Schlagwort: Geschichte

Ein amerikanischer Cäsar – Die Rechte in den USA flirtet mit einer gefährlichen historischen Idee

von Annika Brockschmidt

Derzeit führen in den USA sprichwörtlich alle Wege nach Rom – zumindest, wenn es nach der amerikanischen Rechten geht. Angesichts der Durchsuchung von Trumps Florida-Anwesen in Mar-a-Lago durch das FBI gehen konservative Politiker, Medienvertreter und Influencer auf die Barrikaden – bisher nur sprichwörtlich, auch wenn die Aufrufe zur Gewalt von Seiten der Basis sich mehren. Besonders beliebt bei der amerikanischen Rechten sind dabei derzeit Verweise auf das Alte Rom: Madison Cawthorn, Abgeordneter für North Carolina, verglich das Vorgehen des FBI mit “der Zeit, als Sulla an die Macht kam”, und Tom Fitton, Chef des rechten Think Tanks “Judicial Watch” spricht vom “Rubikon”, der überschritten sei. 

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Doch diese krawalligeren Erscheinungen des amerikanischen Konservatismus sind bei weitem nicht die einzigen, die sich in Vergleichen mit dem Alten Rom ergehen: Rod Dreher, Orban-Sympathisant, rechtskonservativer Publizist und eine der bekanntesten intellektuellen Stimmen der Religiösen und Politischen Rechten, fühlt sich durch die Hausdurchsuchung beim früheren Präsidenten “an die späten Tage der Römischen Republik” erinnert. Diese Rhetorik zeichnet wechselweise Biden, FBI-Chef Christopher Wray, das Justizministerium, das gesamte FBI oder alle gemeinsam – als aufstrebende Diktatoren, die sich bereit machen, gen Rom – beziehungsweise Washington – zu marschieren. 

Es ist an sich nichts Neues, dass die amerikanische Rechte ihre politischen Gegner als Möchtegern-Diktatoren framed. Diesmal steckt hinter ihrer Fixierung auf die späte Römische Republik aber auch etwas anderes. Denn hinter der Rhetorik verbirgt sich mehr als die geläufige Dämonisierung der Gegenseite: Hier wird eine intellektuelle Berechtigungsstruktur für eine radikale Idee geschaffen, die in der amerikanischen Rechten immer mehr Fahrt aufnimmt: der Cäsarismus. Eigentlich kommt dieses polit-philosophische Modell von Herrschaft unter diesem Namen im 19. Jahrhundert auf, basierend auf den Erzählungen von Cäsars Übernahme der Römischen Republik als Diktator auf Lebenszeit. Die amerikanische Rechte hat die Idee jedoch für sich entdeckt und spielt seit geraumer Zeit, mal mehr, mal weniger offen damit. Der Trend geht derzeit zum Mehr.  

Autoritäre Erzählung

Die Erzählung ist so einfach wie autoritär: Die amerikanische Republik (keine Demokratie, das wird gern und oft betont) sei wie einst die römische gelähmt, zerfressen von Korruption und handlungsunfähig. Unterstützt wird diese These durch die Blockade der eigenen Leute – vornehmlich der Republikaner im Senat – wo auch immer es möglich ist. So soll Frustration geschürt werden – während die Rufe nach einem “starken Mann”, der die Macht übernimmt und “aufräumt” lauter werden. So führt die Behauptung, die Republik sei in Gefahr, zur un-republikanischen Forderung eines Cäsars. 

Ihr amerikanischer Cäsar hätte nichts mit dem historischen am Hut – außer seiner Stellung als Alleinherrscher, als Lenker eines Imperiums, in dem die ihm Gewogenen belohnt und die Übrigen bestraft werden. Der amerikanische Cäsarismus, von dem die Rechte träumt, ist eine Form des Neo-Faschismus. Wer in Washington unterwegs ist, trifft an jeder Ecke des Stadtzentrums auf den Einfluss klassizistischer Architektur, die die historische Obsession der USA mit der Ästhetik und Architektur des alten Roms widerspiegelt. Besonders die Rechte betont jedoch den Bezug zum Altertum gern – wie Trump, der 2019 behauptete, die USA und Italien seien durch ein “gemeinsames kulturelles und politisches Erbe” verbunden, “tausende Jahre Geschichte von heute bis ins Alte Rom” verbinden. Hier wird das alte Rom nicht als demokratisches Modell hochgehalten, sondern dient als ästhetisiertes Idealmodell und Code für “westliche”, sprich christliche, weiße Kultur. So ist es wenig verwunderlich, dass unter Trump neue Bundesgebäude nur im klassizistischen Stil errichtet werden sollten. Unter Biden wurde diese Exekutivverordnung wieder rückgängig gemacht.   

Faschistische Ästhetik

Nicht umsonst hat schon der historische Faschismus die Ästhetik des Altertums für sich entdeckt, um einen Fiebertraum militanter Männlichkeit und genozidaler Auslese in einen pseudo-historischen Rahmen zu gießen. Faschismus ist eine Ideologie, die durch und durch ästhetisiert ist – diese Ästhetik jedoch nicht selbst schafft, sondern sie sich andernorts ausleihen muss. Und so ist es nicht verwunderlich, dass auch die Optik des Altertums (oder das, was sich die Rechte darunter vorstellt)  in den USA Hochkonjunktur hat. Besonders Sparta hat es ihnen, was die Ästhetik angeht, angetan: So finden sich bei den Oath Keepers, aber auch generell bei Aufmärschen anderer rechter Gruppen immer wieder spartanische Helme. “Molon labe”, alternativ in der Englischen Übersetzung “Come and Take (Them)”, ist zum Wahlspruch radikaler Waffennarren geworden. 

