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Selim Özdogan – Wo noch Licht brennt. Oder: Cash rules everything around me

Georg Simmel behauptete [jaja, I’m bildungsbürgering around again] in der „Philosophie des Geldes“ um 1900, es gebe „[f]ür den absoluten Bewegungscharakter der Welt nun […] sicher kein deutlicheres Symbol als das Geld“, denn dieses existiere immer nur, indem es weitergegeben werde. Selbst wenn es gespart werde, werde es gespart mit dem Zweck, später weitergegeben zu werden.

Ein paar Jahrzehnte später zeigt sich der absolute Bewegungscharakter der Welt immer noch am deutlichsten in Bezug auf das Geld, jetzt bewegt sich aber nicht mehr nur das Geld oder der Arbeiter vom Land in die Stadt, jetzt bewegt sich der Arbeiter über Landesgrenzen hinweg dem Geld hinterher: Die Arbeitsmigration ist ein Symptom der durch das Geld bewegten Welt.

Und das Geld und die Arbeit bringen auch Gül, die Hauptfigur aus Selim Özdogans „Wo noch Licht brennt“ nach Deutschland: Ihr Mann Fuat war vor vielen Jahren um Geld zu verdienen aus der Türkei nach Deutschland gegangen, sie war ihm gefolgt, zwischenzeitlich aber in die Türkei zurückgekehrt – davon handeln die ersten beiden Romane („Die Tochter des Schmieds“, „Heimstraße 52“) der Trilogie, deren dritter Band „Wo noch Licht brennt“ ist – und ist mit Beginn des Romans wieder in Deutschland, um in der Nähe ihres Mannes leben zu können, der eben in Deutschland geblieben ist.

Gül und Fuat sind also ein typisches Ehepaar der türkischen Arbeitsmigration: Sie haben ihr Zuhause verlassen, weil das Geld sie zwang, sie haben in einem anderen Land gearbeitet, das nichts dafür getan hat, sie zu integrieren (jahrzehntelang ging man in Deutschland ja davon aus, die aus der Türkei angeworbenen Arbeiter würden wieder zurück in die Türkei gehen), sie haben damit ihren Kindern sozialen Aufstieg finanziert und sie haben einen Preis dafür bezahlt:

„Wir sind als einfache Arbeiter in dieses Land gekommen, denkt Gül, und die Zukunft meiner Enkelin ist hier, wo sie einen ordentlichen Beruf lernt, wo sie nie putzen gehen wird oder Erdbeeren pflücken, bis ihr Rücken schmerzt, und nie in der Nachtschicht arbeiten. Vielleicht hat es sich dafür gelohnt. Wir konnten Ceren ein Studium finanzieren, unsere Zeit in der Fremde hat dazu gedient, dass Duygu und Timur nie hungern werden. Aber auch, dass sie in der Türkei immer Fremde bleiben werden.“ (S. 174)

Die Geschichte von Güls Familie, die die Geschichte sozialen Aufstiegs ist, ist doch auch die Geschichte sozialen Verlustes: Des Verlustes von sozialen Bezügen, von Freunden, Bekannten und Verwandten, die man in der Türkei zurücklassen musste, von sozialen Gewohnheiten und Gepflogenheiten, die man in der Türkei verloren hatte, weil man in Deutschland nicht in die Gesellschaft integriert wurde und gleichzeitig die Veränderungen in der Türkei verpasste. „Wo noch Licht brennt“ erzählt auch davon: Von dem Konflikt zwischen finanziellen und sozialen Bedürfnissen.

Dieser Konflikt ist auch ein Konflikt zwischen Mann und Frau: Für Gül ist Geld an sich nicht wichtig, es ist höchstens als Mittel wichtig, um den Kindern zu helfen, um in die Türkei reisen und telefonieren zu können, um das Erbe des Vaters, ein Sommerhaus in der Türkei, und damit die Erinnerungen an die Kindheit erhalten zu können. Das Geld dient Gül als Mittel, um soziale Beziehungen zu pflegen, aber es hat keinen Wert an sich. Für die männlichen Figuren des Romans ist das anders, insbesondere ihrem Mann Fuat, aber auch anderen männlichen Figuren im Roman schreibt Gül zu, am Geld stärker und anders interessiert zu sein als Frauen – im Hintergrund dürften unausgesprochen Geschlechterrollenbilder stehen, die dem Mann eben die Rolle des auf Geld bezogenen Ernährers, der Frau die der in sozialen Bezügen denkenden Mutter zuschreiben:

„Vielleicht hat Can Unrecht, die Welt trennt sich nicht in Arm und Reich, vielleicht haben Can und Yılmaz gemeinsam Unrecht, weil sie nicht sehen wollen, dass sich die Welt in Mann und Frau teilt. Und die Männer bestimmen, dass die Welt in Reich und Arm unterteilt wird. Die Männer wollen zum Geld, deshalb lassen sie ihr Land, ihre Eltern, ihre Kinder, ihre Heimat, ihre Sprache hinter sich und nehmen ein Leben voller Entbehrungen in Kauf.“ (S. 116)

Immer wieder gerät Gül innerlich in Konflikt mit dem Geldsystem: Das Geld nimmt ihr nicht nur das Zuhause, das Geld nimmt ihr auch den Ort ihrer Kindheit und schließlich sogar die Geschwister, die sich wegen des Erbes des Vaters zerstreiten – ein Erbe, das Gül nur aufgrund der Erinnerungen, die damit verbunden sind, interessiert, nicht aufgrund seines materiellen Wertes.

