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Sophie von La Roche (1730-1807) und die Grundlegung des „Frauenromans“

Der Pietismus, über den Luise Adelgunde Victorie Gottsched sich in ihrer berühmtesten Komödie lustig machte, bestimmte die Jugend von Sophie von La Roche. Am 6.12.1730 als Tochter des Arztes Georg Friedrich Gutemann und seiner Frau Regina Barbara geb. Unold in Kaufbeuren geboren, erhält sie im streng pietistischen Elternhaus zwar eine gute und gründliche, aber eben auch typische Ausbildung für Mädchen – Gelehrsamkeit ist nichts für Mädchen, ihr Wunsch, Latein lernen zu dürfen, blieb ihr verwehrt.

Vor allem aber scheiterte ihre erste Verlobung mit Giovanni Ludovico Bianconi, dem katholischen Leibarzt des Fürstbischofs von Augsburg, am protestantischen Pietismus des Vaters: Da dieser und Bianconi sich nicht darüber einigen konnten, welcher Konfession die zukünftigen Kinder angehören sollen, wurde die Verlobung auf Drängen des Vaters gelöst – und die Tochter zu Verwandten nach Biberach an der Riß geschickt. Dort traf Sophie auf ihren drei Jahre jüngeren Cousin Christoph Martin Wieland, mit dem sie sich 1750 verlobte – aber auch diese Verbindung wurde wieder gelöst.

Da es nun aber wohl nicht so einfach gewesen sein dürfte, in Bayern einen protestantischen Ehemann zu finden, heiratete Sophie von La Roche dann 1753 doch einen Katholiken: Den kurmainzischen Hofrat Georg Michael Frank La Roche, der als Vermögensverwalter und Privatsekretär für seinen Adoptivvater Friedrich von Stadion-Warthausen, Staatsminister von Kurmainz, arbeitete. Sie bekamen acht Kinder, von denen aber leider nur fünf überlebten, und wohnten zunächst recht feudal am kurfürstlichen Hof in Mainz, dann auf Gütern in Warthausen, wo es eine umfangreiche Bibliothek gab und es zu einem Wiedersehen mit Wieland kam, und in Bönningheim, wo Sophie von La Roche ihren ersten Roman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ fertigstellte.

Noch feudaler wurde das Leben der La Roches, als Georg Michael Frank La Roche beruflich aufstieg und die Familie nach Koblenz umzog: Hier unterhielten sie nun einen berühmten Salon, in dem unter anderem Basedow, Heinse, Lavatar, die Brüder Jacobi und Goethe ein- und ausgingen. Leider machte all dem – wie so oft im Leben von Sophie von La Roche – die Religion einen Strich durch die Rechnung: Nachdem ihr Mann 1780 Kritik an Adel und Mönchswesen geübt hatte, wurde er entlassen. So richtig schlecht ging es der Familie aber nach wie vor nicht: Zunächst wurden sie in Speyer von einem befreundeten Domherrn aufgenommen, später kauften sie ein Haus in Offenbach, und stets blieben sie mit Künstlerinnen und Künstlern in engem Kontakt. 1783/84 wurde Sophie von La Roche zudem eine der ersten deutschen Herausgeberinnen einer Frauenzeitschrift, wenn auch nur für knapp zwei Jahre: Ihr Journal „Pomona für Teutschlands Töchter“ stand als philosophisches Bildungsmagazin für die Frau im deutlichen Kontrast zu zeitgenössischen Modejournalen, die die Frau auf ihr Aussehen reduzierten – sogar Katharina die Große gehörte zu den Abonnentinnen.

Erst als 1788 ihr Mann starb und 1794 dann wegen der französischen Besetzung des linken Rheinufers ihre Witwenrente nicht mehr ausbezahlt wurde, war Sophie von La Roche gezwungen, ihren Lebensunterhalt allein durch Schreiben zu verdienen. Dabei war sie aber wohl recht erfolgreich, zumindest wurde sie nach ihrem Tod am 18.2.1807 in Sterbeanzeigen als „berühmte Schriftstellerin“ bezeichnet. Und vielleicht war sie so ihren Enkelkindern Bettina von Arnim und Clemens Brentano ein schreibendes Vorbild.

