Menschenfänger, Phallussymbol oder nur Militärschmuck? Über den Schellenbaum

von Oliver Pöttgen

Beim Großen Zapfenstreich für Angela Merkel leuchtete auch er im Fackelschein und irritierte – der Schellenbaum. Das bietet Anlass, sich mit diesem ziemlich deutschen, aber wenig beachteten Gegenstand kulturgeschichtlich und symbolkritisch auseinanderzusetzen. Um das Verhältnis zu Traditionen geht es dabei auch.

Am 2. Dezember 2021 führte die Bundeswehr für die aus dem Amt scheidende Angela Merkel einen Großen Zapfenstreich auf. Wie schon so oft in ihrer Regierungszeit, bei Staatsbesuchen im Kanzler*innenamt, wurde Merkel auch da wieder ein Symbol vorgeführt, das zwar reichlich aus der Zeit gefallen scheint, von dem in Deutschland und weltweit aber wohl immer noch Tausende herumgetragen werden: der Schellenbaum. Welche Funktion dieses obskur anmutende und von manchen – wie das Zeremoniell Zapfenstreich insgesamt – als verstörend empfundene Objekt erfüllen soll und was seine prominente Präsenz bei höchsten staatlichen Feierlichkeiten heute noch rechtfertigt, dazu findet sich in öffentlich zugänglichen Quellen der Bundeswehr und ihres Musikdienstes allerdings nur wenig. 

In einer Ausgabe der bundeswehreigenen Zeitschrift Militärgeschichte von 2020 wird der Schellenbaum lediglich als “zentrales Symbol” und “symbolisches ‘Feldzeichen’” der deutschen Militärmusik “jenseits von politischen Systembrüchen” beschrieben. Wofür das Symbol konkret steht, was es zum Ausdruck bringen soll und ob es wirklich jenseits dieser – gerade im 20. Jahrhundert eklatanten – Brüche existieren kann, wird nicht diskutiert. Der Schellenbaum ist hier einfach “Markenzeichen”, “Wahrzeichen” und “Standarte” der Militärmusik, als wüsste jede*r, was damit gemeint ist und als würden sich kritische Fragen damit erübrigen. Im “Traditionserlass” der Bundeswehr, der ihr Verhältnis zur deutschen Militärgeschichte regelt, die durch Nationalsozialismus, Militarismus und zwei Weltkriegen hochbelastet ist und in der der Schellenbaum eine Konstante bildet, ist das Symbol bisher kein Thema. Gleiches gilt für die bundeswehreigene Schriftenreihe Militärmusik im Diskurs. Und auch abseits offizieller Quellen scheint der Schellenbaum wenig publizistische Aufmerksamkeit erfahren zu haben, vor allem nicht aus kritischer Perspektive. [1] 

Wie langlebig sind alte Symbole?

Für ein so opulentes staatliches Symbol ist dieser Informationsmangel erstaunlich. Schließlich war der Schellenbaum nicht nur in Preußen, sondern gerade auch in der NS-Zeit durchgängig präsent. Der mit einem Gewicht von ungefähr 16 Kilogramm und einer Höhe von etwa zwei Metern unübersehbare Schellenbaum scheint auch im Jahr 2021 noch irgendwie einfach da zu sein. Kaum begründet, kaum hinterfragt, als selbstverständlicher, “hochheiliger” Teil dieses seltsamen Dings namens “Tradition”. [2] 

Man könnte vermuten, es gelte das Motto “War immer schon so, ist so, bleibt so” – umso mehr, wenn es um das Militär geht, das ja für manche einem Nationalheiligtum gleichzukommen scheint. Dann stünde auch zu vermuten, dass, sollte es die Bundeswehr eines Tages auf ferne Planeten schaffen, die silberne Stange dann auch dort in die Höhe gereckt wird, mit “Halbmond” (der Bogen in der Mitte), Glöckchen und Sternchen, von Adlerköpfen gehaltenen “Rossschweifen”, Gardestern (teils “Sonne” genannt) und oben aufsitzendem, an römische Aquila-Standarten erinnernden Adler. Vielleicht ertönt dazu dann auch der “Cyber Marsch”.

Was nach sehr speziellen Gedanken über einen sehr speziellen Gegenstand klingen mag, berührt einen viel allgemeineren, angesichts rasanten gesellschaftlichen Wandels und damit verbundener Fragen von Identität, Repräsentation und Macht wichtigen Punkt, der in diesem Text nur angerissen werden kann: Wann lassen Kollektive von alten, womöglich ver- und missbrauchten Symbolen und Ritualen ab, verändern oder verzichten ganz auf sie? 

