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Mein Zorn ist längst verraucht – Vor fünfzig Jahren starb Marlen Haushofer

Von Nicole Seifert

 

Lieber Herr Weigel!

Ich antworte gleich auf Ihren Brief, damit Sie sich auch nicht die geringsten Sorgen meinetwegen machen müssen. Ich bin sehr froh, daß Sie so aufrichtig zu mir sind. Daß ich ein recht schwerer Fall bin, weiß ich ja selber auch. Es stimmt nicht, daß ich nicht idyllisch sein will. Ich möchte sehr gern, aber das wäre gelogen. Gerade diese Mischung von Dämonie u. Idylle, auf die ich unentwegt stoße, bereitet mir das größte Unbehagen u. fasziniert mich zugleich. Vielleicht wäre es meine Aufgabe gerade das glaubwürdig zu gestalten. Wahrscheinlich fehlt mir dazu die dichterische Kraft. Oder ich müßte einmal ein paar Monate allein sein u. Ruhe haben. Weiterlesen

Soziale Distanz – Ein Tagebuch (1)

In diesem kollektiven Tagebuch wollen wir sammeln, wie der grassierende Virus unser Leben, Vorstellungen von Gesellschaft, politische Debatten und die Sprache selbst verändert. Dazu werden wir kleine Gedankenmiszellen sammeln und versuchen Tweets, die uns signifikant vorkommen oder bestimmte Entwicklungen besonders gut oder interessant zusammenfassen, zu sammeln und zu kommentieren. Der flüchtige und schnelle Diskurs in den sozialen Medien bildet einerseits gesellschaftliche Dynamiken rasch und intensiv ab, andererseits stellt er ein gravierendes archivarisches Problem dar, weil sich die Verläufe kaum nachträglich abbilden lassen. Deswegen soll hier der Versuch unternommen werden, diese Eindrücke (mit Verlinkungen zu eigenen und fremden Tweets) zu sammeln – soziale Distanz und sozialmediale Nähe. Eine Zusammenfassung wird wöchentlich auf 54Books erscheinen. Weiterlesen

Der moralpöbelnde Mob der stalinistischen Reichsfilmkammer – Pressespiegel zur Debatte um Woody Allens Memoiren

Vor einer Woche veröffentlichten die taz und 54Books einen offenen Brief, in dem eine Gruppe von Autor*innen des Rowohlt Verlages forderte, die Veröffentlichung der Memoiren Woody Allens zu überdenken. So wie das Hachette bereits getan hatte. Allen wird vorgeworfen, seine Adoptivtocher Dylan Farrow missbraucht zu haben. Im Anschluss an diesen offenen Brief erhob sich in den sozialen Medien ein Sturm der Entrüstung gegen den offenen Brief und seine Anliegen. Die Rede war unter anderem von Guillotine, Reichsschrifttumskammer, Stasi, Pranger und Mob, Hexenjäger, Stalinismus und immer wieder Bücherverbrennung. Nun ist bekannt, dass im Internet die rhetorischen Exzesse übertriebener Vorwürfe und unangemessener historischer Analogien leider keine Seltenheit sind. Gott sei Dank sind unsere etablierten Medien und Medienschaffenden an einer zivilisierten Debattenkultur interessiert. Hier ein kurzer Pressespiegel. Weiterlesen

Diskursives Feuerwerk – Olivia Wenzels „1000 serpentinen angst“

Es ist nicht leicht, sich Olivia Wenzels Prosa-Debüt 1000 serpentinen angst zu nähern, obwohl es sich um einen Roman handelt, den man trotz seiner knapp 350 Seiten schnell gelesen hat. So weit gespannt ist das Netz aus Themen, das die Autorin knüpft, dass man beim Sprechen darüber nie genau weiß, wo man mit seinen Betrachtungen anfangen soll, weil man fürchtet einem wichtigen Punkt nicht gerecht zu werden. Gleichzeitig spürt man, dass dieser Roman Leser*innen herausfordern will, weil Wenzel Bereiche miteinander in Verbindung bringt, die zwar alle in der deutschen Gegenwartsliteratur präsent sind, jedoch nicht vereint in einer Figur. Das führt dazu, dass die Themenfülle beinahe kognitive Dissonanz auslöst. Weiterlesen

Das ist Zensur! Eine Anleitung

von Andrea Geier 

 

Verärgert. Gelangweilt. Fassungslos. So fühle ich mich in den letzten Jahren oft, wenn ich Artikel lese oder Interviews höre, in denen ich ohne begründeten Anlass vor angeblicher Zensur, dem Ende der Meinungsfreiheit, durch Political Correctness entfesselten „Moralismus“ bis hin zur dräuenden Diktatur (hier beliebte Vergleiche wie etwa die Reichsschrifttumskammer einsetzen) gewarnt werde. Weiterlesen

148 Formen des Nichtseins

Auszug aus einem Romanprojekt von Slata Roschal

5.
Es war ein goldener Ohrring mit einem kleinen Brillanten, der irgendwo im Erdgeschoss in der Mensa sein musste, ich schrieb Anzeigen, klebte sie auf Pinnwände, schrieb in einem studentischen Forum, ging zur Information, ob jemand vielleicht einen goldenen Ohrring, den Brillanten sparte ich aus, abgegeben, die Frau wunderte sich und lächelte und ich schämte mich. Und einmal ein Ring, mit einem kleinen, ungemein teuren Rubin (ich hab schon immer gesagt, kauf nichts bei den deutschen Juwelieren, bestell bitte aus dem russischen Katalog, hier, und jetzt hast du es), er wurde mir zu groß und glitt einfach vom Finger, irgendwo zwischen dem 3 und dem 4 Gleis des Ostbahnhofs, in der Nähe des Getränkeautomaten, dort, wo abends Mäuse herausgelaufen kommen, nach Krümeln, vielleicht auch Ringen suchen, und sie in ihren Vorratskammern unterhalb des Getränkeautomaten verstecken. Weiterlesen

Viruskompetenz – Über das Lesen und die Angst

von Solvejg Nitzke

„Ein schwimmender Sarg.  Und keiner darf von Bord. Im Hamburger Hafen läuft das Kreuzfahrtschiff ‚Große Freiheit‘ ein. An Bord: Ein toter Passagier – verstorben an einem geheimnisvollen Virus. Bald herrscht Panik in der Stadt. Kriminalkommissar Adam Danowski, der eigentlich am liebsten am Schreibtisch ermittelt, wird an den Schauplatz beordert. Er kommt einem Verbrechen auf die Spur, das noch unzählige Tote zu fordern droht. Doch das unter Quarantäne gestellte ‚Pestschiff‘ darf keiner verlassen, selbst Kommissare nicht, und Danowskis Gegner sorgen mit aller Macht dafür, dass dies so bleibt…“ (Klappentext: Treibland von Till Raether, 2014) Weiterlesen

Der Aufschrei der Arztsöhne

von Dana Buchzik

Bislang sind mit dem Claim „Lebensleistung verdient Respekt“ nur Bürger gemeint, die über 33 Jahre hinweg mindestens 30 Prozent des bundesweiten Durchschnittseinkommens erwirtschaftet haben. Der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) fordert hingegen ein Anrecht auf Grundrente für alle, die 10 Prozent des Durchschnittseinkommens verdient haben. Es reicht also nicht aus, dass der Staat seit Jahrzehnten den Sozialbetrug kultureller Institutionen sponsert. Weiterlesen