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Aufmarsch der Faschisten – Die rechtsradikale Tradition in den USA

von Annika Brockschmidt und Thomas Lecaque

Im September 2022 starteten Mitglieder der Patriot Front, einer amerikanischen Neonazi-Organisation, einen Flashmob in Indianapolis. Die etwa fünfundsiebzig Mitglieder, die ihre traditionellen Khakihosen, blauen Hemden, weißen Hüte und Gesichtsmasken trugen, organisierten sich schnell, kamen von allen Seiten und verschmolzen zu einem zusammenhängenden Rechteck mitten auf der Straße, das ihre Flaggen trug: ein Fasces (Rutenbündel) in einem Kreis mit dreizehn Sternen um ihn herum, der ein faschistisches Amerika symbolisiert. Diese Flagge der Patriot Front ist angelehnt an die sogenannte “Betsy Ross”Flagge, die ein Amerika darstellt, das von Weißen Männern beherrscht wurde. Sie trugen ein Banner mit ihrem Hauptmotto „Reclaim America“. Der Marsch führte vom Gelände des Indiana Statehouse zum Monument Circle, hinunter zum War Memorial bei der American Legion Mall und endete an der Hauptniederlassung der Indianapolis Public Library.

Dieser Aufmarsch war nicht der erste Flashmob der Patriot Front. Die Gruppe kam auch am Wochenende des 4. Juli nach Boston und marschierte dort mit denselben Uniformen, zusätzlich mit Schilden und „Reclaim America“-Bannern entlang des Freedom Trails. Eine ähnliche Versammlung an der Back Bay MBTA-Station, die Teil der Bostoner Eisenbahnlinie ist, führte zu Gewalt, als Mitglieder der Patriot Front einen Schwarzen angriffen, der sie zur Rede gestellt hatte. Davor hatten sie bereits Märsche in Chicago veranstaltet – und sich im Januar auf der National Mall in Washington D.C. einemPro-Life“-Marsch angeschlossen. Weitere Märsche fanden in Philadelphia im vergangenen Juli (wo Einwohner sie aus der Stadt vertrieben) und sowie in Nashville, Washington D.C. und davor Pittsburgh statt.

Die Videos dieser faschistischen Märsche sind jedoch nicht die einzigen medialen Ereignisse der Patriot Front. Videos von „Trainingslagern“ tauchen immer wieder im Internet auf einer Vielzahl von Plattformen auf. Solche Lager finden an unterschiedlichen Orten im ganzen Land  – von Pennsylvania, bis Colorado und Florida – statt. Einige von diesen Videos stammen aus der umfangreichen Datensammlung von Unicorn Riot, andere werden jedoch eindeutig von der Patriot Front über Mittelsleute veröffentlicht. Marschieren in Formation, Nahkampfübungen, Schildmauern bauen, Scheinangriffe von Gegendemonstranten – all das sieht nicht besonders geschickt aus, aber es zeigt das Bild einer Organisation, die nicht nur auf Flashmobs setzt, sondern auch bereit ist, sie mit Gewalt zu untermauern.

Die Märsche der Patriot Front und ihre Trainingsvideos haben in den sozialen Medien für viel Spott gesorgt. Und doch sollte die Tatsache, dass sich Faschisten sicher genug fühlen, um durch die Straßen amerikanischer Städte zu marschieren – wenn auch mit maskierten Gesichtern – Anlass zur Sorge geben, so plump und lächerlich dieses Faschisten-Cosplay auch wirken mag. Denn: Sie meinen es ernst. Die Straßenmärsche fungieren nicht nur als Zelebrierung faschistischer Ästhetik und Einschüchterung von Minderheiten, die sie hassen, sondern auch als Rekrutierungsinstrument. 

Uniformierte Faschisten, die durch die Straßen marschieren, sind ein schlechtes Zeichen für den Zustand der Demokratie, so wenige es auch sein mögen. Vor allem, weil die extreme Rechte mit ihren Rekrutierungstaktiken am Puls der Zeit ist. Prozessionen und Paraden sind politische Akte mit einer langen Geschichte. Sie sind ein Mittel, um Legitimität und Raum in der Öffentlichkeit zu beanspruchen – ein Mittel, das seit dem 19. Jahrhundert von sozialen Organisationen, Politikern und ganzen Kleinstädten bei lokalen und nationalen Feiertagen praktiziert wird, wie die Historikerin Susan Davis gezeigt hat („Parades and Power“).

