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Wie liest Du, Wolf?

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

In „Wie liest Du?“ stellen in regelmäßig unregelmäßigen Abständen Kritiker, Autoren und Verlagsmitarbeiter, Blogger, Vielleser und Buchhändler ihre Art des Lesens vor. Hier geht es nicht um einzelne Inhalte, sondern vielmehr um die Technik sich ein Buch zu erarbeiten – den Akt des Lesens von außen betrachtet. Heute mit Wolf Schmid, der unter dem Heteronym Konrad Geyer außergewöhnlich bloggt und unter eigenem Namen seinen Debütroman Pedalpilot Doppel-Zwo veröffentlicht.

1. Überspringst Du einzelne Stellen – gar Kapitel – oder liest Du ein Buch, wenn dann komplett?

Das kommt sehr auf meinen Status mit einem Buch und auf das Buch selbst an. Sprechen wir von Sachbüchern oder von Büchern, die ich bereits gelesen habe, ist alles möglich. Manchmal ist mir danach, ich lese ein paar Seiten oder Kapitel, oder entlang meiner Markierungen (>6,7), oder ich lese zum Beispiel diverse Romananfänge, diverse Abgänge. Bei ungelesenen Prosatexten ist es eine andere Sache. Es gibt Zeiten „zwischen“ Büchern und Zeiten „in“ Büchern. „Zwischen“ ist alles möglich. Ich verbringe Zeit mit verschiedenen Büchern und hoffe, dass eines davon mich abholt. Das geht manchmal schnell, vor allem deshalb, weil ich gerne kontextualisiert lese und das eine Buch das andere mitbringt. Das geht manchmal aber auch sehr langsam – z.B. jetzt gerade – seit einigen Wochen lese ich nur noch in Bücher hinein, die auf der Seite lagen, aber keines erwischt mich wirklich. Sobld mich aber eines erwischt, lese ich es schnellstmöglich durch…

2. Schummelst Du und springst vor, um das Ende schneller zu erfahren?

Da ich relativ wenig Spannungsliteratur lese, spielt das Ende keine so große Rolle. Manchmal lese ich ein paar Seiten am Ende, nur um mal zu sehen, auch um mich selbst bei der Stange zu halten oder wenn es auf der Kippe steht zum Weiterlesen zu animieren. Sonst versuche ich schon alles zu lesen. Ein Kapitel, das ich bei „Unendlicher Spass“ übersprungen habe, verfolgt mich bis heute.

3. Nutzt Du Lesezeichen (immer dasselbe/andere?) oder legst Du ein Buch offen auf die Nase?

Als Lesezeichen benutze ich das, was sich gerade anbietet: Fresszettel, Postwurfsendungen, Bankbriefe, Karteikarten, Taschentücher, etc… Manchmal liegt ein Buch offen, aber da ich vor allem unterwegs viel lese, ist das nicht so häufig. Seit einiger Zeit lese ich nach Möglichkeit mit Post-it’s (6., 7.), und damit ist der Post-it-Block das Lesezeichen.

4. Liest Du Taschenbücher einseitig, wie ein Magazin, indem Du das Cover komplett umklappst?

Nein. Ich finde ja gerade deutsche Taschenbücher oft viel schöner als die Hardcover, rororo, dtv, die samtigen Papiere, die gestrichenen Deckel. Darum behandle ich sie mit sehr viel Respekt. Das Cover umklappen ist da definitiv nicht drin, außerdem halte ich das auch nicht für bequem.

5. Liest Du lieber kurze oder lange Kapitel?

Eigentlich mag ich die Abwechslung. Wenn es immer dieselbe Länge ist, langweilt mich das oft und spiegelt sich meistens in einer marktkonformen und eher mutlosen Literatur wieder. Ich mag das Nebeneinander von minimalistischen Schlaglichtkapiteln und uferlosen Marathonkapiteln, aber irgendwelche Meilensteine sind grundsätzlich nicht falsch. Wenn es zum Konzept passt, verzichte ich auch gerne darauf.

