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Ziemlich beste Freundinnen. Selene Marianis Debütroman „Ellis“

von Hanna Sellheim

Der Klappentext von Selene Marianis Debütroman Ellis, erschienen 2022 im Wallstein Verlag, mutet vage bekannt an. Er verspricht: „Deutschland und Italien. Zwei Freundinnen zwischen Nähe und Distanz.“ Auf seiner Instagram-Seite verlost der Verlag den Roman mit einer Packung Abbracci-Kekse, die darin eine Rolle spielen. Italien, Freundinnen, Dolce Vita und zuckersüße Vermarktungsstrategien – das klingt verdächtig nach #ferrantefever, dem Hype um die „Neapolitanische Saga“ von Elena Ferrante, die weniger mit literarischer Innovation und mehr mit der Geheimniskrämerei um die wahre Identität der Autorin hinter dem Pseudonym Aufsehen erregte. Aber diese Vermarktung verwundert, wirft man einen Blick ins Buch: Denn was hier erzählt wird, ist keineswegs eine Freundschaftsgeschichte, sondern die Erzählung einer unglücklichen lesbischen Liebe. Doch das wird nie explizit und man fragt sich: Warum eigentlich?

Die Handlung des Romans ist knapp bemessen: Ellis, in Deutschland und Italien aufgewachsen, wird in der Schule gemobbt und ist kreuzunglücklich – bis sie Grace kennenlernt. Die beiden streiten und vertragen sich, verlieren den Kontakt, treffen sich schließlich nach zehn Jahren wieder und reisen gemeinsam zu Ellis‘ Großeltern nach Italien. Der Roman ist durch Ellis‘ Ich-Perspektive fokalisiert und in sehr kurzen, szenenhaften Kapiteln erzählt, wobei wiederholt zwischen den Zeitebenen von Kindheit und Gegenwart hin- und hergesprungen wird.

Kitsch und Atmosphäre

Andere Themen, die sich aus den Eckpunkten der Handlung logisch ergeben, finden vor allem am Rande Erwähnung; etwa Kindheitstraumata oder die Frage nach kultureller Zugehörigkeit. Mariani verwendet durchaus einfallsreiche Vergleiche („Mein Verhalten der letzten Tage steigt in mir auf wie Sodbrennen“) und wohlüberlegte Formulierungen („würge Themen heraus, kläglich klein sehen sie aus, wir schieben sie hin und her, unschlüssig“). Manches davon ist geprägt von einer recht aufdringlichen Wortwörtlichkeit, manches von schamlosem Kitsch:

„Ich habe mich verliebt, oft und jedes Mal unsterblich…“ Ich muss lächeln. „Manche Dinge ändern sich nie.“

Doch die eingebauten Referenzen schaffen ein überzeugendes Panorama der frühen Nullerjahre, die schlaglichtartigen Szenen bauen atmosphärische Bilder von italienischem Sommer und der gräulichen Langeweile deutscher Mittelstädte.

Und dann ist da eben die Beziehung von Ellis und Grace, die sich als nur halbherzig erwiderte Verliebtheit entfaltet. An Grace fällt Ellis zuerst und wiederholt der Vanilleduft und ihre blauen Augen auf, es entspinnt sich ein Spiel von Beobachten und Näherkommen. Insbesondere die Berührungen mit Grace sind es, die Ellis detailreich beschreibt. Da kleben schwitzige Arme aneinander, Hände liegen zu nah beieinander, Wangen berühren Hälse und Ellis ist der Anblick von Grace‘ nacktem Körper unangenehm.

Suggestive Bildsprache

Dies entwickelt sich zu einer durchaus überzeugenden Schilderung von gay panic:

Es ist unmöglich, sich nicht zu berühren, wenn ich nicht herunterfallen will. Der Film geht los, nach fünf Minuten die erste Liebesszene. Ich merke, wie mein Nacken sich versteift. Ich spüre Grace‘ warmen Körper an mir, habe das Gefühl, das [sic] sie mich ansieht. Ich versuche, normal zu atmen. Als endlich die Szene wechselt, lege ich mich erleichtert etwas entspannter hin. Vergeblich versuche ich mich auf den Film zu konzentrieren, schaffe es nicht.

So liest sich der Roman, als sei er in Codes geschrieben, die ganz bewusst einen Subtext des queeren Begehrens erzeugen. Es geht nie um Sex und doch gleichzeitig irgendwie immer, suggestive Anspielungen sind omnipräsent. Ellis sitzt „auf einer nackten Matratze“ , die Ballettlehrerin „schiebt ihre Beine scherenförmig auseinander“, ein Kater sieht aus, „als hätte jemand auf seinem Gesicht gesessen“, und bei Grace sind „die Innenseiten der Lippen noch weinrot“. Auch gar nicht subtile Beschreibungen körperlicher Vereinigung passen sich in das Bild:

Chiara und ich schaukeln, wie andere Freundinnen laufen – aus zwei Körpern wird einer. Mit der gleichen Biegung im Rücken drücken wir uns nach oben. Dort, der Pause zwischen Ein- und Ausatmen gleich, bleiben wir ganz kurz stehen, mit geschlossenen Augen.

Ellis zeigt derweil in der gesamten Erzählung kein Interesse an Männern, auf Grace‘ männliche Schwärme und Partner ist sie zugleich unverhohlen eifersüchtig.

Die queeren Andeutungen reichen bis zu Referenzen: Ellis‘ „Mund voll ungesagter Worte“ ist verdächtig nah an Anne Freytags „Mund voll ungesagter Dinge“ – einem erfolgreichen Jugendbuch, das eine Liebesgeschichte zwischen zwei Mädchen erzählt. Und von „Blau ist seine Lieblingsfarbe“ ist es nur ein Katzensprung zu „Blau ist eine warme Farbe“, dem wohl bekanntesten und umstrittensten lesbischen Liebesfilm.

Dabei nähert sich die Erzählung immer wieder asymptotisch der Ausbuchstabierung, insbesondere als Ellis‘ Vater auftaucht und ihr nahelegt: „Du schaust sie an wie sonst niemanden“ und „Du musst es ihr sagen.“ Dieses Es, das unausgesprochen zwischen den Zeilen schwebt, findet aber nie seinen Weg in die Ausformulierung, sondern bleibt stets Implikation. Coming-Out-Andeutungen häufen sich, bleiben aber unausgesprochen.

Als es schließlich doch zum Kuss zwischen Ellis und Grace kommt, folgt daraus jedoch weder für die Handlung noch für die Reflektion etwas; wenige Seiten später ist das Buch beendet. Das Ende verbreitet noch ein bisschen vage Self-Love-Share-Pic-Aufbruchsstimmung und fasert dann aus.

