Schlagwort: kino

Von Menschen und Nachos, oder: Das Kino hassen

von Gerrit Wustmann

An der Sitzlehne klebt irgendwas Eingetrocknetes. Ich nehme den Arm wieder runter und lege ihn in den Schoß. Nach einer halben Stunde Werbung ist mir schon der linke Fuß eingeschlafen. Ich wecke ihn auf. Als der Film endlich losgeht, bin ich in Gedanken längst woanders. Links neben mir stopft jemand Nachos in sich rein. Seit einer halben Stunde. Ein kurzer Seitenblick: Es ist die ganz große Schale. Er isst sie einzeln. Und kaut ausgiebig. Eine der zentralen Fragen des Lebens drängt sich einmal wieder auf: Welcher Vollidiot hatte die Idee, in Kinos Nachos zu verkaufen? Ausgerechnet diese Dinger, die man unmöglich leise essen kann. Das ist so grausam wie ein Zugnachbar, der bei jedem Griff in die Chipstüte noch mehr Krach macht als mit dem Beißapparat, minimal unter dem Kapitalverbrechen namens Apfel. (Disclaimer: Ich mag Äpfel. Sehr sogar. Aber ich möchte niemandem beim Apfelessen zuhören, das ist wie Fingernägel auf Tafel.) Ich vermute dahinter eine Verschwörung der Filmindustrie: Je weniger man im Kino mitbekommt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass man sich den Streifen hinterher zu Hause nochmal ansehen will.

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Stummfilmästhetik auf TikTok – Attraktion und Narration

von Christian Albrecht

 

#Bippidyboppidyboo war Anlass für über 84 Millionen Aufrufe im sozialen Video-Netzwerk TikTok. Folgt man dem Hashtag, führt er zu Videos, die stets ähnlich gestrickt sind: Ungeschminkte, verschlafene und/oder frisch geduschte Menschen stehen in Bademantel, Pyjama oder Jogginghose vor dem Smartphone und schwingen zum Lied ‚Bibbidi-Bobbidi-Boo’ aus Disneys Zeichentrickfilm Cinderella einen imaginären Zauberstab. Ein Sprung in die Luft – und mit der Landung vollzieht sich die wundersame Verwandlung vom unordentlichen Aschenputtel-Ich in das ausgehfertige, selbstbewusste Alter Ego; statt des Gesangs der guten Fee nun Audi von Smokepurpp oder Lalala  von bbno$. Weiterlesen