Rückblick auf 2019

Welches war das beste Buch, das du 2019 gelesen hast?

Matthias Warkus: Sachbuch – James Donovan: Shoot for the Moon; Essayband – Jia Tolentino: Trick Mirror
Johannes Franzen: Emily Nussbaum: “I like to Watch”
Berit Glanz: Ich fand “Rage Becomes Her: The Power of Women’s Anger” von Soraya Chemali sehr interessant, viel habe ich über “Vom Fischen und von der Liebe – Mein irisches Tagebuch” von Benoîte Groult nachgedacht und ich habe sehr gerne Nella Larsen und Karin Boye (wieder)gelesen. Außerdem hatte ich viel Freude daran “Zwei für mich, einer für dich” von Jörg Mühle vorzulesen.
Tilman Winterling: Ich hab 2019 durchaus ein paar sehr ordentlich Sachbücher gelesen. “Der Klang von Paris” von Volker Hagedorn hat mich angeregt, mir Spaß und mich neugierig gemacht.
Simon Sahner: Wirklich beeindruckt hat mich Maggie Nelson “The Argonauts”, das ist wirklich großartig.
Samuel Hamen: Jeanette Winterson: “Frankissstein” (bitte nicht vom albernen Titel blenden lassen)
Peter Hintz: “Eine Frau” von Annie Ernaux war wunderbar (wie alle ihre Bücher), sehr gut gefallen hat mir aber auch “Fliegen” von Albrecht Selge.
Elif Kavadar: “Unerhörte Stimmen” von Elif Shafak habe ich sehr gerne gelesen. Zuletzt hat mich “Loyalitäten” von Delphine de Vigan aber auch sehr beeindruckt. Nicht zu vergessen: “The Color Purple” von Alice Walker.

Welches war das schlechteste Buch, das du 2019 gelesen hast?

Berit Glanz: Es gab einige, die ich rasch abgebrochen habe.
Johannes Franzen: “Die Geschichte der Frau” von Feridun Zaimoglu:
Tilman Winterling: “Der Lesebegleiter” von Tobias Blumenberg war schon ausgesprochen ärgerlich. Meine jährliche Martin-Walker-Lektüre war wieder die zu erwartende Enttäuschung (freue mich schon auf 2020).
Simon Sahner: Ich habe es rechtzeitig abgebrochen, aber Edgar Rai “Im Licht der Zeit” war in jeglicher Hinsicht schlimm.
Tilman Winterling: Da fällt mir ein, ich höre gerade so einen Krimi als Hörbuch “Todesfrist” von Andreas Gruber, das ist auch wirklich ausgemachter Quatsch – nebenher spiele ich Fifa 20 auf der Playstation und bin momentan mit dem SC Freiburg ganz gut in der Champions League dabei, was ich wiederum nicht auf den Krimi zurückführe.
Matthias Warkus: Ich habe mich ziemlich geärgert über das neue Buch von Anke Stelling und über »Proleten, Pöbel, Parasiten« von Christian Baron. Würde ich aber beide nicht direkt »schlecht« nennen.
Samuel Hamen: Axel Milberg: Düsternbrook

Das überflüssigste Buch 2019 war?