Best Friends Forever?

Wieso wird der Roman also trotz des offensichtlichen Inhalts so verschämt vermarktet als Freundschaftsgeschichte? Der Umschlagtext spricht von der „problematische[n] Dynamik ihrer Freundschaft“ und fragt recht naiv: „Was hält Ellis und Grace zusammen?“ Spielte sich dieselbe Geschichte schließlich zwischen einem Mann und einer Frau ab, sie würde wohl kaum so angeteasert. Dafür gibt es drei mögliche Erklärungen, die aber alle keine wirklich zufriedenstellende Antwort liefern: 

1. Der Roman (und mit ihm die Akteure drumherum) ist sich selbst seines queeren Subtextes nicht bewusst. Angesichts des oben gezeigten Umfangs der Anspielungen scheint das allerdings eher abwegig. 

2. Der Roman ist sich dessen bewusst, versucht aber, einem queeren Themen eher abgeneigten Publikum diese unterzujubeln, auch indem ganz bewusst der Ferrante-Hype angezapft wird. Hierbei stellt sich aber die Frage nach der Motivation: Dass solche Codierungsstrategien früher notwendig waren, um Bücher überhaupt auf dem Markt zu platzieren, liegt auf der Hand[1], aber warum sollte es heute noch im Interesse eines Verlags sein, die eigenen Produkte auf diese Weise zu maskieren? Gerade im Kontext des Pride Month erstaunt es, dass Wallstein den queeren Gehalt nicht mehr ausschlachtet. 

3. Man könnte den Roman lesen als fokalisierte Erzählung einer Figur, die keine Sprache für ihr eigenes Begehren hat, die ihr Gefühl des Andersseins verschiebt von der sexuellen auf die kulturelle Andersartigkeit, die in einer heteronormativen Welt gezwungen wird, sich selbst zu zensieren, um nicht weiter aufzufallen: „Ich lerne vorauszusehen, wann die Lauteste lacht, lache vor ihr, spüre ihren wohlwollenden Blick wie warmes Wasser, das mir den Nacken hinunterläuft. Früher war jeder Blick entlarvend, jetzt nicht mehr, jetzt bleiben sie auf der Oberfläche kleben. Ich weiß jetzt, was meine Stärke ist: mich anpassen.“ Doch das beantwortet nicht, warum das in den Paratexten dann nicht besser aufgefangen wird.

So scheint es am plausibelsten zu vermuten, der Text kapituliere vor der historischen Übermacht überkommener, heteronormativer und latent homophober Klischees und Stereotype von ‚natürlicher Nähe‘ zwischen ‚befreundeten‘ Frauen. Denn diese Muster haben eine Geschichte: Ellis ist keineswegs das einzige Beispiel für die Vermarktung lesbischer Geschichten unter dem Etikett der ‚engen Frauenfreundschaft‘. Der Film Grüne Tomaten (Fried Green Tomatoes) von 1991 erzählt eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen in Alabama Anfang des 20. Jahrhunderts – gibt das aber nie offen zu. Der Trailer betont „friendship“ und „best friends“. Die Zusammenfassung auf Filmstarts.de verspricht etwas von „tiefe[r]“ und „innige[r] Freundschaft“. Dabei legt die 1987 veröffentlichte Buchvorlage Fried Green Tomatoes at the Whistle Stop Café von Fannie Flagg, einer offen lesbischen Autorin, das Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe recht eindeutig nahe. Kino-Zeit.de immerhin bemerkt: „Bedauerlich ist, dass die romantischen Gefühle zwischen den beiden jungen Frauen, die in Flaggs Roman angelegt sind, im Film auf ein rein platonisches Verhältnis reduziert werden.“

“Grüne Tomaten”: Queercoding par excellence

Doch auch das ist nicht wahr: Denn der Film ist voller Codes, die eine romantische Beziehung zwischen den Protagonistinnen Idgie und Ruth suggerieren, auch wenn dies eher im Subtext geschieht. Idgie wird als Tomboy eingeführt, weigert sich, für eine Hochzeit ein Kleid anzuziehen und läuft lieber in Hosen rum. Das allein ist selbstverständlich kein Indikator für lesbische Orientierung, die zärtliche Darstellung von Ruths und Idgies Beziehung, die im Grunde als Ehepaar zusammenleben und gemeinsam ein Kind großziehen, jedoch ist es definitiv. Berührungen und Küsse auf die Wange werden in Close-Ups gezeigt. Eine besonders eindrückliche Szene zeigt die beiden bei einem Food Fight, der mit Beeren-Geschmiere und erschöpfendem Rangeln auf dem Fußboden unschwer als Sex-Chiffre zu erkennen ist, und vom Sheriff unterbrochen wird, der die beiden darauf hinweist, gerade etwas Unerhörtes getan zu haben. Auch eine der Schlüsselszenen, in der Idgie für Ruth Honig erntet und auf die das Paar bei späteren Liebeserklärungen immer wieder Bezug nimmt („I‘ll always love you, the bee charmer“) arbeitet mit einer Bedeutungsverschiebung, die den queeren Gehalt hervorhebt: „I heard there are people who could charm bees. I have just never seen it done before today. You’re a bee charmer, Idgie Threadgoode. That’s what you are. A bee charmer.“ Im Anschluss an diese Aussage greift Ruth mit zwei Fingern in das Honigglas, das Idgie ihr hinhält, und leckt den Honig ab. Sexuell suggestive Bildlichkeit funktioniert also auch in anderen Fällen als Code für queeres Begehren – auch wenn dieser nicht von allen Rezipient*innen entziffert wird. So ist der Film durch die Vermarktung im Einklang mit Mainstream-Diskursen im kollektiven Bewusstsein eingegangen als Freundschaftserzählung – und der queere Hintergrund somit vergessen.

Lesbische Unsichtbarkeit

Es ist inzwischen zum Meme geworden, dass Historiker:innen (oder, vielleicht treffender, Historiker) zusammen lebende, einander Liebesbriefe schreibende Frauen als gute Freundinnen oder Mitbewohnerinnen vermuten. Zuweilen führt diese Verleugnung von Offensichtlichkeiten zu Absurditäten wie dem folgenden Satz auf der Wikipedia-Seite zu Vita Sackville-West, der Geliebten von Virginia Woolf: „Die Freundschaft war von großer Zuneigung und gegenseitiger Bewunderung geprägt, und zumindest zeitweise auch sexueller Natur.“ Auch in eindeutigeren Fällen kommt das Freundschaftslabel zum Einsatz: Netflix fasst Call Me by Your Name als Film über eine „lebensverändernde Freundschaft“ zusammen. In gravierenden Fällen führt ein solcher Bias zur Verfälschung von Forschungsergebnissen, nicht nur in der Literaturwissenschaft, sondern auch etwa in der Archäologie.

