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Who put the T in Theweleit? Tijan Sila – Die Fahne der Wünsche

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Buchbloggerin, schreibt das Internet voll, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
Katharina Herrmann

Seit Freitag Abend habe ich ohne jeden Anlass leider einen ziemlich, ziemlich nervigen Ohrwurm von „Who put the bomb“. Es ist anstrengend, wer wacht schon gerne auf und denkt als erstes „Who put the bomp in the bomp bah bomp bah bomp? Who put the ram in the rama lama ding dong?“, und ja, mein Leben ist wirklich so albern, wie es sich gerade liest. Schon am Freitag, als ich den Song, den ich gemeinerweise plötzlich im Kopf hatte, auf YouTube gesucht habe, fiel mir auf, dass ich das Original von Barry Mann eigentlich gar nicht so gut kenne, sondern vor allem die Coverversion von Me First and the Gimme Gimmes, und dabei fiel mir wiederum auf, wie viele Popsongs ich eigentlich vor allem aufgrund ihrer Coverversion kenne und gar nicht so sehr im Original, was dann dazu führt, dass ich beim Hören des Originals ständig „huch, ist das langsam“ denke und doch lieber weiter das Cover höre. Ein bisschen passt dieses Cover-Thema zu „Die Fahne der Wünsche“ von Tijan Sila, aber dann auch wieder nicht. (Super Überleitung, oder? Na ja, ok, dann nicht.)

„Die Fahne der Wünsche“ erzählt von Ambrosio, einem Jugendlichen aus dem fiktiven Land Crocutanien, das irgendwo am Mittelmeer liegen könnte und in dem ein totalitäres System herrscht. Ambrosio stammt aus prekären Verhältnissen und sichert durch sein Talent als Radrennfahrer seine Existenzgrundlage, gerät aber deswegen auch in Abhängigkeit von der Partei und damit in Schwierigkeiten, und das alles, obwohl er eigentlich nur ein ganz normaler Teenager sein möchte mit coolen Klamotten, erster Freundin, Comics und ein bisschen Flippern.

Nirgends, immer

Man könnte jetzt annehmen, es handle sich bei diesem Roman um eine klassische Dystopie, schließlich findet die Handlung in einem fiktiven, totalitär regierten Land statt – und einer von vielen Vorzügen von „Die Fahne der Wünsche“ ist schon mal, dass genau diese Erwartungshaltung nicht erfüllt wird. Die Handlung ist weder in der Gegenwart, noch in der Zukunft verortet, sondern in der Vergangenheit, der dargestellten technischen Entwicklung entsprechend spätestens in den 1990ern, und damit deutet sich schon an, was hier eben genau nicht passiert: Dem Roman geht es nicht darum, gegenwärtige Probleme oder Entwicklungen weiterzuspinnen und davor zu warnen, wo das alles hinführen könnte, wie das Dystopien gemeinhin tun würden. Im Gegenteil: „Die Fahne der Wünsch“ erzählt von spezifisch modernen, der Psyche eingeschriebenen Strukturen, die sich im 20. Jahrhundert genauso finden wie heute, und die narrativ zu fassen eben dort klarer gelingt, wo sie sich deutlicher zeigen können; und das ist eben in einem totalitären System, das es einzelnen Typen erlaubt, ihren unausgeglichenen psychischen Haushalt sehr viel freieren Lauf zu lassen, als dies in einem funktionierenden demokratischen Rechtsstaat der Fall wäre. Die Verlagerung der Handlung an einen inexistenten, totalitär regierten Ort hat keine gegenwartsdiagnostische Funktion, sondern höchstens eine allgemeindiagnostische.

Dies zeigt sich auch darin, dass mehrfach deutlich wird, dass das totalitäre Regime, das Aufhebung der Klassenunterschiede und Einheit des Volkskörpers propagiert, mit seinem Beginn und seinem Ende eigentlich lediglich die Veränderung gebracht hat, dass sich während seines Bestehens einzelne Figuren sehr viel einfacher brutal und willkürlich verhalten konnten: Ansonsten bestehen im System alte Klassenunterschiede weiter, die davor schon bestanden haben, die Parteielite ist die alte Elite und die Armen sind weiterhin die Armen. Und das wird sich auch mit dem Niedergang des Regimes, von dem lediglich in groben Zügen erzählt wird, weil ja eben das Regime selbst gar nicht so sehr im Vordergrund steht wie das, was es ermöglicht, nicht ändern: Günstlinge des alten Regimes führen auch nach der Veränderung des politischen Systems ein gutes Leben, Vertreter der Elite des Regimes machen nach seinem Ende weiterhin politisch Karriere. Die Menschen ändern sich nicht und ihre gesellschaftliche Position ändert sich nicht, unabhängig vom herrschenden politischen System – das politische System kann lediglich Dinge unterschiedlich gut regulieren. Und das totalitäre System begünstigt es eben, dass manche Menschen den destruktivsten Trieben in ihnen in besonderer Weise freien Lauf lassen.

