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Meditation über Löcher

von Achim Landwehr

Das Fehlen von Welt

Die Frage kann sich durchaus aufdrängen, wie das alles noch zusammenhält. Dabei ist es ja nahezu gleichgültig, an welcher Stelle man nachschaut, denn die Auswahl ist ungeheuer groß: Lücken, Spaltungen, Leerstellen. Sie sind überall. Wie also hält das alles noch zusammen angesichts der allgegenwärtigen Hohlräume, Unvollständigkeiten, Brüche, Abwesenheiten? Und zuweilen hält es ja tatsächlich nicht mehr zusammen. Vom Schlagloch als dem Daueraufreger aller Straßenverkehrsteilnehmenden über die sich häufenden Bohrlöcher in den heimischen Wänden bis zur Zahnlücke – so könnte eine Auflistung beginnen.

Aber der Illusion, eine Erfassung von Löchern beginnen oder gar abschließen zu können, wage ich mich erst gar nicht zu nähern. Die „Große und vollständige Enzyklopädie der Lücken“ müsste ihrerseits zahlreiche Lücken aufweisen und immer unvollständig bleiben – was sie dann aber nicht nur mit allen anderen Unternehmungen gemein hätte, die mit einem ähnlichen holistischen Anspruch aufwarten, sondern zudem die Frage aufwürfe, ob diese spezifische Enzyklopädie ihrem Gegenstand nicht gerade durch diese Unvollständigkeit in besonderem Maße gerecht werden würde. Denn neben den materiellen respektive anti-materiellen Formen gibt es ja noch die übertragenen Lücken, die uns allenthalben begegnen, die uns sogar richtiggehend bedrängen. Wir sind umringt von Gedächtnislücken, Finanzlöchern, Gesetzeslücken, Gesellschaftsspaltungen, Bildungslücken, Sicherheitslöchern, Sinnleeren, Forschungslücken.[1] 

Und dann nicht zu vergessen die Leerstellen, die jenseits unserer Aufmerksamkeitsschwelle und Wahrnehmungsfähigkeit lauern, die Lücken hinter unserem Rücken. All die schwarzen Schlunde des Nichts, die wir noch gar nicht kennen können, weil wir nicht in der Lage sind, sie als Leerstellen überhaupt zu identifizieren. Die Zukunft darf hier nicht nur als eine der eifrigsten Leerstellenproduzentinnen gelten, sondern ist selbst Leerstelle, ist das große Fragezeichen, ist die bedrohliche black box der Kontingenz.

Deswegen also keine Enzyklopädie der Lücke, auch keine Definition des Lochs. Vielmehr eine immer wieder sich einstellende Verwunderung über die qualitative Vielfalt und die quantitative Mächtigkeit alles Löchrigen. Und auch wenn es eine ans Peinliche grenzende Tautologie wäre, diesem Löchrigen metaphorisch nachbohren zu wollen, bleibt die Frage doch hartnäckig: wie das alles noch zusammenhält.

Es ist die Enttäuschung in Form einer Ermangelung, die Leerformen einen weitgehend schlechten Ruf eingebracht hat, gepaart auch mit dieser unübersehbaren Furcht vor der Zerstörung, die mit jedem klaffenden Loch einhergeht. Und das, obwohl das Leere deutlich vielfältiger, vor allem auch deutlich produktiver und konstitutiver ist, als nur zur Anzeigung eines Verlusts zu dienen. Aber dazu später mehr.

Ein Loch sollte doch eigentlich gar keine Schwierigkeiten machen. Es ist ein so schlichtes Phänomen, durch denkbar einfache Komponenten konstituiert, so unproblematisch zu identifizieren – und bereitet bei näherer Betrachtung doch so viel Kopfzerbrechen. Das ist das Irritierende an Löchern: Man kann sie sehen, kann darauf zeigen, kann sie sogar beschreiben und abbilden, denn genau dort, an dieser Stelle, an der etwas fehlt, da ist ein Loch – und schon ist man gefangen in den ungreifbaren Verstrickungen, die dieses befremdliche Nicht-Phänomen auslegt. Denn wie kann etwas sein, das nicht ist? Und das ist ja die übliche Assoziation, die wir bei Löchern haben: dass dort nichts ist; dass dort ein Nichts ist.

Und weil das Phänomen namens Lücke so ulkig schwankt zwischen bedeutungsarmer Nebensächlichkeit und ontologischer Fundamentalproblematik, ist auch schon von allen Seiten etwas dazu gesagt worden. Das ist auch nicht verwunderlich, schließlich sind Löcher nicht nur nützlich oder störend oder gefährlich, sondern auch schwindelerregend. Man kann dort nicht nur körperlich hineinpurzeln, auch gedanklich kann man sich darin verlieren. Da möchte man sich einfach nur mal mit Löchern beschäftigen, und schon erhebt die akademische Besserwisserei ihren tattrigen Zeigefinger.

Ich will keine Physik, keine Mathematik, keine Philosophie und auch keine sonstwie geartete Theorie des Lochs unternehmen. Entsprechende Versuche liegen bereits vor.[2] Sich daher in der Nachfolge des Aristoteles an eine Definition der Leerstelle machen und konstatieren zu wollen, es handele sich um einen Ort, an dem nichts ist, hilft in manchen Zusammenhängen nur bedingt weiter.[3]

Bei Löchern ist die Gefahr paradoxaler Verknotungen nicht allzu fern. Jede Beschäftigung macht aus diesem Nichts schon wieder ein Etwas – womit es kein Nichts mehr ist.[4] Müssten richtige Löcher nicht derart nichtig sein, dass man sich noch nicht einmal auf sie beziehen können dürfte? Obwohl ein Loch, geradeso wie die Null als löchrige Nichtszahl,[5] eigentlich für nichts Bestimmtes steht, nichts repräsentiert und nichts bezeichnet (nur das Nichts bezeichnet), unterläuft es sich durch seine Begriffsbildung beständig selbst – ebenso wie all diejenigen, die sich damit auseinandersetzen.[6] Löcher löchern Welten. Und sie löchern Welten nicht nur auf perforierende Weise, weil sie Leerstellen hinterlassen, sondern auch auf konstituierende Weise, weil sie zum Bestand von Welten beitragen.

Mit jedem Versuch einer definitorischen Schließung öffnet sich an anderer Stelle nur ein anderes Loch, durch das beispielsweise die Unbestimmtheitsrelation hindurchfällt, die sich bei einem kulturell so bedeutsamen Un-Ding wie einem Loch zwischen Phänomen und Betrachtenden aufbaut. Denn Löcher kommen ja kaum ohne wertende Adjektive aus. Für die einen sind es bedauerliche, gar ärgerliche Fehlstellen, für die anderen Öffnungen, Möglichkeiten, Ruhepole, gar Sinnstiftungen.

Löcher können also interessant sein, weil sie nicht nur technische oder organisatorische, sondern auch kulturelle Probleme aufwerfen. Sie zwingen Bedeutungskollektive – vulgo Kulturen genannt – dazu, sich in einer Situation zu verhalten, in der an einer Stelle, an der etwas sein sollte, nichts (mehr) ist. Auch wenn die überwiegende Anzahl der Leerstellen, denen Menschen tagtäglich begegnen, in der Masse der Lücken tatsächlich verschwindet, kann ja ein Loch, wenn es erst einmal eine bestimmte Aufmerksamkeitsschwelle überschritten hat, nicht nur stören, es kann auch verstören.

Mit dankbarer Unterstützung des Lochs lässt sich vielleicht, so meine Hoffnung, dem Umstand des Welt-Habens auf die Spur kommen. Denn einen kaum zu überschätzenden Vorteil scheinen mir all diese Abstinenzen doch zu haben: Sie zwingen diejenigen, die mit ihnen konfrontiert sind, etwas zu tun, das üblicherweise nicht getan werden muss. Sie zwingen zu einer Bestimmung von Welt angesichts des teilweisen Fehlens von Welt. Weil Welt üblicherweise da und eingerichtet ist, größtenteils auch schon lange vor unserer Existenz weitgehend eingerichtet war,[7] muss man sich die Frage nicht stellen, was und wie Welt ist. Eine Lücke macht aber genau diese Frage akut.

Ein Nichts mit etwas drum herum

Sobald Leerstellen unterschiedlicher Art aufgerufen werden, kriecht dieses ungute, gar schaurige Gefühl das Rückenmark hoch, das Assoziationen von Verlust und Vernichtung weckt. Und wie sollte diese Emotion auch verhindert werden, wenn in einem Erdloch ein Sarg versenkt werden kann, der einen an die Lücke gemahnt, die ein verstorbener Mensch hinterlässt, oder wenn ein Bombenkrater an einer Stelle klafft, an der gerade noch ein Haus stand? Solche Löcher nicht nur betrauern, sondern auch stopfen und damit irgendwie heilen zu wollen, ist nur zu verständlich.

Doch noch vor dem Stopfen, noch vor der Bepflanzung der Grabstelle mit Friedhofsgrün, noch vor dem Wiederaufbauprogramm für ehemalige Kriegsgebiete sind einige Minuten der Reflexion über die Löchrigkeit von Welt angebracht. Schließlich fangen die Probleme mit diesen Nicht-Dingen bereits an, bevor man sich ihnen auch nur vorsichtig genähert hat. Ein Loch-an-und-für-sich, also ein Loch in seinem reinen Loch-Sein bekommt man ja gar nicht in den Blick, schon gar nicht in den Griff – auch nicht in den angemessenen Begriff. Ein Loch wird eher durch das sichtbar und erfahrbar, was gerade noch vorhanden ist, durch seine Ränder. 

In einer immer noch amüsant-lesenswerten „soziologischen Psychologie der Löcher“ hat Kurt Tucholsky analytisch messerscharf darauf aufmerksam gemacht, was an Löchern eigentlich so irritierend ist. „Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs … festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne.“[8]

Bei aller Vagheit und aller Unentschiedenheit von Leerstellen und Löchern, ließe sich als Schwundstufe einer Definition wohl festhalten, dass es sich um eine oberflächliche Entität handelt. Jedes Loch hat also – aus der Position des Lochinneren betrachtet – eine Oberfläche, die es von seiner nicht-löchrigen Umgebung trennt und gleichzeitig damit verbindet. Man stelle sich vor, man säße im Inneren eines Lochs eines Emmentaler Käses. Um einen herum gäbe es nur Oberfläche, sonst nichts – das sicherste Indiz, dass es sich um ein Loch handeln muss.[9] Vielleicht ist das ja auch der Grund, weshalb Kinder und auch nicht wenige Erwachsene eine solche Begeisterung für Höhlen, Zelte und ähnliche Gebilde aufbringen können, die sich vornehmlich durch ihre innere Leere auszeichnen: Weil sie durch diese Blasen einerseits vom Rest ihrer Welt gänzlich abgetrennt sind, andererseits diese Trennung auch jederzeit wieder aufheben können.

Und wenn wir schon bei Kindern sind: Auch die wahrscheinlich philosophisch interessantesten (und interessiertesten) Schweine der Kinderbuchliteratur, Piggeldy und Frederick, haben das Loch ausgiebig umkreist. Wie jede Piggeldy-und-Frederick-Geschichte, so fängt auch diese mit einer Frage des Ferkels Piggeldy an seinen großen Bruder Frederick an, woraufhin der peripatetisch veranlagte, aber meist ebenso ahnungslose Frederick seinen kleinen Bruder zu einem Spaziergang auffordert mit den Worten: „Nichts leichter als das. Komm mit.“ Piggeldy möchte von seinem Bruder Frederick also wissen, was ein Loch ist. Die beiden gehen los und versuchen sich dem Problem zunächst phänomenologisch zu nähern, suchen nach Beispielen für Löcher (Strumpfloch, Mauseloch, Tümpel) und nach deren Qualitäten (man kann hineinfallen).

Aber Piggeldy ist mit dem Ergebnis der Suche unzufrieden. Denn im Tümpel ist Wasser, im Mauseloch ist eine Maus, beim Strumpfloch gibt es immer noch mehr Strumpf als Loch. „‚Immer ist ein Loch etwas, wo noch was dazugehört‘, jammert er, ‚nie ist ein Loch einfach nur ein Loch.‘“ Worauf sein Bruder Frederick entgegnet: „Es wird nie ein Loch geben ohne was drum herum.“ Und eben das ist die Lösung: „‚Aha‘, freute sich Piggeldy, ‚ein Loch ist nur deshalb ein Loch, weil immer was drum herum ist.‘ Frederick nickte. ‚Wenn ich groß bin‘, sagte Piggeldy, ‚dann erfinde ich ein Loch ohne was drum herum.‘ Und Piggeldy ging mit Frederick nach Hause.“[10]

Ein Loch ohne was drum herum? Ein Loch um seiner selbst willen? Löcher werden, so sagt uns unsere Intuition, doch in den seltensten Fällen um ihrer selbst willen gegraben. Löcher haben Funktionen. Sie sind zweckgerichtete Nicht-Gebilde, mit denen etwas Anderes, irgendein Etwas, ein bestimmtes Ziel erreicht werden soll. Sie dienen der Freilegung von etwas hinter oder unten ihnen Liegendem, eines Schatzes beispielsweise. Oder sie dienen der Füllung, vielleicht mit Wasser oder einem Betonfundament. Sie dienen der Abkürzung von einer Seite zur anderen, zum Beispiel durch einen Tunnel. Aber ein Loch herstellen, nur um ein Loch zu haben?

Vielleicht ist es kein Zufall, dass gerade humoristisch begabte Intellektuelle wie Tucholsky, Piggeldy, Frederick oder auch Christian Morgenstern, dessen Gedicht über den Lattenzaun an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben darf, sich Leerstellen aller Art zuwenden. Denn solche Auslassungen stören die ernsthaften Menschen in ihrem Vollständigkeitswahn. Und schelmisch auf diese Auslassungen hinzuweisen, kann irritierte Lacher provozieren, weil sie Durchblicke zulassen – weniger auf ein dahinter liegendes Etwas als vielmehr auf die Baupläne von Welten.

Leerbezüge

Wie man es auch dreht und wendet, es scheint – leider? oder glücklicherweise? – keinen Weg zum absoluten Nichts zu geben. Auch die Möglichkeit, in einem Raum ein vollständiges Vakuum herzustellen, wird bis heute bezweifelt. Immer noch können sich darin virtuelle Teilchen oder elektromagnetische Felder befinden. Immer ist irgendwo irgendwas. Tucholsky hatte Recht, wir leben in einer Welt der Etwas-Leute.

Es könnte daher sein, dass die interessanten, weil inhaltlich weiterführenden Fragen nicht lauten: Was ist das Nichts? Was ist die Leere? Was ist ein Loch? Es könnte sein, dass es interessanter wäre, genauer auf den Rand zu achten, der Leere und Fülle nicht nur voneinander trennt, sondern auch miteinander verbindet. Wichtig an der unauflöslichen Relationierung von Leere und Fülle, von Nichts und Etwas ist demnach vor allem, was sich zwischen den beiden Relata abspielt, wie also der Übergang zwischen beiden als Übergang jeweils ausgestaltet wird.

Diese Traverse kann die Form von Konkretisierung oder Auflösung annehmen, von Zu- oder Abnahme, von Entstehen oder Vergehen, von Bewusstwerdung oder Bewusstlosigkeit, von Erbauung oder Vernichtung, von Beginnen oder Beenden, von Wahrnehmungsfähigkeit oder -unfähigkeit. Dieser Übergang ist, in den Worten von Karen Gloy, „ein reines Zwischen“, weil er, wie der Rand eines Lochs, noch nicht das eine und nicht mehr das andere ist.[11]

Arthur Schopenhauer war nicht der erste, ist aber ein bis heute prominenter Vertreter der These, vom Nichts in einem absoluten Sinn lasse sich überhaupt nicht sprechen. Im bekannten Schlusskapitel zum ersten Band seines Hauptwerks „Die Welt als Wille und Vorstellung“ hat Schopenhauer betont, „daß der Begriff des Nichts wesentlich relativ ist und immer sich nur auf ein bestimmtes Etwas bezieht, welches er negiert.“[12]

Sollte also jemand vom Tisch aufstehen, den Spaten nehmen und mit den Worten in den Garten gehen „Ich grabe jetzt ein Loch“, dann können alle Umstehenden den unabdingbaren, zweckgerichteten Anschluss ergänzen, „… um einen Baum zu pflanzen“. Als relationale Gebilde sind Löcher Mittel zum Zweck. Wir buddeln Löcher. Und danach möchten wir sie eigentlich gerne vergessen. Aber den Gefallen tun uns diese Aussparungen nicht. Sie sind und sie bleiben Teil unserer Ver-Wirklichungen, selbst wenn wir auf den Schacht einen Deckel legen, den Dübel in der Wand verschrauben, die Hautwunde mit einem Pflaster beruhigen.

Zur menschlichen Fähigkeit, etwas erschaffen zu können, gehört auch die Erschaffung von Leerstellen. Aber als Lücken drängen sich diese Aufsprengungen, Ausschnitte und Auslassungen immer erst dann auf, wenn sich ihre Funktionalität erledigt hat, wenn die Bodenschätze ausgebeutet und die Brunnen ausgetrocknet sind. Dann ist da auf einmal nur noch ein Loch. Obwohl diese Leerstelle ja selbst als Nur-noch-Loch niemals frei von Bezugnahmen sein wird, sondern über das Loch-Sein hinaus immer auch störend, gefährlich, befreiend, beängstigend, erhellend und vieles andere mehr ist.

Selbst wenn der abgedankte Kaiser Wilhelm II. in seinem niederländischen Exil in Doorn im Rahmen des streng geregelten Tagesablaufs, der sich während seines dort erzwungenen Aufenthalts nach dem Ende des Ersten Weltkriegs etablierte, in den Vormittagsstunden zu den üblichen Gartenarbeiten mit seinen Adjutanten und ein oder zwei Gärtnern aufmachte, und dabei nicht nur Pflanzen goss, Beete anlegte und Laub harkte, sondern mit beständiger Regelmäßigkeit, ja Unerbittlichkeit Bäume fällte und deren Holz hackte, selbst wenn der Ex-Kaiser durch diese kaum anders denn als Passion zu bezeichnende Tätigkeit erhebliche Lücken im Park des Doorner Anwesens produzierte, die auch durch Aufforstung nicht wieder kurzfristig geschlossen werden konnten,[13] war es wohl nicht das Ziel, einfach nur ein weiteres Loch in die Bewaldung zu schlagen. Mutmaßlich verband er mit dieser Tätigkeit wohl eine Art der Sinnerfüllung, die auszuloten Außenstehenden zwar schwerfallen dürfte, ihm aber folgerichtig erschienen sein muss. Eine Existenz, die auf der Perforierung von Welt beruht.

Sind aber unsere eigenen Vorgehensweisen und unser Weltzustand so weit von dem entfernt, was der ehemalige deutsche Monarch im erzwungenen Ruhestand trieb? Auch wenn dort die Bäume inzwischen nachgewachsen sein dürften, wenn andernorts die Baugruben zugeschüttet sind und wenn die Gläser auf dem Tisch wieder aufgefüllt wurden, selbst dann lässt sich nur schwerlich verbergen, dass sich Welten – neben zahlreichen anderen Eigenschaften – dadurch auszeichnen, perforiert zu sein.

Trotz aller Auffüllungen und Restaurationen bleiben Löcher erkennbar, hinterlassen Spuren und Narben. Spätestens die Luftbildarchäologie macht das deutlich, da sie auch noch nach Jahrhunderten erkennen kann, wo ein Graben gezogen oder ein Keller ausgehoben wurde. Deshalb kursiert in der Archäologie ja auch der Wahlspruch: „Nichts ist unvergänglicher als ein Loch.“[14] Damit stellt sich einmal mehr die Frage nach den Relationen, in die diese Leerstellen eingebunden sind. Wie verhält sich das Volle zum Löchrigen, das Handfeste zum Entleerten – und was macht man mit dem ganzen Abraum, Schutt und Müll, der bei der Herstellung von Löchern unweigerlich entsteht?

Die italienischen Philosophen Roberto Casati und Achille C. Varzi haben unter die Eigenschaften, die sie Löchern zuzuschreiben gewillt sind, unter anderem das ontologische Parasitentum eingereiht. Löcher sind demnach nicht nur auffüllbar, nicht nur eingebunden in Teil-Ganzes-Beziehungen, nicht nur hinsichtlich ihrer räumlichen Ausgestaltung sortierbar, sondern sie kommen außerdem nie isoliert vor, können immer nur in etwas existieren (soweit sie überhaupt existieren).[15] Löcher sind – um dies hier nochmals zu wiederholen – relationale Gebilde. Um dieser Relationalität gewahr zu werden, bedarf es keiner besonders ausgefeilten oder abschreckend abstrakten Argumentation. Der Alltagsumgang mit Löchern ist völlig hinreichend. Denn dann wird auf den ersten Blick ersichtlich, dass Löcher immer einen Gastgeber haben müssen und auch selbst einen Gast beherbergen können. Sie sind immer in etwas und können immer etwas aufnehmen, selbst wenn dieses aufgenommene Etwas auf der anderen Seite wieder herausfallen sollte.

Wie also sieht es aus, das Verhältnis der Fülle zum Leeren? Es ist auf jeden Fall nicht eindeutig. Denn entgegen all der negativen Konnotationen, die sich nahezu unausweichlich mit dem Leeren und dem Löchrigen verbinden und die wahlweise Vorstellungen von Verlust, Untergang Zerstörung, Lebensfeindlichkeit oder Sinnlosigkeit aufrufen, hält die Leere einige Überraschungen bereit. Das Leere ist nämlich nicht minder bezogen auf Möglichkeiten und Optionen – und das bedeutet nicht zuletzt, auf Möglichkeiten der Füllung.

Löchrige Möglichkeiten

In Shakespeares „Henry V.“ tritt nach dem Vorbild des antiken griechischen Dramas immer wieder ein Chor auf die Bühne, um die Geschehnisse des Theaterstücks zu kommentieren und einzuordnen. Noch vor Beginn der eigentlichen Handlung um den legendären englischen König Heinrich V., den Sieger der Schlacht von Azincourt und den kurzzeitigen Eroberer des französischen Throns, tritt dieser Chor auf die Bühne, um das Problem einer Dramatisierung dieses Geschehens (aber letztlich jedes Geschehens) zu benennen:

    „Doch verzeiht, ihr Edlen,

    Den platten, unentflammten Geistern, die

    So Großes hier auf unwürdige Bretter

    Zu bringen wagen. Kann ein Hahnenkampfring

    Die weiten Felder Frankreichs fassen? Können wir

    Ins runde Holz-O all die Helme pressen,

    Die klirrend bei Agincourt die Lüfte schreckten?“[16]

Das ist der stillschweigende Pakt, der im Theater zwischen Zuschauenden und Spielenden abgeschlossen wird: Dass sich Bretter zu Schlachtfeldern verwandeln können, Lebende bereits Verstorbene spielen dürfen und zwei oder drei Schauspieler:innen für zwei- oder dreitausend Soldaten stehen können. Man darf davon ausgehen, dass Shakespeare bei dem runden Holz-O, in dem all das möglich war, das Globe Theatre vor Augen hatte, das seine Theatertruppe 1599 erbauen ließ – im selben Jahr, in dem auch „Henry V.“ aufgeführt wurde. Dieses hölzerne Gebäude, nichts weiter als eine schwächliche Hülle, konnte – wie sein Name verdeutlicht – den ganzen Planeten beherbergen, und in ihm war für die Zeit einer Aufführung alles möglich. Die Form des O ist unmissverständlich: Das Gebäude an sich enthält nichts, ist nur die leere Form, nur eine Umrandung, bereit zur Aufnahme aller denkbaren Inhalte.

Im Prolog spielt Shakespeare dieses Spiel mit dem O weiter, ein Spiel mit Löchern und Nullen, die zunächst nichts weiter sind als gehaltlose Hüllen, sich jedoch schnell füllen lassen, weil jede Leere letztlich die Möglichkeit für eine schier endlose Fülle bietet.

                     „Verzeiht, denn wie auch’s leere O der Null

                     Ja hunderttausend zur Million vermehrt,

                     So laßt uns Nullen in der großen Rechnung

                     Zur Mehrung eurer Einbildungskraft dienen.

                     Denkt euch drum, daß dies Holzrund wie ein Gürtel

                     Zwei wirkmächtige Monarchien umfaßt,

                     Dern steil erhobne, vorgereckte Stirnen

                     Ein schmaler, unheildrohender Meerarm trennt.

                     Ergänzt mit eurer Phantasie nun unsre Mängel.

                     Formt euch aus jedem Mann eintausend Männer

                     Und schafft in eurer Vorstellung ein Heer.

                     Wenn wir von Pferden reden, denkt, ihr seht

                     Sie stolz den Huf ins weiche Erdreich prägen.

                     Denn euer Geist muß unsre Fürsten schmücken,

                     Muß sie von hier nach dorthin tragen, muß

                     Die Zeiten springen, vieler Jahre Gang

                     Ins Stundenglas-Maß pressen: so bitt ich,

                     Nehmt nun als Chor für die Historie mich,

                     Der ich prologgleich euch um Gunst beschwör,

                     Um ausgewognes Urteil, wohlwollndes Gehör.“[17]

Mit ein paar Requisiten, einigen verkleideten Menschen, gespielten Emotionen und einer Prise menschlicher Phantasie kann aus einem schnöden Bretterverhau eine ganze Welt entstehen. Aus Druckerschwärze, in wiedererkennbaren Zeichen auf Papier aufgebracht, entsteht im Kopf von Lesenden eine Geschichte mörderischer Verwicklungen. Aus farbigen Lichtsignalen, geworfen auf eine weiße Leinwand, entsteht eine nie gesehene Zukunftswelt. Alles nichts Besonderes? Nur weil es alltäglich geschieht, wäre es fahrlässig, die Besonderheit solcher Vorgänge aus dem Auge verlieren. Und ob es nun das weiße Blatt Papier, die nicht minder weiße Leinwand oder die hölzerne Theaterbühne ist, sie alle stehen stellvertretend für eine wichtige Eigenschaft des Leeren, die uns durch Shakespeares Prolog nahegebracht wird: Das Leere ist ein Möglichkeitsraum, auf dem und mit dem sich nicht nur neue, sondern auch ganz andere Welten entwerfen lassen.

