Schlagwort: Übersetzung

Vor der Grenze – Über einen Übersetzungsstreit

von Sharon Dodua Otoo

 

Es gibt eine Art von Rassismus, der böse und verwerflich ist, und bekennende Antirassist*innen sind sich einig, dass er dort bekämpft werden muss, wo auch immer er sein hässliches Haupt erhebt. Dies ist die Art von Rassismus, die ich kürzlich auf Twitter als „Argh!“-Rassismus beschrieben hörte. Er ist vorsätzlich. Er ist gewalttätig. Die Leute, die ihn ausüben, gehören geächtet. Bis auf sehr wenige Ausnahmen – in der Regel werden sie „Einzelfälle“ genannt – sind die wirklich rassistischen Menschen sowieso alle weg. Nach 1945 wurden sie weggesperrt oder sind weggestorben oder haben ihre rassistische Gesinnung ein für alle Mal hinter sich gelassen. Dieser Art von Rassismus werde ich in diesem Text keine weitere Aufmerksamkeit schenken. Weiterlesen

Hauptperson Havanna – Ein Interview mit dem Übersetzer Hans-Joachim Hartstein

Seit gut 40 Jahren überträgt Hans-Joachim Hartstein Literatur aus dem Spanischen und Französischen ins Deutsche. Er hat u. a. Werke von Georges Simenon, Léo Malet, Luis Goytisolo, Juan Madrid, Marina Mayoral, Leonardo Padura und Ernesto Che Guevara ins Deutsche übertragen – ein Gespräch über die Arbeit als Übersetzer, Entdecker neuer Autorinnen und Autoren und warum er das Feld inzwischen lieber jüngeren Kolleginnen und Kollegen überlässt.

Das Gespräch führte Viktor Funk

Herr Hartstein, in der deutschen Auslandsberichterstattung kommt Spanien nicht zu kurz und es gibt auch ein Interesse an Lateinamerika. Ist es dann leichter für Autorinnen und Autoren aus diesen Ländern, in den deutschen Buchmarkt vorzudringen?

Hans-Joachim Hartstein: Nein, das war mal ganz kurzfristig so, als García Márquez 1982 den Nobelpreis bekam, da war Interesse für Südamerika geweckt. Aber grundsätzlich ist es schwierig für spanischsprachige und lateinamerikanische Autorinnen und Autoren. Vor allem, sie neu einzuführen, ist schwierig. Es gibt einige Namen, die allgemein bekannt sind, ansonsten wird alles vom angloamerikanischen Buchmarkt erschlagen.

Sie haben unter anderem alle Bücher vom kubanischen Autoren Leonardo Padura übersetzt, ohne eine Reise nach Kuba wäre ich selbst nie auf ihn gestoßen, wie war das bei Ihnen?

Hans-Joachim Hartstein: Als Übersetzer frage ich auf Reisen manchmal Bekannte oder Freunde, was sich für Europa oder den deutschsprachigen Raum eignen könnte. So wurde ich auch auf Padura aufmerksam gemacht, las den ersten Krimi aus seinem Havanna-Quartett. Der hat mir so gut gefallen, dass ich versucht habe, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Das war Ende der 90er Jahre, 1996/97 hat das angefangen. 1994 war ich das erste Mal auf Kuba.

Die 90er Jahren waren sehr dramatisch für das Land, eine brutale Wirtschaftskrise, die sozialistischen Handelspartner verschwanden, das Land setzte auf Tourismus, litt aber dennoch sehr. Was hat Sie nach Kuba gelockt?

Hans-Joachim Hartstein: Ich wollte da schon sehr lange hin, in den 1970er und 80er Jahren war es sehr schwierig, aber als der Tourismus in den 90ern anfing, wollte ich hin. Wir hatten ein Hotel in einer Kleinstadt gewählt und bekamen schnell Kontakt zur Bevölkerung.

Was natürlich nur geht, weil Sie Spanisch perfekt sprechen. Seit wann übersetzen Sie spanischsprachige Literatur?    

Hans-Joachim Hartstein: Aus dem Spanischen übersetze ich seit Ende der 80er Jahre, ich habe aber um 1980 als Französisch-Übersetzer angefangen. Dann habe ich meine jetzige Frau 1987 in Spanien kennengelernt, und die Arbeit verlagerte sich nach und nach auf Spanien, Mittel- und Südamerika.

