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Stefan Zweigs brennendes Geheimnis

Wann darf man eine neue Biographie über jemanden schreiben? Wenn tatsächlich neue Erkenntnisse erlangt wurden, unbekannte Briefe oder Tagebücher aufgetaucht sind, man anderer Meinung ist als vorherige Biographen – man einfach Lust hat?

Die Mutmaßung Stefan Zweig könnte homosexuell gewesen sein ist nicht neu, die Tagebücher wurden, wie fast sämtliche Briefe bereits akribisch ausgewertet und die Biographie von Oliver Matuschek ist noch keine zehn Jahre alt. Ulrich Weinzierl schreibt trotzdem und dies tut in erster Linie dem be- und verhandelten Autor gut, denn auch ein gemeinfreier Klassiker, soll immer wieder in Erinnerung gerufen werden und dies geht am besten mit einem kleinen Skandal. In diesem Fall einem berühmten Penis, besser dem Penis eines Berühmten.

Ich aß Müsli und trank Tee als ich das Buch las.  Instagram
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Stefan Zweigs brennendes Geheimnis möchte dabei auch gar keine Biographie sein. Es ist vielmehr eine psychologische Studie, die Weinzierl, ebenso wie Matuschek, in “Drei Leben” unterteilt. Diese sind in diesem Fall die Ehe mit Friderike Zweig, geschiedene von Winternitz, die Untersuchung einer möglichen Homosexualität und der Schluss Zweig sei Exhibitionist gewesen. Tatsächlich neu ist hieran, wie gesagt, nicht viel. Dass die Ehe von Stefan und Friderike in vielerlei Hinsicht unglücklich war, wussten wir ebenso wie von dem sehr berechneten Werben der Dame um den späteren Gatten, dass Zweig seine Frau in den letzten Jahren zu einem Faktotum der Latifundien am Salzburger Kapuzinerberg degradierte ist nicht zuletzt aus dem Briefwechsel bekannt.

Doch eine derart genaue Beschreibung der Ehe wie bei Weinzierl aber habe ich noch nicht gelesen und hatte bisher eher Mitleid mit Friderike Zweig, hervorgerufen insbesondere durch teils harsche und sehr abweisende Briefe des Gatten. Weinzierl zeichnet dagegen ein höchst unvorteilhaftes, möglicherweise aber zutreffendes Bild. Friderike hat sehr berechnend um den berühmten Schriftsteller geworben, ihn sanft belagert und mit vorgegebener Großzügigkeit, speziell seinen Affären gegenüber, an sich gebunden. Manchmal erinnert ihr Verhalten an leichte Formen des Stalkings. Die Vereinnahmung des inzwischen Ex-Gatten ging nach dessem Tod mit der Verklärung, nicht nur des Verblichen, sondern auch der eigenen Rolle weiter; ein zum Teil wirklich garstiges Weib. Völlig unklar bleibt mir bis heute die Begeisterung Stefans für die Romane Friderikes, die diese vornehmlich schrieb, um ihn zu becircen, voller schrecklich schwülstiger, übertrieben triefiger Bilder, ja sogar widerlicher pädophiler Motive.* Weinzierl spricht zu recht von nicht bloß miserabler Literatur, hart an der Grenze zu pseudopoetischer Kindesmissbrauchspornographie.  Eine überaus kuriose Beziehung band diese beiden Menschen aneinander, ein Band, das auch nach der Scheidung nicht abriss. Weinzierl dröselt dieses anschaulich und gewissenhaft auf.

Die vermutete Homosexualität kann Weinzierl dagegen nicht belegen, zeichnet aber ein gelungenes Bild der Zeit, in der die Knabenliebe innerhalb der Intellektuellenszene nicht zwingend akzeptiert, aber geduldet und sehr häufig war. Von klassischer Homosexualität kann insoweit trotzdem nicht die Rede sein, da stets nur die griechische Jünglingsliebe zelebriert wurde, vor bärtigen alten Männern, dürfte es Stefan Zweig geschüttelt haben. Nicht ohne Grund verliebte sich Thomas Mann selbst als Großvater nur in junge Kerls. Die Wenigsten der Zitierten waren wirklich schwul, sondern in einer irgendwie merkwürdig-changierend Form des Begehrens zwischen Homosexualität und leichter Form der Pädophilie gefangen.

“Dann spazieren, Liechtenstein, schaup.”

Gerda Wegener: Les Delassements d’Eros (1925)
Gerda Wegener: Les Delassements d’Eros (1925)

Weinzierl gibt selbst zu, dass wir uns weniger im Reich der Spionage bewegen als in demjenigen der Vermutung und Andeutung, auf unsicherem Terrain. Dies betrifft nicht nur die ersten beiden Abschnitte, als vor allem den wirklich das brennende Geheimnis des Exhibitionismus behandelnden Teil. Diese Vermutung wurde bereits u.a. von Oliver Matuschek touchiert, im Ergebnis aber verworfen, und beruhte damals vor allem auf den Aussagen Benno Geigers, eines ehemaligen Freundes Zweigs, der aber nicht für die Zuverlässigkeit seiner Erinnerungen bekannt ist. Weinzierl will nun in den Tagebüchern eindeutigere Hinweise von Zweig selbst entdeckt haben. Seine Theorie fußt grundlegend auf dem Wort schaup, das er als schauprangern, im Sinne von sich selbst zur Schau stellen, als die Vornahme von exibitionistischen Handlungen übersetzt und tatsächlich ergibt die zitierte Stelle im Tagebuch so Sinn und ja, viele weitere Stellen werden schlüssig.