Die Grenzen und Grenzüberschreitungen von Liebe und Freundschaft zu diskutieren und Zwischenbereiche aufzuzeigen, ist ja keineswegs falsch – doch scheint es in diesen Fällen um etwas anderes zu gehen, nämlich die Leugnung romantischer queerer, und vor allem lesbischer, Liebe und Sexualität, die Diskriminierungen perpetuiert. Denn die Gleichsetzung von lesbischen Liebesbeziehungen mit engen Frauenfreundschaften macht queere Lebensrealitäten unsichtbar.[2] Während männliche Homosexualität jahrzehntelang kriminalisiert wurde, ist weibliche vor allem ignoriert worden.

Doch auch diese spezifisch lesbische kulturelle Unsichtbarkeit[3] ist problematisch und hat gesellschaftliche Auswirkungen – durcheinander geratene Definitionen von Liebe und Freundschaft, von Begehren und Bewundern sind deshalb keineswegs trivial. Warum? Die Antwort ist so einfach wie pathetisch: Weil Repräsentation Bedeutung hat und schafft. Weil Entstigmatisierung wichtig ist. Formate wie The L Word oder kürzlich erst Princess Charming haben gezeigt, wie wichtig es auch heute noch ist, immer wieder zu betonen, dass lesbische Liebe real und etwas anderes als enge Freundschaft ist, dass nicht alle Lesben aussehen, wie Onkel Ralf sich Lesben vorstellt, dass Frauen romantische Gefühle und sexuelles Begehren empfinden, auch zueinander, und dass es okay ist, das auch ganz explizit so zu benennen. Jetzt muss das wohl nur noch im deutschen Literaturbetrieb ankommen.


[1] Byrne Fone argumentiert weiterführend, dass die „friendship tradition“ den Ausdruck leidenschaftlicher, gleichgeschlechtlicher Gefühle überhaupt erst ermöglicht. (Vgl. Homophobia. A History. Metropolitan Books, 2000. 333.)

[2] Vgl. Kirsten Plötz: „Weitgehend ignoriert. Lesbisches Leben in der frühen Bundesrepublik“. In Bewegung bleiben. 100 Jahre Politik, Kultur und Geschichte von Lesben. Hg. von Gabriele Dennert et al. Querverlag, 2007. 29.

[3] Vgl. Ulrike Hänsch: Individuelle Freiheiten – heterosexuelle Normen in Lebensgeschichten lesbischer Frauen. Leske + Budrich, 2003. 59.

Beitragsbild von kyo azuma

Die Bestatter – Eine Erzählung

Auszug aus einer Erzählung von Thilo Dierkes

Der Test sollte Heranwachsenden, die dem Thema bisher mit zu viel Fantasie begegnet waren, eine genaue Vorstellung ihres beruflichen Werdegangs geben. Durchgeführt wurde er im Hauptsitz der Arbeitsagentur, am Ende einer langen Abfolge von Furnierholztüren und kryptischen Raumbezeichnungen. Fragen, die über einen Röhrenbildschirm flackerten und auf die psychische Verfasstheit der Getesteten abzielten: Wie viel Zeit benötigen Sie, um in einem beliebigen Café Ihre Bestellung zu formulieren? Was fühlen Sie beim Anblick eines Rapsfeldes? No7 rutschte auf einem Stuhl herum. Halten Sie Ihre Bestellungen für gerechtfertigt? Halten Sie eine Entlohnung für angemessen? Halten Sie gerne Reden? Können Sie mit Menschen? Der Test nahm den Großteil des Morgens, des Vor- und frühen Nachmittags in Anspruch. No7 musste sich zusammennehmen, um nicht einem früh erlernten Impuls vorauseilender Enttäuschung nachzugeben. Was können Sie mit Menschen? Als er aus dem Gebäude trat, war er sich nicht mehr sicher, ob er es am Morgen durch diese Tür betreten hatte. Einige seiner Mitschüler_innen standen noch auf dem Parkplatz herum, als sei ihr einziger Zweck einen Schatten zu werfen. Auch er glaubte, versagt zu haben.

Der entsprechende Brief kündigte sich, wie Briefe es oft tun, durch eine Reihe schlechter Omen an: Schwarze Katzen, verunglückende Schornsteinfeger_innen, Scherben, die explodierte Feuerwerksfabrik, zwei Verkehrstote auf der Ausfallstraße, der Winterschlussverkauf, die höchsten Temperaturen, die jemals in einem mitteleuropäischen April gemessen wurden. No7s Großmutter las die Schlagzeilen des Lokalteils vor, während er aus dem Küchenfenster schaute. Es war die einzige Art von Gespräch, die sie führten; zwischen ihnen der Umschlag in tonlosem Grau. No7 sah seine Zukunft vor sich gerinnen; seine Großmutter, die Tanten vor Tagesanbruch im Schatten der Häuserblocks, neben ihnen die Fahrradanhänger mit den Zeitungen. Immerzu schlechte Nachrichten durch Treppenhäuser tragen. Er öffnete den Umschlag, zog den Zettel heraus, wie man ein Pflaster entfernt. Bestatter, stand da. Er stutzte. Ich soll Bestatter werden.

Wie viele seiner Mitschüler_innen bemerkte No7 den allgemeinen Stimmungsumschwung erst, als er sich bereits vollzogen hatte. Eine bleierne Mutlosigkeit hatte sich über den Schulhof gelegt, die sich grundsätzlich von der Großen Panik des letzten Jahres, von der Kleinen Panik des Jahres davor, auch von der latenten Angst unterschied, den Querelen, der Quengelphase und den Wochen des Trotzes. Jene, die bereits einen Brief erhalten hatten, rotteten sich zu verschlossenen Schicksalsgemeinschaften zusammen. Ein Flüstern ging um; haarsträubende Geschichten über Pausenräume und Stechuhren, Versicherungsbeiträge, heimliche Zigaretten in der Lieferzufahrt; von Grußkarten war die Rede, von plastikverschweißten Präsentkörben und Weihnachtsfeiern. Schaudernd imitierten die Schüler_innen einen schwachen Händedruck oder eine Lohnverhandlung, aber stets verstrichen danach einige Momente, ohne dass jemand lachte. Im Gegenteil schien jedes Gespräch damit zu enden, dass die Beteiligten grübelnd und ohne sich zu verabschieden in unterschiedliche Richtungen gingen, auch wenn sie ins selbe Klassenzimmer mussten.

