Schlagwort: Literaturbetrieb

Der Buchkäuferkuchen und die Missgunstmaschine

von Leander Steinkopf

Wenn Schriftstellerinnen und Schriftsteller zusammenkommen, reden sie erfahrungsgemäß eher selten über die Romane der  Gegenwartsliteratur, die ihr inhaltliches Arbeitsumfeld bilden. Stattdessen geht es um die neuesten Verlagswechsel ihrer Peers, um den Medienhype, der einen Kollegen beglückte, oder um die zahlreichen Preise und Stipendien, die eine Kollegin zuerkannt bekam. Im Arbeitsalltag übt man sich in epischer Geduld. Umso mehr schätzt man in der Freizeit diese kleinen Geschichten von Sieg und Niederlage, von wer mit wem, von Fairness und Ungerechtigkeit, die schneller ins Blut gehen als Romane der handelsüblichen Länge. Verbunden ist dies oft mit Gefühlen, die man angesichts des reflexiven Ideals der Schriftstellerei für überraschend halten könnte, nämlich mit Neid und Missgunst.

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In der Literaturwelt, wie sie sich den Schriftstellerinnen und Schriftstellern präsentiert, sind die wichtigen Ressourcen eng begrenzt: die Bestseller- und Bestenlistenplätze, die Preise und Stipendien, die Bücherseiten der Zeitungen und die Sendezeit der Büchersendungen. Obendrein erzeugen all diese Güter öffentliche Aufmerksamkeit, mitunter besteht ihr Wert ausschließlich darin. Und so laden sie viel offensiver zum sozialen Vergleich ein, als es etwa hinter verschlossenen Türen verhandelte Gehälter von Angestellten tun. Es ist also  nicht selbstverständlich, sich an dem guten Buch einer Schriftstellerkollegin zu erfreuen, wenn die Qualität ihres Werkes auch bedeutet, dass die eigenen Chancen auf die begehrten Ressourcen dadurch geringer ausfallen. Ein Preis, ein Bestenlistenplatz, eine Rezensionsseite kann nur einmal vergeben werden. Der Wettbewerb ist ein Nullsummenspiel.

Diese Sicht auf die Bücherwelt ist nicht die einzig wahre, es ist auch eine andere Perspektive möglich: Man könnte sich als Schriftstellerin und Schriftsteller mit gutem Grund freuen, wenn man seine Zeitgenossen um die Qualität ihres Schaffens beneidet.  Das könnte nämlich heißen, dass man das Glück hat, in literarisch guten Zeiten zu leben.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Eine Zeit, in der es viele gute Schriftstellerinnen und Schriftsteller gibt, könnte man einerseits als Zeit betrachten, in der es viel Konkurrenz gibt. Man kann sie aber auch als Zeit betrachten, in der sich das Lesen von Gegenwartsliteratur besonders lohnt und dadurch besonderer Beliebtheit erfreut. Ein Buch allein macht keine Blütezeit, eine Autorin, ein Autor allein macht keinen Aufschwung. Es sind all die Zeitgenossen – mögen sie besonders zahlreich sein – die man als Autorin und Autor um ihr einzigartiges Können und Tun beneidet, die gemeinsam die Blüte bilden. Lebt man als Autorin oder Autor hingegen in Zeiten, in denen weit und breit kein Zeitgenosse Neid erregt, hat man das Pech, in schlechten Zeiten zu schreiben. Sind da aber viele gute Andere, steigern diese, völlig absichtslos und als bloßes Nebenprodukt ihres individuellen Schaffens, den Ruf ihres Mediums und ihrer Generation, sodass andere, die diesem Medium, dieser Generation und Gegenwart angehören, im Fahrstuhl mit nach oben fahren. Autorinnen und Autoren stehen dann nicht einfach in Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Kaufenden und Kritisierenden, sondern tragen großzügig bei zum Gemeingut guter Literatur.

Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Vergangenheit und etwas weiter zurückreichenden Gegenwart, die heute klingende Namen sind, waren selten Solitäre. Das Aufsehen, was sie einst erregten, haben sie auch jenen zu verdanken, die gleichzeitig groß waren. Die heutige Sehnsucht nach den 1920er Jahren etwa wäre doch längst nicht so groß, wenn nur Vicki Baum damals geschrieben hätte, nur Walter Benjamin oder nur Joseph Roth. Es ist gerade die Fülle der brillanten Autorinnen und Autoren, welche die Zeit so interessant macht. Und jener besondere Glanz dieser Zeit bestrahlt umgekehrt jene, die in ihr und über sie schrieben. Die Fülle, die wir heute mit Blick auf die 1920er wahrnehmen, ist also einerseits tatsächlich mit Fülle begründet, andererseits damit, dass der Glanz der Zeit mehr damalige Autorinnen und Autoren in das Licht heutiger Aufmerksamkeit rückt.

Generalisierung und elastische Nachfrage

Man kann davon ausgehen, dass die Leserinnen und Leser in irgendeiner Weise darauf reagieren, wie gut die Gegenwartsliteratur insgesamt ist oder als wie gut sie gilt, ja, von dieser Wahrnehmung hängt wohl ab, ob man die Leserinnen und Leser überhaupt und wenn ja wie oft, als Leserinnen und Leser bezeichnen kann. Sie, genauso wie die Kritikerinnen und Kritiker, die Vermittlerinnen und Vermittler, generalisieren zu guten Jahrgängen und guten Zeiten, zu schlechten Jahrgängen und schlechten Zeiten. Und heutzutage hört man eben oft, dass die deutsche Gegenwartsliteratur vielleicht nicht die interessanteste sei, während etwa aus Frankreich die spannenden Sachen kämen.

