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Primärquellen

 

IMG_20140424_033028Nachdem ich als Schüler die sowohl schönen, als auch, zu diesem Zeitpunkt besonders wichtig, erschwinglichen Bände der Bibliothek der Weltliteratur und damit meine knospende Liebe zu klassischen Texten entdeckt hatte, wollte ich als Zivildienstleistender noch höher hinaus. Ich wusste noch nicht viel und wollte alles wissen. Um schneller an dieses hehre Ziel zu gelangen, brauchte ich jemanden, der mir von diesem Alles das Wichtigste aufbereitet vorlegt.* Also greife ich in jugendlichem Überschwang zu Werte – Von Plato bis Pop von Peter Prange. Auf über 750 Seiten trifft in verschiedenen Abschnitten wie “Leben und Sinn” oder “Friede und Selbstbehauptung” durchaus mal Seneca auf Monty Python oder Vergil auf Donovans Universal Soldier. Zu jedem dieser Abschnitte gibt es eine erläuternde Einleitung. Mein Projekt das Buch von vorne bis hinten durchzulesen und so alle relevanten Texte des Abendlandes von der Antik bis zur Neuzeit, wenn auch nur in Auszügen, in mich aufzunehmen, brach ich relativ schnell wieder ab und habe es bis heute in dieser Form nicht mehr aufgenommen.**

Trotzdem blieb ich ein Freund solcher Anthologien. Diese lese ich inzwischen nur unter ganz anderen Vorzeichen.*** Über solche kommentierte Ausgaben findet man einen leichteren Zugang zu schweren, oder als schwer verschrienen, Autoren, daneben kann man so schneller herausfinden, ob man mit einzelnen Grundthesen etwas anfangen kann und ob der Philosoph dem persönlichen Denk- und Lesegeschmack entspricht.

Eine der schönsten Sammlungen dieses Formats ist Ein Panorama europäischen Geistes von Ludwig Marcuse, nicht zu verwechseln mit Herbert, den Reich-Ranicki als Querkopf bezeichnete, der “aber weder ein Nörgler noch ein Krakeeler, ein unermüdlicher Polemiker, aber kein kleinlicher Besserwisser, ein streitbarer Geist, aber kein Fanatiker – es sei denn ein Fanatiker des Antifanatismus” sei.**** In dieser dreibändigen, in Leinen gebundenen Sammlung von Texten aus drei Jahrtausenden leitet Marcuse jeden der Auszüge ein, erläutert kurz Leben, Werk und Wirken des Autors, stellt dieses in den Kontext der jeweiligen Zeit und tut dies in einem so lockeren Ton, dass man dem Lehrer an den Lippen hängt. Wer sich nun aber scheut, die aufgerufenen 50€ für diese Prachtsammlung zu berappen, nicht wie ich Glück im Antiquariat hat (wo man den Prange wohl auch nur noch findet), dem kann ich wiederum die Einsteigervariante empfehlen. Bei C.H.Beck Paperback erscheint inzwischen in der fünften Auflage Ich denke, als bin ich – Grundtexte der Philosophie, auch diese Texte werden einzeln, was ich bei beiden anderen der Variante von Prange vorziehe, eingeleitet und kommentiert von Ekkehard Martens. Bei Martens wird man, anders als bei den erstgenannten, nicht den Beatles (Prange) oder Karl Kraus (Marcuse), begegenen, weil dieser “nur” Grundtexte der Philosophie versammelt. Vor diesem Hintergrund aber gelangt der Leser von Parmenides über Montaigne und Descartes bis Heidegger und Adorno und schaut hiermit ebenso ein Panoptikum der europäischen Geistesgeschichte. Kommentar und Originaltext kommen bei Martens fast immer auf ähnlichen Umfang, aus diesem kleinen Lehrbuch lässt sich so viel leichter von fremder Hand lernen. Bei Marcuse und Prange sollte man mit wachem Geist die Primärquellen lesen, denn eine genaue Aufarbeitung muss man selber vornehmen, Martens nimmt einem hier viel Arbeit ab.

Diese drei Bücher darf ich, nicht nur dem wissenshungrigen Schüler und Zivi ans Herz legen, denn auch heute schmöckere ich immer wieder in diesen Bänden und entdecke Neues und Altes wieder. Intelligentere Kurzweil findet man nicht. Dem Ziel Alles zu wissen kommt man so in kleinen Schritten weiter und wird es trotzdem nie erreichen. Und ein Gutes hat es ja: so wird einem zumindest nie Lern- und Lesestoff ausgehen.

* Am besten wäre hierfür natürlich jemand, der schon alles weiß, den habe ich aber noch nicht gefunden.
** Ganz abgesehen von dem unsinnigen, vom jugendlichen Leichtsinn eingeflüsterten und getragenen, Gedanken, dass diese verkürzte Lektüre ausreichen oder gar befriedigen könnte.
*** Zugegeben finde ich den Gedanken aber immer noch erhebend in einem Buch oder einer abgeschlossenen Reihe alle für unsere Kultur relevanten Texte versammelt zu sehen.
**** Im Übrigen hat MRR recht, wenn er dem Leser Marcuses Autobiographie Mein zwanzigstes Jahrhundert ans Herz legt, die zu meinen Lieblingsbüchern zählt. “Diese […] viel zu wenig bekannten Selbstporträts zeigen noch einmal, dass Marcuse mehr (ein vorzüglicher) Journalist als ein Wissenschaftler und mehr (ein hochbeachtlicher) Schriftsteller als ein Philosoph war.”

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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