No7 fand sich von all dem ausgeschlossen. Außer ihm sollte niemand Bestatter werden; die ganze Schüler_innenschaft war ihm eine Masse entfernter Bekannter geworden, denen er im Vorübergehen kaum ein Nicken, geschweige denn ein teilnahmsloses Hallo entlocken konnte. Er verbrachte die Pausen größtenteils am Tor stehend, wie um niemand Bestimmtes an der Schule zu empfangen, und beobachtete die Gruppen am Wasserspender, bei den Mülltonnen und an der Tischtennisplatte. Sie sahen jeweils auf ihre eigene Art traurig aus. No7 wusste nicht, ob er traurig war. Erleichtert vielleicht, einen Namen für das zu haben, was er von seinem Leben erwarten konnte; nicht einer der Unglücklichen zu sein, die noch keinen Brief erhalten hatten und mit gesenkten Köpfen über den Schulhof rannten, als fürchteten sie, dass ein enormer Gegenstand auf sie stürzen könne. Zwar kursierte das Gerücht, im Werkraum, zwischen den Farbregalen, träfen sich außerhalb der Unterrichtszeit die Abgeschlagenen, um Bescheinigungen zu fälschen oder Originale gegen Sammelkarten, Alkopops und seltene Kaugummiarten zu tauschen, aber mit Ausnahme der Armbanduhr, die No7 zur Konfirmation bekommen hatte, besaß er nichts von Wert und wollte außerdem vor seinen Eltern nicht lügen müssen. Zumal er schon eine ungefähre Vorstellung seines kommenden Berufslebens hatte.

No7 kannte die Bestatter. Er hatte sie auf der Beerdigung seines Großvaters gesehen. Wächserne Männer in schwarzen Anzügen, die sich während der Zeremonie im Hintergrund hielten, die Arme hinter den Rücken verschränkt und stets bereit den Trauernden handbestickte Taschentücher anzubieten, wenn die Tränen kamen. Die Bestatter besaßen ein ausgeprägtes Gespür für alles Zwischenmenschliche. Sie wussten, wann Abstand geboten war, wann wiederum ein sanftes Berühren des Unterarms Beileid zum Ausdruck brachte. Sie kannten die Unwägbarkeiten von Trauergesprächen, Antworten auf das Warum und Was wäre wenn. Die Bestatter vermieden die offensichtlich und die weniger offensichtlich falschen Worte. In ihren Stimmen lag ein Klingen wie von einem weit entfernten Glockenspiel. Sie rochen immerzu nach Lilien; und ihr Händedruck ließ den Gegenüber mit keinem unangenehmen Gefühl zurück.

Obwohl die Beerdigung wenig mehr als zwei Jahre zurücklag erinnerte sich No7 kaum an den genauen Ablauf. Nur die engste Familie, seine Großmutter, Tanten und Eltern waren dort gewesen. Auf einem Klapptisch hatten Thermoskannen mit Kaffee und angeschnittener Kuchen gestanden, No7 in zweiter Reihe vor dem ausgehobenen Grab. Fliegen auf dem Büffet. Die Fliegen hatten sich ihm ins Gedächtnis gebrannt; und dass plötzlich ein Bestatter neben ihm stand, mit glänzenden Schuhen und Wangenknochen, der in die Knie ging, um mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Er hielt ein silbernes Kreuz in der Hand, drehte es, als würde er es betrachten. Ließ es letztendlich in eine Anzugtasche gleiten und legte die Hand auf No7s Schulter. Überraschend schwer war diese Hand. Die Grashalme ringsum schienen sich von ihnen abzuwenden, die Grabrede nahtlos ins Rauschen der Birken ins Summen der Fliegen überzugehen. Ein süßlicher Duft stieg um No7 auf. Die Hand des Bestatters auf seiner Schulter wurde schwerer und schwerer. Der schien geradewegs durch ihn hindurch zu schauen, seine Augen in ihre Höhlen zurückzuweichen. Stille.

No7 wähnte sich allein auf der Hinterseite der Welt. Er stand auf dem gekippten Friedhof, umringt von angewinkelten Birken, das Licht fiel hin und her. Jeder Wind scheuchte die Silhouetten kleinerer Tiere durch das Gras entlang der Wege. Zuerst, dachte er, fühlte er nichts. Dann einen ungekannten Schmerz, etwas Bleiernes, Heißes, das in seiner Magengrube wuchs. Er beugte sich über, verkrampft. Er schrie, aber der Schmerz nahm zu. Als würde er ausgekocht. Siedende Säure in seinem Hals, der Schaum, geplatzte Äderchen. Er wollte sich stützen, wollte sich an irgendetwas festklammern, wollte alles zerschlagen und abreißen, wenn nötig. Wollte greifen und fassen, aber seine Hände fanden nur Luft. Nur Luft und Luft und Luft und Schaum in seinem Mund und Säure in seinem Hals und das brennende Ding in seinem Magen – Atmen. Das Gesicht des Bestatters, diesmal besorgter, Schweißperlen auf seiner Stirn. Atmen, Junge, sagte er, die Hände tastend in den Anzugtaschen. No7 nickte, schluckte. Fand seinen Körper, nicht brennend, im rechten Winkel zur Erde. Der Bestatter zog die Hände aus den Anzugtaschen, leer. Er zuckte mit den Schultern. Sein Blick ging zum Grab, das ein Friedhofsgärtner gerade begann zuzuschaufeln. Ich kann dir nicht sagen, dass es besser wird. Es wird eine ganze Zeit nicht besser werden. Nicht heute. Nicht Morgen. Der Bestatter wandte sich wieder zu No7. Aber das weißt du. No7 nickte erneut. Was du nicht weißt – und das ist schmerzvoll. Aber du kannst darum herum leben.

Was ist, wenn ich nicht darum herum leben will?

Niemand möchte das, sagte der Bestatter und drückte kurz No7s Arm. Aber, damit richtete er sich auf, es gibt keine Alternative. Mein Beileid, sagte er und ging den anderen Bestattern nach, die bereits am Friedhofstor standen und ihre Taschenuhren kontrollierten. Der Motor eines Autos sprang an, die Birken rauschten, die Fliegen waren fort.

Irgendwann dann war die Beerdigung für beendet erklärt worden. No7s Tanten hatten den Kuchen eingepackt, die Großmutter noch ein letztes Gespräch mit Gott und dergleichen geführt. Kurz darauf waren sie alle zusammen nach Hause gefahren.

