Schlagwort: Wirtschaft

Geldgeschichten: Die Sünden, die wir erben

Eine Wirtschaftskolumne von Daniel Stähr

Haben Sie sich schon den neuen Survivalguide für unseren Planeten vom Club of Rome besorgt? Nein? Haben Sie vielleicht davon gehört? Die ein oder andere am Rande? Vielleicht. Seltsamerweise handelte es sich auch um keine große Nachricht, sie ging unter, wie so vieles untergeht in der selektiven Wahrnehmung der Öffentlichkeit und der Nachrichten. Einem anderen Thema aus der Wirtschaftspolitik, das mich interessiert, konnte man hingegen nicht entkommen: Die Diskussion um die Energiepreise in Deutschland und das dritte Entlastungspaket der Bundesregierung dominierte die Nachrichten. Dahinter verschwand der eindringliche Appell des Club of Rome  – vielen Medien war er nur eine Randnotiz wert. Dabei könnte der neueste Bericht des Expert*innen-Gremiums über die Zukunft unserer Erde nicht alarmierender sein und hat mit der verheerenden Flutkatastrophe in Pakistan auch ein tragisches, aktuelles Beispiel. Betrachtet man diese beiden Themen genauer, stellt man zudem schnell fest, wie eng sie miteinander verzahnt sind. Aber der Reihe nach.

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Geldgeschichten: Der Kanzler im Finanzministerium

Eine Wirtschaftskolumne von Daniel Stähr

Wieso steht die Ampel ständig auf Gelb? In den vergangenen Monaten wirkte es bei vielen wirtschaftspolitischen Fragen so, als wäre es die FDP, die innerhalb der Regierung den Ton angeben würde. Sei es bei der Debatte um den Tankrabatt, mögliche Übergewinnsteuern oder um die Zukunft der Schuldenbremse und des Verbrennungsmotors, die Partei von Finanzminister Christian Lindner diktiert oft die Art und Weise, wie über diese Fragen in den Medien diskutiert wird. Lindners Forderung in den Koalitionsverhandlungen, der FDP das Finanzministerium zu überlassen, zahlt sich für die Partei nun ohne Frage aus. Kein anderer Bundespolitiker hat größeren Einfluss darauf, wie viel Geld in welche Projekte fließt. Zumindest in der Außendarstellung wirkt der Finanzminister deswegen einflussreicher und präsenter als Kanzler Olaf Scholz.

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Kein Preis zu hoch? – Über Preise und was sie mit Krieg und Krisen zu tun haben

von Daniel Stähr

Wer sich häufig in sozialen Medien bewegt, kennt vielleicht das Gefühl, sich durch die unzähligen Posts zu wühlen und dabei auch über humoristisch gemeinte Aussagen zu stolpern – meist eine Mischung aus banalen Vergleichen und halblustigen Insider-Witzen. Manchmal aber steckt in dieser scheinbar lustigen Feststellung mehr Wahrheit und mehr Relevanz, als den Nutzer*innen bewusst und uns als Gesellschaft lieb ist. 

Der User El Hotzo wirft hier nämlich implizit eine Frage auf, die uns viel mehr beschäftigen sollte: Wieso haben die Energiepreise in den vergangenen Jahrzehnten so wenig auf die sich immer weiter verschärfende Klimakatastrophe reagiert, sind im Zuge des Krieges in der Ukraine aber gefühlt über Nacht extrem gestiegen? Was treibt Preise? Und vielleicht noch wichtiger – was können uns Preise über die Welt in der wir leben sagen?

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Finanzbetrug mit Geistern – Emily St. John Mandels ‚Das Glashotel‘

von Cordula Kehr

Hochstapler sind prädestiniert für Literatur. Davon zeugen das ganze Genre des Schelmenromans oder kanonische Figuren wie Tom Ripley und Felix Krull. Die großen Betrüger der Gegenwart sind aber weniger Dandys als Broker, sie arbeiten nicht im Luxushotel, sondern im Büro und machen Anlageberatung. Ein solcher Finanzbetrüger und seine Betrugsmasche stehen im Zentrum von Emily St. John Mandels gerade erschienenem Roman Das Glashotel, dessen Handlung vom Fall Bernie Madoff inspiriert wurde. Madoff führte jahrzehntelang ein gigantisches Ponzi Scheme, mit dem er an die 5.000 Menschen schädigte und für das er 2009 zu 150 Jahren Haft verurteilt wurde. Mandel erzählt die Geschichte eines globalen Finanzskandals und einer jungen Frau, die an einen Betrüger gerät.