White Nationalists marschieren heute jedoch nicht nur auf der Straße, sondern nutzen längst  soziale Medien, um junge, wütende weiße Männer in ihre Reihen zu rekrutieren, wobei TikTok ihr vielleicht wichtigstes Werkzeug ist. Aber es ist nur ein Teil einer viel größeren Multimedia-Kampagne, die darauf abzielt, neonazistische Rhetorik und Ideologie zu verbreiten und salonfähig zu machen. Im Jahr 2020 gab es in den Vereinigten Staaten einen signifikanten Anstieg bei der Verbreitung von Propaganda der weißen Rassisten, für die die Patriot Front zu 80 Prozent verantwortlich ist. 2020 war auch das Jahr, in dem die Patriot Front damit begann, ihre Rhetorik von offener antisemitischer und neonazistischer Sprache zu Dog Whistles (Hundepfeifen) wie „America First“ und „Reclaim America“ zu verharmlosen. Zu dieser Zeit begannen sie auch vermehrt, Flashmobs abzuhalten.

Eines fällt bei allen Arten der öffentlichen Rekrutierung auf: Faschistische Symbole stehen im Mittelpunkt ihrer öffentlichen Inszenierung, die so stark auf eine angepasste Ästhetik setzt. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil ihrer Brandings– und Rekrutierungsbemühungen – die schon Jahrzehnte vor TikTok begannen. Denn der amerikanische Faschismus ist kein neues Phänomen. Der Gründer der Patriot Front, Thomas Rousseau, ist ein ein ehemaliges Mitglied von Vanguard America – der Ruf dieser Gruppe, „Blood and Soil“ (“Blut und Boden), war 2017 auch bei der “Unite the Right”-Rally in Charlottesville zu hören. 

Rousseau marschierte in den Reihen der Neonazis mit. Auch damals waren die charakteristischen Uniformen und die Neonazi-Ideologie deutlich erkennbar, die Menge brüllte “Juden werden uns nicht ersetzen” – eine Referenz auf die Weiß-nationalistische Great Replacement”-Verschwörungserzählung, der die Demonstranten anhingen. Rousseau löste sich von Vanguard America und gründete nach der Rally, bei der ein Neonazi die 32-jährige Heather Hayer tötete, die Patriot Front. Doch selbst Vanguard America war kein neues Phänomen, sondern nur eine Organisation in einer langen Reihe von Neonazi-Gruppen in der amerikanischen Geschichte. Von George Lincoln Rockwells American Nazi Party der 1960er und 1970er über die Aryan Nation der 1980er und 1990er im Norden Idahos bis hin zu Gruppen wie Vanguard America oder der Traditionalist Worker Party, die 2017 in Charlottesville zusammenkam: Vom Zweiten Klan der 1920er Jahre über Pater Coughlin bis hin zur ursprünglichen America-First-Bewegung und Charles Lindberghs Des Moines-Rede vom 11. September 1941, in der er den Juden die Schuld am Zweiten Weltkrieg gab: Die USA haben eine ganz eigene White Supremacist– und faschistische Tradition.

Diese Gruppierungen der 1930er und 1940er Jahre bilden das Herz der faschistischen Tradition Amerikas. Während heute die Patriot Front für ihre Märsche Verkleiden spielt, tat der KKK dasselbe, während er in Schwarze Viertel eindrang und dort seinen mörderischen Terror verbreitete. Heute verbindet man ein brennendes Kreuz sofort mit dem KKK. Doch der Klan hat seine Bildsprache damals dem extrem rassistischen Film „Birth of a Nation“ entlehnt. Dass sie für ihren hasserfüllten Kreuzzug das christliche Kreuz wählten, ist deshalb kein Zufall: Oft wird vergessen, erklärt die Historikerin Kelly J. Baker („The Gospel of the Klan“), dass der KKK eine ausgesprochen christliche, insbesondere Weiße, protestantische Organisation war. Dieses Branding ermöglichte es dem Zweiten Klan, in den 1920er Jahren an Popularität zu gewinnen und White Supremacy für Mitglieder der gutbürgerlichen Gesellschaft zu etablieren: Ärzte, Pastoren, Lehrer und Buchhalter. Und während Baker darauf hinweist, dass White Supremacy oft gewöhnlich und langweilig ist (es gab zum Beispiel KKK-Strickkreise), dienten KKK-Märsche schon damals als Machtdemonstration, aber auch als Rekrutierungsinstrument. Die Märsche der Patriot Front ahmen diese Taktiken nach, auch wenn sie bei weitem nicht an die Kraft und öffentliche Unterstützung des Zweiten Klans auf seinem Höhepunkt herankommen: 1925 marschierten 30.000 Klan-Mitglieder die Pennsylvania Avenue in Washington D.C. entlang, und über ihren Marsch im darauffolgenden Jahr wurde in den Zeitungen des ganzen Landes berichtet.

