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Alexander Schimmelbusch – Hochdeutschland (feat. Jonas Lüscher – Kraft; Jens Beckert – Imaginierte Zukunft)

[Obacht, ich spoilere in diesem Beitrag – also wie immer halt.]

In seinem so gut lesbaren wie unbedingt lesenswerten Buch „Imaginierte Zukunft“, das gerade auch in deutscher Übersetzung von Stephan Gebauer bei Suhrkamp erschienen ist, geht Jens Beckert der naheliegenden, wenn auch anscheinend bislang wissenschaftlich kaum beachteten Überlegung nach, dass die Dynamik des kapitalistischen Wirtschaftssystems vor allem von Zukunftsentwürfen abhängt. Wettbewerb und Kredit(würdigkeit), die den Motor der Wirtschaft antreiben, speisen sich nicht nur aus der Geschichte des Marktes und der Unternehmen, sondern vor allem auch aus den Zukunftserwartungen institutioneller wie individueller Akteure: „Wie literarische Fiktionen sind auch fiktionale Erwartungen in der Wirtschaft dadurch gekennzeichnet, dass sie eine eigene Welt erzeugen, in die sich die Akteure hineinversetzen können […]. In der ökonomischen Praxis nehmen fiktionale Erwartungen die Form von Narrativen an und werden als Geschichten erzählt, die den Akteuren verraten, wie die Zukunft aussehen und wie sich die Volkswirtschaft ausgehend vom gegenwärtigen Zustand in Zukunft entwickeln wird.“ (Beckert: Imaginierte Zukunft, 2018, S. 24f.)

Literatur wie Ökonomie beruhen also grundsätzlich auf fiktiven Geschichten, die natürlich in völlig unterschiedlicher Diktion verfasst sind und unterschiedlichen Qualitätskriterien unterworfen sind, eines aber gemeinsam haben dürften: Indem erzählt wird, wird nicht nur Geschichte und Gegenwart (einer Figur, eines Unternehmens, etc.) konstruiert, sondern auch dessen Zukunft entworfen. Selbst der historischste Roman und der klassischste Klassiker wird immer auch im Prozess des Lesens aktualisiert, und eine Deutung der Gegenwart, die nicht auch einen Ausgriff auf die Zukunft enthalten würde, gibt es halt nicht, weil – ÜBERRASCHUNG – Gegenwart natürlich immer ein Konstrukt aus Geschichte und Zukunftserwartung ist.

Liest jetzt noch wer mit? Egal! Eigentlich wollte ich ja nur sagen: Erzählen bedeutet immer die Deutung von Vergangenheit und Gegenwart, um diese für die Zukunft zu öffnen. In Literatur und Ökonomie. Ihr könnt mir das auch einfach glauben, ich bin sehr vertrauenswürdig.

Interessant wird es doch aber spätestens dann, wenn beides verschränkt wird, indem wiederum Ökonomie Gegenstand der Erzählung wird, denn dann wird Wirtschaft nicht erzählt, um die Wirtschaft anzukurbeln (stimmt natürlich nicht, der Buchmarkt ist ja auch ein Markt), sondern um Wirtschaft zu reflektieren. Genau das passiert in „Hochdeutschland“ von Alexander Schimmelbusch.

Das regelt der Markt!

Im Zentrum des Geschehens steht der Investmentbanker Victor, die personifizierte Bank bzw. der personifizierte neoliberale Kapitalismus, und wie wir wissen, gewinnt die Bank immer. Victor ist entsprechend eine Figur, die – ohne selbst so recht zu wissen, wie das passieren konnte – irgendwie immer nach oben gefallen ist und dabei unverschämt reich geworden ist. Er weiß, dass er sein Vermögen und seinen Status nicht verdient hat, weiß um die Zufälligkeit seiner Privilegierung und die unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Investmentbanking. Da er aber vor allem ein sehr selbstmitleidiger, narzisstischer und zynischer Unsympath ist, suhlt er sich in all diesen Erkenntnissen nur so ein bisschen hin und her, ohne irgendetwas zu verändern, im Gegenteil – gerade die menschenverachtendsten Elemente des Systems bejaht er. Selbst sein gelegentlicher Wille, daran etwas zu ändern, ist nur selbstgefällige Pose, bloß Laune: Denn was tut schon einer, der alles hat?

