Schlagwort: USA

Tödliche Theorien – Rechtsradikale Verschwörungserzählungen und das Versagen der Medien

von Annika Brockschmidt

Am 14. Mai 2022 fuhr der 18-Jährige White Supremacist P.G. zum „Tops“ Supermarkt in Buffalo, New York, mit dem Ziel, Schwarze Menschen zu töten. Er ermordete zehn Menschen und verwundete drei, bevor er festgenommen wurde. Alle  Opfer waren Schwarz. Sehr schnell wurde klar, dass es Rassismus war, der die Taten inspiriert hatte. Der Täter hatte ein hasserfülltes, 180-Seiten langes Manifest online gestellt, bevor er die Morde beging – die er live auf Twitch streamte. Außerdem analysierten Expert:innen sein digitales Tagebuch, das hunderte Seiten von Information beinhaltet – unter anderem die Geschichte, wie er radikalisiert wurde. P.G. nennt sich einen „Faschisten“ und einen „Nazi“ und sagt offen, dass es sein erklärtes Ziel ist, Schwarze Menschen zu töten. Er glaubt an den rassistischen Verschwörungsmythos, der White Replacement genannt wird – also „Weißer Austausch“. Der Mythos vom White Replacement ist eine Kombination zweier Verschwörungsnarrative: Great Replacement (in deutschen rechten Kreisen taucht er oft als „Umvolkung“ auf) und White Genocide („Weißer Genozid“).

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Muskelmänner, Hoden-Bestrahlung und Faschismus – Von “300” bis zu Tucker Carlson 

von Annika Brockschmidt

Gestählte, schwitzende, nackte Oberkörper, Liegestützen, sich wölbende Muskeln, zwei spärlich bekleidete Männer, eng umschlungen im Kampf – auch sie muskelbepackt. Ein blonder, ebenso durchtrainierter Mann, der auf Plastikflaschen schießt. Plötzlich der Griff einer Männerhand an ein Kuheuter. Dann schwillt die Musik – bisher waren es bedrohliche Paukenschläge – dramatisch an: Wir sehen einen komplett nackten Mann in Erlöser-Pose auf einem Hügel stehen, die sehnigen Arme zum Himmel gereckt. Vor ihm steht etwas, das wie ein gigantischer Covid-Test aussieht und die Sicht auf die Geschlechtsteile verdeckt. 

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Literarischer Stadtplan für New York City

von Isabella Caldart

Seit anderthalb Jahren gibt es ein Einreiseverbot für Europäer*innen in die USA, das noch immer nicht wieder aufgehoben wurde. Ein Glück, dass man sich mithilfe von Büchern sicher, günstig, schnell und umweltschonend an persönliche Traumziele weltweit lesen kann. Ein besonders beliebtes Traumziel ist für viele New York City; rund 65 Millionen Besucher*innen (darunter 13 Millionen aus dem Ausland) verzeichnete die Stadt in prä-pandemischen Jahren. Zugleich gehört New York auch zu den beliebtesten Schauplätzen von Romanen.

Wer an New-York-Bücher denkt, denkt zumeist an Romane wie Fegefeuer der Eitelkeiten, Manhattan Transfer oder Die New-York-Trilogie. Aber es gibt eine wesentlich größere Bandbreite an literarischen Texten, die New York als Setting haben. Auffällig dabei: Im East Village und in Harlem sind besonders viele Geschichten angesiedelt, und vor allem die siebziger Jahre, eine Zeit, in der New York dreckig und gefährlich war, werden als zeitlichen Rahmen gerne gewählt. Eine Auswahl.

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Ein Gegenentwurf – Warum Amanda Gorman die amerikanische Dichterin der Stunde ist

von Marcel Inhoff

 

Lyrik ist die literarische Gattung, die häufig ein Dasein im Schatten der erzählenden Prosa führt. Gerade im politischen Diskurs sind es die Reden, Romane und Fernsehserien, die die meiste Aufmerksamkeit bekommen. Am 20. Januar 2021 stand jedoch eine junge Schwarze Lyrikerin im Zentrum der Aufmerksamkeit – Amanda Gorman las auf Einladung von Dr. Jill Biden ein Gedicht bei der Amtseinführung von Joe Biden und Kamala Harris. Es war erst das sechste Gedicht überhaupt, das bei einer Amtseinführung gelesen wurde – und die Wirkung ihres Textes und Vortrags war so außerordentlich, dass sie, als erste Lyrikerin, eingeladen wurde, auch beim Super Bowl am 7. Februar ein Gedicht zu lesen (“Chorus of the Captains”).

Dass sie außerdem auf dem Cover des Time Magazine am 15. Februar sein wird – als erste reine Lyrikerin, der diese Ehre zuteil wird, seit Robert Lowell 1967  – ist ein weiterer Beweis dafür, dass Gorman eine besondere und wichtige Position in der amerikanischen Lyrik einnimmt. Ihr Auftritt – vom Vortrag bis zu ihrem Outfit – war so bemerkenswert und entsprechend diskutiert, dass die Qualität des Textes selbst und seine Bezüge oft aus dem Blick gerieten. Um diese Bezüge zu erkennen und einzuordnen, bedarf es eines geweiteten Blicks in die Geschichte der amerikanischen Lyrik. Weiterlesen