Und so kommt es auch nicht von ungefähr, dass manche Bevölkerungsgruppen einem eben beim Lesen nicht völlig unbekannt vorkommen. Die Oberschicht, Kinder der „Erstkämpfer“ und also der Revolutionäre, die der totalitären Partei zur Macht verholfen haben, ist genauso gelangweilt (vgl. S. 162, 248) und privilegiert wie die Oberschicht in Romanen von Christian Kracht oder Bret Easton Ellis, der Unterschied zu diesen ist lediglich, dass im totalitären System ihre Privilegierung noch sehr viel deutlicher ist: Die Kommissare der Partei haben sie nicht zu fürchten, sie können das Land verlassen und dürfen ungestraft auch verbotene Dinge tun. Davon abgesehen leben sie denselben Lebensstil wie Leute ihres Alters im Ausland (vgl. S. 226), mit dem Unterschied, dass sie eben wirklich überzeugte Ideologen sind. Und auch die im Roman dargestellte Jugendkultur kommt einem nicht völlig unbekannt vor, und das so sehr, dass man sich mitunter wundert, wie eine solche Jugendkultur in einem totalitären Regime sich überhaupt entwickeln kann: Die „Mobilen“ (vgl. S. 84), die Mopeds fahren und sich zu einander bekämpfenden „Eskadronen“ zusammenschließen und das System mit seinen brutalen Schergen so wenig fürchten, dass sie es nicht nur offen und lautstark kritisieren, sondern irgendwann auch offen bekämpfen, erinnern nicht nur an Rocker und Biker, sondern vor allem auch an rollerfahrende Gruppen von Jugendlichen in Kreuzung von Mods und Unterschichtschic, wie man sie in den 1990ern manchmal gesehen hat (die entsprechenden Leute sind heute über 40, man sieht sie aber manchmal noch, wenn sie gemeinsam ihre Lambrettas durch die Gegend fahren – sie laufen noch heute dabei rum, als wären sie einem Oasis-Video entsprungen).

Dazwischen leben ganz normale Jugendliche wie Ambrosio, die sich eigentlich nur durch ihren Alltag durchwursteln wollen und irgendwie ein bisschen was vom guten Leben abhaben wollen – Sila erzählt in „Die Fahne der Wünsche“ wieder, wie schon in „Tierchen unlimited“, nicht von heroisch über sich hinauswachsenden Figuren, er erzählt eben nicht vom Rebellen, der das System stürzt, wie man das von einer Dystopie erwartet, sondern von einer alltäglichen Figur, die ein bisschen was richtig macht, und einiges eben auch nicht so richtig macht (und höchstens indirekt und unabsichtlich in den Niedergang des Systems verwickelt wird). Dass Ambrosio im Verlauf der Romanhandlung „schuldig werden“ kann, liegt eben nicht nur daran, dass er einen „Fehler“ hat, wie das bei klassischen Heldenfiguren der Fall wäre. Er wird vor allem auch deswegen „schuldig“, weil er aufgrund seiner sportlichen Karriere von der Partei abhängig ist, und dass dies der Fall ist, ist eben unter anderem seinen Verhältnissen geschuldet: Sportliche Leistung ist sein Weg sozialen Aufstiegs, sein biografischer Ausweg, und darin ist er ohne nennenswerte Alternative – nur eine privilegierte Figur aus der Oberschicht wie Elvira kann ihm sagen, dass er eben einfach etwas anderes machen solle, um sich aus seiner Abhängigkeit aus der Partei zu befreien. Elvira, die alle Möglichkeiten hat, kann nicht nachvollziehen, was es bedeutet, nur eine Möglichkeit zu haben.