Nun sind natürlich nicht alle deutschen Bücher schlecht, und nicht alle französischen gut, aber hat sich eine Generalisierung erst herumgesprochen, wird der schlechte Ruf auch guten deutschen Autoren schaden, der gute Ruf auch schlechten französischen Autoren nutzen. Mancher französische Autor mag Houellebecq seinen Erfolg neiden, wird aber von dessen Glanz doch profitieren, weil er in Frankreich das Gewicht und Prestige von Literatur steigert und jenseits Frankreichs das Interesse an französischer Literatur. In Deutschland mag man derweil mit mehr Selbstzufriedenheit seine Romane schreiben, weil es an den international herausragenden Persönlichkeiten fehlt, hat aber alle Nachteile des bescheidenen Rufs der deutschen Gegenwartsliteratur. Christian Kracht und Daniel Kehlmann sind vielleicht auch deshalb nach Nordamerika umgezogen – an unterschiedliche Enden des Kontinents –, um mit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nicht in Verbindung gebracht zu werden.

In einer Welt, in der Bücherkonsum nicht so sehr durch mangelnde Lesezeit, sondern durch mangelnde Leselust begrenzt ist, wo die freie Zeit, die man eigentlich lesend verbringen könnte, lieber für Netflix und soziale Medien verwendet wird, stehen Autorinnen und Autoren am Markt weniger in Konkurrenz zueinander als gemeinsam in Konkurrenz zu anderen Medien. Wenn man davon ausgeht, dass ein imaginärer Leser im Jahr sechs Bücher kauft, seine Nachfrage vollkommen unelastisch ist, dann geht es für den Autor darum, dass sein Buch eines von diesen sechs ist, dann besteht harte Konkurrenz zwischen den Autorinnen und Autoren, dann kann man sich freuen, wenn die anderen erfolglos sind, wenn sie literarisch scheitern. Geht man hingegen davon aus, dass die Nachfrage variabel ist, dass also der imaginäre Leser auf die Bücher vier bis sechs überhaupt keine Lust mehr hat, weil die Bücher eins bis drei so schlecht waren, oder umgekehrt, dass er die sechs Bücher mit solch einer Freude gelesen hat, dass er im selben Jahr nochmal sechs Bücher kauft, dann verändert dies die Sicht auf das Schaffen anderer Autorinnen und Autoren, auf die Arbeit konkurrierender Verlage.

Gute Bücher anderer Schreibender steigern dann die Chance, dass auch das eigene Werk gelesen wird. Der Kuchen wächst und auch wenn man von ihm nur ein kleines Stück abbekommt, ist dies allemal mehr als das Stück, das man in mageren Zeiten von einem kleineren Kuchen bekäme.

Neid in den Strukturen

Missgunst und Konkurrenzdruck werden aber gepflegt durch die gängigen Rückmeldungen, die der Literaturbetrieb bietet. Der Kult um die Bestsellerliste gibt dem Gedanken Futter, dass sich Autorinnen und Autoren und ihre Werke nach Rang sortieren lassen, dass die Plätze für Literatur begrenzt sind, und dass man selbst den Platz nicht bekommt, wenn ein anderer ihn innehat. Es gibt immer bloß zehn Bücher in den Top Ten, da aber die Verkaufszahlen nicht öffentlich genannt werden, merkt man nicht, dass die verkauften Auflagen der Bücher, die in die Top Ten gelangen, über die Jahre stetig gesunken sind: Wenige Glückliche erreichen die Plätze, aber alle gemeinsam haben verloren.

Ähnlich starr und knapp sind die Rezensionsplätze in den Zeitungen, die Programmplätze der guten Verlage und die Lesungstermine der Literaturhäuser. Ironischerweise leisten selbst die Strukturen der Literaturförderung Neid und Missgunst Vorschub. Es gibt eine feste, ganz unflexible Zahl von Preisen und Stipendien, die in Deutschland vergeben werden. Im Gegensatz zur elastischen Nachfrage am Buchmarkt, ist die Verteilung von Geld und Anerkennung hier wirklich ein Nullsummenspiel. Höchstens wird eine Preissumme mal zwischen zwei Preisträgern aufgeteilt, nie jedoch werden ausnahmsweise mehr volle Preise vergeben, wenn ein Buchjahr besonders gut war. Selten wird eine Preisvergabe gestrichen, wenn das Buchjahr nichts hergab. Wenn man als Autorin oder Autor auf Einkommen durch Preise und Stipendien schielt – und die reichhaltige deutsche Förderlandschaft lädt dazu ein – dann liegt es nahe, sich von Mitschriftstellern schlechte Bücher zu erhoffen, weil dies die eigenen Förderchancen erhöht.

Oft wird gegen das deutsche Förderwesen vorgebracht, dass es die Schreibenden der materiellen Not und Notwendigkeit entzieht, was eine Voraussetzung sei für große Literatur. Ein anderer Kritikpunkt lautet, dass Förderung die Autorinnen und Autoren in eine Richtung locke, die zwar bei professionellen Jurys Eindruck schindet, die unprofessionellen Leserinnen und Leser aber nicht anspricht. Hier sei noch ein anderer Kritikpunkt hinzugefügt: Das großzügige Preis- und Stipendienangebot schafft eine starre Konkurrenzsituation, die am freien und elastischen Buchmarkt überhaupt nicht bestünde. Das deutsche Förderwesen konstruiert eine starre Konkurrenzsituation, wo eigentlich – zumindest ein Stück weit – eine Win-Win-Situation möglich wäre.

