Schlagwort: Roman

Wiederentdeckungen – Gabriele Tergits komplizierter Nachruhm

von Sandra Beck

Die kulturpolitische und literaturwissenschaftliche Daueraufgabe einer kritischen Auseinandersetzung mit dem literarischen Gedächtnis wird in den Feuilletons der Gegenwart vor allem im Begriff der ‚Wiederentdeckung‘ greifbar. Dies ist eine wohlfeile, auch auf marktökonomische Interessen abgestimmte Floskel, allerdings auch eine mächtige Handlungsvokabel. Denn einerseits trägt sie Publikum und Literaturwissenschaft ein Nachzuholendes auf und korrigiert ein kulturelles Gedächtnis, das zu lange und zu Unrecht vergessen hat. Andererseits schützt sie vor dem Vorwurf der Missachtung, der gänzlich fehlenden Rezeption, denn wiederentdecken lässt sich nur, was man einmal bereits kannte.

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Stay real! – Wer trägt das Siegel der Authentizität?

von Christian Dinger

„Im vergangenen Jahrzehnt haben sich alle genuin literaturkritischen Debatten […] immer um die Frage gedreht: Kunst oder Leben? Konstruktion oder Erlebnis? Form oder Inhalt? Künstlichkeit oder Authentizität?“ – Das schrieb Ijoma Mangold 2012 in einer Rezension des Romans Hoppe von Felicitas Hoppe. Wenn man dieser feuilletonistischen Zuspitzung folgen mag, dann muss man feststellen, dass sich in den knapp zehn Jahren, die seitdem vergangen sind, nicht besonders viel geändert hat.

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Finanzbetrug mit Geistern – Emily St. John Mandels ‚Das Glashotel‘

von Cordula Kehr

Hochstapler sind prädestiniert für Literatur. Davon zeugen das ganze Genre des Schelmenromans oder kanonische Figuren wie Tom Ripley und Felix Krull. Die großen Betrüger der Gegenwart sind aber weniger Dandys als Broker, sie arbeiten nicht im Luxushotel, sondern im Büro und machen Anlageberatung. Ein solcher Finanzbetrüger und seine Betrugsmasche stehen im Zentrum von Emily St. John Mandels gerade erschienenem Roman Das Glashotel, dessen Handlung vom Fall Bernie Madoff inspiriert wurde. Madoff führte jahrzehntelang ein gigantisches Ponzi Scheme, mit dem er an die 5.000 Menschen schädigte und für das er 2009 zu 150 Jahren Haft verurteilt wurde. Mandel erzählt die Geschichte eines globalen Finanzskandals und einer jungen Frau, die an einen Betrüger gerät.

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Geschichte und Traum – Colson Whiteheads „Harlem Shuffle“

von Peter Hintz

Für seine historischen Romane, die angesichts des Trump-Schocks an vergessene rassistische Gewalt erinnerten, ist Colson Whitehead weltberühmt geworden. Underground Railroad (2016) war ein Drama der amerikanischen Sklaverei im 19. Jahrhundert, das vor vielen Verweisen auf die Zeit danach nicht Halt machte. Vor dem Hintergrund der liberalen Civil-Rights-Ära ging es zuletzt in den Nickel Boys (2019) um eine vermeintliche Besserungsanstalt in Florida, die noch bis in 1960er Jahre hinein Schwarze Jugendliche zu Zwangsarbeit verpflichtete, folterte und ermordete.

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Viren, Klima, Hai-Attacken – Der Vaughnismus kämpft für den Status quo

von Jan Kutter

Für die ekligste Szene in Steven Spielbergs Film »Jaws« (»Der weiße Hai«, 1975) braucht es keinen Hai, sondern nur ein paar Menschen. Es ist der 4. Juli, der amerikanische Nationalfeiertag. Wie in jedem Jahr liegen die angereisten Badegäste bei prächtigem Sonnenschein dicht an dicht am Strand von Amity, einem kleinen Küstenstädtchen vor den Toren New Yorks. 

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Literarischer Trumpismus – Constantin Schreibers „Die Kandidatin“

von Peter Hintz

Wer nach der Abwahl Donald Trumps gehofft hatte, dass es nach über einem Jahrzehnt rechtspopulistischer Bestsellerindustrie nun erst einmal genug mit rassistischen und sexistischen Mängelexemplaren sei, den wird die eben bei Hoffmann und Campe erschienene dystopische Satire Die Kandidatin enttäuschen. Es geht um eine islamische Politikerin, die als Kind wohl während der ‘Flüchtlingskrise’ 2014/15 aus dem Libanon nach Deutschland gekommen ist und die nun Mitte des 21. Jahrhunderts als Repräsentantin einer grünen Partei kurz vor der Kanzlerschaft steht, obwohl sie und ihre Anhängerschaft das Land ruiniert haben.

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Innocent Country – Über Shida Bazyars “Drei Kameradinnen”

von Maryam Aras

‘Mikroaggression’ ist ein seltsames Wort. Ich kenne es noch gar nicht so lange, habe es aber ein paar Mal in Unterhaltungen benutzt und dabei beobachtet, dass es eine bemerkenswerte Wirkung entfaltet. Meist nicken Menschen wissend oder zustimmend, wenn sie es hören. Dabei mag ich das Wort nicht besonders. Natürlich verstehe ich seinen praktischen Nutzen: Es macht unterschwellige, oft schwer greifbare Diskriminierungserfahrungen sichtbar und verleiht ihnen durch die Macht des Aussprechens Legitimität. Das Wort wirkt so lapidaren Entwertungsversuche wie „Sei nicht so empfindlich“ oder „Das war nicht so gemeint“ entgegen. Sicher, das ist gut, vor allem, wenn wir an die ständigen Bestrebungen denken, die Existenz von strukturellem Rassismus als solchen in Frage zu stellen. Die zwischenmenschlichen Verstrickungen aber, in denen diese Aggressionen passieren oder die Gefühlswelten, die durch sie ausgelöst werden, bleiben außen vor. 

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Die Nacht der untoten Riesenbücher – Lesenswerter Schund 

von Gerrit Wustmann

 

Im Juni erscheint Quentin Tarantinos Debütroman Once Upon A Time In Hollywood. Roman, nicht Drehbuch. Wie immer bei ihm handelt es sich um eine Hommage. Denn wer den Film gesehen hat, braucht eher nicht noch einen Roman, auch wenn der vielleicht in der ein oder anderen zusätzlichen Szene ein wenig mehr in die Tiefe geht. Tarantino knüpft an die inzwischen fast ausgestorbene Tradition der Movie-Novelizations an: Romane, die, auf Drehbüchern basierend, meist für Zeilengeld, rasch hingeschludert wurden, um aus der Filmvermarktung noch eine Handvoll Dollar mehr herausquetschen zu können. Die meisten dieser Bücher wurden jahrzehntelang von No-Names verfasst und waren ohne Probleme verzichtbar. Aber zwischendrin entstanden bisweilen auch Werke von namhaften Autor*innen, teils unter Pseudonym. Charles L. Grant hat das mit Akte-X-Folgen und Elizabeth Hand mit 12 Monkeys gemacht, um nur zwei Beispiele zu nennen. Weiterlesen