weibliche Körper“ ist genauso relevant (vor allem dringlich) wie der einseitige Kanon der Literatur über „männliche Körper“. Literatur ist auch dann spannend und interessant und unterhaltsam, wenn sie sich kritisch mit sozialen Normen, gesellschaftlichen Machtgefügen, mit Klassismus, Rassismus oder Zweigeschlechtersystem auseinandersetzt, oder sich literarischen Kategorisierungen und Klassifizierungen entzieht.

Ich werde oft gefragt, was queere Literatur eigentlich genau sei. Was sie ist, interessiert mich nur zweitrangig. Was sie sein könnte, finde ich fruchtbarer für mein Denken. Queer ist für mich vor allem ein bestimmtes Denken. Und das bedeutet immer mehr als nur der Verweis auf von der Norm abweichende Geschlechter, Geschlechtsidentitäten oder sexuelle Orientierungen. Ich denke queere Literatur als zeitgemäße politische Literatur. Das könnte sie sein – ohne selbst Politik sein zu wollen oder politische Symbole statt künstlerischer Symbole zu verwenden. Queere Literatur stört den hegemonialen Symbolkanon durch die Geschichten der bisher Ungehörten, sie macht die Strukturen und sozialen Verfugungen sichtbar, sie ermöglicht kritische Unterhaltung.

 

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Podcast-Kolumne: “Outward”

von Svenja Reiner

 

In der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, gab es keine queeren Menschen. Das ist natürlich Unsinn. In der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, gab es mit großer Sicherheit queere Menschen, ich wusste es nur nicht.  Auch meine Schule erscheint mir rückblickend als ausschließlich heteronormativer Ort, an dem die meisten Schüler:innen sowieso nicht verpartnert waren und Sexualität, wenn sie denn Thema wurde, weiß, heterosexuell und monogam gedacht war. In der Stadtbibliothek lieh ich dicke Fantasybücher von Kai Meyer oder Philip Pullman aus, im Fernsehen verfolgte ich die Rollen von Wolke Hegenbart (Mein Leben und ich) und Pegah Ferydoni (Türkisch für Anfänger) und selbst wenn ich zu Serien wie The L World oder Buffy geschaltet hätte, bezweifle ich, dass mir Homosexualität, Queerness und Queer Culture nicht doch als etwas diffus Anderes erschienen wären.

Den Unterschied zwischen sex und gender, die Buchstaben des Akronyms LGBTQIA+ oder die Bedeutung der Regenbogenflagge lernte ich erst in meinem Studium kennen und mittlerweile gibt es queere Personen in meinem Freund:innenkreis. Trotzdem bewerte ich mein Wissen über Queere Künste, Geschichte und Literatur bis heute als sehr defizitär. Ein Podcast, der mich extrem weitergebildet hat, ist Outward, der (mittlerweile) von Christina Cauterucci, J. Bryan Lowder und Rumaan Alam moderiert wird. 

Ähnlich wie seine große Schwester The Waves: Gender, Relationships Feminism ist Outward kein lustiger Laberpodcast sondern eine präzise Produktion mit redaktionell recherchierter Agenda, Hintergrundinformationen und kritischen Nachfragen. Die große Stärke der drei Journalist:innen ist dabei, weder verkrampft noch trocken zu referieren. Outward der monatliche queere Salon von drei  LGBTQIA+-Intellektuellen,  von denen man unbedingt eingeladen werden möchte um dann beeindruckt lauschend in der Ecke zu sitzen. Neben einer guten Portion Queer History (Remember, Stonewall was a riot!), mochte ich vor allem die Folgen zu Queer Families, die Wohn- und Lebensgemeinschaften über die normative Kernfamilie hinausdenkt, oder die Diskussionen des Trios zu queerer Representation in Kinofilmen. 