Im Kreis der Familie war der Brief auf allgemeine Zustimmung gestoßen. No7s Großmutter hatte über den Rand der Zeitung geblickt und gesagt: Da bin ich aber froh, seine Tanten hatten ihm überschwänglich gratuliert, als sie aufgestanden waren, seine Eltern hatten ihn abends in die Arme geschlossen und waren ihm durchs Haar gefahren. Neuerdings sagten sie Sätze wie: Dann machst du ja auf eine Art etwas Handwerkliches oder Man braucht nicht für alles ein Studium. Wann immer Bilder von Krawatten in den Werbeprospekten waren, schnitten sie die Seiten heraus und hängten sie an die Kühlschranktür. Es handelte sich dabei um einen einfachen Trick, der die Familie an gemeinsame Ziele, Wünsche, Hoffnungen erinnern sollte. No7s Eltern benutzten ihn oft. Wenn sich sein Vater ein Feierabendbier aus dem Kühlschrank nahm, blieb sein Blick häufig an einem Zeitungsschnipsel hängen, der die Mittelmeerstrände pries, die darüber aufragenden Felsklippen, die darauf thronenden Dörfer. Auf dem dazugehörigen Schwarzweißfoto konnte man das Türkis des Meeres förmlich sehen. No7 kannte diesen Blick; er galt allem Verlorenen. Seine Mutter sah ihn manchmal so an, wenn sie über den Schulabschluss sprach oder Anzüge oder Grundstückpreise in der Region.

Nach dem Tod des Großvaters hatten sie dessen Werkstatt entrümpelt, den Keller, ein vollgestopfter Raum mit niedriger Decke, der in No7 stets das Gefühl hervorrief, eine geheime zweite Tür übersehen zu haben. Die Werkbank, das Transistorradio, alles überzogen von einer dünnen Schicht Staub und Sägespäne. Ein gutes Dutzend halbfertiger Möbelstücke hatten sie herausgeholt, Hocker mit schiefen Beinen, keiner zu gebrauchen. Krumme Regale, in die man nichts hineinstellen konnte. No7 hatte versucht, sich seinen Großvater vorzustellen, rotierend inmitten des Gerümpels, einen Stuhl vor Augen, einen Tisch. Wie ihm die Anzeichnungen misslungen waren, die Säge entglitten. Wie er immer wieder probiert haben musste, sich auf einen der Hocker zu setzen und dann, nach dem fünften Versuch, auf dem Boden liegend weitergetrunken hatte.

Während der Entrümpelung war No7 zu der unbewussten Auffassung gelangt, eines Tages auf eine plötzliche, möglicherweise gewaltvolle Art ums Leben kommen zu müssen, und ahnte ähnliches für seinen Vater, dessen Alltag aus undurchsichtigen Tätigkeiten in einem Lagerhaus am Stadtrand bestand, aus Paketen, die in erratischen Mustern verschoben werden mussten, um eine unheilvolle Maschine zufrieden zu stellen; für seine Mutter, die im Büro stets noch eine kurze Notiz schreiben, eine Akte bearbeiten, ein Fenster öffnen oder schließen musste, bevor sie dazu kam, etwas zu essen oder zu trinken. Nur seine Großmutter und Tanten würden ewig leben. Und wenn sie dann doch stürben, würden die Zeitungen den Betrieb einstellen, die Verlagshäuser Trauerkarten drucken und darauf würde stehen: Wir danken für die Zusammenarbeit.

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Ein bürgerliches Trauerspiel – Über Familienbilder und Abtreibungsverbot

von Isa Hoffinger

Die Literatur und das Leben sind voller familiärer Konflikte: Brudermorde, Inzeste, Seitensprünge. Dennoch glauben viele Menschen an das Märchen von der heilen Familie. Auch einige Argumente von Abtreibungsgegnern in der aktuellen Debatte basieren darauf. Warum hält sich dieser Mythos so hartnäckig?

Murphy Brown war schuld. Zumindest aus der Sicht von James Danforth Quayle. Im Frühsommer 1992 schimpfte der damalige US-Vizepräsident über die Hauptfigur der gleichnamigen Sitcom: „Es hilft uns nicht, wenn Murphy Brown, eine Figur, die repräsentativ für die intelligenten und gute bezahlten Frauen der Gegenwart ist, zur Primetime über die Relevanz von Vätern spottet, indem sie ein Kind alleine zur Welt bringt und das als Frage des Lebensstils bezeichnet.”

Wie die Soziologin Christine Zimmermann zeigt, gehörte Murphy Brown zu den beliebtesten und langlebigsten US-Serien. 247 Folgen wurden von 1988 bis 1998 ausgestrahlt. Die Protagonistin war eine zuweilen recht sture, aber erfolgreiche Reporterin. Ihr Vergehen bestand, so sah das offenbar der Republikaner und spätere Trump-Unterstützer James Danforth Quayle, in ihrem Versuch, ihre Berufstätigkeit mit ihrer Mutterrolle zu vereinbaren.

Interessant ist, wie stark Quayles wütender Kommentar damals verfing. Nach seiner Aussage vor dem Commonwealth Club of California gab es eine öffentliche Debatte über die angebliche Krise der Familie, schlimmer noch, über den moralischen Verfall der ganzen Gesellschaft. Wer glaubt, das seien die 1990-er gewesen und heute, dreißig Jahre später, sei alles akzeptiert, Alleinerziehende, LGBT-Eltern, Reproduktionsmedizin, täuscht sich.

Von der Pille zu Roe vs. Wade

Inzwischen pochen Biolog*innen wieder auf die Zweigeschlechtlichkeit, was Vorurteile gleichgeschlechtlichen Paaren gegenüber verstärkt und Abtreibungsgegner behaupten neuerdings abermals, Schwangerschaftsabbrüche verstießen gegen das natürlichste aller Gefühle: Die biologisch begründete Mutterliebe, die die französische Feministin Elisabeth Badinter im Jahr 1980 schon als Mythos entlarvte. Warum nur wird das Rad der Zeit gerade derartig zurückgedreht?

Fast immer, wenn es gesellschaftliche Spannungen gibt, wird die Familie dafür verantwortlich gemacht. Dass Ursachen für Unzufriedenheiten aller Art in der Familie verortet werden, liegt auch daran, dass die Entstehung der Kleinfamilie von Beginn an mit hohen Erwartungen an Glück, Erfolg, Selbstverwirklichung verknüpft war. Scheitern persönliche Träume oder die Ambitionen bestimmter Gruppen, sind nicht etwa die eigenen Ansprüche zu hoch und ist nicht etwa die Politik schlecht. Nein, die Familie ist dann „in der Krise“. Vom Zerfall der moralischen Institution Familie sprechen darum auch die Verfechter*innen der neuen Abtreibungsverbote so gerne.