6. Markierst Du? Mit Bleistift, Marker, Klebezettel, einfach die entsprechende Seite umknicken oder schreibst du lieber Stellen raus?

Früher habe ich die Seite umgeknickt bis die Ecke auf die entsprechende Zeile zeigte, von oben, wenn es um eine Stelle in der oberen Seitenhälfte ging, von unten, wenn von unten. Ab und an habe ich auch herausgeschrieben, jetzt klebe nur noch Marker, am liebsten diese:

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Ich liebe die Neonfarben, die Tatsache, dass sie bleiben, punktgenau gesetzt werden können, und doch keinerlei Endgültigkeit besitzen. Sie können jeden Augenblick entfernt oder versetzt werden (wobei ich mir schon oft Gedanken darüber gemacht habe, inwieweit die Lösungsmittel des Klebstoffes evtl. doch das Papier angreifen). Die Hölle allerdings, wenn die Marker zu Ende gehen, ich mitten in einem Buch stecke und die Pipeline für den Nachschub gekappt ist.

7. Schaust Du ältere Lektüre nochmal nach markierten Stellen durch?

Oft und gerne. Es ist immer eine Reise in die Vergangenheit. Ich schaue sie durch und versuche nachzuvollziehen, warum ich dies oder jenes markiert habe, was mir nicht immer gelingt. Eine Zeit lang habe ich nach dem Lesen grundsätzlich über jedes Buch noch entlang meiner Markierungen geschrieben, eigentlich wollte ich die Texte bei Gelegenheit überarbeiten, allerdings sind mir die bei einem Rechnerabsturz im Herbst verloren gegangen, entsprechend ist meine Motivation diesbezüglich nun geknickt.

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8. Welches ist das (nichtwissenschaftliche) Buch, in dem Du am meisten markiert hast?

Ich vermute es ist „On the Road“. Ich habe es in einer retrospektiven Zeit in meinem Leben gelesen, lange nach meiner eigenen Sturm & Drang-Phase, aber im Bewusstsein, dass es damals kaum langweiliger zuging, als bei Kerouac. Außerdem war es aber das erste Buch nach meiner Entdeckung dieser Post-it’s und ich habe die neugewonnen Möglichkeiten einfach voll ausgekostet.

9. Deine liebste markierte Stelle:

Das kommt auf meine Laune an. Zu ihrer Zeit jeweils alle hier, insbesondere 6., 12. und 29. Und dann noch ein paar, die ich versteckt halte, bis ihr Moment kommt.

10. Benutzt Du einen e-Reader? Als Ergänzung zum Gedruckten – ausschließlich – gar nicht?

Bislang nicht. Nicht aus idealistischen, sondern aus ökonomischen Gründen. Ich lese vor allem alte Bücher, kaufe viel in Antiquariaten, insbesondere bei Thomas Leon Heck, wenn ich mich gerade nicht in einer anderen Ecke der Welt befinde, was allerdings oft der Fall ist. Ich verfolge das Thema aber durchaus mit Interesse, wobei ich bei diesen digitalen Dinge leider schnell den Überblick verliere, nicht vollkommen an ihre Existenz glaube, irgendwie existieren sie nur ein bisschen, was im Zusammenhang mit Texten natürlich ohnehin eine alberne Aussage ist, den sie existieren ebenfalls nur ein bisschen, benötigen einen Kopf, um zum Leben zu erwachen. Andererseits reizt mich die Möglichkeit, ganze Bücher nach bestimmten Stichworten scannen zu können, bis aufs Blut. Daher behaupte ich, es ist eine Frage der Zeit und des Geldes.


Mein Name ist Wolf Schmid, mein Blog ist nicht mein Blog, sondern der Blog meines Heteronyms „Konrad Geyer“ (kommentarblog), in dem er über seine Misserfolge, seine Helden und ein recht anstrengendes Experiment schreibt. Unter meinem eigenen Namen erscheint im September mein Debütroman „Pedalpilot Doppel-Zwo“:

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