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Der kleine Wagnerianer

Es ist Wagner-Jahr, denn 200 würde der Mann dieses Jahr, der wie kein anderer gehasst oder vergöttert wird. Kein Wunder also, dass nicht nur die Denkmäler poliert, sondern auch alte Ressentiments aus der Schublade geholt werden. Ein solches Jubiläum eines Superstars der E-Musik wird in kulturscheuen Zeiten entsprechend vermarktet und vielleicht so auch der ein oder andere Fan gewonnen. Nach der Lektüre des (empfehlenswerten) ZEIT Geschichte Heftes zu Wagner und dem Genuss der vierteiligen 3sat Doku versuche ich mich nun also an “Der kleine Wagnerianer” von Enrik Lauer und Regine Müller aus dem C.H.Beck Verlag.

9783406641107

In zehn Lektionen führen die Autoren “Anfänger und Fortgeschrittene” in die Welt Wagners ein. Diese besteht eben nicht nur aus seinen Werken, fünf der Lektionen sind Besprechungen von Opern, sondern auch aus Wagners berühmten Geldproblemen, der (Psycho-)Analyse und (natürlich) seinem bekannten Hang zum Antisemitismus.

Die Inhaltsangaben und Erläuterungen zu “Tristan und Isolde”, “Lohengrin”, “Den Meistersingern von Nürnberg”, der Tetralogie “Der Ring des Nibelungen” und “Parsifal” sind gespickt mit Anekdoten, Zitaten – nicht nur aus dem Libretto selbst – und Wissenswertem. Keineswegs beschränken sich hier die Autoren also auf die bloße Widergabe der Geschichten hinter der Musik, sondern es handelt sich um detaillierte Analysen von Musik, Text, Plot und Inszenierungen. Aber nicht in trockenem “Wissenschaftler-Sprech”, sondern humorvoll und sachte – also ohne penetrante Zeigefinger – erläuternd. Genau die richtige Mischung für (etwas vorgebildete) Anfänger in Sachen E-Musik. Der Clou des Buches sind aber, neben der Sprache (dazu sogleich), die fünf anderen, allgemeinen Texte. Humorvoll, aber dadurch nicht weniger informativ, wird hier der Mensch Richard Wagner und seine Schwächen beleuchtet. Man merkt, dass man es zwar mit Kennern, aber nicht zwangsläufigen Anbetern Wagners zu tun hat. Will heißen: Ehre wem Ehre gebührt, aber eben auch Kritik an den Stellen, die zu kritisieren sind und das kann zum Teil harsch ausfallen:

Was bei Wagner durchaus häufiger nervt, das nervt im Lohengrin ganz besonders: Deutschtümelei, Männlichkeitskult, Aufmärsche, Huldigungschöre, ein reflexartig aufblitzender Hand zur Abgabe theatralischer, aber gänzlich antidramatischer Bekenntnisse.

Trotzdem werden auch die Schwächen Wagners von mehreren Seiten, und somit fair, beleuchtet:

Hitlers Wagner Verehrung blendete zwar bestimmte und gewichte Aspekte seines Werks systematisch aus […] und isolierte dafür die der Nazi-Ideologie genehmen Aspekte. Hitlers fanatische Wagner-Liebe gründete aber keineswegs in einem grundsätzlichen Irrtum gegenüber seinem Werk. Denn Wagners Oevre bot durchaus Einlassstellen für faschistisches Denken […].

Dieses “ja, aber” ist ein Gewinn in der Wagner-Rezeption, die sich, gerade für den Anfänger verwirrend und zumeist abschreckend, nur in dem besagten “Wagner – Ganz oder Gar Nicht” verliert.

“Schwellenängste” sollen auch durch den Text zur “Ent-Ritualisierung eines Rituals” abgebaut werden, warum dem Nicht-Operngänger nicht einfach eine Anleitung an die Hand geben wie “es” gemacht wird?! Mahnend dagegen, so gar nicht anbiedernd, werden aber zugleich die “emsigen Bemühungen” zur Mobilisierung des jungen Publikums durch “gezielte Unterforderung” kritisiert.

Gegen einen Abbau bildungsbürgerlichen Dünkels und damit einhergehender Rituale ist im Prinzip wenig einzuwenden. Dennoch fragt man sich oft, ob die Vermittler nicht das Kind mit dem Bade ausschütten, wenn sie der Oper mit dem Vorkauen und Portionieren ihrer Zumutungen im Grund das Wesentliche, ja den Sex-Appeal nehmen? Besteht nicht einer der Reize des Musiktheaters gerade darin, dass man eben nicht alles auf Anhieb durchschaut?

Das Buch des Autoren-Duos besticht dazu, wie angesprochen und in den Zitaten ersichtlich, durch eine klare, pointierte Sprache. Die Fülle der zum Beschreiben von Musik tauglichen Adjektiven ist beeindruckend und passend, ohne schwulstig zu wirken. Der Humor, für ein Buch dieses Genres sicher selten, unaufgesetzt und daher wirkungsvoll.

Eine bessere Einführung in die Kunst, das Wirken und die Kontroversen Richard Wagners wird es für den interessierten Anfänger nicht geben. Sagte er und hörte “Verachtet mir die Meister nicht”, gesungen vom großartigen Dietrich Fischer-Dieskau, Musik und Text Richard Wagner…

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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