Gewalt in der Ehe war bis 1997 straffrei

Dass der Aufschrei gegen die Entscheidung des Supreme Court in den USA im Moment unüberhörbar ist, ist mehr als verständlich. Für das Recht, über ihren Berufswunsch, ihr Leben und ihren Körper selbst zu bestimmen, mussten Frauen hart kämpfen. Noch bis 1997 galt etwa in Deutschland nur der erzwungene außereheliche Geschlechtsverkehr als Straftat. Nötigte ein Ehemann dagegen seine eigene Frau zum Sex, hatte er juristisch nichts zu befürchten. Wie viele ungewollte Schwangerschaften Folgen von Vergewaltigungen waren und sind, wissen wir nicht.

In den 1960er und 1970er Jahren verursachten zwar zuerst die Anti-Babypille und später dann die höchstrichterliche Entscheidung zur Abtreibung im Fall Roe vs. Wade in den Vereinigten Staaten einen nachweisbaren Rückgang von Schwangerschaften, aber weder die Pille noch die Richter konnten sexuelle Gewalt aus der Welt schaffen. Warum so selten über Vergewaltigungen durch Angehörige gesprochen wird und die Dunkelziffer bis heute so hoch ist, hat auch mit einem Familienleitbild zu tun, das seit seiner Entstehung absolut unrealistisch war.

Die weibliche Tugend als Waffe im Kampf um den Aufstieg

Die Familie ist eine der ursprünglichsten Formen menschlicher Gemeinschaft. Konstitutiv für diese Sozialform ist, soziologisch gesehen, die Zusammengehörigkeit von mindestens zwei Generationen, die in einer Eltern-Kind-Beziehung zueinander stehen. Ob es nur einen Elternteil gibt, der im Haushalt mit dem Nachwuchs zusammenlebt oder zwei, das spielt, zumindest für die familiensoziologische Definition, glücklicherweise heute keine Rolle mehr. Die Tatsache, dass es heterosexuellen menschlichen Sex gibt, hat zu der Annahme geführt, dass die Familie eine Naturkonstante sei. In Wirklichkeit ist sie eine historisch determinierte Lebensform, deren Entwicklung eng mit dem Wandel sozioökonomischer Verhältnisse verknüpft ist.

Diverse Vergesellschaftungsprozesse haben sich an familialen Strukturen orientiert. Dies wird an der Übertragung von Verwandtschaftsbegriffen auf andere soziale Systeme deutlich. So beeinflusste das Bruderschafts-Modell einige kollektive Organisationsformen, von den frühmittelalterlichen Kaufleute- und Handwerkergilden bis zur Arbeiterbewegung um 1900. Umgekehrt haben wirtschaftliche und politische Prozesse zur Herausbildung spezieller Familientypen geführt und sogar die Binnenstruktur bestehender Familienformen verändert, wie eine Entwicklung im 17. Jahrhundert zeigt: Mit der Inanspruchnahme der Landesvater-Position durch den absolutistischen Herrscher lässt sich, das zeigen familiensoziologische und sozialhistorische Studien, auch eine Zunahme an väterlicher Autorität in der Familie nachweisen. Die Familie war damals ein Abbild gesellschaftlicher Strukturen. Sie war schon immer eine variable Sozialform und keineswegs eine natürliche, stabile oder gar gottgewollte Form des Zusammenlebens.

Pro-Life-Anhänger, Geistliche und Republikaner rekurrieren nichtsdestotrotz unbeirrbar auf ein überholtes Familienleitbild, das im 17. Jahrhundert entstand. Damals entwickelte sich das bürgerliche Familienmodell, ein ideologisches Konstrukt, zu dem auch die sogenannten Geschlechtscharaktere gehörten, die die Historikerin Karin Hausen erforscht hat. Frauen sollten angeblich von Natur aus sanft und ruhig sein, Männer tatkräftig und mutig. Das ließ eine Rollenteilung plausibel erscheinen. Hinter diesem Familienmodell, das der Frau die innerhäusliche Sphäre und dem Mann die außerhäusliche Sphäre zuwies, standen zum einen reale Erfordernisse der damaligen Zeit: Es gab nach und nach weniger sogenannte große Haushaltsfamilien als Produktionsgemeinschaften, etwa in der Landwirtschaft. Die Erwerbsarbeit fand also nicht mehr zuhause statt und wurde von der Privatsphäre getrennt. Aber auch politische Ziele des sogenannten höheren Bürgerstandes, einer Gruppe, die sich aus Gelehrten, Künstlern, Kaufleuten, Unternehmern, höheren Beamten zusammensetzte, steckten hinter der Entstehung dieses Familienmodells.

Der Ursprung des Amerikanischen Traums

Seit dem 17. Jahrhundert wird die sogenannte Kernfamilie mit maximal zwei Generationen als Keimzelle der Gesellschaft betrachtet. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Noch im Jahr 2013 setzte der Schweizer Rotary Club einen Ausspruch des Berner Dichters Jeremias Gotthelf als Motto auf seine Webseite: „Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland“. Jeremias Gotthelf hieß in Wirklichkeit Albert Bitzius, war im Hauptberuf Pfarrer und lebte von 1797 bis 1854.

Die Grundlage des bürgerlichen Selbstverständnisses war im 18. Jahrhundert das Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit, das sich auch heute noch im Amerikanischen Traum spiegelt. Die gesellschaftliche Position sollte, im Gegensatz zur Ständegesellschaft, kein Geburtsrecht mehr sein, sondern das Ergebnis persönlicher Fähigkeiten, die zu erwerben prinzipiell jedermann möglich sein sollte. Dieser Gedanke impliziert ein bestimmtes Menschenbild, demzufolge alle Menschen autonome, selbstverantwortliche Individuen sind. In diesem Zusammenhang ist neben der Französischen Revolution der Einfluss der philosophischen Anthropologie von Bedeutung, die sich seit dem Humanismus und der Reformation entwickelte. Sie erhielt von Kant und Hegel entscheidende Impulse, etwa durch Hegels Theorie über die Konstitution des Selbstbewusstseins durch den Kampf um Anerkennung, die als prototypische soziologische Subjekttheorie bezeichnet wird. Sasa Josifovic hat dazu eine lesenswerte Arbeit vorgelegt.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Das neue Leistungsprinzip setzte Werte voraus, die in der Familie ausgebildet werden sollten. Darum wurde die Familie auch so wichtig. Mit ihrer Hilfe sollten die Bürgerskinder Tugenden entwickeln und Kenntnisse erwerben, die im Wettstreit mit dem Adel von Vorteil waren: Selbstbeherrschung, Fleiß, Arbeitsethos. Eine wichtige Rolle spielte der Wert der Innerlichkeit, der durch den Protestantismus verbreitet wurde und der auch von den Evangelikalen in den USA heute noch gepredigt wird. Erst die Konzentration auf das durch den Protestantismus vermittelte Bewusstsein von Sündhaftigkeit ließ das Gewissen zu einer mächtigen Kontrollinstanz werden. Nicht nur das Scheitern beruflicher Ambitionen, auch das Abdriften in einen lasterhaften Lebenswandel konnte so der Familie zugerechnet werden.

