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Wortgewaltige Sehnsucht – Mary MacLanes „Ich erwarte die Ankunft des Teufels“

von Magda Birkmann (@magdarine)

 

Das Manuskript einer gänzlich unbekannten Autorin findet innerhalb von nur einer Woche einen Verlag, wird lektoriert und gedruckt und dann im ersten Monat nach Erscheinen rund 80.000 mal verkauft. Das hört sich an wie der unerfüllte Wunschtraum zahlreicher Hildesheimer Schreibschüler*innen. Im Amerika des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts jedoch wurde dieser Traum Wirklichkeit und machte eine junge Frau aus der Bergbaustadt Butte im Bundesstaat Montana quasi über Nacht zum Star. Nun ist ihr Buch nach über hundert Jahren von der Schriftstellerin Ann Cotten erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Weiterlesen

Ein Zweiter Frühling – Der Verlag Voland & Quist verschiebt sein aktuelles Programm

von Isabella Caldart (@isi_peazy)

 

Dass Voland & Quist äußerst kreativ und zugleich resilient ist, hat der Verlag in der Vergangenheit bereits mehrfach bewiesen. 12 Prozent des Jahresumsatzes gingen im vergangenen Jahr durch die KNV-Insolvenz verloren – also stellte Voland & Quist kurzerhand eine Benefizveranstaltung auf die Beine. Ebenfalls letztes Jahr kündigte der Verlag ein außergewöhnliches Imprint an, das im Herbst 2020 mit dem ersten Programm an den Start geht: V&Q Books wird deutschsprachige Literatur ins Englische übersetzen und in Großbritannien vertreiben. Da wundert es wenig, dass sich Voland & Quist auch von der Coronakrise nicht in die Knie zwingen ließ und stattdessen den Zweiten Frühling ausrief (dem sich hoffentlich viele Verlage anschließen werden): Das Frühjahrsprogramm wird im Herbst erneut aufgelegt. Bereits einen Tag zuvor hatte der Elif Verlag auf Facebook angekündigt, das Frühjahrsprogramm zu schieben, und den Börsenverein und die Kurt Wolff Stiftung dazu aufgerufen, diese Idee zu verbreiten. In vielen weiteren Verlagen wird intern bereits diskutiert, ob und wie eine Programmverschiebung gehandhabt werden kann. Weiterlesen

Zäsurwunsch – „Wenn das noch geht, kann es nicht so schlimm sein“ von Benjamin Maack

von Sophie Weigand von Literaturen

 

Es gibt sehr viele Bücher über Depressionen. Meistens handeln sie davon, wie man „es geschafft hat“. Die Depression zu überwinden, das Leben wieder zu „lieben“, der Dunkelheit irgendeine Lehre abzutrotzen, dank der man alles jetzt viel mehr zu schätzen weiß. Die Depression (oder eine andere überwundene Erkrankung) wird als Baustein in einem fortlaufenden Prozess der Selbstoptimierung umgedeutet. Dementsprechend ist es wichtig, dass die Erzählung über Depression eine Heilungs- und Erfolgsgeschichte ist. Eine Anleitung für andere. Prinzipiell spricht auch nichts gegen Erfolgserzählungen. Sie können Motivation sein und Hoffnung, dass nicht immer alles so weitergeht. Die meisten psychischen Erkrankungen sind aber kein Sprint, sondern mindestens ein Marathon und ganz oft etwas, das man nicht restlos besiegt, sondern mit dem man sich zu arrangieren lernt. Man müsste mehr vom arrangieren lesen, weniger vom „siegen“. Es wird nicht immer alles gut, auch am Ende nicht. Weiterlesen

Mein Zorn ist längst verraucht – Vor fünfzig Jahren starb Marlen Haushofer

Von Nicole Seifert

 

Lieber Herr Weigel!

