Schlagwort: Rezension

Finanzbetrug mit Geistern – Emily St. John Mandels ‚Das Glashotel‘

von Cordula Kehr

Hochstapler sind prädestiniert für Literatur. Davon zeugen das ganze Genre des Schelmenromans oder kanonische Figuren wie Tom Ripley und Felix Krull. Die großen Betrüger der Gegenwart sind aber weniger Dandys als Broker, sie arbeiten nicht im Luxushotel, sondern im Büro und machen Anlageberatung. Ein solcher Finanzbetrüger und seine Betrugsmasche stehen im Zentrum von Emily St. John Mandels gerade erschienenem Roman Das Glashotel, dessen Handlung vom Fall Bernie Madoff inspiriert wurde. Madoff führte jahrzehntelang ein gigantisches Ponzi Scheme, mit dem er an die 5.000 Menschen schädigte und für das er 2009 zu 150 Jahren Haft verurteilt wurde. Mandel erzählt die Geschichte eines globalen Finanzskandals und einer jungen Frau, die an einen Betrüger gerät.

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Die Belange der Liebe. Über Anne Webers „Tal der Herrlichkeiten“

von Samuel Hamen

In ihrem „Tal der Herrlichkeiten“ braucht Anne Weber nicht viel, um ihre Hauptfigur in ihrer ganzen Erbarmungswürdigkeit zu porträtieren: einen Strand, ein Meerestier und einen vom Leben gezeichneten Mann, der sich kraftlos zu Boden fallen lässt. „In kaum einer Handbreit Entfernung, aber von Sperber ungesehen, lief ein Einsiedlerkrebs an ihm vorüber, mit einem Teil seiner Beine sein schützendes Gehäuse festhaltend, mit vier weiteren Haus und Leib vorwärtsbewegend, scheinbar unbekümmert, als wäre der Liegende kein ungleich größeres und somit bedrohliches Lebewesen, sondern eine angeschwemmte tote Robbe oder ein Stein.“

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Verachtungsanalyse – Herablassung gegenüber Influencern als intellektuelle Pose

von Claas Mark

 

Mittlerweile vermissen die meisten von uns Partys, sogar klassische Studentenpartys,  bei denen die Besucher*innen niemals die Küche verlassen, die Tanzfläche wirkt, als wäre sie mit einem Bann belegt worden und immer dieser eine Typ kommt, um dir von seiner Hausarbeit zu erzählen. Wir kennen alle diesen einen Typen, der erzählt, er würde das Dschungelcamp und Germany’s Next Topmodel nur ironisch gucken. Der Typ, der die Zitate eines ganz bestimmten Philosophen (Adorno) auswendig gelernt hat, der exakt ein Thema hat und jedes Gespräch in diese Richtung bricht, wie ein schwarzes Loch das Licht. Diesen Typen könnt ihr euch jetzt als Buch ins Regal stellen. Er trägt den Titel Influencer: Die Ideologie der Werbekörper (Suhrkamp 2021). Weiterlesen