Dann schauen wir das konkret am Beispiel von Padura an. Sie sind auf ihn gestoßen und was passierte dann?

Hans-Joachim Hartstein: Normalerweise fragen Verlage an, ob man eine Übersetzung übernehmen will. Einem Verlag etwas selbst vorzuschlagen, ist im Moment fast unmöglich. Das war früher anders. In den 80ern, bis Mitte der 90er Jahre ist mir das schon öfters gelungen. Padura war dann später eine Ausnahme. Da war es tatsächlich so, dass ich Kontakt zu ihm aufgenommen habe, wir haben uns auf einer Buchmesse in Havanna getroffen, 1998 oder 1999 war das. Er erzählte mir, dass er Schwierigkeiten hat, Kontakte nach Europa zu finden, obwohl er in Spanien bei Tusquets Editores in Barcelona schon veröffentlicht wurde. Ich habe zugesagt, mal nachzufragen bei Verlagen, mit denen ich zusammenarbeite. Aber das ist ein unüblicher Weg, die Verlage haben ihre eigenen Scouts, und die Verlage haben miteinander Abmachungen. Und wenn ich zum Beispiel in Spanien ein Buch entdecke, sind die Rechte daran garantiert schon vergeben. Bei Padura half da ein Zufall, weil der damalige Cheflektor des Unionsverlags Thomas Wörtche in Zürich sich auch für Padura interessierte. Ich würde ihn als Alleskenner für Kriminalromane bezeichnen, deswegen hatte er Padura auch schon bemerkt. Dann kamen wir zusammen, und der Unionsverlag erwarb die Rechte für alle vier Havanna-Krimis. Ich bekam dann vom Unionsverlag den Zuschlag für die Übersetzung, darum ging es mir ja auch. Ein Literaturvermittler bin ich ja nicht.

War das der einzige kubanische Autor?

Hans-Joachim Hartstein: Ich hatte noch einen, Abel Prieto [1], er hat ein tolles Buch geschrieben. Die Verlage, die ich angesprochen habe, waren begeistert, ich habe ein paar Kapitel vorübersetzt und ihnen gezeigt. Nur hatte Prieto den großen Fehler, wenn man so sagen will, für den deutschen Markt, dass er damals schon Kultusminister war und damit Mitglied der kubanischen Regierung und der Parteispitze und war dann für die Verlage plötzlich nicht mehr interessant.

War das ein politisches Buch?

Hans-Joachim Hartstein: Nein, es handelte von einer Gruppe Jugendlicher, die in den 70er und 80er Jahren erwachsen werden, mit all den Problemen. Es war auch andeutungsweise kritisch, es hat nicht die stramme Parteilinie verfolgt, trotzdem wurde das nicht veröffentlicht.

Padura würde ich einerseits nicht als politischen Schriftsteller bezeichnen, aber seine Alltagsdarstellung ist im Zweifel eher kritisch. Wie wird er hier in Deutschland angenommen?

Hans-Joachim Hartstein: Das Echo, das ich kenne, ist durchweg positiv und interessiert. Man erfährt durch ihn sehr viel über den Alltag, hauptsächlich in Havanna. Das ist ja quasi die Hauptperson jedes seiner Romane, Kubas Hauptstadt Havanna.

Welche andere Autorinnen oder Autoren aus Lateinamerika haben Sie übersetzt?

Hans-Joachim Hartstein: Zum Beispiel zwei Bücher von Óscar Martínez, eins hat er allein geschrieben und eins mit seinem Bruder Juan José Martínez.[2]  Die Bücher handeln von der Situation in El Salvador, von den Bandenkriegen, der Kriminalität, der Situation in den Gefängnissen und wie das überhaupt entstanden ist, dieses Bandenwesen in El Salvador und überhaupt in Mittelamerika. Und wie so oft ist der Ursprung in den USA zu suchen, aber das führt hier zu weit. Es ist einerseits ein Sachbuch, andererseits wird am Beispiel einer Person gezeigt, wie so etwas möglich ist. Besonders im zweiten Buch wird beschrieben, wie dieser junge Mann, der mit 32 ermordet wird, selbst zu einem Mörder geworden war, schon als Kind. Es ist sehr berührend geschrieben, obwohl es ein Sachbuch ist.

Wie erfolgreich sind solche Bücher aus einem Land, das wenig beachtet wird in Deutschland?

Hans-Joachim Hartstein: Solche Bücher zu machen, das ist schon selbstloses Handeln. Solche Bücher muss der Verlag dann durch andere Bücher finanzieren.

