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Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Nach meinem recht kritischen Beitrag zum Geschmack der Allgemeinheit geriet ich in einer Facebook-Gruppe von Buchbloggern in den berühmten Scheißsturm. In 228 Kommentaren brach das Unverständnis und die Ablehnung meiner Ansichten über mich herein und ohne das Ganze wieder aufzurollen – wir haben uns im Frieden getrennt und dazu haben Tobi und ich angeboten ein Buch ihrer Wahl zu lesen. Die Mehrheit war der Meinung ich solle mich doch mal an Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green versuchen.

Lieber hätte ich Ein Vampir zum Vernaschen oder die Saga vom Dunkelelf gelesen, um nach 150 Seiten sagen zu können: “Ich hatte recht”. Stattdessen nun also ein Buch, das 4,8 Sterne bei Amazon hat und alle sich von der FAZ bis zum KulturSpiegel einig sind: gutes Buch; meine Freundin hat es auch gemocht, was soll ich also tun? Lesen!

Green_24009_MR1.inddDie 16-jährige Hazel hat Krebs – von der Schilddrüse ist er auf die Lunge und eigentlich auch nicht mehr therapierbar, nur der Verlauf wurde vorläufig gestoppt. Zur Selbsthilfegruppe geht sie nur, weil ihre Mutter sie zwingt, doch dort trifft sie einen jungen attraktiven Kerl, der, den Krebs überwunden, nur seinen Freund Isaak begleitet. Hazel fühlt sich sofort zu Augustus hingezogen und empfiehlt ihm das Buch eines Holländers, das sie sehr bewegt hat. Gus dagegen legt ihr die Reihe einer literarischen Verarbeitung seines Lieblingsvideospiels ans Herz – man kann also von Gegensätzen sprechen. Doch sie lassen sich beide darauf ein, lernen einander besser kennen und verlieben sich in einander. Gus, der im Zuge von Knochenkrebs ein Bein verlor, gilt grundsätzlich als geheilt, Hazel wartet nur noch darauf, dass sich ihr Zustand verschlechtert. Daher wehrt sie sich gegen eine Beziehung mit Gus, weil sie ihn nicht verletzen, nicht zurücklassen will, doch er nutzt seinen “Herzenswunsch”, den er sich während seiner Krebsbehandlung aufgespart hat, um mit Hazel nach Amsterdam zu fahren, um den Autor ihres Lieblingsbuchs zu finden und von ihm zu erfahren wie dieses ausgeht. Doch dort entwickelt sich alles anders als geplant.

Natürlich ist das Buch nicht schlecht! Hazel selbst hasst die klassischen “Krebsbücher” und ihre Geschichte ist kein solches, es wird wenig auf die Tränendrüse gedrückt, sondern lebensbejahend von Heranwachsenden geschrieben, die nicht nur dieselben Probleme wie andere Spätpubertierende haben, sondern dazu noch jeden Tag von Leiden und Tod bedroht sind. Die beiden Hauptcharaktere sind mir etwas zu durchschaubar, dagegen glänzen Nebenrollen wie der blindwerdende Isaak, der sensible Vater und die liebend-kontrollierende Mutter. Leider finde ich auch den kauzigen Schriftsteller und seine Geschichte zu einfach und ohne Esprit. Trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen und musste mir am Ende ein, zwei Tränen verkneifen.

Gut, dass nicht nur die Betroffenheits-Krebs-Keule geschwungen wird, aber Südlich der Grenze, westlich der Sonne am Vorabend hat mich mehr berührt; bei Mitten ins Gesicht von Kluun habe ich mehr gelacht und viel mehr geweint (gerade weil hier die Keule geschwungen wird), was grundsätzlich kein Qualitätsmerkmal ist und sein soll. Bei Das Schicksal ist ein mieser Verräter handelt es sich um ein Jugendbuch und das soll berücksichtigt werden – ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ich vor zehn Jahren dieses Buch noch mit mehr Gewinn gelesen hätte, heute ist es für mich eine gute, aber vorhersehbare Geschichte, die sich aufgrund eines Hypes gut verkauft, aber diesem, meiner Meinung nach, nicht ganz gerecht wird.

Ich hatte, zumindest bei diesem Buch, nicht vollumfänglich recht, aber ganz falsch lag ich auch nicht.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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Folge 54books.

3s Kommentare

  1. Tja, was soll ich sagen – ich bin deiner Meinung. “Das Schicksal ist ein mieser Verräter” ist ein gutes Buch und irgendwie verstehe ich den Hype und doch habe ich es z.B. nicht zu Ende gelesen. Genauso wie du fand ich es vorhersehbar, was nicht immer schlimm sein muss, mir hier aber zu viel war. Außerdem erschien es mir ohne die Gefühlskeule tatsächlich auch etwas unecht, denn hier geht es um schwere Krankheiten und natürlich wollen Menschen, die solche haben auch mal lachen aber sie und ihre Angehörigen wollen doch bestimmt vor allem eines, nämlich, dass es die Krankheit nicht gäbe, und dass alles ganz anders wäre.
    Mir geht es aber auch so, dass ein Hype an sich mich immer schon misstrauisch macht. Wieso mögen alle dieses Buch von John Green und lesen nicht “Die erste Liebe (nach 19 vergeblichen Versuchen)”, welches ich selbst viel ungewöhnlicher, realistischer und insgesamt herausragender fand? Nun, man wird die Dynamik der Masse wohl nie ganz verstehen und da Buchgeschmäcker auch noch so unterschiedlich sind, hilft letztendlich eben doch nur das Selberlesen.
    Liebe Grüße,
    Mareike

    • 54books 54books

      Dein Kommentar gibt erschöpfend meine Meinung wieder! Vielen Dank!

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