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Kapital, Ideologie und Codes – Kritiken an der Wirtschaftsordnung der Gegenwart

von Daniel Stähr

Thomas Piketty: Kapital und Ideologie, C.H. Beck 2019.

Katharina Pistor: Der Code des Kapitals: Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft, Suhrkamp 2019.

Es gibt zwei elementare Herausforderungen, vor denen die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten stehen wird: die sich anbahnende Klimakatastrophe und die immer stärker wachsende globale ökonomische Ungleichheit. Anfang 2020 kam mit der Corona-Pandemie eine weitere Menschheitsaufgabe dazu, die zu radikalen Einschnitten im gesellschaftlichen Leben geführt hat. Die Pandemie wirkt wie eine Vorschau darauf, was uns im Kampf gegen die Klimakrise erwartet und wie wenig geeignet unsere aktuellen Systeme für diesen Kampf sind. 

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Geldgeschichten – GameStop und die Narrative Ökonomie

von Daniel Stähr

 

In den vergangenen Wochen hat die Aktie des Spielehändlers GameStop explosionsartig an Wert gewonnen. Hedgefonds wie Melvin Capital, die auf fallende Kurse gewettet hatten (sogenannte Shorts, bzw. das Shorten einer Aktie), wurden an den Rand des Ruins gebracht. Dahinter steht eine mehr oder weniger abgesprochene Aktion von Nutzer*innen des Reddit Unterforums WallStreetBets, deren Ziel es war, in GameStop zu investieren, um so den Preis der Aktie nach oben zu treiben. Seitdem beobachtet die gesamte Welt fasziniert, wie Reddit die Wall Street Giganten ins Wanken bringt. Die Hintergründe, wie genau Shorts funktionieren, und wieso die Verluste bei stark steigenden Kursen so hoch sind, wurden inzwischen umfassend erläutert (oder wie hier von Angela Göpfert).

Wie lassen sich solche Phänomene, die scheinbar unvereinbar sind mit der traditionellen Theorie der Wirtschaftswissenschaften, wissenschaftlich erklären? Eine mögliche Antwort darauf liefert der Ökonomie-Nobelpreisträger [1] Robert Shiller in Narrative Economics, ( dt. Narrative Wirtschaft, Plassen Verlag 2020, übers. v. Philipp Seedorf)[2]. Darin vertritt Shiller die These, dass reale Wirtschaftsabläufe durch virale Geschichten, also bestimmte sich schnell verbreitende Narrative, die innerhalb einer Gesellschaft zirkulieren, beeinflusst werden können.

Ein ökonomisches Narrativ in Shillers Sinne ist demnach eines, dass das Verhalten der Wirtschaftssubjekte (bspw. Unternehmen oder individuelle Haushalte) aktiv verändern kann. Was wir im Zuge der Reddit vs. Wallstreet Geschehnisse erlebt haben, kann als das Funktionieren eines solchen Narratives interpretiert werden. Viele der Nutzer*innen, die sich über das Subreddit WallStreetBets an der Rallye auf die GameStop-Aktie beteiligten, taten das wahrscheinlich nicht aus einem Kalkül der eigenen Gewinnmaximierung heraus, sondern waren von dem „we are the 99 percent“ Slogan beeinflusst.

Der Gedanke, Teil der großen, unterprivilegierten Masse zu sein (zumindest in ökonomischer Hinsicht im Vergleich zu den 1 Prozent der Reichsten, für die die Hedgefonds der Wallstreet stellvertretend stehen), war die Motivation für dieses am Ende gebündelte Vorgehen. Dass der Kauf der Aktien häufig über eine App Namens RobinHood abgewickelt wurde, half dem David gegen Goliath Narrativ zusätzlich. Denn Fakt ist auch, wer am Ende finanziell von dem Kurs-Boom am meisten profitiert, ist noch nicht genau abzusehen. Es ist nicht auszuschließen, dass auch große Anleger*innen profitieren, die rechtzeitig aufgesprungen sind. Schließlich ist auch der Investmentriese Blackrock einer der größten GameStop Anteilseigner und verdient, da die Aktie Teil einiger seiner Finanzprodukte ist, indirekt mit an dem Kursanstieg. Weiterlesen