Auch wenn der Ausdruck ‚Möglichkeitsraum‘ zunächst einmal positive Assoziationen wecken mag, so können die Optionen, die im Leeren gesehen werden, auch zwiespältige, wenn nicht gar zerstörerische Ergebnisse zeitigen. Denn das europäisch-westliche Eigentumsdenken, das es kaum zu ertragen scheint, das irgendein Ausschnitt der Erdoberfläche herrenlos und damit nicht den juristischen Eigentumsdefinitionen unterworfen sein soll, hat die Rechtsfigur der terra nullius erdacht, des leeren oder auch Niemandslandes. Während internationale Gewässer, der Luftraum oder auch der Weltraum in diesem Sinn intendiert als Nicht-Eigentum kategorisiert werden, hat in kolonialen Situationen die Figur der terra nullius dazu geführt, dass sich die Kolonialmächte angeblich ‚herrenloses‘ Land aneigneten.[18]

Diese Potenz des Leeren kann einen erschauern lassen. So viel Welt, beruhend auf nichts. Deswegen bereitet es ja Schwierigkeiten, dieses Verhältnis vom Ganzen zum Leeren, vom Vollständigen zum Löchrigen auszuloten, weil Lücken in der Lage sind, unsere üblichen Annahmen über die Zusammensetzung und Funktionen von Welt zu untergraben. Sie können wahrgenommen, gezählt, beschrieben oder klassifiziert werden, sie haben eine Form, eine Größe und eine Örtlichkeit, gerade so wie andere Gegenstände auch – obwohl es keine Gegenstände sind und man sich die Frage stellen kann, ob Löcher nur existieren, weil ein entsprechendes Wort existiert.[19]

Obwohl es Löchern – abgesehen von ihrer Immaterialität – an sämtlichen Identitätskriterien mangelt, die Gegenständen üblicherweise abverlangt werden, so dass sie sich einer Bestimmung beständig entziehen, scheint es doch so, als seien Löcher trotz dieser fehlenden Identitätsmarkierungen deutlich stabiler als der materielle Teil von Welt, weil sie ihre (nicht vorhandenen) Eigenschaften nicht verlieren. Auch wenn sich die Umgebungen und die Füllungen von Löchern unablässig ändern – ist es nicht das Loch, das sich immer gleich bleibt? Ist das Leere das einzig Beständige?

Lückenhafte Dynamiken

Gerade im Zusammenhang mit dem Löchrigen bleibt sich so auffallend wenig gleich. Löcher bilden häufig das Zentrum ungeheurer Dynamik, weil sie wahlweise ausgehoben oder zugeschüttet werden müssen, weil sie Energien absorbieren oder Phantasien befeuern, weil sie Neugier provozieren und Ängste schüren. Diese zahlreichen, ganz unterschiedlich dimensionierten Nichtse sind Auslöser eines großen Kraftaufwands. Auch das verdeutlicht ein Gang entlang ihrer Ränder. Nicht nur deren unbestimmbare Bestimmtheit, deren geradezu Heisenberg’sche Unschärfe sorgt für beständige Bewegung, weil man sich letztlich nie sicher sein kann, ob man sich nun schon im Leeren oder noch im Vollen befindet.

Auch die wesentliche Aufgabe eines Rands, nämlich Hier und Dort zu trennen, das Löchrige vom Fülligen zu unterscheiden, sorgt ja bereits für Dynamik – weil durch diese Unterscheidung von Nichts und Etwas zugleich eine Beziehung zwischen beiden Elementen hergestellt wird, die sich dann aber bei den relationierten Elementen fortsetzt, die nämlich ihrerseits aus der Einheit der Unterscheidung von Nichts und Etwas bestehen. Und so geschieht das bei jedem weiteren Bestimmungsschritt. Der gegenseitigen Bezugnahme von Nichts und Etwas ist nicht zu entkommen. Die Relation unterliegt einem unendlichen Regress und damit auch beständiger Dynamik.[20]

Auf dem Rand lässt es sich daher gemütlich machen, um dem beständigen Hin-und-Her zuzuschauen, dem unablässigen Ping-Pong-Spiel zwischen Weder-und-Noch, Hier-und-Dort, Kommt-noch-und-War-schon. Eine Definition des Lochs lässt sich zwar auch nicht von diesem Rand aus vornehmen, aber die Funktionen und Bedeutungen alles Löchrigen lassen sich von hier aus ganz gut beobachten.  

Und die Dynamik, die sich mit diesen Leerstellen verbindet, dürfte zu den eher unerwarteten Beobachtungen gehören. Üblicherweise besteht wohl die Neigung, mit der Leere und dem Nichts eine bleierne Statik zu assoziieren: einen schwarzen Schlund, in dem alles auf Nimmerwiedersehen verschwindet; die Stille und Unendlichkeit des Universums, in dem es kein Oben, kein Unten und keine Differenz gibt, in dem nichts geschehen wird, außer der unausweichlichen Auslöschung; die Ausweglosigkeit der Gefängniszelle, aus der es kein Entkommen gibt. Sollten das irreführende Vorstellungen sein?

Wenn man akzeptiert, dass Nichts und Etwas, Leere und Fülle nicht ohne einander auskommen, dann muss die beständige Spannung in dieser Paarung eine Dynamik bewirken, an der das Leere wesentlichen Anteil hat. Ob die Leere die Fülle attackiert oder die Fülle die Leere zum Verschwinden bringen will, Stillstand ist in diesem Verhältnis kaum anzunehmen. Solcherart müssen Nichts und Leere nicht im Status des Problembehafteten verharren, sondern werden zu Erklärungsinstanzen und Transformationsmotoren.

Denn wenn man die berechtigte Frage stellt, weshalb sich in einer Welt, die wahlweise als perfekte Schöpfung, ewige Einrichtung, absolut Seiendes oder wirkliche Wirklichkeit begriffen wird, überhaupt noch etwas verändern kann, obwohl doch schon alles vorhanden und an seinem Platz ist, dann dürften Nichts und Leere eine nicht ganz unbedeutende Rolle bei der Beantwortung spielen. Sie stellen die Unruhe im Stillen Ozean des Seienden dar, sind Vehikel des Wandels und eröffnen Möglichkeiten der Schöpfung.[21] Schon die Atomisten in der Tradition von Demokrit, Epikur oder Lukrez haben gerade diesen Gedanken zu einem zentralen Bestandteil ihrer Philosophie gemacht: dass die Leere überhaupt erst die Bedingungen für die Möglichkeit bietet, die Voraussetzung ist für Bewegungen und Veränderungen.[22]

Aber unabhängig davon, ob es sich um die kleinsten denkbaren beziehungsweise beobachtbaren Teilchen handelt, um die Nuklearbombe, die ein gigantisches Nichts der Zerstörung hinterlassen soll, um die Straßenbaumaschine zur Ausbesserung von Schlaglöchern oder um den vermeintlich weißen Fleck auf der Landkarte, den es unter allen Umständen zu tilgen gilt – diese Lücken beunruhigen nicht nur, sie erfordern respektive provozieren auch ganz offensichtlich Aktivität in einem erheblichen Ausmaß.

Ordentliche Unordnung

Mit dieser Dynamik setzen Löcher das Verhältnis von Ordnung und Unordnung auf die Tagesordnung. Schöpfungsmythen ganz unterschiedlicher Provenienz erteilen uns diese Lektion ja immer wieder in Form einer durchaus auffälligen, raum- wie zeitübergreifenden Gemeinsamkeit, nämlich Ordnungssysteme aus dem Leeren und aus dem Nichts heraus entstehen zu lassen. Das Leere ist die chaotische Unordnung, dem durch einen wie auch immer gearteten Schöpfungsakt eine Ordnung abgetrotzt oder aufgezwungen werden muss. Der Erschaffung einer Welt geht etwas voraus, das als Schwärze, großes Nichts, umfassendes Chaos, totale Indifferenz, mit einem Wort: als das sprichwörtlich gewordene, biblische Tohuwabohu (übersetzt: das Wüste und Leere) bezeichnet werden kann.

In vielen dieser Schöpfungsmythen wird ein solcher nichtiger Urzustand negativ konnotiert und mit Unordnung sowie Unsicherheit verbunden. Und diesen schlechten Leumund ist das Leere nie so wirklich losgeworden (wobei ich die Schöpfungsmythen dabei nicht als Verantwortliche, sondern nur als Symptome begreifen würde). Möglicherweise findet sich ja schon hier die Urform für den geradezu zwanghaften Energieaufwand, der seitens der menschlichen Spezies betrieben wird, um die Löchrigkeit ihrer Welten verschwinden zu lassen. Die Leere darf nicht sein, es muss immer ein Etwas daraus werden (und hinterrücks dreht uns die Leere eine Nase).

Daher lässt sich als Korrespondenzverhältnis wohl Folgendes festhalten: Leer ist nicht das Gegenteil von voll. Leer wird vielmehr aufgefasst als das Gegenteil von voll vom Richtigen oder voll vom Erwartbaren und Bekannten oder voll vom Geordneten.[23] Leere ist mithin die Abwesenheit von Schöpfung, und damit auch die Abwesenheit von Ordnung und Sinn. Die Angst vor dem Leeren, die schon an jeder x-beliebigen Abbruchkante zu verspüren ist, lässt sich also gleichsetzen mit der Angst vor der Halt- und Bedeutungslosigkeit des Menschen in seiner Welt. Ja, sie lässt sich sogar gleichsetzen mit dem Menschen als einem weltfremden, gar weltlosen Wesen, wie Günter Anders Ende der 1920er Jahre argumentiert hat.

Weshalb sind Menschen weltfremd? Weil sie erst nachträglich zu einer Welt kommen, weil die Bezüge zu dem, was sie dann ihre Welt nennen, gerade nicht selbstverständlich, nicht schon gegeben sind, sondern mühsam erarbeitet werden müssen. Erfahrungen, soweit sie von Menschen gemacht werden, können also immer erst im Nachhinein, nur aposteriorisch gemacht werden. In all seiner Doppeldeutigkeit ist daher der Satz zu verstehen: Der Mensch kommt zur Welt – weil er zunächst von dieser Welt, die erst noch seine Welt werden muss, abgetrennt ist, weil er sich den Zugang zur Welt erkämpfen muss. Die Aposteriorität ist das menschliche Apriori.[24]

Und deswegen stolpere ich immer wieder über den Rand, noch bevor ich bei irgendeiner Art von Loch ankomme. Nicht weil dieser Rand im Weg wäre, sondern weil ihm eine so entscheidende Bedeutung beizumessen ist: als Schwelle, die zu überschreiten ist vom Chaos in Richtung Ordnung, als zu erahnender, doch niemals zu erreichender Übergang vom nebulösen Wissen einer vagen Vorgängigkeit zur Gewissheit der eigenen, unausweichlichen Nachträglichkeit. Der Rand ist in all diesen Fällen gleichermaßen konstitutiv und furchterregend, weil er die Ahnung der Auflösung von Welt hinter einer dünnen Membran zurückhält, gerade so, wie er als Dämmerung die Nacht vom Tag trennt oder als Horizont den Himmel von der Erde.

Das Loch wird deswegen mit angsterfülltem Blick betrachtet, weil es eine Diskontinuität offenbart – die Diskontinuität von Welt.[25] Es zeigt an, dass Ordnungen sich flugs auflösen, dass Welten im Nu verschwinden können. Weil aber diese leere Form der Weltunterbrechung niemals ohne ihr Drumherum, niemals ohne eine bestimmte Form von Welt zu haben ist, kann es auch durchaus sein, dass sie nicht ausschließlich als furchterregend und weltuntergangsbedrohlich wahrgenommen werden muss, sondern ebenso als weltermöglichend aufgefasst werden kann.

Als Aussparung in der durchgehenden, konsistenten Oberfläche ist die Lücke nicht einfach nur ein Mangel, sie ist auch eine notwendige Unterbrechung. Sehen Sie sich nur die Buchstaben auf dieser Seite genauer an, die den Text samt seiner Aussagen formieren – ohne die Lücken und Abstände zwischen ihnen, ohne die Löcher in den d’s und p’s und e’s wäre das nicht nur völlig unverständlich, sondern würde zu einer zwar vollständigen, aber auch vollkommen schwarzen Seite werden, auf der die Druckerschwärze jede Aussagemöglichkeit verschlucken würde. Leerstellen verhindern die Schließung von Welt, ermöglichen das Offenhalten von Welt – allerdings nicht im Sinne einer schwammigen Unbestimmtheit oder großzügig verteilten Sentimentalität, sondern, mit Jean-Luc Nancy, als Struktur, die den Sinn von Welt annehmen kann.[26]

Die Frage ist daher nicht nur, wie das alles noch zusammenhält angesichts der vielen Löcher. Die Frage ist auch, wie das alles zusammenhält dank dieser vielen Löcher.


[1] Annette Vowinckel: Kritik der Forschungslücke, in: WerkstattGeschichte Heft 61 (2012) 43-48.

[2] Roberto Casati/Achille C. Varzi: Holes and other superficialities, Cambridge 1994; David Lewis/Stephanie Lewis: Holes, in: Australasian Journal of Philosophy 48 (1970) 206–212.

[3] Aristoteles: Philosophische Schriften, Bd. 6: Physik. Über die Seele, übersetzt v. Hans Günter Zekl/Willy Theiler, Hamburg 1995, 213b.

[4] Ludger Lütkehaus: Nichts. Abschied vom Sein, Ende der Angst. Frankfurt a.M. 2010.

[5] Robert Kaplan: Die Geschichte der Null, 2. Aufl. München/Zürich 2004.

[6] Theo Kobusch: Nichts, Nichtseiendes, in: Joachim Ritter/Karlfried Gründer (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 6, Darmstadt 1984, Sp. 805-836.

[7] Peter L. Berger/Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, Frankfurt a.M. 1980.

[8] Kurt Tucholsky: Zur soziologischen Psychologie der Löcher, in: Gesammelte Werke, Bd. 9 (1931), hg. v. Mary Gerold-Tucholsky/Fritz J. Raddatz, Reinbek bei Hamburg 1995, 153.

[9] Roberto Casati/Achille C. Varzi: Holes and other superficialities, Cambridge 1994, 13.

[10] Elke Loewe/Dieter Loewe: Die schönsten Geschichten von Piggeldy und Frederick, Ravensburg 2008.

[11] Karen Gloy: Die paradoxale Verfassung des Nichts, in: Kant-Studien 74 (1983) 133-160, hier 160.

[12] Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band, hg. v. Ludger Lütkehaus (Werke in fünf Bänden. Nach der Ausgabe letzter Hand, 1), Zürich 1991, 525 (Hervorhebung im Original).

[13] Hans Wilderotter: Leben in Doorn. Umgebung und Alltag eines Kaisers im Exil, in: ders./Klaus-D. Pohl (Hg.): Der letzte Kaiser. Wilhelm II. im Exil, Gütersloh/München 1991, 163-166; John C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund, 1900-1941, München 2008, 1246-1271.

[14] Nicole Kröger-Köb: „Nichts ist unvergänglicher als ein Loch“. Die Baubefunde der Wüstung Balhorn im Westen von Paderborn, in: Georg Eggenstein/Norbert Börste (Hg.): Eine Welt in Bewegung. Unterwegs zu Zentren des frühen Mittelalters, München 2008, 145-152.

[15] Roberto Casati/Achille C. Varzi: Holes and other superficialities, Cambridge 1994, 16f.

[16] William Shakespeare: König Heinrich V. Zweisprachige Ausgabe, deutsch von Frank Günther, 2. Aufl. Cadolzburg 2014, 11.

[17] Shakespeare: König Heinrich V., 11-13.

[18] Michael Kempe/Robert Suter (Hg.): Res nullius. Zur Genealogie und Aktualität einer Rechtsformel, Berlin 2015; Dorothee Kimmich: Leeres Land. Niemandsländer in der Literatur, Konstanz 2021.

[19] David Lewis/Stephanie Lewis: Holes, in: Australasian Journal of Philosophy 48 (1970) 206-212.

[20] Gloy: Die paradoxale Verfassung des Nichts, 149-158.

[21] Lütkehaus: Nichts, 656.

[22] Lukrez: Über die Natur der Dinge. Übersetzt von Klaus Binder, München 2017.

[23] Christine Dissmann: Die Gestaltung der Leere. Zum Umgang mit einer neuen städtischen Wirklichkeit, Bielefeld 2010, 21.

[24] Günther Anders: Die Weltfremdheit des Menschen. Schriften zur philosophischen Anthropologie, hg. v. Christian Dries/Henrike Gätjens, München 2018, 11-21.

[25] Roberto Casati/Achille C. Varzi: Holes and other superficialities, Cambridge 1994, 79-86.

[26] Jean-Luc Nancy: Der Sinn der Welt, Zürich/Berlin 2014, 10.

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Kassiber in der Kinderzimmerrevolution

von Jasper Nicolaisen

Die Buchreihe „Fighting Fantasy“, in Deutschland als „Fantasy-Abenteuer-Spielbuch“ vermarktet, wird 2022 vierzig Jahre alt. In der BRD war sie in den achtziger Jahren maßgeblich mitbeteiligt an einer nicht erklärten, ungesteuerten, von Erwachsenen weitgehend übersehenen Revolution in den Kinderzimmern, die bis heute nachwirkt – in der Popkultur, auf dem Buchmarkt, in der Arbeit von Kulturschaffenden, die heute im mittleren Alter sind.

Wer zu jener Zeit in jenem Land Kind oder Jugendlicher war, musste sich Wege in die populäre Kultur und damit zur Selbstvergewisserung, was man in dieser komischen Welt denn sein sollte, an Orten und in Medien suchen, die heute in der Lebenswelt junger Menschen nur noch eine geringe Rolle spielen: Fernsehen, Buch- und Spielwarenläden, Bibliotheken. Diese Räume waren mehr als das Internet von Erwachsenen strukturiert und überwacht.

Was es dort an widerborstigen, von Kindern zu besetzenden Medien gab, musste diese Kontrolle passieren. Der Thienemann-Ausgabe von „Fighting Fantasy“ mit dem charakteristischen roten Buchrücken, den reißerischen Titeln und vor allem den krassen Titelbildern und den wunderbar skurrilen Illustrationen konnte niemandem entgehen, der sich irgendwie für fremde Welten, Abenteuer und etwas noch unbestimmtes Anderes interessierte, das die „guten Bücher“ in der Schule und unter dem Weihnachtsbaum nicht boten. Wie konnten diese Bücher überhaupt ungehindert in Büchereien und Buchhandlungen gelangen?

Der Drang nach diesem diffusen Anderen nahm in der BRD der frühen achtziger Jahre eine politisch reale Gestalt in den neuen sozialen Bewegungen an, in der Formierung der Grünen, in Protesten und Demonstrationen von bisher nicht gekanntem Maßstab. Auf dem Feld der Kultur hob die Esoterik ihr Haupt, Innerlichkeit und spirituelle Erkenntnis blühten, und  es gab eine erste Fantasywelle, die Filme, Spielzeuge, Kassetten, aber auch die Bücher von Michael Ende und Wolfgang Holbein umfasste. Mit Punk und New Wave, die Plastik, Beton und Dreck verherrlichten, gab es zugleich einen Ort für alles, was von dieser neuen Richtung abgespalten war und sein wollte. 

Der Erfolg der Kinderzimmerevolution wurde dadurch befördert, dass die Reihe „Fighting Fantasy“ einerseits an den große Trend zum Bunten und Fantasievollen andockte, also auch von Erwachsenen für Kinder und Jugendliche gekauft wurde, andererseits mit dem Element der Kommerzialisierung und Kommodifizierung von Fantasie und vor allem einem starken Element des Triebhaften – Gewalt, Aggression, Verteidigung des Rechts auf Gegenwelt und Abschottung, in verklausulierter Form auch Sexualität – genug Abgrenzungspotential gegenüber der Erwachsenenwelt für die Zielgruppe bot. Die Fantasymedien schwammen auf dem Zeitgeist, und waren doch ein Ort für das Dagegensein gegen das Dagegensein der Erwachsenen.

„Fighting Fantasy“ signalisierte dieses widerständige Element zunächst optisch. Anders als die andere große Marschkolonne der Kinderzimmerrevolution, das Pen-and-Paper-Rollenspiel „Das Schwarze Auge“, setzte die Reihe auf in-your-face Monsterbilder, Actionszenen, grelle Farben und durchaus auch auf pralle Körper in Lederrüstungen, eine Aufmachung, die zusammen mit Titel wie „Labyrinth des Todes“, „Sumpf der Skorpione“, „das Höllenhaus“ oder „Tempel des Schreckens“ einen Grad an Exploitation zur Schau stellte, wie man ihn bis dahin im Bereich der Jugendliteratur nicht gekannt hatte.

Zum Vergleich: „Das Schwarze Auge ging einen ganz anderen Weg. Es war eine Wutproduktion alteingesessener deutscher Platzhirsche, die in den Lizenzverhandlungen über den kinderkulturellen Molotow-Cocktail dieser Zeit – die „Red Box“ von „Dungeons and Dragons“ – gescheitert waren. Mit dem in wenigen Wochen zusammengeschusterten Produkt wollten sie der Konkurrenz aus Amerika zeigen, wer Herr über deutsche Kinderzimmer war.

Dass das gelang, lag neben dem massiven Druck, den Schmidt und Droemer-Knaur auf den Handel ausübten, an der Erfahrung und dem Einfallsreichtum der eilig beauftragten Spieldesigner und eben auch an der Gestaltung, die aus den Spieleregalen der Kleinstädte genau so krass hervorstach, wie „Fighting Fantasy“ aus den Drehständern der Kinderbüchereien. Vor allem der türkische Künstler Uğurcan Yüce prägte das Spiel mit Ölgemälden, die im Nebeneinander von schnauzbärtigen Helden, bezopften Amazonen in Lederbikinis und bergglühenden Romantiklandschaften viel Karl-May-Feeling auf die Fantasy-Action propften, eine Anmutung, für die sich in der Rollenspielszene der Begriff „Hotzenplotzigkeit“ eingebürgert hat.

Dieses Antäuschen ins Biedere zwecks Elternsedierung ging „Fighting Fantasy“ vollkommen ab. Die beiden Erfinder, Steve Jackson und Ian Livingstone, hatten im heimischen England ebenfalls „Dungeons & Dragons“ in die Hände bekommen und dort das Prinzip des „Soloabenteuers“ kennen gelernt, also die Organisation eines Textes entlang von Entscheidungsbäumen, durch die Leser*innen, die im Text mittels „du“ als Protagonist*in angesprochen werden, Wege auswählen und andere verwerfen. Konkret war der Text in nummerierte Abschnitte gegliedert, an deren Ende Leser*innen jeweils aufgefordert wurden, den Fortgang der Geschichte zu beeinflussen, indem sie unter mehreren möglichen Handlungen wählten und den entsprechenden Abschnitt aufsuchten. 

Jackson und Livingstone ergänzten dieses Prinzip nun, indem sie das „du“ des Protagonisten als Spielfigur ausstaffierten und dafür rudimentäre Rollenspielregeln mit abdruckten. Die Leser*innen wurden im Text regelmäßig aufgefordert, das „du“ gegen Monster und Fallen antreten zu lassen, indem sie diese Regeln anwendeten. Dabei war es möglich zu sterben, was eigentlich bedeutet hätte, das Buch von vorne anfangen zu müssen, bis der richtige Pfad durch den Ereignisbaum (oder einer von mehreren möglichen) gefunden und regelkonform bestanden war. Natürlich lag ein Reiz der Bücher auch darin, dass der Regelverstoß ständig lockte, denn die Leser*innen waren ja allein und unbewacht mit dem Buch beschäftigt.

Optisch wie inhaltlich zeigten die beiden Briten eine Vorliebe fürs Skurrile, Drastische und Schwarzhumorige, wie es der heimischen Fantasytradition von Mervyn Peake über Michael Moorcock bis hin zu Susanna Clarke entsprach und entspricht. Nicht zuletzt die vielen unverhofften und stets an der Grenze des Sadistischen ausgeführten Tode des „du“, aber auch eine endlose Reihe von absurden Fallen, seltsamen Kreaturen und eigenwilligen Antagonist*innen verliehen „Fighting Fantasy“ ein Gepränge, das an Terry Gilliam und die Fantasyverfilmungen der BBC denken lässt.

Es muss diese Mischung aus krasser, aber „wenigstens nicht so amimäßiger“ Optik und der Vermarktung als Spiel gewesen sein, das den Eintritt in die Welt der guten Bücher in Deutschland möglich machte. Immerhin lesen die Kinder, wird man sich gesagt haben, und die Sache mit dem Würfeln und Entscheiden und ins Buch reinkritzeln, das ist kreativ, das ist aktiv, da lassen sie sich nicht nur berieseln.

Im deutschen Kontext liefen diese Bücher im Sprechen über das kulturelle Feld zunächst fast unter dem Radar und wurden in ihrer Bedeutung nur in kindlichen und jugendlichen Räumen erkannt. Die großen Diskussionen um „Gewaltlosigkeit“ unter Erwachsenen jener Tage drehten sich um Fernsehsendungen und den schädlichen Einfluss von Spielzeugwaffen und Masters-of-the-Universe-Figuren auf kindliche Gemüter. Die eigentlich sehr viel heftigeren, subversiveren „Fighting Fantasy“-Bücher schummelten sich als Kassiber unter der elterlichen Aufsicht in Kinderhände. Immerhin waren es Bücher aus der Bücherei, also sicherlich kontrolliert und abgesegnet, und was genau da drin stand, damit befassten sich Eltern nicht, weil ihnen das Durchspielen zu umständlich und zu kindisch war.

Diese Kassiberfunktion von „Fighting Fantasy“ zeigt sich deutlich, wenn man heute mit Menschen spricht, die in den achtziger Jahren für Heavy-Metal und Horrorfilme zu jung, für Computerspiele zu wenig mit technikaffinen Eltern gesegnet und trotzdem irgendwie mit der Vorstellung groß geworden waren, dass „Anderssein“ etwas Gutes sein sollte. Es war die bürgerliche Mittelklasse, die so tat, als gelte ihr Bildung mehr als Reichtum, Individualität mehr als Erfolg, um sich von den ganz Armen und obszön Reichen abzugrenzen, deren Kinder über „Fighting Fantasy“ erstmals mit Residuen der Gegenkultur, des Grotesken und positiv besetzten Triebhaften in Berührung kommen konnten.

Aus diesem Milieu stammen in vielen Fällen Menschen, die heute Autor*innen, Illustrator*innen, Verlagsleute, Spieldesigner*innen, Programmierer*innen und dergleichen geworden sind. Hier ist „Fighting Fantasy“ noch immer ein Begriff und wird  nostalgisch erwärmt genannt, wenn es um den „Einstieg“ in Nerdwelten, ins Spielen, in Computerzeugs und Underground geht.

Das Erbe von „Fighting Fantasy“ hat so indirekt zu einigen kulturellen Phänomenen der Gegenwart beigetragen. Es ist ein frühes Beispiel der grell sichtbaren Reihenbildung im Jugendbuchbereich. Inhalte und Gestaltungselemente, die bis dahin jungen Erwachsenen vorbehalten waren, glitten hier ein bis zwei Altersstufen tiefer. „Fighting Fantasy“ steht auch am Beginn einer tendenziellen Angleichung kindlicher und erwachsener Medienwelten, was Ausstattung und Vermarktung betrifft.