Da gibt es beispielsweise die exclusively gay moments von Hollywoodfilmen wie Die Schöne und das Biest (2017) oder in Star Wars: Der Aufstieg Skywalkers (2019), die Lowder wie folgt kritisiert: “It is absurd to think that any queer person anywhere is like: ‘Oh, god, I feel so seen by these two extras in this billion dollar Star Wars Movie kissing for one fifteenth of a second on screen!’”. Alam vermutet, dass gerade Initiativen wie GLAAD, die die lesbische, schwule und bisexuelle Figuren zählen, zu dieser Form der Darstellung beigetragen haben: Ob eine queere Person für 20 Sekunden oder 20 Minuten zu sehen ist, welcher Anteil ihr in der filmischen Narrative gegeben wird, ob sie stimmlos bleibt oder agency entwickelt – all das wird in dieser Form der Erhebung nicht berücksichtigt. Pro queerem Auftritt bekommt der Film, klassischerweise vor dem Erscheinungsdatum, einen zusätzlichen Credit und gilt folglich als besonders divers

Aktuell gibt es 30 Outward-Folgen in einstündiger Länge. Wer nicht so viel Zeit beim spülen oder spazieren gehen hat, dem empfehle ich die Episode zu Queerer Spiritualität in der Astrologie als besonderer Schnittpunkt zwischen verbindenden Narrativen, strukturierender Sinngebung und flexibler Bedeutungsmuster erklärt wird; die Folge zu Queerem Leben jenseits der großen Metropolen und die beiden Ausgaben über queere Sexualität während der Pandemie und bzw. Asexualität. Eine besondere Leistung dieses Podcasts ist, dass er sich für heterosexuelle Personen zugänglich ist, sich aber grundsätzlich an eine vielfältige, queere Community richtet. Oktober war Queer History Month und ich vermute, dass viele von uns in diesem Thema Nachhilfe brauchen. Also: Put this on your gay agenda.

Care-Collage: Morsezeichen zwischen Fürsorge und Text

von Barbara Peveling

“Standing in the light of your halo
I got my angel now”
LP

Eins ist die erste Woche mit Kindern im Stipendium. Sie kommen, um zu bleiben. Wie das so ist mit Kindern. Corona hat die Vereinbarkeitslüge endgültig sichtbar gemacht. Was bleibt sind die Kinder und ich.

Der Engel ist schon da. Mit weit ausgebreiteten Flügeln geht er durch die Räume und lächelt. Die Haare fallen ordentlich und gerade auf den Rücken, wie Regen, der in langen Tropfen vom Himmel fällt. Er trägt eine Schürze. Der Engel ist schon so lange da. Er hat kein Geschlecht, aber wenn ich ihm eines zuschreiben würde, dann das einer Frau. Der Engel hat das Haar, die Finger, das Lächeln, und auch den gütigen Blick einer Frau.

Der Engel widerspricht und sagt, dass er weder Mann, noch Frau ist, sondern die Liebe selbst. Ich schaue ihn an, prüfend, und wende ein, dass Convetry Patmore ihn aber bereits im viktorianischen Zeitalter als Frau beschrieben hat. Eben die, die das Haus zusammenhält. Er lächelt, zuckt mit den Schultern und wirft einen abschätzigen Blick auf meinen Laptop, als würde er sich fragen, was ich überhaupt will, mit so einem Ding. Immerhin, überlegt er laut, habe ich Familie und ob ich schon all die Freude vergessen habe, die aus der Schwangerschaft und der Geburt und überhaupt, dass ich Kinder habe, das reicht doch völlig, warum ich denke, dass ich jetzt auch noch was schreiben muss. “Den Engel im Haus zu töten”, hat Virginia Woolf geschrieben, “wäre eine der Hauptaufgaben von schreibenden Frauen.”

Der Engel fragt mich unbeeindruckt, warum es hier keine Waschmaschine gibt. Wie sollen wir denn nun die Kleider der Kinder waschen? Ich reagiere genervt, sage, dass ich dafür keine Zeit habe, soll der Engel doch selbst bei den Stipendiengebern fragen, wieso hier keine Maschine steht. Der Engel geht durch die Räume, streicht die Betten glatt, schüttelt nervös die Haare, flattert mit den Flügeln.