Die heutigen uniformierten White Supremacists und Neonazis, die mit den Knieschützern und Schilden der Patriot Front marschieren, haben auch Verbindungen zu christlichen Extremisten. Tatsächlich besteht die Bandbreite der extremen Rechten in den Vereinigten Staaten heute aus einer Reihe konkurrierender, miteinander vernetzter Gruppen, die sich auf die Zerstörung der amerikanischen Demokratie und auf nicht viel mehr einigen können. Doch die Überschneidungen zwischen den einzelnen Gruppierungen sind sehr wichtig. Unter den Mitgliedern der Patriot Front, die im Sommer in Coeur d’Alene festgenommen wurden – die sich auf einen Angriff auf eine LGBTQIA+-Veranstaltung in der Stadt vorbereitet hatten – befanden sich zwei Brüder, die mit On Fire Ministries verbunden waren, wo ihr Vater Pastor des Men’s Ministries war. 

On Fire Ministries ist die Kirche des ehemaligen Abgeordneten des US-Bundesstaates Washington, Matt Shea. Shea hat einen unangenehm ähnlichen Lebenslauf wie der christliche Nationalist – und aktuelle Gouverneurskandidat der Republikaner in Pennsylvania – Doug Mastriano, ein ehemaliger Offizier, dessen christlich-nationalistische Rhetorik immer gewalttätiger geworden ist und der Verbindungen zu einer Vielzahl von rechtsextremen Gruppen hat. 

Shea machte bereits mit seinem Manifest für einen „Heiligen Krieg“ Schlagzeilen, aber das war nur die Spitze des Eisbergs. Er wurde des inländischen Terrorismus beschuldigt, hat Verbindungen zur Familie Bundy, den Oathkeepers und der „Patriot Bewegung“. Und seine Kirche folgt diesem Trend – Shea war Pastor der Cornerstone Church, die ursprünglich von Ken Peters gegründet wurde. Shea wurde Pastor der Kirche, als Peters nach Knoxville, Tennessee, zog, um dort sein „Patriot Church“-Netzwerk zu gründen. 

Shea verließ die Gemeinde schließlich, um selbst On Fire Ministries zu gründen. Dort setzte er den theologischen Fokus auf Apokalyptik. Das ist relevant, weil die amerikanische christliche Apokalyptik tendenziell tiefe politische Wurzeln hat – seit den Kreuzzügen haben apokalyptische Überzeugungen zu dem Wunsch geführt, die Gesellschaft in einer spezifisch christlichen Vision neu zu gestalten. Shea fällt in dieselbe Kategorie: Er hatte seine Anhänger dazu aufgefordert, eine “alternative christliche Regierung” zu bilden und sich auf einen “totalen Krieg” einzulassen. Diese Art von Rhetorik – christlicher Nationalismus, Rassismus, Vorwürfe der Tyrannei gegenüber der amtierenden Regierung und der Aufruf zum “totalen Krieg” gegen die Feinde – findet sich überall im Manifest der “Patriot Front”.

Mitglieder der Patriot Front und tauchten bei der Coeur D’Arlene Pride-Parade auf und planten einen Angriff auf die Veranstaltung, was zur Verhaftung von 31 Mitgliedern der Gruppe führte – nur einer von zahlreichen Fällen, in denen rechtsextreme Gruppen wie die Patriot Front oder die Proud Boys die LGBTQ-Community belästigten und bedrohten.