Neid und Missgunst, das sind schlechte Eigenschaften, aber von Schriftstellerinnen und Schriftstellern empfunden, können es gute Zeichen sein, Hinweise auf eine gute Zeit der Literatur. Das gilt natürlich nur, wenn der Neid sich auf die Qualität der Werke bezieht und nicht bloß Frust darüber ist, dass man diesen Preis oder jenes Stipendium, diesen Listenplatz oder jene Rezensionsspalte wieder nicht erhalten hat.

Von Leander Steinkopf erschien zuletzt die Anthologie „Neue Schule: Prosa für die nächste Generation“ bei Claassen.

Foto von Toa Heftiba auf Unsplash

Dear Literaturbetrieb

Das internationale Autor*innenkollektiv foundintranslation fordert in einem offenen Brief einen vielfältigeren, inklusiven Literaturbetrieb. Der Brief geht aus WESTOPIA – Festival für eine mehrsprachige Literatur der Zukunft hervor, das vom 1.- 5. September 2021 vom Center for Literature (CfL) auf Burg Hülshoff veranstaltet wurde. Das Festival beschäftigte sich mit den toten Winkeln des Literaturbetriebs, der die Vielfalt und Vielschichtigkeit einer mehrsprachigen und multiperspektivischen Gesellschaft nicht abbildet, und der Frage, wie eine inklusive Literaturlandschaft zukünftig aussehen kann.

Dear Literaturbetrieb,

Imagine the literature of a country whose borders are fictions. Imagine a literary scene where competition is imbued with empathy. Where every mother tongue is honoured as a mother. Where common sense is our common ground and translation our common tongue.

Do you remember? That was our destination, but the world has a way of imposing itself, covering complex depth with forgetful surfaces. Can we find our way back to a place yet to be discovered?

Für uns, beginnt die Utopie im Publikum. Wir erträumen einen Raum, groß und schillernd, der nicht nur eine Welt abbildet. Eine Welt mit vielen Weltchen. Die Rampe zur Bühne gibt es nicht. Da ist Nähe, da ist Augenhöhe, da ist der Mut, selbst auch auf die Bühne zu gehören.

We wouldn’t judge a book by its cover — but a publisher if the translator’s name is omitted from its cover.

Wir sehen die Bühne nicht als Repräsentationsfläche, sondern als Präsentationsfläche.

Lieber Literaturbetrieb, we still love you, but we no longer find you attractive.

Bitte, wechselt die Positionen. Wechselt häufiger Jurypositionen. Bezahlt Juryarbeit besser. Besetzt nicht die Jurys mit den immer gleichen Gesichtern. Neue Gesichter, neuere Literaturformen, neueres Publikum. 

Wir möchten den Klang aller Sprachen auf der Bühne erfassen. A través de la música de la lengua extranjera, to acknowledge that a world-view different to ours is possible. Wir möchten uns ins Nichtverstehen verlieben. 

What does »Deutsche Literatur« even mean?

Si los lenguajes de las minorías en nuestro país son islas, que sean las islas a las que queremos viajar.

Dearest, Literaturbetrieb, why so serious? Wir fordern mehr Quatsch. 

Wir wollen flexible Förderanträge ohne modischen Buzz: Antragsprosa has left the meeting.

Who takes care of the carers? Wir fordern Förderung mit Fürsorge. This means, liebe Kulturförderungen, that we take the expenses of partners and family members into account: family-friendly grants and residencies. And do try not to get bogged down in unnecessary details — let us take care of the writing, acknowledging that all creative work is the work of a community, even if through a single person writing in solitude.

Lieber Literaturbetrieb, uns fehlt der Dialog auf der Bühne. Der wahrhaftige Dialog, der die Frage nach Autofiktion übertrifft. Wir möchten in den Bann gezogen werden.

Bücher sind unsere Zufluchtsorte, wir möchten, dass Bühnenräume und Literaturhäuser auch Zufluchtsorte werden.

We recognise that, by definition, any language that serves as an international lingua franca oppresses the tongues that exist in the margins. However, a Kajetian approach encourages us to accept the paradox, ‘to embrace the English language as a tool’ for spreading knowledge and tweaking the cultural discourse. The wise expenditure of such energies requires common ground. 

Let’s take translation as our model, reminding us that no identity, language or culture can ever be separated from its foreignness. Let’s remain open-minded, taking translation as our ever better-failing model for solidarity.

Dearest Literaturbetrieb, your map no longer corresponds to the territory. But that doesn’t mean we can’t find our way. It just means the journey may take a little longer, so consider it a scenic route. Don’t despair. We have time and the best of company.

Wanting you to be ours,

foundintranslation

Beitragsbild von Moritz Wienert

Schweig, Autorin – Misogynie in der Literaturkritik

von Nicole Seifert

 

Wenige Wochen bevor bekanntgegeben wurde, dass Inger-Maria Mahlke für ihren Roman Archipel den Deutschen Buchpreis 2018 erhalten würde, erschien im Spiegel ein Porträt der Autorin, in dem sie als überemotional, fahrig und naiv dargestellt wurde, eher als kleines Mädchen, denn als ernstzunehmende Schriftstellerin. Dass sie “eine Menge Preise“ gewonnen habe, wird erwähnt, deutlich öfter wird aber betont, dass Mahlke „dem breiteren Publikum nicht sonderlich bekannt“ sei, dass der Verkauf ihres Romans schlecht liefe, dass ihre Bücher zwar „als große Literatur“ gälten, aber: “alle floppten mehr oder weniger“.