Johannes Franzen: Ulrich Tukurs neuer Roman stellvertretend für alle Romane von Promis, die die Verlage als große Titel in ihre Programme gehievt haben. Stop doing that.
Berit Glanz: Ich bin kein Fan von all den Selbstoptimierungsratgebern, aber zu faul da jetzt einen Titel zu nennen.
Matthias Warkus: Michael Winterhoff, »Deutschland verdummt«. Man muss es gar nicht gelesen zu haben, um das zu wissen.
Tilman Winterling: Diese “Lesebegleiter”-Bücher, für die “Der Lesebegleiter” stellvertretend steht: was soll das? einen traditionellen Kanon, der schon 5.400 mal durchexerziert wurde, nochmal und nochmal wiederkäuen – bitte neue Perspektiven oder einfach lassen.
Simon Saher: Solange Martin Walser noch alte Notizzettel zu veröffentlichen hat, wird dafür jedes Jahr wieder Papier verschwendet werden. Überflüssig waren aber auch wieder einige Bücher, bei denen man merkte, dass der Autor Kumpels in einem Verlag hat, weswegen der Nostalgieflash dann veröffentlicht wurde.
Tilman Winterling: Man sollte eigentlich noch viel mehr Promiromane verlegen, es gibt doch mit Sicherheit noch paar so komisch Fernsehhanseln, die noch auf etwas brüten. So Menschen, die auf einer Party sagen “Ich schreibe ja auch!”, dann wackeln sie ein bisschen rum und “naja, eine Kurzgeschichte (2 Seiten) und einen Romananfang (2 Seiten)” – da wird man noch was drauszaubern können. Ich erstelle mal eine Liste von Leuten, die sollten:

  • Beckmann (saunachdenklich, bisschen kritisch, bisschen politisch, eigentlich Punk)
  • JB Kerner (kumpelig, kernig!)
  • Barbara Schöneberger (freches Frauenbuch)
  • Horst Lichter (kölscher Krimi)

Dabei fällt mir ein, man könnte das auch mit Influencern machen. Welcher Roman wohl in Bibi schlummert?!
Samuel Hamen: Wolfgang Joop: “Die einzig mögliche Zeit”.
Peter Hintz: Das Jahrzehnt, das mit “Deutschland schafft sich ab” von Thilo Sarrazin begann, endet mit “Erst die Fakten, dann die Moral!” von Boris Palmer. Passt. Leider.
Elif Kavadar: “Stella” von Takis Würger hat ziemlich viel von dem vereint, was an der Literaturbranche fragwürdig ist. Hätte nicht sein müssen, das Buch.

Welches war die interessanteste Feuilleton-Debatte/der interessanteste Feuilleton-Artikel des Jahres?

Johannes Franzen: How to choose. Es war eine reiche Ernte dieses Jahr! Aber ich sage: Immer noch die Kontroverse um “Stella” von Takis Würger
Tilman Winterling: Es gibt keine interessanten Feuilletondebatten. An der “Stella”-Debatte hat mich durchaus interessiert, dass dieser Furor noch möglich ist, ein Buch so aufregen kann – das ist an sich ja wirklich erfreulich.
Berit Glanz: Ich habe aus einigen Beiträgen zur Debatte um ”Stella” und zu der Nobelpreisverleihung an Peter Handke viel gelernt. Ansonsten gab es viele interessante Feuilleton-Artikel in diesem Jahr.
Simon Sahner: Am wichtigsten war wahrscheinlich wirklich die Debatte um “Stella”, interessant fand ich aber auch die Diskussion um Karen Köhlers “Miroloi”, die war vor allem entlarvend. Was da an fragwürdigen Dingen gesagt wurde, war schon beeindruckend.
Matthias Warkus: Tatsächlich interessant fand ich die Debatte um Antisemitismus und Architektur, die sich an dem antisemitischen Ezra-Pound-Zitat, das Hans Kollhoff an seinem Walter-Benjamin-Platz in Berlin untergebracht hat, entsponnen hat.
Samuel Hamen: Ich würde Frage 4 & 5 so beantworten wollen: Die Debatte, die nicht im ausreichenden Maß geführt wurde, gilt der Distributionsproblematik, mit der die Branche zu kämpfen hat. Also: Das Barsortiment bei den Großhändlern ist teils dramatisch geschrumpft, die Händler klagen über immer kleinere Margen, die Verlage darüber, dass ein Teil ihres Programms nicht mehr in Umlauf gebracht wird. Das Feuilleton widmet sich (zurecht) ästhetischen Fragestellungen, aber diese strukturelle Facette, die das Lesen und Schreiben ebenfalls stark beeinflusst, bleibt größtenteils außen vor – vielleicht weil sie sich nicht so hübsch / hyperklug in vergeistigter Form verhandeln lässt. Mittel- und langfristig wird sich dieses Strukturdefizit vielleicht stärker auf die literarische Vitalität auswirken als der neue schlechte Würger, der sicherlich gerade in der Mache ist und auf den sich die gesammelten Feuilletonistas- und -os mit Sicherheit stürzen werden.
Peter Hintz: Die das ganze Jahr andauernde Kanonisierungs- und Dekanonisierungsdebatte, die anhand verschiedener Schriftsteller*innen ausgetragen wurde (von Hölderlin bis zum #vorschauenzählen), habe ich mit großem Interesse verfolgt. Außerdem die vielen Faktualitäts- und Fiktionalitätsdebatten (Stella, Relotius, Hingst, Handke).
Elif Kavadar: Auch “Stella” und Handke, wobei ich die Debatten nicht interessant fand, sondern ärgerlich. Beiden Debatten liegt ähnliches zugrunde (Privilegien und das Nicht-Abgeben-Wollen von Definitionsmacht). Still a long way to go.