Körperpanzer, fragmentarischer Panzer

Der Titel des Romanes ist angelehnt an ein Zitat aus Klaus Theweleits sehr dickem bzw. zweibändigem Buch „Männerphantasien“, was am Ende des Romans auch deutlich gemacht wird, und an mehreren Stellen wird deutlich, wie stark dieser Roman die Ergebnisse der Untersuchungen Theweleits narrativ umsetzt. Ich habe leider nur einzelne Kapitel aus „Männerphantasien“ gelesen, deswegen mag im Folgenden manches schief oder nicht ganz zutreffend sein, vieles habe ich deswegen bestimmt auch übersehen, aber an den Stellen, an denen mir die Parallelen zu Theweleit aufgefallen sind, fand ich schon bemerkenswert gelungen und konsequent, was dieser Sila da macht.

„Männerphantasien“ ist eigentlich erst mal eine stark literaturwissenschaftliche Publikation, in der Klaus Theweleit mit einem psychoanalytischen Zugriff vor allem Literatur der deutschen Freikorps der Zwischenkriegszeit, aber auch ein paar andere Texte untersucht, um anhand dieser Texte herauszuarbeiten, was den faschistischen Männertyp des Nationalsozialismus ausmacht und prägt. Der faschistische Mann, so Theweleit, ist ein nicht-zu-Ende-geborener, kindlicher Mann, geprägt von tiefer Angst vor der Außenwelt und einem chaotischem Innenleben, dem durch Drill ein „Körperpanzer“ anerzogen wurde, der ihn zwar aufrecht hält, ihn aber sowohl von sich selbst, als auch von der Außenwelt, vor allem aber auch vom anderen Geschlecht fernhält und dazu führt, dass der faschistoide Typ Ich-Einheit durch Gewalt gegen seine Umwelt herzustellen versucht.

Und genau dieser faschistoide Typ tritt in „Die Fahne der Wünsche“ in Form der „Mäntel“ auf, einer Art Polizei im totalitären Regime, die aber auch die Verwaltung kontrolliert. Die „Mäntel“ sind brutal und haben Freude daran, Angst auszulösen. Sie schlagen aus Anlässen, die psychisch normal gestrickten Menschen nicht nachvollziehbar sind, andere Menschen halbtot. Sie genießen die Angst, die sie auslösen, weil sie selbst tiefe Angst haben – so beobachtet Ambrosio, wie es zwei der Mäntel, die ihn eben noch brutal verprügelt haben+++, nicht „gelang […], ihre Angst zu verbergen“ (S. 131), als sie an Kollegen vorbeigehen müssen, sie in der Hackordnung über ihnen stehen könnten. Er bezeichnet sie entsprechend auch als „unfertige Kindsmänner, die allesamt in jenem Abschnitt des Heranwachsens stecken geblieben waren, in dem jeder unbeabsichtigte Rempler eine Kränkung darstellte, auf die man mit Gewalt antworten musste.“ (S. 252f.). Die Mäntel sind nichts anderes als nicht-zu-Ende-geborene Kindsmänner mit Körperpanzer – und das so eindeutig, dass es mir schleierhaft ist, warum man annimmt, dies träfe auf Ambrosio zu, der sich in mehreren Punkten (s.u.) deutlich von ihnen unterscheidet.

Der deutlichste Vertreter des faschistoiden Typs ist Cherubino, der Kommissar, der leider auch für Sport zuständig ist und von dem Ambrosio also abhängig ist. Alles Kindliche hasst er, genauso wie er Mütter hasst, ohne die die Welt eine bessere wäre – statt Müttern wünscht er sich Laboratorien (S. 205).

„Daß man die Eltern ehren soll, muß also, wie die andern Teile des Panzers angeprügelt werden. Kein einziges Kind mit dieser Art Ich liebt oder achtet seine Eltern wirklich, im Gegenteil: da es ihrer substanzlosen Herrschaft, die es als Terror empfinden muß, unterworfen ist, haßt es sie.