Um neben dem Schellenbaum einige weitere Beispiele dafür zu nennen: Wird der Adler auch in Zukunft als Symboltier der – gefühlt – halben Welt herhalten müssen? Wird Deutschlands Nationalhymne weiter auf einem 180 Jahre alten Liedtext fußen, der durch den ausschließenden Begriff “brüderlich” alles andere als geschlechtergerecht ist? Wird Baden-Württemberg noch lange einen, so mag es wirken, brünstigen Hirsch, einen mythischen Greif und drei “schreitende Löwen” im Wappen haben, Mecklenburg-Vorpommern noch lange einen gequält grinsenden Stierkopf mit herausgestreckter Zunge? Wird sich das Verständnis von “Staatsmusik”, wie sie sich zum Beispiel in Form von Märschen und Choral beim Großen Zapfenstreich zeigt, je ändern? Und wie ließe sich ein Wandel solcher Zeichen, Symbole und Rituale demokratisch-diskursiv verhandeln? [3] 

Alles nur geklaut?

Als der Schellenbaum seinen Weg in militärische Kollektive Europas fand, wurde wohl weniger diskursiv verhandelt als heute, in jedem Fall weniger offen und schon gar nicht demokratisch. Der Schellenbaum war zunächst Beutestück. Vermutlich aus dem antiken China kommend, fand er, in seinen Vorformen, über das Osmanische Reich im 16. und 17. Jahrhundert während der Osmanenkriege den Weg nach Europa. Als Feldzeichen und Musikinstrument zur Signalgebung, Motivation und Abschreckung durch Lärm war er Teil der “Janitscharenmusik” des osmanischen Heeres und wurde nach dessen Niederlagen zur Beute europäischer Truppen, die ihn als Siegestrophäe nutzten. Zudem wurde er in der zeitgenössischen europäischen Musik als Instrument eingeführt, bedingt durch die auch als “Türkenmode” bezeichnete Faszination für die exotisierte osmanische Kultur. [4] Ob der Schellenbaum damit als frühes Beispiel Kultureller Aneignung gelten kann, sei dahingestellt.

Die heute von der Bundeswehr genutzte Form des Schellenbaums bildete sich in ihren standardisierten Grundzügen bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts heraus, wurde von Militärkapellen mitgeführt und war während der NS-Zeit wichtiger Teil der musikalischen Inszenierung von Wehrmacht, SS und anderer Institutionen des Nazi-Regimes, wobei auch Schellenbäume mit mehreren Halbmonden Verwendung fanden. Heute sind diese größeren Varianten zum Beispiel noch bei manchen Schützenfesten zu sehen. Ich kann mich an ein Sauerländer Kreisschützenfest in den 1990er Jahren erinnern, bei dem ein halber Wald an Schellenbäumen durchs Dorf getragen wurde. Gerade das überregional bekannte Neusser Bürgerschützenfest liefert hierfür und für andere Überbleibsel preußisch-deutscher Militärherrlichkeit im Kleid des Brauchtums reichlich Anschauungsmaterial, teils auch der Karneval, wie 2018 in Köln.

Ein sehr deutsches Symbol?

Rechnet man hinzu, dass auch die Nationale Volksarmee der DDR, Antifaschismus hin oder her, nicht von diesem Prunkstück lassen konnte, kann der Schellenbaum wohl als ein recht deutsches Symbol gelten. Im Ausland mag dieser Eindruck noch dadurch verstärkt werden, dass Musikkorps der Bundeswehr auch bei ihren zahlreichen internationalen Auftritten, zum Beispiel bei Militärmusik-Festivals, häufig mit Schellenbaum zu sehen sind. In gewisser Weise dürften sie damit eine Prägung des Deutschlandbilds fortsetzen, die historisch damit begann, dass es die wertvollen Schellenbäume, heute in vollem Ornat hierzulande neu ab etwa 6.000 Euro zu haben, als Geschenke oder über den Transfer militärischer Expertise und Kultur auch in andere Winkel der Welt schafften, bis nach Chile und Hawaii

Einem deutschen “Militärkaplan” an einer Schule auf den Philippinen schickte das Bundesverteidigungsministerium 1964 einen Schellenbaum, nachdem der Kaplan über einen Mittelsmann darum ersucht hatte. Dieser schrieb, der Kaplan wolle mit dem für die Schulkapelle bestimmten Schellenbaum “Menschen fangen” – “für Christus”, im Kampf gegen den Kommunismus. Das lässt mich an meine eigene Bundeswehrzeit denken: Als beim Gelöbnis zum Einmarsch der Truppenfahne auch ein Schellenbaum an uns Grundwehrdienstleistenden vorbeigetragen wurde, hatte das etwas Sakrales, Religiöses und, aus meiner heutigen Sicht, befremdlich Kultisches. 