Das relativ ungenierte Einbringen gewaltvoller, drastischer und schwarzhumoriger Elemente trug dazu bei, die Maßstäbe dessen zu verschieben, was man für Kinder und Jugendliche angemessen und auch zumutbar findet. Überhaupt sehen wir mit dem Trend zum „All-Age“-Roman der letzten Jahre und Filmprodukten, wie etwa von Pixar, eine Verwischung der Zielgruppen, bei der oft gar nicht mehr klar ist, welche Altersgruppe adressiert ist und Kulturprodukte beständig auf unterschiedlichen Bedeutungsebenen arbeiten. „Fighting Fantasy“ hat diesen Trend nicht verursacht, aber ihm in Deutschland mit den Weg geebnet.

Während „Das schwarze Auge“ ganz unmittelbar Autor*innen ausgebildet hat, die heute Fantasy-Bestseller schreiben, ist die direkt sichtbare Kulturproduktion der „Fighting Fantasy“-Leser*innen weitgehend ausgeblieben. Sehr prominent findet sich in Saša Stanišić´ Herkunft ein nach dem Vorbild der „Fighting Fantasy“ gestaltete Textsequenz. Ansonsten dürfte der Einfluss eher auf der Ebene der Entscheider*innen und der Marktgestalt zu finden seien.

Etwas erstaunlich bleibt, dass „Fighting Fantasy“ von den allgegenwärtigen Retro- und Nostalgiewellen gerade in Bezug auf die achtziger Jahre nicht erfasst wird. Zwar erscheinen auf Englisch bis heute neue Titel, die Bücher können inzwischen als Handy-App gespielt werden, und nach einigen Brettspielumsetzungen in früheren Jahrzehnten gibt es mit Escape the Dark Castle eine gelungene zeitgenössische Umsetzung für das Gruppenspiel.

Aber die ganz große Wiederbelebung mit Neuauflagen und schwärmerischen Artikeln in Magazinen für Berufsjugendliche wie Zeit und Süddeutsche bleibt aus. Vielleicht ist das Interaktionserlebnis, das mit den Büchern möglich war, heute zu sehr von Computerspielen besetzt. Um zu begreifen, ob sich auf diesem Feld ähnliche Kassiber tummeln, die unsere Kinder so schön verderben wie in den Achtzigern „Fighting Fantasy“, bin ich, der ich dies schreibe, und du, der es liest, zu alt, und dieser Text kennt keine Abschnitte, an die wir noch springen könnten, um uns zu retten.

Foto von Jr Korpa

Geldgeschichten: Let’s talk about Tax, Baby

Eine Wirtschaftskolumne von Daniel Stähr

Ungläubiges Kopfschütteln, aufrichtiges Staunen oder euphorischer Jubel – die Reaktionen auf die überraschendste Wirtschaftsnachricht der vergangenen Monate waren vielfältig. Am Ende aber lief es auf eine Frage hinaus: Kann ein milliardenschwerer Unternehmer Gutes für den Kampf gegen den Klimawandel tun, oder ist das bloßes Greenwashing?

Worum es geht? Der Gründer des Outdoor-Konzerns Patagonia, Yvon Chouinard, kündigte an, dass er, seine Frau Malinda Pennoyer und die beiden Kinder ihr Unternehmen einer wohltätigen Organisation überschreiben werden. Das bedeutet, zukünftig sollen die jährlichen Gewinne des Bekleidungsherstellers, die sich auf schätzungsweise 100 bis 200 Millionen US-Dollar belaufen, dem Kampf gegen den Klimawandel zugutekommen.

In den sozialen Medien war der Applaus groß für die Patagonia-Inhaber*innen und ihre Art des „neuen Kapitalismus“, wie es Chouinard (83) in der offiziellen Begründung nannte. Endlich gebe es Kapitalist*innen, so der Tenor, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind! Uneingeschränkt gute Nachrichten also, oder? Ganz so einfach ist es leider nicht. Der Fall Patagonia bietet aber den perfekten Anlass, sich intensiver mit einem Thema auseinanderzusetzen, das für die meisten wohl eher lästig und trocken daherkommt – Steuerpolitik.

Patagonia und die Demokratie

Die zumindest vordergründig philanthropische Entscheidung der Familie Chouinard-Pennoyer, die Zukunft ihres Unternehmens auf diese Art zu regeln, kann man nämlich durchaus kritisieren. Der Ansatz, die Gewinne des Unternehmens zu 100 % dem Kampf gegen den Klimawandel und dem Schutz von unberührten Naturräumen zukommen zu lassen, ist sicherlich ein Zweck, hinter dem sich die meisten Menschen versammeln können. Wie so oft bei solchen Fragen steckt der Teufel aber im Detail. Um zu verstehen, was problematisch an dieser großzügigen Spende ist, müssen wir einen etwas genaueren Blick auf das Konstrukt werfen, mit dem Patagonia seinen Besitzer wechselt.

Der Großteil der Unternehmensanteile (98 %, um genau zu sein), die einen Wert von ungefähr drei Milliarden US-Dollar haben, gehen an eine gemeinnützige Non-Profit-Organisation – das Holdfast Collective. Das Kollektiv wird in Zukunft sämtliche Gewinne erhalten, die nach Abzug aller Kosten und Investitionen in Forschung und Entwicklung im Geschäftsbetrieb anfallen. Diese 98 % umfassen alle Non-Vote-Anteile, also die Unternehmensbeteiligung, die die Eigentümer*innen nicht berechtigen, in die Geschicke des Unternehmens einzugreifen. Damit handelt es sich bei Patagonia um die größte Spende an eine gemeinnützige Vereinigung in der Geschichte der USA.

Die verbleibenden 2 % sind sogenannte Voting-Shares. Das sind die Unternehmensanteile, die dazu berechtigen, Entscheidungen über die Ausrichtung und das operative Geschäft zu fällen. Diese Stimmanteile gehen in einen eigens dafür gegründeten Trust-Fund – den Patagonia Purpose Trust. Dieses juristische Gebilde wird in Zukunft dazu genutzt, um die Geschäfte von Patagonia zu leiten. Es setzt sich aus Familienmitgliedern und deren Berater*innen zusammen. Im Kern bleibt Patagonia also weiterhin ein privates, gewinnorientiertes Unternehmen – nur dass dieses Entscheidungsgremium nicht an den Gewinnen des Unternehmens beteiligt wird und somit nicht direkt davon profitiert. Was ist also das große Problem mit dem Vorgehen, das insbesondere Yvon Chouinard forciert hat, um die Nachfolge für sein Unternehmen zu organisieren?

“There were no good options available. So, we created our own.”

Die Art und Weise, wie die Familie ihre Unternehmensanteile weggibt und neu organisiert, führt dazu, dass sie eine enorme Summe an Steuern spart. Und wir reden hier nicht von Peanuts – den USA entgehen mindestens 700 Millionen US-Dollar Steuereinnahmen. Das liegt an der juristischen Form des eben erwähnten Holdfast Collective. Bei dieser Ausgestaltung einer gemeinnützigen Organisation (mit dem schönen Fachausdruck 501(c)(4)) handelt es sich um ein Vehikel, mit dem es möglich ist, finanzielle Werte zu spenden, die dann für politische Zwecke genutzt werden können. Auf diese Spenden entfällt nicht die klassische staatliche Erbschafts- und Schenkungssteuer. Dadurch muss die Familie statt der 700 Millionen US-Dollar, die bei einer klassischen Weitergabe aller Unternehmensanteile anfallen würde, lediglich 17,5 Millionen US-Dollar an Steuern zahlen.

Der vermeintliche Nachteil besteht darin, dass diese Art der Spende nicht gegen die eigene Einkommensteuer angerechnet werden kann. Viele Menschen kennen das – die Spenden, die wir im Laufe des Jahres an gemeinnützige Organisationen wie SOS-Kinderdorf, Brot für die Welt oder andere leisten, können wir bei der Steuererklärung geltend machen und darauf die Einkommensteuer zurückbekommen. Diese Möglichkeit entfällt in dem konkreten Fall. Dass das aber auch aus einem Vermögensaspekt heraus nicht allzu schlimm ist, werden wir später noch sehen.

Halten wir fest: Anstatt von mindestens 700 Millionen US-Dollar zahlt die Familie nur 17,5 Millionen an Schenkungssteuer, lenkt weiterhin die Geschicke der Firma, hat aber keinerlei Zugriff auf die Gewinne. Die Frage lautet also: Handelt es sich bei dem Vorgehen der Patagonia-Inhaber*innen um eine der größten Wohltaten in der US-amerikanischen Geschichte – oder aber um einen der größten Steuervermeidungs-Coups? Ohne die altruistischen Motive der Familie anzuzweifeln, bleibt das Vorgehen problematisch, weil es zutiefst undemokratisch ist. Das lässt sich an einem anderen Beispiel illustrieren.

Der Anti-Chouinard

Barre Seid ist ein US-amerikanischer Geschäftsmann und wohl selbst nur wenigen Wirtschaftsexpert*innen ein Begriff. Einige Wochen vor der Nachricht rund um Patagonia wurde bekannt, dass er auf ganz ähnliche Weise seine Anteile des Elektronik-Herstellers Tripp Lite an eine gemeinnützige Organisation überschrieben hat – den Marble Freedom Trust. Im April 2020 spendete er dem Trust 100 % der Unternehmensteile. Dieser verkaufte sie ein Jahr später für rund 1,6 Milliarden US-Dollar an den irischen Energie- und Maschinenbau-Giganten Eaton. Wie im Fall von Patagonia entfiel durch das Design der Schenkung auch hier die Zahlung der Schenkungsteuer (in diesem Fall rund 400 Millionen US-Dollar). Der große Unterschied liegt in dem Zweck, für den der Marble Freedom Trust die Gewinne des Unternehmens verwendet – vornehmlich, um die Republikanische Partei zu unterstützen. So gilt Seid als einer der größten Financiers der politischen Kampagne, die gegen legale Abtreibungen in den USA vorgeht. Auch durch Seids finanzielle Zuwendung konnte dieses Jahr das Abtreibungsgesetz gekippt werden.

Beim Vergleich dieser beiden Fälle wird das Problem deutlich. Wenn wir Unternehmer*innen durch legale Steuerpraktiken erlauben, ihr Vermögen am Staat vorbei in die gewünschten politischen Kanäle zu lotsen, werden demokratische Prozesse ausgehebelt. Wir müssen dann hoffen, dass die Unternehmer*innen Ziele verfolgen, die möglichst vielen Menschen zugutekommen und die nicht bereits bestehende Probleme verschärfen.

Dabei ist es schwer, Patagonia-Gründer Yvon Chouinard dieses Vorgehen direkt vorzuwerfen. Die Frage, warum er sein Unternehmen nicht auf konventionellem Wege verkauft hat, lässt sich einfach beantworten: Niemand hätte garantieren können, dass die neuen Inhaber*innen das Unternehmen in seinem Sinne weiterführen, also nachhaltig und im Einklang mit ökologischen Grundprinzipien statt auf die kurzfristige Gewinnmaximierung fixiert. Oder, um es mit Chouinards Worten zu sagen: „ Instead of ‘going public,’ you could say we’re ‘going purpose.’ Instead of extracting value from nature and transforming it into wealth for investors, we’ll use the wealth Patagonia creates to protect the source of all wealth.” [1]

Millionaires for Humanity

So trocken das Thema auf den ersten Blick klingen mag – die Beispiele zeigen: Wir müssen uns intensiver mit Steuergesetzgebung auseinandersetzen. Denn nicht nur in den USA, auch in Europa und Deutschland sind gerechte Steuergesetze der einfachste und effektivste Weg, um ökonomische Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten zu bekämpfen.

Eine der bekanntesten Stimmen im deutschsprachigen Raum, die sich für eine progressive und radikalere Besteuerung von Superreichen einsetzt, ist die Österreicherin Marlene Engelhorn. Die 30-Jährige ist eine Erbin des BASF-Gründers Friedrich Engelhorns. Das Vermögen der Familie wird auf über vier Milliarden Euro geschätzt. Marlene Engelhorn selbst wird mindestens einen zweistelligen Millionenbetrag erben. Für ihr Anliegen ist Engelhorn mit anderen Millionen-Erb*innen in Gruppen wie Millionaires for Humanity und #taxmenow organisiert.

Dass es eine Gruppe mit dem Namen Millionaires for Humanity überhaupt braucht, um einen minimalen Teil des Vermögens der Superreichen zurück in die Gesellschaft zu verteilen, ist ein Armutszeugnis. Die Philanthropie des Patagonia-Gründers Yvon Chouinard ist kein Zeichen dafür, dass unser Wirtschaftssystem am Ende doch irgendwie funktioniert, sondern im Gegenteil ein Zeichen für sein katastrophales Versagen.

Im September erschien Engelhorns erstes Buch mit dem Titel Geld (Kremayr & Scheriau), in dem sie aus philosophischer, soziologischer und ökonomischer Sicht über die Rolle von Geld in unserer Gesellschaft nachdenkt. Wie auch Chouinard will Engelhorn einen Großteil ihres Vermögens weggeben, 90%, wie sie sagt, und reflektiert zumindest in Ansätzen die undemokratische Natur dieses Vorgehens. „Wer also von individueller Verantwortung bei Überreichen spricht, verschweigt, dass damit die gesellschaftliche Machtfrage kaschiert wird“, heißt es an einer Stelle in ihrem Buch. Superreiche, so altruistisch sie sich verhalten mögen, dienten nicht als Vorbild.

Das wird auch bei Engelhorn selbst deutlich, die sich ebenfalls nicht vollständig ihrer Verantwortung stellt. An zwei Stellen im Buch, an denen sie konkret auf die Vergangenheit des Familienunternehmens eingeht (zum Beispiel die Rolle der BASF während des Zweiten Weltkriegs), entzieht sie sich der Diskussion mit dem Verweis, sie persönlich habe das nicht zu beurteilen.

Wenn in Deutschland allerdings über Steuerfragen diskutiert wird, dann dreht es sich dabei häufig um die klassische Einkommensteuer. Jüngst wurde beispielsweise intensiv um die Ausgestaltung der kalten Progression, also der Anpassung der Einkommensteuersätze an die Inflation, gestritten. Die Fragen nach einer gerechten Besteuerung von Arbeitseinkommen sind auch nicht unwichtig, aber die Vehemenz, mit der sie geführt werden, verstellen den Blick auf das Wesentliche: Superreiche verdienen ihr Geld nicht durch ihre eigene Arbeit.

Sag mir, wie du Geld verdienst, und ich sag dir, wie reich du bist

Grundsätzlich lassen sich zwei Arten unterscheiden, wie Menschen Geld verdienen – aus geleisteter Arbeit oder durch Kapitaleinkünfte. Unter diese Kapitaleinkünfte fallen Einkommen aus Dividendenzahlungen, erhaltene Zinsen oder der Verkauf von Wertpapieren. Allgemein lässt sich folgende Daumenregel festhalten: Je reicher die Menschen sind, desto höher ist der Anteil ihres Einkommens aus Kapitalanlagen. In diesem Zusammenhang fällt häufig der Ausdruck „das Geld für sich arbeiten lassen“, was nichts Anderes bedeutet, als von der Arbeit anderer Menschen zu profitieren. So liegt der Anteil, den die ärmste Hälfte der Menschen in Deutschland aus klassischem Arbeitseinkommen bezieht, bei ca. 90 %, während es beim reichsten Prozent nur 25 % sind. Der Rest besteht aus den Einnahmen aus Kapitalanlagen.

Und hier fängt das große Problem an: Während in Deutschland die Steuern, die auf Arbeitseinkommen gezahlt werden müssen, progressiv sind, besteht auf Kapitaleinkünfte ein fester Steuersatz von 25 %. Progressiv bedeutet, dass Menschen, die ein höheres Bruttogehalt beziehen, relativ gesehen mehr Steuern zahlen. Jemand, der monatlich ca. 3.000 € netto verdient, hat bereits durchschnittlich 25 % Einkommensteuer auf den entsprechenden Bruttolohn gezahlt. Das heißt, er zahlt auf sein Einkommen, das er erarbeitet hat, genauso viel Prozent an Steuern, wie jemand, der sein “Geld für sich arbeiten lässt”. Was in Wahrheit bedeutet, dass er andere für sich arbeiten lässt. Das Problem ist also nicht, dass wir Arbeitseinkommen progressiv besteuern, sondern dass wir das bei Kapitaleinkünften nicht tun. Das wäre eine Steuerdebatte, die Wahlkämpfe dominieren sollte. Eine progressive Besteuerung von Kapitaleinkommen könnte ein erster Schritt sein, um gegen die steigende ökonomische Ungleichheit anzukämpfen.

Das größte wirtschaftliche Problem, das Deutschland im Jahr 2022 hat, ist die eklatante Ungleichverteilung der Vermögen. Während die ärmsten 50 % des Landes lediglich 3,5 % des Gesamtvermögens haben, viele also de facto über kein Vermögen verfügen, vereinen die reichsten 10 % fast zwei Drittel auf sich! Die 800.000 reichsten Menschen besitzen also mehr als das 14-Fache im Vergleich zu den ärmsten 40 Millionen zusammen. Diese extreme Polarisierung von Armut und Reichtum kann auf Dauer weder funktionieren. Häufig wird dabei das Bild vermittelt, gerade von vielen Gegner*innen des kapitalistischen Systems, diese Entwicklung sei zwangsläufig Teil des modernen Finanzkapitalismus. Dabei hat der Staat das effektivste Mittel, um diese Entwicklung zu stoppen, längst in der Hand – Steuern auf Vermögen.

Wir müssen Vermögen besteuern – auch die von Unternehmen!

Es ist eigentlich recht einfach. Vermögen in Deutschland werden größtenteils durch Erbschaften weitergegeben. Die reichsten 10 % erhalten pro Jahr ziemlich genau die Hälfte aller Erbschaften, die in Deutschland anfallen – die ärmste Hälfte der Bevölkerung lediglich 7 %. Wir haben zwar eine Erbschaftssteuer, laut der auch Erb*innen von sehr reichen Menschen in der Theorie einen relativ hohen Satz zahlen müssten – bei Erbschaften über 26 Millionen Euro entspräche der aktuell 30 %. Das Problem ist aber, dass dieser Satz quasi nie gezahlt wird, da es zahlreiche Ausnahmeregelungen gibt. Die größten davon betreffen die Vererbung von Unternehmensvermögen.

Und hier schließt sich der Kreis zu Yvon Chouinard und Marlene Engelhorn. Unternehmen gehören Menschen, und wenn Unternehmen Gewinne machen, dann landen diese Gewinne bei ganz realen Personen. In den nächsten zehn Jahren werden Schätzungen des französischen Ökonoms Thomas Piketty zufolge bei den reichsten 10 % mehrere Billionen Euro an Erbschaften in Europa und Nordamerika anfallen. So wird das über 24 Milliarden Euro umfassende Vermögen des kürzlich verstorbenen Red-Bull-Gründers Dietrich Mateschitz (so gut wie) steuerfrei an seine Erben weitergehen. Der Grund dafür? Seit 2008 gibt es in Österreich keine Schenkung- und Erbschaftsteuer mehr. Wird das Erbschaftsteuer-System nicht radikal reformiert, zirkuliert eine unvorstellbar große Summe innerhalb der Kreise der Reichsten nahezu unversteuert weiter. Welche Folgen das mittelfristig auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt hat, kann man sich vorstellen. Es wird Zeit, dass diese Fragen die öffentlichen Debatten bestimmen.

[1] Das lässt sich frei wie folgt übersetzen: “Man könnte sagen, wir gehen nicht an die Börse, wir gehen auf ein Ziel zu. Anstatt der Natur Werte wegzunehmen und sie in Werte für Investoren zu verwandeln, nutzen wir das Vermögen, das Patagonia erzeugt, um die Quelle allen Reichtums zu schützen.”

In der Wirtschaftskolumne „Geldgeschichten“ ordnet der Ökonom Daniel Stähr jeden Monat aktuelle Phänomene aus den Bereichen Wirtschaft, Finanzpolitik und Ökonomie ein

Literarischer Stadtplan für Barcelona

von Isabella Caldart

Barcelona gilt als eine der wichtigsten Literaturstädte der Welt. Nicht nur ist sie das Herz der spanischen Buchbranche mit ihren vielen Verlagen und Literaturagenturen, am 23. April, dem Welttag des Buches, wird außerdem Sant Jordi in der katalanischen Hauptstadt gefeiert, ein einzigartiges Fest, bei dem Bücher und Rosen verschenkt werden und sich die Straßen in Open-Air-Buchstände verwandeln. Außerdem haben viele Romane Barcelona als Setting. Natürlich kennt jede*r „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón, ein Buch (und später Tetralogie), das mit seiner Übersetzung ins Deutsche (von Peter Schwaar) ab 2003 eine neue Welle von Interesse für spanische und katalanische Literatur weckte. Aber es gibt noch viel mehr Bücher, die von der Vielseitigkeit Barcelonas erzählen. Der Gastlandauftritt Spaniens auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist der beste Grund, um einige von ihnen zu empfehlen und mithilfe der Literatur durch die Straßen Barcelonas zu spazieren.

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Michi Strausfeld – Literarische Einladung Barcelona (2022)

Gesamte Stadt

„Die Attraktivität der Mittelmeermetropole bleibt also ungebrochen, und ebenso die Gewissheit, dass die Stadt sich immer wieder neu erfindet. Das hat ihre abwechslungsreiche Geschichte eindrucksvoll bewiesen, wie in alten und neuen Werken nachzulesen ist.“

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass Michi Strausfeld die Entdeckerin lateinamerikanischer Literatur in Deutschland ist. Vor allem während ihrer Zeit im Suhrkamp Verlag (von 1974 bis 2008 war sie dort für iberoamerikanische Literatur zuständig, seit 2008 ist sie bei S. Fischer) machte sie unter anderem Gabriel García Márquez und Isabel Allende hierzulande berühmt. Aber auch in Spanien kennt sich die Literaturvermittlerin, die zwischen Berlin und Barcelona lebt, bestens aus. Für die charmante Reihe „Literarische Einladung“ bei Wagenbach Salto hat sie – vergleichbar mit diesem Stadtplan – Romane zusammengestellt, die in Barcelona spielen und die sie mit einem kurzen, aber informativen Vorwort einleitet.

Die Auswahl ist dabei sehr anders als in diesem Text, unter anderem kommen auch Maria Barbal, Juan Marsé, Juan Pablo Villalobos, Llucia Ramis, Javier Cercas und Najat El Hachmi zu Wort, dazu einige Texte in Erstübersetzung ins Deutsche. Und wem Strausfelds „Literarische Einladung“ und dieser Literarische Stadtplan noch nicht genügen: Ulrike Fokken hat bereits im Jahr 2007 (zum Gastlandauftritt Kataloniens auf der Frankfurter Buchmesse) „Literarische Streifzüge“ durch Barcelona herausgegeben, ein Reiseführer, der an zahlreiche literarisch relevante Orte der Stadt bringt.

Rosa Maria Arquimbau – Forty Lost Years (1971, Englisch von Peter Bush, 2021)

Rund um die Ramblas, den Passeig de Gràcia und in Sant Antoni

„La Rambla was packed. Half of the shops were shut and the assistants in the shops that had opened stood on the pavement watching the people parade by shouting ‘long live’ and ‘death to’. Everybody seemed overjoyed, and I thought that was perfectly normal as anyone who was against what was happening would have stayed at home.”

Dieser Roman beginnt mit einem Knall: Die katalanische Republik wird ausgerufen. Laura, die Protagonistin in Rosa Maria Arquimbaus kurzem Roman „Forty Lost Years”, ist da gerade einmal 14, und, wie der Titel des Buches schon verrät, begleiten wir sie die nächsten vierzig Jahre ihres Lebens. Während sich Barcelona 1931 noch im Freudentaumel befindet, ändert sich das mit dem Beginn des Bürgerkriegs fünf Jahre später. Laura versucht, allen Widrigkeiten ihrer Zeit zum Trotz sich als Näherin einen Ruf in der Stadt zu verschaffen, wofür sie sich nicht nur von der patriarchalen Abhängigkeit emanzipiert, soweit ihr das möglich ist, sondern die Männer in ihrem Leben auch aktiv zu ihrem eigenen Vorteil ausnutzt. Und sie versucht, die politischen Umstürze zu überleben, geht ins Exil, entscheidet sich dann aber doch zur Rückkehr in ihre Heimatstadt. „Forty Lost Years“, erstmals 1971 veröffentlicht, ist ein Klassiker der katalanischen Literatur, der bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, dank des britischen Verlags Fum d’Estampa, der Bücher aus dem Katalanischen auf Englisch verlegt, aber kürzlich einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wurde. Ein informatives biografisches Essay im Nachwort erzählt zudem vom bewegten Leben der feministischen Autorin.

Rosa Ribas und Sabine Hofmann – Das Flüstern der Stadt (2014)

Via Laietana, Carrer de Pelai und die ganze Stadt

„Ana verspürte wieder die Niedergeschlagenheit, die sich ihrer bemächtigt hatte, je näher sie dem Polizeipräsidium in der Vía Layetana gekommen war. Sie kam von der Angst, die wie dichter Dunst aus den Eingeweiden des Gebäudes sickerte. Man wusste, dass in den Kellergeschossen gefoltert und getötet wurde, so wie man vieles wusste, über das man nicht offen redete … Die Angst hatte sich in den Mauern des Polizeipräsidiums festgesetzt und verbreitete sich wie eine ansteckende Krankheit in der Umgebung.“

Ein ganz besonderes Projekt ist die Krimi-Trilogie des Duos Rosa Ribas, eine barcelonesische Autorin, die 30 Jahre lang in Frankfurt lebte, und Sabine Hofmann. Die beiden Schriftstellerinnen haben die Kapitel nämlich abwechselnd in ihrer Muttersprache verfasst und dann die jeweils anderen Parts übersetzt. „Das Flüstern der Stadt“ sowie die zwei Nachfolgebände erzählen von der jungen Journalistin Ana Martí, die während der fünfziger Jahre in tiefster Franco-Diktatur versucht, politisch brisante Fälle aufzuklären. Der Mord an einer Arztwitwe führt sie durch die ganze Stadt, unter anderem zum Sitz der Geheimpolizei Brigada Político-Social in der Via Laietana 43 (heute befindet sich dort die Policía Nacional), berühmt-berüchtigt für franquistische Polizeigewalt und Folter. Mit ihren Ermittlungen begibt sich die anfangs noch unerfahrene, aber aufgeweckte Ana schnell selbst in Gefahr, als sie der Wahrheit bedrohlich nahekommt. „Das Flüstern der Stadt“ ist nicht nur ein spannender Krimi, sondern vermittelt auch ein gutes Gefühl für die erdrückende Atmosphäre im franquistischen Barcelona, die man sich heute so gar nicht mehr vorstellen kann.

