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Mit einer Idee und einem Arbeitstitel

Es heißt immer Debatte – Wolfram Schütte hat auf Perlentaucher eine Idee vorgestellt, die nicht diskutiert, sondern umgesetzt werden sollte: eine digitale “Zeitung für Literatur & literarisches Leben“; Arbeitstitel Fahrenheit 451.

Probleme des Print

Es gibt bereits sehr viele und vielfältige Informationen über Literatur im Netz. Neben den Online-Auftritten der großen Tages- und Wochenzeitungen, die alle eine Rubrik Kultur, Literatur, Feuilleton führen, haben sich in den letzten Jahren Einzelkämpfer und kleine Gruppen mit eigenen Magazinen und Blogs hervorgetan, die inzwischen eine nicht nur selbst hochgeschriebene, sondern tatsächliche Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, bei Lesern und Verlagen erfahren. Während die Bandbreite des Feuilletons stetig sinkt, nur noch die Spitzentitel der großen Verlage besprochen werden, findet hier eine Gesamtschau des literarischen Lebens statt. Kleine Verlage, vergessene Klassiker, Lyrik, Graphic Novels, solche Themen, die für den gemeinen FAZ-Leser angeblich zu uninteressant sind oder nur in geringsten Dosen vermittelbar, finden hier ein Forum und werden freudig angenommen.

Dem Journalisten an sich kann man dabei keinen Vorwurf machen, er muss massentauglich sein, das ZEIT-Feuilleton kann nicht jede Woche einen Artikel über Arno Schmidt bringen, weil eben zu speziell, insgesamt zu wenige Leser, nur die paar Enthusiasten. Das Problem ist aber, dass insgesamt die Zahl der Beiträge zu und um Literatur leider immer weiter abnimmt, nicht nur die über Außenseiterthemen. Neben den angesprochenen Spitzentiteln wird eine etwas breitere Bandbreite nur noch zweimal im Jahr, nämlich zu den großen Messen, geliefert, auch hier Tendenz fallend. Dass die Zahl der Leser oder verkauften Bücher dagegen eklatant sänke, liest man nirgendwo, im Gegenteil. In den Chor des Sterbens des Print möchte ich nicht einstimmen, aber der Erfolg von Unternehmen wie Blendle zeigt, dass ein Umdenken nötig ist.

Probleme der Blogs

Besetzt man eine Redaktion, egal ob Blog, Magazin oder Zeitung, allerdings nur mit einem oder wenigen Spezialisten führt dies zwangsläufig in eine Einbahnstraße, die der des klassischen Feuilletons gleicht, nur noch viel enger zuläuft. Dazu kommt das Problem des Hobby- und/oder Gelegenheitsschreibers einen Kanal als Einzelner regelmäßig zu bespielen. So hatte ich in diesem Jahr häufig nur die Möglichkeit Monatsüberblicke statt langer Rezensionen zu schreiben, andere schaffen immerhin zwei, drei Artikel die Woche. Doch selbst diese Ausdauer führt nicht zwangsläufig dazu, dass, selbst bei geneigten Lesern, die Seite in den Lesezeichen abgelegt und jeden Morgen auf der Suche nach Aktualisierungen aufrufen wird. Warum auch, die Informationen kommen ja unregelmäßig. Die Follower müssen vielmehr über Feedabonnements, Twitter oder Facebook immer wieder auf die Seite gelockt werden. Die wenigstens Blogs dürften daher als einzige Informationsquelle für Interessierte dienen, denn wer liefert den Überblick, eine Plattform reichte hier (bisher) nicht.

Best of both worlds

Würde man aber die Stärken der beiden Medien, des klassischen (Zeitungs-)Journalismus und dieses diffusen Internetphänomens, bündeln, könnte daraus etwas mit sehr viel Mehrwert werden. Das Zusammenführen von einer festen Redaktion, mit Leitungs- und Sortierfunktion, mit dem Überblick wer, wann, was veröffentlicht, die dafür sorgt, dass regelmäßig hochwertige Inhalte angeboten werden und solchen Leuten, die hochgradig auf einzelne Themenfelder spezialisiert sind, weil sie eben (noch) nicht in den Mühlen des Mainstreamjournalismus zermahlen wurden, vielleicht auch nur weil sie nicht davon leben müssen. Dazu könnten noch Beiträge aus Verlagen kommen, die nicht zwangsläufig werbend sein müssen, wie bereits Plattformen wie das Logbuch von Suhrkamp oder 114 von S. Fischer zeigen, eine Perspektive, die in der Presse bisher viel zu wenig beachtet wird. Beiträge aus dem Maschinenraum der Literatur mischen sich mit denen von Berufskritikern, Autoren und Bloggern, alles überwacht von einem Gremium fähiger Redakteure. Dazu könnten Features zu Themenschwerpunkten kommen, wofür in Zeitungen kein Platz ist, Interviews nicht nur gedruckt, sondern zum Sehen und Hören, Buchtrailer, die Rezensionen begleiten, Interaktion mit den Nutzern und Lesern – alles ist möglich!