Krankenpflege ist mein zweites ich. Ein Kind hat eine Zecke im Arsch, sein Bruder eine unter der Vorhaut. Ich archiviere die Parasiten, man weiß ja nie, auch der Hund hat eine ganze Sammlung vom Spaziergang mitgebracht, ihm schere ich das Fell im Garten der Residenz, eine wahre Zeckeninvasion, während die Kinder wieder online spielen und ich NICHT schreibe. Der Tierarzt verkauft mir wohlwollend Salben, die ich sieben Tage lang mindestens fünfmal dem Hund auf die Haut schmieren soll. Kann man mit der Paste auch Gedichte schreiben, will ich wissen, aber der Veterinär lächelt nur. Den Kinderarzt später frage ich schon gar nicht mehr, ob ich mit seinen Medikamenten auch auf Papier schreiben kann. Als ich zurück in die Schreibresidenz komme, sitzt der Engel mit überkreuzten Beinen auf der Herdplatte und nickt zufrieden.

Drei ist dieses verzweifelte Gespräch mit dem anderen Elternteil. Der besseren Hälfte unserer Familie, die mit ihrer Festanstellung das Einkommen und Überleben unserer Mannschaft sichert. Aber selbst bei einem sicheren Einkommen ist ständig Landunter. Und dann noch Corona. Der andere kann nicht kommen, ich muss hier alleine bleiben, mit den Kindern, dem Wunsch zu Schreiben. Der Engel schiebt die Kochtöpfe zusammen, meint, es sei doch schön hier, mit den Kindern zusammen im Haus, wenn es auch nur eine Residenz ist. Ich lache nur laut und fasse ihm zwischen die Beine, muss aber feststellen, dass da nichts ist, als eine Leere, an der ich mich nicht reiben kann.

Überhaupt diese Nächte, und vier, sie tragen mich durch die Tage, an denen ich wie eine Alkoholikerin nur auf den Abend warte, um mir die Worte hinter die Binse zu kippen, ich sehne mich nach den Momenten, an denen meine Finger über die Tastatur fliegen, die Arztpraxen geschlossen sind und selbst Zecken schlafen. Meine Nächte sind süß und immer steigt ein Kind zu mir in den Traum und wenn ich dann wach werde, liegt sein kleiner Körper neben mir, mit all seiner Wärme und diesem Geruch nach Ewigkeit, den nur Kinderkörper verstreuen können, Atemzug um Atemzug. Und ich weiß, dass es richtig ist, dass die Kinder hier sind, dass es so sein muss, denn nur so hat endlich auch die Zerrissenheit ein Ende, das hier und dort sein, mental load auf Distanz, wer holt jetzt die Kinder aus der Schule während ich in der Schreibresidenz bin, wenigstens das hat ein Ende.

Fünf. Betreuung, meine Kinder sind käuflich. In weniger als fünf Minuten haben sie ihre Wahl getroffen. Ich gebe mich großzügig und ohne Hintergedanken, nur beim Hinausgehen, bemerke ich, dass es jetzt aber kein Meckern mehr gibt, wenn sie in den fremden Hort gehen müssen. Diesen Ort, mit Menschen, Kindern vor allem, die ihnen völlig unbekannt sind. Leicht ist das nicht, wir wissen es, unter Menschen wird dem Fremden nichts geschenkt. Die Kinder nicken und halten die Geschenke fest in den Händen.

Wie billig ist das denn! Schimpft der Engel, als wir nach Hause kommen. Erst vor dem Einschlafen verrät mir das ältere Kind flüsternd, dass es dem Kleinen geraten hat, dass billigere Spiel zu nehmen. Sein Atem riecht nach Schokolade, als er mir erklärt, dass er das für mich getan hätte, ich verdiene ja so wenig Geld mit dem Schreiben. Später fallen ein paar Tränen auf meine Tastatur und natürlich ist es dann auch der Kleine, der am nächsten Tag beim Abgeben weint und ich schaue noch seinen dicken Beinen hinterher, als ihn sein Bruder mit sich über die Schwelle in den Hort zieht und glaube mein Herz bricht. Mutter in Schreibresidenz, ich.

All die sechs und so viel mehr kleinen Momente, in denen wir eins sind. Diese Augenblicke wachsen und blühen wie Klee auf der Wiese. Wir tanzen zur Musik der Rewe-Werbung am Abend. Der Kleine weckt mich um vier Uhr morgens. Wir stehen lange am Fenster und hören den Vögeln beim Aufwachen zu. Dann fragt er mich, warum sie gerade bei Sonnenaufgang so schön singen. Als er wieder eingeschlafen ist, setze ich mich hin und schreibe und schreibe mit singenden, flatternden Vögeln im Kopf. Auch der Engel hat sich wieder schlafen gelegt und schnarcht.