Manuel Vázquez Montalbán – Der Pianist (1985, Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann, 2001)

El Raval rund um den Plaça del Pedró

„In Vierteln wie diesem sind die Leute immer auf dem Balkon, um das Wenige zu sehen, was auf den Straßen passiert, und sie schmücken ihn wie den vorweggenommenen eigenen Garten, von dem sie träumen: Geranien, Federnelken, Spargelkraut, alles, was in diesen Straßen mit wenig Sonne wächst.“

Manuel Vázquez Montalbán gehört zu den bedeutendsten Schriftsteller*innen der Stadt. Nicht nur ist er in Barcelona geboren (in der Carrer d’en Botella 11 im Raval), mit Pepe Carvalho hat er eine der wichtigsten literarischen Figuren Barcelonas und der gesamten spanischen Literatur geschaffen. Seit 1972 ermittelt der Privatdetektiv und auch nach Montalbáns Tod im Jahr 2003 wurde die Serie fortgesetzt. Andere Romane des Autors sind ebenfalls in Barcelona angesiedelt – wie „Der Pianist“. Der Roman erzählt zunächst von der Stimmung während der Transición, dem Übergang von der Diktatur in die Demokratie, und von einem alten Pianisten, der eine Drag-Queen-Show musikalisch begleitet, wo er einem Bekannten aus seiner Vergangenheit wieder begegnet – eine Begegnung, die ihn und die Leser*innen in frühere Zeiten zurückversetzen. Der zweite Teil spielt während der Hochphase der Diktatur Mitte der Vierziger auf den Dächern des Ravals, der dritte führt ins Paris von 1936, kurz vor Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs – ein Ritt durch 50 Jahre spanische Geschichte, ein Buch über das Schicksal von Gewinnern und Verlierern. (Man sollte bei der Lektüre allerdings im Kopf behalten, dass sowohl Roman als auch Übersetzung etwas älter sind und somit auch einige Begriffe wie z.B. „Transvestit“.)

Miqui Otero – Simón (2020, Deutsch von Matthias Strobel, 2022)

Sant Antoni rund um die Markthalle und den Büchermarkt

„Es gab in Sant Antoni und folglich im Baraja, dieser Taxifahrerkneipe, die Synthese und Symptom des Viertels war, Schauspieler, die nicht schauspielerten, und Gäste jeglicher Couleur, die es dafür umso lieber taten. Sant Antoni strebte nach der semiprosperierenden Seriosität von Ensanche, doch es konnte, weil es an sie angrenzte, den Trubel des Barrio Chino und das Amüsiermeilige der Avenida Paral·lel einfach nicht abschütteln, diesem einstigen Mekka des populären Vergnügens mit seinen großen Theatern, deren Leuchtreklamen längst erloschen waren.“

1992 ist das Jahr der Olympischen Spiele in Barcelona, das Jahr, in dem sich die Stadt radikal verändert – und auch Simóns Welt verändert sich. Sein engster Vertrauter, der zehn Jahre ältere Cousin Rico, verschwindet spurlos aus seinem Leben. Alles sei in den Büchern, hat Rico Simón beigebracht, und so liest sich der titelgebende Held in Miqui Oteros Roman durch die Weltliteratur, um eine Spur von ihm zu finden. Gleichzeitig mit dem Erwachen der Stadt wird auch Simón langsam erwachsen, verlässt die Kneipe der Eltern, verlässt seine Heimatstadt, um später doch wieder zurückzukehren – genau wie Rico, der eines Tages vor ihm steht. In „Simón“ erzählt Otero nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte und das Geheimnis um Ricos Verschwinden, sondern auch von knapp dreißig Jahren Barcelona, angefangen bei Olympiade über die Wirtschaftskrise bis hin zum Jahr 2017 mit dem islamistischen Anschlag auf den Ramblas und dem gescheiterten Referendum. Das ist manchmal langsam erzählt, im Großen und Ganzen aber ein interessanter Roman. Wer Spanisch spricht, dem sei Oteros Vorgänger „Rayos“ empfohlen, der in den Straßen vom Raval spielt und etwas mehr Drive hat.

Jessica Andrews – Milk Teeth (2022, noch keine Übersetzung)

Poble-sec und Barcelona und Umgebung

„The stink of piss and rotten fruit oozes from the gutters as I wind my way past red-lit bars and cluttered bazaars, strings of plastic lights and tangled plants hanging from doorways. I used to love the thrill of being in a new place, feeling my outer layers cracking, my skin unpeeling, learning the cadence of a different way to live, but as I peer into shop windows filled with fridge magnets and football shirts, watching people drinking beer in the midday sun, I feel detached from it all.”

Während es in den Romanen von spanischen und katalanischen Autor*innen oft um den Bürgerkrieg und die Diktatur geht, hat die Engländerin Jessica Andrews in „Milk Teeth“ einen anderen Blick auf Barcelona: den eines Expats. Ihre namenlose Protagonistin lebt in London, als ihr Freund sich dazu entschließt, nach Barcelona zu ziehen. Die Erzählerin steht jetzt vor der Wahl, ebenfalls umzuziehen oder zu bleiben. Aber ist diese Wahl überhaupt freiwillig? „Milk Teeth“ verhandelt die Frage nach unserem Platz in der Welt, und im Falle des Romans in gleich doppelter Hinsicht, denn nicht nur die Frage um den Ort ist hier relevant, sondern auch die um das Verhältnis von Körper und Umgebung. „Milk Teeth“ ist ein körperliches Buch in dem Sinne, dass viele Emotionen (gerade Traurigkeit) direkt unter der Haut der Protagonistin liegen, und in dem Sinne, dass sie mit einer Essstörung zu kämpfen hat. Das Barcelona, das sie erlebt, ist eine Stadt der Fülle, der Farben, der Feigen, Mangos, Vino Tintos und Musik auf den Straßen, während sie versucht, Lust, Genuss und Hunger zulassen zu lernen.

Cristina Morales – Leichte Sprache (2018, Deutsch von Friederike von Criegern, 2022)

Barceloneta

„Wie herrlich sind die Sommerabende in La Barceloneta! Hier ist es fünf Grad kühler als im Rest der Stadt, die Luft wirkt sauber, und kaum betritt man das Viertel, sinkt die Zahl der Touristen pro Quadratmeter auf erträgliche Werte, da alte Charnegos und pakistanische Familien die Plätze besetzen, Tische und Stühle, Radios und Fernsehgeräte auf die Straße stellen und Karten oder Domino spielen und dabei Fußball oder die Spielshow Pasapalabra schauen. Die Touristen wagen sich nicht über den Wechsel der Pflasterung zwischen Bürgersteig und besetztem Platz und begnügen sich damit, aus der Entfernung ein paar Fotos zu machen.“

Ein riesiger Hit in Spanien und in Deutschland mit dem Internationalen Literaturpreis für Autorin Cristina Morales und Übersetzerin Friederike von Criegern ausgezeichnet: In „Leichte Sprache“ erzählt Morales von vier Schwestern und Cousinen mit geistigen Beeinträchtigungen verschiedenen Grades, die in einer betreuten Wohnung in Barceloneta leben. Das Buch sprengt sämtliche Konventionen: Vom Leben dieser Frauen wird in unterschiedlichen Textarten erzählt, ob als Gesprächsprotokoll von Plena der Häuserbesetzerszene, Gerichtsakten, Fanzine oder in Form einer Autobiografie, die als WhatsApp-Nachrichten verfasst ist. Morales stellt auch die Erwartungen der Leser*innen auf den Kopf. Trotz ihrer Behinderung sind die Perspektiven von Nati, Àngels, Patri und Marga intellektuell, wütend, feministisch, antifaschistisch und ironisch. Die eine ist sexuell sehr aktiv, die andere rebelliert gegen machistischen Strukturen ihres Tanzkurses, während die nächste in der anarchistischen Szene der Stadt aktiv ist. „Leichte Sprache“ ist ein unkonventioneller, komplexer und radikaler Roman, der zeigt, wie spannend zeitgenössische spanische Literatur ist.

Carmen Laforet – Nada (1945, Deutsch von Susanne Lange, 2005)

Carrer d’Aribau 36

„Tausenderlei Gerüche, Kümmernisse und Geschichten stiegen vom Pflaster auf, beugten sich über die Balkone oder aus den Hauseingängen der Calle de Aribau. Munter strömte eine Welle von Menschen von der eleganten Gediegenheit der Diagonal herunter. Vom bunten Treiben der Plaza de la Universidad kam ihr eine andere entgegen. Ein Schmelztiegel der verschiedensten Schicksale, Merkmale und Geschmäcker, das war die Calle de Aribau. Und ich: nur ein Teilchen darin, klein und verloren.“

Die originale Barcelona-Gothic-Novel ist nicht Zafóns „Schatten des Windes“, sondern „Nada“ von Carmen Laforet. Bereits die Publikationsgeschichte ist interessant: Laforet hatte den Roman mit 23 Jahren verfasst und konnte aufgrund ihres Geschlechts und ihres Alters die franquistische Zensur umgehen – man nahm sie schlichtweg nicht ernst. Dabei hat „Nada“ eine subtile, aber scharfe Gesellschaftskritik. Die Autorin erzählt von der jungen Andrea, ihrem Alter Ego, die in die Carrer d’Aribau zu ihrer Familie zieht und sich nicht nur mit ihren eigenen Dämonen, sondern auch mit denen ihrer Angehörigen auseinandersetzen muss. Das düstere Wohnhaus ist wie ein Mikrokosmos, dient als Metapher für die Gesellschaft, mit dem emotionalen, spirituellen und physischen Niedergang Spaniens in der Zeit nach dem Bürgerkrieg. Auch wenn die Atmosphäre in der Aribau und dem Eixample-Viertel heute ganz anders sind (die Ecke etwa ist als „Gayxample“ bekannt) – wer einen Eindruck von Andreas Haus bekommen will: Es handelt sich mutmaßlich um die Nummer 36, wo Carmen Laforet selbst lebte und heute eine Plakette an sie erinnert.

Mercè Rodoreda – Auf der Plaça del Diamant (1962, Deutsch von Hans Weiss, 2007)

Plaça del Diamant und angrenzende Straßen

„Und dann kamen wir zur Carrer Gran, ich zuerst, und er hinter mir her, und beide rannten wir, und nach Jahren erzählte er noch davon, wie wir uns kennengelernt hatten, Colometa und ich, auf der Plaça del Diamant, wie sie auf und davon lief und wie dann genau vor der Straßenbahnhaltestelle mit einem Mal der Unterrock auf den Boden fiel.“

Mercè Rodoreda (1908-1983) gilt als die wichtigste auf Katalanisch schreibende Schriftstellerin, ihr Roman „Auf der Plaça del Diamant“ ist Weltliteratur. „Plaça del Diamant“ ist auch das Buch, das die meisten nennen werden, soll es um den Barcelona-Roman gehen. In der Stadt ist man sich der Bedeutung bewusst: Der kleine Diamantenplatz im Viertel Gràcia würdigt Rodoreda sowohl mit einer Plakette als auch mit mehreren Zitaten aus dem Roman. In ihm erzählt die Autorin von Natàlia, genannt Colometa, die als naive, junge Frau Quimet heiratet. Als dieser im Spanischen Bürgerkrieg fällt, bleibt Colometa verarmt in Barcelona zurück und muss irgendwie versuchen, sich und ihre zwei Kinder durchzubringen. Der Krieg ist bei Rodoreda nah und fern zugleich: Es gibt keine Kampfszenen, der Einfluss auf die Zivilbevölkerung ist aber massiv. In ihrem Kampf ums Überleben begleiten wir Colometa mehrere Jahrzehnte lang und dabei, wie sich von gesellschaftlichen und patriarchalen Erwartungen befreit, wie auch ihre Sprache sich verändert und wie sie langsam wieder zu Natàlia wird. „Auf der Plaça del Diamant“ ist inhaltlich wie literarisch interessant und eine zwar nicht ganz offen kommunizierte, dennoch massive Kritik an der Diktatur – kein Wunder, dass Rodoreda das Buch im Schweizer Exil veröffentlichte. Bis heute wurde der Roman in mehr als 40 Sprachen übersetzt, verfilmt, fürs Theater adaptiert und ist in Katalonien Schullektüre.

Hannes Köhler – Götterfunken (2021)

Avinguda Meridiana und Cárcel Modelo

„Die bunten Tücher, die sie vor die Fenster genagelt hatten, wehten leicht im Abendwind und ließen nur spärliches Licht einfallen; von draußen dröhnte und knatterte der Verkehr auf der sechsspurigen Avenida Meridiana, der ihn seit der ersten Nacht bis in seine Träume verfolgte. Schlangen aus Lastwagen und Motorrollern krochen durch seine Nächte, endlose Runden drehend, niemals still, niemals ruhend. Selbst im fünften Stock war die große Ausfallstraße eine Mitbewohnerin, die sich in jedem Zimmer breitmachte, die immer ihren Raum einforderte, der man zuhören musste.“

In ein entlegenes Viertel, namentlich ins Clot, führt der Berliner Autor Hannes Köhler in seinem Roman „Götterfunken“. Genau dort, an der Avinguda Meridiana, befindet sich die konspirative Wohnung seiner Protagonist*innen, die in der Endphase der franquistischen Diktatur im anarchistischen Widerstand sind, in den sie teils aus Überzeugung, teils eher aus Zufall gerieten. Ein Sabotageakt misslingt und bringt einen von ihnen für Jahre ins Modelo-Gefängnis. Auf verschiedenen Zeitebenen und in mehreren Städten (darunter auch Frankfurt) wird erzählt, was damals wirklich geschehen ist – und die große Frage, die die Anarchist*innen seit Jahrzehnten plagt: Hat sie einer aus dem innersten Kreis verraten? Übrigens: Im Modelo wurde 1974 auch Salvador Puig Antich (dem deutschen Publikum bekannt aus dem Film „Salvador“, in dem Daniel Brühl Puig Antich spielt) durch eine Nackenschraube hingerichtet. Seit 2017 ist das Gefängnis, das mitten im Eixample liegt, außer Betrieb und kann mit einer Führung besichtigt werden.

Teresa Solana – Mord auf katalanisch (2006, Deutsch von Petra Zickmann, 2007)

Sarrià, Gràcia und Zentrum

„Das Taxi fuhr den Carrer Pelai ganz hinunter, und als es bei den Rambles angekommen war, stieg Lídia Font aus. Sie überquerte die Straße und betrat das Zurich, ein Café, das in früheren Zeiten einmal Charme besessen hat, nach der Renovierung jedoch zu einem faden Lokal geworden ist, in dem nur noch Touristen sitzen. Nichts erinnert mehr an das schäbige Café, den Treffpunkt der Linken, wo sich Marihuanaduft mit dem Pißgestank aus der Toilette mischte.“

Dass die zwei ungleichen Privatdetektive Eduard und Borja eigentlich Zwillinge und nicht nur Geschäftspartner sind, darf keiner wissen, ebenso wenig, dass Borja in echt Pep heißt. Dies sei besser für die Arbeit mit der vornehmen Klientel der Stadt, meint jener. Und in der Tat: In „Mord auf katalanisch“ von Teresa Solana ist es ein hochangesehener Politiker, der die Hilfe der Beiden braucht. Seine Frau betrüge ihn mit einem Maler, fürchtet er, ausgerechnet mit einem Linken! Aber natürlich ist der Fall nicht so einfach, wie er zu sein scheint. Für Eduard und Borja beginnt eine Spurensuche, die sie vor allem durch Sarrià und Gràcia, aber auch durch ganz Barcelona führt. „Mord auf katalanisch“ ist ein Krimi, der gerade in der Zeichnung der Nebenfiguren zu sehr den Genrekonventionen verhaftet ist, sich aber leichtfüßig und kurzweilig, teilweise auch witzig liest, und der es dank genauer Angaben möglich macht, Eduard und Borja auf ihren Wegen durch die Straßen, Kneipen und Geschäfte der Stadt zu folgen (es gibt im Anhang sogar die Adressen!).

Paco Roca – Der Winter des Zeichners (2010, Deutsch von André Höchemer, 2021)

Centre Cívic El Coll – La Bruguera

Einer der wichtigsten Verlage, der trotz (oder gerade wegen) der Diktatur große Erfolge feiern konnte, war der 1939 gegründete Bruguera Verlag, der günstige Populärliteratur in hohen Auflagen vertrieb, vor allem Comics, die zu jener Zeit sehr beliebt waren – darunter auch „Mortadelo y Filemón“, in Deutschland bekannt als „Clever & Smart“. Dass innerhalb des Verlags aber nicht immer alles glatt lief, davon erzählt Paco Roca in seiner Graphic Novel „Der Winter des Zeichners“. Auf zwei Zeitebenen, eine in Blautönen, die andere in Sepia gehalten, berichtet Roca von einem kleinen Aufstand Ende der fünfziger Jahre von fünf Zeichnern, die ihren eigenen Verlag gründen wollten. Aber: „Die Freiheit in einem unfreien Land hatte ihren Preis“, wie es im Anhang treffend heißt, in dem neben Kurzbiografien der Verlagsmitarbeitenden auch kurz die Situation des Verlags skizziert wird. Heute befindet sich im 1986 geschlossenen Bruguera im kleinen Viertel El Coll (direkt hinter dem Park Güell) übrigens ein Nachbarschafts- und Kulturzentrum.

Foto von Logan Armstrong

Der Buchkäuferkuchen und die Missgunstmaschine

von Leander Steinkopf

Wenn Schriftstellerinnen und Schriftsteller zusammenkommen, reden sie erfahrungsgemäß eher selten über die Romane der  Gegenwartsliteratur, die ihr inhaltliches Arbeitsumfeld bilden. Stattdessen geht es um die neuesten Verlagswechsel ihrer Peers, um den Medienhype, der einen Kollegen beglückte, oder um die zahlreichen Preise und Stipendien, die eine Kollegin zuerkannt bekam. Im Arbeitsalltag übt man sich in epischer Geduld. Umso mehr schätzt man in der Freizeit diese kleinen Geschichten von Sieg und Niederlage, von wer mit wem, von Fairness und Ungerechtigkeit, die schneller ins Blut gehen als Romane der handelsüblichen Länge. Verbunden ist dies oft mit Gefühlen, die man angesichts des reflexiven Ideals der Schriftstellerei für überraschend halten könnte, nämlich mit Neid und Missgunst.

Weiterlesen

In der Literaturwelt, wie sie sich den Schriftstellerinnen und Schriftstellern präsentiert, sind die wichtigen Ressourcen eng begrenzt: die Bestseller- und Bestenlistenplätze, die Preise und Stipendien, die Bücherseiten der Zeitungen und die Sendezeit der Büchersendungen. Obendrein erzeugen all diese Güter öffentliche Aufmerksamkeit, mitunter besteht ihr Wert ausschließlich darin. Und so laden sie viel offensiver zum sozialen Vergleich ein, als es etwa hinter verschlossenen Türen verhandelte Gehälter von Angestellten tun. Es ist also  nicht selbstverständlich, sich an dem guten Buch einer Schriftstellerkollegin zu erfreuen, wenn die Qualität ihres Werkes auch bedeutet, dass die eigenen Chancen auf die begehrten Ressourcen dadurch geringer ausfallen. Ein Preis, ein Bestenlistenplatz, eine Rezensionsseite kann nur einmal vergeben werden. Der Wettbewerb ist ein Nullsummenspiel.

Diese Sicht auf die Bücherwelt ist nicht die einzig wahre, es ist auch eine andere Perspektive möglich: Man könnte sich als Schriftstellerin und Schriftsteller mit gutem Grund freuen, wenn man seine Zeitgenossen um die Qualität ihres Schaffens beneidet.  Das könnte nämlich heißen, dass man das Glück hat, in literarisch guten Zeiten zu leben.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Eine Zeit, in der es viele gute Schriftstellerinnen und Schriftsteller gibt, könnte man einerseits als Zeit betrachten, in der es viel Konkurrenz gibt. Man kann sie aber auch als Zeit betrachten, in der sich das Lesen von Gegenwartsliteratur besonders lohnt und dadurch besonderer Beliebtheit erfreut. Ein Buch allein macht keine Blütezeit, eine Autorin, ein Autor allein macht keinen Aufschwung. Es sind all die Zeitgenossen – mögen sie besonders zahlreich sein – die man als Autorin und Autor um ihr einzigartiges Können und Tun beneidet, die gemeinsam die Blüte bilden. Lebt man als Autorin oder Autor hingegen in Zeiten, in denen weit und breit kein Zeitgenosse Neid erregt, hat man das Pech, in schlechten Zeiten zu schreiben. Sind da aber viele gute Andere, steigern diese, völlig absichtslos und als bloßes Nebenprodukt ihres individuellen Schaffens, den Ruf ihres Mediums und ihrer Generation, sodass andere, die diesem Medium, dieser Generation und Gegenwart angehören, im Fahrstuhl mit nach oben fahren. Autorinnen und Autoren stehen dann nicht einfach in Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Kaufenden und Kritisierenden, sondern tragen großzügig bei zum Gemeingut guter Literatur.

Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Vergangenheit und etwas weiter zurückreichenden Gegenwart, die heute klingende Namen sind, waren selten Solitäre. Das Aufsehen, was sie einst erregten, haben sie auch jenen zu verdanken, die gleichzeitig groß waren. Die heutige Sehnsucht nach den 1920er Jahren etwa wäre doch längst nicht so groß, wenn nur Vicki Baum damals geschrieben hätte, nur Walter Benjamin oder nur Joseph Roth. Es ist gerade die Fülle der brillanten Autorinnen und Autoren, welche die Zeit so interessant macht. Und jener besondere Glanz dieser Zeit bestrahlt umgekehrt jene, die in ihr und über sie schrieben. Die Fülle, die wir heute mit Blick auf die 1920er wahrnehmen, ist also einerseits tatsächlich mit Fülle begründet, andererseits damit, dass der Glanz der Zeit mehr damalige Autorinnen und Autoren in das Licht heutiger Aufmerksamkeit rückt.

Generalisierung und elastische Nachfrage

Man kann davon ausgehen, dass die Leserinnen und Leser in irgendeiner Weise darauf reagieren, wie gut die Gegenwartsliteratur insgesamt ist oder als wie gut sie gilt, ja, von dieser Wahrnehmung hängt wohl ab, ob man die Leserinnen und Leser überhaupt und wenn ja wie oft, als Leserinnen und Leser bezeichnen kann. Sie, genauso wie die Kritikerinnen und Kritiker, die Vermittlerinnen und Vermittler, generalisieren zu guten Jahrgängen und guten Zeiten, zu schlechten Jahrgängen und schlechten Zeiten. Und heutzutage hört man eben oft, dass die deutsche Gegenwartsliteratur vielleicht nicht die interessanteste sei, während etwa aus Frankreich die spannenden Sachen kämen.

Nun sind natürlich nicht alle deutschen Bücher schlecht, und nicht alle französischen gut, aber hat sich eine Generalisierung erst herumgesprochen, wird der schlechte Ruf auch guten deutschen Autoren schaden, der gute Ruf auch schlechten französischen Autoren nutzen. Mancher französische Autor mag Houellebecq seinen Erfolg neiden, wird aber von dessen Glanz doch profitieren, weil er in Frankreich das Gewicht und Prestige von Literatur steigert und jenseits Frankreichs das Interesse an französischer Literatur. In Deutschland mag man derweil mit mehr Selbstzufriedenheit seine Romane schreiben, weil es an den international herausragenden Persönlichkeiten fehlt, hat aber alle Nachteile des bescheidenen Rufs der deutschen Gegenwartsliteratur. Christian Kracht und Daniel Kehlmann sind vielleicht auch deshalb nach Nordamerika umgezogen – an unterschiedliche Enden des Kontinents –, um mit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht in Verbindung gebracht zu werden.

In einer Welt, in der Bücherkonsum nicht so sehr durch mangelnde Lesezeit, sondern durch mangelnde Leselust begrenzt ist, wo die freie Zeit, die man eigentlich lesend verbringen könnte, lieber für Netflix und soziale Medien verwendet wird, stehen Autorinnen und Autoren am Markt weniger in Konkurrenz zueinander als gemeinsam in Konkurrenz zu anderen Medien. Wenn man davon ausgeht, dass ein imaginärer Leser im Jahr sechs Bücher kauft, seine Nachfrage vollkommen unelastisch ist, dann geht es für den Autor darum, dass sein Buch eines von diesen sechs ist, dann besteht harte Konkurrenz zwischen den Autorinnen und Autoren, dann kann man sich freuen, wenn die anderen erfolglos sind, wenn sie literarisch scheitern. Geht man hingegen davon aus, dass die Nachfrage variabel ist, dass also der imaginäre Leser auf die Bücher vier bis sechs überhaupt keine Lust mehr hat, weil die Bücher eins bis drei so schlecht waren, oder umgekehrt, dass er die sechs Bücher mit solch einer Freude gelesen hat, dass er im selben Jahr nochmal sechs Bücher kauft, dann verändert dies die Sicht auf das Schaffen anderer Autorinnen und Autoren, auf die Arbeit konkurrierender Verlage.

Gute Bücher anderer Schreibender steigern dann die Chance, dass auch das eigene Werk gelesen wird. Der Kuchen wächst und auch wenn man von ihm nur ein kleines Stück abbekommt, ist dies allemal mehr als das Stück, das man in mageren Zeiten von einem kleineren Kuchen bekäme.

Neid in den Strukturen

Missgunst und Konkurrenzdruck werden aber gepflegt durch die gängigen Rückmeldungen, die der Literaturbetrieb bietet. Der Kult um die Bestsellerliste gibt dem Gedanken Futter, dass sich Autorinnen und Autoren und ihre Werke nach Rang sortieren lassen, dass die Plätze für Literatur begrenzt sind, und dass man selbst den Platz nicht bekommt, wenn ein anderer ihn innehat. Es gibt immer bloß zehn Bücher in den Top Ten, da aber die Verkaufszahlen nicht öffentlich genannt werden, merkt man nicht, dass die verkauften Auflagen der Bücher, die in die Top Ten gelangen, über die Jahre stetig gesunken sind: Wenige Glückliche erreichen die Plätze, aber alle gemeinsam haben verloren.

Ähnlich starr und knapp sind die Rezensionsplätze in den Zeitungen, die Programmplätze der guten Verlage und die Lesungstermine der Literaturhäuser. Ironischerweise leisten selbst die Strukturen der Literaturförderung Neid und Missgunst Vorschub. Es gibt eine feste, ganz unflexible Zahl von Preisen und Stipendien, die in Deutschland vergeben werden. Im Gegensatz zur elastischen Nachfrage am Buchmarkt, ist die Verteilung von Geld und Anerkennung hier wirklich ein Nullsummenspiel. Höchstens wird eine Preissumme mal zwischen zwei Preisträgern aufgeteilt, nie jedoch werden ausnahmsweise mehr volle Preise vergeben, wenn ein Buchjahr besonders gut war. Selten wird eine Preisvergabe gestrichen, wenn das Buchjahr nichts hergab. Wenn man als Autorin oder Autor auf Einkommen durch Preise und Stipendien schielt – und die reichhaltige deutsche Förderlandschaft lädt dazu ein – dann liegt es nahe, sich von Mitschriftstellern schlechte Bücher zu erhoffen, weil dies die eigenen Förderchancen erhöht.