Somit mag der Schellenbaum als ein vielleicht abseitiges Symbol militärischer oder militärisch inspirierter Subkulturen erscheinen. Gleichzeitig ist er jedoch ein zu bestimmten Anlässen und saisonal mancherorts öffentlich sehr sichtbares Symbol, mit einem Stammplatz in höchsten staatlichen Zeremonien.

Ein Symbol von Männern?

Sollte sich jemand einmal daran machen, eine kritische Kulturgeschichte des Schellenbaums zu schreiben, könnte sich die Frage lohnen, inwiefern er als Männersymbol verstanden werden kann. Bei der Recherche zu diesem Text fand sich so gut wie keine Quelle, die belastbar erwähnt oder bildlich gezeigt hätte, wie Schellenbäume von weiblich gelesenen Menschen getragen werden oder hauptsächlich solche hinter Schellenbäumen herlaufen. Das mag damit zusammenhängen, dass das Militär lange Zeit eine Männerdomäne war, und teilweise immer noch ist, bemerkenswert ist dieser Eindruck aus männlichkeitskritischer Sicht aber schon. 

Man könnte die symbolische Wirkung des Schellenbaums an der Spitze als männliches Imponier- und Protzgehabe deuten, wenn eine nach wie vor vor allem aus Männern bestehende Ehrenformation mit Marschmusiktiteln wie “Preußens Gloria” Einzug hält, wie 2019 vorm Schloss Bellevue in Berlin. Wenn, wie in Neuss, hauptsächlich Männer bei Schützenfesten mit Schellenbäumen voran durch Straßen paradieren, könnte das auch als Ausdruck tradierter patriarchaler Macht und musikalischer Gewalt interpretierbar sein. [5]

In seinem Buch Musik und Eros führt der Soziologe Hans-Jürgen Döpp, den Sexualforscher Ernst Bornemann zitierend, den Schellenbaum unter den Begriffen auf, die im Volksmund früher Synonyme für den Penis gewesen seien. [6] Beachtet man, dass der Schaft des Schellenbaums häufig am Schritt aufgesetzt wird, scheint es in der Tat nicht ganz abwegig zu sein, beim Schellenbaum auch an ein Phallussymbol zu denken.  

Ist Konrad Adenauer schuld?

Die oben angerissene Frage der Verbrauchtheit und Resilienz von Symbolen, Ritualen und den ihnen innewohnenden Werten hat in den 1950er Jahren auch bei der Konzeption der Bundeswehr eine wichtige Rolle gespielt. Im “Amt Blank”, das später zum Verteidigungsministerium wurde und die Idee der “Inneren Führung” entwickelte, gab es um den Militärreformer Wolf von Baudissin eine Gruppe, die eine Armee “ohne Pathos, ohne Paraden, ohne Fahnen” und ohne Militärmusik anstrebte – was dann wohl auch den Schellenbaum, zumindest in seiner militärischen Verwendung, ins Museum befördert hätte. 

Baudissin hat auf den “beklemmenden Surrealismus” verwiesen, wenn “schwerste Vernichtungswaffen” zum Klang von Kavalleriemärschen vorbeirollen. [7] Der Reformer warnte damit vor dem, was sich in ähnlicher Weise bei der Wehrmachtsparade zu Adolf Hitlers 50. Geburtstag im April 1939 abgespielt hatte, ein paar Monate vor dem Angriff auf Polen. Diese Parade lässt sich als marschmusikalische Ankündigung des Zweiten Weltkriegs lesen – mit einer Menge Schellenbäumen als Wegweisern.