Die “Patriot Front” mag eine randständige Splittergruppe der extremen Rechten sein, doch derzeit macht die Republikanische Partei ihre Arbeit für sie: Die Verunglimpfung von LGBTQ-Personen als Pädophile und Groomer hat sich im konservativen Mainstream etabliert, diejenigen, die sie verbreiten tragen Anzug und Kostüm anstatt Schild und Schlagstock.

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Ein amerikanischer Cäsar – Die Rechte in den USA flirtet mit einer gefährlichen historischen Idee

von Annika Brockschmidt

Derzeit führen in den USA sprichwörtlich alle Wege nach Rom – zumindest, wenn es nach der amerikanischen Rechten geht. Angesichts der Durchsuchung von Trumps Florida-Anwesen in Mar-a-Lago durch das FBI gehen konservative Politiker, Medienvertreter und Influencer auf die Barrikaden – bisher nur sprichwörtlich, auch wenn die Aufrufe zur Gewalt von Seiten der Basis sich mehren. Besonders beliebt bei der amerikanischen Rechten sind dabei derzeit Verweise auf das Alte Rom: Madison Cawthorn, Abgeordneter für North Carolina, verglich das Vorgehen des FBI mit “der Zeit, als Sulla an die Macht kam”, und Tom Fitton, Chef des rechten Think Tanks “Judicial Watch” spricht vom “Rubikon”, der überschritten sei. 

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Doch diese krawalligeren Erscheinungen des amerikanischen Konservatismus sind bei weitem nicht die einzigen, die sich in Vergleichen mit dem Alten Rom ergehen: Rod Dreher, Orban-Sympathisant, rechtskonservativer Publizist und eine der bekanntesten intellektuellen Stimmen der Religiösen und Politischen Rechten, fühlt sich durch die Hausdurchsuchung beim früheren Präsidenten “an die späten Tage der Römischen Republik” erinnert. Diese Rhetorik zeichnet wechselweise Biden, FBI-Chef Christopher Wray, das Justizministerium, das gesamte FBI oder alle gemeinsam – als aufstrebende Diktatoren, die sich bereit machen, gen Rom – beziehungsweise Washington – zu marschieren. 

Es ist an sich nichts Neues, dass die amerikanische Rechte ihre politischen Gegner als Möchtegern-Diktatoren framed. Diesmal steckt hinter ihrer Fixierung auf die späte Römische Republik aber auch etwas anderes. Denn hinter der Rhetorik verbirgt sich mehr als die geläufige Dämonisierung der Gegenseite: Hier wird eine intellektuelle Berechtigungsstruktur für eine radikale Idee geschaffen, die in der amerikanischen Rechten immer mehr Fahrt aufnimmt: der Cäsarismus. Eigentlich kommt dieses polit-philosophische Modell von Herrschaft unter diesem Namen im 19. Jahrhundert auf, basierend auf den Erzählungen von Cäsars Übernahme der Römischen Republik als Diktator auf Lebenszeit. Die amerikanische Rechte hat die Idee jedoch für sich entdeckt und spielt seit geraumer Zeit, mal mehr, mal weniger offen damit. Der Trend geht derzeit zum Mehr.  

Autoritäre Erzählung

Die Erzählung ist so einfach wie autoritär: Die amerikanische Republik (keine Demokratie, das wird gern und oft betont) sei wie einst die römische gelähmt, zerfressen von Korruption und handlungsunfähig. Unterstützt wird diese These durch die Blockade der eigenen Leute – vornehmlich der Republikaner im Senat – wo auch immer es möglich ist. So soll Frustration geschürt werden – während die Rufe nach einem “starken Mann”, der die Macht übernimmt und “aufräumt” lauter werden. So führt die Behauptung, die Republik sei in Gefahr, zur un-republikanischen Forderung eines Cäsars. 

Ihr amerikanischer Cäsar hätte nichts mit dem historischen am Hut – außer seiner Stellung als Alleinherrscher, als Lenker eines Imperiums, in dem die ihm Gewogenen belohnt und die Übrigen bestraft werden. Der amerikanische Cäsarismus, von dem die Rechte träumt, ist eine Form des Neo-Faschismus. Wer in Washington unterwegs ist, trifft an jeder Ecke des Stadtzentrums auf den Einfluss klassizistischer Architektur, die die historische Obsession der USA mit der Ästhetik und Architektur des alten Roms widerspiegelt. Besonders die Rechte betont jedoch den Bezug zum Altertum gern – wie Trump, der 2019 behauptete, die USA und Italien seien durch ein “gemeinsames kulturelles und politisches Erbe” verbunden, “tausende Jahre Geschichte von heute bis ins Alte Rom” verbinden. Hier wird das alte Rom nicht als demokratisches Modell hochgehalten, sondern dient als ästhetisiertes Idealmodell und Code für “westliche”, sprich christliche, weiße Kultur. So ist es wenig verwunderlich, dass unter Trump neue Bundesgebäude nur im klassizistischen Stil errichtet werden sollten. Unter Biden wurde diese Exekutivverordnung wieder rückgängig gemacht.   