Oft wird gegen das deutsche Förderwesen vorgebracht, dass es die Schreibenden der materiellen Not und Notwendigkeit entzieht, was eine Voraussetzung sei für große Literatur. Ein anderer Kritikpunkt lautet, dass Förderung die Autorinnen und Autoren in eine Richtung locke, die zwar bei professionellen Jurys Eindruck schindet, die unprofessionellen Leserinnen und Leser aber nicht anspricht. Hier sei noch ein anderer Kritikpunkt hinzugefügt: Das großzügige Preis- und Stipendienangebot schafft eine starre Konkurrenzsituation, die am freien und elastischen Buchmarkt überhaupt nicht bestünde. Das deutsche Förderwesen konstruiert eine starre Konkurrenzsituation, wo eigentlich – zumindest ein Stück weit – eine Win-Win-Situation möglich wäre.

Neid und Missgunst, das sind schlechte Eigenschaften, aber von Schriftstellerinnen und Schriftstellern empfunden, können es gute Zeichen sein, Hinweise auf eine gute Zeit der Literatur. Das gilt natürlich nur, wenn der Neid sich auf die Qualität der Werke bezieht und nicht bloß Frust darüber ist, dass man diesen Preis oder jenes Stipendium, diesen Listenplatz oder jene Rezensionsspalte wieder nicht erhalten hat.

Von Leander Steinkopf erschien zuletzt die Anthologie „Neue Schule: Prosa für die nächste Generation“ bei Claassen.

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Sezierte Liebe, leeres Land: Ein Blick auf das spanische Buchmesse-Programm

von Mirjam Ziegler

Wer sind die eingeladenen Autor*innen? Was wurde übersetzt – und was (noch) nicht? Mirjam Ziegler hat sich das Literaturprogramm des Gastlandauftritts auf der Frankfurter Buchmesse genauer angesehen und auf einem Festival in Spanien mit Branchenvertreter*innen gesprochen.

Ein Marktplatz mit Obstständen und ein paar terrazas, eine Bodega und die Kirche – normalerweise gibt es nicht viel zu sehen in Barbastro. Als sich im Mai die spanische Literaturwelt hier zum Festival Barbitania traf, füllte sich die aragonesische Kleinstadt für ein paar Tage mit Leben. Neben Festivalgästen und Zuhörer*innen waren außerdem Branchenvertreter*innen angereist, die an der Fachtagung Otra Mirada teilnahmen. Im Hinblick auf den Buchmesseauftritt waren auch mehrere Gäste aus Deutschland eingeladen. Welche Bücher wurden übersetzt oder könnten für einen deutschen Verlag noch interessant sein? Was ist vom Gastlandauftritt zu erwarten? Zwischen Gesprächsrunden und Vorträgen wurde immer wieder spekuliert: Wer ist nach Frankfurt eingeladen? 

Von den anwesenden Autor*innen, so viel war schon durchgesickert, sind Berna González Harbour mit ihrem Prado-Krimi Goyas Ungeheuer und der gebürtige barbastrense Manuel Vilas dabei, von dem im September Was bleibt, ist die Freude erschienen ist – wie schon in Reise nach Ordesa kehrt er darin an Orte seiner Vergangenheit zurück, wieder voller Nostalgie, aber diesmal weniger schwermütig. Genaueres über das Programm wussten selbst die beiden Vertreterinnen der Buchmesse nicht, bis am 9. Juni im Goethe-Institut Madrid das Geheimnis gelüftet wurde.

Das offizielle Literaturprogramm ist erfreulich vielfältig, doch beginnen wir mit dem vorhersehbaren Part. Jeweils ein neuer Roman erscheint von den alten Herren der spanischen Literatur Javier Cercas, der auch nach Frankfurt kommt, Juan Marsé und Javier Marías. Im letzten Roman des kürzlich verstorbenen Marías’ Tomás Nevinson nimmt ein alternder Spion (für Fans: der Ehemann der Protagonistin seines letzten Romans Berta Isla) doch noch einen letzten Auftrag an und verstrickt sich dabei in ein erotisches Abenteuer. Von Juan Marsé wurde ein Roman aus dem Jahr 1990 übersetzt: In Der zweisprachige Liebhaber wird das Ego des Protagonisten schlimm angegriffen, als seine Ehefrau mit einem Schuhputzer fremdgeht. Lediglich Javier Cercas nimmt im zweiten Band seiner Terra Alta-Reihe Bezug auf die Gegenwart: Die Erpressung, im spanischen Original Independencia, spielt auf den katalanischen procès an. Die Bürgermeisterin von Barcelona wird erpresst, die Ermittlungen führen hinter die manierliche Fassade populistischer Politiker. Cercas zeichnet ein brutales Bild einer korrupten „Elite“, die für ihre eigenen Zwecke die Demokratie aufs Spiel setzt.

Literatur in vier Sprachen

Der in Extremadura geborene und in Katalonien aufgewachsene Cercas schreibt auf Spanisch, doch die Auswahl der eingeladenen Autor*innen spiegelt die mehrsprachige Realität Spaniens wider: 25 % schreiben in einer der drei anderen offiziellen Sprachen. Auf Galicisch etwa Manuel Rivas, den man in Deutschland für im Spanischen Bürgerkrieg angesiedelte Geschichten wie Der Bleistift des Zimmermanns kennt, wobei in den letzten Jahren kein weiteres Buch dieses produktiven Autors übersetzt wurde. Auf Baskisch schreibt Bernardo Atxaga, von dem der Unionsverlag gleich zwei Romane neu auflegt: Ein Mann allein ist ein Thriller über einen Aussteiger aus dem Terrorismus, der Jahre später noch davon verfolgt wird. Ganz anders ist Obabakoak oder Das Gänsespiel, in dem er in lockerem Ton über den skurrilen Fantasieort Obaba fabuliert. Anders als Atxaga schreibt der derzeit berühmteste baskische Schriftsteller auf Spanisch – übrigens lebt er seit fast vierzig Jahren in Hannover: Fans von Fernando Aramburu (Patria) können sich auf den Roman Die Mauersegler freuen, dessen vereinsamter Protagonist der Welt nichts mehr abgewinnen kann und beschließt, sich in genau einem Jahr das Leben zu nehmen. Entsprechend besteht der Roman aus 365 kurzen Kapiteln, in denen dieser Entschluss ins Wanken gerät.

Und wo sind die Frauen? Sie machen tatsächlich die Hälfte der fast 200 eingeladenen Autor*innen aus – und konzentrieren sich besonders in Katalonien. Die Grande Dame der katalanischen Literatur ist Carme Riera, eine von sieben Frauen unter den aktuell vierzig Mitgliedern der Akademie der spanischen Sprache RAE. Erzählende Prosa schreibt sie auf Katalanisch, Essays auf Spanisch – das sei die natürliche Funktionsweise ihrer Zweisprachigkeit – und übersetzt sich dann selbst in die andere Sprache. Zwei Sprachen zu haben eröffne wunderbare Möglichkeiten, so die gebürtige Mallorquinerin, die seit ihrer Jugend in Barcelona lebt; auch deshalb sieht sie die Unabhängigkeit Kataloniens als Sackgasse. Sieben ihrer Romane sind auf Deutsch erschienen, der letzte 2007, doch es verwundert, dass gerade der Erzählband fehlt, mit dem sie 1975 bekannt wurde: Te deix, amor, la mar com a penyora, („Ich lasse dir, Liebste*r, das Meer als Pfand“) ist längst ein Klassiker der katalanischen Literatur. Seine klare und doch poetische Sprache hat nichts an Kraft verloren, und Riera war damit eine der ersten, die in Spanien über die Liebe zwischen zwei Frauen schrieb. Zusammengehalten werden die Geschichten durch das Meer, das die Figuren, die oft am Rande der Gesellschaft stehen, beeinflusst oder gar beherrscht. Hier gilt es noch eine jüngere Autorin zu erwähnen: Eva Baltasar ist zwar nicht eingeladen, doch in Barbastro erreichte ihren spanischen Verleger Alejandro Dardik (Club Editor) die Nachricht, dass ihr Roman Permafrost bald auf Deutsch erscheint: Die Erzählerin möchte sich auf niemanden einlassen, ihr unabhängiges Leben nicht aufgeben, und schützt sich durch eine Eisschicht, die keine der Frauen durchbrechen darf, mit denen sie Affären hat. Kühl und scharfsinnig beobachtet sie sich selbst und die anderen – unter dem Eis lässt sich jedoch etwas erahnen, worüber sie nicht spricht. In der spanischen Literatur wird Gefühlen vergleichsweise viel Platz eingeräumt, doch Baltasars Sprache ist bemerkenswert unsentimental.

Liebe in Zeiten der Selbstverwirklichung

Unter den anderen auf Katalanisch schreibenden Autorinnen ist noch Marta Orriols hervorzuheben, die einen genauen Blick für das Alltäglich-Unerträgliche in den Beziehungen von urbanitas hat. In ihrem neuen Roman Sanfte Einführung ins Chaos seziert sie ohne Pathos die widersprüchlichen Gefühle eines Paars Anfang dreißig: Die Perspektive wechselt zwischen Marta und Dani, sie sich füreinander entschieden haben, einschließlich Möbeln, Hund und der Einsicht, dass es mit ihrem Freundeskreis nicht mehr so wie früher ist, wenn am Ende eines gemeinsamen Abends die meisten Bierflaschen noch zu sind. Manche Freund*innen haben schon Kinder, und als Marta schwanger wird, scheint für ihn die Sache klar – aber sie will kein Kind in ihrem Leben. Ebenfalls aus wechselnden Perspektiven erzählt Isaac Rosa in Glückliches Ende die Geschichte eines Paars, allerdings rückwärts: Sie beginnt mit dem Auszug des Partners aus der Wohnung der Familie. Anhand von Erinnerungen, die beim Packen aufkommen, geht es zurück bis an den Anfang der Liebe. Der in Madrid ansässige Rosa hat schon mehrere Romane bei verschiedenen deutschen Verlagen veröffentlicht. Verwunderlich, dass gerade Lugar seguro („Ein sicherer Ort“) noch nicht übersetzt wurde, zumal die Hauptfigur ein listiger Bunkerverkäufer ist. Passt diese komische Dystopie nicht sogar besser zu deutschen Befindlichkeiten als zu spanischen, oder nimmt Rosa die Apokalypse nicht ernst genug?

Um jüngere urbanitas geht es bei der 1992 geborenen Lyrikerin Elvira Sastre. Sie hat in Spanien bereits fünf Gedichtbände publiziert, Rupi Kaur ins Spanische übertragen, und füllt mit ihren musikalischen Lesungen Theatersäle. Von ihr erscheinen auf Deutsch der Lyrikband Eines Tages werde ich mich selbst retten sowie ihr erster Roman Die Tage ohne dich. Darin schafft es ein junger Bildhauer mithilfe der Weisheiten seiner Großmutter, über seine erste große Liebe hinwegzukommen. Sastre beobachtet seine Gefühle genau, wobei es manchmal psychologisch explizit und zuweilen kitschig wird. Aus manchen Beschreibungen ergibt sich kein klares Bild („Plötzlich kreischte sie hysterisch, heulte wie ein Wolf bei Vollmond“). Die Großmutter neigt zu großen Worten und klingt recht pädagogisch. Dennoch könnte Elvira Sastre mit ihren so starken wie verletzlichen Figuren bei ihrer Generation auch im deutschsprachigen Raum einen Nerv treffen.

Realitäten am Rand der Städte

Endende Lieben und städtische Einsamkeit sind nicht die einzigen Motive, wenn es um das Leben in der Großstadt geht. Drei Romane zeigen eine Seite von Barcelona, die den Protagonist*innen wenig Raum für Nabelschau lässt. Najat el Hachmi kam mit acht aus Marokko nach Katalonien und wuchs in einem Viertel „am Rand des Stadtrands“ auf, wo die muslimische Gemeinschaft in so enger Nachbarschaft lebte, dass selbst das gegenüberliegende Küchenfenster soziale Kontrolle bedeutete. In ihrem neuen Roman Am Montag werden sie uns lieben erzählt die junge Protagonistin Naima von ihren kleinen Schritten auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben. Immer wieder nimmt sie sich vor, ab Montag ein besseres Mädchen zu sein, die Erwartungen ihres Umfelds zu erfüllen – bis sie irgendwann merkt, dass sie sich nicht mehr in dieses Regelkorsett zwängen will. In Romanen entdeckt die Jugendliche andere Lebensformen, zu der sie selbst keinen Zugang hat. Ihre Eltern glauben, sie lese so viel, weil sie eine fleißige Schülerin ist, und ahnen nicht, dass die Bücher sexuelle Fantasien in ihrer Tochter wecken, die sich mit angehaltenem Atem, um ihren kleinen Bruder nicht zu wecken, unter der Decke selbst erkundet. Doch als Naima sich von ihrer Familie unabhängig macht, muss sie gegen Diskriminierung kämpfen – und ihre Herkunft verfolgt sie. Ihre Träume werden mit einer harten Realität konfrontiert. 

Gegen Fremdbestimmung kämpfen auch die vier Frauen in Cristina Morales’ Leichte Sprache, die von den Behörden als geistig behindert eingestuft wurden und in einer betreuten Wohngruppe zusammenleben. Jede rebelliert auf ihre eigene Art gegen die Bevormundung, etwa im Bereich der Sexualität, als ein Gericht einer der Hauptfiguren eine Zwangssterilisierung auferlegt, aber auch in scheinbar banalen Situationen wie einer Tanzstunde, als die wohlmeinende Tanzlehrerin darauf besteht, dass die Erzählerin ihre Socken ausziehen soll. Morales nimmt die Sätze der Bevormundenden auseinander und findet eine Sprache für ihre radikalen Ideen: politisch inkorrekt und grenzüberschreitend (desbordante wie das Motto des Gastlandauftritts), dabei immer wieder voller Humor.

Auch bei Kiko Amat stehen Randfiguren im Mittelpunkt. In Spanien sind seine knallharten wie tragikomischen Romane längst Kult, nun ist Träume aus Beton auf Deutsch erschienen: Nach zwanzig Jahren in der Psychiatrie plant der Protagonist seinen Ausbruch. Nach und nach erfährt man aus Erinnerungen an seine Jugend, wie er zu dem Punkt kam, an dem er im Wahnsinn eine Messerattacke beging. „Normal“ im Kopf zu sein, macht es aus seiner Sicht nur schwerer, die Grausamkeit der Welt zu ertragen. Seine Welt ist Sant Boi de Llobregat, eine Stadt in der Peripherie von Barcelona, wo in den Sechzigern Hochhäuser für die innerspanischen Migrant*innen aus dem Boden gestampft wurden, um das Fabrikpersonal unterzubringen. Aus dieser Stadt kommt Kiko Amat, ihren Namen hat er auf den Handrücken tätowiert.

Familie und Einsamkeit im leeren Landesinneren

Kritik am Großstadtleben der urbanitas übt die ehemalige VICE-Redakteurin Ana Iris Simón (*1991). Letztes Jahr sorgte sie mit einer fulminanten Rede in der Moncloa für Aufregung, in der sie Pedro Sánchez vorwarf, dass alle Maßnahmen zur Bekämpfung der Landflucht und der niedrigen Geburtenrate heuchlerisch seien, solange jungen Eltern keine adäquate finanzielle Unterstützung geboten werde. Viele junge Spanier*innen können an ihren Herkunftsorten keine Arbeit finden, und in der Stadt können sich die meisten auch mit Mitte dreißig nur ein WG-Zimmer leisten. Angestoßen wurden diese Maßnahmen von einer politischen Bewegung, die sich aufgrund der Debatte um Sergio del Molinos Sachbuch Leeres Spanien formierte: Damit gemeint ist ein Gebiet im spanischen Landesinneren außerhalb der großen Städte, das 53 % der Landesfläche ausmacht, wo aber nur noch 15,6 % der Bevölkerung wohnen. Es fehlt an Investitionen, schon über 3000 Dörfer sind komplett verlassen, die Bewohner*innen werden immer älter und ärmer. Von ihrer Kindheit an so einem Ort in der Mancha erzählt Ana Iris Simón in Mitten im Sommer. Liebevoll und konkret beschreibt sie das Leben ihrer Großfamilie in diesem ländlichen Arbeitermilieu – von den Generationen vor ihr über die Neunziger bis heute. Allein die WhatsApp-Gruppe ihrer Familie väterlicherseits hat 33 Mitglieder, es fehlen noch die Kinder und die Ältesten. Wenn sie das Leben im Clan mit ihrem Leben in Madrid vergleicht, spürt man eine Sehnsucht nach Familie und Begrenztheit. Sie kommt mit ihrem Vater zu dem Schluss, dass die wichtigen Dinge im Leben sehr wenige sind, und beneidet ihre Eltern um das Leben, das sie in ihrem Alter führten. Doch die Bedingungen sind heute andere, ein Briefträgerjob reicht nicht, um mit 22 einen Wohnungskredit aufzunehmen. Allerdings fragt sich Simón auch: Können wir wirklich keine Familie gründen oder sind wir einfach nicht bereit, bestimmte Privilegien aufzugeben? Wir wollen in der Stadt leben, reisen, eine interessante Arbeit und andere Dinge, die Geld kosten, das sich schwer verdient. „Wir sind Arme mit iPhone“, konstatiert die Tochter eines Kommunisten. Wenn sie in den letzten Kapiteln von der Gegenwart schreibt, macht Simón sich allerdings über linke Sichtweisen lustig. Mittlerweile hat sie Madrid den Rücken gekehrt und lebt wieder in der Provinz. Zur Buchmesse kommt sie nicht, weil sie im Herbst ihr zweites Kind erwartet.

Ein ganz anderes Bild vom Leben auf dem Dorf zeichnet Sara Mesa in Eine Liebe. Nicht etwa auf der Suche nach romantischem Rückzug oder Gemeinschaft, sondern schlicht aus Geldmangel zieht eine Übersetzerin in ein imaginäres Dorf im spanischen Landesinneren. Ironischerweise fällt ihr die Kommunikation im direkten Kontakt schwer, aber das Landleben ist hart, und als es durch das Dach ihres heruntergekommenen Häuschens regnet, lässt sie sich zunächst aus der Not heraus auf einen Dorfbewohner ein. Es entwickelt sich ein zweideutiges, zunehmend verstörendes Verhältnis. Die Protagonistin wird zur Gefangenen ihrer eigenen Gedanken. Sara Mesas Erzählhaltung ist distanziert, doch so sehr sie sich von Ana Iris Simón unterscheidet: Beide werfen die Frage auf, ob es glücklich macht, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren.

Der ländliche Raum als Sujet war schon lange nicht mehr so beliebt. Im Gegensatz zur kruden Realität einer einsamen Frau vermischen sich in der Romanwelt von Irene Solà (*1990) ganz unterschiedliche Stimmen: Starke Frauen, Kinder, Tiere, dichtende Bauern und Geister kommen in Singe ich, tanzen die Berge zu Wort. Ihre Schicksale sind miteinander und mit den Pyrenäen verflochten, auf tragische oder mystische Weise, in einer Geschichte voller Poesie, düsterer Wolken und Magie. Zur Buchmesse wurde die Gewinnerin des Europäischen Literaturpreis 2020 nicht eingeladen, dafür aber eine andere junge Autorin, die in einem Sachbuch an die Arbeit der Frauen in der andalusischen Provinz erinnert: María Sánchez (*1989) ist Dichterin und Landtierärztin, wie auch ihr Vater und ihr Großvater Tierärzte waren. Die Familie ist seit Generationen eng mit dem Land verbunden, doch welche Rolle spielten die Frauen vor ihr? Diese Leerstelle nahm Sánchez zum Anlass, ihre Lebenskonzepte zu erforschen und in Land der Frauen von ihnen zu erzählen. Noch nicht übersetzt ist einer der tiefgehendsten Romane der ola neorrural, der ebenfalls im „leeren“ Südspanien um Córdoba angesiedelt ist: Die Protagonistin von Olga Merinos La forastera („Die Fremde“) lebt nach Jahren in London wieder im Heimatdorf ihrer Eltern. Nach dem Tod ihrer Mutter ist sie fast vollkommen isoliert, bis auf den Kontakt zu zwei Migranten, auf deren prekäre Schwarzarbeit die Landwirtschaft in diesem einsamen Landstrich angewiesen ist. Die Dorfbewohner*innen nehmen sie nach der langen Zeit im Ausland als Eindringling wahr – erst recht, nachdem sich der reiche Gutsbesitzer erhängt und die Erzählerin ihn findet. Doch die Heldin dieses andalusischen Westerns leistet Widerstand. In einem ruhigen Erzählduktus beschwört Merino Legenden aus anderen Zeiten herauf und zeichnet eine starke Frau, die ihre Freiheit nicht aufgibt.

Zurückhaltung bei den deutschen Verlagen

Bei einem Abendessen in Barbastro wird diskutiert: Warum wurde dieses so eindringliche Buch sogar schon ins Chinesische, aber noch nicht ins Deutsche übersetzt? Olga Merino selbst sagt nur, sie warte noch auf Rückmeldung, international laufe es gut. Verleger Dardik hat die Erfahrung gemacht, dass selbst Romane, die sich in Spanien bestens verkaufen, von deutschen Verlagen abgelehnt würden, wenn darin „härtere“ Themen wie Suizid vorkommen. Das würde auch erklären, warum die Gewinnerin des Premio Nadal Inés Martín Rodrigo zwar nach Frankfurt eingeladen ist, doch Las formas del querer („Die Formen der Liebe“) in der Liste der deutschen Neuerscheinungen noch fehlt. In dem durch Die Buddenbrooks inspirierten Roman erzählt sie, wie sich der Bürgerkrieg über Generationen hinweg auf eine Familie auswirkt. Infolge des Todes von nahen Familienmitgliedern kämpft die Protagonistin mit einer Depression. Martín Rodrigos ehrliche Sprache entwickelt von der ersten Seite an einen Sog, und trotz all der Schwere spürt man, dass etwas verheilt. Für solche Stoffe gäbe es jedoch laut den deutschen Verlagen kein Publikum, so Dardik. Das gelte auch für Romane mit expliziten, insbesondere nicht heterosexuellen Sexszenen. Das sagten sie zumindest. Er will aber nicht recht glauben, dass die deutschen Leser*innen wirklich so verschlossen sind.

Tatsächlich wurden im Verhältnis dazu, wie viele Werke aus kleinen Ländern wie Georgien oder Norwegen im Hinblick auf ihren Gastlandauftritt übersetzt wurden, relativ wenige Bücher aus dem Spanischen übertragen. Auf dem Branchentreffen Otra Mirada erklärt die Generaldirektorin für Bücher und Leseförderung im spanischen Kulturministerium María José Gálvez, Spanien wolle in Frankfurt zeigen, wie sehr sich das Land seit dem ersten Gastlandauftritt 1991 verändert hat. Das Motto „Sprühende Kreativität” soll die Vielfalt repräsentieren, und es wurden über zwei Millionen Euro in Übersetzungen investiert, um die literarische Avantgarde Spaniens international bekanntzumachen. Seit 2019 wurden mehr als 300 Titel übersetzt, von denen 77 Übersetzungsförderung erhielten, und es wurde eine Übersetzungsresidenz ins Leben gerufen.

Cristina Pineda vom Verlag Tres hermanas hat mithilfe der Fördergelder Fragmente übersetzen lassen, jedoch noch keine Rechte nach Deutschland verkauft. Emilio Sánchez von Libros del KO geht es ähnlich: Manche Bücher aus dem Programm des Indie-Verlags wurden ins Russische, Chinesische, Englische und Französische übersetzt, aber nicht ins Deutsche. Er wünscht sich zwar mehr Unterstützung von der spanischen Regierung, doch das Hauptproblem sei das Desinteresse von deutscher Seite. In diesem Punkt sind sich die Verleger*innen einig. Nur: Was ist der Grund dafür?

Ein junges Verlagswesen und nationale Tendenzen

Eine Diskussion auf dem Branchentreffen wirft die Frage auf, ob die deutsche Buchbranche besonders auf die ältere Generation ausgerichtet ist. Buchhändler Ben von Rimscha aus Berlin erklärt, der deutsche Buchhandel habe ein Nachwuchsproblem – auch deshalb, weil der Großteil der Kund*innen über sechzig sei. Das nimmt ein älterer Verleger aus dem Publikum als Einladung, die bekannte Kulturverfallsklage anzustimmen: „Die jungen Leute scrollen nur noch und lesen nicht mehr.“ Antonio Ramírez, der fünf Buchhandlungen in Madrid und Barcelona betreibt, widerspricht vehement. Die Librerías La Central hätten sich in den letzten zehn Jahren mit Publikum zwischen 20 und 25 gefüllt. Trotz Pandemie haben in Barcelona in den letzten drei Jahren fünfzehn neue Buchhandlungen eröffnet. Überhaupt sei die spanische Buchbranche sehr jung, betont die Verlegerin Sandra Ollo (*1977) von Acantilado. So sieht das auch Silvia Sesé (*1964), Lektorin bei einem der wichtigsten spanischen Verlage: Bei Anagrama sei sie eine der wenigen ihrer Generation. Ihr Programm würde laufend erneuert, und man müsse viel kommunizieren, um zu verstehen, wer die Leser*innen sind. Kann es sein, dass es sehr wohl ein Publikum für Literatur aus diesem jungen, progressiven Spanien gibt, aber sich die deutschen Verlage nicht daran wagen? Das kann sie nicht einschätzen, jedenfalls waren sie früher offener, sagt Sesé, die viele Jahre für Bertelsmann gearbeitet hat. Bis vor ein paar Jahren seien die deutschen Leser*innen große Reisende in der Literatur gewesen, es bestand im Vergleich zu Spanien ein starkes Interesse an anderen Kulturen, auch an lateinamerikanischer und afrikanischer Literatur. „Das scheint sich zu verlieren. In Spanien, Italien, Frankreich und den meisten anderen Ländern zeigt sich aktuell das Phänomen, dass die ersten Plätze der Bestsellerlisten von einheimischen Autor*innen belegt sind. Vor ein paar Jahren war das noch nicht so.“ Es werden also nicht nur weniger spanische Bücher übersetzt, sondern überhaupt weniger Übersetzungen gelesen.