Für den Verfasser des Textes, Takis Würger, scheinen hohe Verkaufszahlen das eigentliche Qualitätsmerkmal eines Textes zu sein. „Die drei, vier Mahlke-Fans, die es da draußen irgendwo gibt“, schließt er, „können sicher sein, dass Mahlke unabhängig davon bald wieder die braune Nickihose anziehen und weinend vor ihrem Computer sitzen wird.“ [1] Ein Artikel, der die Autorin lächerlich zu machen versucht, und der schon eher boshaft als respektlos genannt werden muss.

Edo Reents von der FAZ eröffnete seine Rezension von Judith Hermanns Aller Liebe Anfang, dem ersten Roman nach mehreren Erzählungsbänden, mit den Worten, diese Autorin habe „zwei Probleme: Sie kann nicht schreiben, und sie hat nichts zu sagen.“ Ihr Stil gelte zwar als kunstvoll, sie selbst wegen ihrer Erzählungen als eine der wichtigsten Stimmen der jüngeren Literatur, Reents aber vermutete in der betont reduzierten Syntax „gedankliche Schlichtheit“ oder „einfach nur Unvermögen“ und äußerte den Verdacht, Hermann wisse „gar nicht, was bestimmte Wörter bedeuten“. [2]

Ein drittes Beispiel: Kürzlich wurde im Lesenswert Quartett des SWR über den Debütroman der Autorin Deniz Ohde gesprochen. Streulicht hatte zuvor unter anderem den Literaturpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung und den aspekte-Literaturpreis erhalten, außerdem stand der Roman auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sandra Kegel, Ijoma Mangold und Insa Wilke bedachten das Buch in der Sendung mit viel gut begründetem Lob, zuletzt schaltete sich Gastgeber Denis Scheck mit einer ganz anderen Meinung ein: „Diese Autorin ist so humorfrei, so frei von einer Spur von Geist und Eigenständigkeit in der Intellektualität, dass ich ihr eine große Zukunft in der deutschen Gegenwartsliteratur prophezeien kann, solange es solche Kritiker gibt.“ Er habe sich wahnsinnig gelangweilt und geärgert über dieses flache und banale Buch, sagte Scheck und verstieg sich schließlich zu der Aussage: „Diese Autorin kann nicht denken!“ Von Insa Wilke nach Textbeispielen gefragt, antwortete Scheck, das ganze Buch sei ein einziges Beispiel, nannte also keines. Ijoma Mangolds Frage, warum Scheck zu diesem Buch nicht „eine minimal weniger radikale Position“ einnehmen könne, überging er ganz. [3]

Warum so radikal?

Bei derartigen Abrechnungen, bei so persönlichen Attacken drängt sich der Verdacht auf, dass es eben genau darum gehen könnte – um etwas Persönliches. Ungeachtet dessen sollen die Aussagen hier aber als das betrachtet werden, als was sie sich ausgeben: als Literaturkritik. Warum ist bei allen genannten Beispielen der Ton derart verächtlich, das Urteil so vernichtend? Woher der Furor? Es ist die Frage, die Ijoma Mangold Denis Scheck gestellt hat: Warum so radikal? Ein genauerer Blick auf diese und andere Beispiele zeigt einige Übereinstimmungen.

Durchweg handelt es sich um besonders erfolgreiche, mehrfach ausgezeichnete Autorinnen, die wie Judith Hermann und Deniz Ohde bereits mehrere Literaturpreise und viel Anerkennung vom Feuilleton bekommen hatten. Und weil das so ist, muss gleich die gesamte Literaturkritik mit angegriffen und mehrfach wiederholt werden, dass diese Autorin maßlos überschätzt werde und alle, die es anders sehen, keine Ahnung hätten. Reents verdächtigt „die Literaturkritik“ der „Nachsicht“, Scheck hält es für einen „Offenbarungseid für die deutsche Literaturkritik, dass ein so schwacher Text es so weit bringen durfte.“

So lief es auch, als Karen Köhler nach ihrem sehr positiv besprochenen Erzählungsband Wir haben Raketen geangelt, der zudem ein Bestseller war, 2019 ihren gespannt erwarteten ersten Roman veröffentlichte. Jan Drees, Kritiker beim Deutschlandfunk, bezeichnete Miroloi als „naives Jugendbuch“ und sprach ihm zusammen mit mehreren anderen Romanen, die sich zu dieser Zeit gut verkauften (fast ausschließlich von Frauen), mittelbar die Berechtigung ab, im Feuilleton besprochen zu werden und „Literatur im eigentlichen Sinne“ zu sein. Und auch in diesem Fall gibt es einen Vorwurf an die Kolleg*innen, die Drees zufolge samt und sonders dem Verlagsmarketing auf den Leim gegangen seien. [4] In einem ersten Schritt wird im Genre „Etablierter Literaturkritiker verreißt erfolgreiche junge Autorin“ also das durch die Kolleg*innen bereits aufgebaute Renommee der Autorin demontiert. In der FAZ-Kritik von Simone Hirths Roman Das Loch wird zu diesem Zweck sogar behauptet, die Literaturpreise, die die Autorin bereits „eingeheimst“ habe, würden „nicht selten unbedacht vergeben“. [5]

Im zweiten Schritt werden die Themen der Romane beanstandet, die Geschichte als solche, mit der die Kritiker in allen betrachteten Fällen nichts anfangen können. „Sollte es Judith Hermanns Absicht gewesen sein, mit ihrer Stalking-Geschichte zu zeigen, dass das Leben schnell aus den Fugen geraten kann“, formuliert Edo Reents sein Unverständnis, „[…] dann kann man nur sagen: Ja, davon hat man schon mal gehört.“ Und für Jan Drees bleiben nach der Lektüre von Miroloi „tausend Fragen“ zurück: „Ist Köhlers Buch ein Totenlied auf nicht mehr existierende Formen der Misogynie? Kann Miroloi gelesen werden als Parabel auf die Unterdrückung von Frauen im Niger, im Chad oder Burkina Faso?“ – Soll man lachen oder weinen angesichts so viel Unkenntnis der aktuellen gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland und der historisch gewachsenen Strukturen, die ihr zugrundeliegen?