Welches war die überflüssigste Feuilleton-Debatte/der überflüssigste Feuilleton-Artikel des Jahres? Welches war die Feuilleton-Debatte, die am weitesten vom wirklichen Leser entfernt war?

Johannes Franzen: Nach dem fünften empörten Artikel über Petra Hartliebs Buchpreis-Bericht hat sich zumindest bei mir eine gewisse Ermüdung eingestellt.
Tilman Winterling: Feuilleton-Debatten sind per definitionem vom wirklichen Leser entfernt. (Als Aussage von mir natürlich Müll, weil das auch nur Öl ins Feuer dieses platten, ewigen “Feuilleton ist am Leser vorbei” ist; daher nehme ich es wieder zurück.)
Berit Glanz: Ich bin keine Freundin der Twitter-vs.-Feuilleton-Beiträge, dazu gab es ja in den letzten Monaten einiges. Auch die wiederholt aufgekochten Beiträge zu Identitätspolitik / Political Correctness / Kulturverfall fand ich sehr ermüdend und ärgerlich.
Matthias Warkus: Am überflüssigsten sind jedes Jahr die FAZ-Beiträge, in denen sich gealterte Professoren darüber echauffieren, wie dumm die Studierenden seit Neuestem wieder seien.
Simon Sahner: Jeder Artikel, der zum gefühlt 1000. mal die Fahne der Freiheit gegen scheinbare Sprachverbote schwenkt.
Elif Kavadar: Was Berit sagt. Und dieser eine Text von Martenstein übers Sensitivity Reading. Generell alle Texte von alten Männern, die in großen Zeitungen von Zensur sprechen.

Das beste/schlechteste lektürebegleitende Lebensmittel 2019?

Matthias Warkus: Salatherzen. Einfach mit Vinaigrette aus der Hand essen! Spart Zeit und Schüsseln!
Tilman Winterling: Ich hab 2019 durchaus eine beachtliche Zahl an Nüssen gegessen. Das soll sehr gesund sein, kleckert nicht – aber ich habe diese irrationale Angst vor Mandeln mit Blausäure. Wahrscheinlichster Tod von mir: selbst vergiftet mit blausäurehaltigen Mandeln beim Lesen.
Berit Glanz: Dominosteine, Lakritz, Käsebrote sind gut. Passen auch alle prima zu den vielen Bechern Kaffee, die meine Lektüren immer begleiten.
Simon Sahner: Mandeln sind ein Kindheitstrauma von mir, weil meine Mutter immer sagte, ich solle nicht so viel davon essen, wegen der Blausäure…einem Kind sagen, in etwas, das es gerne isst, sei eine Säure. Ich glaube, ich habe viel Sellerie gegessen dieses Jahr und Ingwer literweise getrunken.
Tilman Winterling: Ich würde da auch mit dem Finger auf meine Mutter zeigen wollen, die ich im übrigen sehr, sehr schätze!
Johannes Franzen: Man isst nicht beim Lesen!
Samuel Hamen: gut: die katastrophal misslungenen Kekse, die Kinder befreundeter Eltern mit ihren Tollpatschhänden backen – sie sind viel zu fest, krümeln also nicht und schmecken nach so wenig, dass die Textaufmerksamkeit nicht gestört wird. Schlecht: die gut gebackenen Kekse der Streberkinder – zu viel Marmelade, zu viele Krümel, zu viel Ablenkung.
Peter Hintz: Eigentlich kann man alles außer Lakritz essen.
Berit Glanz: Das ist leider falsch, Peter.
Elif Kavadar: Was Berit sagt (generell ist das eine gute Lebensdevise). Und Sonnenblumenkerne.