Auch Heinrich von Berenberg ist betrübt darüber, dass das Interesse in Deutschland nachgelassen hat. Zur Zeit des lateinamerikanischen Booms habe auch Spanien profitiert, doch mittlerweile hat der Berenberg Verlag nur noch den ibizenkischen Schriftsteller Vicente Valero im Programm. Von ihm brachte er letztes Jahr die europäischen Reiseerzählungen Schachnovellen heraus, im August folgten die Krankenbesuche bei alten Bekannten auf Ibiza. Berenberg selbst ist begeistert von der neuen spanischen Literatur. Er ist ganz angetan von der Stimmung auf dem Festival – und optimistisch, dass die Spanier*innen auch in Frankfurt für Begeisterung sorgen. Sesé, die wiederum begeistert vom deutschen Verlagswesen ist, hofft auf weitere Übersetzungen nach der Buchmesse. Die Vorfreude ist groß. Sie fährt schon seit vielen Jahren nach Frankfurt, doch dieses Jahr ist es etwas Besonderes. „Das wird ein Fest!“

Bibliografie

Kiko Amat, Träume aus Beton (Heyne Hardcore 2022)
Fernando Aramburu, Die Mauersegler (Rowohlt 2022), Patria (Rowohlt 2018)
Bernardo Atxaga, Ein Mann allein; Obabakoak oder Das Gänsespiel (beide Unionsverlag 2022)
Eva Baltasar, Permafrost (Trabanten, in Vorbereitung)
Javier Cercas, Die Erpressung (S. Fischer 2022)
Najat el Hachmi, Am Montag werden sie uns lieben (Orlanda 2022)
Sergio del Molino, Leeres Spanien (Wagenbach 2022)
Berna González Harbour, Goyas Ungeheuer (Pendragon 2022)
Javier Marías, Tomás Nevinson (S. Fischer 2022)
Juan Marsé, Der zweisprachige Liebhaber (Wagenbach 2022)
Inés Martín Rodrigo, Las formas del querer (nicht übersetzt)
Olga Merino, La forastera (nicht übersetzt)
Sara Mesa, Eine Liebe (Wagenbach 2022)
Cristina Morales, Leichte Sprache (Matthes & Seitz 2022)
Marta Orriols, Sanfte Einführung ins Chaos (dtv 2022)
Carme Riera, Te deix, amor, la mar com a penyora (nicht übersetzt)
Manuel Rivas, Der Bleistift des Zimmermanns (Suhrkamp 2000)
Isaac Rosa, Glückliches Ende (Liebeskind 2021); Lugar seguro (nicht übersetzt)
María Sánchez, Land der Frauen (Blessing 2021)
Elvira Sastre, Eines Tages werde ich mich selbst retten; Die Tage ohne dich (beide Thiele 2022)
Ana Iris Simón, Mitten im Sommer (Hoffmann und Campe 2022)
Irene Solà, Singe ich, tanzen die Berge (Trabanten 2022)
Vicente Valero, Krankenbesuche (Berenberg 2022); Schachnovellen (Berenberg 2021)
Manuel Vilas, Was bleibt, ist die Freude (Berlin 2022); Reise nach Ordesa (Berlin 2020)

Das literarische Programm des Gastlandauftritts ist hier zu finden. 

Die Autorin dankt den BIBLIOTEQUES DE BARCELONA für die Unterstützung bei der Recherche. Das Beitragsbild von Davide Pellegrini zeigt die Biblioteca Gabriel García Márquez.

Transparenzhinweis: Mirjam Ziegler istauf Einladung der Frankfurter Buchmesse nach Barbastro gereist, die die Veranstaltungen mitorganisiert hat. Die Reise wurde vom spanischen Kulturministerium gefördert. Das hat keinen Einfluss auf ihre Darstellung.

Social-Media-Benimmkolumne: Warum Drükos peinlich sind

von Franziska Reuter

Es kommt vor, dass ganze soziale Systeme ein Verhalten kennen, das eigentlich alle falsch finden — außer bei sich selbst. Normalerweise funktioniert das über Entschuldigungen: Ja, ich hätte an der Kasse sagen sollen, dass ich fünf Euro zu viel rausbekommen habe, aber ich war irgendwie gestresst oder pleite oder sauer, weil die Kassiererin unhöflich war. Bei einem selbst gelten diese Entschuldigungen. Für welchen Struggle sollte man auch mehr Verständnis haben als für den, den man selbst erlebt? 

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Bei anderen betrachtet man dieses Verhalten schon strenger. Vor allem, wenn man selbst, um im Bild zu bleiben, die Kassiererin ist, die am Abend die Abrechnung machen muss und feststellt, dass die Zahl nicht stimmt.

Auf Twitter ist dieses Verhalten der Einsatz von Drükos. Für Nichttwitterer*innen: Das sind Drüberkommentare, im Unterschied zu Drukos, also Drunterkommentaren. Niemand weiß, warum sich diese beknackte Nomenklatur eingebürgert hat, die sich auf den Apps oder auf der Website überhaupt nicht wiederfindet. Drükos sind einfach Zitattweets und Drukos einfach Antworten. Aber so ist es jetzt nun mal. Drükos entstehen, indem jemand auf das Retweet-Symbol tippt, „Tweet zitieren“ auswählt und dann oberhalb des Zitats eine eigene Anmerkung schreibt.

Nun gibt es durchaus ein paar harmlose Anwendungsbeispiele. Sie sind nur in der Minderheit. Wenn man durch einen fremden Account scrollt, der einem neuerdings folgt, und dort sehr viele Drükos findet, sollte man einen Softblock zumindest in Erwägung ziehen. Drüko-Ultras zeichnen sich meist durch eine Mischung aus aggressiver Rechthaberei und Feigheit aus. Lediglich das Verhältnis dieser beiden Eigenschaften differiert. Klingt das wie eine Persönlichkeit, mit der Kommunikation Spaß macht? 

Fangen wir mit den harmlosen Beispielen an. Sogenannte Mitmachtweets laden zum Drüko geradezu ein. Wenn der Ausgangstweet lautet „Dein Superhelden-Name ist die Farbe deiner Socken und der Name deines ersten Haustier“ und jemand zitiert das mit den Worten „Blue Bello“, hat das mit Drüko-Ultras nichts zu tun. Dasselbe gilt für die meisten affirmativen Drükos. Angenommen, jemand postet ein Foto eines Buches, wäre der Drüko „Das habe ich neulich auch gelesen und fand es toll!“ sozial völlig verträglich.

Auf gefährlicheres Terrain kommen wir dort, wo dem Ausgangstweet nicht wirklich eine Information hinzugefügt wird. So wie manche Meetings E-Mails hätten sein können, könnten manche Drükos einfach Retweets sein. Das ist besonders peinlich bei Gags, die dann noch einmal anders formuliert zitiert werden. Man kann lange diskutieren, was dahinter steckt: Die Überzeugung, es besser zu können? Reine Gedankenlosigkeit? Das Verlangen nach Likes für einen selbst? Letzteres ist natürlich Selbstbetrug — wenn mir jemand ein Kompliment macht für die Hose, die ich trage, geht das Kompliment im Grunde immer noch an den Hersteller und nicht an mich. Es sei denn, die Leistung soll hier das Finden und Erkennen des Qualitätstweets sein. Aber wie gesagt, ein Retweet täte es dann auch.

Ebenfalls gutartig, aber sinnlos: Affirmative Drükos, die eigentlich Drukos sein sollten. „Ja, genau“ ist schon als Druko nur mittelgeistreich. Unter dem Ausgangstweet ist es womöglich hilfreich oder zumindest gut aufgehoben, aber den anderen Follower*innen je nach Relevanz des Themas vielleicht völlig egal. Wenn ich mich mit einem Freund prima und ausdauernd über die Herstellung von Mango Chutney unterhalten kann, heißt das nicht, dass mein ganzer Bekanntenkreis auch für dieses Thema zu begeistern ist. Manchmal ist es besser, wenn ein Gespräch dort weitergeführt wird, wo es herkommt. Zumal ein Drüko sicher vieles ist, aber keine Einladung zum weiteren Gespräch. Man bricht die Kommunikation ab, um sie woanders hinzutragen.

Das bringt uns zu den Drüko-Ultras. Genau das ist nämlich ihr Ziel: Sie wollen kein Gespräch, sondern die Diskussion gewinnen, und zwar so schnell und stressfrei wie möglich. Also begeben sie sich an einen Ort, an dem sie erstens Widerspruch technisch blocken können, wenn es ihnen zu bunt wird, und wo zweitens ihre eigenen Follower*innen sind, von denen sie sich Unterstützung erwarten. Ein solcher Drüko entspricht also mindestens einer von zwei Verhaltensweisen, die wir von Kindern kennen: die eigene Meinung laut rauszubrüllen, während man sich selbst die Ohren zuhält, oder Streit mit Stärkeren vom Zaun zu brechen und sich dann von seinen älteren Geschwistern verteidigen zu lassen.

Die Erfahrung zeigt: Es gibt Leute, die es für sophisticated halten, einen Tweet direkt und ohne vorherige Kommunikation mit den Worten „Was für ein Unsinn“ zu zitieren. Wenn es sich um den Tweet einer Politiker*in handelt: Geschenkt. Die würden sowieso nicht antworten. Aber bei Privatpersonen heißt es im Grunde: „Ich diskutiere nicht mit der Person, die das getwittert hat, denn ich halte sie nicht für satisfaktionsfähig. Aber auf meinem eigenen Account, wo mir viele Gleichgesinnte folgen, wäre ich unter Umständen zu einer kleinen Diskussion zum Thema bereit, falls jemand anderer Ansicht sein sollte als ich. Die Tatsache, dass dieser Jemand mir folgt, zeigt schließlich seinen ansonsten guten Geschmack und qualifiziert ihn zum Gesprächspartner. Und wenn es schiefgeht, wird mich schon jemand von meinen anderen Follower*innen raushauen.“ Narzissmus mag ein Modewort sein, aber das nicht als narzisstisches Verhalten zu sehen, fällt schon schwer. 

Ansonsten entstehen die Drükos aber häufig aus der verzweifelten Situation, dass jemand schon dabei ist, die Diskussion in einem Thread unter dem Ausgangstweet zu verlieren. Also antwortet ein Drüko-Ultra dort irgendwann nicht mehr, sondern zitiert stattdessen. Ab sofort geht es nicht mehr ums Reden, sondern ums Rechthaben. Daran erkennt man, ob es sich hier um einen Austausch handelt, den beide sportlich nehmen, oder um einen eitlen Schaukampf der Beteiligten. 

Auf manchen Accounts sieht man die Überreste dieser sinnlosen Schlachten: Mehrere Tweets hintereinander, die auf diese andere Diskussion verweisen und um Unterstützung betteln. Besondere Genies zitieren dabei nicht nur die Tweets ihrer Gegner, sondern auch ihre eigenen Diskussionsbeiträge. Wahrscheinlich liegt ihnen am Herzen, dass ihre Followerschaft keinen einzigen ihrer brillanten Gedanken versäumt.

Paradoxerweise finden alle solche Drükos unverschämt, wenn es sie selbst trifft. Manche werfen auch schnell mit dem Wort Shitstorm um sich, wenn sie plötzlich mehrere fremde Accounts in ihren Antworten haben, die ihre abweichende Meinung mehr oder minder wertschätzend kundtun. Aber wenn sie dasselbe tun, finden sie stets einen Grund, zumindest moralisch im Recht zu sein. Oft ist es das Gefühl, von Andersdenkenden umgeben zu sein. Das kommt aber nun mal schnell auf, wenn man unter dem Tweet einer anderen Person eine Diskussion beginnt. Das heißt nicht, dass man es grundsätzlich lassen soll. Manche Dinge erfordern Widerspruch. Aber bei den meisten Themen, die einem durch erboste Drükos in die Timeline gespült werden, wird eine Twitterdiskussion uns gesellschaftlich nicht voranbringen. 

Was also tun? Ehrlichkeit wäre eine Lösung. Mir ist in mehr als zehn Jahren auf Twitter kein einziger Drüko begegnet, der das Offensichtliche zugegeben hätte: „Ich bin da in eine Diskussion geraten und jetzt gehen mir die Argumente aus, weiß jemand von euch noch eins?“ Das wäre ein Drüko, der Respekt verdient hätte. Oder auch: „XY und ich führen gerade eine Diskussion, die vielleicht auch manche von euch interessiert.“ Oder: „Wie seht ihr das?“ Alles deutlich weniger passiv-aggressiv gegenüber den Kontrahenten und höflicher gegenüber den eigenen Follower*innen, die sich ernst genommen und nicht als Like-Lieferanten missbraucht fühlen wollen.

Drükos sind ein Eskalationsmittel und sollten deshalb ausgesprochen sparsam eingesetzt werden. Da sind wir wieder beim Beispiel mit der Kassiererin: Egal wie gestresst oder genervt man gerade ist — man muss sich trotzdem fragen, ob man nicht unter Umständen doch am längeren Hebel sitzt und dem Gegenüber mittelfristig viel mehr Ärger verursacht, als man selbst gerade empfindet. Und was bringt die Eskalation einem schon am Ende? „Hat seit 2015 keine Diskussion mehr auf Twitter verloren“, ist nichts, was man sich in den Lebenslauf schreiben kann. Oder sollte.

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Der Weg aus dem Labyrinth: die interaktiven Hörspiele der ARD

von Alexander Matzkeit

Diese Geschichte beginnt mit Smart Speakern. Die kleinen Geräte, die per Sprachbefehl nicht nur Musik abspielen und das Wetter durchgeben, sondern große Teile unserer Wohnungen und des dort vorhandenen “Internet of Things” steuern, beschäftigen Medienmacher*innen seit Jahren. Sollte man sie nur als Eingabegerät für herkömmliche Mediennutzung behandeln, wie eine Fernseh-Fernbedienung? Oder eröffnen sie auch ganz neue Möglichkeiten, Medien zu gestalten?

Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten haben für solche Fragen Innovationsabteilungen eingerichtet. Sie sollen sich neue Technologien anschauen und Pilotprojekte entwickeln, die ihre Möglichkeiten ausloten. 2019 griff der BR mit seinem Innovationsteam BR Next erstmals auf eine eigentlich recht alte Idee zurück, um die Möglichkeiten von Smart Speakern für die Audio-Unterhaltung der Zukunft auszutesten. BR Next produzierte ein interaktives Hörspiel namens Tag X, in dem die hörende Person alle vier Minuten eine Entscheidung über den Fortgang der Handlung treffen muss.

Das Prinzip ist seitdem bis heute mehrfach variiert worden, von mehreren öffentlich-rechtlichen Sendern der ARD. Entstanden ist ein kleiner Pool an interaktiven Hörspielen, die interessierten Beobachtenden viel über die Möglichkeiten und Grenzen der Gattung verraten, neue Optionen und vor allem alte Probleme offenbaren. Im Kern steht dabei die Frage: Wie sehr wollen wir wirklich mit unserer Fiktion interagieren?

An den interaktiven ARD-Hörspielen Tag X, Tatort: Höllenfeuer und Schloss Einsteins Mission to Mars lässt sich diese Frage gut erkunden und zugleich zeigen, dass es verschiedene Arten gibt, interaktive Fiktion zu gestalten, die bei demjenigen, der sie hört und nutzt, auch unterschiedliche Erlebnisse hervorrufen. Der Begriff “interaktive Fiktion” jedoch bedarf zunächst etwas historischer Einordnung.

Was ist interaktive Fiktion?

In der Literaturwissenschaft ist er eigentlich relativ streng besetzt. Er bezieht sich auf die seit den 1970er Jahren existierenden Computeranwendungen, die landläufig als “Textadventures” bezeichnet werden. Sie gehen zurück auf den Prototypen Adventure (1975) und wurden vor allem durch Zork (1977) und seine Nachfolger bekannt. In diesen Anwendungen interagiert die Nutzerin oder der Nutzer über einfache Befehle (“Gehe nach Westen”, “Nimm Schwert”) mit einer Geschichte, die sich – auch wenn spätere Varianten sich an deutlich komplexeren Erzählungen versucht haben – vor allem in einer Abfolge von Räumen und dort zu lösenden Rätseln entfaltet. Der Autor des Interactive-Fiction-Standardwerks Twisty Little Passages (2005), Nick Montfort, sieht daher auch das literarische Rätsel als Urahn des Textadventures.

Vielleicht ist es daher besser, wie Espen Aarseth, der norwegische Grandseigneur der Game Studies, von “ergodischer Literatur” zu sprechen. Der aus der Naturwissenschaft entlehnte Begriff der “Ergodizität” bezeichnet, stark vereinfacht, einen dynamischen Prozess, in dem verschiedene physikalische Zustände gleichzeitig existieren. Aarseth überträgt dieses Prinzip auf eine Literatur, die in ihrem Urzustand noch keine Erzählung besitzt, sondern diese erst entwickelt, wenn mit ihr interagiert wird.

Aarseth führt dieses Prinzip zurück bis auf das I Ching bzw. I Ging, ein aus der chinesischen Antike stammendes Zeichensystem, das seine Erzählungen orakelhaft entfaltet. Spätere Beispiele finden sich in ähnlich bruchstückhaften experimentellen Texten wie Raymond Queneaus Zehntausend Milliarden Gedichte (Cent mille milliard de poèmes, 1961), das die 14 Zeilen eines Sonnets frei kombinierbar macht, und Marc Saportas Composition no. 1 (1961), das aus 150 losen Seiten besteht, welche die Nutzer*innen erst mischen, dann lesen sollen. Montford bezeichnet diese Werke auch als “literarische Maschinen”.

Du kannst die Heldin sein!

Deutlich populärer, und auch viel stärker als Vorgänger der hier besprochenen Hörspiele zu begreifen, wurde ergodische Literatur durch “Spielbücher”, die sich ab 1979 an ein junges und jugendliches Publikum richteten. Hier ist das Buch in eine meist dreistellige Zahl kurzer Leseabschnitte unterteilt, an deren Ende jeweils eine Entscheidung steht. Möchtest du links abbiegen, dann blättere zu Abschnitt 132, möchtest du rechts abbiegen, dann blättere zu Abschnitt 212. 

In den USA wurde das Prinzip vor allem durch die Serie Choose Your Own Adventure berühmt, ein Markenname, der irgendwann so in aller Munde war, dass er zum Sammelbegriff für jede Art von interaktiver Erzählung wurde. Aus Großbritannien stammen hingegen die Fighting Fantasy-Bücher. Sie ergänzen das Abschnittsystem um Begegnungen mit Monstern, mit denen sich die Lesenden wie in Dungeons & Dragons und anderen Rollenspielsystemen per Würfelwurf duellieren müssen.

Beiden Systemen war gemein, dass sie in den 1980er Jahren einen gigantischen Boom erfuhren. Viele Jugendfranchises sprangen auf den Zug auf und veröffentlichten eigene Spielbücher, die immer das gleiche versprachen: “Du kannst der Held/die Heldin sein! Du entscheidest, was passiert.” Entsprechend etablierte sich auch die Konvention, Spielbücher grundsätzlich in der zweiten Person Singular zu schreiben, mit der die lesende Person direkt angesprochen wird.

Der Tod der Spielbücher war Ende der 90er schließlich die Entwicklung immer aufwändigerer Computerspiele, die im Grunde das gleiche versprachen und auch halten konnten. Gerade Adventures wie The Secret of Monkey Island (1990) boten den Spielenden ähnlich wie ihre Vorgänger einen durch Rätsel unterbrochenen Plot, der Entscheidung und Interaktion enthielt. Spätere, nach dem “Open World” Prinzip gestaltete Spiele erhöhten die Möglichkeit für die Nutzenden noch weiter, sich notfalls auch völlig außerhalb des vorgesehenen Plots zu bewegen. Die meiste Forschung rund um interaktive Fiktion dreht sich heute um Computerspiele.

Der zentrale Konflikt der ergodischen Literatur

Die interaktiven Hörspiele der ARD sind insofern ein Rückgriff auf eine etwas primitivere Form der ergodischen Literatur, damit aber gleichzeitig auch etwas literarischer als moderne Spiele. Sie besitzen keine grafische Komponente, sondern bestehen aus einer Abfolge aus Erzählungs- und Dialogszenen, deren Reihenfolge durch regelmäßige Entscheidungen der oder des Hörenden bestimmt wird. Die Häufigkeit der Entscheidungen – spätestens alle vier Minuten – ist durch die Entwickler der Smart Speaker vorgegeben.

Ähnlich wie bei Spielbüchern lässt sich die Gesamtheit eines interaktiven Hörspiels am ehesten als eine Art Flussdiagramm darstellen, in dem jede Szene eine Wabe bildet und jede Entscheidung am Ende der Szene mit einer Linie zu einer neuen Wabe führt. Würde man sich vorstellen, dass man sich am Ende jeder Szene zwischen zwei Möglichkeiten entscheiden kann und jede Entscheidung zu einer völlig neuen Szene führt, wäre man mit exponentiellem Wachstum sehr schnell bei einer unübersichtlichen Menge an Szenen und Handlungssträngen. Da Produktionsbudgets aber begrenzt sind und nur für eine endliche Zahl an Szenen reichen, müssen viele Entscheidungen entweder in einem Ende münden oder auf eine Szene zurückführen, die die Nutzenden auch durch andere Entscheidungen hätten erreichen können.

Darin liegt der zentrale Konflikt ergodischer Literatur dieser Spielart. Sie muss den Nutzenden gerade genug Interaktion überlassen, damit diese das Gefühl haben, ihre Entscheidungen bedeuten etwas. Dabei darf die Erzählung jedoch nicht so ausfransen, dass sie das befriedigende Gefühl eines echten Plots verliert und ohne erheblichen Ressourcenaufwand auch nicht mehr umgesetzt werden kann.

Es ist daher kein Zufall, dass das zentrale Bild, das für diese Art von interaktiver Literatur immer wieder genutzt wird, das eines Labyrinths ist. Schon in Jorge Luis Borges’ Kurzgeschichte “Der Garten der Pfade, die sich verzweigen” von 1941 dient das Labyrinth als Sinnbild für ein Buch, das viele verschiedene Ausgänge einer Geschichte enthält. Ein großer Teil der “Fighting Fantasy”-Bücher spielt in labyrinthartigen Verliesen, in denen hinter jeder Wegbiegung entweder ein Gegner oder ein Schatz warten könnte. Für die Lesenden, Hörenden, Nutzenden hingegen bedeutet jede Entscheidung für etwas auch eine Entscheidung gegen etwas anderes. Wie Espen Aarseth in Cybertext (1997) schreibt: “Jede Entscheidung macht einige Teile des Textes mehr, andere weniger zugänglich. Die genauen Folgen deiner Entscheidungen, was du genau verpasst hast, wirst du vielleicht nie erfahren.” (Meine Übersetzung)

Tag X: Flucht aus der verseuchten Stadt

Tag X, das erste, 2019 entstandene interaktive Hörspiel von BR Next, geschrieben von Daniel Wild (mit dem ich für diesen Artikel ein Hintergrundgespräch geführt habe) und inszeniert von Martin Heindel, folgt am ehesten dieser labyrinthinen Struktur. Es spielt während des unmittelbaren Fallouts eines Anschlags auf Berlin, in Anlehnung an die realen, von der “taz” enthüllten Pläne einer rechtsextremen Gruppe in der Bundeswehr, die sich auf einen solchen Tag vorbereitete. Die Stadt ist eine verseuchte Zone. Die aus dem Zoo entflohenen Tiere laufen auf den Straßen herum. Das Militär patrouilliert.

Der in der zweiten Person angesprochene Protagonist bzw. die Protagonistin wacht auf und hat Gedächtnis und Augenlicht verloren. Das verstärkt einerseits den Hörspiel-Faktor mit Ohren als primärem Sinnesorgan und erlaubt andererseits, dass die Hauptfigur keine Vorgeschichte und keine Persönlichkeit über die Projektion der Nutzenden hinaus haben muss. Sie versucht im Laufe des Spiels aus der verseuchten Zone zu entkommen und kann dafür im Wesentlichen zwei verschiedenen Wegen folgen. Einer führt in die Altbauwohnung von Erna, die sich der Evakuierung entzogen hat. Bei geschickten Entscheidungen erfährt man von ihr, was zuvor geschehen ist, bevor man am Ufer des Kanals vom Militär aufgegriffen wird. Beim anderen nimmt man sich eines Kindes namens Toni an, kämpft sich mit ihm durch einen von einem Eisbär bewohnten Spätkauf und ein Parkhaus, wird dort ebenfalls von Soldaten in Gewahrsam genommen und schließlich einem Verhör unterzogen, in dessen Verlauf man dafür sorgen kann, dass Toni in gute Hände kommt.

Tag X besitzt 13 verschiedene Enden, doch nur zwei davon enden nicht mit dem Tod der Spielenden und nur eins – das, in dem man die Toni-Mission erfolgreich zu Ende bringt – hat wirklich das befriedigende Gefühl eines abgeschlossenen Plots. Die meisten Enden töten die Nutzenden, zermalmt von herumlaufenden Tieren oder von Soldaten erschossen. Sie sind Enden nur in dem Sinn, dass die Handlung danach nicht mehr weitergeht, aber nicht, indem sie einen Spannungsbogen abschließen. Daher fühlt sich Tag X oft an wie ein Labyrinth mit vielen Sackgassen, von denen manche zwar hübscher sind als andere, aber nur ein oder maximal zwei Wege durch “korrekte” Entscheidungen wirklich aus dem Irrgarten herausführen. Es ist damit von allen hier beschriebenen Hörspielen am stärksten so strukturiert wie die erwähnten Spielbücher. Das Problem mit den Sackgassen-Enden ist, dass sie sich nicht wie alternative Ausgänge einer Geschichte anfühlen, sondern nur wir ein Scheitern an der vom Autor vorgesehenen Handlung. Wie von Aarseth beschrieben also keine Entscheidung für etwas, sondern gegen alles andere.

Höllenfeuer: Welche Polizistin willst du sein?

Das Nachfolgeprojekt des gleichen Teams, Tatort: Höllenfeuer von 2021, wählte, vielleicht auch aus diesen Gründen, einen völlig anderen Ansatz. Es verabschiedet sich zunächst von der direkten Ansprache der Nutzenden und hat eine klar umrissene Hauptfigur, die Kommissarin Mavi “Mav” Fuchs, die als neue Figur in das bereits etablierte Story-Universum des Münchner Tatort rund um die Kommissare Batic und Leitmayr eingeführt wird. An Entscheidungspunkten ringt Mav in Selbstgesprächen mit den Handlungsmöglichkeiten der Situation und überlässt dann jeweils den Nutzenden die Auswahl. Diese können somit auch entscheiden, welche Handlungen ihrer Meinung nach gut zur Figur passen. Die Konsequenzen der Entscheidungen entfalten sich dann innerhalb der Figurenmotivation – ein großer Unterschied zum reinen Platzhalter-Protagonisten in Tag X oder in klassischen Spielbüchern.

Der zweite wichtige Unterschied ergibt sich aus der Dramaturgie eines Kriminalfalls. In Höllenfeuer dreht sich alles um einen drohenden Terroranschlag auf das Oktoberfest, mit dem auch die Leiche eines Obdachlosen verknüpft ist, der von Jugendlichen angezündet wurde. Anders als in Tag X, wo die Handlung des Hörspiels auf klassisch ergodische Art oft durch die Aktionen der Hauptfigur überhaupt erst entsteht und Untätigkeit oder Entscheidungen “gegen” den vorgesehenen Plot in der tödlichen Sackgasse enden, wird Mav von dem Fall, den sie gemeinsam mit Kriminalassistent Kalli Hammermann lösen muss, einfach mitgerissen. Einmal deswegen, weil die Anschlagsbedrohung eine tickende Uhr ist, die abläuft, ganz egal, was sie tut, aber auch, weil die Ermittlungen in einem Mordfall eine klare Abfolge von Ereignissen (Leichenfund, Obduktion, Befragung von Verdächtigen) besitzen, denen man sich als Kommissarin nur schwer entziehen kann.

