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Gespräch mit Thomas Pyczak über eBook Piraterie

Auf der Future!Publish in Berlin sprach Thomas Pyczak über Schnäppchen aus Tonga: Besuch auf der dunklen Seite der E-Book-Welt. Im Anschluss stand er mir für eine Gespräch zur Verfügung und wir sprachen darüber wer an der Piraterie verdient, was man als Autor, Leser und Verlag dagegen tun kann und wie die Zukunft aussehen könnte.

1. Sie haben bei Ihrem Vortrag der Future!Publish über eBook-Piraterie gesprochen. Piraterie? Ist das nicht ein großes Wort für ein kleines Vergehen?

Ich finde es genau passend. Denn ganz so klein ist das Vergehen doch nicht. Ich habe auf Basis der Zahlen des Gutenberg-Reports eine vorsichtige Hochrechnung gewagt, welcher Schaden der Buchbranche wohl in 2015 entstanden ist. Ich kam auf 40 Mio. Euro. Kavaliersdelikte sehen anders aus. Das ist ein richtiges Geschäft.

2. Wer verdient an der modernen Piraterie?

Ich unterscheide vier Bereiche: Portalbetreiber, Anbieter von Premium-Services, Bezahldienstleister und die üblichen Verdächtigen.

Die Portalbetreiber verdienen an Werbung, Affiliate Deals, Spenden. Es gibt auch direkte Einnahmen. Ich fand ein Portal, das E-Commerce mit geklauten E-Books betreibt. Ein gut gemachter Shop, Preise im Centbereich. Ich habe mal vorsichtig hochgerechnet, was da wohl verdient wird und kam auf Zahlen, die alsternahes Wohnen ermöglichen.

Premium-Services erlauben Zugang zum Zentrum der Piratenwelt, dem Usenet oder erlauben schnelles Downloaden.

Bei jedem Zahlvorgang ist natürlich ein Dienstleister eingebunden, die verdienen auch mit.

In die Rubrik der üblichen Verdächtigen gehören Anbieter von Abofallen, Virenverbreiter, die natürlich schnelle Hilfe anbieten. Anwälte zähle ich auch dazu. Insbesondere das Abmahnen bringt ja auch denen Geld.

3. Warum gehen die Rechteinhaber, also die Autoren und andere Kreative, nicht konsequent gegen die Piraterie vor?

Zwei Gründe: Der deutsche Buchmarkt ist – noch – ein Printmarkt. E-Books sind gerade mal für 4,5 Prozent des Gesamtumsatzes verantwortlich (2015). Keine gefühlte Not. Der zweite Grund: Die Verfolgung ist aufwändig bis unmöglich. Notice and take down, also das Löschen von Links, ist vor allem im Fachbuchbereich sinnvoll. Bei Bestsellern dagegen scheint das unmöglich. Es gibt hunderte Piratenseiten. Ist ein Link gelöscht, erscheinen zwei neue. Ein Experte sagte mir, die Engländer hätten dafür ein Portal eingerichtet, das er empfehlen würde.

4. Was kann man als Autor unternehmen? Was empfiehlt sich aus Verlagssicht?

Ich würde eine Branchenlösung suchen. So ein Notice and take down-Portal wie in England scheint mir eine praktikable Lösung, um Links zügig entfernen zu lassen. Verlagsübergreifend. Ein Autor allein ist da machtlos. Auch ein einsamer Verlag scheint mir nicht ideal aufgestellt.

5. Sehen Sie eine Möglichkeit, dass die Politik auf das Problem reagiert?

Ja, doch das wird dauern. Ich glaube, das ist mehr als Politik. Es geht um eine Form von Aufklärung, wie beim Thema Umwelt. Sharing ist großartig. Aber Diebstahl ist es eben nicht. Netzpolitische Fragen gehören auf globaler Ebene diskutiert. Ist es richtig, dass sich Piraten hinter Tonga-Domains verstecken? Ist ein Linkverzeichnis, das direkt zu illegalen Downloads führt, wirklich juristisch nicht haftbar zu machen für die Inhalte? Solche Fragen sind mit Augenmaß zu beantworten.

