Unsichtbare Frauen – Was Daten nicht erzählen

von Cordula Kehr (@prinzjusuf)

 

Die Beobachtung ist eigentlich nicht neu: der prototypische Mensch ist männlich – Frauen sind das Andere, das atypische Geschlecht. Die westliche Kulturgeschichte ist geprägt von diesem Männerzentrismus und die feministische Kritik an ihm füllt inzwischen auch eigene Bibliotheken. Allerdings – und hier setzt Caroline Criado-Perez’ Buch Unsichtbare Frauen an – hat sich in unserer von Daten beherrschten Welt der Kontext verändert, in dem die Perspektiven und Bedürfnisse von Frauen übersehen und übergangen werden: Big Data hat eine geschlechterbezogene Datenlücke. Sie ist sowohl Ausgangspunkt als auch Folge der Diskriminierung von Frauen. 

Big Vagina vs. Big Data

Criado-Perez, die sich auf Twitter als „Lobbyist for Big Vagina“ bezeichnet, nimmt sich in ihrem gerade auf Deutsch erschienenen Buch diesen Gender Data Gap vor. Sechs Themenfelder – Alltagsleben, Arbeitsplatz, Design, Bildergebnis für criado perez Unsichtbare FrauenArztbesuch, Öffentliches Leben und Katastrophenmanagement – nutzt sie als Schauplätze, um evidenzbasiert (also auf Basis empirisch ausgewerteter Daten) die Benachteiligung von Frauen vorzuführen. Es geht ihr darum, die (Gender-)Neutralität von Algorithmen in Frage zu stellen und die weibliche Hälfte der Bevölkerung zu rezentrieren. Denn obwohl wir geradezu manisch Daten sammeln, bleiben Frauen zu oft unsichtbar: „Frauen werden nicht gesehen, und man erinnert sich nicht an sie, weil Daten über Männer den Großteil unseres Wissens ausmachen.“

Wie oft Frauen einen Autounfall überleben, wenn sie selbst am Steuer sitzen? Wissen wir nicht. Dafür kennen wir die Überlebenschancen eines 1,77 m großen und 76 kg schweren Crashtest-Dummys. Wissen wir, welche Nebenwirkungen ein Medikament für Frauen hat, oder nur welche bei männlichen Mäusen auftreten? Berücksichtigen Algorithmen, die Schichtpläne erstellen, dass die meisten Frauen nicht nur Lohnarbeit sondern auch Care-Arbeit leisten?

Die Benachteiligung von Frauen ist weder individuell noch zufällig, sondern strukturell und allgegenwärtig. Anschaulich reiht Criado-Perez in ihrem Buch Studie an Studie und nutzt diese beeindruckende Datenfülle, um mit Nachdruck einen Systemwandel zu fordern. Sorgfältig recherchierte Daten werden durch Storytelling ergänzt, O-Töne betroffener Frauen illustrieren Statistiken, und Criado-Perez schöpft auch mal aus dem Privaten, um das Politische zu erzählen. 

Ohne Storytelling reproduziert sich die Datenlücke

Wie aber lässt sich die Geschichte einer Abwesenheit erzählen? „Es gibt eine Leerstelle in den wissenschaftlichen Daten in Bezug auf Frauen im Allgemeinen […], doch über Schwarze Frauen, behinderte Frauen oder Frauen aus der Arbeiterschicht gibt es praktisch keinerlei wissenschaftliche Daten.“ Damit macht Criado-Perez auf einen grundlegenden Widerspruch ihres Buches aufmerksam: Einerseits argumentiert sie datenbasiert und weist Diskriminierung in Zahlen nach. Andererseits will sie die Folgen und Ursachen der geschlechterbezogenen Datenlücke beschreiben, also über fehlende Daten sprechen. 

Das ist ein Problem! Die Datenlücke potenziert sich, wo es nicht um weiße, nicht-behinderte, wohlhabende, heterosexuelle Frauen geht. Gleich zu Beginn ihres Buches verspricht Criado-Perez deswegen, dass sie intersektionale Daten, soweit vorhanden, immer anführen wird. Sehr selten werden also „Frauen aus ethnischen Minderheiten“ oder „Frauen aus der Arbeiterschicht“ sichtbar. Und Criado-Perez erinnert wiederholt daran, dass nicht alle Frauen in gleicher Weise benachteiligt sind, selbst wenn ihr keine Daten zu Mehrfachdiskriminierungen vorliegen. 

An einigen entscheidenden Stellen verzichtet die Autorin dann aber darauf, ihren Blick intersektional zu weiten und Positionen zu benennen, die von der weiblichen Mehrheitsperspektive abweichen. So ignoriert sie die Sicht von Frauen mit Behinderung auf Mobilität, von Frauen of Color auf Care-Arbeit und von queeren Personen auf Zweigeschlechtlichkeit. Das ist nicht einfach eine Frage der fehlenden Repräsentation. Bei vielen Themen, die das Buch anschneidet, fällt es nicht besonders ins Gewicht, dass eine vermeintlich homogene Gruppe von Frauen konstruiert wird. In den genannten Fällen verzerrt die fehlende Differenzierung aber den Blick auf vorhandene Ausschlüsse. 

Frauen mit Behinderung brauchen zum Teil andere öffentliche Mobilitätsangebote und sind stärker auf Barriereabbau im öffentlichen Raum angewiesen als Frauen ohne Behinderung. Persönliche Mobilität ist nicht umsonst ein eigener Artikel der UN-Behindertenrechtskonvention. Es gibt Studien die zeigen, dass weiße Frauen nicht in gleichem Maße Care-Arbeit leisten wie Frauen of Color, weil sie sich häufiger davon freikaufen können. Man fragt sich, warum diese Zusammenhänge im Buch unterbelichtet bleiben.