Auf 54books erschien einmal ein Gespräch mit dem Persisch-Übersetzer Mahmoud Hosseini Zad. Er erzählte davon, dass im Iran deutsche Literatur, Klassiker und auch neuere, beachtet werden, dass in Deutschland Literatur aus dem Iran aber kaum zu finden ist. Wie ist es mit Kuba?

Hans-Joachim Hartstein: Nach meiner Erfahrung eher umgekehrt. Deutsche Literatur ist dort lediglich bei Studenten, Professoren oder Leuten bekannten, die sich beruflich damit beschäftigen. Aber sonst nicht. Es liegt auch daran, dass es dort an allem fehlt, an Papier, an Geld, an allem. Deswegen wird wenig veröffentlicht. Und hier sind neben Padura auch noch einige kubanische Klassiker bekannt wie Alejo Carpentier oder Gabrera Infante. Zugleich ist es aber so, dass wir die aktuelle Szene aus Kuba auch kaum kennen.

Bei Padura ist neben der Stadt Havanna die zweite Hauptperson seiner Romane Mario Conde. Er war lange Polizist, dann wurde er zu einer Art Privatermittler. Ich habe mich manchmal gefragt, ob er überzeichnet ist. Er ist ein Macho, hat ein kompliziertes Leben, philosophiert viel und ist zugleich herzensgut. Wie realistisch sind die Alltagsdarstellungen und die Beschreibungen der Menschen in Paduras Büchern?

Hans-Joachim Hartstein: Sehr repräsentativ. Das sind so auch Charaktere, die ich dort kennengelernt habe. Wenn ich die Bücher lese, meine ich, die Menschen zu kennen, angefangen bei Mario Conde. Sein Freundeskreis, der da beschrieben wird, der ist mir sehr gegenwärtig, auch alle Ausdrucksweisen kenne ich.

Diese Macho-Kultur in den Büchern, die sieht man auch im Land.

Hans-Joachim Hartstein: Ja, das hat auch der Sozialismus nicht geschafft einzuschränken, ein wenig vielleicht. Die Situation ist ja folgendermaßen: Die Frauen sind sehr, sehr selbstbewusst, weil eben auch berufstätig selbstverständlich. Sie sind unabhängiger. Trotzdem ist die Macho-Kultur sehr spürbar. Ich will’s mal so sagen: Es ist sehr einfach dort nicht als Macho zu gelten. Man fällt dann eher positiv auf.

Die Frauen in Paduras Büchern sind eher so Nebenfiguren, oft im sexualisierten Kontext.

Hans-Joachim Hartstein: Ja, das schon. Aber sie wissen auch, was sie wollen, lassen häufig Conde abblitzen, er sieht nicht immer gut aus. Es steht dann oft als der Dumme da und trinkt dann wieder mit seinen Freunden.

Sind die spanischsprachigen Buchmärkte auch von Männern dominiert wie in Europa?

Hans-Joachim Hartstein: Auf jeden Fall.

In Deutschland gab es in den vergangenen zwei, drei Jahren Diskussionen darüber, wie viele Männer die Verlage erscheinen lassen und wie viele Frauen. Gibt es solche Diskussionen in der spanischsprachigen Buchwelt?

Hans-Joachim Hartstein: Insgesamt dominieren Männer da den Markt, mehr noch als hier. Natürlich gibt es auch Schriftstellerinnen, aber ich finde die nicht. Ich habe zum Beispiel die Spanierinnen Carmen Laforet übersetzt oder Marina Mayoral. Und in Lateinamerika, auf Kuba, kenne ich persönlich keine Schriftstellerin. Obwohl ich da immer drauf dränge und danach frage und auch deutsche Verlage da Interesse haben. Idealtypisch dann eine Schriftstellerin 35 bis 40 Jahre mit zwei bis drei veröffentlichten Romanen.

Wenn in Kuba das Geld und das Papier fürs Herausgeben der Bücher fehlen, wie ist es mit dem Lesen, wird viel gelesen, gehören Bücher da zum Alltag?

Hans-Joachim Hartstein: Oh ja, aber anders. Hier liest man ein Buch, findet es gut und sagt: Kauf es dir auch mal. Dort gibt es private Wartelisten. Wenn jemand ein Buch ergattert hat, dann wird es weitergereicht. Es ist völlig üblich, dass zehn, fünfzehn, zwanzig Menschen dasselbe Buchexemplar lesen. Wenn ich zum Beispiel spanischsprachige Bücher mitbringe nach Kuba, entsteht sofort eine Warteliste unter den Bekannten.

