Schlagwort: Film

Von kapitalistischen Vampiren und kommunistischen Gespenstern – Julian Radlmaiers Film ‚Blutsauger‘

von Lukas Betzler und Judith Niehaus

Holt die blauen Bände raus, es ist Marx-Lesekreis: Zu Beginn von Julian Radlmaiers Blutsauger, an “einem Dienstag im August 1928”, wie eine anfänglich eingeblendete Zeitangabe verrät, will eine in den Dünen sitzende Gruppe von Arbeiter*innen das achte Kapitel im ersten Band des Kapital besprechen – Absatz für Absatz. Der Arbeiter Bruno (Bruno Derksen) hat jedoch zu einer Stelle eine brennende, keinen Aufschub duldende Frage. Er zitiert:

[…] ‘Das Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig’ – Achtung, darum geht’s mir jetzt – ‘die sich nur vampyrmäßig belebt durch Einsaugung lebendiger Arbeit und umso mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.’ Und dann ein bisschen später: ‘Die Verlängerung des Arbeitstags in die Nacht hinein … stillt nur annähernd den Vampyrdurst nach lebendigem Arbeitsblut.’ Ja und noch weiter unten steht: ‘daß in der Tat sein Sauger nicht losläßt, solange noch ein Muskel, eine Sehne, ein Tropfen Bluts auszubeuten’ ist. [1]

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Nostalgie und Culture War

von Jonas Lübkert

Nostalgie lässt einen schlimme Dinge tun: Batman v Superman schauen zum Beispiel. Der Film gilt sowohl unter Kritikern*innen als auch Fans als misslungen. Auf der Plattform Rotten Tomatoes ist er aktuell bei 29 Prozent und hat einen Audience Score von 63. Habe ich ihn trotzdem geschaut? Natürlich. Zwei Mal. Und ich war damit nicht allein: Fast 900 Millionen US-Dollar hat der Film eingespielt. Transformers: Age of Extiction mit einem Audience Score von 50 hat dem Studio über eine Milliarde US-Dollar eingebracht. Wir scheinen eine  Menge an Medien zu konsumieren, die wir auf Nachfrage eigentlich als schlecht erachten.

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Unheimlich blond – Der Weihnachtsfilm „Der kleine Lord“

von Thomas Wortmann

In meiner Erinnerung ist Weihnachten das Fest der blonden Kinder. So zumindest wirkte es im Fernsehen: Der oder die mit einem Atomkraftwerk im Miniaturformat beschenkte Dicki Hoppenstedt, der alleine zu Hause bleibende Kevin – und natürlich das Christkind selbst: ob glatt oder gelockt, alle waren sie blond. Geradezu unheimlich blond und strahlend aber war Cedric Errol, dieser kleine amerikanische Junge, der eines Tages zum Lord wird und durch seine Güte die Herzen aller Menschen gewinnt und dasjenige seines griesgrämigen Großvaters erweicht. An Cedrics Engagement musste ich denken, als ich las, dass Ricky Schroder, der 1980 als Zehnjähriger den kleinen Lord spielte, sich 2020 mit einem mindestens sechsstelligen Betrag an der Millionenkaution beteiligte, um Kyle Rittenhouse, der während der Proteste in Kenosha zwei Menschen erschossen hatte, aus dem Gefängnis zu befreien. Ganz so blond wie 1980 ist Schroder auf aktuellen Bildern nicht mehr, unheimlich wirkt er aber trotzdem, gerade weil es so eine auffallende Nähe zwischen Figur und Schauspieler gibt: Wie der kleine Lord, den er vor über vierzig Jahren spielte, setzt Schroder sein Geld für andere ein. Nur die Ziele sind unterschiedlich, um es freundlich zu formulieren. Irgendwo muss Ricky falsch abgebogen sein.

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John McClane im Bade – Weihnachten mit „Die Hard“

von Sandra Beck

In meiner persönlichen Filmbiographie hat Die Hard einen eigenen Platz. Einerseits ist das historische Datum meiner Erstrezeption mit Weihnachten verbunden. Denn das erste Mal habe ich die Schweinebackerei und den Hohoho-Showdown zwischen John McClane (Bruce Willis) und Hans Gruber (Alan Rickman) als Stirb langsam irgendwann in den 90er Jahren gesehen, als ich mich – ebenfalls zum ersten Mal – geweigert habe, nach dem Kindergottesdienst auch noch die Christmette im Dom zu besuchen. Blut, Gewalt, Fluchen und seltsames Deutsch on screen, Krippe, Christbaum, ausgepackte Geschenke schräg rechts neben den Fernseher. Andererseits markiert das Sehen des Filmes ein Gegenkonzept zu einem Weihnachten, dessen familiär verordneten Rituale und Zeremonien wesentlich durch die Gottesdienst-Besuche getaktet wurden. Anders formuliert: Bedingung dafür, den Film zu sehen, war der kurzzeitige Austritt aus dem Familienverbund, denn alle anderen sind in die Kirche gegangen.

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Wie einst ein Bond-Bösewicht – Meta, Google und die Evil Corporation

von Kais Harrabi

Sie gehört fest zum Repertoire zahlreicher Videospiele, Serien und Hollywoodfilmen: Die riesige, omnipräsente Firma, die mit ihren Produkten das Leben ihrer Kund*innen leichter macht, von außen wie ein fantastischer Arbeitgeber aussieht, vermutlich internationaler Marktführer in ihrer Sparte ist und hehre ideologische Ziele verfolgt: Der Menschheit nur helfen will. Am Ende stellt sich aber heraus, dass alles nur schöner Schein war und der weltumspannende Konzern in Wahrheit ein Imperium des Bösen ist. Von Filmen wie Soylent Green und RoboCop über Serien wie Mr. Robot und Homecoming bis hin zu Videospielen wie Resident Evil oder Fallout ist der böse Megakonzern fest in der Popkultur verankert.