Die Aussage hatte Plutarch dem Spartaner-König Leonidas zugeschrieben, als dieser bei der Schlacht an den Thermophylen vom Perserkönig Xerxes aufgefordert wurde, seine Waffen niederzulegen. Auf diese Schlacht bezieht sich auch der Film “300”, dessen faschistische Ästhetik sich bei der Rechten großer Beliebtheit erfreut. Von Tucker Carlsons und Senator Josh Hawleys Fantasien halbnackter militanter Männlichkeit ist es nicht weit bis zu den offen faschistischen Aussagen eines Viktor Orbán, der sich erst jüngst gegen die “Rassenmischung” zwischen Europäern und Nicht-Europäern aussprach. Danach war er Gast bei CPAC – der Conservative Political Action Conference in Dallas – nicht unbedingt trotz, sondern vielleicht sogar gerade wegen Äußerungen wie dieser. 

Wer sich nun wundern mag, weshalb sich die Republikaner als “Back the Blue”-Partei nun so gegen eine Hausdurchsuchung des FBI wehren, von staatlicher Willkür sprechen, wo sie doch sonst die selbsternannte Partei von “Recht und Gesetz” sind, hat den Kern des amerikanischen konservativen Projekts nicht verstanden. Thomas Zimmer, Professor an der Georgetown University, zeigt, dass Vorwürfe von Republikanischer Scheinheiligkeit inhaltlich ins Leere gehen: “Die Forderung nach einer unterschiedlichen Behandlung verschiedener Gruppen durch das Gesetz ist nur dann heuchlerisch, wenn man an die Gleichheit vor dem Gesetz glaubt. Aber Konservative tun das ausdrücklich nicht. Eine scharfe Unterscheidung zwischen denen, die an die Regeln gebunden sein sollen (‘die anderen’) und denen, die es nicht sind (‘wir’), war schon immer das Herzstück des konservativen politischen Projekts”, schreibt er auf Twitter.

Ein alter Schlachtruf

Die Träume von einem amerikanischen Cäsar sind übrigens längst nicht mehr nur an den extremen Rändern der Rechten zu finden. Curtis Yarvin – ein selbsternannter rechter Philosoph, der einst Breivik kritisierte – nicht wegen der Morde auf Utoya, sondern weil die Morde ineffektiv gewesen seien – war beispielsweise zu Gast beim “The American Mind Podcast” des Claremont Institutes. Das Claremont Institute, einst ein libertär-konservativer Think Tank in der Tradition von Leo Strauss, hat sich in den letzten Jahren zur intellektuellen Speerspitze des Trumpismus entwickelt. 

Dabei flirten das Institut und seine Vertreter auch mal offen mit dem Faschismus: Wie Glenn Ellmers, der in dem Magazin des Instituts, “The American Mind”, letztes Jahr einen  Aufsatz mit dem Titel “Konservatismus ist nicht mehr genug” schrieb, in dem er sich dafür aussprach, dass man das Amerikaner-Sein nicht mehr an der Staatsbürgerschaft festmachen könne, sondern nur noch an der politischen Einstellung. All diejenigen, die 2020 nicht Trump gewählt haben, sind für ihn keine “echten” Amerikaner. 

Insofern dürfte es wenig überraschen, dass das Claremont Institute auch  offen mit dem Cäsarismus flirtet. Yarvin, bekannt unter dem Pseudonym Menicus Moldbug, – dessen Einladung allein schon ein Skandal hätte sein sollen – verkehrt jedoch nicht nur im Dunstkreis des Instituts, sondern feiert anscheinend auch mit der durch Peter Thiel gesponserten Nachwuchs-Riege der Republikanischen Neo-Faschisten Partys, wie ein Vanity-Fair-Reporter berichtete – der währenddessen auf einer dieser Feiern einen offensichtlich völlig ahnungslosen SPIEGEL-Journalisten antraf, der gerade Yarvin interviewt hatte, ohne überhaupt zu wissen, mit wem er es da zu tun hatte.. 

Das Claremont Institute spielt heute eine große Rolle bei der intellektuellen Verkleidung radikaler, extremistischer Positionen, die die Demokratie nicht nur gefährden, sondern sogar offen ihr Ende fordern. Aufgrund der Bewegung des Cäsarismus weg vom extremen Rand des amerikanischen Konservatismus hin zur salonfähigen Diskussionsmeinung in konservativen intellektuellen Spaces warnen Experten seit längerem vor Äußerungen wie denen des Senators Mike Lee aus Utah, der gern darauf beharrt, die USA seien eine “Republik, keine Demokratie”.

Auch dieser Schlachtruf ist nicht neu, sondern geht auf die rechtsextreme John Birch Society zurück. Dahinter steckt die konservative Überzeugung, dass dem Volk mit der Wahl seiner Regierung nicht zu trauen sei und deswegen eine Herrschaft der Mehrheit im Zweifel verhindert werden müsse, es sei denn, es ist die eigene. Auch hier zeigen sich mit den rechten Vordenkern und Strategen William F. Buckley und Paul Weyrich konservative Traditionslinien. Beide haben aus ihrer Verachtung für die Demokratie, wenn diese ihrem Machterhalt im Weg stand, keinen Hehl gemacht. Gleichzeitig liefert es die rhetorische Grundlage, den Weg für denjenigen freizumachen, der in den Augen der Rechten das durch Säkularismus korrumpierte Amerika retten kann: einen neuen Cäsar, einen Alleinherrscher – einen, der die Herrschaft der Minderheit Weißer Christen mit allen Mitteln sichern kann, ohne durch lästige Dinge wie ein Parlament eingeengt zu werden. So historisch daneben die Rom-Analogien von Cawthorn und Co. auch sein mögen, so wenig sie auch über die tatsächliche römische Geschichte wissen (da wäre ein Vergleich Trumps mit Catilina beispielsweise eher angebracht) – ernstnehmen sollten wir ihren Traum von einem amerikanischen Cäsar trotzdem.

