Schlagwort: Skandal

Zynischer Nonkonformismus

von Johannes Franzen

Politische Kommunikation ist oft ein Zirkus mit schrecklichen Spätfolgen. Der Podcast „The Flamethrowers“, der die Geschichte des rechten talk radios in den USA erzählt, macht immer wieder deutlich, dass die schwierigen Helden dieser ‚Kunstform‘ als Entertainer auf der Suche nach einer erfolgreichen Nische angefangen haben. Der Meister des rechten Radios, Rush Limbaugh, der zum Zeitpunkt seines Todes im letzten Jahr ein Vermögen von über 500 Millionen Dollar besaß, begann als erfolgloser Moderator. Dann entdeckte er das schier unerschöpfliche Bedürfnis nach einer Stimme, die den angeblich linksliberalen Zeitgeist herausforderte. Sein wütendes Geschrei gegen Feminismus, Anti-Rassismus oder LGBTQ-Aktivismus fand ein riesiges Publikum und wirkte stilbildend für ein rechtes Unterhaltungsformat, das seine Energie aus dem höhnischen Zorn über progressive Anliegen zog.

‚Owning the Libs‘ – Linksliberale provozieren – wurde zu einer der wichtigsten Strategien einer intellektuell entkernten Rechten, die es sich seit den 1970er Jahren zusehends auf dem muffigen Theaterboden der ‚Culture Wars` gemütlich gemacht hatte. Die erfolgreichen Karrieren Limbaughs und anderer Moderatoren, von denen „The Flamethrowers“ erzählt, verweisen aber auch auf die Geschichte eines Geschäftsmodells, das in der gegenwärtigen Aufmerksamkeitsökonomie den Gipfel seiner Lukrativität erreicht hat – das Geschäftsmodell des mutigen Nonkonformisten, der den uniformierten Zeitgeist herausfordert. Es handelt sich um ein Rollenmuster, dessen Attraktivität sich durch alle Register des kulturellen Anspruchs zieht, und auch solche Figuren der jüngeren Kulturgeschichte betrifft, die von einem Limbaugh auf den ersten Blick denkbar weit entfernt erscheinen.

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Ein hässliches Geschäft – Die Realität des Kunstdiebstahls

von Christina Dongowski

Arsène Lupin, Thomas Crown, Simon Dermott, Danny Ocean, Neal Caffrey – in der kulturellen Imagination ist der Raub und das Stehlen von Kunst- und Luxusobjekten eine Sache gut aussehender Männer in perfekt sitzenden Anzügen. (Sarah Black alias The Bishop in Red Notice von 2021, ist bisher eine der ganz wenigen Frauen im Business.) Ihre Motivation, sich als agil-eleganter Fassadenkletterer oder als Mastermind eines komplizierten Heists den  Kunstbesitz anderer Leute oder gleich die Kunstschätze einer Nation anzueignen, sind nicht einfach materieller Natur. Mindestens so wichtig sind die intellektuelle und sportliche Herausforderung, Sicherungssystem und Wächter zu überwinden, sowie der Trieb, dieses spezielle Objekt besitzen zu müssen. Kunstraub erscheint als von gutem Geschmack und ästhetischer Reizbarkeit geadelte Zwangsneurose oder als die eigentlich höchste Form des Sammelns. 

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Verpuffter Skandal – Wie ein Schlüsselroman scheitern kann

von Johannes Franzen

 

Die Art, wie wir Literatur konsumieren, ist immer geprägt von einer gewissen Unaufrichtigkeit. Es gibt die Dinge, die wir mögen sollen, und die Dinge, die wir wirklich mögen. Der Schlüsselroman etwa, in dem es darum geht, reale Vorbilder hinter den scheinbar fiktiven Figuren zu entschlüsseln, ist eine dieser Gattungen, bei denen die Diskrepanz zwischen dem schlechten Ruf einerseits und der konstant hohen Nachfrage andererseits auf die Heucheleien ästhetischer Wertsetzung verweist. Das Ratespiel, das uns verspricht, dass hinter den fiktiven Figuren reale Vorbildern lauern, verstößt natürlich in jeder Hinsicht gegen die Reinheit der Kunst. Statt uns an schönen Sätzen oder psychologischer Tiefe zu erfreuen, weiden wir uns am boulevardesken Trash, am indiskreten Geheimnisverrat. Der Roman – doch eigentlich die bestimmende Kunstform der Moderne – wird hier degradiert zum Vehikel für das Waschen schmutziger Wäsche.  Weiterlesen