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Sprichwörter lernen mit Sancho Panza

Gott vergebe ihm, dass er der ganzen Welt solch Unrecht tut, indem er den witzigsten Verrückten, der in ihr lebt, vernünftig machen will! Sieht er nicht, Herr, dass der Nutzen, den Don Quijotes Vernunft haben mag, bei weitem nicht an das Vergnügen reicht, das er uns mit seinen Verrücktheiten bereitet?

S. 565

Zur Rezension von Band I

Band 2 eines Klassikers

Heinrich Heine, Nietzsche, Laurence Stern, Dostojewski, Schiller, Goethe, Flaubert, Stendhal, Nabokov, Borges – alle haben nachweislich den Don Quijote gelesen und ihr Werk wurde von ihm so oder so inspiriert. Die Räuber, Tristram Shandy und Der Idiot alle tragen etwas Quijote in sich. Geht man mit offenen Augen durch die Welt trifft man ihn zwangsläufig und sei es als Zeichentrickserie, Film, Theaterstück, Bilderbuch oder Hörspiel. Diese Figur, nein dieses Pärchen, gehört zu dem Berühmtesten in der Weltliteratur.

Nach Lektüre von Band I, schloß sich nahtlos, aber mit längeren Unterbrechungen, der zweite Teil an. Dieser entstand im Wettrennen mit einem Unbekannten, wohl aus dem Umfeld von Cervantes’ Erzfeind Lope de Vega, der ebenfalls eine Fortsetzung schrieb. Dies geschah nicht nur, um Cervantes zu verspotten und seine Figuren lächerlich zu machen*, sondern auch um Gewinne abzuschöpfen, denn schon bald nach Erscheinen des ersten Bandes erfreut sich Don Quijote einer großen Beliebtheit. Informiert über Trittbrettfahrer lässt der Autor Don Quijote im zweiten Band immer wieder selbst auf das alter ego der verfälschten Fortsetzung treffen und führt deren Schöpfer vor.

Weiterentwicklung zweier großer Figuren

Don Quijote, der sich nun nicht mehr Ritter von der traurigen Gestalt, sondern der von den Löwen nennt, reitet mit seinem Knappen erneut aus, um Abenteuer zu erleben und Hilfesuchende zu beschirmen. Die Fluchkanonaden Quijotes des ersten Teils werden durch bandwurmartige Aneinanderreihungen von Sprichwörtern von Sancho ersetzt. Dieser  ist noch geistreicher und von sprühenderem Witz als im ersten Teil und Don Quijote wird mehr von anderen hinters Licht geführt, als dass er Opfer seines eigenen Wahns wird. Gerade der Knappe nimmt eine beachtliche Entwicklung, aus dem einfältigen Bauern des ersten Teils wird ein nicht minder lustiger, aber doch besonnenerer und zunehmend kluger Begleiter von Ritter und Leser. Endlich erhält er ein Eiland, das er gubernieren [verwalten] darf. Seine Rechtsprechung gleich der des Azdak aus Brechts Kreidekreis. Doch die Sehnsucht nach neuen Abenteuern lässt ihn sein Amt bereits nach zehn Tagen wieder niederlegen, wiedervereint ziehen Reiter und Knecht bis nach Barcelona, um Ende doch wieder in ihrer Heimat in der Mancha anzukommen.

Der Kern des Ritterbuchs

Die Bilderbücher versuchen den umfangreichen Roman in eine Serie einzelner abbildbarer Abenteuer zu zerlegen, und heraus kommt ein recht schmales Bändchen. Der Grund ist, dass Don Quijote und Sancho Panza zwar an ein paar Windmühlen oder Riesen, an Schafherden oder feindlichen Heeren, an einigen Schenken oder Burgen vorbeikommen, aber im Wesentlichen sind sie fast die ganze Zeit über unterwegs auf ihren jeweiligen Reittieren und tun nur dieses: sie reden. Der tragende Pfeiler des Romans ist der Dialog zwischen dem Ritter und dem Knappen, und die Abenteuer scheinen fast ein bloßer Vorwand zu sein, ausgiebig zu disktutieren.

Susanne Lange im Nachwort

Die Zusammenfassung der einzelnen Abenteuer streift daher nur den Kern des Zaubers, der diesem Roman innewohnt. Warum aber auch nach über 400 Jahren der Quijote noch gelesen wird, weiß die Übersetzerin Susanne Lange in ihrem Nachwort nur näherungsweise zu bestimmen: Don Quijote ist nicht zu fassen. Er bietet Material für die gegensätzlichsten Theorien.

Was soll er also sein? Komödie, Tragödie oder moderner Roman? Der Text ist derartig komplex, dass er vielfachen Interpretationen zugänglich ist; von der Einbettung in die spanische Geschichte und Literaturgeschichte, die Lange im Nachwort erörtert, über die Analyse des Wahns Quijotes, der in der Entwicklung immer mehr verschwimmt und sich der Wirklichkeit annähert, die Freundschaft der beiden Reitersmänner und die Weisheit, zu der beide auf unterschiedliche Weisen gelangen, dieses Buch enthält soviel mehr als eine Geschichte. Zeitebenen verschieben sich, Reales und Irreales sowieso.