Berit Glanz: Vielleicht sollten wir “54Books & 54Snacks” als Kochbuch schreiben.

Der unnötigste sachliche Fehler in einem Artikel/Buch im Jahr 2019 war….?

Tilman Winterling: Ich will hier nur reinschreiben, dass Matthias immer so schöne Fehler findet. Mir fallen die ja gar nicht auf.
Matthias Warkus: Auf Befragen fallen mir natürlich keine ein.
Tilman Winterling: Sicher?
Berit Glanz: Fehler in eigenen Texten ärgern mich am meisten, bei anderen bin ich recht nachsichtig.
Matthias Warkus: OK, Tilman, dann sag ich halt: die atemberaubend, unverfroren, hirnschüttelnd miserabel falsche französischsprachige Passage in Takis Würgers »Stella«. Die ist symptomatisch für so vieles.

Ulkigste Äußerung einer Person des öffentlichen Lebens zum Buchmarkt 2019?

Tilman Winterling: Richtig super finde ich, dass jeder Verlag, der groß posaunte “WIR LASSEN DIE FOLIE WEG!” eine Meldung in sämtlichen Branchenblättchen wert war.
Berit Glanz: Tilman, ich finde das mit der Folie gut.
Johannes Franzen: Also, dass Denis Scheck gesagt haben soll, durch den Nobelpreis für Handke habe die “politische Korrektheit” eine “krachende Ohrfeige” erhalten, hat mir zumindest ein gequältes Schmunzeln abgerungen. Vor allem, wenn man bedenkt, was für einen Ohrfeigenhagel es danach setzte.
Peter Hintz: Stimme Johannes zu.
Matthias Warkus: Da fällt mir tatsächlich nichts Konkretes ein.
Samuel Hamen: Dass Twitter das Ende des Denkens bedeutet, dass die Plattform anti-literarisch ist und so weiter und so fort.
Berit Glanz: Einige Aussagen von Bildungsministerin Anja Karliczek zu den schlechten Lesekompetenzergebnissen der Pisa-Studie fand ich ärgerlich, weil sie nicht am zentralen Punkt ansetzen, dass sehr viel mehr Geld in das Bildungssystem investiert werden muss. Ist das überhaupt noch Buchmarkt? Im weitesten Sinne schon, oder?

Hast du 2019 ein Buch wiedergelesen oder wiederentdeckt?

Matthias Warkus: Einige. U.a. John Keegan, »The Face of Battle« – wenn man im Leben nur ein einziges Buch über Militärgeschichte liest, dann bitte dieses.
Simon Sahner: Joan Didions Essays. In die hatte ich mit 18/19 mal reingelesen und fand sie langweilig, dieses Jahr hab ich “The White Album” gelesen und war begeistert.
Berit Glanz: Karin Boye “Kallocain” habe ich wiedergelesen und sehr gemocht.
Johannes Franzen: Anlässlich der vielen Preisskandale in diesem Jahr habe ich Edward St. Aubyns supervergnügliche Satire “Lost for Words” wieder als Hörbuch gehört.
Samuel Hamen: Die “Pariser Briefe” des luxemburgischen Schriftstellers Frantz Clément, der zwischen 1924 und 1933 in Paris lebte und Freund*innen zuhause von allem und nichts berichtete: von der Einsamkeit des Exilierten, von dem Pochen der Metropole, von der Sehnsucht nach einem Heimatgefühl abseits extremistischer / exkludierender Konnotationen. Auch, etwas jünger: Thomas Stangls “Der einzige Ort”.
Peter Hintz: Die neue Susan-Sontag-Biografie von Benjamin Moser kann ich nur mit Vorbehalten empfehlen, die Essays von Sontag (z.B. die Sammlung “Against Interpretation”) sind aber immer wieder eine Lektüre wert.
Elif Kavadar: Äh, ich habe wieder “Harry Potter und die Heiligtümer des Todes” gelesen/gehört und entschieden, dass ich die Bücher immer noch sehr mag, J.K. Rowling aber so gar nicht.

Hat sich 2019 dein Leseverhalten verändert?

Tilman Winterling: Hab mir immer noch keinen eReader gekauft. Aber z.B. das digitale SZ Abo verlängert, weil mich Zeitungsformat (als das Format von Zeitungen, nicht das Format Zeitung) schon immer genervt hat. Wahrscheinlich habe ich insgesamt ein bisschen weniger gelesen.
Simon Sahner: Ich glaube dieses Jahr war das erste Jahr, in dem ich mehr Literatur, die von Frauen geschrieben wurde, gelesen habe und ich glaube, ich habe vieles gezielter gelesen, im Sinne von “Das ist wichtig, das sollte ich lesen.”
Johannes Franzen: Es stellt sich heraus, dass mehr Arbeit mit weniger Lesen einhergeht, was ziemlich traurig ist, wenn dein Beruf eigentlich das Lesen ist.
Matthias Warkus: Ich habe endgültig beschlossen, dass es okay ist, mehr Bücher zu kaufen als man dann auch liest.
Samuel Hamen: Nein, ich lese vielleicht öfters schlecht abfotografierte JPEG-Handyfoto-Texte, das macht sehr wenig Spaß.
Berit Glanz: In diesem Jahr habe ich viel geschrieben und hatte dadurch etwas weniger Zeit zum Lesen. Das frustriert mich manchmal. Ich lese momentan vermehrt lange Artikel (“Longreads”) in Zeitschriften und online, dadurch lese ich wahrscheinlich etwas weniger Romane.
Elif Kavadar: So sehr wie noch nie. Ich habe viel, viel weniger gelesen (was schade ist), mich dafür aber viel bewusster damit beschäftigt, was mich wirklich interessiert und weitaus mehr Sachbücher gekauft und gelesen als je zuvor. Außerdem habe ich mein Regal radikal aussortiert und besitze im Vergleich zu vorher kaum mehr Bücher, was irgendwie sehr befreiend, früher aber undenkbar gewesen wäre.

Welcher Indie-Verlag hat 2019 immer noch zu wenig Aufmerksamkeit erhalten?

Tilman Winterling: Auf der einen Seite will man immer sagen “alle Indie Verlage”, andererseits ist auch dieses ewige Lobhudeln falsch, es gibt doch auch Indies, die fürchterlichen Quatsch machen, für die Entscheidung, ob man Quatschbücher verlegt, ist es völlig unabhängig ab man “abhängig” oder “unabhängig” ist. Und trotzdem: ganz viele bekommen zu wenig Aufmerksamkeit und jedes Jahr kann man sagen Frohmann, Mikrotext, Weidle, Lilienfeld und viel andere, die irre gutes Zeug abseits des Mainstream machen.
Simon Sahner: Letztes Jahr habe ich Frohmann-Verlag gesagt, das gilt natürlich immer noch, aber dieses Jahr ist mir dank Sina Kamala Kaufmanns “Helle Materie” vor allem Mikrotext aufgefallen.
Johannes Franzen: Verbrecher (Es war schon reichlich, aber es könnte noch mehr sein.)
Matthias Warkus: Was Johannes sagt, denke ich mal.
Berit Glanz: Ich bin Fan von Reprodukt, die können meiner Meinung nach immer mehr Aufmerksamkeit bekommen. In diesem Jahr habe ich versucht mehr Bilderbücher aus unabhängigen Verlagen zu kaufen und empfehle den Kullerkupp Verlag und Baobab Books, die haben tolle Bücher im Programm.

