Schlagwort: Personal Essay

Vorlagen der Angst – Wie von Krebs erzählt wird

von Simon Sahner

 

Mit dem Gedanken, es gebe ein Reich der Kranken und eines der Gesunden und von Geburt an besäßen wir die Staatsbürgerschaft für beide, eröffnet Susan Sontag ihren berühmten Essay über Krebs und Krankheit als Metapher. Sie wolle dennoch nicht beschreiben, fährt sie fort, wie es ist, in das Reich der Kranken auszuwandern und dort zu leben, sondern stattdessen die Fantasien schildern, die es umranken. Ihrer eigenen Überzeugung zum Trotz, dass Krankheit eben – entgegen dem Titel ihres Essays – keine Metapher ist, beginnt sie also ihre Analyse des Reichs der Kranken mit einer solchen. Man ist verleitet bei dem Gedanken an ein Leben, das sich in zwei Reichen abspielt, an die einleitenden Worte von Charles Dickens‘ Eine Geschichte aus zwei Städten zu denken: „Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten.“ Weiterlesen

Chronische Krankheit als Story – Erzählungen von MS

von Vera K. Kostial

 

Zwei Kommissar:innen überbringen in einer aktuellen ZDF-Krimiserie einer etwa Mitte vierzigjährigen Frau die Nachricht, dass ihr Mann ermordet worden ist. Sie, die sich zuvor schon auf einen Gehstock abstützen musste, sackt zusammen und bittet um ein Glas Wasser und ihre Tabletten. Begründung: „Ich habe MS, und so ein Schock kann einen Schub auslösen.“ Dass Stress einen Schub begünstigen kann, ist korrekt – aber dass im Akutfall eine Tablette das Risiko eines Schubs abwendet? MS-Patient:innen wären dankbar für solch eine simple Lösung. Die Frau, so erfahren wir weiter, war früher gefeierte Cellistin und musste wegen der Erkrankung ihre Karriere beenden. Auch das ist soweit – leider – eine realistische Erzählung; weniger realistisch ist allerdings ein entscheidender Teil ihrer Hintergrundgeschichte, dass sie nämlich „auf der Bühne“ ihren ersten Schub hatte und „ihre Hand plötzlich nicht mehr bewegen“ konnte. Zwar ist das durchaus möglich – Multiple Sklerose, auch die „Krankheit der 1000 Gesichter genannt“, ist immerhin die Krankheit des ‚Alles kann, nichts muss‘ – besonders wahrscheinlich ist es jedoch nicht, dass eine Hand plötzlich vollständig gelähmt ist, wenn nie zuvor vergleichbare Symptome aufgetreten sind oder sich zumindest über einige Stunden aufgebaut haben. Ähnlich in der Symptomatik, aber noch spektakulärer in der Ausgestaltung ist die Szene im Film Balanceakt (2019), in der die anschließend mit MS diagnostizierte Marie beinahe ihren Sohn beim Klettern abstürzen lässt, da sie mit einem Mal die Kraft in ihrer Hand verloren hat. Noch abenteuerlicher ist da nur der Film Blueprint (2003), in dem die Protagonistin, ebenfalls professionelle Musikerin, plötzlich auf der Bühne zusammenbricht – die Szene erinnert eher an einen Kreislaufzusammenbruch als an einen MS-Schub. Weiterlesen