Foto von Ilona Frey auf Unsplash

Ein bürgerliches Trauerspiel – Über Familienbilder und Abtreibungsverbot

von Isa Hoffinger

Die Literatur und das Leben sind voller familiärer Konflikte: Brudermorde, Inzeste, Seitensprünge. Dennoch glauben viele Menschen an das Märchen von der heilen Familie. Auch einige Argumente von Abtreibungsgegnern in der aktuellen Debatte basieren darauf. Warum hält sich dieser Mythos so hartnäckig?

Murphy Brown war schuld. Zumindest aus der Sicht von James Danforth Quayle. Im Frühsommer 1992 schimpfte der damalige US-Vizepräsident über die Hauptfigur der gleichnamigen Sitcom: „Es hilft uns nicht, wenn Murphy Brown, eine Figur, die repräsentativ für die intelligenten und gute bezahlten Frauen der Gegenwart ist, zur Primetime über die Relevanz von Vätern spottet, indem sie ein Kind alleine zur Welt bringt und das als Frage des Lebensstils bezeichnet.”

Wie die Soziologin Christine Zimmermann zeigt, gehörte Murphy Brown zu den beliebtesten und langlebigsten US-Serien. 247 Folgen wurden von 1988 bis 1998 ausgestrahlt. Die Protagonistin war eine zuweilen recht sture, aber erfolgreiche Reporterin. Ihr Vergehen bestand, so sah das offenbar der Republikaner und spätere Trump-Unterstützer James Danforth Quayle, in ihrem Versuch, ihre Berufstätigkeit mit ihrer Mutterrolle zu vereinbaren.

Interessant ist, wie stark Quayles wütender Kommentar damals verfing. Nach seiner Aussage vor dem Commonwealth Club of California gab es eine öffentliche Debatte über die angebliche Krise der Familie, schlimmer noch, über den moralischen Verfall der ganzen Gesellschaft. Wer glaubt, das seien die 1990-er gewesen und heute, dreißig Jahre später, sei alles akzeptiert, Alleinerziehende, LGBT-Eltern, Reproduktionsmedizin, täuscht sich.

Von der Pille zu Roe vs. Wade

Inzwischen pochen Biolog*innen wieder auf die Zweigeschlechtlichkeit, was Vorurteile gleichgeschlechtlichen Paaren gegenüber verstärkt und Abtreibungsgegner behaupten neuerdings abermals, Schwangerschaftsabbrüche verstießen gegen das natürlichste aller Gefühle: Die biologisch begründete Mutterliebe, die die französische Feministin Elisabeth Badinter im Jahr 1980 schon als Mythos entlarvte. Warum nur wird das Rad der Zeit gerade derartig zurückgedreht?

Fast immer, wenn es gesellschaftliche Spannungen gibt, wird die Familie dafür verantwortlich gemacht. Dass Ursachen für Unzufriedenheiten aller Art in der Familie verortet werden, liegt auch daran, dass die Entstehung der Kleinfamilie von Beginn an mit hohen Erwartungen an Glück, Erfolg, Selbstverwirklichung verknüpft war. Scheitern persönliche Träume oder die Ambitionen bestimmter Gruppen, sind nicht etwa die eigenen Ansprüche zu hoch und ist nicht etwa die Politik schlecht. Nein, die Familie ist dann „in der Krise“. Vom Zerfall der moralischen Institution Familie sprechen darum auch die Verfechter*innen der neuen Abtreibungsverbote so gerne.

Gewalt in der Ehe war bis 1997 straffrei

Dass der Aufschrei gegen die Entscheidung des Supreme Court in den USA im Moment unüberhörbar ist, ist mehr als verständlich. Für das Recht, über ihren Berufswunsch, ihr Leben und ihren Körper selbst zu bestimmen, mussten Frauen hart kämpfen. Noch bis 1997 galt etwa in Deutschland nur der erzwungene außereheliche Geschlechtsverkehr als Straftat. Nötigte ein Ehemann dagegen seine eigene Frau zum Sex, hatte er juristisch nichts zu befürchten. Wie viele ungewollte Schwangerschaften Folgen von Vergewaltigungen waren und sind, wissen wir nicht.

In den 1960er und 1970er Jahren verursachten zwar zuerst die Anti-Babypille und später dann die höchstrichterliche Entscheidung zur Abtreibung im Fall Roe vs. Wade in den Vereinigten Staaten einen nachweisbaren Rückgang von Schwangerschaften, aber weder die Pille noch die Richter konnten sexuelle Gewalt aus der Welt schaffen. Warum so selten über Vergewaltigungen durch Angehörige gesprochen wird und die Dunkelziffer bis heute so hoch ist, hat auch mit einem Familienleitbild zu tun, das seit seiner Entstehung absolut unrealistisch war.

Die weibliche Tugend als Waffe im Kampf um den Aufstieg

Die Familie ist eine der ursprünglichsten Formen menschlicher Gemeinschaft. Konstitutiv für diese Sozialform ist, soziologisch gesehen, die Zusammengehörigkeit von mindestens zwei Generationen, die in einer Eltern-Kind-Beziehung zueinander stehen. Ob es nur einen Elternteil gibt, der im Haushalt mit dem Nachwuchs zusammenlebt oder zwei, das spielt, zumindest für die familiensoziologische Definition, glücklicherweise heute keine Rolle mehr. Die Tatsache, dass es heterosexuellen menschlichen Sex gibt, hat zu der Annahme geführt, dass die Familie eine Naturkonstante sei. In Wirklichkeit ist sie eine historisch determinierte Lebensform, deren Entwicklung eng mit dem Wandel sozioökonomischer Verhältnisse verknüpft ist.