Die bürgerlichen Familien mit ihren tugendhaften Töchtern wurden in der Literatur wie im Leben zu Sinnbildern einer neuen Sittlichkeit, die im Gegensatz zu den sexuellen und materiellen Ausschweifungen des Adels standen. Das machte die Bürger moralisch wertvoller und den Adel minderwertiger. Wurde eine Bürgerstochter von einem Adeligen verführt, bedeutete das also nicht nur persönliches Leid, sondern auch einen Rückschritt im Kampf um Gleichberechtigung der Bürger. Lessings „Emilia Galotti“ thematisiert das beispielsweise.

Die Ehe- und Familienlüge

Um 1900 und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kam es zu einem rasanten Wandel der Lebensbedingungen in einer Welt, die seit dem Siegeszug der Industriellen Revolution immer komplexer wurde. Die Modernisierung rief Emotionen des Unbehagens hervor. Hinzu kam, dass das Individuum aufgrund von Rationalisierung und Technisierung die Möglichkeit der Selbstvergewisserung verlor. Sein Kapital war nicht mehr die eigene Leistung, sondern mittlerweile eher der Einsatz von Maschinen. Während Angehörige des Großbürgertums, also etwa Fabrikbesitzer, die Gewinner der Industrialisierung waren, verarmte die Arbeiterschaft. Das sogenannte Kleinbürgertum resignierte. Die Schere zwischen Arm und Reich begann zwar nicht erst zu jener Zeit, auseinanderzugehen, aber die Enttäuschung vieler Kleinbürger, den Aufstieg trotz aller Anstrengungen nicht schaffen zu können, mündete in einen Rückzug ins Private, und der Frust war so stark, da die Hoffnungen auf das Vorwärtskommen durch eigene Kraft vorher so groß waren. Statt überkommene Moralvorstellungen einfach über Bord zu werfen und sich einzugestehen, dass das Familienmodell nur ein unerreichbares Ideal gewesen war, klammerte man sich daran wie Ertrinkende an einen Rettungsring. 

Der Institution Familie gelang es um 1900 in Europa kaum noch, Werte zu vermitteln, die die Welt durch konkrete Sinnzuweisungen erfahrbar machen konnten. In der Literatur spiegelt sich das in Gerhart Hauptmanns Familiendramen oder im expressionistischen Schauspiel, etwa in „Vatermord“ von Arnolt Bronnen. Die Kinder begannen, zu rebellieren. Sie warfen der Familie eine Verlogenheit vor, die nur vor dem Hintergrund zu verstehen ist, dass die Familie zuvor so enorm aufgewertet worden war. Zeitgenossen sprachen nun erstmals von einer „Krise der Familie“, die sich in der Literatur manifestiere. Im Grunde ist das auch der Zustand, in dem sich die moderne Familie bis heute befindet. 

Die Verlierer des Digitalkapitalismus

Der Prozess einer beschleunigten Veränderung ist auch jetzt, seit den Nullerjahren, wieder zu beobachten. In den USA hat der Digitalkapitalismus zu viel Unsicherheit bei Menschen geführt, die im Handwerk oder im klassischen Dienstleistungssektor beschäftigt sind. Ein Job reicht vielen nicht mehr zum Überleben. Durch die Pandemie wurde die Wirtschaft zusätzlich geschwächt. Und scheinbar ist es nun, auch vor dem Hintergrund der verlorenen Wahl von Trump, wieder einmal oder immer noch die intakte Familie, die für Ordnung sorgen und alles ins Lot bringen soll, was politisch schieflief.

Auf Kosten von Mädchen und Frauen gehen Republikaner auf Stimmenfang, fällen Richter*innen nun wieder Urteile. Nicht nur in den USA, auch in Polen. Institutionen, etwa Gerichte, brechen nicht nur, und das ist das Tragische, den moralischen Stab über Frauen, die ungeplant oder ungewollt schwanger sind, sondern sie sorgen darüber hinaus dafür, dass Frauen, auch wenn sie Opfer von Vergewaltigungen sind, doppelt bestraft werden. Mit der eigenen Scham und mit dem Gefängnis.

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Wovon wir sprechen, wenn wir Versöhnung sagen oder: Wer fabriziert hier wem einen Popo?

von Mia Raben

Ich bin ein von innen verschmutztes, kluges, auffällig musikalisches, ordentlich frisiertes Mädchen mit Kragen. Ich bin irgendwie anders, aber sympathisch, denn ich bin anpassungsfähig. Ich lese den Erwachsenen ihre Wünsche aus den Gedanken ab, bevor sie sie selbst formulieren können. Zum Beispiel: Zeige dich lässig und unbeeindruckt vom Reichtum deiner Freundinnen und Freunde. Tu so, als sei es ganz normal, vier Mercedesse vor dem Haus stehen zu haben, alle mit fast gleichem Kennzeichen, immer Hamburg und die Initialen meiner Freundin. HH-DH. Tu so, als gehörtest du dazu. Als hättet ihr in der Familie dieselben Rituale, wie alle anderen auch. Lindenstraße gucken. Das Auto waschen. Sonntagsfrühstück. Mahlzeiten immer zur selben Zeit. „Wir essen immer um 18.30 Uhr”, höre ich mich sagen. Das ist nicht wahr. Wir essen, wann es uns in den Kram passt. Manchmal erst um neun. Damit das nicht rauskommt, und auch andere Dinge nicht, die bei uns „komisch“ oder anders sind, übernachte ich lieber bei meiner Freundin, anstatt sie bei mir. Dagegen hat niemand etwas einzuwenden. Erst zwei Jahrzehnte später werde ich erleichtert feststellen, dass meine Kinder gern andere Kinder zu uns zum Übernachten einladen.