Auch die Literatur, in deren Tradition die Romane dieser Autorinnen stehen, ist offensichtlich nicht bekannt. „Wo wäre das jetzt zu verorten“, fragt Moritz Baßler in seiner taz-Besprechung von Miroloi, „irgendwo zwischen Wanderhure und Schäfchen im Trockenen, Krabat und dem Gastroführer Griechenland?“ [6] Weder, noch. Aber anders als die Kollegen, die Sinn und tiefere Bedeutung gar nicht erst unterstellen, fragt Baßler immerhin, womit ein Buch wie Miroloi inhaltlich zu vergleichen wäre, und scheint an einer Antwort ehrlich interessiert. Mit Werken von Ursula LeGuin und Margaret Atwood zum Beispiel, deren Report der Magd durch die prominente Serienverfilmung gerade erst omnipräsent war. Wenn man von diesen bekannten Namen aus weiter googeln würde, stieße man auf meterweise dystopische und utopische feministische Romane aus aller Welt. In den Buchhandlungen fände man außerdem Neueres wie Naomi Aldermans Die Gabe oder The Water Cure von Sophie Mackintosh, in dem es ebenfalls um eine patriarchale Inselgesellschaft geht. Die Kenntnis nur einiger dieser Bücher hätte den Kritikern einen fundierten Vergleich mit Karen Köhlers Roman und eine angemessene Auseinandersetzung ermöglicht.

Von umfassender Ahnungslosigkeit zeugt auch die bereits erwähnte Besprechung von Simone Hirths Roman Das Loch von Anton Thuswaldner. Was junge Mütter und Väter erleben, auf welche Topoi und welche Literatur in diesem Briefroman angespielt wird – über all das scheint der Rezensent derart schlecht informiert, dass er weder Hintersinn, noch Witz erkennen kann. Fragt sich, warum ausgerechnet er diesen Titel rezensierte (und warum die FAZ eine derart inkompetente Besprechung, in der nicht mal der Versuch gemacht wird, etwas literarisch und kulturell einzuordnen, dann durchwinkt und druckt).

In einem dritten Schritt werden in solchen Rezensionen schließlich Stil, Sprache und Form abgewertet, allerdings – interessante Gemeinsamkeit –, ohne dass nach einer möglichen Bedeutung überhaupt gesucht würde. Gern werden dann reihenweise Beispiele herausgepickt und oberlehrerhaft berichtigt, wie Reents es tut: „“Am Abend schließt sie die Haustür von innen ab“ – das sollte jeder Verfolgte tun. „Der Alkohol ist süß und kräftig“ – eine chemische Unmöglichkeit, gemeint ist Likör.“

Pingelige Besserwisserei statt Literaturkritik – bei Ausweichmanövern dieser Art muss man sich fragen: Können die Kritiker die ästhetischen Strategien der Autorinnen nicht verstehen, oder wollen sie nicht? Eins macht ein genauerer Blick auf diese Rezensionen jedenfalls klar: Aus dem Nichtverstehen resultiert kein Verstehenwollen. Die Fragezeichen werden zwar wahrgenommen, es wird ihnen aber nicht nachgegangen. Statt einer angemessenen Auseinandersetzung gibt es nur oberflächliche Betrachtungen, formale Mittel werden genauso wenig eingeordnet wie die Stoffe und Motive der Autorinnen. Dafür fällt das Urteil um so schärfer aus. Da würden „laufend Nichtigkeiten aufgebauscht, Triviales macht sich wichtig“ (Reents), da sei ein Buch „banal und oberflächlich“ (Scheck).

Was ist daran misogyn?

Der Ausschluss von weiblichen Texten aus der Sphäre der ‚hohen Literatur’ läuft, historisch betrachtet, seit dem ersten in Deutschland von einer Frau veröffentlichten Roman ganz wesentlich über die Abqualifizierung der Themen, die angeblich nicht literaturfähig seien. [7] Das begann mit Sophie von LaRoche, und bewährte sich noch in den Neunzigerjahren, als das Literarische Quartett dem Debütroman von Marlene Streeruwitz aufgrund seines Themas absprach, Literatur sein zu können; und es funktioniert bis heute. [8]

Der andere Klassiker, ohne den kaum ein Kritiker auskommt, ist der Kitschvorwurf. Reents findet, die Gefühle von Hermanns Protagonistin seien „früher im Übrigen etwas für Kitschromane“ gewesen, Drees stellt in seiner Besprechung von Miroloi einen Bezug zu „Schnulzen, Schmonzetten und Erbaulichkeitstraktaten“ her, Scheck urteilt über Ohde: „Das ist reiner Sozialkitsch.“ Und in seinem Totalverriss von Julia Francks Roman Rücken an Rücken diagnostizierte Hubert Winkels nicht nur „spektakuläres“ Scheitern und „maximales erzählerisches Unglück“, sondern fand auch „Kunsthandwerk der sprödesten und ödesten Art“ und die „literarischen Mittel des Kitsches“. [9] Dabei findet die Banalisierung allzu oft in den Köpfen der Kritiker statt, die Bezüge nicht erkennen, Texte unterschätzen und es aus lauter „Ärger“ (Scheck, Reents) vermeiden, sich genauer mit ihnen zu befassen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht hier nicht darum, pauschal zu behaupten, die Rezensionen hätten positiv ausfallen müssen. Natürlich dürfen Romane verrissen werden, auch die von Frauen. Es geht darum, dabei Persönliches und Ästhetisches nicht derart zu vermengen und dabei frauenfeindliche Klischees zu reproduzieren. Es geht darum, dass die Auseinandersetzung zu oft nicht angemessen ist, weil die Kritiker Traditionen weiblichen Schreibens nicht kennen, weil sie ihre LeGuin und ihre Atwood nicht gelesen haben, weil sie sich mit diesen Themen und Formen nicht beschäftigen. Es geht darum, dass Kritiker, die oberflächlich aburteilen und verärgert persönliche Verrisse produzieren, ihre Arbeit nicht tun.