Laut Maslowscher Bedürfnispyramide hat er nicht nur alle Grund-/Existenzbedürfnisse wie Sicherheitsbedürfnisse durch eine überproportionale Absicherung mit über unterschiedliche Investitionsformen verteiltem Kapital abgedeckt, sondern auch die sozialen Bedürfnisse wie die Individualbedürfnisse werden bedient durch eine Tochter, mit der er ab und zu „quality time“ verbringt und die ihn ja nun qua Definition auch zu lieben hat, mehrere von ihm finanziell abhängige und zum Teil deswegen, zum Teil auch freiwillig ihm sexuell zu Verfügung stehende Frauen, durch berufliches Prestige und eine entsprechende Machtposition in der eigenen Bank. Was bleibt also? Das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung als letzte Stufe der klassischen Maslowschen Bedürfnispyramide und dann final – als letzte Stufe der erweiterten Bedürfnispyramide – das Bedürfnis nach Transzendenz. Auf das Bedürfnis nach Transzendenz komme ich später noch einmal zurück, zunächst zum Bedürfnis der Selbstverwirklichung: Auch hier ist Victor ziemlich weit gekommen, aber um seiner Existenz eben bleibende Bedeutung zu verleihen, versucht er es irgendwie wahlweise mit dem Schreiben eines politischen Manifests, dann mit dem Schreiben eines langweiligen Romans. Beides macht er natürlich einfach irgendwie, jemand wie Victor kann schließlich alles, und nicht aus Haltungen oder Überzeugungen, sondern eben aus Lust und Laune heraus, eben: weil er es kann.

Während nun seine künstlerischen Ambitionen, sein Versuch, einen Roman zu schreiben, scheitern (und zwar lustigerweise an den ökonomischen Prinzipien des Buchmarktes), scheitert sein politisches Manifest bezeichnenderweise nicht. Victor hat es aus einer Laune heraus geschrieben und wird dann, als er es schon beinah vergessen hat, von dessen Erfolg nahezu überrollt. Die Wurzeln zu diesem Manifest liegen dabei keineswegs in Victors Überzeugungen, in seinen Enttäuschungen über den gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft, den er tatsächlich abstoßend findet, genauso wenig wie in seiner Erkenntnis der Ungerechtigkeit des Systems – im Gegenteil: es gibt in diesem Roman keinen inneren Wandel Victors. All diese Dinge weiß Victor von Anfang an, er bedauert sie immer wieder mal, ändert aber nichts. Es kann gar keinen inneren Wandel dieser Figur geben, da sie für nichts steht, für keine Werte, keine Haltungen, sie steht allein für das Prinzip, Chancen zur Gewinnmaximierung aufzuspüren und diese zu nutzen. Und das tut Victor den ganzen Roman über. Schon ganz zu Anfang wird deutlich, was Victor unter einem „Prinzip“ versteht, hat er doch den Porsche, den er fährt, „aus Prinzip“ als Firmenwagen beim Wechsel zur Birken Bank, deren Teilhaber er ist, verlangt, wobei „Prinzip“ nicht bedeutet, dass er schon immer einen Porsche wollte oder ähnliches: „aus Prinzip im umgangssprachlichen Sinne, also nicht einer Überzeugung Folge leistend, sondern da er spontan Lust gehabt hatte, nach einem Porsche zu verlangen, und da in Anbetracht des großen Interesses der Birken Bank an seiner Verpflichtung nur halbherzige Einwände zu erwarten gewesen waren“ (S. 9f.). Dieser Art von „Prinzip“ folgt Victor, der entsprechend schon eingangs als „flexible Persönlichkeit“ (S. 9) charakterisiert wird: Er erkennt Chancen und nutzt sie, unabhängig von ihrem Nutzen oder irgendwelchen ethischen Kriterien. Nichts könnte weiter von einem kategorischen Imperativ entfernt sein.

Und so geht es denn weiter: Die Idee, Geld mit der Verstaatlichung privater Unternehmen zu machen, entwickelt er aus der Erkenntnis heraus, dass der Markt abgefischt ist: Verdiente er bislang sein Geld damit, Übernahmen zwischen privaten Unternehmen beratend zu begleiten, so sind nun kaum mehr private Unternehmen übrig, die übernommen werden könnten oder die andere übernehmen wollten – die M&A-Branche, die für dergleichen Geschäfte zuständig ist, steckt in der Krise. Die einzige Möglichkeit, weiterhin große Geschäfte zu machen, scheint Victor also zu sein, die Bundesrepublik selbst zum Unternehmen zu machen, das längst privatisierte Bereiche zurückkauft – er überträgt also ein altes Geschäftsmodell einfach auf einen neuen Akteur, die BRD. Damit beginnt Victor, indem er dem Finanzminister den Kauf eines Pumpspeicherkraftwerks aufschwatzt – und aus Versehen perfektioniert er diese Umwandlung der Bundesrepublik, indem er ein Manifest schreibt, in dem er rechte und linke Populismen mischt, Verstaatlichung und Deckelung von Privatbesitz fordert, so dass niemand mehr als 25 Millionen besitzen darf, und mit Islamkritik mischt. Dieses Manifest schreibt er aus einer Laune heraus in einer halben Stunde, schickt es ebenso aus einer Laune heraus einem muslimischen, in der Politik tätigen Freund, der daraus ein echtes politisches Programm einer Partei macht.