Weil die Bücher teuer sind?

Hans-Joachim Hartstein: Nein, weil sie nicht vorhanden sind. Es gibt zu wenig. Wenn man eins ergattert, dann ist es billig. Vor allem sind die Bücher nicht in den Buchläden zu finden, da sieht es wirklich mau aus. Der große Hype sind die Buchmessen, die von einer Provinz in die nächste ziehen. Die Saison beginnt in Havanna Ende Februar, dann zieht die Messe weiter. Das sind reine Verkaufsmessen für die Leserinnen und Leser. Da muss man dann ganz schnell sein und Bücher kaufen, denn es gibt einfach zu wenige, es werden zu wenige gedruckt, das ist eine finanzielle Frage. Vor allem vor den Ständen mit Kinderbüchern stehen viele Kinder und Jugendliche an, um ein Buch zu bekommen, das ist wirklich atemberaubend, das zu sehen.

Zum deutschen Buchmarkt: Haben Sie den Eindruck, dass das deutsche Publikum offen wäre für mehr Literatur aus Lateinamerika? Trauen sich die Verlage nicht, hier mutiger zu sein und hier noch unbekannte Autorinnen und Autoren zu verlegen?

Hans-Joachim Hartstein: Ich bin mir sicher, dass das Interesse beim Publikum da wäre. Aber es ist natürlich auch immer die Frage des finanziellen Einsatzes. Nehmen wir zum Beispiel Paduras Der Mann, der Hunde liebte, das ist ein Buch von mehr als 700 Seiten. Da müssen die Rechte bezahlt werden, dann die Übersetzung und dann die Erstellung, Marketing … da kommt viel zusammen. Und da trauen sich viele Verlage nicht. Ich habe zum Beispiel ein höchst interessantes Buch aus Uruguay, das ähnlich wie Padura auf Fakten basierend eine Geschichte über die Diktaturen in Uruguay, Argentinien und so weiter, die sich gegenseitig die Widerstandskämpfer ausgeliefert haben. Das Buch hat den Nachteil, dass es rund 1000 Seiten hat, das ist für die Verlage in der Investition ganz einfach zu teuer. Das ist mit us-amerikanischen Schriftstellern leichter, da kann man schon 1000 Seiten produzieren, die verkaufen sich dann auch millionenfach. Bei Büchern aus Lateinamerika ist der Einsatz zu hoch und es ist fast sicher, dass es sich nicht so gut verkauft. Und einen langen Atmen mit einer Autorin oder einem Autor zu haben, das trauen sich höchstens die unabhängigen Verlage, aber die haben oft kein Geld.

Der Soziologe Norbert Elias, der in den Niederlanden lebte, sagte, dass vor allem kleine Länder große Probleme haben, die Literatur aus ihrer Sprache, bekannter zu machen …

Hans-Joachim Hartstein: Manchmal gibt es einen Hype um jemanden, dann bekommt man einen kleinen Einblick, wie damals, nach der Verleihung des Nobelpreises an den Kolumbianer García Márquez, in die lateinamerikanische Literatur. Und einen Niederlanden-Hype gab es auch mal, denken wir nur an Leon de Winter, Cees Nottenboom, Margriet de Moor. Auch über die Rolle des Gastlandes auf der Frankfurter Buchmesse bekommt ein Land mal kurz Aufmerksamkeit, aber lange hält sich das alles nicht. Für kleine Verlage, die vielleicht mutiger sind, gibt es außerdem kaum die Möglichkeit, ihre Bücher auf den Tischen am Eingang der Buchläden zu platzieren. Die Platzierungen der Bücher in den Läden werden ja bezahlt. Um eine neue Autorin einzuführen muss man sehr gut vernetzt sein, das ist für die Vielfalt natürlich nicht förderlich. Das ist schon für deutsche Autoren schwer, für jemanden aus anderen oder gar kleinen Ländern ist es doppelt und dreifach schwer.

Was entgeht uns denn?

Hans-Joachim Hartstein: Uns entgeht die Möglichkeit, die Kulturen kennenzulernen. Wir haben jetzt noch gar nicht von asiatischen Ländern gesprochen oder afrikanischen, das ist ja in unserer Wahrnehmung noch weiter weg.