Faschistische Ästhetik

Nicht umsonst hat schon der historische Faschismus die Ästhetik des Altertums für sich entdeckt, um einen Fiebertraum militanter Männlichkeit und genozidaler Auslese in einen pseudo-historischen Rahmen zu gießen. Faschismus ist eine Ideologie, die durch und durch ästhetisiert ist – diese Ästhetik jedoch nicht selbst schafft, sondern sie sich andernorts ausleihen muss. Und so ist es nicht verwunderlich, dass auch die Optik des Altertums (oder das, was sich die Rechte darunter vorstellt)  in den USA Hochkonjunktur hat. Besonders Sparta hat es ihnen, was die Ästhetik angeht, angetan: So finden sich bei den Oath Keepers, aber auch generell bei Aufmärschen anderer rechter Gruppen immer wieder spartanische Helme. “Molon labe”, alternativ in der Englischen Übersetzung “Come and Take (Them)”, ist zum Wahlspruch radikaler Waffennarren geworden. 

Die Aussage hatte Plutarch dem Spartaner-König Leonidas zugeschrieben, als dieser bei der Schlacht an den Thermophylen vom Perserkönig Xerxes aufgefordert wurde, seine Waffen niederzulegen. Auf diese Schlacht bezieht sich auch der Film “300”, dessen faschistische Ästhetik sich bei der Rechten großer Beliebtheit erfreut. Von Tucker Carlsons und Senator Josh Hawleys Fantasien halbnackter militanter Männlichkeit ist es nicht weit bis zu den offen faschistischen Aussagen eines Viktor Orbán, der sich erst jüngst gegen die “Rassenmischung” zwischen Europäern und Nicht-Europäern aussprach. Danach war er Gast bei CPAC – der Conservative Political Action Conference in Dallas – nicht unbedingt trotz, sondern vielleicht sogar gerade wegen Äußerungen wie dieser. 

Wer sich nun wundern mag, weshalb sich die Republikaner als “Back the Blue”-Partei nun so gegen eine Hausdurchsuchung des FBI wehren, von staatlicher Willkür sprechen, wo sie doch sonst die selbsternannte Partei von “Recht und Gesetz” sind, hat den Kern des amerikanischen konservativen Projekts nicht verstanden. Thomas Zimmer, Professor an der Georgetown University, zeigt, dass Vorwürfe von Republikanischer Scheinheiligkeit inhaltlich ins Leere gehen: “Die Forderung nach einer unterschiedlichen Behandlung verschiedener Gruppen durch das Gesetz ist nur dann heuchlerisch, wenn man an die Gleichheit vor dem Gesetz glaubt. Aber Konservative tun das ausdrücklich nicht. Eine scharfe Unterscheidung zwischen denen, die an die Regeln gebunden sein sollen (‘die anderen’) und denen, die es nicht sind (‘wir’), war schon immer das Herzstück des konservativen politischen Projekts”, schreibt er auf Twitter.

Ein alter Schlachtruf

Die Träume von einem amerikanischen Cäsar sind übrigens längst nicht mehr nur an den extremen Rändern der Rechten zu finden. Curtis Yarvin – ein selbsternannter rechter Philosoph, der einst Breivik kritisierte – nicht wegen der Morde auf Utoya, sondern weil die Morde ineffektiv gewesen seien – war beispielsweise zu Gast beim “The American Mind Podcast” des Claremont Institutes. Das Claremont Institute, einst ein libertär-konservativer Think Tank in der Tradition von Leo Strauss, hat sich in den letzten Jahren zur intellektuellen Speerspitze des Trumpismus entwickelt. 