Ich antworte gleich auf Ihren Brief, damit Sie sich auch nicht die geringsten Sorgen meinetwegen machen müssen. Ich bin sehr froh, daß Sie so aufrichtig zu mir sind. Daß ich ein recht schwerer Fall bin, weiß ich ja selber auch. Es stimmt nicht, daß ich nicht idyllisch sein will. Ich möchte sehr gern, aber das wäre gelogen. Gerade diese Mischung von Dämonie u. Idylle, auf die ich unentwegt stoße, bereitet mir das größte Unbehagen u. fasziniert mich zugleich. Vielleicht wäre es meine Aufgabe gerade das glaubwürdig zu gestalten. Wahrscheinlich fehlt mir dazu die dichterische Kraft. Oder ich müßte einmal ein paar Monate allein sein u. Ruhe haben. Weiterlesen

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (1)

In diesem kollektiven Tagebuch wollen wir sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. Dazu werden wir kleine Gedankenmiszellen sammeln und versuchen Tweets, die uns signifikant vorkommen oder bestimmte Entwicklungen besonders gut oder interessant zusammenfassen, zu sammeln und zu kommentieren. Der flüchtige und schnelle Diskurs in den sozialen Medien bildet einerseits gesellschaftliche Dynamiken rasch und intensiv ab, andererseits stellt er ein gravierendes archivarisches Problem dar, weil sich die Verläufe kaum nachträglich abbilden lassen. Deswegen soll hier der Versuch unternommen werden, diese Eindrücke (mit Verlinkungen zu eigenen und fremden Tweets) zu sammeln – soziale Distanz und sozialmediale Nähe. Eine Zusammenfassung wird wöchentlich auf 54Books erscheinen. Weiterlesen

Der moralpöbelnde Mob der stalinistischen Reichsfilmkammer – Pressespiegel zur Debatte um Woody Allens Memoiren

Vor einer Woche veröffentlichten die taz und 54Books einen offenen Brief, in dem eine Gruppe von Autor*innen des Rowohlt Verlages forderte, die Veröffentlichung der Memoiren Woody Allens zu überdenken. So wie das Hachette bereits getan hatte. Allen wird vorgeworfen, seine Adoptivtocher Dylan Farrow missbraucht zu haben. Im Anschluss an diesen offenen Brief erhob sich in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung gegen den offenen Brief und seine Anliegen. Die Rede war unter anderem von Guillotine, Reichsschrifttumskammer, Stasi, Pranger und Mob, Hexenjäger, Stalinismus und immer wieder Bücherverbrennung. Nun ist bekannt, dass im Internet die rhetorischen Exzesse übertriebener Vorwürfe und unangemessener historischer Analogien leider keine Seltenheit sind. Gott sei Dank sind unsere etablierten Medien und Medienschaffenden an einer zivilisierten Debattenkultur interessiert. Hier ein kurzer Pressespiegel. Weiterlesen

Diskursives Feuerwerk – Olivia Wenzels „1000 serpentinen angst“

Es ist nicht leicht, sich Olivia Wenzels Prosa-Debüt 1000 serpentinen angst zu nähern, obwohl es sich um einen Roman handelt, den man trotz seiner knapp 350 Seiten schnell gelesen hat. So weit gespannt ist das Netz aus Themen, das die Autorin knüpft, dass man beim Sprechen darüber nie genau weiß, wo man mit seinen Betrachtungen anfangen soll, weil man fürchtet einem wichtigen Punkt nicht gerecht zu werden. Gleichzeitig spürt man, dass dieser Roman Leser*innen herausfordern will, weil Wenzel Bereiche miteinander in Verbindung bringt, die zwar alle in der deutschen Gegenwartsliteratur präsent sind, jedoch nicht vereint in einer Figur. Das führt dazu, dass die Themenfülle beinahe kognitive Dissonanz auslöst. Weiterlesen

Das ist Zensur! Eine Anleitung

von Andrea Geier 

 

Verärgert. Gelangweilt. Fassungslos. So fühle ich mich in den letzten Jahren oft, wenn ich Artikel lese oder Interviews höre, in denen ich ohne begründeten Anlass vor angeblicher Zensur, dem Ende der Meinungsfreiheit, durch Political Correctness entfesselten „Moralismus“ bis hin zur dräuenden Diktatur (hier beliebte Vergleiche wie etwa die Reichsschrifttumskammer einsetzen) gewarnt werde. Weiterlesen