Daher sollte man vor und nach der Lektüre unbedingt das 70 seitige Nachwort lesen, fast 100 Seiten Anmerkungen helfen ebenso die Tiefe der Textes auszuloten. Nach Lektüre dieser knapp 1500 Seiten, sollte man von vorne beginnen und alles nochmal in neuem Licht sacken lassen, erneut alle Anmerkungen studieren und weiterverfolgen. Wohl daher hat William Faulker einmal im Jahr den gesamten Don Quijote gelesen.

Das Einzige was diese gewohnt schöne Hanserausgabe zu wünschen übrig lässt, wäre ein zweites Lesebändchen für den umfangreichen Anhang.

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Der echte Sancho Panza, der bin ich, und den hat der Himmel mit einem wahren Regenguss von Witz gesegnet, Ihr dürft’s gern überprüfen, bleibt mir nur ein Jahr auf den Fersen, dann werdet Ihr schon sehen, dass mir Witziges auf Schritt und Tritt herauspurzelt, so fein und üppig, dass ich zwar meist selbst nicht weiß, was ich da sage, aber alle rundum zum Lachen bringe. Und der echte Don Quijote von der Mancha, der berühmte, tapfere und kluge, der verliebte, der Entleidiger der Beleidigten, der Beschirmer der Mündel und Weisen, die schützende Hand der Witwen, der Todbringer der Jungfern, dessen einzige Gebieterin die ohnvergleichliche Dulcinea von Toboso ist, das ist der Herr, der hier vor Euch steht, mein Gebieter, und jeder andere Don Quijote, jeder andere Sancho Panza sind nichts als Ammenmärchen und Schäume.

S. 611

Daher, bitte, lest diesen großartigen Roman im Original bzw. dieser grandiosen Übersetzung von Susanne Lange, es wird euch Freude bereiten, bilden und nachdenken lassen und vor allem Sancho wird euch ein guter Freund werden.

*Alles sind diese Figuren, aber nicht lächerlich, um dies zu erkennen muss man sich von jeder bekannten schematischen Darstellung lösen und diese Bücher lesen.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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4s Kommentare

  1. Lieber Tilman,
    einmal im Jahr? Ich fürchte, zu einem derartigen Lebensbuch wird Don Quijote für mich nicht mehr werden, obwohl Du so glaubhaft und engagiert dazu aufrufst. An die auszugsweise Schullektüre habe ich zwar längst jede Erinnerung verloren, und auch das dumpfe Gefühl der Langeweile hat sich schon lange verflüchtigt, aber gleichwohl: Es drängt mich nicht.
    Vielleicht dereinst im Ruhestand…
    Beste Grüße
    Norman

    • 54books 54books

      Ich kann Dir insofern nur beipflichten, als dass eine jährliche Lektüre allein aufgrund des Umfangs scheitern muss. Aber ganz sicher würdest Du Stellen, Abschnitte und Kapitel finden, die sich für Dich persönlich lohnten immer wieder zu lesen. Gerade wegen des seichten Rufs, den das Buch durch die vielfache Bearbeitung hat, bin ich nach Lektüre des Originals umso begeisterter. Zum ausschließlichen Wieder-und-Wieder-Lesen gibt es zuviele andere wunderbare Bücher, allein schon die von mir so geschätzten Hanser-Reihe und dann gibt es ja noch soviel mehr.

  2. Schon den ersten Teil deiner Rezension habe ich mit Interesse gelesen. Teil 2 war erneut ein Vergnügen.
    Hochachtung vor deiner Fähigkeit, den Quijote im Original lesen zu können. Ich selbst kann das nicht und bin daher auf Übersetzunegn angewiesen.
    Die von dir gelobte Hanserausgabe (Übers. Susanne Lange) hat mir auch sehr gut gefallen.
    Doch auch ein Blick auf ältere Übertragungen lohnt sich. Ludwig Tiecks “Eindeutschung” (erschienen 1799 – 1901 in Berlin) hat ebenfalls ihren Reiz. Es ist für den heutigen Leser gewissermaßen eine doppelte Brechung; das “alte” Spanisch Cervantes’ wird zum “alten” Deutsch Tiecks.
    Ich weiß nicht wie ich es besser sagen kann: für mich sind das dann zwei Kunstwerke aus vergangenen Tagen, die ich von heute aus betrachtet neu entdecke. Bei “neueren” Übersetzungen, die zweifelsohne immer berechtigt und nötig sind (Sprache ist lebendig und wandelt sich) , habe ich diese reizvolle Doppelbrechung nicht. Aber vielleicht ist diese Betrachtungsweise auch schon wieder viel zu speziell.
    (Der Tiecksche Quijote liegt mir übrigens in einer schönen bibliophilen, zweibändigen Ausgabe (verfeinert mit Zeichnungen von Sighard Gille) im Schmuckschuber vor, ersch. 2004 bei Faber&Faber, Leipzig. Für Bücherliebhaber und -sammler lohnt sich eine antiquarische Suche.
    lg Jochen K.

    • 54books 54books

      Danke für Deinen ausführlichen Kommentar.
      Es liegt allerdings ein Missverständnis vor: ich habe Don Quijote nicht in der (Original-)Sprache gelesen, sondern nur in der Original- will heißen ungekürzten/-bearbeiteten- Fassung gelesen, also auch in der Hanser Edition. In dieser gibt Susanne Lang, wie Du auch anregst, schon interessante Einblick in die Übersetzungsarbeit und die Geschichte der deutschen Übersetzungen. Ich werde die Augen mal nach der von Dir erwähnten Ausgabe offen halten und querlesen. Übersetzungsvergleiche sind spannend!

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