Dabei flirten das Institut und seine Vertreter auch mal offen mit dem Faschismus: Wie Glenn Ellmers, der in dem Magazin des Instituts, “The American Mind”, letztes Jahr einen  Aufsatz mit dem Titel “Konservatismus ist nicht mehr genug” schrieb, in dem er sich dafür aussprach, dass man das Amerikaner-Sein nicht mehr an der Staatsbürgerschaft festmachen könne, sondern nur noch an der politischen Einstellung. All diejenigen, die 2020 nicht Trump gewählt haben, sind für ihn keine “echten” Amerikaner. 

Insofern dürfte es wenig überraschen, dass das Claremont Institute auch  offen mit dem Cäsarismus flirtet. Yarvin, bekannt unter dem Pseudonym Menicus Moldbug, – dessen Einladung allein schon ein Skandal hätte sein sollen – verkehrt jedoch nicht nur im Dunstkreis des Instituts, sondern feiert anscheinend auch mit der durch Peter Thiel gesponserten Nachwuchs-Riege der Republikanischen Neo-Faschisten Partys, wie ein Vanity-Fair-Reporter berichtete – der währenddessen auf einer dieser Feiern einen offensichtlich völlig ahnungslosen SPIEGEL-Journalisten antraf, der gerade Yarvin interviewt hatte, ohne überhaupt zu wissen, mit wem er es da zu tun hatte.. 

Das Claremont Institute spielt heute eine große Rolle bei der intellektuellen Verkleidung radikaler, extremistischer Positionen, die die Demokratie nicht nur gefährden, sondern sogar offen ihr Ende fordern. Aufgrund der Bewegung des Cäsarismus weg vom extremen Rand des amerikanischen Konservatismus hin zur salonfähigen Diskussionsmeinung in konservativen intellektuellen Spaces warnen Experten seit längerem vor Äußerungen wie denen des Senators Mike Lee aus Utah, der gern darauf beharrt, die USA seien eine “Republik, keine Demokratie”.

Auch dieser Schlachtruf ist nicht neu, sondern geht auf die rechtsextreme John Birch Society zurück. Dahinter steckt die konservative Überzeugung, dass dem Volk mit der Wahl seiner Regierung nicht zu trauen sei und deswegen eine Herrschaft der Mehrheit im Zweifel verhindert werden müsse, es sei denn, es ist die eigene. Auch hier zeigen sich mit den rechten Vordenkern und Strategen William F. Buckley und Paul Weyrich konservative Traditionslinien. Beide haben aus ihrer Verachtung für die Demokratie, wenn diese ihrem Machterhalt im Weg stand, keinen Hehl gemacht. Gleichzeitig liefert es die rhetorische Grundlage, den Weg für denjenigen freizumachen, der in den Augen der Rechten das durch Säkularismus korrumpierte Amerika retten kann: einen neuen Cäsar, einen Alleinherrscher – einen, der die Herrschaft der Minderheit Weißer Christen mit allen Mitteln sichern kann, ohne durch lästige Dinge wie ein Parlament eingeengt zu werden. So historisch daneben die Rom-Analogien von Cawthorn und Co. auch sein mögen, so wenig sie auch über die tatsächliche römische Geschichte wissen (da wäre ein Vergleich Trumps mit Catilina beispielsweise eher angebracht) – ernstnehmen sollten wir ihren Traum von einem amerikanischen Cäsar trotzdem.

Foto von Ilona Frey auf Unsplash

Tödliche Theorien – Rechtsradikale Verschwörungserzählungen und das Versagen der Medien

von Annika Brockschmidt

Am 14. Mai 2022 fuhr der 18-Jährige White Supremacist P.G. zum „Tops“ Supermarkt in Buffalo, New York, mit dem Ziel, Schwarze Menschen zu töten. Er ermordete zehn Menschen und verwundete drei, bevor er festgenommen wurde. Alle  Opfer waren Schwarz. Sehr schnell wurde klar, dass es Rassismus war, der die Taten inspiriert hatte. Der Täter hatte ein hasserfülltes, 180-Seiten langes Manifest online gestellt, bevor er die Morde beging – die er live auf Twitch streamte. Außerdem analysierten Expert:innen sein digitales Tagebuch, das hunderte Seiten von Information beinhaltet – unter anderem die Geschichte, wie er radikalisiert wurde. P.G. nennt sich einen „Faschisten“ und einen „Nazi“ und sagt offen, dass es sein erklärtes Ziel ist, Schwarze Menschen zu töten. Er glaubt an den rassistischen Verschwörungsmythos, der White Replacement genannt wird – also „Weißer Austausch“. Der Mythos vom White Replacement ist eine Kombination zweier Verschwörungsnarrative: Great Replacement (in deutschen rechten Kreisen taucht er oft als „Umvolkung“ auf) und White Genocide („Weißer Genozid“).