Welcher literarische Trend wird 2020 vorherrschen?

Matthias Warkus: Der Trend zum irgendwie mit Sex und fahrlässigen Geschichtsdeutungen vollgestopften Dickbuch aus außerliterarisch bekannter Feder (»Tatortkommissarroman«) wird sich sicherlich weiter verstärken.
Tilman Winterling: Trends sind einfach richtig geil. Ist Waldbaden schon wieder durch? Neulich hat eine Kollegin – die nicht wusste, dass ich sie höre – zu einem anderen Kollegen gesagt: “Tilman macht das schon, der ist Narzisst.” War bestimmt fürchterlich lieb gemeint, seitdem sehe ich überall Bücher über Narzissten. Ansonsten sollte man mehr Bücher über Leute machen, die gar nichts zu erzählen haben und ihnen dann Raum geben, damit sie den großen Roman, der bestimmt in ihnen schlummert, endlich schreiben können.
Simon Sahner: Ich denke das essayistische Selbsterzählen, Personal Essays werden noch stärker in den Fokus rücken und Autofiktion scheint ja immer weiter auf dem Vormarsch zu sein. Generell eine Stärkung faktualer oder autofiktionaler literarischer Texte. Das fände ich auch persönliche keine schlechte Entwicklung.
Samuel Hamen: ganz grundsätzlich Romane, die es sich konsequent mit vielem zu einfach machen, mit ihren Szenarien (einfalls- und hilflose Dystopien werden sicherlich zuhauf kommen), mit ihrer immunisierenden “Wokeness”, mit ihrer Medienkritik, mit ihren einfältigen Geschichtsbildern und Gesellschaftsdiagnosen, mit ihren antimodernen Ressentiments, die als legitime Einwände verschnürt werden, also eigentlich mit allem. Sobald die Texte ahnen, dem sog. Zeitgeist auf der Spur zu sein, wirds gefährlich / öde / vorhersehbar.
Berit Glanz: Der Sachbuchboom wird weiter um sich greifen und wahrscheinlich auch zu noch mehr schnell zusammengeschusterten Debattenbüchern führen.
Elif Kavadar: True Crime wird 2020 einen Höhepunkt erreichen, glaube ich.

Auf welche Neuerscheinung 2020 freust du dich besonders?

Tilman Winterling: Der neue Martin Walker Krimi! Freue mich sehr auf Katharina Herrmanns “Dichterinnen und Denkerinnen”.
Simon Sahner: Ich bin sehr gespannt auf Olivia Wenzels “1000 Serpentinen Angst”, Sarah Bergers neues Buch und auf Sjón “CoDex 1962”.
Tilman Winterling: Ich freue mich auf alle hochgejazzten Debüts, die mehr als 150k Vorschuss bekommen haben.
Matthias Warkus: Ist es sehr schlimm, überhaupt nicht zu wissen, was 2020 Wichtiges rauskommt?
Samuel Hamen: Schimpft mich Fanboy, stempelt mich als Badminton-Simplizist ab, aber: Leif Randts “Allegro Pastell”. Auf was ich mich auch freue: Valerie Fritschs “Herzklappen von Johnson & Johnson”.
Peter Hintz: “Death in Her Hands” von Ottessa Moshfegh.
Berit Glanz: Wenn man sich hier als letztes äußert, kann man den anderen nur zustimmen. Das tue ich hiermit. Ansonsten freue ich mich besonders auf eine Neuerscheinung (ich sag noch nicht welche), die im Herbstprogramm 2020 kommen wird. In den Frühjahrsprogrammen habe ich soviele spannende Bücher gesehen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Es freut mich aber wirklich, dass nun bald auch meine deutschen Freunde “CoDex 1962” von Sjón lesen können und ich bin gespannt auf Alena Schröders Roman bei Ullstein.