Mit diesem Programm gewinnt seine Partei die Wahl und macht aus der Bundesrepublik ein Unternehmen, die „Deutschland AG“. Als dieser Freund ihn dann verpflichten will, Leiter der GINA, einer gigantischen staatlichen Fondgesellschaft, also des finanziellen Rückgrates der „Deutschland AG“, und somit mächtigster Mann der Welt (da das weltgrößte ökonomische Kapital verwaltend) zu werden, zögert Victor. Er glaubt selbst nicht an das Vorhaben, natürlich, denn er glaubt ja selbst an nichts, vielmehr stört es ihn, wenn Leute Überzeugungen haben (S. 190f.). Letztlich macht er aber natürlich doch mit, weil eben das ja sein Prinzip ist: Chancen zur Gewinnmaximierung instinktiv erkennen und die ergreifen, nach oben fallen. So wird er mächtigster Mann der „Deutschland AG“ und damit der Welt: Victor wird eben nicht, wie manche Rezensionen behaupten, „Antikapitalist“ oder “Kapitalismuskritiker”, im Gegenteil: Er wird Hyperkapitalist, er erhält Macht über die maximal mögliche Kapitalakkumulation. Er bricht das kapitalistische System nicht, er treibt es auf die Spitze. Und zwar schlicht deswegen, weil der Markt die Möglichkeit dazu eben hergab.

„Auch irrationale Entscheidungseinheiten müssen die Realität anerkennen und können beispielsweise keine Entscheidung verwirklichen, die außerhalb ihres Möglichkeitsraumes liegt. Und diese Möglichkeitsräume sind nicht unveränderlich oder willkürlichen Schwankungen unterworfen. Sie werden vielmehr durch verschiedene ökonomische Variable systematisch verändert.“ (Gary S. Becker: Ökonomische Erklärung menschlichen Verhaltens, 1993, S. 184). Victor ist eine solche irrationale Entscheidungseinheit: Sein Handeln folgt keiner festen, rational nachvollziehbaren Logik, keinem System, keinen moralischen Grundsätzen, es folgt nur dem Impuls. Und damit folgt es von alleine den Gegebenheiten des Marktes. Alles regelt der Markt.

Dass Victor eben nicht mit dem kapitalistischen System bricht, dass er eben nicht Kapitalismuskritiker wird, wird vor allem darin deutlich, dass sein Manifest, trotz der Kritik seines Freundes hieran, deutlichst an einem kapitalistischen Leistungsprinzip festhält, das – als dieses politische Programm zur Umsetzung kommt – zur völligen Unterjochung der Bevölkerung führt. Die Unmenschlichkeit des Systems, das Menschen zur Humanressource erklärt, wird durch Victor noch gesteigert: Er will gute Bildung für alle, aber nicht, weil Bildung und der Mensch ein Selbstzweck wären, sondern weil man dann erst die größtmögliche Leistung abschöpfen kann.

Seine Ideen und Behauptungen zur Verbesserung des Sozialwesens – Wohlstand für alle, Bildung für alle, Sicherheit etc. – sind dabei nur Tarnung eines Systems, das zur eigenen Gewinnmaximierung führen soll, ganz gemäß dem rotten-kid-Theorem: „ein Egoist hat immer dann einen Anreiz für den Versuch, Altruismus zu simulieren, wenn altruistisches Verhalten durch seine Wirkung auf das Verhalten anderer seinen eigenen Konsum erhöht.“ (Gary S. Becker: Ökonomische Erklärung menschlichen Verhaltens, 1993, S. 326)

Verstaatlichung – das könnte eine These des Romans sein – führt im System des neoliberalen Kapitalismus nicht mehr zurück zur sozialen Marktwirtschaft, sondern zu einem maximal missbrauchbaren ökonomischen Kapital-Monopol. Verstaatlichung wird zum Vehikel der Steigerung des Neoliberalismus.

