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Endlich mal kein Geschichtenerzähler. Über Lorenz Justs Debüt, den Erzählband „Der böse Mensch“

In (Markt-)Zeiten, in denen der gähnend-gängige 220-seitige Roman mit seiner leicht kaubaren Zeitgenossenschaft Erfolge feiert, ist es gewagt, sich als Debütant für Erzählungen zu entscheiden. Mit „Der böse Mensch“ geht der 1983 geborene Lorenz Just dennoch diesen Weg. Natürlich gibt es auch bei Erzählbänden erfolgreiche Vorgängerbeispiele, etwa „Sommerhaus, später“ (1998) von Judith Hermann. Auch Karen Köhler legte mit „Wir haben Raketen geangelt“ 2014 einen vielbeachteten Band vor; zuletzt wagte sich Jan Snela mit seinen sprachverliebten Erzählungen („Milchgesicht“) vor, u. a. wurde er 2016 mit dem Clemens-Brentano-Preis ausgezeichnet. Aber der Standard-Einstieg in den Betrieb führt über die Gattung Roman.

„Der böse Mensch“ ist bei Dumont erschienen und trägt sechzehn Erzählungen zusammen, die nicht kürzer als drei, nicht länger als fünfzehn Seiten sind. Wäre das Wort „experimentell“ nicht so abgelutscht wie ein Leckstein in einem verwahrlosten Ponyhof, ließe es sich auf viele der Geschichten anwenden, an seiner Stelle seien einige adjektivische Gegenvorschläge aufgezählt: Die Texte sind eigensinnig, konzeptuell, ideenzentriert bzw. anti-realistisch. In „Aus dem Tagebuch meines Bruders“ denkt ein Künstler etwa penetrant-zenhaft über Ursprung und Ausmaß seines Schaffens nach: „Ich versuche, etwas zu tun, und doch bleibt jede meiner Bewegungen das Gegenteil einer Tat: erbärmliche Zuckungen menschlichen Irrsinns.“ In „Bildbeschreibung“ wird in gedehnter, fast schon zeitenthobener Sprache eine Szenerie beschrieben. Aber was ist hier Handlung, was Deskription? Oder ist die Deskription die Handlung? Und was ist wichtiger: dass etwas Außerordentliches passiert oder dass etwas in äußerster Präzision beschrieben wird?

Schnell merkt man: In seinem Erstling liefert Lorenz Just keine handelsüblichen Geschichten ab. Es sind im besten Sinne Sprachstücke, kleine vernarrte Texte, die sich selbst erkunden. In der Erzählung „Kalt genug“, die von einem schwierigen Bruderverhältnis handelt, heißt es gleich auf der zweiten Seite: „Wolfgang lief zurück in die Garage, winkte Georg heran, der ihm wie durch eine gläserne Wand hindurch zugeschaut hatte.“ In seinem (tollen und leider nicht übersetzten) Buch „Faire le garҫon“ drückt sich der Schweizer Autor Jérôme Meizoz an einer Stelle ganz ähnlich aus: „Très tôt, le garçon a dû voir tout cela sur une sorte d’écran, à distance. Entre lui et le monde, quelque chose s’est vitrifié.“ („Sehr früh musste der Junge all dies auf einer Art Bildschirm betrachten. Zwischen ihm und der Welt hatte sich etwas verglast.“)

Nur eins bleibt ein Rätsel: der willkürliche Titel

Buchstaben wie Hagelkörner

Tatsächlich kommt das Bild der Verglasung, der Trennung von einer Umgebung, die sich zugleich einsehen lässt, dem Stil von Just ziemlich nahe. In seinen Geschichten wird ein Fenster eingezogen, eine Schwelle gesetzt. Mit der Realität „hier draußen“ haben die Erzählungen wenig zu tun – und gerade deswegen gelingt es ihnen, eben diese Realität auf ihre andere Weise dingfest zu machen. Just ködert niemanden mit dem allzu lockenden und allzu falschen Versprechen, das Wort sei die Welt. An einer Stelle heißt es: „Von Anfang an, ich meine, vom ersten Buchstaben an, habe ich immer geschrieben, ein Buchstabe, zwei Buchstaben, drei, zuerst ohne zu wissen, wofür, welche Laute. Seiten voller Buchstaben, über das Blatt verteilt wie Hagelkörner oder Kratzspuren.“

Als Leserschaft bekommen wir live mit, wie sich eine Sprache ihre Welten erschafft, etwa durch den Einsatz einer Zoomtechnik, wie in „Der Bericht einer Reise“. Dort geht die Rede von einem Fremdling, der in einem kaum kontrollierten Erzählstrudel von seiner wirren Kindheit und seinem konfusen Ausreißen berichtet. Nichts wird klar, alles bleibt hängen. In einem dusteren Sog stolpert der Ich-Erzähler durch Landschaften, Städte und Stimmungen, an einer gefälligen Vermittlung ist ihm nicht gelegen: „Ihre Hände waren groß und kalt, wie ein enger Käfig umfassten sie meinen Kopf. Ihr breiter Mund öffnete sich, Speichel, der zwischen Ober- und Unterlippe hing, zog einen Faden und zersprang. Ein kalter, stechender Tropfen traf mein Auge. Etwas knackte, als die Gestalt langsam meinen Kopf meiner rechten Schulter zubog. Ich roch ihren Atem, der süßliche Geruch ließ mich hoffen.“

