Zurück zum Content

Wir haben Raketen geangelt

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

Hamburg ist auch ein Dorf, irgendwie. Denn trotz 1,8 Mio Einwohnern trifft man immer wieder “Bekannte”. So lernte ich bei einem Pub’n’Pub Stammtisch Daniel Beskos den Verleger des mairisch Verlages kennen. Nach dem offiziellen Teil tranken wir auf dem, natürlich – Hamburg ist eben ein Dorf – identischen Nachhauseweg, ein Freizeitgetränk und tauschten uns aus, von Alteingesessenem zu Neuhamburger. Ersterer erzählte mir u.a., dass seine Freundin im Sommer einen Band von Erzählungen bei Hanser herausbringen würde. Eben diese, Karen Köhler, wurde wenig später von Hubert Winkels zum Lesen anlässlich der Vergabe des Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt eingeladen. Die Tage der deutschsprachigen Literatur generieren zwar keine Mainstream-Berühmtheiten, aber bereits die Einladung schmückt die Vita des Gastes, mindestens der Sieger darf mit einem Umsatzplus rechnen.

Wir haben Raketen geangeltUmso tragischer, dass Karen Köhler nicht anreisen konnte, Windpocken verhinderten das Lesen, wenn nicht das Kassieren des Preises inklusive Aufmerksamkeit. Denn mit ihrem Können hätte sie in die vorderste Reihe gehört, wie nun Wir haben Raketen geangelt eindrucksvoll beweist.

In Cowboy und Indianer freundet sich eine deutsche Touristin auf der Durchreise mit einem Indianer an, die beiden retten sich gegenseitig das Leben, pfeifen Enter Sandman und sie verarbeitet, das kunstvoll eingeflochtene Vergewaltigungstrauma ihrer Jugend. Polarkreis erzählt eine Trennungs- und Liebesgeschichte in kurzen Schnipseln und siebzehn Postkarten. Diese ersten beiden Geschichten, in meiner Ausgabe fehlt Il Comandante noch, weil für besagten Wettbewerb zurückgehalten, belegen bereits das Können der jungen Autorin.

Aber mit Name. Tier. Beruf. haut sie mich um. Die, in die Großstadt verschwundene, Jugendliebe Björn steht vor der Tür der Protagonistin. Sie ist im Dorf geblieben, arbeitet im Bioladen und fühlt sich als wolle er ihr nur vor Augen führen wie sehr er die Provinz der Heimat verabscheut, dass er es geschafft hat, raus aus dem Mief. Sie gerät in Rechtfertigungszwang, warum sie daheim blieb, warum sie nicht macht was alle machen – weggehen.

Ich glaube, du bist hergekommen, um deinen verfickten Preis zu feiern und uns zu zeigen, wie provinziell wir alle sind, und wie geil du bist, weil du es zu etwas gebracht hast.

Karen Köhler Foto: © Julia Klug
Karen Köhler
Foto: © Julia Klug

Dass er eigentlich mit ihrer großen Schwester ging, sie aber ihn liebte und den Tod der Schwester bis heute nicht verkraftet, die Landflucht und der Spott über Hängengebliebene könnte zu einer ziemlichen Standardgeschichte verkommen. Karen Köhler vermag es jedoch Kleinigkeiten in die Szenen zu zaubern. In diesen liegt dann aber die Spannung der Erzählung, in den Details die Schönheit jeder ihrer – und besonders dieser – Geschichten.

Fast jede Erzählung kreist um das Verlassenwerden und doch nimmt jede andere Facetten auf. Die Auflösungen kommen überraschend ohne aufgesetzt zu sein. Man braucht etwas Atem und Geduld die Schönheit jeder Geschichte zu würdigen, muss sich auf kleine Experimente mit Text und Erzählformen einlassen. Einen Roman diesen Stils hätte ich vielleicht in Ungeduld nicht beendet, nun weiß ich, dass Karen Köhler Ausdauer belohnt. Auch ein umfangreicheres Werk würde ich nach dieser Leseerfahrung sofort kaufen und lesen, weiß ich doch nun wofür dieser Name steht: vielversprechende junge deutsche Literatur, die eines Bachmann-Preises würdig gewesen wäre.

Wer mit Il Comandante, dem für den Bachmannpreis vorgesehen Text, einen Leseeindruck von Karen Köhler bekommen möchte, kann das hier tun.

Einen sehr sehr guten Blog abonnieren

Gib Deine E-Mail-Adresse an, um diesen Blog zu abonnieren und Benachrichtigungen über neue Beiträge via E-Mail zu erhalten.

Schließe dich 480 anderen Abonnenten an

Folge 54books.

6s Kommentare

  1. Ich habe dieses Buch geliebt – eine Liebe, die noch immer nachwirkt! Mehr dazu in dieser Stelle nicht, in Bälde folgt eine Rezension (darfst du deine denn schon veröffentlichen? Es gibt doch eine Sperrfrist, oder nicht?). Jedenfalls freue ich mich, dass auch du so viel Freude beim Raketenangeln hattest. Ich wünsche dieser Autorin Tausende von Lesern und noch viel mehr!

  2. Auch ich bin/war nach der Leseprobe sehr gespannt. Das Buch ist bestellt. Im Wettrennen um die schnelle Besprechung werde ich aber mit Sicherheit allerletzter.
    Habe noch sooo viele andere Bücher auf dem Stapel und (wahrscheinlich abseitig zu nennende) Blogtextideen in der Pipeline.
    Macht nix; erfreue ich mich an den Rezensionen anderer, wie diese hier.
    lg_Jochen

    • 54books

      Na soviel zu spät warst Du ja jetzt auch nicht. Schöne Rezension übrigens!

  3. Das klingt wirklich sehr vielversprechend. Eigentlich sind Erzählungssammlungen oder Kurzgeschichten nicht so mein Ding, aber deine Begeisterung wirkt so ansteckend, dass dieses Buch quasi schon gekauft ist. Bin gespannt.

    • 54books

      Ich bin auch nicht so der riesige Fan von Erzählungen, aber momentan bin ich immer wieder ganz froh einen solchen Band zur Hand zu haben. Wenn es an Zeit mangelt und trotzdem Literatur ganzheitlich genossen werden soll, eine tolle Alternative.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: