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Social-Media-Benimmkolumne: Wie man sich unmöglich macht – Nonmentions und Snitchtagging

von Franziska Reuter

Das größte Problem von Social Media ist, dass Menschen sich online schlechter benehmen als im echten Leben. Fast niemand würde doch zu einem Fremden auf der Straße gehen und sagen, hey, hast du den Mantel aus der Altkleidersammlung? Online passiert so etwas ständig. Die gängige Interpretation dieses Phänomens lautet: Es fällt Menschen schwer, die Reaktion auf ihr Verhalten zu antizipieren, wenn sie ihr Gegenüber nicht sehen können. Dann wirkt die Person, die man beleidigt, nicht wie eine echte Person, die man vielleicht verletzen könnte, sondern nur wie ein Account.

Ich sehe das anders. Ich bin davon überzeugt, dass Leute, die sich online schlecht benehmen, auch im richtigen Leben unangehm sind und das nur kaschieren, weil es ihnen sonst selbst zu sehr schaden würde. Wer sich in jeder Kommunikation aufführt wie die Axt im Walde, wird bald privat sehr einsam werden und im Job nicht vorankommen. Auf Social Media hingegen muss man schon enormes Pech haben oder sich extrem mies verhalten, um echte Konsequenzen dafür zu spüren. 

Kein Wunder, dass viele Menschen dort gern Dampf ablassen. Sie wissen natürlich, dass sie andere damit verletzen. So wie man selbst ein Mensch mit Gefühlen hinter einem Account ist, steht woanders auch ein Mensch mit Gefühlen hinter jedem Account. Das zu kapieren ist etwa so komplex, wie sich selbst im Spiegel zu erkennen. Und das gelingt meist spätestens im Alter von zwei Jahren. 

Nun gehen nicht alle Social-Media-User mit offenen Beleidigungen ans Werk. Es gibt zwei etwas subtilere und trotzdem unangenehme Methoden, die einen ähnlichen Zweck erfüllen. Nummer eins: Nonmentions.  Für die Glücklichen, die nicht wissen, was eine Nonmention ist: Jemand ärgert sich über jemanden und verfasst ein Posting, in dem das Ärgernis auf verklausulierte Weise benannt wird. Dabei werden nie Namen und selten konkrete Ereignisse erwähnt.

Es braucht wahrscheinlich ein Beispiel. Nehmen wir etwas Undramatisches. Klaus und Beate kennen sich über Twitter und chatten hin und wieder. In einer dieser Nachrichten schreibt Beate, sie liebe Coldplay. Klaus schreibt daraufhin einen öffentlichen Tweet, der in etwa lautet: Manche Menschen haben überhaupt keinen Musikgeschmack, und für solche Leute habe ich nun wirklich keine Zeit. Das ist schon ziemlich gemein. Aber üblicherweise geht es um viel ernstere Themen als Musik, nämlich um Politik oder Lebensstile oder Kindererziehung. Das tut viel mehr weh. Und es ist gar nicht so ungewöhnlich, dass vorher ein privater Kontakt stattgefunden hat, denn es braucht schon eine gewisse Fallhöhe, damit jemand eine Nonmention verfasst.

Natürlich gibt es harmlose Nonmentions. Liebeskummer hat schon sehr viele davon verfasst. Es wäre auch harmlos und nett, wenn Klaus sich weiter mit Beate unterhalten hätte, aber sein Tweet lautete: Da denkst du, du kennst einen Menschen allmählich, und dann outet der sich plötzlich als Coldplay-Fan. Nonmentions sind nicht prinzipiell unverschämt. Nur eben oft in der Ausführung. Außerdem ist ihr Publikum völlig unklar: Richtet sich das Posting an die Person, die dort beleidigt wird – wenn ja, warum kann man ihr das nicht einfach direkt mitteilen? Richtet es sich an alle Follower, von denen die meisten doch keine Ahnung haben, worum es überhaupt geht, und sich bestenfalls ausgeschlossen fühlen? Oder ist es nur etwas, das irgendwie raus muss? Da täte ein Selbstgespräch bessere Dienste als Social Media. Wer erwägt, aus Ärger eine Nonmention zu verfassen, sollte dringend sein Handy weglegen und mal um den Block laufen. Und wer eine Nonmention sieht, egal an wen sie gerichtet ist, sollte sie ignorieren. Man darf dieses Verhalten nicht mit Aufmerksamkeit belohnen – nicht mal mit negativer Aufmerksamkeit.

Das bringt uns zur zweiten Methode, andere Menschen anzugreifen: Snitchtagging. Wahrscheinlich gibt es einige Menschen, die sich gar nichts Böses denken, wenn sie es betreiben. Umso wichtiger ist Aufklärung. Auch hier ein Beispiel: Klaus hat einen Artikel verfasst. Drei Menschen, die ihn nicht näher kennen, unterhalten sich online über den Artikel und sind anderer Meinung, finden vielleicht sogar den Artikel schlecht und artikulieren das. Auftritt Beate, die sich in das Gespräch mischt mit den Worten: “Also ich lese die Artikel von @Klaus eigentlich immer gern!” 

Man kann über die Motivation dazu streiten. Womöglich will sie ihn verteidigen, ist aber nicht altruistisch genug, um das außerhalb seines Sichtfeldes zu machen. Womöglich geschieht es aus einem fehlgeleiteten Sinn für Fairness. Womöglich findet Beate aber auch, dass Klaus ruhig mal mitkriegen kann, dass seine Artikel nicht sonderlich geschätzt werden, damit er nicht zu selbstbewusst wird.

Das ist einer von zwei Effekten des Snitchtaggings: Die Person, um die es geht, bekommt mit, dass jemand schlecht über sie redet. Ist es fair ihr gegenüber, sie darauf aufmerksam zu machen? Für diese Einschätzung lohnt es sich oft, die Szene ins echte Leben zu übertragen. Es gibt also eine Party, eine sehr große Party, viele dort kennen einander nicht. In der Küche diskutieren drei Leute über Klaus’ Artikel. Beate hört das mit und brüllt in den Flur: “Klaus! Klaus, komm rüber, hier sagt jemand, du argumentierst wie ein Drittklässler!” 

Wahrscheinlich ist Klaus gerade in einem angenehmen Gespräch über französische Rotweine und will weder erfahren, was über ihn gesagt wurde, noch selbst mitdiskutieren. Aber jetzt hat er die Wahl nicht mehr: Alle wissen, dass er es jetzt weiß, also muss er irgendwie reagieren. Verteidigt er sich, wozu er nun wirklich nicht verpflichtet ist? Bittet er darum, aus der Konversation genommen zu werden? Ignoriert er den Thread? Egal, was Klaus tut, seine Laune ist schlechter als vorher.

Klaus ist natürlich nicht der einzig Betroffene hier. Die drei Diskutanten stehen ebenfalls blöd da. Und zwar zu Unrecht: In Abwesenheit über Menschen oder ihre Arbeit zu sprechen, sogar negativ, ist ein völlig normaler Vorgang. Deshalb ist es auch nicht angemessen, hier mit Fairness zu argumentieren. Das gilt natürlich nicht für Freunde. Aber wenn Klaus mit den Lästernden befreundet wäre, hätte Beate ihm besser eine private Nachricht geschickt und ihm damit selbst überlassen, ob er so tun möchte, als hätte er den Vorgang nicht mitbekommen. Beate wiederum verdirbt es sich mindestens mit denen, in deren Diskussion sie sich eingeschaltet hat. 

Beim Snitchtagging verlieren also alle Seiten. Das macht es so erstaunlich, dass Leute es weiterhin durchziehen. Man muss schon ausgesprochen tone deaf sein, um nicht zu merken, dass man die Stimmung aller ruiniert. Oder man macht das mit Absicht und gerne, weil man es liebt, wenn andere Menschen sich schlecht fühlen. Damit verdient man es sich redlich, großflächig geblockt zu werden. Ich selbst habe schon Snitchtagger auf Twitter geblockt, die gar nicht mich bloßgestellt haben, sondern andere Leute. Das kann ich sehr empfehlen. Im echten Leben würde man ja auch verstummen, wenn plötzlich die intriganteste Person des Bekanntenkreises neben einem steht, um ihr keine Munition zu geben. Das ist auf Social Media nicht anders.

Foto von charlesdeluvio auf Unsplash

Von Twitter zu Mastodon – Gedanken über Medienaneignungen

von Robert Heinze

Twitter ist ein schnelllebiges Medium. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass man dort die fünf Phasen der Trauer angesichts der Übernahme der Plattform durch Elon Musk innerhalb von sieben Tagen durchlief, teilweise gleichzeitig. Gut, die Phase des Nicht-Wahrhaben-Wollens dauerte eigentlich schon an, seit der Kauf von Twitter  im April das erste Mal angekündigt worden war. Im Frühjahr war es nur eine kleine gallische Vorhut, die sich vorsichtig in Richtung Mastodon bewegte. Nachdem „Apartheid Clyde“ (Azealia Banks über Musk) mit einem Waschbecken ins Twitter-Hauptquartier (als Spiel mit dem Pun „Let that sink in“) gelatscht war, wurde die Flucht von der Plattform zu einer Welle, die die Server vieler größerer Mastodon-Instanzen überlastete, ebenso wie ihre Administrator*innen. Eugen Rochko, Entwickler der Software, die Mastodon zugrunde liegt, und Administrator der größten Instanz mastodon.social, berichtete in seinem letzten Update von gut einer Million aktiver Nutzer*innen insgesamt im letzten Monat, einer halben Million neuer Nutzer*innen und dazu mehr als tausend neu aufgesetzten Servern.

Gleichzeitig entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit auf Twitter ein Metadiskurs, ob Mastodon wirklich eine Alternative zu Twitter sei, was daran gut (nicht vom Marsdiktator in spe kontrolliert), schlecht (von niemandem kontrolliert), ganz nett (Verhaltensregeln, Atmosphäre), unbrauchbar (Usability) sei. Diskutiert wird, ob man trotz Gewohnheit und der Follower*innen, die man zusammengetragen hat, wirklich die „Höllenseite“ (Twitter über Twitter) verlassen solle. Daneben gibt es Anleitungen, Bekundungen, dass man bloß nicht denken solle, Mastodon sei wie Twitter, freundliche Mahnungen, geduldig zu sein und etwas zu erkunden, und die üblichen Witze über den Cringe der neuen Plattform (Tweeten heißt beispielsweise auf Mastodon auf Englisch „Toot“, was im Alltag eher Furzen als Tröten bedeutet). 

Metadiskurse über Medien

Im Ernst: Als Medienhistoriker beobachtet man die Entwicklung gerade mit einer gewissen Faszination. Metadiskurse über Medien sind schließlich nichts Neues. Der Radiohistoriker Andy Kelleher Stuhl hat in einem Blogbeitrag auch schon eine historische Einordnung versucht. Der Metadiskurs reiht sich in eine lange Geschichte der Medienaneignung ein, die vor allem seit dem Aufkommen technologisch komplexerer Massenmedien nach Stuhls explorativem Modell in ziemlich ähnlicher Weise verläuft: Bei der Einführung eines neuen Mediums gibt es eine relativ offene Experimentierphase, in der noch unklar ist, welche soziotechnische Form es eigentlich annehmen wird. Diese stabilisiert sich irgendwann – ein Medium etabliert sich (z.B. als „Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk“ oder als Internet mit Standards wie TCP/IP-Protokollen, HTML als Programmiersprache für Websites und Institutionen, die sie durchsetzen und pflegen); dann automatisieren sich Prozesse und werden kapitalistisch verwertbar. 

Diese kapitalistische Verwertung höhlt sie irgendwann aus und verflacht die sinnhafte Ausdifferenzierung einzelner Kanäle, die ein Identifikationsangebot an Nutzer*innen machten. Darauf reagieren Nutzer*innen, indem sie sie zunehmend verlassen. Mit Verbreitung der Technologien und der „Protokolle“ (also Regelwerke) ihrer Nutzung werden aber auch die Möglichkeiten kreativer und neu konfigurierter Aneignung mehr, und das geringer werdende Interesse kapitalistischer Betreiber lässt den Medien wieder mehr Platz für explorative, experimentelle Nutzung. Am Beispiel des Web 2.0 wäre die Blogkultur ein Phänomen der frühen Phase, als noch relativ offen war, wie sich das interaktive Web entwickeln würde; die sozialen Medien sind ihre kapitalistische Weiterentwicklung, die jetzt in eine Stagnationsphase eintritt. 

Die aktuelle Beliebtheit von Mastodon wäre in diesem Modell die Reaktion auf diese Stagnation – Twitter zum Beispiel hatte bereits vor der Übernahme durch Musk Probleme. Dieses Entwicklungsszenario ist ein grobes Schema, und Stuhl gibt in seinem Blogbeitrag selbst zu, dass der experimentelle Strang vor allem in technisch relativ unaufwändigen Medien wie Radio und Internet immer da war und ist. Mastodon gibt es ja auch schon seit 2016, und es hat eine stabile, wenn auch kleine User*innenbase.

Mastodon ist dabei insofern weiterentwickelt, als es sehr bewusst so konstruiert wurde, dass bestimmte Dynamiken von Facebook oder Twitter unterlaufen werden. In seinem dezentralen und organisch entstehenden Ethos gleicht Mastodon früheren Alternativmedien, zum Beispiel den Freien Radios, die mehr auf Selbstermächtigung der Nutzenden zielten als auf Reichweite. Diese Selbstermächtigung, das zeigt eine Anekdote von Raul Zelik, konnte sogar über ihr üblicherweise offen erklärtes Ziel hinausgehen, marginalisierten Stimmen eine Öffentlichkeit zu verschaffen.

Medienproduktion als Medienkompetenztraining

In einer Favela in Caracas, so beschrieb es Zelik in einem Sammelband zur bolivarianischen Bewegung Anfang der 2000er in Venezuela, hatte sich im Zuge der Bewegung ein selbstorganisiertes Community-Radio gegründet. Sein Sender war nicht sehr stark und deckte nicht einmal die ganze Favela ab. Trotzdem arbeiteten viele aus der Favela im Radio mit. Es ging gar nicht darum, dass die Community ihr eigenes Medium hatte. Vielmehr stellte sich ein ganz anderer Effekt ein: Die im Radio arbeitenden Freiwilligen, die zum ersten Mal auf der anderen Seite der Medienproduktion – nämlich der redaktionellen, journalistischen und produzierenden – standen, begannen ihren eigenen Medienkonsum bewusster zu reflektieren. 

Die Beschäftigung mit und das Erlernen von Techniken der Informationsverarbeitung und -präsentation hatte ihnen viel bewusster gemacht, wie sehr die Medien, die sie konsumierten, ihre Weltsicht prägten. Sie hatten selbst das medial vermittelte Bild der Favela als Ort von Elend, Gewalt und Kriminalität internalisiert. Es war weniger die Bereitstellung alternativer Inhalte über ein populäres Medium als die eigene Arbeit daran, die den Effekt des Community Radios ausmachte.

Das hier Geschilderte ist kein einfacher Vorgang. Ich habe selbst in meiner Arbeit für Freie Radios erfahren, dass es etwas ganz anderes ist, sich auf einer akademischen Ebene mit Medien (-geschichte, -theorie usw.) zu befassen als in der Praxis zu arbeiten. Aktuell sehe ich in den Diskussionen um die „Migration“ von Twitter auf Mastodon, wie kompliziert der Vorgang eigentlich ist. Viele Twitteruser*innen bilden sich einiges auf ihre Medienkompetenz ein, denn sie sind in großer Zahl in Medien, der Akademie oder ähnlichen Bereichen tätig. Twittererfahrung und die besonders abgeklärte Beherrschung algorithmischer Dynamiken sind wichtige Distinktionsmerkmale auf der Plattform. 

Ich nehme mich da auch selbst gar nicht aus und musste schon ein paar Mal erkennen (nicht auf so spektakulär-virale Art wie Andere), dass ich selbst bei allem Bewusstsein über die algorithmischen Dynamiken von Twitter zu deren Opfer wurde. Umso erstaunlicher ist es, gerade dabei zuzuschauen, wie sich Veteran*innen von Twitter mühsam auf eine Plattform einstellen, die Twitter gerade ähnlich genug ist, dass man sein Medienerlebnis und seine Communities von dort übertragen will, aber gerade anders genug, dass sich dabei Reibungseffekte ergeben.

Mastodon und Twitter

Dabei besteht der Fehler schon darin, zu denken, Mastodon sei wie Twitter, nur unkommerziell. Mastodon ist auch nicht einfach ein „besseres“ oder „anderes“ Twitter, das auf bestimmte Aspekte von Twitter verzichtet und offen für Selbstverwaltung ist. Die Architektur von Twitter ist zu einem nicht geringen Teil bestimmt durch seine Funktion. Auf der Plattform sollen letztendlich möglichst viele Daten und ein möglichst großes Publikum gesammelt und gehalten werden. Das Ziel ist die Plattform profitabel zu machen, auch wenn Twitter dieses Ziel noch nie erreicht hat. Fällt dieses Ziel weg, ist die Form nicht nötig: Es braucht dann keine Strategien, um Nutzer*innen möglichst lange auf der Seite zu halten und die Plattform muss nicht um einen zentralen Algorithmus als Sortierfunktion gebaut werden, der diese Strategien ermöglicht bzw. geradezu erzwingt. 

Quote-Tweets, der Fokus auf Metriken in Form von Retweets und Likes, die ständigen Benachrichtigungen, an die wir uns gewöhnt haben, waren nicht von Beginn an Teil von Twitter, sondern wurden erst im Verlauf seiner Entwicklung hinzugefügt. Sie förderten nicht Gespräche, sondern Verbreitung und das Selbstmanagement von Verbreitung. Die Vorteile von Twitter – die Möglichkeit eines breiten Echoraums auch für marginalisierte Anliegen, die Möglichkeiten zum Aufbau und zur Pflege von Communities, die gegenseitige Kommunikation und Hilfe, der anarchische Witz – sind trotz und gegen diese zentrale Dynamik entstanden. Natürlich ist das Ziel bei Mastodon ein anderes. Aber Mastodon tut mehr: Indem es darauf verzichtet, die Beiträge der Timelines, Followempfehlungen und Hashtags algorithmisch nach Popularität zu sortieren, und eine föderierte, moderierte Struktur verschiedener Ebenen an Interaktion konstruiert, ermöglicht es seinen User*innen (zwingt sie aber auch), stärker selbst zu überlegen, wie, mit wem und über welche Inhalte sie miteinander interagieren wollen.

Open Source Traditionen

Mastodon reiht sich damit in eine Tradition des offenen, dezentralisierten Internets ein. Es wird oft (wegen der Art, wie Server miteinander kommunizieren) mit E-Mail verglichen, aber eigentlich kommt es eherden Blogs näher – zumal durch die höhere Zeichenanzahl der ursprünglich mal für Twitter gebrauchte Begriff „microblogging“ viel passender erscheint. Vor allem aber bringt mich Mastodon wie das kleine Radio in Caracas dazu, viel bewusster über meinen Gebrauch und Konsum von und mein eigenes Verhalten auf Twitter nachzudenken. Ich überlege genauer, wem ich folge und warum, in welche „Bubbles“ ich mich begebe, wenn ich mich auf bestimmten Instanzen anmelde. Selbst meine Kommunikation in den DMs ist eine ganz andere, weil ich mir viel bewusster darüber bin und es auf Mastodon auch klarer ausgesprochen wird, dass diese Gespräche nicht privat sind.

Das bedeutet auch: Arbeit. Wir müssen jetzt selbst miteinander absprechen, wie wir uns vernetzen; wir machen Listen, richten Gruppen ein, überlegen, auf welchen Instanzen wir uns anmelden, und wie, mit wem und über was wir kommunizieren. Das war auch auf Twitter immer schon Thema, aber lief dort häufig als eine Art konsequenzloser Nebendiskurs, während Likes, Retweets und „Ratios“ weiterhin selbstverständlich als Währung unserer Interaktionen anerkannt wurden. 

Ob dieses neue auf Mastodon geschaffene Bewusstsein Bestand hat, bleibt abzuwarten. Mastodon, mit seinen vielen einzelnen Admins, ist kein basisdemokratisches Medium. Sein Entwickler, Eugen Rochko behält weiterhin die Kontrolle und endgültige Entscheidungsmacht über neue Features – ein System, das in Open Source Kreisen als „Benevolent Dictator for Life“ (BDFL) beschrieben wird. Das führte bereits in der Vergangenheit zu viel Kritik. Den zentralen Konflikt, der innerhalb der Administratoren und Communities von Mastodon besteht, beschrieb die Journalistin Ana Valens schon 2019:

„One wants a community-driven government system to protect vulnerable users. The other believes only a BDFL can efficiently maintain Mastodon and promote its decentralized, open-source fediverse structure. Both are hopeful for Mastodon’s future, and yet, they represent diverging paths that Mastodon can take. […]Meanwhile, Mastodon’s users can’t even agree on how Mastodon should function, let alone whom it should serve. Figuring out an answer will decide Mastodon’s future—and whether its marginalized userbase has a place to call home.“

In diesen Konflikt kommt jetzt der Ansturm von Twitteruser*innen, die alle ihre Nutzungsgewohnheiten mitbringen. Das wird neue Probleme verursachen. Die Frage bleibt also, ob hier weiterhin eine technische Lösung für ein soziales Problem, nämlich wie wir uns und unsere Medien in einer kapitalistischen Gesellschaft eigentlich organisieren, gefunden werden soll.

Protokolle vs. Plattformen

Die aktuelle Begeisterung für „protocols over platforms„,  die auf die frühen Zeiten der Forenkultur des Usenet als Vorbild verweist, kann jedenfalls nur teilen, wer damals nicht die Kritik an der Organisation des Internets durch Protokolle verfolgte. Protokolle sind, abstrakt formuliert, Regelwerke, die das Verhalten der Teilnehmer an einem System festlegen – z.B. im Straßenverkehr, wo rote Ampeln, Stoppschilder usw. das Verhalten von Autofahrern bestimmen. Im Internet erhalten sie programmatischen Status: Protokolle wie TCP/IP und DNS regeln, wie Server untereinander kommunizieren und bestimmen so das physische Setup von Technologien bzw. „Hardware“. Alexander Galloway warnte bereits 2004, in Anschluß an Gilles Deleuze‘ bekannten Essay „Postscriptum über die Kontrollgesellschaften“, dass sich dadurch ganz neue, flexible und weniger transparenter Möglichkeiten der Kontrolle ergäben, die der Idee des Internet als „anarchischem“, „dezentralen“ und unkontrolliertem Ort entgegenstünden. Die Ironie des Internets sei, so Galloway, dass der gesamte web traffic, der eine anarchische und radikal horizontale Internetkultur ermöglicht, sich hierarchischen Strukturen in Form dominanter Protokolle wie TCP/IP und DNS unterwerfen müsse.

In Mastodon zu Zeiten der „Twittermigration“ stoßen also wieder einmal technische und soziale Organisation von Medien aufeinander. OpenSource heißt nämlich auch, dass zunächst einmal wirklich alle Zugang zur Software haben. Auch Rechtsextreme, wie beispielsweise die noch viel radikaler als Musk auf „free speech“ abzielende Plattform Gab und Trumps „TruthSocial“-Netzwerk, nutzen die Software – sind allerdings von praktisch allen anderen Instanzen „deföderiert“, also de facto geblockt und damit außerhalb des Netzwerks. Das deutet schon darauf hin, dass sich auf Mastodon durchaus auch Gedanken über die soziale Organisation des Mediums gemacht werden. Ein weiterer Beleg dafür sind die Anti-Harassment, antirassistischen, feministischen usw. Kommentarregeln, die sich die einzelnen Instanzen geben. Es wird sich zeigen, wie diese Reflexion der Nutzer*innen-Explosion standhält. 

Es ist außerdem fraglich, ob ein so arbeitsaufwendiges, von freiwilliger Arbeit und lokaler Infrastruktur abhängiges Medium global skalierbar ist. Bisher gibt es außerhalb der USA, Europa und Japan nur wenige Instanzen. Auch hier kann man auf Geschichten von Techies zurückgreifen, die z.B. in den 1980er Jahren in der Anti-Apartheid-Bewegung Masten und Sendegerät nach Südafrika brachten und dort halfen, diese aufzusetzen und zu betreiben; oder die GSM-Freaks, die heute noch helfen, im Ostkongo sichere Handynetzwerke aufzubauen. Zumindest befindet sich Mastodon in einer guten Tradition.

Foto von camilo jimenez

Social-Media-Benimmkolumne – Was soll das mit den Twitter Circles nun wieder?

von Franziska Reuter

Twitter hat ein neues Feature ausgerollt: Circles. Damit können Nutzer*innen bei ihren Tweets einen kleineren Personenkreis festlegen, der sie exklusiv sehen können soll. Dieses neue Feature hat weite Teile des Netzwerks in Aufregung versetzt, was für Außenstehende unter anderem deshalb schwer zu verstehen sein dürfte, weil Facebook schon seit mehr als zehn Jahren eine viel avanciertere Variante davon anbietet. Aber der Reihe nach: Wo ist das Problem? Und wozu das alles überhaupt?

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Bis zu 150 Menschen erlaubt Twitter in einem Circle. Dass die Tweets exklusiv sind, erkennt man sofort an einem grünen Zeichen und einem Texthinweis. Man muss nicht lange nachdenken, um auf sinnvolle Verwendungszwecke zu kommen: Wenn jemand etwa seine gesundheitlichen oder mentalen Probleme nur mit Vertrauten teilen möchte, wenn jemand über seinen Job schimpfen möchte, ohne dass der Arbeitgeber davon Wind bekommt, wenn jemand in einem Sorgerechtsstreit Unterstützung und Rat braucht – wirklich viele gute Gründe sprechen für die Nutzung dieses Features. 

Die Idee ist wie erwähnt nicht neu. Facebook bietet schon seit Ewigkeiten die Kategorien „Enge Freunde“, „Bekannte“ und „Eingeschränkt“ an und lässt Nutzer*innen weitere Gruppen selbst erstellen. Aber Facebook war auch schon immer ein soziales Höllenloch, das von privaten Details lebte und gleichzeitig dazu ermunterte, die Kontaktliste immer mehr zu erweitern. Als noch fast alle ihre Posts ausschließlich für „Freunde“ sichtbar gestellt hatten, ergab sich dadurch ein trügerisches Gefühl der Intimität.

Twitter hingegen lebt davon, dass die Nutzer*innen ihre Meinungen und Erlebnisse gar nicht laut genug in die Welt hinausschreien können. Privatheit ist eher nicht vorgesehen. Deshalb gibt es auf Twitter auch so kostbare Cringe-Momente – etwa wenn man jemandem gerade erst gefolgt ist und der plötzlich einen detaillierten Thread darüber absetzt, warum seine letzte Beziehung gescheitert ist. Das Circle-Feature stellt eine Abkehr von Twitters Cocktailparty-Prinzip dar, bei dem die Gäste durcheinander reden, mit Fremden ins Gespräch kommen und irgendwie alles von allen mitbekommen. So erklären sich auch die Nöte, in die manche Nutzer*innen nun gestürzt wurden. Zuvorderst: FOMO, fear of missing out. Was bekomme ich nun nicht mehr mit, ohne davon auch nur zu ahnen? Nutzt diese Person Circle einfach nur nicht oder gehöre ich nicht dazu?

Aber es stellen sich eben auch Fragen der Höflichkeit. Wenn mich jemand in seinen Circle aufnimmt, muss ich das dann umgekehrt auch tun? Kann ich jemandem sagen, dass ich nicht in seinem Circle sein möchte, weil mir das alles zu privat ist und wir uns so gut nun auch nicht kennen? Darf ich meine engeren Freund*innen fragen, ob sie das Feature nutzen, und dann nervös durch ihre Profile scrollen und schauen, ob ich ihre Circle-Tweets sehen kann?

Einfache Antworten gibt es auf diese Fragen nicht, komplizierte aber schon. Zu ersten Frage: Wenn wir davon ausgehen, dass ein Circle wirklich so etwas ist wie ein Freundeskreis, dann wissen die Personen, die darin sind, im Idealfall von dieser Freundschaft und empfinden sie ebenso. Darf man das Gegenüber dann ausschließen? Wir alle kennen Menschen, die nie etwas Persönliches von sich erzählen, sich aber gerne von anderen mit privaten Geschichten unterhalten lassen. Das finden ihre Gesprächspartner*innen auf Dauer meist unangenehm. Wenn man sieht, dass man bei jemandem im Circle gelandet ist, sollte man also zumindest in Erwägung ziehen, die Person auch in den eigenen aufzunehmen. Ein Vertrauensvorschuss von einer Seite bringt ja manchmal die schönsten Freundschaften hervor.

Der zweite Punkt, Oversharing im Circle, ist besonders knifflig. Es gibt wie immer die friedvolle Lösung, die Person einfach stumm zu schalten. Aber dann entgehen einem alle ihre Tweets. Den Kontakt weiter zu pflegen wird dadurch fast unmöglich. Deshalb ist es keine schlechte Option, anzusprechen, dass einem die Circle-Tweets zu intim sind. Der Inhalt der Tweets spielt hier eine große Rolle. Bei allem, was nach landläufiger Auffassung eine Triggerwarnung bräuchte, würde ich sogar dringend dazu raten, es zu artikulieren. Wir überfallen auch unsere Bekannten nicht mit Horrorgeschichten, bei denen wir keine Ahnung haben, ob sie alte Wunden aufreißen. Und so verständlich es ist, dass jemand etwa nach dem Tod von Angehörigen Trost auf Twitter sucht, so sehr braucht es den Konsens aller Beteiligten, mehrmals täglich mit medizinischen Details und Trauer konfrontiert zu werden. Vor allem, da sie einen beim Scrollen durch die Timeline völlig unvorbereitet treffen können.

Kommen wir zur dritten Frage: Darf ich auffällig-unauffällig recherchieren, ob meine engen Freund*innen mich womöglich nicht in ihren Circle aufgenommen haben? Ja, selbstverständlich darfst du das, aber bitte tu es trotzdem auf keinen Fall. Du rufst auch nicht deine Freund*innen zum Geburtstag an und fragst, ob sie wirklich nicht feiern oder dich nur nicht eingeladen haben. Freundschaften sollten nicht von der Angst geprägt sein, ausgeschlossen zu werden, und wenn sie das aus guten Gründen doch sind, ist es Zeit für ein ernstes Gespräch, in dem die Worte Twitter und Circle nicht vorzukommen brauchen. Wenn es sich hingegen nur um anlasslose Unsicherheit handelt, sollte man ihr nicht so viel Raum geben, sondern lieber mal wieder ein Treffen, ein Telefonat oder einen längeren Chat initiieren. Im Zweifelsfall fühlt man sich der Person danach deutlich näher, als ein Twitter Circle das jemals schaffen könnte.

Eine vierte Frage stellen sich vielleicht gerade nicht so viele, aber sie ist ausgesprochen wichtig: Was soll das überhaupt, was macht Twitter da? Zum einen scheint die Plattform endlich begriffen zu haben, dass ihre Nutzer*innen sich mehr Schutz wünschen. Noch vor ein paar Jahren wurde sogar strafrechtlich relevantes Verhalten auf Twitter kaum verfolgt, weil das Unternehmen die Ermittlungen nicht unterstützte. Dann kamen das Netzwerkdurchsetzungsgesetz und mit ihm auch bessere Möglichkeiten, sich gegen Hassnachrichten zur Wehr zu setzen. Nur möchte man sich nicht immer zur Wehr setzen müssen. In der Hinsicht ist das neue Feature eine gute Sache für die Nutzer*innen.

Twitter selbst könnte jedoch auch tiefer liegende Interessen haben. Die Übernahme der Plattform durch Elon Musk wurde abgesagt, angeblich weil die Zahl der Nutzer*innenkonten und die Zahl der wahren Nutzer*innen zu weit auseinander lägen. Nun gibt es etliche Gründe, warum eine Nutzer*in mehrere Accounts haben könnte. Die meisten davon sind vollkommen ehrenwert und haben mit politischer Hetze oder Shitposting nichts zu tun. Viele Menschen unterhalten neben ihren Hauptaccounts kleine Dark Accounts, die mit einem Schloss versehen sind und nur eigens bestätigte Follower*innen aufnehmen. Ein solcher Dark Account ist nicht mehr nötig, wenn man den Circle einrichtet. Das bedeutet, Twitter könnte mit der Zeit mehr Überblick über die Anzahl seiner Nutzer*innen gewinnen. Gleichzeit erhöht es das Risiko für die Nutzer*innen im Fall eines Datenlecks: Die heiklen Tweets wären zweifelsfrei zuzuordnen. Ob das nur leicht peinlich wäre oder existenzbedrohend, und ob man der Datensicherheit genug vertraut, um das Risiko einzugehen, muss jede selbst entscheiden.

Foto von Wilhelm Gunkel auf Unsplash

Die Morgenroutine der Alphamenschen – Wie Influencer*innen Genie-Mythen aufleben lassen

von Katharina Walser

Ein kleines ruhiges Zimmer, spärlich eingerichtet, ein Schreibtisch oder eine Leinwand, Tinte und Feder oder Pinsel und Palette, ein Mann in seiner kreativen Versenkung und meist ein kleines Fenster zu der Welt, in der er sich im Angesicht der erhabenen Natur seine Inspiration sucht. Denkt man an das kreative Genie, tauchen unweigerlich diese Bilder der Stille und der künstlerischen Isolation auf, die wir mit den über-kanonischen malerischen Darstellungen von Goethe, Caspar David Friedrich oder Beethoven verbinden, die Künstler wie Otto Rasch, Georg Friedrich Kerstings oder Wilhelm Faßbender als Zeugnis der großen Künstler ihrer Zeit hinterließen.

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Echter Krieg, unsichere Bilder – Wahrnehmung und Erzählungen in Sozialen Medien

von Simon Sahner

„This is a Romeo Foxtrot. Shall we dance?“

Mit diesen Worten legt der sonnenbebrillte Lieutenant Colonel Kilgore einen Schalter am Tonbandgerät um und über den Lärm der rotierenden Flügel der Helikopter erklingt Richard Wagners „Walkürenritt“. Die sichtbar nervösen Soldaten schauen sich teilweise irritiert an, während die hymnischen Klänge scheppernd im Hintergrund zu hören sind. In der ikonischen Szene aus dem Kriegsfilm Apocalypse Now fallen in diesem Moment zwei Ebenen des Erzählens ineinander, die meistens voneinander trennbar sind, die von Form und Inhalt.

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