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The Graphic Canon – Weltliteratur als Graphic Novel

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

Der Freund des Kompendiums klassischer Literatur in immer neuen Zusammenstellungen kommt in dieser Saison nicht an der deutschen Ausgabe von The Graphic Canon – Weltliteratur als Graphic Novel von Russ Kick vorbei. Das auf drei Bände angelegte Werk* versammelt im zweiten Band Literatur von Tristram Shandy über Jane Austen bis Dorian Gray**.

Der Galiani Verlag hat einige Beiträge der englischen Ausgabe durch speziell angefertigte getauscht. Das Übergehen Goethes Faust käme der Gotteslästerung gleich, ein Fehler wäre es in diesem Zusammenhang erst recht gewesen die berühmte Bearbeitung von Flix nicht aufzunehmen. (Die mag ich zwar nicht besonders, trotzdem hat sie Maßstäbe im Umgang mit klassischen Texten gesetzt.) Aufzunehmen war ebenso nach Ansicht Wolfgang Hörners, der die Edition betreut hat, ebenso E.T.A. Hoffmann und Georg Büchner. Dass Schiller und wer nicht alles fehlt? – ein solches Werk kommt nicht ohne Auslassungen und Unfairness aus. Abweichend von der englischen Ausgabe startet die vorliegende auch mit Tristram Shandy, nicht mit dem in Deutschland relativ unbekannten Kubla Khan. Warum nicht mit Don Quijote, von dem es bereits eine Graphic Novel Adaption gibt und der ebenso wie Tristram*** den Beginn des modernen Romans darstellt? – Dann müsst ihr eure eigene Anthologie veröffentlichen!

Der Band versammelt Adaptionen von Poes Raben, Dickens’ Oliver Twist, Frankenstein von Mary Shelly, Anna Karenina, Verbrechen und Strafe, Also sprach Zarathustra, Dr. Jekyll und Mr. Hide, Moby-Dick und vielen anderen mehr. Die Umsetzungen sind so vielgestaltig wie die Vorlagen selbst. Verspielt (Oliver Twist) und minimalistisch (Walden), üppig und verstörend (Jerusalem: The Emanation of the Giant Albion), mit einem einzigen Holzschnitt auskommend (Hänsel und Gretel), modern-gargoylesk (Frankenstein) und in jeder nur denkbaren Spielart. Selbstverständlich kann daher nicht jede Version den persönlichen Geschack treffen und dies kann  gar nicht Ziel eines solchen Projekts sein. Vielmehr wird ein Querschnitt der Rezeption von Weltliteratur durch sequenzielle Kunst gezeigt.

Die Unwucht des Werks in Bezug auf Literatur des englischen Sprachraums, ist für den deutschen Leser zumutbar. Durch die Einleitungstexte wird man so auf bisher Unbekanntes stoßen, die Zumutung wird so zur Bereicherung.

Notabene: Das Buch enthält natürlich nicht den kompletten Faust von Flix und den gesamten Whitman Lyrikbestand. Es handelt sich eher um repräsentative Ausschnitte oder wahnwitzige, einseitige Zusammenfassungen (z.B. von Rattelschneck, der den Hessischen Landboten auf eine Seite eindampft, um auf einer zweiten noch einen Seitenhieb auf den veröffentlichenden Verlag unterzubringen). Es wird aber ebneso vorgeführt, dass man einen Briefwechsel in eine Graphic Novel konvertieren kann (Briefe an George Sand von Gustave Flaubert).

Am besten, obwohl die Wahl wirklich schwer fällt, hat mir die Moby-Dick Version von Matt Kish, der auch Herz der Finsternis bearbeitet hat, gefallen. Und weil ich ein fürchterlich netter Kerl bin, der artig und höflich bei Galiani angefragt hat, gibt es hiervon noch einen Haufen Bilder für geneigte Leser und Betrachter (kleiner Haufen, auf der Seite von Matt gibt es alle Bilder).


*In Amerika sind bereits alle drei Bände erschienen.

**Den Untertitel monierte meine Madame Jane Austen nicht in die Mitte der Reihe literarischer Figuren passt. Ich bin da nicht so streng.

***Tristram Shandy zählt übrigens zum Anfangsbestand der 54 und ist inzwischen in einer erschwinglichen Ausgabe (günstiger geht bei diesem Werk wirklich nicht, man vergleiche den Markt!) in neuer Übersetzung ebenfalls bei Galiani erschienen. [Nachtrag: tatsächlich ist eine Don Quijote Adaption im ersten Band enthalten, worauf mich der Verlag freundlicherweise hingewiesen hat]

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