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Was ist eigentlich mit _____ passiert?

von Anonymous

im Original erschienen bei Longreads

übersetzt aus dem Englischen von Tobias Eberhard

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Niemand bin ich! Und du? / Ein Niemand – noch dazu?

Emily Dickinson, 1891 (Übersetzung G. Kübler)

Ich möchte behaupten, dass es sich bei Anon, verantwortlich für so viele Gedichte ohne Signatur, oftmals um eine Frau handelte.

Virginia Woolf, 1929

Kein Name? Nun, die Straßen sind voller namenloser Mädchen.

George RR Martin, A Feast for Crows

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Ein grausamer Lehrmeister, eine tödliche Seuche: Die Subjektivierung des Krieges bei Thukydides

von Carlotta Voß

Wir haben das Foto des Paares gesehen, beide in Militäruniform, sie einen Brautschleier über dem flecktarngemusterten Hemd und einen Blumenstrauß in der Hand: Heirat an der Front. Wir haben das Mädchen gesehen, das in der Fensteröffnung sitzt und entschlossen in die Ferne blickt, Lolli im Mund, gelb-blaue Schleifen im Zopf, ein Gewehr im Schoß. Der Krieg in der Ukraine erreicht uns gegenwärtig auch über eine große Zahl von Bildern. In den letzten Tagen erschüttern sie uns mit ihrer Grausamkeit, mit dem Zeugnis von unfassbarer Gewalt und potentiellen Kriegsverbrechen, das sie geben; besonders in den ersten Wochen nach Kriegsausbruch prägten sie unser kollektives Gedächtnis indes auch mit Inszenierungen, die den Krieg als Handlungszusammenhang von besonderer Schönheit auswiesen: der Schönheit des Heroischen, der Hingabe an eine „große Idee“ wie Freiheit – oder auch Nation.

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Auch Kinder verdienen Dramaturgie: Was gute Bilderbücher ausmacht

von Alexander Matzkeit

Im August 2016 startete die Belegschaft des US-Onlinemagazins “Slate” ein Experiment. Sechs ihrer Autor*innen sollten sich an der vermeintlich einfachsten aller literarischen Gattungen versuchen: Bilderbücher für Kinder. Als Vorgabe gab es ein Tier (Igel) und eine Moral (“Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere”) und einen zugegeben recht engen Zeitrahmen von einer Stunde, um das Buch zu schreiben und zu illustrieren. Die Ergebnisse wurden anschließend einer Fachjury aus Verlagsredakteur*innen vorgelegt und von diesen zerpflückt.

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Lange Schatten auf offenen Wegen – Afghanistan in der deutschen Literaturgeschichte

von Milosh Lieth

Im August vergangenen Jahres, die Taliban feierten gerade die Besetzung Kabuls, stellte sich US-Präsident Joe Biden nicht bloß gut ausgeleuchtet in die Scheinwerfer internationaler Nachrichtensender, sondern politrhetorisch auch in die Tradition seines Vorgängers: „American troops can not and should not be fighting in a war and dying in a war, that Afghan forces are not willing to fight for themselves.” Während die deutsche Regierung transatlantische Bündnistreue durch Schweigen demonstrierte, konnte, wer nur wollte und den entsprechenden Text zur Hand hatte, aus Biden Fontane sprechen hören: 

Wir waren dreizehntausend Mann,
Von Kabul unser Zug begann, 
Soldaten, Führer, Weib und Kind,
Erstarrt, erschlagen, verraten sind.

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True Crime als Gesellschaftsanalyse – Stuart Hall und der Trojan Horse Skandal

von Robert Heinze

Ich habe ein eher gespaltenes Verhältnis zu Serial. Ein True Crime-Podcast aus dem Umfeld der berühmten NPR-Radiosendung This American Life, der Fixpunkt des liberalen Medienkonsums in den USA. Der Podcast schien mir immer zwei schlechte journalistische Traditionen miteinander zu verbinden, nämlich die inhaltsleer-investigative Suche nach einer Täterperson mit einer Erzähltechnik, die politische Themen auf individuelle Erfahrungen herunterbricht und ganz auf die „Story“ fokussiert. Eine Erzählweise, die sich darauf verlässt, dass diese Story aus sich selbst heraus weitergehende Erkenntnisse hervorbringt.