Siebenmal drehe ich den Kaiserschmarren in der Pfanne. Der Teig klebt. In der Residenz gibt es kein Zimt und keinen Zucker. So ist das eben, wenn man nur vorübergehend irgendwo wohnt. Alles fehlt, Zimt und Zucker, die richtige Pfanne, vor allem die Waschmaschine, ruft der Engel dazwischen. Den Schmarren schmeiße ich in den Müll und drehe die Hemden der Kinder einfach auf die andere Seite. Ich hole einen Apfelkuchen aus dem Tiefkühlfach und stecke eine Kerze drauf. An diesem Tag habe ich zehn Seiten geschrieben, das tröstet mich, denn wenn ich zu Hause bin, dann backe ich selbst den Kuchen, dann wasche ich, putze, räume auf und schreibe nicht.

Acht Uhr ist schon lange vorbei und er hat Tränen in den Augen. Ehrlich Mama, ich habe nur mit dem Steinmonster gespielt, so und so und so. Er macht die Bewegungen nach, lässt das Monster nochmal über den Nachttisch gleiten, es hüpft über die Lampe. Das muss der Moment sein, an dem das Monster den Lampenschirm zerschlug.

Ich seufze, schüttele den Kopf. Mein Kind fängt wieder an zu weinen.

Wenn man in einer Schreibresidenz mit seinen Kindern ist, dann muss man dazu auch die richtigen Kinder haben. Sie müssen brav sein und stillhalten können und nichts kaputt machen. Sie müssen gut erzogen sein: Schreibresidenzkinder, die sich woanders so benehmen, als wären sie nicht zu Hause. Nicht dort, wo sie rumtoben können, wo auch mal was kaputt gehen kann, weil man ja zu Hause ist. Am besten, man hat keine Kinder, dann kann auch nichts kaputtgehen in der Schreibresidenz wird dann nur geschrieben, wie es sich gehört.

Der erste Abend, neun, der Besuch der großen Tochter ist eine Katastrophe. Dabei hatte ich mich so auf sie gefreut. Sie hat mich zur Mutter gemacht, und die anderen, die sie zur großen Schwester gemacht haben, hatten sich auch gefreut. Wir haben uns alle gefreut. Die kleinen Geschwister können vor Aufregung kaum die Beine voreinander setzen. Auch der Engel zittert erregt. Er ermahnt, mich, appelliert an meinen Mutterinstinkt. Ich soll auch das große Kind pflegen, hegen, sie nicht mit den Kleinen lassen, um für mich allein zu sein. Ich halte mir die Ohren zu.

„Sieg der Häuslichkeit über die Poesie“ schrieb Elisabeth Grube vor gut zweihundert Jahren und dass es immer noch so ist, ich so bin, oder wenigstens sehr lange war, macht mich wütend. Wir sehen uns die Stadt an, gehen in ein Museum, was man so macht als Familie und es ist schön, weil es sich gut anfühlt, wieder als ganze Bande unterwegs zu sein, zusammen. Zurück in der Wohnung schmeiße ich die Spätzle in die Pfanne, sage der Großen sie soll mal nachschauen, ich muss noch eine Mail an eine Verlegerin schreiben, in meinem Zimmer, allein nur diese Mail dauert dann mal wieder zu lange. Die Große will mich nicht stören, sie weiß doch, wie sehr ich ringe, doch sie kennt sich nicht aus, weiß nicht wie das geht mit Schnellkochplatte kochen, in ihrer Stipendienbude steht nur ein sehr alter Gasherd. Erst ist da dieser Geruch. Dann höre ich das hektische Hantieren mit dem Pfannenschieber aus der Küche, schließlich der Rauchalarm, schrill und sehr laut. Ich drücke vor Schreck auf absenden, die angefangene Email ist unvollkommen, ein unfertiges Gestammel, überhaupt, habe ich den Namen der Verlegerin falsch geschrieben. Doch jetzt rette ich erstmal den Herd, den Engel, die Pfanne, die Kinder. Der Hund hat angefangen im Rhythmus des Alarms zu jaulen. Ich klettere auf einen Stuhl und stelle den Alarm ab. Ein schwarzer runder Fleck auf der Tischmitte zeigt mir, wie gefährlich es ist, den Engel auszusperren. Ich schreie meine Wut und auch meine Verzweiflung durch den Raum. Ein großes Flügelrauschen, der Engel nimmt die Kinder in den Arm, auch die Große. Alle weinen. Ich schreibe nicht, ich kämpfe mit dem Alltag und vor allem mit mir, und zwar um jedes weitere Wort, auch um dieses hier.