„Mir fehlt in der Debatte um weibliche Kunst und Weiblichkeit im Öffentlichen immer ein einziges Wort“, sagt Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek: „Verachtung.” “Seltsamerweise spricht es nie jemand aus, nicht einmal Feministinnen, vielleicht weil sie es sich nicht eingestehen wollen, doch es ist bezeichnend für das, was die Frau für ihre Arbeit bekommt, auch wenn das eben nie ausgesprochen wird. Die Verachtung des weiblichen Werks.“ [10]

David Hugendick von der ZEIT äußerte kürzlich im DLF-Kultur-Podcast Lakonisch Elegant, er glaube, die Geste des Großkritikers, der von einem Werk gelangweilt sei und es im großen Schwung aburteile, sei vorbei; die Literaturkritik bewege sich inzwischen eher in Bereichen, wo auch mal gezweifelt oder das eigene Urteil als vorläufig anerkannt werde, wo auch aktiv über die eigene Perspektive auf ein Buch nachgedacht werde. [11] Diese respektvolle Art der Literaturkritik gibt es natürlich auch. Es gibt aber auch immer noch die Kritiker, die auch persönliche Angriffe der übelsten Sorte nicht scheuen. (Auch wenn man darüber streiten kann, ob das noch Literaturkritik ist.)

Dass Frauen Romane schreiben können und dafür Literaturpreise erhalten, zieht heute keine Artikel über angebliche „Fräuleinwunder“ mehr nach sich, wie noch in den Neunzigerjahren. [12] Aber gerade die besonders erfolgreichen Autorinnen müssen damit rechnen, extra heftig attackiert zu werden. Zufall? Die Philosophieprofessorin Kate Manne sieht genau hier einen Zusammenhang:

Misogynie, die in einer Kultur latent vorhanden war oder schlummerte, kann sich manifestieren, wenn die Fähigkeiten von Frauen deutlicher zutage treten und daher demoralisierender und bedrohlicher wirken. Daraus können mehr oder weniger subtile Formen von Angriffen, Moralismus, Wunschdenken und bewusster Verleugnung erwachsen wie auch jene Art unterschwelliger Ressentiments, die unter der Oberfläche schwären und an Sündenböcken und Abbildern zum Ausbruch kommen. [13]

Verdrängte Traumata und der öffentliche Diskurs

Ebenfalls kein Zufall dürfte es sein, dass diese Verrisse sich überwiegend Büchern widmen, in denen spezifisch weibliche Lebensumstände oder gesellschaftliche Missstände geschildert werden, wie die ungerechte Verteilung von Sorgearbeit oder Formen von Rassismus und Sexismus. Allen Besprechungen gemein ist, dass diese Probleme inhaltlich nicht aufgegriffen, sondern abgewehrt und als Vorwurf an die Protagonistin zurückgespielt werden.

Hajo Steinert warf Marlene Streeruwitz damals im Literarischen Quartett vor, ihre Beschreibung des Alltags, der Gedanken und Gefühle ihrer Protagonistin sei „Nabelschau, purer Narzissmus, Exhibitionismus“. Und Anton Thuswaldner stört sich daran, dass Simone Hirths Figur sich mit ihrem „verkniffenen Lamento“ „gleich an die ganz Großen“ wende mit ihren Briefen. Sie ist ihm nicht „bescheiden“ genug, „jedem wirft sie sich an den Hals, um mitzuteilen, wie arm sie dran ist“, und nie gehe es um die anderen! Ganz ähnlich findet Scheck es „wirklich unerträglich, dass diese Ich-Erzählerin die Gründe für ihr soziales Scheitern, für ihr berufliches Scheitern als Schülerin überall sucht, nur nie bei sich selbst“. „Unglaublich larmoyant“ sei sie, und eben das mache „das Schreckliche an diesem Buch“ aus, „weil Entschuldigung, wir leben hier in einer Gesellschaft, die eine große Möglichkeit des Aufstiegs einräumt“.

Darum geht es also. Daher der Furor, deshalb konnte die Kritik nicht weniger heftig ausfallen. Schecks zentraler Einwand gegen das Buch, das für ihn so „Unerträgliche“ ist die (vermeintliche) Anspruchshaltung, ist die Undankbarkeit dieser autofiktionalen Frauenfigur, die die Schuld für etwaige Missstände gefälligst bei sich selbst suchen soll. Sollte dem Kritiker tatsächlich vor lauter Ärger entgangen sein, dass es in Deniz Ohdes Buch nicht nur um Ausgrenzung geht, sondern eben darum, was das Fortkommen ihrer Protagonistin so schwierig macht und sogar zentral darum, wie ihr eigenes Verhalten dazu beiträgt und woher es rührt?

