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Die Kartause von Parma

Anscheinend brauche ich nach den Werken, die als Neuübersetzungen im Hanser Verlag erschienen sind, immer erst etwas Abstand bis ich mich dazu äußern kann. So ging es mir bei „Anna Karenina“, aber auch bei den, hier nicht rezensierten, Werken „Oblomow“ und „Krieg und Frieden“ brauchte ich, auch auf Grund der Oppulenz, Zeit bis sich die Leseeindrücke setzen konnten.

Nun der erste Nichtrusse, dessen Werk aus dieser Reihe durch meine Hände ging. Jedoch nicht Stendhals, eigentlich Marie-Henri Beyle, berühmtes „Rot und Schwarz“, sondern seine „Kartause von Parma“ , die der bekennende italoaffine Franzose in seinem Lieblingsland ansetzt. Nice to know: eine Kartause ist ein Kloster des Ordens der Kartäuser (ich dachte erst es handele sich um einen italienischen Adelstitel o.ä.). Aber doch lieber zum Inhalt:

Stendhal_20935_MR.inddFabrizio del Dongo, Spross eines reichen adligen (also doch) italienischen Nationalisten, sympathisiert, anders als sein Vater und sein Bruder, mit Napoleon und seiner grande armee. In seinem jugendlichen Überschwang nimmt er als Freiwilliger an der Schlacht bei Waterloo teil. Doch anstelle eines glorreichen Sieges, wird der junge Kerl nur enttäuscht, seine Dienste gar nicht benötigt und auch die Männerromantik des Krieges bleibt ihm verschlossen. Stattdessen ist er zu Hause nicht mehr willkommen und schafft es nur mit Hilfe seiner Mutter und deren Schwester sich nach Italien und hier an den Hof von Parma zurückzuziehen. Protegiert von seiner Tante der Gräfin Pietranera und deren Liebhaber beginnt er eine Kirchenlaufbahn. Hin und her gerissen zwischen intellektuellem Anspruch und Vergnügungssucht, auf der Suche nach echter Liebe erschlägt Fabrizio einen Nebenbuhler und wird durch seine Feinde in Haft gesetzt. Allein in dem berüchtigten Gefängnis in Parma harrt er der Dinge, die da kommen mögen und verliebt sich in die Tochter des Gefängnisgouverneurs.

Bis zu dieser Stelle liegen bereits viele, viele Seiten hinter dem Leser. Ein komplexes, nicht unbedingt kompliziertes, Geflecht der Charaktere untereinander, die berühmte Schlacht bei Waterloo und ein Mord brauchen Platz, doch hat man hier nicht mal die Hälfte der fast 800 Seiten gelesen. Viele weitere Seiten sollen folgen, auf denen sich Fabrizio und die angebetete Clelia z.B. ein ausgeklügeltes Kommunikationssystem ausdenken, nutzen und beginnen seine Flucht zu planen. Ende dann immer noch nicht in Sicht.

Völlig ohne Idee der Handlung dieses Werkes habe ich das Lesen begonnen und nach den ersten Seiten und Kriegswirren an einen Stoff wie „Krieg und Frieden“ gedacht. Doch nach dem Krieg die Flucht, nach der Flucht die Kirche und das gesellschaftliche Leben am Hof, die Suche nach der Liebe und dem Ziel des eigenen Lebens. So nimmt die Handlung immer wieder Wendungen, die das Buch auf den Kopf zu stellen vermögen. Immer wieder muss der Leser den Charakter Fabrizios hinterfragen, er wird sympathischer und verliert wieder, je nachdem wie er handelt und welche Motive sein Handeln bestimmen.

Stendhal zeichnet (alle) seine Figuren mit einer unglaublichen Hingabe und Facettenreichtum. Dazu kommen Ränkespiele zwischen den Charakteren und gesellschaftlichen Schichten, Verwicklungen und die nicht ganz aufgeklärte, inzestuöse Liebe der Gräfin Pietranera zu ihrem Neffen. Aber allein für die Beschreibung und der Beziehung des Despoten (der miese absolutistische Herrscher und Sonnenkönig Italiens) und seinem Gegenspieler Graf  Mosca, dem Berater, (Haus-)Freund und Verehrer der Tante Fabrizios (dem aufgeklärten Demokraten) lohnt bereits die Lektüre.

Schwankend war ich immer wieder zusammen mit den Entwicklungen des Romans auch in meiner aktuellen Bewertung – vom Kriegs- über den Gesellschafts- zum Liebesroman ist es ein weiter Weg, den Stendhal aber in erzählerischer Leichtigkeit mit sprachlicher Brillanz meistert. Insgesamt bin ich daher sehr zufrieden und kann das Buch nur weiterempfehlen, wenn man sich für eben diese drei Dinge interessiert – und wer tut das nicht, denn ist es nicht alles irgendwie Krieg, Gesellschaft und/oder Liebe?

[Nachtrag] Ernest Hemingway sagte in seinem Buch “Paris – Ein Fest fürs Leben” übrigens über die Kartause von Parma: Bevor ich Stendhals Kartause von Parma las, hatte ich außer bei Tolstoinie etwas Realistisches über den Krieg gelesen, und Standhals erstaundlicher Bericht über Waterloo war ein Zufallsfund in einem Buch, das sonst ziemlich langweilig war.

Wie ein P.S.: Nicht selten hat Fabrizio mich an Goldmund aus Hesses „Narziss und Goldmund“ erinnert: ein junger Mann, in den Wirren der Spätpubertät und auf der Suche nach sich selbst.

Stendhal
Die Kartause von Parma
Fester Einband, 1000 Seiten, 34,90 €
ISBN 978-3-446-20935-0
Hanser Verlag

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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