Zehn und schon als ich mit dem Wagen um die Ecke biege, um die Kinder aus dem Hort zu holen, weiß ich, dass etwas nicht stimmt. Der Engel steht auf der Motorhaube wie eine Gallionsfigur mit flatternden Flügeln. Er brummt lauter als der Motor, denn ich bin wieder mal zu spät, habe mich gehen lassen beim Schreiben, konnte nicht aufhören. Die Erzieherin vom Hort steht schon an der Straße, meine beiden jüngeren Kinder neben sich. Sie sehen aus wie die Säulen eines antiken Tempels. Den Blick gesenkt. Die Worte sind da, so ist es nun mal, die Worte waren vor ihnen da und sie werden immer bleiben, bis zum Schluss. Die Erzieherin, meine Kinder, alle machen ein ernstes Gesicht. Mist, denke ich, es ist zu gut gelaufen mit dieser Residenz. Du hast mich zu oft ausgesperrt, schimpft der Engel, das hast du nun davon. Die Erzieherin stürzt auf mich zu, lässt mich nicht mal aus dem Wagen steigen, meint, das ginge so nicht, die Kinder wären mal wieder zu wild gewesen. Ich hole tief Luft. Ich schreie nicht. Dabei wäre es vielleicht an der Zeit zu schreien. Aber wer hörte mich denn, außer meinem Engel? Das Jugendamt? Die Fürsorge? Doch die Wut ist da. Sie steht zwischen uns, obwohl ich schweige, mich entschuldige, die Kinder steigen ins Auto. Der Engel schlägt mit den Flügeln. Ich muhe nur, wie eine Kuh auf der Weide, als wäre ich das dümmste Tier dieser Welt.

Elf, die Sache mit der Presse. Der Engel sitzt mal wieder beleidigt auf der Herdplatte, flattert hin und wieder mit den Flügeln. Aus einer unzuverlässigen Erzählerin wird eine unberechenbare Mutter. Das Flattern ist Wind auf unseren Gesichtern. Der Termin in fünf Minuten. Auf dem Rücksitz wird laut gestritten, ich versuche einzugreifen und bin so abgelenkt, dass ich die Ausfahrt verpasse. Die Nächste kommt erst in 25km. Ich rase mit gefühlten zweihundert über die Autobahn. Wahrscheinlich weniger, weil ich mir gar nicht so einen Wagen leisten kann, mit dem man so schnell fahren kann. Das Fahrzeug ist voller Kinder, sogar der Hund ist dabei, die ganze Familie. Wo sollen sie auch sonst sein, außer bei mir? Immer wieder schlage ich auf das Lenkrad, haue so fest drauf, dass mir die Finger wehtun, hinterher. Ich rufe Kacke und was mir sonst noch an Schimpfwörtern einfällt. Ich bin zu spät, weil ich immer zu spät bin; seit mir das Label der Elternschaft anhängt. Ich bin zu spät für Ausschreibungen, denn ich kriege meine Texte nicht fertig. Es klingelt auf meinem Handy, das ist die Nummer des Pressemenschen, er will wissen, wo ich bleibe. Ich antworte nicht, sondern schreie meine ganze Wut auf die Fahrbahn. Die Kinder schweigen, jemand weint, ich glaube, es ist der Hund.