Wenn die Abwehr so groß ist, wenn ein Buch, wie in den hier zitierten Kritiken, so radikal niedergeschrieben und ihm noch die Berechtigung abgesprochen wird, überhaupt veröffentlicht zu werden (Thuswaldner über Hirth), dann wird es um mehr gehen, als um seine „Qualität”. Der Literaturwissenschaftler und Kanonforscher Todd McGowan hat sich mit der Frage beschäftigt, warum bestimmte Werke, die inzwischen zum Kanon der amerikanischen Literatur gehören, lange Zeit über nicht einbezogen wurden. Seine Antwort: Weil die in den Werken von Frauen und Schwarzen, von BIPoC und LGBTQIA beschriebenen Traumata sich mit der Weltsicht derjenigen, die den öffentlichen Diskurs beherrschten, nicht vereinbaren ließen. Weil diese sich mit dem Erzählten auch inhaltlich hätten beschäftigen müssen, wären die Werke schon früher für wert befunden worden, besprochen und gelehrt zu werden.

Ein Umdenken fand erst statt, als im Zuge der Bürgerrechtsbewegung Textzeugnisse wie slave narratives wieder gedruckt und gelesen wurden – Textzeugnisse, die keinesfalls aus diffusen Gründen in Vergessenheit geraten sind, vielmehr seien sie aktiv verdrängt worden. Denn andernfalls hätte eine Auseinandersetzung mit diesen Bereichen der Geschichte stattfinden und eine ethische Verantwortung übernommen werden müssen. Vor dem Hintergrund der Sklaverei, der Kolonialgeschichte und der jahrhundertelangen Unterdrückung der Frau war der Ausschluss dieser „anderen“ Stimmen demnach immer schon politisch begründet, ist die ästhetische Begründung immer schon eine politische. [14]

Das politische Ziel hinter der (überwiegend dünnen) ästhetischen Argumentation der hier zitierten Verrisse scheint es, die gerade an Renommee und Einfluss gewinnenden Autorinnen einzuschüchtern, zu entmutigen und aus der intellektuellen Öffentlichkeit zu vertreiben. Wo Autorinnen lächerlich gemacht werden, wo über sie gesagt wird, sie könnten nicht denken, hätten nichts zu sagen und könnten nicht schreiben, ihre Bücher wären besser nicht veröffentlicht worden, da wird nicht nur dem Publikum gesagt: Das ist nichts! Nicht lesen, nicht ernst nehmen! Wo so persönlich und aggressiv geurteilt wird, da werden auch die Autorinnen selbst angesprochen: Was du zu sagen hast, interessiert nicht. Was du schreibst, ist nichts wert. Du hast hier nichts zu suchen. Halt den Mund. Schweig!

Folgen für die Autorinnen

Und genau das ist der Inbegriff der Misogynie. Denn der Begriff bezeichnet, so erklärt es Kate Manne, nicht den Frauenhass einzelner Personen, sondern ein System innerhalb der patriarchalen Gesellschaftsordnung, das Frauen kontrolliert und unterwirft, in die Schranken weist, zum Schweigen bringt. Und zum Teil gelingt das auch, in jedem Fall hat es Folgen. Marlene Streeruwitz nennt solche Vorgänge unmissverständlich den „Versuch der Vernichtung“. Das sei „ein Überlebenskampf“ gewesen, „ob ich als Autorin danach überhaupt noch einen Atemzug tue“, sagt sie über den Verriss ihres ersten Romans im Literarischen Quartett wie über spätere Vorfälle:

Wenn’s ganz schlimm hergegangen ist und der Ausweg der Selbstvernichtung so verführerisch war, dann hab ich mir immer gesagt „Die dürfen dich nicht kriegen“, und „die“ sind so eine patriarchale Instanz, die sich in einzelnen Personen äußert. Das ist mir gelungen. Die haben mich nicht gekriegt. [15]

Die Schärfe solcher Attacken macht es in einzelnen Fällen fast unmöglich, eine gesunde Distanz zu der Kritik einzunehmen und gleichzeitig beim Schreiben zu bleiben. Judith Hermann weiß die vernichtenden Urteile offenbar einzuordnen und hat einen Umgang damit gefunden. Sie stellt fest, dass ihr erster, von Reents so verrissener Roman von einer Frau erzählt, die autonom sei, die nur noch Rücksicht auf sich selbst nehme, die fortgehe. Das provoziere. „Aber alles in allem glaube ich, dass es, wenn die Kritik so harsch und heftig wird, mehr um meine Person geht als um meine Bücher.“ [16]

Welche Möglichkeiten haben die Autorinnen, darauf zu reagieren? In der Kulturratsstudie Frauen und Medien von 2016 sagt Julia Franck:

Diese Ignoranz, diese männliche Rezeptionsignoranz von weiblicher Kunst oder Literatur, die kann man als weibliche Künstlerin oder Literatin nur ganz schwer anprangern und etwas dagegensetzen, ohne sich selbst dabei beleidigt vorzuführen, ohne in die Ecke der Feministinnen abgedrängt zu werden und damit nur noch mehr geschlechtlich und eben nicht mehr ästhetisch wahrgenommen zu werden. [17]

Also schweigt sie.

Der zweite Roman der Autorin Katharina Hartwell wurde von einem Kritiker so heftig verrissen, dass sie seitdem keine literarische Belletristik für Erwachsene mehr schrieb. Ohne Vorwarnung stieß sie, wie sie mir erzählte, auf Facebook zwischen Hochzeitsfotos der Verwandtschaft auf den Link eines Kritikers zu seiner vernichtenden Besprechung ihres Buches. Unter diesem Post entwickelte sich eine Diskussion, an der sich unter anderem weitere Kritiker beteiligten. Dort las sie zum Beispiel, sie könne „ja nicht mal deutsche Sätze schreiben“. Das Gehässige daran, dieses Absprechen jeder Kompetenz bewog sie, erstmal aufs Jugendbuch auszuweichen. Und da die Kinder- und Jugendliteratur, anders als die Höhenkammliteratur, von jeher als Domäne der Frauen gilt, dürfte sie dort vor derart harscher Kritik auch sicher sein.