Entmenschlichung und Sprache

Tatsächlich ist, obwohl das alles ziemlich interessant und klug ist, „Hochdeutschland“ nicht so sehr schön zu lesen (aber: trotzdem unbedingt lesenswert!). Das liegt zum einen daran, dass es eben ein Thesenroman ist, womit zusammenhängt, dass vieles eben nicht erzählt, sondern erklärt wird, dass ein nicht unbedeutender Teil des Romans aus dem Manifest, das einfach wie dazwischengeschoben wirkt, besteht – all das ist aber natürlich grundsätzlich legitim, weil es eben ein Thesenroman ist, dem es eher darum geht, ein paar Ideen narrativ in den Raum zu stellen, als die literarischste aller Geschichten zu erzählen. Fair enough.

Ob deswegen die sprachliche Gestaltung wirklich an allen Stellen so hätte sein müssen, wie sie ist, darüber lässt sich streiten: Zumindest die fürchterlich platte Kindersprache, die Schimmelbusch verwendet, wenn er die Gedanken von Victors Tochter wiedergibt („Noch 16 Wochen! Eigentlich war das zu lange, weil sie freute sich ja schon so dolle. Sie freute sich auf das Schwimmen und das Tauchen, und auf die Waffeln mit dem Nutella – weil jeden Tag Nutella, das durfte sie gar nicht bei ihrer Mami.“ S. 167) hätte man sich sparen können, weil sie lediglich unästhetisch ist, aber nichts beiträgt. Dass ansonsten der Text recht breitbeinig-ungehobelt nur so vor sprachlichen Klischees strotzt – die Mitarbeiter der Bank werden als „Sklaven“, Angehörige anderer sozialer Schichten als „Wesen“ bezeichnet – ist dagegen zwar eben nicht schön zu lesen, aber narrativ stimmig: Benutzt wird eben die entmenschlichende Sprache des Kapitals. Die eigentliche Kapitalismuskritik übt in diesem Buch eben nicht Victor als Figur, sondern sie wird geübt durch die Sprache und durch das Menschenbild des Kapitals, die hier ziemlich rücksichtslos Verwendung finden. Und durch den Plot natürlich. Aber es sind Sprache und Menschenbild, durch die einem dieses System, das durch Victor verkörpert wird, so unangenehm werden, dass man des Buch eigentlich nicht gern lesen mag (es sei denn, man kann über sowas lachen, was ich ja immer nicht kann, weil ich keinen Humor habe, so säd). Das ist nicht schön, aber ziemlich gut gemacht.

Und dazu gehört selbstverständlich auch das Frauenbild Victors: Es gibt natürlich nur Frauen, die entweder Mütter von irgendwem sind oder mit denen Victor Sex hat(te). Frauen sind Objekte für irgendwas, und meist sind sie von Victor abhängig (was sie ihrerseits dadurch ausgleichen, dass sie ihn wiederum entmenschlichen, seine Tochter macht da keine Ausnahme). Und obwohl er kurz darüber nachdenkt, dass er spielend die Möglichkeit hätte, durch Schenkungen für die finanzielle Unabhängigkeit dieser Frauen zu sorgen, sogar kurz darüber nachdenkt, dass er das eigentlich tun sollte, macht er das natürlich nicht. Weil es ein Verlust von Macht und damit von Kapital wäre. Das ist nicht so schön zu lesen, aber eben sehr stimmig. Und in der Konsequenz, in der das alles hier angewandt wird, doch bemerkenswert.

Metaphysische Leere und Theodizee

Victors Mangel an Werten ist tatsächlich, wenn man so will und diese alte, oft kulturpessimistisch gewendete Floskel bemühen will, eine metaphysische Leere: An Stelle der Metaphysik ist die Ökonomie getreten, ihr folgt Victor. Und erfüllt damit die letzte, oben schon erwähnte, Stufe der Maslowschen Bedürfnispyramide, das Bedürfnis der Transzendenz, die Suche nach Gott: Er wird zum „strategischen Schamanen“ (S. 211) der Deutschland AG, zu ihrem „Ayatollah“ (S. 191). Das Kapital wird zur Religion, Victor zum kapital-religiösen Führer.