Das ist, zwölf, Sommer und das Wasser steht mir bis zum Hals, also verbringe ich die Nachmittage am Badesee. Während die Kinder mit glücklichem Lächeln in Badehose über das Gras laufen, versuche ich, erfolglos, mich wenigstens aufs Lesen zu konzentrieren. Jetzt lasst mich mal in Ruhe. Sie trollen sich allein ins Wasser. Der Engel sitzt oben auf dem Baum, unter dem ich liege und streckt mir die Zunge raus. Drei Seiten, mehr habe ich nicht gelesen, dann höre ich lautes Geschrei. Ich weiß, es ist mein Kind, aber ignoriere es trotzdem. Guck mal Mama, dem Jungen kommt Blut aus dem Hinterkopf. Die Stimme kenne ich nicht, dafür aber den Hinterkopf, über den gerade gesprochen wurde. Hektisch packe ich die Sachen zusammen, fahre ins Krankenhaus. Es ist schon Mitternacht, als wir wieder in der Schreibresidenz sind, in der ich heute wieder nicht geschrieben habe. Als ich die Badesachen auspacke, fällt mir auf, dass ich das Buch am See vergessen habe. Auch der Engel ist nicht da. Sicher sitzt er unter dem Baum und liest.

Dreizehn und da ist die Fürsorge der anderen, ohne die es auch nicht gehen würde. Der Redakteur, der meinen Kindern Currywurst und Cola spendiert, um mit mir in Ruhe reden zu können. Die Koordinatorin der Residenz, die die Kinder hütet, als das Fernsehen kommt. Ohne Fürsorge geht das Schreiben nicht, geht Gesellschaft nicht, geht Literatur und Kunst nicht für Menschen, die außer produktiv auch reproduktiv sind. Und dann ist da noch diese Steckdose mit dem abgerissenen Stecker vom Ladegerät. Lass mich das machen, hat der Engel gesagt und mit beiden Händen und spitzen Fingern an den hervorstehenden Schrauben gezogen. Alles, was ich dann noch von ihm gesehen habe, war ein Funkeln und Leuchten, war der Moment, als der Engel sich endlich von mir verabschiedete.

„… to continue my story. The Angel was dead; what then remained?”

Virginia Woolf

 

Photo by Fábio Lucas

Georg Trakl wiedergelesen – Ein melancholisches Entzücken

von Slata Roschal

 

Der Frühling brachte mir dieses Jahr, neben all seinen Einschränkungen, Ängsten und praktischen Ärgernissen, langsam, teils widerwillig die Fähigkeit zurück, Bücher zu lesen. Ich begann mit Camus´ Die Pest, neugierig und unsicher, verlangte vom Text keine Argumente für Dissertationsthesen oder Schlagwörter für Moderationsfragen. Der Druck nahm ab, im Literaturbetrieb immer irgendwie anwesend bleiben zu müssen, alle waren irritiert und verschüchtert und ich hörte beinahe auf, Bewerbungen für Stipendien zu verschicken und mich an Facebook-Diskussionen zu beteiligen. Bislang glaubte ich, mit Migrationshintergrund, als Frau, mit einem Kind, mit Faktoren also, die für einen beruflichen Aufstieg nicht unbedingt nützlich sind, immer in Anspannung, in ständiger Einsatzbereitschaft bleiben zu müssen, wenn ich mich denn mit gutem Gewissen irgendwann als Schriftstellerin bezeichnen wollte.

Manchmal fand ich in diesen Wochen keinen Anschluss an reale Dinge mehr, saß tagein, tagaus vor dem Computer, spürte eine große Müdigkeit von den endlosen Aushandlungen um Status und Selbstbestimmung, von unzähligen Wörtern, Texten, Gesten, die im dichtesten Geflecht an symbolischen Strukturen erst einen Zweck erfuhren. Die Vorstellung, durch Fleiß und Mehraufwand symbolische Hürden zu überwinden, die Spielregeln einer deutschen Schulklasse etwa oder eines Literaturbetriebes verstehen und imitieren zu lernen, erwies sich plötzlich als überholt und es trat ein Stillstand, eine Leere ein.