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Aus Versehen progressiv – Wie manchmal auf giftigem Boden fortschrittliche Gedanken wachsen

von Jonas Lübkert

Ich liebe Popkultur. Nur manchmal hab ich das Gefühl, Popkultur liebt mich nicht: Jedes mal wenn eine Person of Color aus einem Film gestrichen wird, Frauenfiguren ausschließlich als Blickfang dienen und queere Repräsentation höchstens am Rande eine Rolle spielt. Popkultur versucht oft eine maximale Anzahl von Menschen zu erreichen und bedient dabei leider viel zu oft den kleinsten gemeinsamen Nenner. Manchmal aber, in kuriosen Momenten, bröckelt die Fassade und ein erstaunlich innovativer Gedanke kommt durch. Dieser ist in der Regel hart erkämpft oder – noch seltener –  unabsichtlich. 

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Choreografierte Intimität – Interview mit Intimacy Coordinator Lizzy Talbot

von Isabella Caldart

 

Lizzy Talbot ist Intimacy Coordinator, also „Intimitätskoordinatorin”: Sie ist am Filmset und bei Theaterproben dafür verantwortlich, dass sich bei Intimszenen alle Beteiligten wohl und sicher fühlen. Das bedeutet, dass sämtliche Szenen, die eine Form von Intimität beinhalten, mit den Schauspieler*innen ganz genau durchgesprochen und choreografiert werden. Seit 2015 arbeitet Talbot in den USA und Großbritannien als Intimacy Coordinator, mit ihrer Arbeit am Set der Netflix-Serie Bridgerton wurde sie bekannt. Über Bridgerton selbst darf sie leider nicht mehr sprechen, weil die Promotion für die Serie seit Mitte März abgeschlossen ist. Im Zoom-Interview gibt sie aber einen allgemeinen Einblick in ihre Arbeit als Intimacy Coordinator. Weiterlesen

Vorlagen der Angst – Wie von Krebs erzählt wird

von Simon Sahner

 

Mit dem Gedanken, es gebe ein Reich der Kranken und eines der Gesunden und von Geburt an besäßen wir die Staatsbürgerschaft für beide, eröffnet Susan Sontag ihren berühmten Essay über Krebs und Krankheit als Metapher. Sie wolle dennoch nicht beschreiben, fährt sie fort, wie es ist, in das Reich der Kranken auszuwandern und dort zu leben, sondern stattdessen die Fantasien schildern, die es umranken. Ihrer eigenen Überzeugung zum Trotz, dass Krankheit eben – entgegen dem Titel ihres Essays – keine Metapher ist, beginnt sie also ihre Analyse des Reichs der Kranken mit einer solchen. Man ist verleitet bei dem Gedanken an ein Leben, das sich in zwei Reichen abspielt, an die einleitenden Worte von Charles Dickens‘ Eine Geschichte aus zwei Städten zu denken: „Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten.“ Weiterlesen

Ein bitterer Geschmack – Erzählungen von Queerness

von Eva Muszar

CN: Suizid, (sexualisierte) Gewalt

 

‚Du darfst mich nicht so liebhaben, Manuela, das ist nicht gut. Das muß man bekämpfen, das muß man überwinden, abtöten.‘ […]

 ‚Liebes, geliebtes Fräulein von Bernburg! Nicht – […] Sie wissen doch, Sie wissen es ja – ich kann das nicht überleben! Das ist ja der Tod.‘“

 

Kurz nach diesem Wortwechsel stürzt sich Manuela, die Hauptfigur von Christa Winsloes Roman Mädchen in Uniform (1933), in den Tod. Ihr Suizid ist kein Einzelfall. Das Phänomen hat einen zynischen Namen bekommen: „Bury your gays“ (in etwa: „Begrabe deine schwulen/lesbischen Figuren“). Und es zieht sich hartnäckig durch die Literatur- und Filmgeschichte: In 22 der 28 amerikanischen Filme, die zwischen 1962 und 1978 offen von Homosexualität handeln, sterben lesbische oder schwule Figuren gewaltsam oder durch Suizid. Von 1976 bis 2020 sterben mindestens 214 Lesben und bisexuelle Frauen in TV-Serien.[1] Grausam ergeht es meist auch den wenigen Figuren, die trans sind. Eine Auswertung von US-Serien zwischen 2002 und 2012 ergibt: In 40 Prozent der Fälle sind sie Opfer und in 21 Prozent Mörder:innen oder Antagonist:innen. Weiterlesen

Stummfilmästhetik auf TikTok – Attraktion und Narration

von Christian Albrecht

 

#Bippidyboppidyboo war Anlass für über 84 Millionen Aufrufe im sozialen Video-Netzwerk TikTok. Folgt man dem Hashtag, führt er zu Videos, die stets ähnlich gestrickt sind: Ungeschminkte, verschlafene und/oder frisch geduschte Menschen stehen in Bademantel, Pyjama oder Jogginghose vor dem Smartphone und schwingen zum Lied ‚Bibbidi-Bobbidi-Boo’ aus Disneys Zeichentrickfilm Cinderella einen imaginären Zauberstab. Ein Sprung in die Luft – und mit der Landung vollzieht sich die wundersame Verwandlung vom unordentlichen Aschenputtel-Ich in das ausgehfertige, selbstbewusste Alter Ego; statt des Gesangs der guten Fee nun Audi von Smokepurpp oder Lalala  von bbno$. Weiterlesen