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Ein Buch, von dem man Windpocken bekommt

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

Jeder hymnische Jubelsturm, der in den letzten Wochen über Karen Köhler niederging, begann mit der überraschenden Windpockenerkrankung, die sie ereilte, als sie in Klagenfurt lesen sollte. Nein, oh nein, was war dem Leser, dem ganzen Literaturbetrieb entgangen, dass dieser rising star verhindert war. Großzügig verteilten die Rezensenten den Bachmann-Preis, in dessen Jury sie zu Recht – Beweis ihre fiktive Verleihung des Preises an Köhler – nicht sitzen. Aber Köhler hätte kommen können, sie hat nur simuliert!

Karen Köhlers Debüt Wir haben Raketen geangelt ist ein Sammelsurium aus neun wehleidigen Erzählungen, die die Welt und ihr literarisches Zentrum – Klagenfurt – nicht braucht. Aus schiefen Bildern zimmert uns eine scheinbar spätpubertierende 40-Jährige ein krummes Baumhaus in traurig-resignierter Sprache. Traurige Kinder, traurige Verlassene, traurige Tote und traurige Eulen, die viel Scheiß- sagen. Scheißwüste, Scheißmänner, Scheißbuch – das habe jetzt ich gesagt – „Es stinkt nach Kotze, Kacke, kaltem Rauch, Müll, nach altem Mann und Pisse.“ Ja, hoppla „So’n Scheiß!“ Und so geht das Seite um Seite, auf 117 dann die Auflösung „Mir egal, ob du dich Journalist nennst. Du schaufelst Scheiße.“ Mensch Karen, mir egal, ob Du Dich Schriftstellerin nennst. Du …

Hüpft beim Schreiben ihrer infantilen Texte schonmal "Fotze, Kacke, Scheiße"-rufend auf einem Sofa herum: Karen Köhler © Julia Klug
Hüpft beim Schreiben ihrer
infantilen Texte schonmal
“Fotze, Kacke, Scheiße”-rufend
auf einem Sofa herum: Karen Köhler
© Julia Klug

Von wegen großer Wurf, ein Würfchen mit kleinen Texten in Zwergenstil. Tiefpunkt die Erzählung Name. Tier. Beruf. Die, in die Großstadt verschwundene, Jugendliebe Björn steht vor der Tür der Protagonistin. Sie ist im Dorf geblieben, arbeitet im Bioladen und fühlt sich als wolle der Besuch ihr nur vor Augen führen wie sehr er die Provinz der Heimat verabscheut, dass er es geschafft hat, raus aus dem Mief. Sie gerät in Rechtfertigungszwang, warum sie daheim blieb, warum sie nicht macht was alle machen – weggehen. Dass er eigentlich mit ihrer großen Schwester ging, sie aber ihn liebte – klar – und den Tod der Schwester bis heute nicht verkraftet, die Landflucht und der Spott über Hängengebliebene verkommt zu einer ziemlichen Standardgeschichte. Wie bei Jenga stapelt Köhler immer neue Klischeebausteine übereinander bis ihr Geschichtenturm krachend zusammenbricht, ob der Biomarkt, die Babyleiche, das Grab, der Baum, die Scheune, der Jugendsex, die Jugendliebe – irgendetwas war wohl zu schwer, aber das passiert, wenn man einen Turm ohne Fundament in den Sumpf baut. Die Autorin hat keine Autorenschule besucht und diese mangelnde Erfahrung merkt man jeder Passage an. Ich habe schon Texte in der Briefkladde meiner kleinen Schwester aus der 7. Klasse gelesen, die mehr Esprit hatten.

Köhler fuhr also nicht nach Klagenfurt, um nicht nach Klagenfurt zu fahren. Statt mit ihren Texten baden zu gehen, ergriff sie den einzigen Strohhalm, der sich ihr bot: die pockige Werbetrommel rühren, ins Gespräch kommen, hoffen das ein verblendeter Feuilletonist sich vom niedlichen Cover mit Schattenschnitttieren blenden lässt und die anderen es nachplappern. Investigativ reißt 54books dieser Scharade die Maske vom Gesicht. Wie einfach man als 40-Jährige Windpocken bekommen kann, könnt ihr der untenstehenden Anleitung entnehmen, funktioniert auch bei deutlich (!) jüngeren Menschen (mir).

