Alle machen das.

Der gesamte menschliche Körper wurde inzwischen von sympathischen Mediziner*innen populärwissenschaftlich beschrieben. Vom Hirn über die Haut zur Blase ins Knie und zurück ins Herz wurde der Mensch kartografiert; immer auf der Suche nach dem neuen Darm mit Charme, dem über 2 Millionen mal verkauften Megaseller von Giulia Enders.

Was in den letzten sechs Jahren das sogenannte Meditainment war, das waren in den Neunzigern Bücher über die Wunderkraft von Urin oder Rip-Offs des Pferdeflüsterers, in den Nuller-Jahren hingegen versuchten alle, auf den Dan Brown-Mystery-Wissenschafts-Krimi-Zug aufzuspringen und in den Achtzigern stritten Johannes Mario Simmel und Michael Burk. Ganz zu schweigen von eher unter dem Aufmerksamkeitsradar fliegender Trivialliteratur, die seit Jahrzehnten mit nahezu identischen Plots die immer selben Themen durchkaut. Was früher im Bastei Heftchen am Bahnhof feilgeboten wurde, gibt es heute bei Amazon im eBook und auch die meisten Regionalkrimis werden nur nach Schema F zusammengebaut, also Handwerk statt Kreativität.

Die dahinterstehenden, eigentlich offensichtlichen, Mechanismen blenden die Akteur*innen des Betriebs oftmals aus. Denn bei aller Kollegialität zwischen Autor*innen und Verlagen, Dienstleister*innen und Buchhändler*innen wird gerne vergessen, dass es primär darum geht, Geld zu verdienen und zwar für alle. Da verbittet man sich dann zwar, ein Buch „Produkt“ zu nennen oder einen Verlag „Verwerter“ – die (wirtschaftliche) Realität ist aber eine andere. Das sollte  niemanden innerhalb oder außerhalb des Betriebes überraschen – ich arbeite auch am liebsten mit Mandant*innen zusammen, die ich mag, trotzdem müssen sie Geld für meine Arbeit bezahlen. Als Grund reicht da allein schon, dass ich lieber in der Sonne, als hinter dem Schreibtisch sitze und man mir eben diese Schreibtischzeit „abkaufen“ muss.

„Es ist leichter, mit Christus über die Wogen zu wandeln, als mit einem Verleger durchs Leben.“ Friedrich Hebbel

 

100 karten die deine sicht auf die welt verändernLetzte Woche machte der Chefredakteur des KATAPULT Magazins, Benjamin Fredrich, in einem launigen Editorial seinem Ärger Luft. Bei Hoffmann & Campe war Anfang 2019 das Buch 100 Karten, die deine Sicht auf die Welt verändern von KATAPULT erschienen. Bereits auf der Messe im Herbst hörte man dann, dass das nächste Buch auf Grundlage des erfolgreichen Magazins bei Suhrkamp erscheinen werde. Für Verlagswechsel gibt es meist zwei Gründe: entweder man hat sich überworfen oder es geht um Geld – ein dritter ist denkbar: beides.

Fredrich berichtete letzte Woche also unter anderem von den unregelmäßigen Zahlungen Hoffmann & Campes, dem Streit über die Höhe einer angemessenen Beteiligung für das zweite Buch und einem unangenehmen Business Lunch.

Fredrich schildert öffentlich – in einer (nach außen) verschwiegenen, gleichwohl verklatschten Branche selten – sehr detailliert wie es (a.) zum Verlagswechsel kam und (b.) wie man sich während der Verhandlungen und im Nachgang überwarf.

102 grüne Karten zur Rettung der Welt katapult suhrkampDie Philippika Fredrichs liest sich, dem Genre geschuldet, etwas einseitig, macht aber auf das klassische Gefälle zwischen Urhebern und Verwertern aufmerksam. Auf der einen Seite sind die Produzenten von Inhalten und auf der anderen diejenigen, die diese Inhalte verkaufen. Das Gefälle entsteht dadurch, dass die einen in der Regel sehr viel mehr Geld und damit Verhandlungsmasse haben, als die anderen. Urheber sind dazu in der Regel sehr vorsichtig, man will ungern einen Verwerter verärgern, selbst dann nicht, wenn er einen schlecht behandelt. Nicht auszudenken, was einem entginge, wenn dieser Verwerter doch nochmal Lust hätte, einen gut zu behandeln. Also lieber Füße stillhalten. Zumal man auch Angst haben muss, dass andere Verwerter einen nicht mit offenen Armen aufnehmen werden, wenn man sich einmal einen Ruf als schwierig erarbeitet hat.

Fredrichs Schilderung des Verhaltens von Thomas Ganske ist dabei Sinnbild dafür, wie das Gefälle normalerweise aussieht. Der Chef der Unternehmensgruppe, zu der auch Hoffmann & Campe gehört, interessiere sich nicht für Bücher und Inhalte, er interessiere sich für Zahlen, will heißen Gewinn. Die laut Fredrich angebotene „undurchsichtige Geschäfts-Verschleimung zwischen KATAPULT und einem seiner tausend Verlage“ überrascht ebenso wenig und ist in solchen Konzernen Gang und Gäbe.

Dabei darf man  nicht vergessen, dass Fredrich nur deshalb die Möglichkeit hat, diese Missstände öffentlich zu machen, weil er es sich leisten kann. (Und es ist wichtig und richtig, dass er es tut!) KATAPULT läuft offenbar sehr gut und hat eine breite Basis an regelmäßigen Leser*innen und Fans. Man konnte HoCa guten Gewissens absagen, da nach einem Bestseller mit dem ersten Buch viele andere Verlage nach dem zweiten lechzen. Das wiederum sollte dann auch einen gestandenen Verleger wie Ganske nicht überraschen. 

„Die Verleger trinken Sekt aus den Hirnschalen ihrer Autoren.“ Arno Schmidt

gute karten deutschland wie sie es noch nie gesehen haben katapult

Der eigentlich Aufreger ist sowohl in Fredrichs Text als auch jetzt in der öffentlichen Diskussion aber, dass Hoffmann & Campe in Konkurrenz zum Suhrkamp-KATAPULT-Buch 102 grüne Karten zur Rettung der Welt (das grüne) einen Klon des ersten Hoca-KATAPULT-Buchs unter dem Titel Gute Karten – Deutschland, wie Sie es nie gesehen haben (das gelbe) von Tin Fischer und Mario Mensch veröffentlicht. Weil „der Markt das hergibt“ – Ganske laut Fredrich – ist dieses neue Kartenbuch auch 3 Euro teurer als das vorherige. Das ist an sich wenig verwunderlich, so hat sich das erste Buch (das blaue) wohl rund 70.000 mal verkauft und damit der Verwertungskette 1,5 Millionen Euro Umsatz beschert.

 

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Ebenso wenig verwunderlich ist aber auch Fredrichs Wut über die Art und Weise wie HoCa das neue Buch aufgemacht hat und bewirbt. Was aber nicht stimmt, ist die (überspitzte) Aussage Fredrichs Tin Fischer und Mario Mensch hätten das „gesamte KATAPULT-Buch“ kopiert.

Richtig ist wie Fredrich später aufführt:

– Das Cover hat das gleiche Format wie das erste Buch.

– Das Cover ist wie das erste Buch aufgebaut.

– Der Titel sollte ursprünglich eine KATAPULT-Kopie werden: 100 Karten, die ….

– Die Bücher haben das gleiche Text-Bild-Verhältnis.

– Der Grafikstil ähnelt stark dem von KATAPULT.

Justiziabel dürfte das – von außen betrachtet – nicht ohne Weiteres sein, jedenfalls nicht so eindeutig wie die Verletzung von Urheberrechten und Titelschutzrechten, die Fredrich ebenfalls in seinem Beitrag erwähnt und gegen die KATAPULT laut Editorial bereits vorgegangen ist. KATAPULT jedenfalls gründet jetzt einen eigenen Verlag und Fredrich gibt selbst noch zu, dass auch sie „früher mal Ideen und sogar Karten geklaut [haben], damit [sie] bei Facebook abfetzen.“

Wenn ich oben schreibe, dass es nicht verwunderlich ist, dass Fredrich erzürnt ist, stimmt das nur zum Teil, denn wirklich neu ist diese Art der Content-/Ideenbeschaffung weder von Verlagen noch von Kreativen ja nicht. Schon Goethe beklagte sich, dass auf dem Buchmarkt die Gesetze des Urwalds gelten; sobald der Autor sein Werk aus der Hand gäbe, sei es finanziell für ihn verloren. Das geschieht mal mehr oder weniger plump und offensichtlich, genauso mehr oder weniger erfolgreich, gleichwohl gilt leider weiterhin: alle machen das.

 

Beitragsbild von Adam Nieścioruk

Kategorien Kolumne

Tilman berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.