Autor Daniel Wild setzt daher in Höllenfeuer auf eine andere Entscheidungsmatrix, die nur noch wenig von einem Labyrinth hat. Er macht sich dafür die Technologie zunutze, welche die interaktiven Hörspiele des digitalen Zeitalters von früheren Inkarnationen (in denen man etwa auf einer CD von Track zu Track springen musste) und von Spielbüchern unterscheidet. Jede Entscheidung erlaubt es nicht nur, die Nutzenden anschließend zu einer von mehreren Szenen weiterzuschicken, sondern auch begleitende Zähler (“Variablen”) im Hintergrund mitlaufen zu lassen. Das Programm, das die Szenen ausspielt, kann sich also vergangene Entscheidungen merken und so an späteren Punkten auf der Basis von Variablenwerten nur bestimmte Entscheidungen anbieten. Der klassische Weg, diese Technologie zu nutzen, der auch vereinzelt in Tag X genutzt wird, ist der eines Inventars. Die Spielenden müssen sich an bestimmten Punkten entscheiden, ob sie einen Gegenstand mitnehmen oder nicht. Später benötigen sie diesen Gegenstand, etwa um eine Tür zu öffnen. Haben sie ihn nicht, können sie nicht durch die Tür gehen und müssen einen anderen Weg wählen oder zurückgehen.

Höllenfeuer nutzt die Variablen auf andere, soziale Art. Es merkt sich, wie die Hauptfigur, gesteuert durch die Entscheidung der Nutzenden, mit ihren Kolleginnen und Kollegen umspringt. Entscheidet man sich zu oft dafür, diese vor den Kopf zu stoßen oder anzulügen, kann Mavi Fuchs noch vor Ende der Ermittlungen gefeuert werden. Doch anders als in einem klassischen Erzählungs-Labyrinth fühlt sich dies weniger an, als hätte man einfach den falschen Weg genommen, sondern wie eine psychologisch folgerichtige Konsequenz aus vorhandenen Handlungen. Höllenfeuer dreht sich über einen großen Teil seiner Laufzeit weniger darum, wie man den Plot der Geschichte beeinflusst, sondern eher, welche Rolle man darin spielen möchte, welche Art von Polizistin man sein möchte. Fair oder unfair? Geduldig oder ungeduldig? Erst Fragen stellen und dann zuschlagen oder umgekehrt?

Erst zum Schluss, am dritten der drei Handlungstage, als die Konfrontation mit den antikapitalistischen Terroristen unausweichlich wird, teilt sich der Entscheidungsbaum wirklich auf und eröffnet den Spielenden mehrere mögliche Enden. Da diese aber nun bereits einige Zeit mit der Protagonistin verbracht haben und sich wahrscheinlich entschieden haben, welche Persönlichkeitsmerkmale sie stärker durch Handlungen ausdrücken wollen, fühlen sich diese Enden tatsächlich wie Alternativen zueinander an. In einem der Enden gelingt es Mav nicht, einen Münchner Komplett-Blackout zu verhindern, doch das wirkt nicht wie ein Scheitern am Spiel, sondern schlicht wie das Ende, das man durch seine Entscheidungen herbeigeführt hat. Ein deutlich befriedigenderes Gefühl als ein Tod im Kugelhagel, weil man sich bei der Wahl zwischen Pest und Cholera falsch entschieden hat.

Mission to Mars: Tanz der Variablen

Schloss Einsteins Mission to Mars (2022), bei dem Daniel Wild als Ko-Autor noch beteiligt war, das aber nicht mehr für den BR, sondern für MDR Next entstand, erscheint wie eine unbewusste Synthese und Weiterentwicklung seiner beiden Vorgänger. (Der WDR hatte dazwischen mit Wild noch ein weiteres interaktives Tatort-Hörspiel namens Lücken produziert, das ich in dieser Analyse allerdings ausklammere.) Ähnlich wie in Höllenfeuer liegt auch in Mission to Mars der Plot nur bedingt in der Hand der Spielenden, die an Bord eines Raumschiffs auf dem Weg zum Mars aufwachen, auf dem roten Planeten bruchlanden und sich gemeinsam mit ihrer restlichen Crew, allesamt ehemalige Protagonist*innen der MDR-Kinderserie Schloss Einstein, zur Mars-Basis durchschlagen. Da die Zielgruppe des Hörspiels Kinder sind und das Hörspiel in mehrere Episoden aufgeteilt ist, die anschlussfähig sein müssen, kann man nicht sterben. Mit anderen Worten: Die wichtigen Plotpunkte passieren, egal wie man sich verhält. Man kann nicht durch “falsches” Verhalten scheitern, weil man nicht korrekt vorhersieht, was die Autor*innen von ihren Spielenden erwarten.

Anders als in Höllenfeuer ist Mission to Mars aber erneut in der Du-Perspektive geschrieben, das heißt die Hauptfigur – ein*e “Weltraumtourist*in”, welche*r die Reise zum Mars gewonnen hat – ist erneut eine Leerstelle, um die sich der Rest des Hörspiels fügen muss. Um den damit verbundenen Schwierigkeiten entgegenzuwirken, nutzt das Autor*innen-Team (neben Daniel Wild waren Dana Bechtle-Bechtinger und Jörg Benne beteiligt) aber verstärkt Variablen, um aus den getätigten Entscheidungen der Spielenden passende Handlungsmöglichkeiten abzuleiten.

Dies beginnt schon vor Beginn der Handlung, wenn die Spielenden in einer Art Charakter-Generierung entscheiden dürfen, ob sie eher sportlich oder intellektuell geprägt sein wollen. Auf der Basis dieser anfänglichen Auswahl bekommen sie später unterschiedliche Optionen angeboten. Andere Konsequenzen ergeben sich in Form von alternativen oder “Bonus”-Szenen am Ende von Handlungsabschnitten. Hat man sich dafür eingesetzt, dass sich das zerstrittene Pärchen, mit dem man unterwegs ist, wieder verträgt, darf man auch Zeuge ihrer Versöhnung werden. Hat man sich in den zwischendurch eingestreuten Wissenstests als besonders verlässlich erwiesen, zollen einem die anderen Charaktere dafür Respekt. Mission to Mars hat wenige alternative Enden. Seine Handlung kann sich aber je nach Entscheidungen dennoch völlig anders anfühlen.

Mitglieder des Redaktionsteams von Mission to Mars haben in Gesprächen mit mir formuliert, dass sie dies als “nutzerzentrierte” Handlungsgestaltung empfanden, ein Begriff, der sonst vor allem aus der Software- und Interface-Entwicklung bekannt ist. Sie geben ihrem Publikum, was es will und kennt (einige der redaktionellen Entscheidungen, etwa welche Figuren zurückkehren sollten, wurden mit Hilfe der Instagram-Community der Serie getroffen), so dass es instinktiv die “richtigen” Entscheidungen trifft und das Ergebnis in jeden Fall interessant und relevant bleibt. Mission to Mars ist, von wenigen Szenen abgesehen, weniger ein interaktiver Text in dem oft begriffenen Sinn eines Irrgartens voller sich verzweigender Pfade. Es begreift vielmehr Handlung selbst als eine Art konstruktivistisches Gebilde, in dem verschiedene Personen die gleichen Momente unterschiedlich wahrnehmen und – als Erweiterung des Ansatzes von Filmen wie Rashomon (1950) – ihren Ausgang auf subtile Weise beeinflussen.

Die Angebote der Interaktion

Wenn wir uns also, wie am Anfang postuliert, tatsächlich fragen, wie wir mit unseren Fiktionen interagieren wollen, machen die interaktiven Hörspiele der ARD verschiedene Angebote. Wir können die eigenschaftslosen Schatten im Zentrum einer Handlung sein, durch die wir uns tasten müssen, bis wir aus dem Labyrinth herausgefunden haben (das erfolgreiche Konzept, das auch Escape Games prägt). Oder wir können die Protagonist*innen durch unsere Entscheidungen überhaupt erst mit Eigenschaften ausstatten und sehen, wie sich die Handlung im Spiegel dieser Eigenschaften entfaltet. (Oder beides.)

Obwohl wir im ersten Fall deutlich stärker an den Kontrollen stehen sollten, schließlich sind es unsere Entscheidungen, die den Fortgang der Erzählung steuern, befinden wir uns aufgrund der begrenzten Handlungsmöglichkeiten eigentlich sehr in der Hand der Autor*innen und ihrer Absichten. Im zweiten Fall haben wir weniger Freiheit, das Ruder unseres Handlungsschiffes wild herumzureißen, doch unsere Entscheidungen fühlen sich wichtiger dafür an, wie wir das Erzählte wahrnehmen. Die Ergodizität ist geringer aber signifikanter. Der Plot, das Syuzhet, bleibt von Nutzer*in zu Nutzer*in ähnlich, die Story, die Fabula aber, ist formbar, ist interaktiv.

Wie auch immer man sich entscheidet, die Smart Speaker, obwohl Ursprung der Projekte und Treiber ihrer Entwicklung, sind nicht das beste Medium dafür. Nicht nur beschreibt etwa Projektleiter Christoph Rieth von MDR Next, dass die junge Zielgruppe von Schloss Einstein sich von Hörspielen am liebsten beim Legobauen berieseln lässt. Deswegen findet sie es eher störend, das Spielen alle paar Minuten zu unterbrechen, um eine Anweisung zu geben, die manchmal vielleicht auch nicht sofort verstanden wird. Wer sich hingegen durch die Browserversionen der Werke klickt, hat auch eine größere Klarheit über seine Entscheidungen, mehr Übersicht über die Szenen sowie mehr Autonomie im Vor- und Zurückspringen während einer Szene. Diese Art von Interaktion ist dann doch irgendwie ganz angenehm.

Beitragsbild von Markus Winkler

Stell Dir vor, es ist Informationskrieg, und keiner guckt hin

Von John Reiter

Vier Tage nach dem russischen Überfall auf die Ukraine rief Anonymous Social-Media-User zum Handeln auf: „Geh auf Google Maps. Geh nach Russland. Suche ein Restaurant oder Unternehmen und schreibe eine Rezension. Wenn Du sie schreibst, erkläre, was in der Ukraine passiert.“[1] Mit einer Graswurzel-Kampagne wollte die Organisation der Bevölkerung im medial abgeschotteten, autoritär regierten Russland Informationen jenseits staatlich gelenkter Medien verschaffen. Was auf den ersten Blick wie ein einfallsreicher Akt zivilen Widerstands anmutet, klingt in Medienberichten plötzlich martialisch. Einige Medien griffen zu Kriegsmetaphern wie etwa „Ukraine Activists bombard Google reviews in Russia“ oder „Keyboard Army using restaurant reviews to take on russian state media“.

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Es ist schwer einzuschätzen, wie es auf jemanden irgendwo in Russland wirkt, der so eine Nachricht aus der Anonymous-Aktion auf dem Google-Eintrag eines Restaurants liest. Zumal vor dem Hintergrund, dass die russische Staatspropaganda permanent behauptet, „der Westen“ habe einen „Kulturkrieg“ angezettelt. Den Urhebern dieser Behauptung kämen Medienberichte, die von „Bombardements“ russischer Restaurants durch eine „Keyboard-Army“ schwadronieren, wahrscheinlich eher entgegen.

Die Kriegsmetaphorik wirft weitere Fragen auf: Wer ist verantwortlich, wenn bei so einer grenzüberschreitenden Social-Media-Kampagne etwas schiefläuft? Anscheinend haben sich nicht alle Beteiligten an die Instruktionen von Anonymous gehalten und einige beleidigende, drohende oder rassistische Reviews verfasst. Wird ein Land zur „Kriegspartei“, wenn IP-Nummern der „Keyboard-Army“ dort registriert sind? Möglicherweise hat Anonymous selbst die Risiken der Aktion erkannt und sie – soweit äußerlich erkennbar – nicht mit Nachdruck weiterbetrieben.

Wiederkehrende Kriegsmetaphorik

Was vor dem Hintergrund dieser Schilderung auffällt, ist eine wiederkehrende Kriegsmetaphorik in der öffentlichen Debatte: „Dieser Krieg ist auch ein Informationskrieg“, sagt der medienpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion in der taz. „Wie die Ukraine gezeigt hat, ist der Kampf um die Demokratie ein Informationskrieg, in dem es nicht nur um Panzer und Artilleriegeschütze geht.“, schreiben Maria Ressa und Mark Thompson von einer Medien-NGO in der Welt und sind zuversichtlich: „Es ist ein Krieg, der gewonnen werden kann.“

„Als vermeintlich Unbeteiligte werden wir regelmäßig in den Informationskrieg hineingezogen“, meint ein Autor vom „Freundeskreis Heeresaufklärer“ in einem Blog der KAS. Dessen „Kombattanten“ kennzeichneten sich in den sozialen Medien mit Hashtags und Profilfiltern, teilten Propaganda und verbreiteten Desinformationen. Schüler:innen müssten „in der Schule lernen, die Fake News des Informationskriegs gegen die Ukraine neben dem blutigen Krieg mit Bomben zu verstehen“, moderiert ein Fachportal zur Schulbildung ein Interview mit einer Lehrerin an.

Das sind nur wenige Beispiele. Wer „Ukraine Informationskrieg“ in einer Suchmaschine eingibt, bekommt unzählige weitere Beiträge mit dieser und verwandten Kriegsmetaphern. Das wirft die Frage auf, wie man sich einen solchen „Informationskrieg“ konkret vorstellen soll.

Mit Informationen aufeinander “schießen”?

Desinformationen sind in der digitalen Massenkommunikation allgegenwärtig, aber welche Vorstellungen weckt deren metaphorische Gleichsetzung mit einem Krieg? Es klingt so, als ob die Kriegsparteien mit Informationen gleichsam wie mit Kanonen aufeinander “schössen”. Tatsächlich hat sich in der sicherheitspolitischen Debatte in den zurückliegenden Jahren ein Sprachgebrauch herausgebildet, der die Wirkung von Social Media mit der von Waffen gleichsetzt. Das hat eine Vorgeschichte.

Bei der gewaltsamen, völkerrechtswidrigen Annexion der Krim 2014 hatte Russland – noch anders als 2022 – die Ukraine nicht offen militärisch angegriffen, sondern Separatisten militarisiert, irreguläre Soldaten eingesetzt und umfängliche Desinformationskampagnen betrieben. Dieses Vorgehen wurde in den demokratischen Nationen des Westens sicherheitspolitisch als neue konzeptionelle Qualität „nichtlinearer“ oder „hybrider“ Kriegführung interpretiert und prägt seither die Wahrnehmung der Bedrohungslage. Dazu gehört inzwischen auch, dass Russland Gaslieferungen an Deutschland als politisches Druckmittel in seinem Krieg gegen die Ukraine einsetzt.

Problematisch an den hybriden Bedrohungen ist, dass sie sich im Vergleich zum bewaffneten Konflikt wesentlich weniger eindeutig manifestieren. Überschreitet eine bewaffnete Streitmacht eine territoriale Grenze, ist der feindselige Akt offensichtlich. Bei virtuellen oder politischen Handlungen ist das schon schwieriger zu bestimmen. Die Tragweite eines Cyberangriffs ist besser einzuschätzen als die von Desinformationen. Auch wenn Sicherheitsbehörden „Angriffe durch Desinformation“ als „echte Gefahr“ einstufen, bleibt die Beschreibung des Risikos („das Vertrauen in staatliche Stellen zu untergraben und durch das Befeuern kontroverser Themen gesellschaftliche Konflikte zu vertiefen“) doch verhältnismäßig vage.

Unspezifizierter “Einfluss”

Einschlägige Publikationen bleiben oft unbestimmt, beschreiben ein Risiko der „Beeinflussung“, ohne Objekte, Grad und Richtung des vermeintlichen Einflusses zu spezifizieren. Desinformationsaktivitäten werden quantitativ anhand ihrer Intensität vermessen, obwohl Reichweite nicht mit Wirkung gleichzusetzen ist. Ein Briefing für das EU-Parlament war 2016 mit der Überschrift „An evolving battle of narratives“ versehen, obwohl diese Formulierung im Fließtext des Papiers nicht einmal vorkommt.

Jedenfalls – so erläutern es zwei Experten in einem Beitrag für die BPB – wurde somit die grenzenlose Welt digitaler Kommunikationsverbindungen, der sogenannte „Informationsraum“, zum sicherheitspolitischen Schauplatz: „Im Informationsraum erreicht die hybride Methode ihr in letzter Konsequenz politisches Ziel nicht unmittelbar durch Handlungen, sondern durch die Provokation von Reaktionen auf Handlungen.“ Mit dieser “Methode“ sah sich nun eine sicherheitspolitische Sphäre konfrontiert, die die „größte Verwundbarkeit westlicher Gesellschaften (…) eher im psychischen als im physischen Bereich“[2] erwartete.

Wie ist das zu verstehen? In Sicherheitskreisen ist die Sicht auf kommunikative Belange geprägt von der militärischen Disziplin der Psychological Operations (Psyops) aus der Ära der Weltkriege und aus dem „Kalten Krieg“. Deren Aufgabe ist es ursprünglich, im Falle eines Krieges gegnerische Truppen und eventuell auch deren Heimatbevölkerung kommunikativ zu beeinflussen. Traditionell wurden dafür Flugzettel, Lautsprecherwagen und Kurzwellensender eingesetzt. Im Vergleich zu digitaler Kommunikation, bei der man zumindest leicht herausfinden kann, ob eine Nachricht jemanden überhaupt erreicht hat, entzogen sich diese Mittel allerdings weitgehend einer Messung ihrer Effekte.

Konzeptionell[3] stehen Psyops in der Tradition bestimmter Grundannahmen, zum einen der sogenannten „Massenpsychologie“ nach Gustave Le Bon, also eines eher skeptischen Menschenbilds von der intellektuellen Selbstbestimmung des Individuums, zum anderen des Stimulus-Response-Modells, das davon ausgeht, dass alle Menschen auf bestimmte Reize gleich reagieren.

Skeptisches Menschenbild

Das kann in dieser Sphäre das Paradox erzeugen, dass die offene Gesellschaft von ihren Verteidigern als struktureller Nachteil gegenüber dem Aggressor empfunden wird: „Die Beeinflussung von Debatten durch führende russische Staatsvertreter funktioniert insbesondere in offenen Gesellschaften. Dabei werden sie in den öffentlichen Diskursen als Vertreter ihres Landes zitiert und schaffen es in die Schlagzeilen der großen Mainstream- und Qualitätsmedien. Erfolgreicher kann Desinformation nicht sein, es braucht keine Trolle oder gekaufte Verstärker in den Zielländern: Allein durch ihre Position bringen Regierungsvertreter exklusiv ihre Narrative in die Debatten europäischer Staaten.“

Dass sich in der offenen Gesellschaft jeder selbst und im pluralistischen Kontext ein Bild von den bizarren Statements russischer Regierungsvertreter machen kann, sieht der Autor von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik nicht als Faktor eigener Stärke, sondern des gegnerischen Erfolgs. Die erwähnten „Narrative“ spielen in dieser Weltsicht eine herausgehobene Rolle, wie zwei einschlägige Berater in einer Publikation der KAS darlegen:

 „Die feindlichen Beeinflussungsoperationen, die hinter Desinformation stehen – Onlineveröffentlichungen von absichtlich falschen Aussagen, die zu strategischen Zwecken produziert und zur sozialen Beeinflussung verbreitet werden, beziehen ihre Wirksamkeit aus den Narrativen, die sie in Diskurse einbringen. Diese bilden die Linse, durch die Einzelne die Informationen interpretieren und damit interagieren, und bestimmen die Art der moralischen Lehren und Schlussfolgerungen, die daraus gezogen werden. Feindliche Beeinflussungsoperationen zielen darauf ab, die ‚Herzen und Köpfe‘[4] des Zielpublikums zu gewinnen, es zur Matrix des Aggressors zu bekehren und mit dieser manipulierten Wahrnehmung die Welt und die Ereignisse, die sich in ihr abspielen, zu beurteilen.“

“Counter-Influence-Kampagnen”

Das Narrativ ist demnach also eine „Linse“, die wiederum die Interpretation des Einzelnen „bestimmt“ und ihn somit zur Matrix des Aggressors „bekehrt“. Das klingt dann tatsächlich nach Grundannahmen aus der Zeit des Stimulus-Response-Modells (s.o.). Konsequenterweise schlagen die Autoren „Counter-Influence-Kampagnen“ zur „Bekämpfung kommunikativer Angriffshandlungen“ vor, um die „Deutungshoheit zurückzuerlangen“.

Würde dies Wirklichkeit, könnte ein von Russland ausgerufener „Informationskrieg“ sein strategisches Ziel erreicht haben – nämlich demokratische Nationen dazu zu verleiten, gegen ihre eigenen Werte zu handeln. Diese These bedarf der Erläuterung.

In den USA, wo seit den Wahlen 2016 das Social Science Research Council sich intensiv mit russischer Desinformationsaktivität auseinandergesetzt hat, kam der Rechtswissenschaftler Yochai Benkler 2018 zu dem Schluss: „Wenn der größte Erfolg der russischen Informationsoperationen darin bestand, die politische Kommunikation in Amerika zu verwirren, dann trägt die Überbewertung der Auswirkungen tatsächlich dazu bei, ihren Erfolg zu konsolidieren.“ Ununterbrochene Berichterstattung über Desinformationen und Spekulationen über deren Auswirkungen ohne konkrete Belege nagten stattdessen am Vertrauen in die demokratischen Institutionen.

Zum Informationskrieg gehören zwei

Die Chefredakteurin von Russia Today hat schon vor zehn Jahren in einem Interview verkündet, ihr Sender führe seit dem russischen Einmarsch in Georgien 2008 „den Informationskrieg gegen die gesamte westliche Welt“ und setze dabei eine „Informationswaffe“ ein. Nun gehören zum „Informationskrieg“ aber zwei, also mindestens eine weitere Partei, die sich darauf einlässt. Wer sich den Begriff zu eigen macht, akzeptiert implizit die Behauptung, Informationen könnten im Sinne einer „Waffe“ eingesetzt werden.

Dieser Logik folgend, ist dann gleichermaßen ein paternalistischer Schutz der eigenen Bevölkerung vor deren „Wirkung“, als auch die Selbstverteidigung mit „Informationswaffen“ geboten. Das kollidiert aber mit der Wertewelt demokratischer Staaten, von denen normativ die Absicht zu erwarten ist, ihre Staatsbürger:innen und die Weltöffentlichkeit möglichst sachlich zu informieren. Hierin besteht der grundsätzliche Unterschied der Systeme.

Insoweit kommt es den Interessen Russlands entgegen, wenn westliche Nationen in einen „Informationskrieg“ eintreten. Es ist dabei egal, ob die Metapher und die damit verbundenen Assoziationen einer sophistizierten Desinformationsstrategie entspringen, oder nur zufällig Dynamik entfalten, weil sie den Nerv eines breiten Spektrums potenziell Beteiligter treffen. Was macht dieses Vokabular so attraktiv?

Prägnante Metaphorik

 „Informationskrieg“ stimuliert Ersatzhandlungen: Wer als zivile Bürger:in das eigene Ohnmachtsgefühl angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine entlasten will, kann – siehe die Anonymous-Aktion – auf dem Smartphone russische Restaurants mit Kritiken „bombardieren“ und sich dabei im heimischen Sessel als Teil einer „Keyboard-Army“ fühlen. Auch Regierungen bietet der sicherheitspolitische Fokus auf Desinformationen einen sichtbaren Tätigkeitsnachweis, der von der Auseinandersetzung mit strukturellen Ursachen tangierten Institutionenvertrauens entledigt. 

„Informationskrieg“ als Berichtsgegenstand stützt auch das professionelle Selbstwertgefühl von Journalist:innen, die Fokussierung auf „Narrative“ kommt berufsständischen Trends entgegen. Ohnehin stößt der Nachrichtenjournalismus im Umgang mit Desinformationen handwerklich an seine Grenzen. Typische Beispiele sind die Wiedergabe von Propagandabehauptungen im Indikativ sowie die unreflektierte Übernahme von Drohgebärden oder Euphemismen. Bemerkenswert ist auch, wenn Medien in digitalen Überschriften selbst eine propagandistische Sprache („Kläffer“, „geifern“) übernehmen, die sich im dazugehörigen, sachlich-informativen Text gar nicht wiederfindet[5]. 

„Informationskrieg“ ist als Metapher prägnant und verspricht, Komplexität zu reduzieren. Überdies ist sie in Deutschland anschlussfähig an Brauchtümer wie eine zackige Attitüde politischer Kolumnisten sowie der Neigung zu martialischem Vokabular im Marketing– und Managementwesen.[6] Verbreitet sind in diesem Kontext auch die notorischen Sprachbilder „Echokammer“ und „Filterblase“. Tatsächlich wurden die Begriffe vor mehr als zehn Jahren von einem Internetaktivisten und einem Politikberater aufgebracht. Die damit verbundene Annahme einer algorithmisch bedingten Verengung der Informationsquellen hat sich in der einschlägigen Forschung nicht bestätigt. Dasselbe gilt übrigens auch für die Metapher von der „Spaltung“ der Gesellschaft.

Ballistische Vorstellungswelt

Schließlich: „Informationskrieg“ spricht eine gleichsam ballistische Vorstellungswelt in Militär und Sicherheitsbehörden an und eröffnet damit Möglichkeiten, selbst scheinbar risikolos und ohne großen Aufwand an Mensch und Material aktiv werden zu können. Ein „Informationskrieg“ bedarf keiner teuren Kampfflugzeuge, Panzer oder Kriegsschiffe und es gehen keine lebensgefährlichen Wirkungen von ihm aus. Um kollaterale Effekte für die demokratische Öffentlichkeit einschätzen zu können, bedürfte es einer vertieften Qualifikation in Medienwirkungsforschung, die bislang in dieser Sphäre nicht zum Standard gehört. Das britische Verteidigungsministerium geht ungeachtet möglicher problematischer Assoziationen sogar grundsätzlich von einem „Triumph des Narrativs“ aus – und zwar gleich, ob gegenüber in- oder auswärtiger Öffentlichkeit.

