Schlagwort: Roman

Die Nacht der untoten Riesenbücher – Lesenswerter Schund 

von Gerrit Wustmann

 

Im Juni erscheint Quentin Tarantinos Debütroman Once Upon A Time In Hollywood. Roman, nicht Drehbuch. Wie immer bei ihm handelt es sich um eine Hommage. Denn wer den Film gesehen hat, braucht eher nicht noch einen Roman, auch wenn der vielleicht in der ein oder anderen zusätzlichen Szene ein wenig mehr in die Tiefe geht. Tarantino knüpft an die inzwischen fast ausgestorbene Tradition der Movie-Novelizations an: Romane, die, auf Drehbüchern basierend, meist für Zeilengeld, rasch hingeschludert wurden, um aus der Filmvermarktung noch eine Handvoll Dollar mehr herausquetschen zu können. Die meisten dieser Bücher wurden jahrzehntelang von No-Names verfasst und waren ohne Probleme verzichtbar. Aber zwischendrin entstanden bisweilen auch Werke von namhaften Autor*innen, teils unter Pseudonym. Charles L. Grant hat das mit Akte-X-Folgen und Elizabeth Hand mit 12 Monkeys gemacht, um nur zwei Beispiele zu nennen. Weiterlesen

Verpuffter Skandal – Wie ein Schlüsselroman scheitern kann

von Johannes Franzen

 

Die Art, wie wir Literatur konsumieren, ist immer geprägt von einer gewissen Unaufrichtigkeit. Es gibt die Dinge, die wir mögen sollen, und die Dinge, die wir wirklich mögen. Der Schlüsselroman etwa, in dem es darum geht, reale Vorbilder hinter den scheinbar fiktiven Figuren zu entschlüsseln, ist eine dieser Gattungen, bei denen die Diskrepanz zwischen dem schlechten Ruf einerseits und der konstant hohen Nachfrage andererseits auf die Heucheleien ästhetischer Wertsetzung verweist. Das Ratespiel, das uns verspricht, dass hinter den fiktiven Figuren reale Vorbildern lauern, verstößt natürlich in jeder Hinsicht gegen die Reinheit der Kunst. Statt uns an schönen Sätzen oder psychologischer Tiefe zu erfreuen, weiden wir uns am boulevardesken Trash, am indiskreten Geheimnisverrat. Der Roman – doch eigentlich die bestimmende Kunstform der Moderne – wird hier degradiert zum Vehikel für das Waschen schmutziger Wäsche.  Weiterlesen

Erzählerischer Universalismus – “Adas Raum” von Sharon Dodua Otoo

von Maryam Aras 

 

Da ist er nun, Sharon Dodua Otoos erster Roman Adas Raum. ‚Erster Raum‘, wollen meine Finger zunächst tippen und vielleicht ist das auch gar nicht so falsch. Natürlich gibt es schon diverse Räume in Otoos schriftstellerischem Denkgebäude – ihre Novellen die dinge die ich denke während ich höflich lächle, die im besten Sinne wirklich kaum in einem Nebensatz zu beschreiben ist, und Synchronicity, die Geschichte einer Grafikdesignerin, die nach und nach ihre Farbsehkraft verliert und die mit der Lebensweise ihrer Vormütter, selbstständig schwanger zu werden, zu leben und zu sterben, hadert. Und natürlich ihre preisgekrönte Bachmann-Kurzgeschichte von 2016 Herr Gröttrup setzt sich hin – ein Meister*innenstück sprachlicher Präzision und Ironie, in der ein störrisches Frühstücksei das bürgerliche Idyll des pensionierten Raketeningenieurs Helmut Gröttrup aus den Angeln hebt. Weiterlesen

Sex, Sokrates und Ressentiments – Thea Dorn hat einen Corona-Roman geschrieben

von Peter Hintz

 

In den letzten zehn Jahren hat Thea Dorn, bekannt als Kriminalschriftstellerin und Moderatorin, eine fieberhafte Produktivität als meinungsstarke Autorin von Essays und Sachbüchern entwickelt. Ach, Harmonistan (2010) beklagte einen Mangel an deutscher Streitkultur (bevor sie 2020 wieder zur Maßhaltung aufrief), Die deutsche Seele (2011) erklärte unter anderem Wurst und Dauerwelle zur deutschen Essenz und mit Deutsch, nicht dumpf (2018) wollte sie laut Klappentext “Heimat, Leitkultur, Nation […] nicht den Rechten überlassen”. Weiterlesen

„Identitti“ – Ein Gespräch mit Mithu M. Sanyal

Geführt von Sibylle Luithlen

 

Mithu M.Sanyal ist bisher als Autorin von Sachbüchern* und als öffentliche Stimme im Diskus um race und Feminismus in Erscheinung getreten. Nun hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht. Mithu und ich kennen uns schon länger. Einige Jahre lang haben wir zusammen im Kölner Literaturatelier Texte besprochen. Anlässlich ihres Romans „Identitti“ habe ich mit Mithu ein Gespräch über race und sex, Schreiben, soziale Netzwerke und den Raum von Frauen innerhalb und außerhalb von Romanen geführt, pandemiebedingt per Zoom. „Identitti“ erscheint am 15.2.21 bei Hanser. Weiterlesen