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Muskelmänner, Hoden-Bestrahlung und Faschismus – Von “300” bis zu Tucker Carlson 

von Annika Brockschmidt

Gestählte, schwitzende, nackte Oberkörper, Liegestützen, sich wölbende Muskeln, zwei spärlich bekleidete Männer, eng umschlungen im Kampf – auch sie muskelbepackt. Ein blonder, ebenso durchtrainierter Mann, der auf Plastikflaschen schießt. Plötzlich der Griff einer Männerhand an ein Kuheuter. Dann schwillt die Musik – bisher waren es bedrohliche Paukenschläge – dramatisch an: Wir sehen einen komplett nackten Mann in Erlöser-Pose auf einem Hügel stehen, die sehnigen Arme zum Himmel gereckt. Vor ihm steht etwas, das wie ein gigantischer Covid-Test aussieht und die Sicht auf die Geschlechtsteile verdeckt. 

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Literarischer Stadtplan für New York City

von Isabella Caldart

Seit anderthalb Jahren gibt es ein Einreiseverbot für Europäer*innen in die USA, das noch immer nicht wieder aufgehoben wurde. Ein Glück, dass man sich mithilfe von Büchern sicher, günstig, schnell und umweltschonend an persönliche Traumziele weltweit lesen kann. Ein besonders beliebtes Traumziel ist für viele New York City; rund 65 Millionen Besucher*innen (darunter 13 Millionen aus dem Ausland) verzeichnete die Stadt in prä-pandemischen Jahren. Zugleich gehört New York auch zu den beliebtesten Schauplätzen von Romanen.

Wer an New-York-Bücher denkt, denkt zumeist an Romane wie Fegefeuer der Eitelkeiten, Manhattan Transfer oder Die New-York-Trilogie. Aber es gibt eine wesentlich größere Bandbreite an literarischen Texten, die New York als Setting haben. Auffällig dabei: Im East Village und in Harlem sind besonders viele Geschichten angesiedelt, und vor allem die siebziger Jahre, eine Zeit, in der New York dreckig und gefährlich war, werden als zeitlichen Rahmen gerne gewählt. Eine Auswahl.

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Ein Gegenentwurf – Warum Amanda Gorman die amerikanische Dichterin der Stunde ist

von Marcel Inhoff

 

Lyrik ist die literarische Gattung, die häufig ein Dasein im Schatten der erzählenden Prosa führt. Gerade im politischen Diskurs sind es die Reden, Romane und Fernsehserien, die die meiste Aufmerksamkeit bekommen. Am 20. Januar 2021 stand jedoch eine junge Schwarze Lyrikerin im Zentrum der Aufmerksamkeit – Amanda Gorman las auf Einladung von Dr. Jill Biden ein Gedicht bei der Amtseinführung von Joe Biden und Kamala Harris. Es war erst das sechste Gedicht überhaupt, das bei einer Amtseinführung gelesen wurde – und die Wirkung ihres Textes und Vortrags war so außerordentlich, dass sie, als erste Lyrikerin, eingeladen wurde, auch beim Super Bowl am 7. Februar ein Gedicht zu lesen (“Chorus of the Captains”).

Dass sie außerdem auf dem Cover des Time Magazine am 15. Februar sein wird – als erste reine Lyrikerin, der diese Ehre zuteil wird, seit Robert Lowell 1967  – ist ein weiterer Beweis dafür, dass Gorman eine besondere und wichtige Position in der amerikanischen Lyrik einnimmt. Ihr Auftritt – vom Vortrag bis zu ihrem Outfit – war so bemerkenswert und entsprechend diskutiert, dass die Qualität des Textes selbst und seine Bezüge oft aus dem Blick gerieten. Um diese Bezüge zu erkennen und einzuordnen, bedarf es eines geweiteten Blicks in die Geschichte der amerikanischen Lyrik. Weiterlesen