Um die kollateralen Effekte geht es aber. Während in der vordigitalen Zeit eine Wirkung kommunikativer Aktivitäten mehr oder minder beliebig behauptet werden konnte, besteht zumindest in den einschlägigen zivilen Berufsverbänden inzwischen Einigkeit über die Methoden deren Erhebung und vor allem über die Grenzen: „Gezielte Kommunikationsmaßnahmen führen jedoch keineswegs zwangsläufig zu Einstellungs- und Verhaltensänderungen bei den Rezipienten, da Kommunikationswirkungen stets von den Interessen aller Beteiligten beeinflusst werden. Der Einfluss externer Faktoren nimmt von Input zu Outflow zu, während der Einfluss des Kommunikationsmanagements zwangsläufig stufenweise abnimmt.“

Erfolgsbetrachtungen des Dialogmarketings lassen sich nicht auf die politische Kommunikation übertragen. Beim Marketing oder Vertrieb geht es in aller Regel um den Austausch einer mehr oder minder realen Leistung. Der Erfolg bemisst sich daran, wie profitabel ein Produkt im Verhältnis zum Vertriebsaufwand verkauft werden kann. Wenn eine günstige digitale Kampagne nur einen niedrigen einstelligen Prozentsatz an Adressierten veranlasst, ein Produkt zu einem profitablen Preis zu kaufen, ist das ein Erfolg – auch, wenn man den weit überwiegenden Teil nicht erreicht hat. 

Auch die Ergebnisse des dabei verwendeten Instruments Microtargeting sind alles andere als eindeutig. Dass sich dennoch hartnäckig die Legende hält, Microtargeting habe entscheidenden Einfluss auf die US-Wahlen 2016 gehabt, korrespondiert ironischerweise mit dem PR-Narrativ einer zweifelhaften Datenfirma (siehe auch unten), das die Wirkung mit einer „Bombe“ gleichgesetzt hatte. Die Wirksamkeit von Microtargeting ließe sich intensiver erforschen, wenn die Social-Media-Plattformen dafür der Wissenschaft die erforderlichen Daten bereitstellen würden. Daran haben sie jedoch kein Interesse, weil ihr Geschäftsmodell darauf basiert, dass die Kund:innen an die Wirksamkeit glauben.

Normen und Werte abtragen

Während es in der traditionellen Kriegspropaganda also darum ging, taktisch Wahrnehmungen oder Meinungen zu beeinflussen, ist das übergeordnete Ziel heutiger Desinformationsaktivitäten, öffentliche Debatten zu desintegrieren sowie demokratische Normen und Werte abzutragen. Hierin sind sich die russischen Desinformationsakteure und die Demokratiegegner in den westlichen Staaten einig. 

In einschlägigen Pamphleten der amerikanischen Rechtsradikalen[7] sind es die „Social Justice Warriors“ – Menschen mit progressiven gesellschaftpolitischen Einstellungen – die angeblich ihre Narrative hegemonial über die (US-)Gesellschaft ausgebreitet haben und jeden öffentlich „vernichten“ wollen, der abweichende Ansichten vertritt. Der Autor empfiehlt, die Auseinandersetzung methodisch zu eskalieren und die Konventionen des politischen Konflikts außer Kraft zu setzen, so „dass die normalen Regeln des ‚Leben und leben lassen‘ nicht mehr gelten.“

Deshalb können die Regierungen demokratischer Staaten nicht in einen „Informationskrieg“ eintreten: Sie würden selbst dazu beitragen, die für Demokratien konstitutive öffentliche Debatte zu desintegrieren – also, die gesellschaftlichen Konventionen mit einzureißen, auf denen sie gründet. Wer auf „kommunikative Angriffshandlungen“ mit „Counter-Influence-Kampagnen“ reagiert, um die „Deutungshoheit zurückzuerlangen“ (vgl. die Vorschläge der KAS-Autoren oben), lässt sich von seinen Gegnern Art und Mittel der Auseinandersetzung aufzwingen. Er läuft Gefahr, zu Nachrichtenvermeidung, Trotzreaktionen oder Polarisierung beizutragen.

“Deutungshoheit” in pluralistischer Debatte?

Außerdem: Wäre eine demokratische Regierung überhaupt legitimiert, mit Mitteln der „Exekutive Counter-Influence-Kampagnen“ auf die inländische Bevölkerung anzuwenden – ganz abgesehen von der Frage, ob diese die gewünschte Wirkung erzielen? Und nebenbei: Welche Regierung verfügte über ein Instrumentarium, den „Influence“ valide zu bestimmen, den es zu „countern“ gälte? Gibt es in einer pluralistischen öffentlichen Debatte, zumal in der unbeherrschbaren Dynamik digitaler Massenkommunikation, ernsthaft eine „Deutungshoheit“ und wäre diese ein legitimes Ziel einer demokratischen Regierung?

Wenn Marketingleute funktionale Phantasien von der „Steuerung von Meinungen, Einstellungen, Erwartungen und Verhaltensweisen“ durch Kommunikation hegen, ist das nicht weiter problematisch, weil es lediglich um Konsumgüter geht. Regierungen demokratischer Staaten haben aber nur sehr bedingt ein Mandat, Meinungen und Einstellungen ihres Souveräns – also der Staatsbürger:innen – beeinflussen zu wollen. Am Beispiel der „verhaltensbeeinflussenden“ Umweltkommunikation lassen sich die innewohnenden Zielkonflikte gut herausarbeiten. Auch seit den 2010er Jahren diskutierte Kommunikationskonzepte auf Grundlage der sogenannten „Verhaltensökonomik“ stehen vor ungelösten Problemen der Legitimation und der Transparenz.

Allerdings hat dies beispielsweise die Regierung des Vereinigten Königreichs nicht davon abgehalten, seit 2010[8] unter Prime Minister David Cameron die gesamte Regierungskommunikation in einen verhaltensökonomischen Kampagnenapparat umzubauen. Geht es vordergründig darum, auf das Verhalten der Bevölkerung einzuwirken, instruiert die Ebene der Praxisdokumente gleichzeitig zur Beeinflussung von deren Einstellungen. Wenn eine Regierung selbst glaubt, sie könne (und dürfe) ohne weiteres die Einstellungen ihres Souveräns kommunikativ beeinflussen, dann steht einem Influence/Counter-Influence-Kreislauf nichts im Wege.

Wertebasis der Verteidigung

Anscheinend hält sich die Regierung in London zu derlei Aktivitäten für grundsätzlich mandatiert und „traditionelle Unterscheidungen zwischen ‚Frieden‘ und ‚Krieg‘, zwischen ‚öffentlich‘ und ‚privat‘, zwischen ‚Ausland‘ und ‚Inland‘ sowie zwischen ‚Staat‘ und ‚Nicht-Staat‘ [für] zunehmend überholt“. Auch eine solche Sichtweise wird von der Metapher „Informationskrieg“ semantisch unterstützt. Es könnte unter diesen Voraussetzungen allerdings schwierig werden, die Wertebasis zu plausibilisieren, von der aus sich das demokratische gegen das autoritäre System verteidigt.

Vorsorglich ließen sich anscheinend Streitkräfte aus Großbritannien, Kanada und aus den Niederlanden bei einem Nachfolger der bereits erwähnten Datenfirma Cambrigde Analytica in Microtargeting ausbilden. Die kanadische Armee hat das Know-how anlässlich der Covid-Pandemie wohl gleich an der inländischen Bevölkerung ausprobiert, was allerdings umgehend durch Medienrecherchen aufflog und dort seither Politik und Öffentlichkeit beschäftigt. Insoweit hatten die „heilsamen Folgen einer Veröffentlichung“[9] im politischen Diskurs wohl den stärkeren Impact als die „weaponized“ Public Affairs der kanadischen Streitkräfte. Gleichzeitig erzielte die Aktion nach Medienberichten eher das Gegenteil der erwünschten Wirkung.

Reaktanz und Nachrichtenvermeidung

Überhaupt scheint die Möglichkeit, dass Beeinflussungskampagnen in der digitalen Massenkommunikation auch andere, als die gewünschten Effekte hervorrufen könnten, die Informationskrieger nicht zu irritieren[10]. Phänomene wie Reaktanz – also Gegenreaktionen – oder Nachrichtenvermeidung müssten konzeptionell beim Umgang mit Desinformationen eigentlich eine zentrale Rolle spielen – es sei denn, man geht noch immer von Stimulus-Response-Modellen (s.o.) aus, oder ist von Aktionismus getrieben.

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Die Metapher „Informationskrieg“ klingt prägnant und übt Reiz aus, führt aber in die Irre. . Es gibt einen realen, tödlichen Krieg, in dem sich die Ukraine unter unvorstellbaren, realen Opfern gegen die Aggression Russlands verteidigt. Russische Desinformationen und Propaganda sind dessen Bestandteile, aber kein eigenständiges Phänomen darüber hinaus. Außerhalb der Ukraine den Eindruck zu erwecken, von einem „Informationskrieg“ betroffen zu sein, ist im Angesicht deren Opfer eine Anmaßung. Zwar gibt es militärische „Information Operations“, aber insbesondere für „Information Warfare“ existiert keine allgemeingültige Definition.

Auch die Analogie von Information und Waffe ist unpassend. Im Gebrauch von kinetischen Waffen werden reguläre Soldat:innen intensiv trainiert, können deren Wirkung und Flugbahn verhältnismäßig genau einschätzen. Völkerrechtlich sind sie verpflichtet, mögliche „kollaterale“ Effekte, also unbeabsichtigte oder nicht unmittelbar dem militärischen Ziel dienende Folgen im Vorhinein abzuwägen.[11] Eine Wirkung von Botschaften und Bildern in der digitalen Massenkommunikation hingegen lässt sich angesichts der Vielzahl von Variablen nicht in vergleichbarer Form antizipieren.

Kommunikation kann aus Sicht demokratischer Staaten definitiv keine Waffe sein – egal wie viele Interessierte in Politik, Militär und Industrie das mit ihrem Sprachgebrauch nahelegen möchten. Stattdessen verwischt das Kompositum „Informationskrieg“ die definitorische Trennschärfe des völkerrechtlichen Kriegsbegriffs und der Vergleich verharmlost die Wirkung kinetischer Waffen. Auch in anderem Kontext werden militarisierende Sprachbilder oder die sprachliche Gleichsetzung mit Waffen kritisch reflektiert.

Zugleich lädt „Informationskrieg“ zu Ersatzhandlungen anstelle echter, substanzieller und womöglich risikoreicher Aktivität ein.. Die Vokabel mag außerdem dazu verleiten, die eigenen Normen und Werte, die es zu verteidigen gilt, eher als Hindernis wahrzunehmen. Schließlich – und das ist vielleicht am gefährlichsten – könnte sie politische und Funktionseliten der demokratischen Gesellschaft dazu verleiten, ihren Souverän nicht mehr ernstzunehmen.

Vorrang der Bildungspolitik

Als wirklich effektiv hingegen identifizierte die CNN den Ansatz einer Nation, die grundsätzlich in ihren Souverän vertraut und dessen individuelles Urteilsvermögen durch Bildungsprogramme unterstützt. Finnland betreibt seit Jahrzehnten ein ganzheitliches nationales Bildungsprogramm zur „Media Literacy“. Die finnische Bevölkerung verfügt laut dem Media Literacy Index der Open Society Foundation über die ausgeprägtesten Kompetenzen im Umgang mit „Postfaktizismus“.[12] Dieser Ansatz erscheint für demokratische Staaten vielversprechender als „Counter-Influence-Kampagnen“ gegen die eigene Bevölkerung. Deutschland steht im Index mit 62 Punkten auf Platz 8 hinter Finnland mit 78, es besteht also noch Spielraum.

Der Umgang mit Desinformationen sollte demnach vorrangig ein Thema der Bildungs-, nicht der Sicherheitspolitik bleiben. Natürlich müssen Sicherheitsbehörden auch gegenüber Desinformationen staatliche Gefahrenabwehr betreiben können. Dies kann aber nur gelingen, wenn Ursache-Wirkungsbeziehungen der digitalen Massenkommunikation, mögliche Risiken und letztlich staatliche Interventionsmöglichkeiten realistisch eingeschätzt werden. Für demokratische Staaten überwiegt das Risiko von Kollateralschäden an der öffentlichen Debatte den möglichen Verteidigungseffekt eines „Informationskrieges“.

Dass in den USA das gleichnamige rechtsradikale Onlineportal im April 2022 Insolvenz angemeldet hat, sollte Anlass sein, die Metapher „Informationskrieg“ ein für allemal stillzulegen. Um auf einen Slogan der Friedensbewegung in den 1980ern zurückzugreifen: „Stell Dir vor, es ist Informationskrieg, und keiner guckt hin.“

P.S. Eine andere Metapher ließe sich bei dieser Gelegenheit gleich mit abräumen: Die von der WHO leider in die Welt gesetzte „Infodemie“, die sprachlich nahelegt, wer Desinformationen verbreite, sei krank, daher also nicht für sein Handeln verantwortlich und könne medizinisch therapiert werden.


[1] Englische Originalquellen wurden für diesen Text vom Verfasser übersetzt. 

[2] Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, zitiert in obigem BPB-Beitrag.

[3] Vgl. Bussemer, T. (2008), Propaganda. Konzepte und Theorien, 2.Aufl., Wiesbaden: 63ff

[4] Auch die etwas holprige Übersetzung „Herzen und Köpfe“ deutet auf einen konzeptionellen Hintergrund der Psychological Operations hin.

[5] Zugriff am 17.07.2022. Die Überschrift lautete „Putins Kläffer geifern um die Gunst“, während im dazugehörigen, sachlich-informativ gehaltenen Text entsprechend von „buhlenden Funktionären“ die Rede ist.

[6] Vgl. auch Chapoutot, J. (2021): Gehorsam macht frei. Eine Geschichte des Managements – von Hitler bis heute, München: 93ff (Kapitel: „Die Kunst einen [Wirtschafts-] Krieg zu führen“).

[7] Vox Day (aka Theodore Beale, 2015): SJW always lie. Taking down the thought police, Zug: Chapter 7, What to do wen SJW attack (o. Seitenzahl)

[8] S. Graf, R. (2018): Verhaltenssteuerung jenseits von Markt und Moral: in VfZ 66: 436

[9] Formulierung des deutschen Bundesverfassungsgericht 1966 in einem Urteil über die sogenannte „Spiegel-Affäre“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Spiegel-Aff%C3%A4re), bei der das Bundesverteidigungsministerium auf Grund eines Berichts des gleichnamigen Magazins Strafverfolgung wegen Landesverrats veranlasst hatte: „Vielmehr ist diesem gewiß sehr wesentlichen Interesse [der Geheimhaltung] gegenüberzustellen das sich aus dem demokratischen Prinzip ergebende Anrecht der Öffentlichkeit an der Information und Diskussion der betreffenden Fakten; hierbei sind auch die möglichen heilsamen Folgen einer Veröffentlichung in Rechnung zu stellen. So kann etwa die Aufdeckung wesentlicher Schwächen der Verteidigungsbereitschaft trotz der zunächst damit verbundenen militärischen Nachteile für das Wohl der Bundesrepublik auf lange Sicht wichtiger sein als die Geheimhaltung; die Reaktion der Öffentlichkeit wird die zuständigen Staatsorgane normalerweise veranlassen, rechtzeitig für Abhilfe zu sorgen.“ BVerfGE 20/162, 1966 (Abs. 49).

[10] Vgl. den oben zitierten OCCRP-Bericht: „Behavioral Dynamics Methodology was twice analyzed by the British Defense Science and Technology Laboratory to determine whether it was effective, but the results were inconclusive, according to documents obtained through Freedom of Information legislation.“ https://www.occrp.org/en/37-ccblog/ccblog/13225-governments-have-failed-to-learn-from-the-cambridge-analytica-scandal

[11] Erstes Zusatzprotokoll zu den Genfer Abkommen von 1949, Art 35.: „Es ist verboten, Waffen, Geschosse und Material sowie Methoden der Kriegführung zu verwenden, die geeignet sind, überflüssige Verletzungen oder unnötige Leiden zu verursachen.“

[12] Original: „the post-truth-phenomenon“.

Foto von Clark Gu auf Unsplash

Ein amerikanischer Cäsar – Die Rechte in den USA flirtet mit einer gefährlichen historischen Idee

von Annika Brockschmidt

Derzeit führen in den USA sprichwörtlich alle Wege nach Rom – zumindest, wenn es nach der amerikanischen Rechten geht. Angesichts der Durchsuchung von Trumps Florida-Anwesen in Mar-a-Lago durch das FBI gehen konservative Politiker, Medienvertreter und Influencer auf die Barrikaden – bisher nur sprichwörtlich, auch wenn die Aufrufe zur Gewalt von Seiten der Basis sich mehren. Besonders beliebt bei der amerikanischen Rechten sind dabei derzeit Verweise auf das Alte Rom: Madison Cawthorn, Abgeordneter für North Carolina, verglich das Vorgehen des FBI mit “der Zeit, als Sulla an die Macht kam”, und Tom Fitton, Chef des rechten Think Tanks “Judicial Watch” spricht vom “Rubikon”, der überschritten sei. 

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Doch diese krawalligeren Erscheinungen des amerikanischen Konservatismus sind bei weitem nicht die einzigen, die sich in Vergleichen mit dem Alten Rom ergehen: Rod Dreher, Orban-Sympathisant, rechtskonservativer Publizist und eine der bekanntesten intellektuellen Stimmen der Religiösen und Politischen Rechten, fühlt sich durch die Hausdurchsuchung beim früheren Präsidenten “an die späten Tage der Römischen Republik” erinnert. Diese Rhetorik zeichnet wechselweise Biden, FBI-Chef Christopher Wray, das Justizministerium, das gesamte FBI oder alle gemeinsam – als aufstrebende Diktatoren, die sich bereit machen, gen Rom – beziehungsweise Washington – zu marschieren. 

Es ist an sich nichts Neues, dass die amerikanische Rechte ihre politischen Gegner als Möchtegern-Diktatoren framed. Diesmal steckt hinter ihrer Fixierung auf die späte Römische Republik aber auch etwas anderes. Denn hinter der Rhetorik verbirgt sich mehr als die geläufige Dämonisierung der Gegenseite: Hier wird eine intellektuelle Berechtigungsstruktur für eine radikale Idee geschaffen, die in der amerikanischen Rechten immer mehr Fahrt aufnimmt: der Cäsarismus. Eigentlich kommt dieses polit-philosophische Modell von Herrschaft unter diesem Namen im 19. Jahrhundert auf, basierend auf den Erzählungen von Cäsars Übernahme der Römischen Republik als Diktator auf Lebenszeit. Die amerikanische Rechte hat die Idee jedoch für sich entdeckt und spielt seit geraumer Zeit, mal mehr, mal weniger offen damit. Der Trend geht derzeit zum Mehr.  

Autoritäre Erzählung

Die Erzählung ist so einfach wie autoritär: Die amerikanische Republik (keine Demokratie, das wird gern und oft betont) sei wie einst die römische gelähmt, zerfressen von Korruption und handlungsunfähig. Unterstützt wird diese These durch die Blockade der eigenen Leute – vornehmlich der Republikaner im Senat – wo auch immer es möglich ist. So soll Frustration geschürt werden – während die Rufe nach einem “starken Mann”, der die Macht übernimmt und “aufräumt” lauter werden. So führt die Behauptung, die Republik sei in Gefahr, zur un-republikanischen Forderung eines Cäsars. 

Ihr amerikanischer Cäsar hätte nichts mit dem historischen am Hut – außer seiner Stellung als Alleinherrscher, als Lenker eines Imperiums, in dem die ihm Gewogenen belohnt und die Übrigen bestraft werden. Der amerikanische Cäsarismus, von dem die Rechte träumt, ist eine Form des Neo-Faschismus. Wer in Washington unterwegs ist, trifft an jeder Ecke des Stadtzentrums auf den Einfluss klassizistischer Architektur, die die historische Obsession der USA mit der Ästhetik und Architektur des alten Roms widerspiegelt. Besonders die Rechte betont jedoch den Bezug zum Altertum gern – wie Trump, der 2019 behauptete, die USA und Italien seien durch ein “gemeinsames kulturelles und politisches Erbe” verbunden, “tausende Jahre Geschichte von heute bis ins Alte Rom” verbinden. Hier wird das alte Rom nicht als demokratisches Modell hochgehalten, sondern dient als ästhetisiertes Idealmodell und Code für “westliche”, sprich christliche, weiße Kultur. So ist es wenig verwunderlich, dass unter Trump neue Bundesgebäude nur im klassizistischen Stil errichtet werden sollten. Unter Biden wurde diese Exekutivverordnung wieder rückgängig gemacht.   

Faschistische Ästhetik

Nicht umsonst hat schon der historische Faschismus die Ästhetik des Altertums für sich entdeckt, um einen Fiebertraum militanter Männlichkeit und genozidaler Auslese in einen pseudo-historischen Rahmen zu gießen. Faschismus ist eine Ideologie, die durch und durch ästhetisiert ist – diese Ästhetik jedoch nicht selbst schafft, sondern sie sich andernorts ausleihen muss. Und so ist es nicht verwunderlich, dass auch die Optik des Altertums (oder das, was sich die Rechte darunter vorstellt)  in den USA Hochkonjunktur hat. Besonders Sparta hat es ihnen, was die Ästhetik angeht, angetan: So finden sich bei den Oath Keepers, aber auch generell bei Aufmärschen anderer rechter Gruppen immer wieder spartanische Helme. “Molon labe”, alternativ in der Englischen Übersetzung “Come and Take (Them)”, ist zum Wahlspruch radikaler Waffennarren geworden. 

Die Aussage hatte Plutarch dem Spartaner-König Leonidas zugeschrieben, als dieser bei der Schlacht an den Thermophylen vom Perserkönig Xerxes aufgefordert wurde, seine Waffen niederzulegen. Auf diese Schlacht bezieht sich auch der Film “300”, dessen faschistische Ästhetik sich bei der Rechten großer Beliebtheit erfreut. Von Tucker Carlsons und Senator Josh Hawleys Fantasien halbnackter militanter Männlichkeit ist es nicht weit bis zu den offen faschistischen Aussagen eines Viktor Orbán, der sich erst jüngst gegen die “Rassenmischung” zwischen Europäern und Nicht-Europäern aussprach. Danach war er Gast bei CPAC – der Conservative Political Action Conference in Dallas – nicht unbedingt trotz, sondern vielleicht sogar gerade wegen Äußerungen wie dieser. 

Wer sich nun wundern mag, weshalb sich die Republikaner als “Back the Blue”-Partei nun so gegen eine Hausdurchsuchung des FBI wehren, von staatlicher Willkür sprechen, wo sie doch sonst die selbsternannte Partei von “Recht und Gesetz” sind, hat den Kern des amerikanischen konservativen Projekts nicht verstanden. Thomas Zimmer, Professor an der Georgetown University, zeigt, dass Vorwürfe von Republikanischer Scheinheiligkeit inhaltlich ins Leere gehen: “Die Forderung nach einer unterschiedlichen Behandlung verschiedener Gruppen durch das Gesetz ist nur dann heuchlerisch, wenn man an die Gleichheit vor dem Gesetz glaubt. Aber Konservative tun das ausdrücklich nicht. Eine scharfe Unterscheidung zwischen denen, die an die Regeln gebunden sein sollen (‘die anderen’) und denen, die es nicht sind (‘wir’), war schon immer das Herzstück des konservativen politischen Projekts”, schreibt er auf Twitter.

Ein alter Schlachtruf

Die Träume von einem amerikanischen Cäsar sind übrigens längst nicht mehr nur an den extremen Rändern der Rechten zu finden. Curtis Yarvin – ein selbsternannter rechter Philosoph, der einst Breivik kritisierte – nicht wegen der Morde auf Utoya, sondern weil die Morde ineffektiv gewesen seien – war beispielsweise zu Gast beim “The American Mind Podcast” des Claremont Institutes. Das Claremont Institute, einst ein libertär-konservativer Think Tank in der Tradition von Leo Strauss, hat sich in den letzten Jahren zur intellektuellen Speerspitze des Trumpismus entwickelt. 

Dabei flirten das Institut und seine Vertreter auch mal offen mit dem Faschismus: Wie Glenn Ellmers, der in dem Magazin des Instituts, “The American Mind”, letztes Jahr einen  Aufsatz mit dem Titel “Konservatismus ist nicht mehr genug” schrieb, in dem er sich dafür aussprach, dass man das Amerikaner-Sein nicht mehr an der Staatsbürgerschaft festmachen könne, sondern nur noch an der politischen Einstellung. All diejenigen, die 2020 nicht Trump gewählt haben, sind für ihn keine “echten” Amerikaner. 

Insofern dürfte es wenig überraschen, dass das Claremont Institute auch  offen mit dem Cäsarismus flirtet. Yarvin, bekannt unter dem Pseudonym Menicus Moldbug, – dessen Einladung allein schon ein Skandal hätte sein sollen – verkehrt jedoch nicht nur im Dunstkreis des Instituts, sondern feiert anscheinend auch mit der durch Peter Thiel gesponserten Nachwuchs-Riege der Republikanischen Neo-Faschisten Partys, wie ein Vanity-Fair-Reporter berichtete – der währenddessen auf einer dieser Feiern einen offensichtlich völlig ahnungslosen SPIEGEL-Journalisten antraf, der gerade Yarvin interviewt hatte, ohne überhaupt zu wissen, mit wem er es da zu tun hatte.. 

Das Claremont Institute spielt heute eine große Rolle bei der intellektuellen Verkleidung radikaler, extremistischer Positionen, die die Demokratie nicht nur gefährden, sondern sogar offen ihr Ende fordern. Aufgrund der Bewegung des Cäsarismus weg vom extremen Rand des amerikanischen Konservatismus hin zur salonfähigen Diskussionsmeinung in konservativen intellektuellen Spaces warnen Experten seit längerem vor Äußerungen wie denen des Senators Mike Lee aus Utah, der gern darauf beharrt, die USA seien eine “Republik, keine Demokratie”.

Auch dieser Schlachtruf ist nicht neu, sondern geht auf die rechtsextreme John Birch Society zurück. Dahinter steckt die konservative Überzeugung, dass dem Volk mit der Wahl seiner Regierung nicht zu trauen sei und deswegen eine Herrschaft der Mehrheit im Zweifel verhindert werden müsse, es sei denn, es ist die eigene. Auch hier zeigen sich mit den rechten Vordenkern und Strategen William F. Buckley und Paul Weyrich konservative Traditionslinien. Beide haben aus ihrer Verachtung für die Demokratie, wenn diese ihrem Machterhalt im Weg stand, keinen Hehl gemacht. Gleichzeitig liefert es die rhetorische Grundlage, den Weg für denjenigen freizumachen, der in den Augen der Rechten das durch Säkularismus korrumpierte Amerika retten kann: einen neuen Cäsar, einen Alleinherrscher – einen, der die Herrschaft der Minderheit Weißer Christen mit allen Mitteln sichern kann, ohne durch lästige Dinge wie ein Parlament eingeengt zu werden. So historisch daneben die Rom-Analogien von Cawthorn und Co. auch sein mögen, so wenig sie auch über die tatsächliche römische Geschichte wissen (da wäre ein Vergleich Trumps mit Catilina beispielsweise eher angebracht) – ernstnehmen sollten wir ihren Traum von einem amerikanischen Cäsar trotzdem.

Foto von Ilona Frey auf Unsplash