Literarische Krautreporter?

Es gibt bereits ein ambitioniertes Webmagazin-Projekt, das mit einem überaus soliden finanziellen Fundament eine gefühlte Bauchlandung hingelegt hat. Mangelnde journalistische Eigenleistung wird bemängelt, schlichte Linksammlungen und das Recycling von alten Beiträgen, dazu die Überpräsenz Tilo Jungs, vor allem aber der fehlende rote Faden. Stefan Niggemeier schrieb zu seinem Ausstieg bei Krautreporter:

Uns trieb die Lust an, ein neues Geschäftsmodell auszuprobieren, aber nicht unbedingt eine gemeinsame redaktionelle Idee. […] Es fehlte etwas, das diese Geschichten verbindet — für uns Autoren und für die Leser vermutlich auch. […]

In den vergangenen Wochen hat sich dann stärker herausgestellt, was ein anderer „Krautreporter“-Ansatz sein könnte: Weniger getragen von den unterschiedlichen (Spezial-)Interessen der einzelnen Autoren, mehr bestimmt durch Themenschwerpunkte, die aus einer festen Redaktion entwickelt und produziert werden.

Die anfängliche Größe von KR anzustreben ist utopisch und braucht gar nicht das Ziel von zu sein. Doch spricht nichts dagegen aus deren Fehlern zu lernen und erfolgreiche Grundlagen des Projekts zu übernehmen. So dürfte Fahrenheit 451, wie Schütte im Ausgangsbeitrag selbst anklingen lässt, keine Veranstaltung von vielen Individualisten sein, sondern muss einer unabhängigen (!) Redaktion untergeordnet sein, die lenkt und sortiert, die Vorschläge für Neues macht und delegiert. Anders als die Krautreporter braucht man ein Profil und das bietet allein schon der eingegrenzte Themenkreis.

Vieles ist noch unsicher, die Debatte, die hoffentlich nicht allzu schnell zu einer leidigen wird, erst am Anfang: wo soll das Geld herkommen, wer soll mitmachen, Verlage integrieren, den Buchhandel, ja oder nein? Doch mit der Idee und einem Arbeitstitel lässt sich starten und wie schön wäre es, wenn ein großes unabhängiges Magazin für Literatur am Ende entstünde, zu wünschen wäre es der Medienlandschaft und – vor allem – den Lesern!

Dieser Artikel ist zuerst bei Perlentaucher erschienen.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
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2s Kommentare

  1. Schöner Beitrag. Danke.
    Ich habe das nicht ganz verstanden, dass einige nach Schüttes Beitrag sofort wieder zeter und mordio krakeelt haben.
    Einfach mal probieren sowas. Wens läuft, dann läuft’s, wenn nicht, dann eben nicht.
    lg_jochen

  2. Ein Beitrag, den ich mit sehr viel Interesse gelesen habe. Auch ich verfolge seit einiger Zeit, dass der Zeitungsjournalismus die Literaturlandschaft, Autoren, Werke und Entwicklungen, nicht mehr jene Aufmerksamkeit schenkt wie einst. Das Fernsehen – außer einige spezielle Sendungen und Sender – blendet das Thema fast völlig aus. Interessant ist noch das Radio, und gerade dort die Möglichkeit, online gezielt nach Sendungen einzelner Sender zu suchen.
    Allerdings gibt es ein ähnliches Modell, das Print und Online verbindet, schon, wenn es auch leider etwas in Vergessenheit geraten ist. Einige Zeitungen nutzen Online-Plattformen (u.a. myheimat), wo User ihre Fotos und Beiträge veröffentlichen, um Beiträge und auch Themen zu generieren. Der sogenannte Bürgerreporter – über den Begriff lässt sich sicherlich trefflich streiten – berichtet online über Erlebnisse und seine Gedanken, die Zeitung als Lizenznehmer veröffentlicht diese. Die Beiträge haben mal mehr mal weniger Anspruch, aber sie zeigen eine recht große Vielfalt.

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