Gestern habe ich Karen auf ihrer Lesung in Hamburg getroffen. Der schlechte Eindruck ihrer Prosa manifestierte sich in einer unsouveränen Lesung, nach der ich die Debütantin zur Seite nahm. Mit ruhiger Stimme, als spräche ich mit einem kranken Tier, habe ich ihr erklärt, dass sie das weitere Schreiben in unser aller Interesse lieber bleiben lassen soll. Die Arme hatte vorher nicht mal bemerkt, dass sich die Moderatorin der Lesung Wasser aus der Vase ins Gesicht gesprenkelt hatte, um deutlich überzogen von ihrer absoluten Lieblingserzählung des Bandes zu sprechen, die sie, von der Autorin gelesen, noch mehr berührt habe. Nicht mal die Ironie konnte Karen erkennen, das arme Ding. Eindringlich von mir beraten, zieht sie sich schon morgen auf eine einsame Berghütte zurück, um sich ihrer zweiten Amateurleidenschaft dem Rhönradfahren zu widmen. Viel Schaden habe ich so von der Literaturlandschaft abgewendet, was für die der Berge nicht gelten dürfte, wenn Karen so fährt wie sie schreibt.

Gut, dass Tex der alte Schmierfink den Bachmann-Preis bekommen hat. Bei ihm steht die Berufsbezeichnung Schriftsteller zwar am Ende der Einleitung bei Wikipedia, bei Karen Köhler gehört sie aber gar nicht rein.

Wir haben Raketen geangelt ein Buch, von dem man Windpocken bekommt.

Vom Toben erschöpft: Karen Köhler © Julia Klug
Vom Toben erschöpft: Karen Köhler
© Julia Klug

 

Wie man nicht zum Bachmann-Preis muss:

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Mehr braucht es nicht: Klebezettel, Stift, Schere
Täuschend echt und recht gefahrlos Windpocken #DIY
Täuschend echt und recht gefahrlos (meist keine Narben) Windpocken #DIY

Karen Köhler hat sich nach der Lesung ausdrücklich einen Verriss aus meiner Klaue gewünscht. Die ernsthafte Besprechung findet ihr hier, Parallelen sind rein zufällig.

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Folge 54books.

12s Kommentare

  1. Wow – das nenne ich mal einen Verriss. Es war schon vorher auf meiner Wunschliste von daher werde ich es auch lesen und dann mach ich mir ein Bild.

    Muss aber sagen, lese ja noch nicht lange hier mit, aber solch harsche Worte hab ich bisher noch nicht gesehen. Ich bin gespannt … 😉

  2. Endlich sagt mal jemand die Wahrheit über Karen K. und ihre einfältigen Trauergeschichten.
    Allein durch das blödsinnige Rumhüpfen auf dem Sofa hat sie sich komplett disqualifiziert, typisch für überdrehte Schauspielerinnen, die auch schreiben und gestalten wollen. Alles auf einmal, aber nix richtig.

    Komisch nur, dass alle Menschen denen ich explizit von dem Buch abrate, es trotzdem kaufen und begeistert sind. Da läuft irgendwas ganz falsch in dieser Republik!
    Danke für diese klärenden Worte, lieber Tilman.
    Grüße aus B. nach HH. _jochen

  3. Karen Köhler

    Tilman!
    Danke für den Verriss. Du bist toll.
    Hab mir gleich sieben neue Sofas bestellt.

    Deine
    Muse

  4. Karen Köhler

    Mein Liebling:
    “Vom Toben erschöpft”

  5. Ich habe sowieso schon vermutet, dass das unfassbare Lob über diesen Band Karen Köhlers, das bisher über die Bloggerwelt sozusagen in Kübeln gegossen wurde, nicht stimmen konnte, dass es vermutlich teuer erkauft worden ist. Umso mehr freue ich mich, nun endlich eine ganz authentische Srimme zu hören, die abrät vom Lesen und so wertvolle Zeit versucht für lohnende Projekte aufzubewahren. Wie gut, dass ich mich bisher schon den Lobhudeleien entzogen und standhaft an dem Erzählband vorbei nach anderen wirklich bedeutenden Werken der Literatur gegriffen habe. Vielen Dank, lieber Tilman, für Deine ehrlichen Worte!

  6. Großartig, mal schauen, wie viele die “Auflösung” am Ende mitbekommen haben 😀

  7. […] Prosa. Den Bachmannpreis 2014 verpasste sie krankheitsbedingt, dafür wird ihr literarisches Debüt Wir haben Raketen geangelt landauf landab […]

  8. redcat

    och nee, quite boring solche spielchen, dafür ist meine lebenszeit zu schade.
    ich stand dem buch sehr skeptisch gegenüber und finde es nun widerstrebend mit jeder geschichte besser und besser und toll.
    danke an frau köhler
    aus meinen weihnachtsferien in kalifornien

    • 54books

      och nee, quite boring solche kommentare, bringen ja auch keinen weiter.
      bleiben wir uns gewogen.

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