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Spiel ohne Alternative – Squid Game, infantiler Kapitalismus und das Begehren nach einer Revolution

von Kristoffer Cornils

Keine andere Serie wurde im vergangenen Jahr dermaßen viel geguckt und diskutiert wie Squid Game von Hwang Dong-hyuk. Zu Recht, bietet sie doch eine ebenso unterhaltsame wie konzise Analyse von Prozessen, die einen infantilen Kapitalismus weit über die Grenzen Südkoreas hinaus prägen. Mehr allerdings nicht. Denn die erste Staffel  der Netflix-Produktion mag ein neues Begehren nach Revolution in Aussicht stellen, hat aber kein Interesse an einer.

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Fun ist ein Stahlband – Über das Spiel „Factorio“

von Matthias Warkus

Eines der Computerspiele, das in den ersten Wellen der Pandemie eine große Konjunktur erlebte (neben etwa Animal Crossing: New Horizons und Stardew Valley), ist Factorio. Das mag am Release der Version 1.0 im August 2020 liegen (nach vielen Jahren Early Access und Alpha-Versionen), aber auch am unbestreitbaren Zeittotschlagwert. Wenn man den Statistiken glauben darf, hat die durchschnittliche Spieler*in über 176 Stunden mit Factorio verbracht. (Zum Vergleich: Der Shooter Far Cry 5 bringt es auf gerade einmal 39 Stunden.)

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Teuflische Intrigen, wilde Plot Twists – Theodor Fontanes Übersetzung von „Der Geldverleiher“

von Christina Dongowski

Ein grundsympathischer, hübscher junger Kerl gerät aus Hochherzigkeit und Liebe zur Tochter eines deutschen politischen Flüchtlings in die undurchsichtige und aufregende Welt des Londoner Finanzkapitals. Dabei stößt er nicht nur auf das gut gehütete Familiengeheimnis der eigenen Mutter, sondern auch noch auf die Geheimnisse einiger der fashionablesten Familien Englands. 

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Das Sinnen der Zypresse: Neue persische Lyrik

von Gerrit Wustmann

In einem normalen Buchhandelsjahr muss man nach deutschen Übersetzungen persischer Literatur mit der Lupe suchen. Meist findet man dann ein, zwei, mit Glück sogar drei Bücher in Kleinverlagen. Manchmal auch kein einziges. 2021 hingegen war ein Jahr, das rot im Kalender markiert werden muss, tiefrot: Zehn neue Bücher sind erschienen! Und was das Ganze noch besser macht: Sie sind allesamt höchst lesenswert. Die neue Kurzgeschichtensammlung „An den Regen“ der iranischen Bestsellerautorin Fariba Vafi; die Gedichte von Garous Abdolmalekian; die von Ali Abdollahi und Kurt Scharf herausgegebene Anthologie „Ein Dieb im Dunkeln starrt auf ein Gemälde“, die erstmals überhaupt das lyrische Schaffen in persischer Sprache im 21. Jahrhundert auf Deutsch zugänglich macht, und einige mehr.

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Verwandlungen – Nachwort zur Neuauflage von Marian Engels „Bär“

von Kristine Bilkau

»Das also war ihr Reich: ein achteckiges Haus, ein Zimmer voller Bücher und ein Bär.« Geradezu paradiesisch klang das für mich, als ich den Roman das erste Mal las, im Dezember des Jahres 2020. Mehr als acht Monate Pandemie waren vergangen, Wohnungen und Häuser waren zu Höhlen geworden, in denen alles seinen Platz finden musste, die Tage und die Nächte, die Arbeit der Erwachsenen, das Lernen der Kinder, der Streit, die Versöhnung, die Erschöpfung, die Unordnung der Gefühle und der Dinge. Wer das Zuhause mit anderen teilte, sehnte sich nach dem Alleinsein. Wer allein lebte, sehnte sich nach einer Berührung.

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