Die Probleme des Buches zeigen sich etwa in der Art, wie die Autorin die folgende Anekdote zu genderneutralen Toiletten verwendet, ohne die Perspektive queerer Personen auf Zweigeschlechtlichkeit zu berücksichtigen: „Im April 2017 wollte die erfahrene BBC-Journalistin Samira Ahmed auf die Toilette gehen. Sie war gerade bei einer Pressevorführung […] im berühmten Barbican Arts Centre in London […].“ Als Ahmed in der Pause die Toilette aufsuchen will, ist die Schlange noch länger als üblich: „Wie um in fast komischer Manier zu beweisen, dass an Frauen kein bisschen gedacht worden war, hatte das Barbican sowohl die Herren- als auch die Damentoiletten geschlechtsneutral gestaltet. Die Schilder für „Männer“ und „Frauen“ waren durch die Hinweise „geschlechtsneutral mit Urinalen“ und „geschlechtsneutral mit Kabinen“ ersetzt worden. Es geschah das Naheliegende: Nur Männer benutzten die angeblich ‚geschlechtsneutralen‘ Toiletten ‚mit Urinalen‘, und beide Geschlechter benutzten die ‚geschlechtsneutralen mit Kabinen‘.“

Criado-Perez nutzt in ihrem Buch Anekdoten, um starke Identifikationsmomente zu schaffen. Aber warum nutzt sie sie nicht, um genau die Perspektiven sichtbar zu machen, die in der Datenlücke verschwinden? Geschlechtsneutrale Toiletten richten sich an queere Personen, die sich jenseits der zweigeschlechtlichen Norm verorten und sich auf „Herren- und Damentoiletten“ nicht wohl fühlen. Wer wie Criado-Perez beklagt, dass Männer Frauenanliegen auf die Zeit nach der Revolution verschieben wollen, sollte aufpassen, nicht selbst Perspektiven zu marginalisieren, die in der geschlechterbezogenen Datenerhebung nicht sichtbar werden. Wer nicht gezählt wird, zählt nicht – das trifft bei Studien über Männer und Frauen auf alle zu, die sich jenseits der zweigeschlechtlichen Norm verorten. Das hätte man zumindest kurz erwähnen können, wenn man Anekdoten über genderneutrale Toiletten erzählt.

Gleichstellung: eine Frage fehlender Daten?

Und apropos nicht gezählt werden: Kurz vor der Oscar-Verleihung vor zwei Wochen forderte die Journalistin Ann Mbuti im monopol Magazin, dass wir mit dem Zählen aufhören: Unter Hashtags wie #OscarsSoWhite und #OscarsSoMale würde nur gezählt, wer fehle, die Ursachen der ungerechten Strukturen würden nicht analysiert. Das System ändere sich so nicht, egal wie oft wir Oscars zählten.

Natürlich ist Gleichstellung nicht einfach eine Frage vorhandener oder fehlender Daten. Es reicht nicht, geschlechterbezogene Daten zu erheben und Benachteiligungen sichtbar zu machen. Entscheidungsträger*innen müssen aus diesen Daten auch einen Handlungsbedarf ableiten. Criado-Perez plädiert in ihrem Buch deshalb nicht nur dafür, Gleichstellungsdaten zu erheben, sondern diese auch zu nutzen. Was aber hindert Entscheidungsträger*innen daran, evidenzbasierte Politik zu machen? Natürlich ist es immer leicht, Bedürfnisse zu übersehen – ob absichtlich oder unabsichtlich –, die nicht die eigenen sind.

Criado-Perez benennt aber auch den offenen Widerstand gegen Gleichstellungspolitik, der sich z.B. in Form sexistischer Shitstorms äußert. (Der Verdacht liegt nahe, Männer, die nicht genug Care Arbeit leisten, haben zu viel Zeit, um im Internet zu trollen.) Und gerade privilegierte Menschen hängen oft dem Mythos der Meritokratie an, der ihnen suggeriert, ihre gesellschaftliche Stellung sei allein eine persönliche Leistung, die sie ihrem Talent zu verdanken haben. 

„Dieser Mythos verstellt den Blick auf die institutionalisierte Bevorzugung weißer Männer. Und er ist leider bemerkenswert immun gegen die seit Jahrzehnten bekannten Fakten, die ihn als Fantasie entlarven. Wenn wir diesen Mythos abschaffen wollen, genügt die bloße Datenerhebung nicht.“  

Criado-Perez nennt Quoten, finanzielle Anreize und gesetzliche Verpflichtungen sowie bessere Meldestrukturen für Diskriminierungsfälle als mögliche politische Stellschrauben, um Gleichberechtigung zu erwirken. Um diese Schrauben anzubringen, brauche es aber mehr Politikerinnen, und dazu brauche es wiederum Quoten und ein frauenfreundlicheres Arbeitsklima in der Politik. Was also tun?

Unsichtbare Frauen von Caroline Criado-Perez ist ein Plädoyer dafür, den Gender Data Gap zu schließen. Es ist keine Anleitung, wie man die politischen Widerstände auf dem Weg dorthin überwindet. Vielleicht kann es aber zum Gesprächsanlass werden, um datenbasiert über Benachteiligung zu sprechen und – im Gespräch – intersektionale Datenlücken durch Storytelling zu verkleinern. Dann könnte dieses Buch zum Ausgangspunkt einer solidarischen feministischen Bündnispolitik werden.

 

Photo by Crissy Jarvis on Unsplash