Besonders haßt es die Mutter, aber es haßt sie an sich selbst; der Selbsthaß, die Autodestruktionstendenzen, die sich in der Nichtachtung des eigenen Lebens und in allerlei körperlichen Leiden äußern, sehen wie eine Strafe an der introjizierten ‚bösen‘ Mutter aus: Rache für ihr Versagen, die Nicht-zuende-Geborenen der zerreißenden Kälte ausgesetzt zu haben. (Die reale Mutter als Person wird dagegen zwanghaft verehrt.)“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 289-292)

Besonders große Angst hat Cherubino – typisch – vor Wasser, Flüssigkeiten, Fluten. So wird davon erzählt, dass er bei einem Schwimmausflug schon nach wenigen Metern einen „Anfall“ gehabt habe, bei dem er panisch geschrien habe, aus Angst, zu ertrinken (vgl. S. 235f.). Mit seiner Freundin hat Cherubino keinen Sex, denn Sex ekelt ihn, er ist eine „viehische Flut von Sekreten“ (S. 205). Im Wasser, in Sekreten, also in der Lust, könnte sich der männliche Körperpanzer auflösen – darum lösen Flüssigkeiten Panik bei diesen Männern aus:

„Dieses deutet auf eine Umkehrung der Affekte, die ursprünglich mit der Aussonderung der verschiedenen Substanzen des menschlichen Körpers verbunden sind: Lustempfindungen. An die Stelle solcher Lustempfindungen ist eine panische Abwehr ihrer Möglichkeit getreten.“ (Klaus Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 425)

(am Rande: In Kontext dieser psychoanalytischen Theorie ist es interessant, mal über Begriffe wie „Flüchtlingswelle“ oder „Flüchtlingsflut“ nachzudenken.)

Und hier unterscheidet sich Ambrosio klar von Cherubino: Auf Cherubinos Zuschreibung hin, Ambrosios Sex mit seiner Freundin Betty sei eine „viehische Flut von Sekreten“ gewesen, „protestierte“ er „aufgebracht“, es seien „Zärtlichkeiten“ gewesen (S. 205). Ambrosio hat eben keinen Körperpanzer, er ist kein soldatischer Typ und auch kein faschistischer – wenn er auch von manchem selbst nicht ganz frei ist. Ambrosio hat sich zwar von seiner psychisch kranken Mutter gelöst, hat durch sie aber eben aufgrund ihrer Krankheit auch Zurückweisung erfahren, allerdings erst in fortgeschrittenerem Kindesalter. Er zeigt entsprechend nicht Züge des faschistischen Männertyps, sondern eines „autistischen”: „Autistische“ Kindern richten die Aggression, die aus der Verunsicherung durch diese Zurückweisung resultiert, gegen sich selbst, nicht gegen andere:

„Das Kind selbst also verfällt in seiner Not auf den Ausweg, sich durch den Schmerz seiner fehlenden Körpergrenzen zu vergewissern, sich durch Schmerz vorübergehend zu einem Körper-Ich zu verhelfen und sei es um den Preis der Selbstzerstörung.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 258)

So zeigt Ambrosio zum ersten Mal seine Höchstleistungen als Radrennfahrer, bei denen er sich bis zum körperlichen Zusammenbruch verausgabt, nachdem er Verunsicherung darüber empfindet, ob seine Freunde sich über seine Mutter und ihren Zustand lustig gemacht haben (vgl. S. 37) – diese Unsicherheit wird zur Leidensfähigkeit, auf die Ambrosio im Roman auch wiederholt seine Karriere zurückführen wird. Nicht Disziplin, Härte, Körperpanzerung haben ihn zum besten Radrennfahrer des Landes gemacht, sondern seine Leidensfähigkeit.

Entsprechend ahmt Ambrosio das parteitreue Gerede von Sport und Disziplin explizit nur nach, um Ärger aus dem Weg zu gehen (vgl. S. 180), die für den faschistischen Typ anziehende Idee, der Körper solle nicht in Flüssigkeit/Lust, sondern im geformten und disziplinierten Kollektiv aufgehen, für „dummes Gerede“ (S. 151). Nicht umsonst erkennt Cherubino an ihm die Fähigkeit zum Regress – eine Fähigkeit, die die nicht-zu-Ende-geborenen faschistischen Männer nicht haben, da sie ja gar nicht erst bis zu einem Entwicklungsstand vorgedrungen sind, von dem aus sie zurückfallen könnten (vgl. S. 132; Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 295f.).