Diverse Vergesellschaftungsprozesse haben sich an familialen Strukturen orientiert. Dies wird an der Übertragung von Verwandtschaftsbegriffen auf andere soziale Systeme deutlich. So beeinflusste das Bruderschafts-Modell einige kollektive Organisationsformen, von den frühmittelalterlichen Kaufleute- und Handwerkergilden bis zur Arbeiterbewegung um 1900. Umgekehrt haben wirtschaftliche und politische Prozesse zur Herausbildung spezieller Familientypen geführt und sogar die Binnenstruktur bestehender Familienformen verändert, wie eine Entwicklung im 17. Jahrhundert zeigt: Mit der Inanspruchnahme der Landesvater-Position durch den absolutistischen Herrscher lässt sich, das zeigen familiensoziologische und sozialhistorische Studien, auch eine Zunahme an väterlicher Autorität in der Familie nachweisen. Die Familie war damals ein Abbild gesellschaftlicher Strukturen. Sie war schon immer eine variable Sozialform und keineswegs eine natürliche, stabile oder gar gottgewollte Form des Zusammenlebens.

Pro-Life-Anhänger, Geistliche und Republikaner rekurrieren nichtsdestotrotz unbeirrbar auf ein überholtes Familienleitbild, das im 17. Jahrhundert entstand. Damals entwickelte sich das bürgerliche Familienmodell, ein ideologisches Konstrukt, zu dem auch die sogenannten Geschlechtscharaktere gehörten, die die Historikerin Karin Hausen erforscht hat. Frauen sollten angeblich von Natur aus sanft und ruhig sein, Männer tatkräftig und mutig. Das ließ eine Rollenteilung plausibel erscheinen. Hinter diesem Familienmodell, das der Frau die innerhäusliche Sphäre und dem Mann die außerhäusliche Sphäre zuwies, standen zum einen reale Erfordernisse der damaligen Zeit: Es gab nach und nach weniger sogenannte große Haushaltsfamilien als Produktionsgemeinschaften, etwa in der Landwirtschaft. Die Erwerbsarbeit fand also nicht mehr zuhause statt und wurde von der Privatsphäre getrennt. Aber auch politische Ziele des sogenannten höheren Bürgerstandes, einer Gruppe, die sich aus Gelehrten, Künstlern, Kaufleuten, Unternehmern, höheren Beamten zusammensetzte, steckten hinter der Entstehung dieses Familienmodells.

Der Ursprung des Amerikanischen Traums

Seit dem 17. Jahrhundert wird die sogenannte Kernfamilie mit maximal zwei Generationen als Keimzelle der Gesellschaft betrachtet. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Noch im Jahr 2013 setzte der Schweizer Rotary Club einen Ausspruch des Berner Dichters Jeremias Gotthelf als Motto auf seine Webseite: „Im Hause muss beginnen, was leuchten soll im Vaterland“. Jeremias Gotthelf hieß in Wirklichkeit Albert Bitzius, war im Hauptberuf Pfarrer und lebte von 1797 bis 1854.

Die Grundlage des bürgerlichen Selbstverständnisses war im 18. Jahrhundert das Vertrauen auf die Leistungsfähigkeit, das sich auch heute noch im Amerikanischen Traum spiegelt. Die gesellschaftliche Position sollte, im Gegensatz zur Ständegesellschaft, kein Geburtsrecht mehr sein, sondern das Ergebnis persönlicher Fähigkeiten, die zu erwerben prinzipiell jedermann möglich sein sollte. Dieser Gedanke impliziert ein bestimmtes Menschenbild, demzufolge alle Menschen autonome, selbstverantwortliche Individuen sind. In diesem Zusammenhang ist neben der Französischen Revolution der Einfluss der philosophischen Anthropologie von Bedeutung, die sich seit dem Humanismus und der Reformation entwickelte. Sie erhielt von Kant und Hegel entscheidende Impulse, etwa durch Hegels Theorie über die Konstitution des Selbstbewusstseins durch den Kampf um Anerkennung, die als prototypische soziologische Subjekttheorie bezeichnet wird. Sasa Josifovic hat dazu eine lesenswerte Arbeit vorgelegt.

Jeder ist seines Glückes Schmied

Das neue Leistungsprinzip setzte Werte voraus, die in der Familie ausgebildet werden sollten. Darum wurde die Familie auch so wichtig. Mit ihrer Hilfe sollten die Bürgerskinder Tugenden entwickeln und Kenntnisse erwerben, die im Wettstreit mit dem Adel von Vorteil waren: Selbstbeherrschung, Fleiß, Arbeitsethos. Eine wichtige Rolle spielte der Wert der Innerlichkeit, der durch den Protestantismus verbreitet wurde und der auch von den Evangelikalen in den USA heute noch gepredigt wird. Erst die Konzentration auf das durch den Protestantismus vermittelte Bewusstsein von Sündhaftigkeit ließ das Gewissen zu einer mächtigen Kontrollinstanz werden. Nicht nur das Scheitern beruflicher Ambitionen, auch das Abdriften in einen lasterhaften Lebenswandel konnte so der Familie zugerechnet werden.

Die bürgerlichen Familien mit ihren tugendhaften Töchtern wurden in der Literatur wie im Leben zu Sinnbildern einer neuen Sittlichkeit, die im Gegensatz zu den sexuellen und materiellen Ausschweifungen des Adels standen. Das machte die Bürger moralisch wertvoller und den Adel minderwertiger. Wurde eine Bürgerstochter von einem Adeligen verführt, bedeutete das also nicht nur persönliches Leid, sondern auch einen Rückschritt im Kampf um Gleichberechtigung der Bürger. Lessings „Emilia Galotti“ thematisiert das beispielsweise.