Warum ist alles, was ich mache, selbst im kleinsten Maßstab mit einer Art Selbstvermarktung verbunden, fragte ich mich, sind es die Folgen eines Autorschaftskonzepts, das mir missfällt, oder bin ich zu schwach, um die Folgen meiner Wünsche zu tragen. Aus einer massiven Unzufriedenheit mit mir und allem um mich heraus spürte ich einen Wunsch, nach irgendwas Realem zu greifen, nach etwas, das nicht zwangsläufig weiterverwertet werden muss, an und für sich einen Sinn hat und dessen Zweck in sich selbst begründet liegt. Während ich mir diese Fragen stellte, kam der Sommer, dann der Herbst. Es gibt Jahre, die als ein Ganzes vor sich hin ziehen und vergehen, dieses Jahr aber erlebe ich bewusst und unterscheide Jahreszeiten voneinander. Corona steht für Tod, dachte ich, verspricht eine Beruhigung und Wertschätzung des Gewohnten, der Tod, der Herbst, also suchte ich zuhause nach einer schmalen Reclamausgabe, nach Trakl als Drittem im Bunde.

Hier, dachte ich, das Heftchen in der Hand, ist das etwa kein Beweis, dass ohne Präsenzlesungen und Interviews und open mike und Bachmannpreis und all dem, was mich alles so nervös macht, dass es hier doch selbstgenügsame Texte gibt, wie ich sie haben will. Trakl erlebte einen Krieg, wie wir ihn nie verstehen werden, starb mit siebenundzwanzig, in einem Alter, in dem sich heute viele noch als jung bezeichnen würden. Zum ersten Mal habe ich Trakl in der Schule im Deutschunterricht gelesen, Trakl und Büchner, die Einzigen, die ich gemocht habe. Damals mit vierzehn gefiel mir der Gedanke, früh zu sterben und etwas Kostbares zu hinterlassen, mit fünfundzwanzig habe ich sein Museum in Salzburg besucht; ein stilles, verstecktes Haus, für das sich nicht mal Touristen interessierten, mit achtundzwanzig habe ich wieder nach ihm gesucht.

Nun zuhause, mit dem Reclambändchen, kommen mir die Texte zum Vorsprechen und Vorsingen vor:

O die roten Abendstunden!
Flimmernd schwankt am offenen Fenster
Weinlaub wirr ins Blau gewunden,
Drinnen nisten Angstgespenster.

oder

Rötlich steigt im grünen Weiher der Fisch.
Unter dem runden Himmel
Fährt der Fischer leise im blauen Kahn.

oder

Indes wie blasser Kinder Todesreigen<
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Es sind schlichte Worte, klare Rhythmen, ein melancholisches Entzücken, ich lese den Verfall morgens beim Aufstehen und abends beim Einschlafen laut vor mich hin, frage mich, wie etwas so Einfaches so rührend sein kann. Auch die zärtlichste, lakonischste Liebesbekundung, die ich je gelesen habe:

Wo du gehst wird Herbst und Abend,
Blaues Wild, das unter Bäumen tönt,
Einsamer Weiher am Abend.

Leise der Flug der Vögel tönt,
Die Schwermut über deinen Augenbogen.
Dein schmales Lächeln tönt.

Gott hat deine Lider verbogen.
Sterne suchen nachts, Karfreitagskind,
Deinen Stirnenbogen.

Ein Trakl würde heute kaum mehr funktionieren, wollte man ihn parodieren, er wäre auch kaum mehr auszuhalten, würde in Kitsch übergehen, aber Trakl so, wie ich ihn lese, ist nicht kitschig, ganz und gar nicht. Vielleicht liegt es an einer Ästhetik, die nah genug an der Gegenwart ist, um ihr folgen zu können, und entfernt genug, um auf eine Wertung zu verzichten, sie als eine historische, abgeschlossene Tatsache zu begreifen. Trakl ist eine Tatsache, etwas Reales, wonach ich gesucht habe, das ich außerhalb von Konkurrenz und Selbstdarstellung genieße. Wie auf alten Gemälden reihen sich rote, braune, goldene Töne aneinander, romantisches Vokabular trägt einen bitteren Geschmack. Es fühlt sich gut an, dass die Gedichte da sind, ruhig, geduldig, wie Steine oder Bäume. So eine Besinnung auf den Tod hinaus, überlege ich, wäre Trakl nicht gut für uns, um eine selbstironische Freude zu bewahren, die moosigen Blicke des Wilds, die Schuld des Geborenen, Münder, die Wunden gleichen, die dunkle Angst / des Todes schließlich auszuhalten, den wieder einsamen Vorgang des Lesens ─

 

Photo by Kristian Seedorff