Berühmt wurde sie durch ihren zunächst anonym durch Christoph Martin Wieland herausgegebenen Briefroman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ von 1771, der nicht nur als erster deutschsprachiger Roman, der von einer Frau verfasst wurde, gilt, und Goethes „Leiden des jungen Werthers“ klar beeinflusste, sondern der auch einige Weichen für die Entwicklung der „Frauenliteratur“ stellte, die sich bis heute auswirken und die sich doch wohl nicht anders entwickeln konnten. Dies betrifft beispielsweise die Tatsache, dass La Roche ihren Roman zunächst nur anonym veröffentlichen konnte und dass Wieland diesen Normverstoß, dass hier tatsächlich ein von einer Frau geschriebener Roman gedruckt wurde, gegenüber Kritikern in seinem Vorwort damit begründen musste, dass die Autorin moraldidaktische Ziele verfolge: „Gutes will sie tun; und Gutes wird sie tun.“ „Damit war aber auch die enge Grenze für weibliche Autorschaft und Fiktion gezogen und ‚Frauenliteratur‘ – Frauen schreiben für Frauen über Frauen – geboren.“[1] Die Folgen habe ich in meinem längeren Beitrag zu diesem Thema beschrieben: Von Frauen verfasste Literatur fiel praktisch per se aus dem Korpus autonomer, hoher Literatur heraus – sie war heteronome Unterweisung von Frauen für Frauen.

Der von der Empfindsamkeit geprägte und zu dieser Strömung gehörende Roman, der praktisch durchweg positiv, bisweilen sogar euphorisch von Aufklärern wie Stürmern und Drängern rezipiert worden ist, handelt von der tugendhaften Sophie von Sternheim, die allerlei Intrigen und Prüfungen zum Opfer fällt – und die diese, auch wenn sie dabei so tief fällt, dass sie mitunter dem Tode nahe ist, aufgrund ihrer Tugendhaftigkeit so meistert, dass sie doch am Ende alles zum Guten wenden, alle Prüfungen bestehen kann. Tatsächlich hat La Roche damit eine Form des weiblichen Bildungsromans geschaffen, auch wenn man eher von „Prüfungsroman“ spricht, wobei diese Gattungen historisch verbunden sind; und sie hat zwar einen Beitrag dazu geleistet, das Ideal von der (leidend) tugendhaften, gefühlvollen Frau zu festigen, aber sie hat dieses gesellschaftlich zu dieser Zeit beliebte Ideal doch zumindest dahingehend gebrochen, als sie ihre Hauptfigur selbstbestimmte, bisweilen sogar falsche Entscheidungen fällen und sich gegen die Bevormundung auch durch Männer behaupten lässt. Vor allem aber übernimmt die Protagonistin durch die Wohltätigkeiten für sozial Schwache, die sie sich gegen Ende des Romans zur Aufgabe macht, einen Tätigkeitbereich, der außerhalb der Trias von Hausfrau, Gattin und Mutter liegt und als eine Art öffentliche Verantwortung bezeichnet werden kann.

Die „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ ist also ein Roman seiner Zeit, der Weichen für die Zukunft gestellt hat – und der doch auch in kleinen Schritten über das Denken seiner Zeit hinausweist.

Werke u.a.: Geschichte des Fräuleins von Sternheim 1771; Der Eigensinn der Liebe und Freundschaft, eine Englische Erzählung, nebst einer kleinen deutschen Liebesgeschichte 1772; Rosaliens Briefe an ihre Freundin Mariane von St** 1780–1781; Moralische Erzählungen im Geschmack Marmontels 1782/84; Joseph II. nahe bei Speier 1783; Die glückliche Reise 1783; Pomona für Teutschlands Töchter 1783–1784; Die zwei Schwestern 1784; Briefe an Lina 1785/1788;  Waldone 1785; Neuere moralische Erzählungen 1786; Tagebuch einer Reise durch die Schweiz 1787; Journal einer Reise durch Frankreich 1787; Tagebuch einer Reise durch Holland und England 1788; Moralische Erzählungen. Nachlese 1788; Geschichte von Miss Lony und Der schöne Bund 1789; Briefe über Mannheim 1791; Rosalie und Cleberg auf dem Lande 1791; Erinnerungen aus meiner dritten Schweizerreise 1793; Briefe an Lina als Mutter 1795–1797; Schönes Bild der Resignation, eine Erzählung 1796; Erscheinungen am See Oneida 1798;  Mein Schreibetisch 1799; Reise von Offenbach nach Weimar und Schönebeck im Jahr 1799 1800; Fanny und Julia, oder die Freundinnen 1801; Liebe-Hütten 1804;  Herbsttage 1805; Melusinens Sommerabende, hgg. von Christoph Martin Wieland 1806; Erinnerungen aus meinem Leben 1807.

[1] Barbara Becker-Cantarino: Geschichte des Fräuleins von Sternheim (1771), in: Gudrun Loster-Schneider/Gaby Pailer (Hgg.): Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen (1730-1900), Tübingen/Basel 2006, S. 253.

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
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