Die Ehe- und Familienlüge

Um 1900 und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kam es zu einem rasanten Wandel der Lebensbedingungen in einer Welt, die seit dem Siegeszug der Industriellen Revolution immer komplexer wurde. Die Modernisierung rief Emotionen des Unbehagens hervor. Hinzu kam, dass das Individuum aufgrund von Rationalisierung und Technisierung die Möglichkeit der Selbstvergewisserung verlor. Sein Kapital war nicht mehr die eigene Leistung, sondern mittlerweile eher der Einsatz von Maschinen. Während Angehörige des Großbürgertums, also etwa Fabrikbesitzer, die Gewinner der Industrialisierung waren, verarmte die Arbeiterschaft. Das sogenannte Kleinbürgertum resignierte. Die Schere zwischen Arm und Reich begann zwar nicht erst zu jener Zeit, auseinanderzugehen, aber die Enttäuschung vieler Kleinbürger, den Aufstieg trotz aller Anstrengungen nicht schaffen zu können, mündete in einen Rückzug ins Private, und der Frust war so stark, da die Hoffnungen auf das Vorwärtskommen durch eigene Kraft vorher so groß waren. Statt überkommene Moralvorstellungen einfach über Bord zu werfen und sich einzugestehen, dass das Familienmodell nur ein unerreichbares Ideal gewesen war, klammerte man sich daran wie Ertrinkende an einen Rettungsring. 

Der Institution Familie gelang es um 1900 in Europa kaum noch, Werte zu vermitteln, die die Welt durch konkrete Sinnzuweisungen erfahrbar machen konnten. In der Literatur spiegelt sich das in Gerhart Hauptmanns Familiendramen oder im expressionistischen Schauspiel, etwa in „Vatermord“ von Arnolt Bronnen. Die Kinder begannen, zu rebellieren. Sie warfen der Familie eine Verlogenheit vor, die nur vor dem Hintergrund zu verstehen ist, dass die Familie zuvor so enorm aufgewertet worden war. Zeitgenossen sprachen nun erstmals von einer „Krise der Familie“, die sich in der Literatur manifestiere. Im Grunde ist das auch der Zustand, in dem sich die moderne Familie bis heute befindet. 

Die Verlierer des Digitalkapitalismus

Der Prozess einer beschleunigten Veränderung ist auch jetzt, seit den Nullerjahren, wieder zu beobachten. In den USA hat der Digitalkapitalismus zu viel Unsicherheit bei Menschen geführt, die im Handwerk oder im klassischen Dienstleistungssektor beschäftigt sind. Ein Job reicht vielen nicht mehr zum Überleben. Durch die Pandemie wurde die Wirtschaft zusätzlich geschwächt. Und scheinbar ist es nun, auch vor dem Hintergrund der verlorenen Wahl von Trump, wieder einmal oder immer noch die intakte Familie, die für Ordnung sorgen und alles ins Lot bringen soll, was politisch schieflief.

Auf Kosten von Mädchen und Frauen gehen Republikaner auf Stimmenfang, fällen Richter*innen nun wieder Urteile. Nicht nur in den USA, auch in Polen. Institutionen, etwa Gerichte, brechen nicht nur, und das ist das Tragische, den moralischen Stab über Frauen, die ungeplant oder ungewollt schwanger sind, sondern sie sorgen darüber hinaus dafür, dass Frauen, auch wenn sie Opfer von Vergewaltigungen sind, doppelt bestraft werden. Mit der eigenen Scham und mit dem Gefängnis.

Photo von Roman Kraft auf Unsplash

„Heute kamen die Gangster nach Bremen“ – Die Geiselnahme von Gladbeck und ihre Bilder

von Simon Sahner

Ein braungebrannter Mann, der in einem äußerst knappen orangenen Slip Geld in Plastiktüten vor einer Glastür ablegt, Polizisten in den bieder wirkenden beige-grünen Uniformen der 1980er Jahre, unschlüssig die Hände in die Hüften gestützt, ein engagierter Fotograf im eierschalenfarbenen Sommerjackett im Gespräch mit einem Geiselnehmer, Reporter*innen, die ein Auto umringen, ein ungepflegt wirkender Mann, der mit einer Pistole vor den Kameras gestikuliert, Männer, mit Frisuren zwischen lang und kurz, die Laternenmaste erklimmen, um besser sehen zu können, die Tristesse mittelgroßer und großer westdeutscher Innenstädte, die dröge Weite von erhitzten Autobahnen und dazwischen ein brutales Verbrechen. 

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Geschichte als Waffe. Der französische Wahlkampf und das spanische Mittelalter

von Robert Friedrich 

Die sogenannte „Reconquista“, die mehrere Jahrhunderte andauernde Verdrängung muslimischer Macht von der iberischen Halbinsel, ist als historischer Bezug in spanischen Debatten über Einwanderung und nationale Identität omnipräsent, in Wissenschaft, Medien und Politik. Seit vergangenem Dezember nun dient der Begriff in seiner französischen Entsprechung „Reconquête“ als Namensgeber für die neue Partei des rechtsextremen französischen Präsidentschaftskandidaten Éric Zemmour, der bei der Wahl in diesem Jahr antritt. Der Name ist kein Zufall denn der erfahrene Journalist kennt sich ausreichend mit Geschichte aus, um sich der historischen Bedeutung dieses Begriffs bewusst zu sein.