Dennoch: So ganz psychisch „normal“ entwickelt ist Ambrosio eben auch nicht bzw. vollständig kann er sich wohl auch den Einflüssen seiner Umwelt nicht entziehen, insbesondere nachdem seine Freundin Betty – eine erfolgreiche Schwimmerin, angesichts der Bedeutung, die Wasser/Weiblichkeit laut Theweleit haben, ist das kein Zufall – ins Ausland geflohen ist, beherrscht Angst sein Leben (vgl. S. 178), und bei einem Segeltörn empfindet auch er Angst vor dem Wasser und vor dem Ertrinken (vgl. 221f.), allerdings lässt er sich auch hier – wie früher eben von Betty – von Frauen helfen, diese Angst zu überwinden (vgl. S. 221f.). Er ist, wie Elvira ihn nennt, ein „Männlein“, kein körpergepanzerter Mann, und Betty mit ihrem wegen des Schwimmens breiten Rücken ist auch körperlich das Gegenstück zu ihm mit seinen für Radrennfahrer typisch trainierten Beinen und untrainiertem Oberkörper.

Wunschmaschine Flipper

Vor allem aber hat Ambrosio im Gegenteil zum soldatischen Cherubino Freude am Kindlichen, das letzterer ja strikt ablehnt – deswegen spielt Ambrosio Flipper, was ihn erstmals in Konflikt mit Cherubino geraten lässt, denn eben deswegen hasst Cherubino Flipper. Tatsächlich ist es ein GENIESTREICH von Sila, Flipper als Gegenstand des Konflikts zwischen „Mänteln“ und Jugendlichen zu wählen, denn der Flipper steht nicht nur für Spiel und Kindlichkeit, sondern er ist sehr viel deutlicher als etwa Videokonsolen auch eine Maschine, eine Theweleitsche Wunschmaschine. Der faschistoide Typ vermenschlicht Maschinen und maschinisiert Menschen:

„Die Maschine, das Produktionsmittel, dessen sinnvoller Gebrauch dazu führen könnte, die Lage der Menschen so weit zu verbessern, daß sie sich verfleischlichen, ihren im Kampf ums Überleben erworbenen Muskelpanzer ablegen könnten, wird zu einem Ausdrucksmittel fleischlicher Lust degradiert, während der Mensch, Produzent von Lust, in eine Muskelmaschine verwandelt wird, die die Produktion von Lust verbietet und verfolgt. […] Die natürliche Maschinerie des menschlichen Unbewußten wird eliminiert zugunsten einer künstlichen Maschinisierung seiner Peripherie, während das natürliche Produktionselement der Maschine eliminiert wird zugunsten ihrer künstlichen Vermenschlichung. Aus der Vielheit der menschlichen Wunschmaschinen wird die Einheit der Lustverfolgungsmaschine soldatischer Mann, während aus der Einheit und Einfachheit der Maschine, die Objekte produziert, eine ästhetische Vielheit quasimenschlichen Ausdrucks gewonnen wird, so daß der Mensch zu einer unvollkommenen Maschine, die Maschine zu einem unvollkommenen Menschen wird, beide nicht mehr in der Lage, zu produzieren, sondern den Schrecken auszudrücken und weiterzugeben, den sie erlitten haben: in ihrer perversen Form werden beide zu Zerstörern. Die wirklichen Menschen und die wirklichen Maschinen fallen dieser Verkehrung zum Opfer.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 230f.)

Nicht umsonst sucht Cherubino nach einem bestimmten Flipper, dessen Existenz Ambrosio abstreitet, da er ihn als Pervertierung des Flippers wahrnimmt, weswegen er Cherubino unterstellt, sich diesen Flipper nur ausgedacht zu haben: Der Flipper heißt „Embryo“ und auf ihm sind nicht nur mehrere Penisse und Spermien, sondern auch eine Vagina zu sehen – das, was menschliche Lust ausmachen könnte, was Cherubino ekelt und ängstigt, überträgt Cherubino auf die Maschine. Ambrosio, der das durchschaut, wird von den „Mänteln“ deswegen fehlende Männlichkeit unterstellt (vgl. S. 68f.) und konsequenterweise verbietet Cherubino nun die Maschine, auf die er die von ihm abgewehrten Wünsche projiziert hat. Der Flipper steht für das Kindliche, für Lustempfinden, und muss daher verschwinden. Daneben ist das Verbot des Flipperns ein Beispiel für das willkürliche Agieren totalitärer Systeme, das für die Bevölkerung nicht nachvollziehbar ist.