Als besonders unangenehm wird von sämtlichen Autorinnen, mit denen ich über das Thema gesprochen habe, empfunden, dass sie auf Messen und Veranstaltungen zugleich von Kritikern (vermeintliche) Komplimente bekommen oder angemacht werden. Dass Autor*innen auf die Literaturkritik angewiesen sind und es im Fall junge Autorin / etablierter Kritiker ein beträchtliches Machtgefälle gibt, wird da im besten Fall übersehen, im schlechtesten ausgenutzt. Oder wie ist es zu verstehen, wenn ein Kritiker einer Autorin, der er noch nie begegnet ist, nachts über Facebook die Nachricht schreibt, er habe gerade ihr Buch gelesen, das er am nächsten Tag besprechen werde, und habe das Gefühl, seiner neben ihm schlafenden Freundin soeben fremdgegangen zu sein? So ist es Isabelle Lehn passiert, wie sie im persönlichen Gespräch berichtete. Ihr autofiktionaler Roman Frühlingserwachen spielt mit den Grenzen zwischen Autorin und Protagonistin – nur ist das kein Freibrief für Grenzüberschreitungen dieser Art.

„Der Zutritt der Frauen in die Medienwelt“ sei „eine von Mannes Gnaden“, schrieb Iris Radisch 2010: „Natürlich gibt es auch in der Medienwelt so etwas wie Frauenförderung. Doch ist sie hier, was sie in der Männerwelt meistens ist – eine Art erweitertes Balz- und Brutpflegeverhalten. Und das ist beinahe auch schon alles, was junge Frauen von der Medienwelt erwarten können.“ [18] Das ist über zehn Jahre her, und inzwischen sind Frauen im Literaturbetrieb noch mal präsenter und erfolgreicher als damals und treten dementsprechend selbstbewusst auf. Aber gerade ihr Erfolg provoziert – immer noch und immer mehr, das zeigen auch die erstarkenden antifeministischen Bewegungen in der Gesellschaft. Ein professioneller Umgang damit fällt nicht jedem Kritiker leicht. Die Misogynie in der Literaturkritik reicht von persönlichen Attacken in Form von Rezensionen bis zu Machtmissbrauch und Übergriffigkeiten. Es ist an der Zeit, dafür ein Bewusstsein zu schaffen und darüber zu reden. Oder um es mit der Autorin Simone Buchholz sehr bedient und sehr freundlich zu sagen: „Ach Jungs, achtet doch auf die Feinheiten! Beziehungsweise die Grobheiten.“ [21]

[1] Takis Würger, „Überzeugungstäterin“, in: Der Spiegel, Nr. 39, 22.09.2018

[2] Edo Reents, „Stella oder das Märchen vom Stalker“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.08.2014

[3] Denis Scheck im SWR Lesenswert Quartett vom 20.12.2020

[4] Jan Drees, „Klagelied für die Literatur“, Deutschlandfunk 19.08.2019

[5] Anton Thuswaldner, „Was einem da entgegenzwitschert“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.08.2020

[6] Moritz Baßler, „Schönheit, Stil und Geschmack“, in: taz, 19.08.2019

[7] Renate von Heydebrand / Simone Winko, „Geschlechterdifferenz und literarischer Kanon. Historische Beobachtungen und Systematische Überlegungen“, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur, 19. Bd. 1994, 2. Heft

[8] Hajo Steinert und Marcel Reich-Ranicki in Das Literarische Quartett, ZDF, vom  13.06.1996

[9] Hubert Winkels, „Geisterbahn DDR“, in: Die Zeit, 03.11.2011

[10] Elfriede Jelinek, „Verachtung“, in: Ilka Piepgras (Hg.), Schreibtisch mit Aussicht, Zürich / Berlin: Kein und Aber 2020

[11] David Hugendick in „Wie bespricht man Vielfalt?“, Lakonisch Elegant, Der Kultur-Podcast, DLF Kultur, 14.01.2021

[12]  Volker Hage, „Ganz schön abgedreht“, in: Der Spiegel, Nr. 12, 22.03.1999

[13] Kate Manne, Down Girl, Die Logik der Misogynie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2019, S. 177

[14] Todd McGowan, The Feminine „No!“, Psychoanalysis and the New Canon, Albany. State University of New York 2001

[15] Marlene Streeruwitz, „Das war der Versuch der Vernichtung“, www.nachtundtag.blog 27.06.2020

[16] Judith Hermann im Gespräch mit Julia Encke, „Ich bin von jeder Ankunft weit entfernt“, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 22.05.2016

[17] Julia Franck in: Frauen in Kultur und Medien, Deutscher Kulturrat e.V. (Hg.), Berlin 2016

[18] Iris Radisch, „Die alten Männer und das junge Mädchen“, in: Die Zeit, 18.02.2010

[19]  Simone Buchholz im Gespräch mit Sigrid Neudecker, „Es muss so fantastisch sein, einen Penis zu haben“, in: Die Zeit, 21.01.2019

 

Der Text ist ein Auszug aus Nicole Seiferts Buch „FRAUENLITERATUR. Abgewertet, vergessen, wiederentdeckt“, das im September 2021 bei KiWi erscheinen wird.

 

Photo by Markus Spiske