Schamhafte Wahrheiten. Wie sich ihnen nähern?

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Eine Poetik des Zweifels – Zum hundertsten Geburtstag der Schriftstellerin Ruth Rehmann

von Nicole Seifert

Ruth Rehmanns erster Auftritt bei der Gruppe 47 war denkwürdig. Am Abend sang sie „schallplattenreif Chansons mit einer wilden Stimme“, wie es später in der FAZ heißen sollte, und ihre Lesung am nächsten Tag rief in Großholzleute im Allgäu derart positive Reaktionen hervor, dass sie für den Preis der Gruppe des Jahres 1958 im Gespräch war. Und hätte Günter Grass nicht noch Aufsehen mit einem Kapitel aus seinem unveröffentlichten Roman Die Blechtrommel erregt – sie hätte den Preis wohl auch bekommen. Ebenfalls auf der Tagung anwesend war Siegfried Unseld, der Ruth Rehmann schließlich unter Vertrag nahm. Der Roman, aus dem sie den Auszug „Das erste Kleid“ gelesen hatte, erschien 1959 unter dem Titel Illusionen bei Suhrkamp, wurde in mehrere Sprachen übersetzt, ein weiteres Kapitel schaffte es in die Schulbücher, dann geriet der Roman langsam in Vergessenheit. Der AvivA Verlag hat Illusionen nun anlässlich des hundertsten Geburtstags der Autorin neu aufgelegt.

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Erfahrungen und Widersprüche – Zum hundertsten Geburtstag Franz Fühmanns

von Lukas Betzler

Vor hundert Jahren, am 15. Januar 1922, wurde Franz Fühmann im böhmischen Rokytnice nad Jizerou (Rochlitz an der Iser) geboren. Fühmann wurde einst zu den bedeutendsten Schriftsteller:innen der DDR gezählt und auch im Westen gelesen, wo seine Werke vor allem bei Suhrkamp und Luchterhand erschienen. Heute hingegen, knapp 38 Jahre nach seinem Tod, ist er weitgehend in Vergessenheit geraten. Nur unter denjenigen, die in der DDR aufwuchsen, hat sein Name noch einen vertrauteren Klang, denn es gab dort in den siebziger und achtziger Jahren wohl kaum ein Kind, das keine seiner Kindergeschichten oder Mythen-Nacherzählungen kannte. Aber diese Lektüren liegen schon weit zurück und werden nur bei wenigen seither erneuert worden sein. Auf dem Radar der Literaturkritik und -wissenschaft befindet sich Fühmann, von wenigen Ausnahmen abgesehen, sowieso schon seit längerer Zeit nicht mehr. Daran hat bislang auch der Umstand wenig geändert, dass Fühmann von Schriftsteller:innen wie Marcel Beyer, Annett Gröschner, Peter Härtling oder Ingo Schulze zu ihren wichtigsten Vorbildern gezählt wird. Die „Fühmann-Renaissance“, von der Stephan Krause schon 2018 auf literaturkritik.de angesichts zahlreicher neuer Veröffentlichungen zu Fühmann freudig schrieb, ist bedauerlicherweise immer noch mehr Wunsch als Wirklichkeit.

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Die Belange der Liebe. Über Anne Webers „Tal der Herrlichkeiten“

von Samuel Hamen

In ihrem „Tal der Herrlichkeiten“ braucht Anne Weber nicht viel, um ihre Hauptfigur in ihrer ganzen Erbarmungswürdigkeit zu porträtieren: einen Strand, ein Meerestier und einen vom Leben gezeichneten Mann, der sich kraftlos zu Boden fallen lässt. „In kaum einer Handbreit Entfernung, aber von Sperber ungesehen, lief ein Einsiedlerkrebs an ihm vorüber, mit einem Teil seiner Beine sein schützendes Gehäuse festhaltend, mit vier weiteren Haus und Leib vorwärtsbewegend, scheinbar unbekümmert, als wäre der Liegende kein ungleich größeres und somit bedrohliches Lebewesen, sondern eine angeschwemmte tote Robbe oder ein Stein.“

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Literarischer Stadtplan für New York City

von Isabella Caldart

Seit anderthalb Jahren gibt es ein Einreiseverbot für Europäer*innen in die USA, das noch immer nicht wieder aufgehoben wurde. Ein Glück, dass man sich mithilfe von Büchern sicher, günstig, schnell und umweltschonend an persönliche Traumziele weltweit lesen kann. Ein besonders beliebtes Traumziel ist für viele New York City; rund 65 Millionen Besucher*innen (darunter 13 Millionen aus dem Ausland) verzeichnete die Stadt in prä-pandemischen Jahren. Zugleich gehört New York auch zu den beliebtesten Schauplätzen von Romanen.

Wer an New-York-Bücher denkt, denkt zumeist an Romane wie Fegefeuer der Eitelkeiten, Manhattan Transfer oder Die New-York-Trilogie. Aber es gibt eine wesentlich größere Bandbreite an literarischen Texten, die New York als Setting haben. Auffällig dabei: Im East Village und in Harlem sind besonders viele Geschichten angesiedelt, und vor allem die siebziger Jahre, eine Zeit, in der New York dreckig und gefährlich war, werden als zeitlichen Rahmen gerne gewählt. Eine Auswahl.

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Der korrekte Herr und seine Insektengeschichten – Über schwierige Bücher

von Jasper Nicolaisen

 

Was macht eigentlich ein Buch schwierig? Warum haben manche Texte, manche Autor:innen generell den Ruf, „schwierig“ zu sein?

Die Frage ist nicht so leicht zu beantworten, wie man meint, aber ich glaube, dass sie nicht ausschließlich mit individuellen Vorlieben oder Abneigungen zu erklären ist. Ich vermute, dass es schon so etwas wie einen Kern dieser Zuschreibung des „Schwierigen“ in der Literatur gibt, und dass es sich lohnen könnte, ihn versuchsweise genauer zu bestimmen. Dass ein Text „schwierig“ sei, das wird oft als Begründung für mangelnde Wahrnehmung des Textes herangezogen, auch als Abwehr gegen Formen der Literatur, die als verordnet, lebensfern oder verschult, also als Zumutung gelten, aber vor allem als Grund, einen Text gar nicht erst zu lesen beziehungsweise gar nicht erst zu veröffentlichen. Ich glaube, dass unbestimmte Vorstellungen davon, was „schwierig“ oder „zu schwierig“ ist, den Buchmarkt, die Bibliodiversität mit prägen, und insofern ist der Begriff von allgemeinem Interesse. Weiterlesen