Flut und Masse

Der soldatische Mann hat nicht nur Angst vor Fluten – entsprechend meiden in Crocutanien die Menschen überhaupt das Wasser (vgl. S. 110f.) – sondern auch vor der einer Flut ähnlichen Menschenmasse, also der Volksmasse, die nicht soldatisch geformt und geordnet ist.

„Das öffentliche Erscheinen revolutionärer Massen ist eine Folge von Dammbrüchen; es bedroht auch dic eigenen Dämme, als bräche die Körpergrenze der Männer durch den ‘Einfluß’ der äußeren Massen zusammen; die eigene innere Masse ‘zerfließt’ in die äußere – die äußere wird zur Verkörperung des ausgebrochenen eigenen Inneren. Der Mann wird ‘überschwemmt.

Daraus ergibt sich ein Zugang zur scheinbaren Widersprüchlichkeit des faschistischen Massenbegriffs. Neben der Fähigkeit zur Mobilisierung großer Menschenmassen steht die gleichzeitige Verachtung der Massen durch den Faschisten; er wendet sich an sie, fühlt sich aber gleichzeitig aus ihr erhoben, als Elite gegenüber der niedrigen ‘Masse Mensch’.

Die Widersprüche hören auf, welche zu sein, wenn man sich klar macht, daß von jeweils zwei verschiedenen Massen die Rede ist; sie sind einander gegensätzlich. die gefeierte Masse ist immer eine formierte, in Dammsysteme gegossene. Ein Führer ragt aus ihr heraus. die verachtete erscheint dagegen immer unter den Attributen des Flüssigen, Schleimigen, Wimmelnden.”“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 9)

Für diese (proletarische) ungeordnete Menschenmasse stehen die Mobilen als oben schon genannte Jugendbewegung. Im Gegensatz zum soldatischen Mann sind sie Hedonisten – sie sind alo an die “Lustseuche” (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 2, S. 18) verfallen, wie der faschistoide Typ dies sehen würde: Die Fahnen, die sie für ihre Eskadronen entwickeln, stehen symbolisch für Saufen oder für Prügeleien, für ihre Wünsche, nicht für die Nation (im Gegensatz zu den allgegenwärtigen aber eben immer identischen Fahnen der Partei) – ihrer Hymne nach ist ein Mobiler ein „Soldat der guten Fahne“ (S. 261). Männer sind sie also auch, als Soldaten sehen sie sich auch, aber sie unterscheiden sich von den Männern faschistischen Typs (vermutlich würde ich dazu auch was bei Theweleit finden, aber wie geschrieben: Ich habe nur einzelne Kapitel aus „Männerphantasien“ gelesen). Auf die Frage, was die Mobilen eigentlich wollen, sagt Ambrosio: „Sie sagen, sie wollen saufen und bumsen.“ (S. 213) Sie stehen für das Lustprinzip, das Männer wie Cherubino beseitigen wollen, weil es ihnen Angst macht. Entsprechend haben die Mobilen eben auch keine Angst, auch nicht vor der Brutalität der „Mäntel“ oder der Macht der Eliten (vgl. S. 212). Sie durchbrechen das körpergepanzerte Männlichkeitsideal, wenn sie sich über das ideologische Staatsoberhaupt Spiro lustig machen, indem sie „Mutter-Vater“ rufen und damit die Grenze zwischen Männlichem und Weiblichem auflösen, oder wenn sie ein Denkmal Spiros travestieren, indem sie seine Lippen und Wangen rot anmalen (vgl. S. 213).

So kommt es nicht von ungefähr, dass schließlich ein Konflikt zwischen Mobilen und Partei entstehen muss, der dazu führt, dass die ungeordnete Masse der Mobilen praktisch abgeschlachtet wird. Eine Rolle spielt dabei u.a. die Soldatin Rhonda, ein Theweleitsches „Flintenweib“: Sie schlägt einem Mobilen den Kopf ab (vgl. S. 272f.), denn „[i]hre Tätigkeit ist eine kastrierende: Hälse, Nasen, Ohren – alles was hervorsteht – wird von ihnen [den Flintenweibern] abgeschnitten.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 80), und sie wird von Männern gedemütigt und ist als Soldatin und „Braut des Volkes“ (vgl. S. 215) verpflichtet, allen ranghöheren Soldaten sexuell zu Diensten zu stehen, denn sog. „Flintenweiber“ als weibliche Aggressoren werden typischerweise auf irgendeine Weise degradiert, häufig zur „Hure“ erklärt, denn ihre Seinsweise „macht sie einerseits zu Objekten männlicher Verfügung, andererseits aber ungebunden, mächtig, gefährlich – besonders in Zeiten zusammenbrechender politischer ‚Ordnung‘.“ (Theweleit: Männerphantasien, Bd. 1, S. 83)