Sein Geschichtsbild hat der inzwischen zweifach wegen rassistischer Beleidigungen verurteilte Zemmour bereits 2018 in seinem Buch „Le destin français“ („Das französische Schicksal“) ausgebreitet, das einem wilden Ritt durch die französische Geschichte gleicht. Jahrhundertelang sei Frankreich das Zentrum Europas gewesen, werde nun aber zunehmend vom Subjekt zum Objekt der Geschichte. Dabei konstruiert Zemmour das Bild einer heroisch-idealisierten Vergangenheit, die durch politische Eliten, linken Zeitgeist, Gerichte, Wissenschaft, Globalisierung und viele andere Kräfte zerstört wurde und wird. Hugenotten, Aufklärer, Revolutionäre, Feministen und Islamisten, sie alle stehen in seiner Argumentation in derselben Tradition mit dem gemeinsamen Ziel der Zerstörung Frankreichs. 

Zemmour verwendet Geschichte als politische Waffe und verfälscht dabei die historischen Fakten für seine Zwecke, wie der Historiker Laurent Joly in einem Interview mit France24 betonte. Joly ist Autor des Buches „La falsification de l’histoire. Éric Zemmour, l’extrême droite, Vichy et les juifs“ („Die Verfälschung der Geschichte. Éric Zemmour, die extreme Rechte, Vichy und die Juden“, 2022), in dem er sich mit Zemmours Geschichtsbild aus wissenschaftlicher Perspektive befasst. Ebenfalls Anfang dieses Jahres – also mitten im Wahlkampf – ist der schmale Band „Zemmour contre l’histoire“ (“Zemmour gegen die Geschichte”) erschienen, in dem ein Kollektiv aus Historiker*innen die wichtigsten Thesen Zemmours auf den Prüfstand stellt. Seine Perspektive auf die Geschichte charakterisieren sie mit den Worten: „Die Vergangenheit lügen lassen, um in der Gegenwart besser hassen zu können … und so eine hassenswerte Zukunft zu erfinden“. Zemmour dürfte all das ziemlich egal sein, ist für ihn doch die akademische Geschichtswissenschaft ein Teil jener antifranzösischen Eliten, die er zu bekämpfen gedenkt. 

„Reconquista“

Als Vertreter dieser Geschichtswissenschaft mit einem Schwerpunkt zum spanischen Mittelalter, musste ich vor allem bei dem Namen von Zemmours neuer Partei hellhörig werden: „Reconquête“, also „Rückeroberung“. Ein Begriff, der insbesondere im gegenwärtigen Kontext, der historischen Einordnung bedarf. 

Der historische Ausgangspunkt der “Reconquista” liegt am Beginn des 8. Jahrhunderts. Im Jahr 711 überquerte ein muslimisches Heer unter Führung des Berbers Ṭāriq b. Ziyād die Straße von Gibraltar und eroberte in kurzer Zeit große Teile der iberischen Halbinsel und stieß auch in den Süden des heutigen Frankreichs vor. Als Ende dieser muslimischen Expansion gilt die Schlacht von Tours und Poitiers im heutigen Zentralfrankreich im Jahr 732, als ein fränkisches Heer unter Karl Martell die Muslime besiegte. Auch auf der iberischen Halbinsel feierten christliche Heere erste militärische Erfolge. Der Sieg des pseudomythischen Heerführers Pelagius in der Schlacht von Covadonga im Jahr 722 wird heute gern als Auftakt der sogenannten „Reconquista“ gesehen. Gemeinsam mit der Schlacht von Tours und Poitiers ist sie in rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen außerdem ein wichtiger Referenzpunkt für eine sogenannte Rettung des Abendlandes vor der vollständigen Islamisierung und damit einer der Momente, die Europa geformt haben sollen. Von beiden Ereignissen wird später noch die Rede sein.

Als „Reconquista“ wird nun die gesamte fast 800-jährige Periode bezeichnet, die 1492 mit der Eroberung von Granada, dem letzten muslimischen Herrschaftsgebiet auf der iberischen Halbinsel, ihren Abschluss fand. In der Geschichtswissenschaft ist der Begriff in den vergangenen Jahrzehnten in Kritik geraten. Bereits 1921 formulierte der spanische Philosoph José Ortega y Gasset (1883–1955) sein berühmt gewordenes Bonmot: „Wie kann man etwas als Wiedereroberung bezeichnen, was 800 Jahre gedauert hat?“ Und in der Tat kann trotz wiederkehrender Christianisierungsbestrebungen nicht von einem 800 Jahre andauernden Kriegszustand gesprochen werden. Vielmehr gab es immer wieder Phasen, in denen Eroberungen sehr präsent waren und andere, in denen die Territorien weitestgehend stabil blieben.

Darüber hinaus bestand kein einheitlicher Frontverlauf zwischen „den“ Christen und „den“ Muslimen. Vielfach führten die christlichen Reiche untereinander Krieg, oder verbündeten sich mit Muslimen gegen andere Christen. Beispielhaft dafür steht der zum spanischen Nationalhelden gewordene und als Befreier Valencias gefeierte El Cid – dem Amazon gerade eine neue Serie gewidmet hat – mit seinen wechselnden Loyalitäten. Regelmäßig florierten auch die christlich-muslimische Diplomatie und der Austausch in Handel, Kultur und Wissenschaft. Das Bild einer toleranten, multikulturellen Welt, das manchmal vom muslimischen Spanien gezeichnet wird, ist allerdings ebenso falsch, doch das nur am Rande. 

„Reconquista“ als politische Ideologie

Viel wichtiger für die Kritik am Begriff der „Reconquista“ ist allerdings dessen ideologische Bedeutung, die in den heutigen spanischen Debatten sehr präsent ist. Erstmals verwendet wird er auch nicht im Mittelalter, sondern am Ende des 18. und beginnenden 19. Jahrhundert, als die mittelalterlichen „Befreiungskriege“ gegen die Muslime zu Vorläufern der Befreiung von der napoleonischen Besatzung stilisiert werden. Das 19. Jahrhundert ist dann das Jahrhundert der Nationalbewegungen und der Entstehung der Nationalstaaten. Überall in Europa suchen diese nach Legitimation in der nahen und fernen Vergangenheit und Spanien findet sie in Katholizismus und „Reconquista“. 