Es ist anzunehmen, dass von der, im Spiegel deutscher Militärgeschichte, radikal anmutenden Idee einer deutschen Armee ohne Marschmusik nicht allzu viel übrig geblieben sein dürfte, nachdem sich der damalige CDU-Bundeskanzler Konrad Adenauer zu der Frage geäußert haben soll: „Verjeßt mir die Musike nicht, dat is’n janz wichtijes Kapitel für die Soldaten, und die Leute hören dat nämlich furchtbar jern“. [8] Was für ein wichtiges Kapitel das damals war, zeigte sich dann bei der von der jungen Bundeswehr 1963 für Adenauer aufgeführten Abschiedsparade. Sie mag bescheidener ausgefallen und mit weniger Lametta versehen gewesen sein als Hitlers Geburtstagsparade, Parallelen in der Inszenierung sind aber deutlich zu erkennen.

Heute, nach nunmehr bald 70 Jahren Bundeswehr, ließe sich vielleicht einmal militärsoziologisch und demokratisch-diskursiv fragen: Ist “die Musike”, und damit auch der Schellenbaum, immer noch ein ganz wichtiges Kapitel für Soldat*innen? Und was halten eigentlich, von wegen Parlamentsarmee, “die Leute” von all dem?

[1] Inwiefern der Schellenbaum in den “Allgemeinen Regelungen” der Bundeswehr, ehemals “Zentrale Dienstvorschriften”, Erwähnung findet, konnte im Rahmen der Recherche für diesen Text nicht ausreichend geprüft werden. Häufig waren und sind diese Dokumente öffentlich nicht oder nicht ohne Weiteres einsehbar. Im Bundesarchiv liegt die vormals für das Musikwesen der Bundeswehr geltende Dienstvorschrift (ZDv 78/1) nicht digitalisiert vor.

[2] Die Angaben zur Größe und den heutigen Anschaffungskosten von voll ausgestatteten, der Bundeswehr-Version ähnelnden Schellenbäumen orientieren sich an Produktbeschreibungen und Preislisten eines Fachgeschäfts. Vor allem daraus, und den verarbeiteten Quellen, stammen auch die Bezeichnungen für die Schellenbaumteile. Die Angabe zum Tragegewicht basiert auf der Aussage eines Schellenbaumträgers des Luftwaffenmusikkorps Erfurt aus dem Jahr 2018.

[3] Für das Verhältnis von Militärmusik und Staatsmusik siehe Manfred Franz Heidler: Die Militärmusik der Bundeswehr = Staatsmusik!?, in: Peter Moormann, Albrecht Riethmüller, Rebecca Wolf (Hrsg.): Paradestück Militärmusik Beiträge zum Wandel staatlicher Repräsentation durch Musik, transcript Verlag, Bielefeld, 2012, S. 13-34.

[4] Die Sinologin Gudula Linck führt das chinesische Schriftzeichen 樂 yuè  (vereinfachte Schreibweise: 乐; Aussprache: yuè bzw. ; Bedeutung: “Musik” bzw. “Freude”) auf die Form von Schellenbäumen im antiken China zurück. Zur Geschichte des Schellenbaums siehe auch: Deborah M. Olsen: The Schellenbaum: A Communal Society’s Symbol of Allegiance, in: Oregon Historical Quarterly, Vol. 92 No. 4, 1991/1992, S. 360-376; Manfred Franz Heidler: Der Schellenbaum, in: Militärgeschichte. Zeitschrift für historische Bildung, Ausgabe 2/2020, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Potsdam, S. 31. 

[5] Zum Begriff der “musikalischen Gewalt” siehe Juliane Brauer: Musikalische Gewalt: Kulturelle Ausprägungen absoluter Macht im Konzentrationslager Sachsenhausen, in: Paradestück Militärmusik, S. 299-316.

[6] Hans-Jürgen Döpp: Musik und Eros, Edition Venusberg, Frankfurt am Main, 2010, S. 41.

[7] Manfred Franz Heidler: Militärreformen im Spiegel der Militärmusik, in: Karl-Heinz Lutz, ‎Martin Rink, ‎Marcus von Salisch (Hrsg.): Reform Reorganisation Transformation. Zum Wandel in deutschen Streitkräften von den preußischen Heeresreformen bis zur Transformation der Bundeswehr, R. Oldenbourg Verlag, München, 2010, S. 523-544, S. 535.

[8] Das Adenauer zugeschriebene Zitat scheint ein wichtiger Teil des Legitimierungsdiskurses deutscher Militärmusik nach 1945 zu sein und findet sich in der unter [7] genannten Quelle auf S. 534.

Bild: Schellenbäume bei einem Zapfenstreich des Bundesgrenzschutzes, Lübeck 1961Abbildung: Bundesarchiv, B 145 Bild-F010402-0004 / Egon Steiner / CC-BY-SA 3.0