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Ein plötzlicher Spannungsbogen

Nächste Rezension von Manu, wie immer von einem englischsprachigen Autor, heute einer Autorin:

Herausgehoben aus dem Hype um die Veröffentlichung, nutzte ich die verhangenen Septembertage und rezensiere Rowlings erstes „Buch für Erwachsene“ – Ein plötzlicher Todesfall.

Wir befinden uns in Pagford, somewhere in the UK. Der plötzliche Tod trifft, schon auf den ersten Seiten, Barry Fairbrother, der vor dem Golfplatz infolge einer Gehirnblutung tödlich niedersinkt, und dessen Tod Reaktorkammer für eine Vielzahl von Point-of-View Storylines im vermeintlichen Kleinstadtidyll bildet. (Ich hatte zunächst den Eindruck, die Welt Rosamunde Pilchers trifft auf die Gemütlichkeit eines Inspektor Barnaby-Krimis.)

Einfaches CMYKNatürlich ist das kleine Pagford nicht die süße Hutzelstadt mit lieben, verschrobenen Einwohnern, wie man es von Postkarten her glauben könnte; vielmehr gleicht die Situation einem latent glimmendem Pulverfass. Stein des Anstoßes ist die Sozialbau-Siedlung the Fields inklusive Entzugsklinik, die manche möglichst bald an die (gehasste) Stadt Yarvil abtreten möchte (etwas komplizierte Besitz- und Zugehörigkeitsverhältnisse) und gegen deren „Abschiebung“ eben jener Fairbrother im Gemeinderat gekämpft hatte. Gerade in Krystal, deren drogensüchtige Mutter sie und ihren kleinen Bruder Robbie vernachlässigt, sah Barry ein Mädchen, dass es schaffen kann, aus dem Elend von Fields heraus; Ihre Geschichte – ein Vehikel seines Anliegens.

Fairbrothers Hauptgegner war the first citizen Howard Mollison, fetter, fieser Feinkosthändler und so etwas wie der selbsterklärte König von Pagford nebst dessen Gattin Shirley (die ich mal als Neo-Umbridge bezeichnen möchte). Kaum ist Barry unter der Erde, beginnt ein Kampf um seinen Posten, in dem sogar ein „Geist“ schmutzig Wäsche wäscht.

Generationenwechsel! Arf und Fats sind sechzehn Jahre alt und unzertrennlich, die besten Freunde. Aus ihrer Sicht durchlebt der Leser die Perspektive der Jugendlichen in Pagford, die sich mit Problemen wie der ersten Liebe, der eigenen „Authentizität“ oder Hass auf die eigenen Vater herumschlagen. Ihre Freundschaft wird vom kompromisslosen Fats stark auf die Probe gestellt, und als dieser eine Affäre mit der Schulschlampe Krystal beginnt, nimmt ein Drama seinen Lauf.

Man hat dem Buch vorgeworfen, langatmig und oft belangslos zu sein, um dann auf den letzten Metern zum Sprint anzusetzen; und auch ich kann mich diesem „Stream of Gemächlichkeit“ nicht ganz entziehen, wenn ich an das Buch denke. Die Spannung wird, sagen wir mal, in einer sehr flachen Kurve erzeugt.

Ich muss auch zugeben, als leidenschaftlicher Leser von gewissen Internatsgeschichten im Zauberermillieu, etwas stirnrunzelnd mit Szenen z.B. im Haus der Weedons umgegangen zu sein, wo Frau Rowling sehr harte, ja, harsche Realitätsmomente eines zerstörten Lebens zeigt, wo statt Weasley-Idylle weedonsche Fäkalsprache intoniert und wo statt Zaubertränke bei Snape Zauberpulver bei Dealer Obbo gebraut wird.

Begeistert haben mich aber Rowlings Figuren, die meines Erachtens nach sehr interessant (mal mehr, mal weniger originell) gezeichnet wurden und bei denen ein Jeder eine tiefere, innere Welt besitzt. Fats, den ich ganz unverblümt als destruktiven, gehässigen Arsch bezeichnen würde, hat mich zum Lesen ebenso stark motiviert wie die unsägliche Shirley – starke Charaktermomente!

Die von vielen kontrovers gesehene Beischlafszene der Jugendlichen auf dem Friedhof hatte ich als eher unspektakulär wahrgenommen, konnte mich aber über die Verhältnisse im Hause Price oder den Schaden an Arf und Fats Freundschaft nachhaltig aufregen – Rowling kann einfach phänomenal mit Charakteren punkten.

Sehr ernste Themen wie Mobbing, Selbstverletzendes Ritzen, Affären, prügelnde Eltern und eine brutale Vergewaltigung werden dem Leser ebenso kompromisslos vermittelt wie das Angebot im Feinkostladen oder die Gemeindeordnung Absatz III.

Auf den letzten hundert Seiten entzündet sich dann genau diese Dynamik, die einen in ihren Bann zu ziehen vermag – als schließlich viele Einzelperspektiven jenen tragischen Sonntagmorgen mosaikartig zum Katharsis-Moment führen, hab ich mich (vom Gefühl, nicht vom Inhalt) an beste JKR-Momente in Hogwarts erinnert. Gut, dass ich mich gezwungen habe, gut, dass ich zu Ende gelesen habe. Fahren Sie nach Pagford, immer dem Fluss entlang und dann rechts!

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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