Soweit müssen wir gar nicht gehen, mein Eindruck ist, dass osteuropäische Literatur auch kaum wahrgenommen wird in Deutschland, nur, wenn wichtige Preise vergeben werden wie für die Polin Olga Tokarczuk oder Zsuzsa Bánk, die ungarische Wurzeln hat. Dann erhöht sich die Wahrnehmung …

Hans-Joachim Hartstein: … aber auch nur für diese Autorinnen, sonst nichts.

Dabei beschäftigen wir uns politisch geradezu obsessiv mit dem Osten.

Hans-Joachim Hartstein: Ja, so geht es mir tatsächlich auch. Ich interessiere mich nun wirklich für die Literatur, aber ich weiß auf Anhieb nicht, ob ich denn jemals einen ukrainischen Schriftsteller gelesen hätte. Das gleiche gilt für den Balkan.

Sie sind ja seit Jahrzehnten im Geschäft, wie hat sich eigentlich die Arbeit eines Übersetzers in dieser Zeit verändert?

Hans-Joachim Hartstein: Verändert hat sie sich auf jeden Fall, ob etwas besser oder schlechter ist – mit solchen Bewertungen bin ich vorsichtig. Anders betrachtet: Wer heute neu als Übersetzer oder Übersetzerin anfangen will, hat es schwerer, Aufträge von Verlagen zu bekommen. Es sind sehr viele, es war früher nicht so überfüllt, sagen wir’s mal so.

Es gibt heute mehr Konkurrenz?

Hans-Joachim Hartstein: Das zum einen, aber die Verlage machen teilweise auch Angebote, die eigentlich nicht in Frage kommen. Die gehen sehr weit runter mit dem Preis, jüngst habe ich sogar gehört, dass erstmal eine Gratisübersetzung verlangt wurde, quasi ein Buch als Praktikum, eine Art Bewährung. In diesem Punkt ist die Situation offensichtlich schwieriger geworden. Wenn ich mir überlege, wie ich angefangen habe …

Wie war das?

Hans-Joachim Hartstein: Ich habe damals beim Diogenes Verlag schlichtweg angerufen und wurde mit dem damaligen Cheflektor Gerd Haffmanns (später Gründer des gleichnamigen Verlags) verbunden. Und der hat mich dann an die Lektorin Irene Riesen verwiesen, sie suchte gerade Übersetzer für die zahlreichen Maigret-Romane des Belgiers Georges Simenon. So bin ich dann reingekommen. Heute ist es viel schwieriger, sich mit den Verlagen in Kontakt zu setzen. Der persönliche Kontakt ist aber wichtig, wenn man sich kennenlernte, bekam man dann neue Aufträge, nur so ging das.

Wie viel übersetzen Sie heutzutage noch?

Hans-Joachim Hartstein: Ich habe ja schon das gesetzliche Rentenalter erreicht, bin 1949 geboren. Die Rente ist aber so bescheiden, dass ich gerne noch übersetze und das auch brauche. Aber ich gebe keine Seminare mehr an der Uni Düsseldorf, da war ich früher aktiv im Studiengang Berufsübersetzerinnen und -übersetzer. Irgendwann muss man das einfach Jüngeren übergeben.

Das können manche nicht, klammern sich dann an so etwas fest.

Hans-Joachim Hartstein: Ich kann das ganz gut, weil ich merke, dass sich vieles geändert hat.

Die Sprache, oder was meinen Sie?

Hans-Joachim Hartstein: Die Sprache sowieso, das war aber früher nicht anders. Man muss unterscheiden, ob es sich um eine der permanent stattfindenden Veränderungen der Sprache oder um eine Verschluderung oder Verflachung der Sprache handelt. Ich meine aber auch die Art und Weise wie mit digitalen Medien umgegangen wird, zum Beispiel Wörterbücher. Einsprachige, zweisprachige, Synonymwörterbücher – das geht jetzt alles mit einem Klick. Das hat aber den Nachteil, dass dann nicht mehr so viel nachgedacht wird. Es wird angeklickt und was da steht, wird genommen. Doch dann beginnt die eigentliche Arbeit: Passt der gefundene Ausdruck zum Kontext? Oder muss ich „in der Nähe“ suchen, um gegeben falls etwas Passenderes zu finden. Ich habe dann vor einigen Jahren gemerkt, jetzt muss ich loslassen können, obwohl ich wirklich gerne gelehrt habe.