Parallel dazu entsteht die akademische Geschichtswissenschaft. In enger Wechselwirkung zwischen Politik und Geschichte wird die „Reconquista“ zugleich zum nationalen Mythos und zum historiographischen Konzept. Die enge Verbindung von Katholizismus und Nationalstaat bietet dabei eine fruchtbare gesellschaftliche Grundlage dafür, die nationale Identität auf dem historischen Kampf gegen Andersgläubige, in diesem Fall Muslime, aufzubauen. Im 19. Jahrhundert entstehen auch bis heute andauernde Traditionen in der populären Festkultur, wie zum Beispiel der regionale Feiertag Valencias (Día de Valencia), der an den Tag der Einnahme der Stadt durch Jakob den Eroberer am 9. Oktober 1238 erinnert. Bis heute werden dort sogenannte „moros-y-christianos“-Feste gefeiert, bei denen der christliche Sieg nachgestellt wird. Diese Feste bilden eine wichtige Grundlage spanischer Identität, auch wenn die Kritik an dieser Form des Erinnerns immer lauter wird.

Größeres realpolitisches Gewicht gewinnt die „Reconquista“ unter Franco. Dessen Staatstreich im Jahr 1936 führt zum Bürgerkrieg und schließlich zu einer fast vier Jahrzehnte andauernden Diktatur. Franco hat dabei die volle Unterstützung der katholischen Kirche, deren Vertreter sich auch nicht scheuen, seinen Staatsstreich als „Kreuzzug“ zu bezeichnen und Franco als „Führer von Gottes Gnaden“ auszurufen. Während die mittelalterliche „Reconquista“ das Land von den Muslimen befreit habe, sei es dem „Reconquistador“ Franco gelungen, andere Feinde wie Kommunisten, Atheisten und Freimaurer aus Spanien zu vertreiben. Der historische Bezug ist dabei nicht nur auf die Person des Diktators beschränkt, sondern wird auch auf andere Symbole, wie die neue Flagge ausgeweitet. Das spanische Wappen hält dort der sogenannte Johannes-Adler, der auch Teil des Wappens der „katholischen Könige“ Ferdinand und Isabella gewesen ist, die mit der Eroberung von Granada 1492 die „Reconquista“ zu ihrem Ende geführt hatten. Franco war es also, der den Prozess des „weaponizing historical knowledge“, wie es der spanische Historiker Alejandro García-Sanjuan nennt, in Bezug auf die „Reconquista“ in Gang setzt.

Nach dem Ende der Franco-Zeit gerät die „Reconquista“ als politische Referenz in Verruf und auch die spanische Geschichtswissenschaft versucht sich an neuen Analysen. Erst in den 1990er Jahren erlebt das Konzept einen neuen Aufschwung in politischen Debatten und unter konservativen Historiker*innen. Dazu braucht es einen neuen Rahmen, der franquistische Nationalkatholizismus hatte ja ausgedient. Diesen Rahmen findet man in Samuel Huntingtons 1993 publizierter These vom „Clash of Civilizations“ („Kampf der Kulturen“). Auf den „Westen“ übertragen bedeutete dies vor allem, dass die künftige Hauptkonfliktlinie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nun vor allem zum Islam verlaufen würde. Entsprechend betonen spanische Konservative nun nicht mehr nur die historische katholische Identität Spaniens, sondern setzen dieser vermehrt das Bild von einem mit den westlich-freiheitlichen Werten inkompatiblem muslimischen Al-Andalus gegenüber. Verstärkt wurde dies durch die Anschläge vom 11. September 2001 und in Spanien insbesondere durch die Madrider Anschläge vom 11. März 2004. 

Zunächst ist es nicht die extreme Rechte, sondern konservative Politiker*innen, die die Idee der „Reconquista“ in diesem Kontext wieder politisch salonfähig machten und für ihre Zwecke nutzen. Am 22. September 2004, ein halbes Jahr nach den Anschlägen in Madrid, hält der ehemalige spanische Ministerpräsident José María Aznar von der konservativen Partido Popular eine Vorlesung in den USA, während der er die Anschläge nicht als Reaktion auf die spanische Teilnahme am Irak-Krieg einordnet. Stattdessen verortet er die Gründe in einer weiter zurückliegenden Vergangenheit: 

„Das Problem, das Spanien mit Al-Qaida und dem islamischen Terrorismus hat, hat nicht mit der Irak-Krise begonnen. In der Tat hat es nichts mit Regierungsentscheidungen zu tun. Man muss nicht weniger als 1.300 Jahre zurückgehen, bis ins frühe achte Jahrhundert, als ein Spanien, das gerade von den Mauren überfallen worden war, sich weigerte, nur ein weiterer Teil der islamischen Welt zu werden, und einen langen Kampf um die Wiedererlangung seiner Identität begann. Dieser „Reconquista“-Prozess war sehr langwierig und dauerte etwa 800 Jahre. Er endete jedoch erfolgreich.“

In den letzten Jahren nun wurde diese neue politische Nutzung der „Reconquista“ von der rechtspopulistischen Partei „Vox“ aufgenommen und zum Kern ihrer antimuslimischen und nationalistischen Arbeit gemacht. Im Jahr 2018 sprach deren Vorsitzender davon, dass die Spanier durch die Erfahrungen der “Reconquista” gegen „muslimische Einwanderung geimpft“ seien. Bereits mehrfach beging die Partei ihren Wahlkampfauftakt in Covadonga, dem Ort, in dem 722 angeblich die „Reconquista“ begann und der so zur Wiege der katholischen spanischen Nation stilisiert werden soll. 