Geld bewegt sich aber nicht nur selbst und bewegt nicht nur Menschen, sondern es verändert auch die Orte, an denen die Menschen leben: Das Dorf an der türkischen Ägäis-Küste, in dem Gül mit ihrer Familie Urlaub macht, ist einige Jahre später, als Gül und Fuat sich dort eine Wohnung für die Zeit im Ruhestand kaufen, verschwunden: Der Tourismus hat das Dorf Neubaugebieten mit Hochhäusern weichen lassen, das Geld hat die Art des Zusammenlebens völlig verändert, wie Öykü, eine neue Nachbarin, Gül erzählt:

„Der Tourismus hat Geld gebracht, mehr, als man mit beiden Händen und dem eigenen Schweiß auf der Stirn verdienen kann. Jedermanns Augen sind größer geworden als seine Brieftasche, alle hat die Gier erfasst […]. Früher haben wir uns im Dorf gegenseitig beklaut, es gab Streitigkeiten und Fehden, es gab Schlägereien unter den Menschen, aber wir waren ein Dorf. Wie eine Familie. Jetzt ist nicht nur das Dorf auseinandergebrochen […], sondern auch die Familien sind auseinandergebrochen.“ (S. 274)

Um in den Konflikt zwischen sozialen und finanziellen Werten zu geraten, muss man also nicht erst das Land verlassen – verspätet, aber doch bewegt sich das Geld überall hin, es „spricht überall dieselbe Sprache“ (S. 221), und verändert das Zusammenleben der Menschen. Und egal, ob man nun für das Geld sein Land verlässt oder nicht, die Einsicht, dass man nicht nur seine Arbeitskraft, sondern auch seine Lebenszeit verkauft (vgl. S. 197) ist global.

Auch – aber nicht nur – davon erzählt „Wo noch Licht brennt“: Davon, was Menschen gewinnen und verlieren, wenn der materielle Wohlstand relativ gesehen zunimmt. Und der Roman erzählt von Gül, einer Frau, die nicht nur fremd in Deutschland ist und dann auch fremd in ihrem Geburtsort wird, sondern die auch fremd in der Welt des Geldes ist. Und hier ist Gül eine Heldin im Kleinen, die versucht auch dort, wo das ökonomische System bis in das Privateste des Menschen hineingreift, integer zu bleiben und den Menschen höher zu achten als das Geld. Die immer wieder das eigene Denken zu hinterfragen und sich selbst zu überwinden versucht, auch wenn sie ihre kleinen Fehler hat – und die damit eben wirklich eine klassische literarische Heldenfigur ist, gerade dann, wenn die Erzählweise des Romans (dazu übermorgen im Blogbeitrag von Teesalon vermutlich mehr) mit ihren Vorausdeutungen so an die Erzählweise antiker Epik erinnert. Güls Kämpfe finden nur eben nicht auf einem Schlachtfeld statt wie im klassischen Drama oder Epos, sondern im Alltag.

Und eine Heldin, die trotz ihren Bemühungen nicht verhindern kann, auch zu scheitern, auch Leiden weiterzugeben – sie wirft sich vor, ihre Tochter allein in der Türkei zurückgelassen zu haben, als sie das erste Mal nach Deutschland ging, es gelingt ihr nicht, ihren Mann zu verstehen, und beides – das Fehlen eines Elternteils, das Unglück in der Ehe, findet sie als Muster in allen Generationen der Familie.

Denn am Ende bewegt sich nicht nur Geld, sondern mit ihm und unabhängig von ihm auch Leid. In Thornton Wilders „Der achte Schöpfungstag“ heißt es einmal, Leiden sei wie Geld, es werde immer von dem, der es erhält, auch weitergegeben. Gül hätte vielleicht über diese Aussage nachdenken können, wenn sie nicht eine fiktive Figur wäre. Eine fiktive Figur aus einem Roman, den ich sehr gerne gelesen habe und dem ich viele Leser wünsche.

Dieser Beitrag steht im Zusammenhang einer Blogtour von Literaturschock.de zu “Wo noch Licht brennt”:

Gestern erschien bereits bei Bücherstadtkurier ein Interview mit Selim Özdogan zu dem Roman.
Zudem erschien bereits eine Rezension auf dem Blog Schreibtrieb, auf diesem Blog wird zudem morgen ein Beitrag über das Sehnsuchtsmotiv in dem Roman erscheinen.
Übermorgen folgt ein Beitrag auf Teesalon zur Erzählweise des Romans.
Am letzten Tag der Blogtour kommt noch ein zweites Interview auf Literaturschock.de, natürlich mit anderen Fragen.

(Den Roman habe ich im Rahmen der Blogtour als Leseexemplar vom Haymon Verlag zur Verfügung gestellt bekommen. Vielen Dank dafür!)

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
Katharina Herrmann

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3s Kommentare

  1. Ein toller Beitrag. Nur ein kleiner Hinweis: morgen erscheint natürlich nicht meine Rezension ein weiteres Mal, sondern ein Beitrag, der sich näher mit dem Motiv der “Sehnsucht” im Roman beschäftigt 😉😘

  2. Katharina Herrmann Katharina Herrmann

    Ah, vielen Dank, da habe ich was falsch verstanden!

  3. Der Beitrag gefällt mir ebenfalls. Danke für die Rezension. 🙂

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