Der bereits eingangs erwähnte Jens Beckert nennt diese Substitution religiöser Fiktionen durch ökonomische „säkulare Verzauberung der Welt“: „Schon der Begriff ‚fiktionale Erwartung‘ deutet an, dass die Nichtrationalität unter Bedingungen der Ungewissheit zu allem wirtschaftlichen Handeln beiträgt, und zwar auch dann, wenn die Akteure rational handeln wollen. Der Begriff der Fiktion kann herangezogen werden, um den nichtrationalen Kern des wirtschaftlichen Handelns in den Investoren, Innovatoren und Konsumenten zu verorten, die den Markt mit ihren Projektionen verzaubern, und nicht – wie Weber – in religiösen Doktrinen, welche die Menschen dazu bewegen, ihr religiöses Schicksal zu erfüllen. Die Praktiken und Überzeugungen der Akteure sind eine Art von säkularer Verzauberung der Welt, die sich mit Durkheims Hypothese deckt, dass die moderne Gesellschaft säkulare Formen des Heiligen entwickelt. Aber während sich Durkheim in erster Linie mit dem befasste, was er als „Kult des Individuums“ bezeichnete, liegt mein Augenmerk auf der Rolle der säkularen Formen des Heiligen in der Wirtschaft. Glaubwürdige fiktionale Erwartungen sind feste Überzeugungen. Und wie im Fall der religiösen Klassifizierung sind fiktionale Erwartungen in der Wirtschaft soziale Projektionen, die in kollektiven Praktiken entstehen.“ (Jens Beckert: Imaginierte Zukunft, 2018, S. 443)

Und Gott? Der schaut zu, laut Victor: Zumindest bringt er seiner Tochter bei, dass es einen Gott gibt, der die Welt geschaffen hat und seither zuschaut (S. 156-158), damit ihr die Wahrheit „von der Zufälligkeit, der Vergeblichkeit, der Unwirklichkeit, der Sinnlosigkeit und so weiter“ (S. 158) so lange wie möglich erspart bleibt. Interessanterweise tut Gott das auf der Handlungsebene aber insgesamt eben nicht, zumindest nicht zwangsläufig: So gelingt es Victors Tochter einmal durch ein Gebet, ihren Vater vor einem Herzinfarkt zu retten (S. 199f), und auch später kommt es zu einer merkwürdigen, mystischen Begegnung zwischen Vater und Tochter. Gott wäre, wenn man die Erzählung hier ernst nähme, dementsprechend gar kein stiller Beobachter des grausigen Weltgeschehens, er wäre auch nicht einfach tot, sondern er wäre da und er wäre ansprechbar. Wenn die Rettung vor dem neoliberalen Turbokapitalismus also nicht aus der Verstaatlichung zu erwarten ist, so vielleicht – das könnte der Roman zumindest vorschlagen – in einer Abwendung von einer Religion der Ökonomie und einer erneuten Rückbindung von letztgültigen Heilserwartungen an die Metaphysik.

[Ich warne nochmal vor den nun folgenden Spoilern. Diese betreffen auch „Kraft“ von Jonas Lüscher.]

Damit gäbe der Roman bezüglich der Frage nach Metaphysik eine dezidiert andere Antwort als Jonas Lüschers „Kraft“, ein Roman, der ebenfalls Kritik am neoliberalen Kapitalismus mit einer metaphysischen Fragestellung, der Theodizeefrage verbindet, und in dem ebenfalls die Ökonomie zur Religion geworden ist. Deutlich wird dies in „Kraft“ etwa gleich zu Anfang, wenn das Silicon Valley als „mystisches Tal“, als „formlose[r] Siedlungsbrei mit seinen seltsamen Kultstätten“, deren Namen wie die von „Heiligen und Göttern“ (Jonas Lüscher: Kraft, 2017, S. 10) ausgesprochen werden, bezeichnet wird. Als dessen Gegensatz wird ein Glockenturm – der klassischerweise natürlich ein religiöses Symbol ist, hier aber als Carillon auch für Kunst stehen könnte – benannt, der keine Beachtung findet und an dem sich Kraft, der Protagonist des Romans, am Ende erhängen wird. Im Gegensatz zu Victor ist Richard Kraft, Professor für Rhetorik, ein tatsächlich ernüchterter Vorkämpfer des neoliberalen Kapitalismus, dessen Wandlung allerdings schon vor Beginn der Romanhandlung eingesetzt hat und im Laufe derselben lediglich zum Abschluss kommt. Kraft scheitert daran, die mit einer Million Dollar dotierte Preisfrage zu beantworten: „Theodicy and Technodicy: Optimism for a Young Millennium. Why whatever is, is right und why we still can improve it?“ (Jonas Lüscher: Kraft, 2017, S. 7) Er erhängt sich am Glockenturm – es gibt keinen Grund zu Optimismus, es gibt keinen Hinweis auf die Existenz metaphysischer Mächte in Lüschers Roman, und wenn man das Carillon in seiner Doppeldeutigkeit, der gemäß es auch für Kunst stehen könnte, ernst nehmen will, ist auch in der Kunst keine Rettung: Das Leuten der Glocken, ausgelöst durch Krafts Selbstmord, hört dieser nicht mehr. Zumindest aber die Möglichkeit, dem Neoliberalismus durch Verstaatlichung beizukommen, wird in „Kraft“ nicht ausgeschlossen: Der Protagonist erwägt sie mit zunehmendem Alter, was ihm Verachtung durch seine Frau einträgt. Hier geht „Kraft“ einen anderen Weg als „Hochdeutschland“.

