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Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters

Tilman Rammstedt war im ausgehenden letzten Jahrzehnt so etwas wie ein Shootingstar der jungen, deutschen Literaturszene; spätestens nach dem Ingeborg Bachmann-Preis und seinem “Kaiser von China”. Im Feuilleton war man sich einig: der Mann kann schreiben und ist lustig – schreibt skurrile Romane, die auch noch Kunst sind.
Mit diesen Vorschusslorbeeren ist Rammstedt nun bei mir mit “Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters” angetreten:

Rammstedt selbst ist sozusagen die Hauptfigur, denn er nimmt als Autor aktiv an der Geschichte teil. Er schreibt E-Mails an Bruce Willis, den er davon überzeugen will eine Rolle in seinem neuen Roman, eben diesem, den der Leser in den Händen hält, zu übernehmen. Handeln soll er vom verschrobenen (ehemaligen) Bankberater des Autors, von dem man in kurzen Einschüben immer wieder Anekdötchen erfährt.

Ob ich mal was Interessantes hören wolle, fragte mein ehemaliger Bankberater auf unserer Fahrradtour im Juni. “Ja”, sagte ich. “Ich auch”, sagte er. Dann radelten wir weiter, mein ehemaliger Bankberater, die Hoffnung und ich.

Der Finanzexperte des Autors und dieser unternehmen also auch privat etwas, zeitweise wohnt Ersterer sogar bei Letzterem. Das Problem beim Vorankommen des neuen Buchs ist nur, dass Bruce Willis sich nicht nur ziert die Rolle des Retters für das dringend benötigte Happy End zu übernehmen, sondern er antwortet einfach nicht, so dass der Roman in den unbeantworteten Emails stattfinden muss und sich darin entwickelt. Jetzt erfahren wir also, dass der Bankberater seinen Arbeitgeber überfallen hat, wonach er tüchtig in der Klemme ist und nur ein erfahrener Actionheld wie Bruce ihn retten kann.

Briefromane sind spätestens seit Werther klassisch, selbstverständlich muss das auch in Email-Form gehen, und wahrscheinlich die Hälfte der Briefromane enthalten, wie Werther, nur die Hälfte der Konversation, in diesem Fall liegt es aber daran, dass keine entstehet. Knackpunkt also, die Geschichte vorantreiben, ohne dass diese vorangeht. Der Empfänger in LA wird immer wieder gedrängt doch nun endlich zu antworten und es hat unterschwellig etwas von Liebesbriefen des 15-Jährigen, der doch schon vor so langer Zeit abgeblitzt ist.
Die Banküberfallsgeschichte ist leider in sich nicht allzu interessant, wenn auch mit netten Ideen gespickt, die Emails streckenweise ermüdend und einziger Lichtblick nur der BB. Diese kurzen Einschübe sind witzig, skurril, ironisch, nachdenklich und richtig gut, leider nur keine Geschichte und leider umrahmt von Emails, die nicht mal Nonsense sind, sondern nur öde.

Man merkt, dass Rammstedt schreiben kann, Humor hat und eine Gabe Geschichten zu erfinden, doch dies allein reicht leider nicht für ein gutes Buch. Und so kam es streckenweise vor, dass ich mich gelangweilt habe und das bei einer Lektüre von nur gut zwei Stunden. Die eingeschobenen Aussagen des Bankberaters sind zwar lustig und streckenweise mit dem Blick auf das Alltägliche von entwaffnender Ehrlichkeit, aber nicht genug um ein Buch ohne rechten Plot zu retten.

Das Buch wurde mir freundlicherweise vom DuMont Verlag über Blogg dein Buch zur Verfügung gestellt.
Käuflich zu erwerben ist es unter anderem hier.

Tilman Rammstedt – Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberaters
DuMont Verlag, 978-3-8321-9686-8

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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3s Kommentare

  1. Sehr schön auf den Punkt gebracht – mir erging es beim Lesen genauso wie dir. Ich dachte schon ich sei die Einzige, der der Roman nicht gefallen hat, da ich bisher nur positive Rezensionen gelesen habe. 🙂

    Liebe Grüße
    Ann-Christin

    • 54books 54books

      Nach der Lektüre habe ich auch ein bisschen in anderen Rezensionen gestöbert, konnte aber leider all das “umwerfend komische” (Zeit), “zum Wegschmeißen Komische” (FAZ) nicht finden. Vielleicht hat einer mit dem Hype angefangen, alle plappern nach, nur wir sind dem nicht aufgesessen?!

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