6. Was sollten Leser beachten? Wie weiß ich sicher, dass ich ein legales eBook gekauft habe?

Allein schon wenn ich es gekauft habe, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es nicht von einer Piratenseite ist. Piraten-Shops lassen sich leicht an den Preisen erkennen. Wenn ein Buch nur 1-5 Prozent vom Amazonpreis kostet, dann ist das zwar verlockend, aber illegal. Kein Autor wird verdienen. Kein Verlag.

7. Der Musik- und Filmindustrie hat man Anfang der Nuller-Jahre stets vorgeworfen sich zu lange an den status quo geklammert zu haben. Die Umsätze brachen wegen des Filesharings ein und erst sehr viel später reagierte man mit flat-rate Modellen und größerer Flexibilität für die Kunden und Konsumenten auf deren Wünsche. Wie sieht 2025 die Verlagsbranche unser Konsum von Büchern aus oder erwarten Sie keine Reaktion der Publishingbranche?

In 2025 wird sich vieles verändert haben. Bis dahin ist der Digitalbereich größer als Print. Jetzt geht es darum, sich diesen Markt zu sichern. Die Buchbranche braucht meiner Meinung nach dringend Innovationen im Digitalbereich. Netflix ist ein Modell dafür. Sie haben es geschafft, ein cooles Produkt auf den Markt zu bringen, obgleich da zu Beginn ja fast nur alte B-Movies zu sehen waren. Jetzt ist das eine Welt für sich.

Gute Flatrate-Modelle werden meiner Meinung nach kommen. Alles was wir bisher haben, funktioniert noch nicht richtig. Die Angebote sind unsexy. Ich denke, dass auch die Reader noch einen Sprung machen müssen, so dass wirklich jeder sie haben will. Ähnlich wie das iPhone den Markt der Smartphones revolutioniert hat. Kindle und Co sind gut, aber etwas fehlt zum wirklichen Massenprodukt. Ich kenne niemanden, der davon träumt, so einen Reader zu besitzen.

Die Buchbranche ist in der komfortablen Situation, bisher sehr klug und besonnen gehandelt zu haben. Hier wurden keine ehrlichen Leser bestraft, wenn Piraten gemeint waren. Allenfalls mit DRM, aber das ist ja so gut wie vom Tisch. Jetzt ist die Zeit für Innovationen. Die dürfen ruhig in Piraten-Manier die eigenen Geschäftsmodelle angreifen, bevor es andere tun.

©Juliane Weber

Thomas Pyczak war von 1999 bis 2012 Chefredakteur von CHIP, bis 2014 CEO von CHIP (Print und Online). Seit 2015 arbeitet er als Autor. 2016 veröffentlichte er mit Ende der Welt und Starnberg. Marrakesch. Starnberg. zwei Romane und begann, über das Thema Storytelling zu bloggen.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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Folge 54books.

1 kommentar

  1. Interessant, was das alles passiert.

    Jetzt macht der Digitalbereich erst 4% aus und 2025 wird er größer sein als Print? Na das muss ja eine rasante Entwicklung sein!
    Aber ist natürlich möglich, der Mann wird schon wissen, wovon er spricht.

    Dass keiner von einem E-Reader träumt, wie das manche Menschen vom neuen Iphone tun, liegt meiner Meinung nach aber einfach daran, dass Lesen nicht so massentauglich ist und nach wie vor nur für einen kleineren Teil der Konsumenten Wert hat. Ein Mobiltelefon will und braucht heute schon jeder, einen Reader bei weitem nicht.

    Ich würde das aber auch gerne ändern und mehr Leute zum Lesen bringen … Obwohl ich noch nie mit Reader gelesen habe …

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