Gemeinsam ist beiden Romanen aber in jedem Falle so viel: Am Ende gewinnt die Bank nicht mehr – die Vertreter des Neoliberalismus, Victor und Kraft, und damit das System, für das sie stehen, sterben, ihnen wird also narrativ eine deutliche Absage erteilt. Und: Auch in „Hochdeutschland“ gibt es keine Antwort auf die Theodizeefrage, die Victors Tochter stellt (S. 161).

In einem Punkt würde Jens Beckert Alexander Schimmelbusch in jedem Falle Recht geben: Der Kapitalismus verleibt sich selbst die Tendenzen, die ihm zuwiderlaufen, sogar den Antikapitalismus ein: „Selbst die Imaginationen jener Utopien, die Alternativen zum Kapitalismus vorgeschlagen haben, darunter verschiedene Strömungen der Arbeiterbewegung oder der Protestbewegungen der sechziger Jahre, wurden samt der von ihnen inspirierten praktischen Aktivitäten in die kapitalistische Logik integriert. Um seine Dynamik aufrechterhalten zu können, muss der Kapitalismus unentwegt durch Neuheit ‚animiert‘ werden. Er hängt also von der Kreativität und Vorstellungskraft der Akteure ab, die manchmal auch im Widerstand gegen den Kapitalismus zum Ausdruck kommt. Aber am Ende lässt all diese Kreativität stets das Prinzip der Akkumulation unangetastet. Die Imaginationen der Zukunft werden allesamt wieder in die kapitalistische Logik integriert. […] Diese Mischung von Kreativität und Zerstörung beschrieb der deutsch-amerikanische Theologe Paul Tillich vor vielen Jahrzehnten mit einem einzigen Wort als – dämonisch.“ (Jens Beckert: Imaginierte Zukunft, 2018, S. 446f.) Und auch am Ende des Buches von Beckert bleibt nur der Rekurs auf die Theologie.

Wie auch immer man sich dazu verhalten will, ob man den von „Hochdeutschland“ oder den von „Kraft“ vorgeschlagenen Weg zur Überwindung eines neoliberalen Turbokapitalismus überzeugender findet oder Kapitalismus mehr so ganz hübsch findet – falls noch einmal jemand fragen sollte, was deutsche Gegenwartsliteratur so kann und wozu sie so gut sein kann: Sowohl Alexander Schimmelbuschs „Hochdeutschland“ als auch Jonas Lüschers „Kraft“ erfassen die Probleme des Wirtschaftssystems und die daraus resultierenden Probleme für die Gesellschaft, deuten sie im Mittel der Narration und öffnen damit – mit unterschiedlichen Vorschlägen – die Gegenwart für die Zukunft. Nicht dass Literatur dergleichen müsste. Aber sie kann und sie tut es. Nebenbei ist „Kraft“ von Lüscher auch literarisch-ästhetisch sehr schön und „Hochdeutschland“ von Schimmelbusch durchaus auf ganz andere Weise auch, für viele aber vermutlich vor allem ein ironischer Spaß (für mich halt nicht, denn ich lache niemals). Und schon deswegen sind beide Romane unbedingt lesenswert.

VIELLEICHT HABE ICH ABER EINFACH ALLES ÜBERINTERPRETIERT, LOL!

[Beitragsbild von Freddie Collins auf unsplash.]

Katharina Herrmann

Katharina Herrmann

Vordenkerin der postfaktischen Literaturkritik, bloggt 4 the lulz, lebt in München.
Mail: katharina.herrmann (at) 54books.de
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