Doch nehmen wir an, dass Weinzierl recht hat, was heißt das für Autor und Werk? Exhibitionismus ist als Persönlichkeits- und Verhaltensstörung in Form einer Störung der Sexualpräferenz nach ICD-10 anerkannt. Doch ist diese Krankheit damals wie heute mit einer Stigmatisierung verbunden, die früher beispielsweise bei Knabenliebe so nicht verhanden war. § 183 StGB** stellt exhibitionistische Handlungen von Männern unter Strafe, für Knabenliebe gelten glücklicherweise ähnliche, ungleich schärfere Verbote. Diese Krankheit, diese Verhaltensauffälligkeit hat Zweigs Leben und Werk unzweifelhaft geprägt, ob jemand durch sein Handeln Harm angetan wurde, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden.

Viele der kompromittierenden Stellen hat Zweig sicher vernichtet, doch die zitierte Stelle (wohl von ihm übersehen, mutmaßt Weinzierl) blieb ebenso wie andere (diese anscheinend wissentlich) in den Tagebüchern, die, davon musste Zweig ausgehen, veröffentlicht werden würden, wenn sie nicht gar dafür geschrieben wurden. Ob dies eine letzte Form des Exhibitionismus des schauprangernden Zweig war? Hier fällt besonders die Diskrepanz zwischen der diskreten, fast völlig vom Ich gelösten, Autobiographie, in der nicht mal die Ehefrauen auftauchen und der intimen Selbstentblätterung auf.

Die neuen Aspekte der Persönlichkeit Zweigs werden bei der Lektüre dessen Werk sicher einfließen, nicht aber mein Lesen bestimmen. Mein Bild seiner Bücher ändert dies nicht. Denn losgelöst von etwaigen Einflüssen auf diese, tritt der Autor für mich beim Lesen erstmal als Person mit allen etwaigen Stärken und Schwächen in den Hintergrund. Die Erkenntnis um Stefans Zweig verdirbt mir nichts, sondern fügt eine neue Facette zu meiner Sicht auf einen bedeutenden Autor mit Schwächen hinzu.

Zuletzt: Vorkenntnisse sind für die Lektüre empfehlenswert, setze ich bei dem Einstieg in Spezialthemen wie dieses bei euch klugen Menschen aber voraus. Weinzierl schreibt sehr unterhaltsam, ohne den nötigen Ernst zu vernachlässigen, das Buch kann man easy wegsnacken, wie warmes Brot mit Butter, falls sich das lesen lässt. Besonderes Schmankerl, der immer wieder versteckte beißende Spott.***

Darf man auch mal sagen: das Format dieses Buchs ist perfekt, nicht zu hoch, schmal aber nicht fitzelich, großzügiger Satz. Alles richtig gemacht Zsolnay!


*Nach eigenen Angaben hat Ulrich Weinzierl sämtliche Romane von Frau Z. gelesen, fast unvorstellbar bei Ausschnitten wie:

Langsam ließ er sie zurückgleiten ins Moos. Hände kosten sie und grüßten die Kleinode ihres Leibes. Ihre Haare waren wie besonnte Seide, darunter die Pulse in den Schläfen pochten, wie kleine gläserne Hämmerchen. Auf die Wangen senkten sich die Lider herab wie bebende Schmetterlingsflügel. Ihre Lippen öffneten sich und er erschauerte, bald würde er ihre Süße kosten. Nun fühlte er die gläsernen Hämmerchen durch die feine Haut des Halses an seinem Mund und vor der Zartheit ihrer Schultern erbebte er, denn sie waren die eines Kindes. Ihre Brüstlein waren jungen Tauben gleich, die rosige Schnäbelchen aus dem Gefieder spreizten, wenn der Flügelschlag der Liebe ihrem Durste naht. Er meinte zu vergehen […] Da, als er wie ein von göttlichem Zorn Besessener über ihr raste, fühlte sie plötzlich namenlose Erlösung und während ihr ganzes Sein ausströmte in demütiger Verzückung zu randloser Ewigkeit, sah sie im ersten fahlen Licht des Morgens ihn zur Seite stürzen, als hätte Gott ihn an Felsen zerschellt.

Friderike Zweig – Vögelchen

**Hierzu die Strafrechtswissenschaft:

Die Vorschrift schützt die Selbstbestimmung über die Abgrenzung des höchstpersönlichen sexuellen Bereichs, die durch die aufgedrängte, häufig schockiernde Konfrontation mit fremder, beziehungsloser, aber gleichwohl auf das Opfer gerichteter und daher vielfach als Bedrohung empfundener Sexualbetätigung verletzt wird.

Fischer, StGB, § 183 Rn. 2

***Nicht so wie ich spotten würde, aber Spott, der in so einem ernsten Buch, eines so vordergründig ernsten Menschen, auffällt. Bspw.:

Eigentlich hatte Zweig mit dem lyrischen Dichten bereits aufgehört (was in Kenntnis seines Jugendwerks keiner riesiger Verlust war) […]

 

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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2s Kommentare

  1. Lieber Tilman,
    also ich glaube nicht, daß ich beim Lesen künftig an das Schauprangern des Autors oder sonstige Vorlieben denken werde. Das gilt auch bei den anderen genannten Herren. Gut, man versteht in Kenntnis der Umstände den Trick, wenn im Felix Krull eine Dame die Vorzüge des jungen Männerkörpers feiert – aber Felix als Homme aux femmes wird dadurch ja nicht unglaubwürdig. Schließlich widersteht er ja dem Werben des traurigen Lords mannhaft.
    Viele Grüße
    Norman

    • 54books 54books

      Lieber Norman,
      um überhaupt daran zu denken, müsste man Zweig mal wieder lesen – ich hoffe das tust Du.
      Aber mit dem Mann-Vergleich hast Du natürlich recht.
      Beste Grüße
      Tilman

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