Welche Neuerscheinung 2020 lässt du lieber liegen?

Simon Sahner: Das Buch, das Peter Handke hoffentlich nicht über das zweite Halbjahr 2019 schreiben wird.
Johannes Franzen: Wie jedes Jahr den neuen Walser.
Matthias Warkus: Wie jedes Jahr den neuen Winterhoff und den neuen Spitzer.
Berit Glanz: Ich lasse bei dem großen Angebot an Büchern ja zwangsläufig mehr liegen, als ich lesen kann. Momentan versuche ich noch diverser zu schauen, von mir bis jetzt übersehene Bücher von Autorinnen zu lesen und übersetzte Bücher aus kleinen Sprachen gezielt zu suchen. Liegen bleiben dann wahrscheinlich Neuerscheinungen von kanonisierten Großliteraten.

Welchen (vergessenen) Klassiker sollte man 2020 wiederlesen bzw. neulesen?

Matthias Warkus: Jetzt wo die Neuausgabe endlich raus ist, natürlich Klaus Theweleit, »Männerphantasien«. Wenn man die unzähligen Satzfehler erträgt, heißt das. Inhaltlich rentiert es sich, und das Buch ist sicher aktueller, als es je war.
Simon Sahner: “Männerphantasien” liegt schon auf meinem Nachttisch, das also auf jeden Fall. Und ich möchte es endlich schaffen “Effingers” von Gabriele Tergit zu lesen. Nach der Lektüre von Maren Lickhardts “Pop in den 20er Jahren” will ich außerdem mehr Literatur von Frauen aus der Dekade lesen.
Tilman Winterling: Gerade flippen ja alle regelrecht auf “Middlemarch” von George Eliot aus, das kann ich bestimmt auch 2020 lesen. Ich wollte echt mal Johnsons “Jahrestage” lesen.
Matthias Warkus: »Jahrestage« habe ich nach mehreren Jahren On-/Off-Dranrumlesen irgendwann im Laufe dieses Jahres abgeschlossen. Weiß gar nicht mehr genau, wann.
Tilman Winterling: Ja, irgendwas klingelte da auch bei mir. Hast Du es Dir komplett reingezogen? Sollte man das tun? Bewundere bei Johnson immer am meisten, dass er so einen unfassbar prächtigen Eierkopf hatte. Gleichzeitig diese tragische Biographie, totgesoffen in einem Haus in England, Tilman Jens bricht ein und wühlt in deinen Unterlagen – bei welchem Schriftsteller heute, stürbe er, würde jemand einbrechen, wer ist noch so groß, so wichtig, so interessant – doch wieder nur Tukur oder?
Johannes Franzen: Kein “Klassiker” in dem Sinne, aber ich trommele ja immer noch für den Erzählband “Barbara the Slut and Other People” von Lauren Holmes. Außerdem wird mir Jane Smiley im deutschsprachigen Raum zu wenig gelesen.
Matthias Warkus: »Jahrestage« lohnt sich wirklich, ich bereue keine Stunde, die ich hineingesteckt habe.
Peter Hintz: “Franziska Linkerhand” von Brigitte Reimann war nie vergessen, wird aber gerade erneut neu entdeckt, was gut ist.
Berit Glanz: Cora Sandel sollte mehr gelesen werden (“Café Krane” ist 2019 bei Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus erschienen). Ich hoffe außerdem auf eine Neuübersetzung von Karin Boyes “Astarte.”

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