„Weaponizing historical knowledge“

Bereits seit der Renaissance ist das Mittelalter, wie Valentin Groebner in seinem Klassiker „Das Mittelalter hört nicht auf“ gezeigt hat, regelmäßig Gegenstand ganz verschiedener emotional aufgeladener Referenzen. Unter anderem ist es ein wichtiger Identitätsraum für nationale und rechtsextreme Kreise. Während im Nationalsozialismus vor allem die „germanisch-nordische“ Identität von Bedeutung war und der Islam eher als potenzieller Verbündeter im Kampf gegen das Judentum galt, ist seit den 1990er Jahren der Kampf gegen den Islam – Kreuzzüge und Ritterorden – vermehrt im Fokus. 

George W. Bush nannte den Kampf gegen den Terrorismus „Crusade“ und während der Charlottesville-Ausschreitungen verkleideten sich Demonstrierende als Kreuzritter. Auch sieht man in den USA im Phänomen der „religiösen Rechten“ eine enge Verbindung zwischen Nationalismus, anti-muslimischen Rassismus und Religion, wie Annika Brockschmidt kürzlich in ihrem Buch „Amerikas Gotteskrieger“ gezeigt hat. Durch die inzwischen weltweite Vernetzung auch der neuen Rechten ist diese Kreuzzugsrhetorik auch in Europa angekommen. So warb ein AfD-Kreisverband im Landtagswahlkampf 2019 mit dem Slogan „Gott will es“, der in seiner lateinischen Fassung „Deus vult“ als Schlachtruf der Kreuzfahrer Bekanntheit erlangte. Die Liste dieser Beispiele könnten problemlos weitergeführt werden. Nebenbei sei bemerkt, dass in anderer Form Kreuzzug und “Reconquista” auch unter Islamisten wichtige Kampfbegriffe sind. 

Der Rückgriff auf die „Reconquista“ – historisch ein Teil der vielfältigen mittelalterlichen Kreuzzugsbewegungen – zur Legitimation eines Kampfes gegen Muslime war lange auf Spanien beschränkt, hat aber in den letzten Jahren seinen Weg über die Landesgrenzen hinaus gefunden und dort auch heute ganz reale gewaltvolle Konsequenzen: Der norwegische Rechtsterrorist Anders Breivik bezog sich in seinem Pamphlet auf die “Reconquista” als legitimierendes historisches Ereignis. Der neuseeländische Attentäter, der 2019 in Christchurch 50 Menschen erschoss, hatte auf seine Waffen den Namen des pseudo-mythischen asturischen Königs Pelagius, des angeblichen Siegers der Schlacht von Covadonga, geschrieben – und auch jenen Karl Martells. 

Diese internationale Erweiterung der Kreuzzugsrhetorik um die „Reconquista“ bedeutet eine doppelte diskursive Verschiebung. Zum einen ist die Idee auf den ersten Blick harmloser. Während der Kreuzzug meist mit einer bewussten christlichen Aggression verbunden ist, erweckt eine Rückeroberung den Eindruck eines rechtmäßigeren Gewands. Man holt sich nur zurück, was einem ohnehin gehört. Zum anderen geht die Reconquista-Rhetorik aber einen Schritt weiter. Man will sich nicht mehr nur gegen eine drohende Islamisierung verteidigen, sondern die Islamisierung hat schon stattgefunden und Muslime halten das eigene Land besetzt. Damit spiegelt diese rhetorische Erweiterung auch eine andernorts zu beobachtende Entwicklung der Rechten wider. In einer Art Selbstviktimisierung geht es nicht mehr vorrangig darum, sich gegen die Muslime von außen zu verteidigen, sondern darum, sich das eigene Land zurückzuholen, das von Muslimen unterwandert sei. In Deutschland stehen dafür Autoren wie Thilo Sarrazin und ebenso Bewegungen wie Pegida – auch wenn hierzulande der „Reconquista“-Begriff noch keine politische Wirkung entfaltet hat. 

Für Éric Zemmour ist der „Reconquista“-Bezug in seinem Parteinamen nur ein Teil seiner rhetorischen Strategie, die Geschichte für seine politischen Zwecke einzuspannen. Regelmäßig greift er auf verschiedene Elemente einer imaginierten Vergangenheit zurück, um seinen sehr gegenwärtigen politischen Zielen eine vermeintliche historische Legitimität zu verleihen. Für seinen Kampf gegen muslimische Einwanderung ist dies vor allem das Mittelalter, und damit zusammenhängend die „Reconquista“. Zemmours „Reconquête!“ ist ein „Make France great again“ im pseudo-Intellektuellen Gewand und es lohnt, hier noch einmal die Charakterisierung der Autor*innen von „Zemmour gegen die Geschichte“ zu wiederholen: „Die Vergangenheit lügen lassen, um in der Gegenwart besser hassen zu können … und so eine hassenswerte Zukunft zu erfinden“. 

Beitragsbild von Jorge Fernández Salas

Getäuscht von den eigenen Genen

von Oliver Weber

Im Januar 2018 veröffentlichte der „History“-Channel ein Werbevideo, in dem neue Folgen der Erfolgsserie „Vikings“ angekündigt wurden. Darin ist ein mittelalter, etwas übergewichtiger Mann zu sehen, der Tag für Tag zu seinem Briefkasten rennt und enttäuscht wiederkehrt – bis darin endlich ein lang ersehnter Briefumschlag zu finden ist: „DNA RESULTS – JOHN ROCKSON“. Der Mann überfliegt gierig die Ergebnisse, um schließlich beim offenbar Entscheidenden anzukommen: Er ist, naturwissenschaftlich besiegelt, zu 0,012% Wikinger.

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