Wenn Sie jetzt nicht mehr so viel übersetzen müssen, wählen Sie jetzt gezielter aus, was Sie machen?

Hans-Joachim Hartstein: So häufig kommen die Anfragen für spanischsprachige Bücher nicht bei, das ist nicht so üppig. Aber was ich an Anfragen bekomme, das interessiert mich auch immer, wie der Óscar Martínez über El Salvador. Das ist wahnsinnig interessant, weil wir da nicht so viel drüber wissen. Nur, dass es da sehr kriminell ist, aber warum, weshalb, wie kam es dazu, das wissen wir nicht. Und ich lerne beim Übersetzen ja enorm viel.

Wie klären Sie etwas, wenn Sie unbekannte Themen übersetzen.

Hans-Joachim Hartstein: Ich habe schon zum Beispiel das eine oder andere Mal mit der Polizei gesprochen, wenn ich Krimis übersetzt habe, um zu erfahren, wie was genau abläuft. Ich habe einfach angerufen, die staunen zuerst, aber die wehren nichts ab und erklären gerne, die freuen sich auch. Einmal war ich auch im Generalvikariat hier in Münster, weil ich einmal eine Geschichte übersetzt habe über einen Bischof, der ein kleines Mädchen  als Patenkind aufgezogen hat, ihr eine Schulbildung und so weiter ermöglicht hat. Da gab es sehr viele kirchliche Ausdrücke. Ich war zwar mal Messdiener, aber vieles wusste ich doch nicht. Es waren viele Dinge, wie zum Beispiel die Anreden, wie redet man richtig einen Bischof an und wie redete man ihn vor 50 Jahren an, da gibt es auch einen Unterschied. Und da bin ich dann dahin marschiert und der damalige Bischof Lehmann hat mir das alles erzählt, es war ein sehr angenehmes Gespräch.

Sie recherchieren also auch selbst.

Hans-Joachim Hartstein: Ja. Da hilft das Internet natürlich sehr, aber auch nicht immer. Früher war man aber viel stärker darauf angewiesen, dass es jemand einem erklärt. Man musste irgendwo anrufen. Es ist schon interessant, dass das jetzt ein bisschen verloren geht durch das Internet. Früher hat man die unmöglichsten Dinge unternommen, um an Informationen zu kommen. Telefon natürlich, Briefe, Kontakte, Kollegen, die jemanden kennen, der weiterhelfen kann; oder Ansprechen von Personen, die sich auskennen müssen, z.B. bei kriminaltechnischen Fragen hilft gerne die Polizei, bei Fragen zur Kirche eben kirchliche Stellen (Beispiel: Wie wurde in den Zwanzigerjahren ein Bischof angesprochen? Wie werden die verschiedenen Kopfbedeckungen eines Würdenträgers bezeichnet? Dafür war ich im Generalvikariat Münster.) Bei Padura gibt es zum Beispiel viele Baseball-Ausdrücke, die musste ich erst verstehen. Ich habe ihn gebeten, mal über Fußball zu schreiben, aber für ihn zählt nun mal Baseball. Es war auch ein befriedigendes Gefühl, wenn man etwas rausgekriegt hat.

Ist das Übersetzen eigentlich eine genauso einsame Tätigkeit wie das Schreiben von Büchern?

Hans-Joachim Hartstein: Ja. Und ich liebe es. Das muss man wirklich vorher wissen. Und wenn man das nicht mag, sollte man das lieber nicht tun. Das ist eine einsame Geschichte.

 

[1] Abel Prieto, Jahrgang 1950, war 1997 bis 2012 und Juli 2016 bis Juli 2018 Kulturminister in Kuba. Er ist Literaturwissenschaftler und Schriftsteller.

[2] Bücher von Óscar Martínez  und Juan José Martínez: „Eine Geschichte der Gewalt“ 2016 und „Man nannte ihn El Niño de Hollywood“ 2019, beide Bücher: Verlag Antje Kunstmann

Empfehlungen von Hans-Joachim Hartstein:

  • Juan Marsé: Die obskure Liebe der Montserrat Claramunt. Moos, 1991.
  • Marina Myoral: Helena. Marion von Schröder Verlag, 1997.
  • Carmen Laforet: Nada. Claassen, 2005.
  • Antonio Ortuño: Madrid, Mexiko. Antje Kunstmann Verlag, 2017.

 

Titelbild von Viktor Funk