Eine mächtige, aggressive Frau muss Männer ängstigen – bezeichnenderweise findet Ambrosio sie dagegen zunächst durchaus anziehend, erst im Moment der Gewaltausübung jagt sie auch ihm verständlicherweise Angst ein. Und: Vor diesem Hintergrund – dass das Abschlagen des Kopfes eine Kastration bedeutet – ist es doch interessant, dass das Denkmal Spiros, das im Roman eine wichtige Rolle als Treffpunkt der Jugendlichen spielt und auch auf dem Buchcover zu sehen ist, eben ein abgeschlagener Kopf des ideologischen Staatsoberhauptes ist.

Meta-Meta-Meta

Vermutlich würde man, wenn man mehr Theweleit gelesen hätte als ich, noch viel mehr entdecken, und gerade das ist doch wirklich beeindruckend: Dass ein Roman, der so unaufgeregt, so schlicht daherkommt, als wollte er gar nichts Neues, sondern nur malwieder vom Totalitarismus erzählen, in Wahrheit so wahnsinnig konsequent und komplex und mehrschichtig ist. Man kann den Roman ohne Theweleit lesen: Dann liest man einen gut erzählten, gut geschriebenen, oft auch witzigen Roman über einen jungen Mann in einem totalitären Regime, der ein bisschen ein guter Typ, aber eben auch ein bisschen ein Egoist („Autist” im Sinne Theweleits) ist und einfach nur ein gutes Leben will – und wenn man aufmerksam liest, wird man vermutlich auch ohne Theweleit merken, dass es hier ganz massiv auch um Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit geht. Und darum, dass es im Alltag vielleicht keine Helden gibt, aber dafür kann es manchmal Freundschaft, Zärtlichkeit, Liebe und Vertrauen geben, und das ist dann schön. Und wenn es sie nicht gibt, dann ist es schlimm.

Der Roman hat schon auf den ersten 100 Seiten ein paar kleine Längen – das ist aber für einen Roman, der ein ganzes Land mit eigenem politischen System entwirft, nicht ungewöhnlich, das hat man auch in all den Büchern, die wirklich Dystopien sein wollen. Sobald Ambrosio dann in Einflussbereich Cherubinos ist, zieht die Handlung an und dann hat sich auch das.

Mit Theweleit hat man vermutlich mehr Spaß am Roman, weil es dann wirklich viel zu INTERPRETIEREN gibt. Und an einigem rätsle ich auch noch herum: Zum Beispiel warum Bilder von Ilja Repin erwähnt werden (vgl. S. 40f.). Da kann man länger drauf rumdenken, und wenn man das mag, sollte man „Die Fahne der Wünsche“ schon mal lesen. Es ist doch spannend, wie hier aus einer Theorie, die maßgeblich auch aus Literatur erarbeitet wurde, wieder Literatur gemacht worden ist – nur diesmal eben kritisch reflektierte Literatur, mit der man darüber nachdenken kann, wie totalitäre Strukturen in männliche Psyche eingeschrieben werden, statt Literatur, die diese Strukturen unkritisch reproduziert. Vielleicht ist das ein Meta-Roman. Eben kein Cover, eher sowas wie ein Meta-Cover-aber-so-dass-was-ganz-eigenes-dabei-rauskommt. Aber schön, dass sowas komplexes geschrieben wird, und schön, dass ein Verlag sowas dann auch wirklich macht. Alles sehr schön!

tl;dr: Beeindruckend konsequent gedacht, beeindruckend gelungen umgesetzt – es ist wie beim Sport: Es ist halt erst richtig gut, wenn etwas sehr schwieriges sehr leicht wirkt. Und in diesem Roman steckt wahnsinnig viel theoretischer Unterbau, der trotzdem die Handlung nicht schwer werden lässt. Ich hatte großen Spaß.

[Beitragsbild von asoggetti auf unsplash.com]

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