Sich etwas erlesen statt es zu erfahren

Diese Form der Stilkunst ist lobenswert kühn, auch deswegen, weil sie so gar nicht dem etablierten Lesegeschmäckle entspricht, den vielen Büchern, die sich damit zufriedengeben, mit dem Drei-Komponenten-Kleber zu hantieren: ein wenig Milieu, ein wenig Krise, ein wenig Subjektivität. Aus dem Zusammenrühren entstehen dann meistens lauwarme Geschichten, die weder so recht gelingen noch so richtig misslingen. Ihr Repertoire umfasst: Plattenbau, Altbauwohnung, Kleinstadt, dazu Jobfrust, Familienzwist oder Altersangst, aufgepeppt mit Bildern à la: „Das Leben fühlte sich an, als habe er statt Diesel Benzin getankt.“ Solche Texte lesen sich gut weg, weil sie akute Sujets oberflächlich verhandeln, und gerade deswegen geraten sie ebenso schnell in Vergessenheit. Dass Justs Erstling dieses Muster nicht bedient, macht ihn in seiner artistischen Standhaftigkeit so besonders (und) sympathisch.

Die alptraumhafte (sprach-)körperliche Verrenkung in „Der Bericht einer Reise“ schreitet indes voran, Zeile um Zeile, bis wir erneut auf das Glasige stoßen: „Auf den glänzenden Augäpfeln der Gestalt erkannte ich die Reflexion meines gläsernen Blicks.“ Hier greifen Beobachtung und Beobachtungsbeobachtung ineinander, das Grauen ist weniger ein erlebtes als ein erblicktes, wie auch die Bestürzung, die einen beim Lesen von „Der böse Mensch“ ergreift, keine erfahrene, sondern eine erlesene ist. Es passt jetzt einfach zu gut, um es nicht zu zitieren: Über die Beschaffenheit und Wirkung von Glas schrieb Walter Benjamin, es sei „nicht umsonst ein so hartes und glattes Material, an dem sich nichts festsetzt“, es sei „ein kaltes und nüchternes, denn die Dinge aus Glas haben keine Aura.“ Für Just gilt in etwas freier Weiterführung: An seinen kristallinen Erzählungen bleibt nichts haften, keine falsche Sentimentalität und keine illusorischen Schlieren, in ihrer Zurschaustellung sind sie gnadenlos klar.

Ein Erzählband als Grundlagenforschung

Bestimmte Schlagwörter in den Titeln zeigen es bereits an: „Bericht“, „Bildbeschreibung“, „Interview“, „Aus dem Tagebuch“, „Herrn Naumanns Notizen“ – viele der Erzählungen widmen sich einem narrativen Modus mit bestimmten strukturellen Vorgaben. In den letztgenannten Notizen wird in kurzen Absätzen beispielsweise eine Familienhistorie entfaltet. Als nüchterner Chronist hält ein Ich-Erzähler fest, welcher Ahne was gearbeitet hat, welche Verwandten welche Hoffnungen hegten und wieso der Vater als Apotheker glücklos bleiben musste. Auf der Suche nach familiärer Identität, dessen Fluchtpunkt er, der Ich-Erzähler ist, bleibt letztlich wenig mehr als die kühle Zufälligkeit des Stammbaums.

Und in „Interview mit Shana“ wird eine Auswanderin skizziert. Wieso ist sie Eddie in ein amerikanisches Indianerreservat gefolgt? Fühlt sie sich dort wohl? Indem Just seine Figur vermeintlich vor sich hin plaudern lässt, zieht er ihr unbemerkt den rhetorischen Schleier weg, in ihren Antworten steckt viel mehr als das nur oberflächlich Gesagte. Shanas frohgemute Naivität wird ebenso evident wie ihre hanebüchene Ignoranz, die an Selbstverleugnung grenzt: „Weißt Du, seit Jahren kämme ich Eddies Haare und flechte sie zu einem langen Zopf, sie waren schwarz, jetzt sind sie grau, irgendwann werden sie weiß sein, es ist, als würde ich das Schwarz aus seinen Haaren kämmen. Er hat mir diese Handlung geschenkt, er könnte es auch allein.“

Zugleich stört einen dieses breite Genre-Spektrum von „Der böse Mensch“ immer mal wieder, und irgendwann setzt sich der Eindruck fest: Diese Texte sind Grundlagenforschung, es sind disparate Etüden, mithilfe derer Just an seinen „Kompetenzen“ feilt. Seien die einzelnen Erzählungen noch so meisterlich und technisch sauber ausgeführt, ihnen hängt der Makel der Übung an: Sie sind noch nicht das Eigentliche, als virtuose Aufwärmerei gehen sie dem tatsächlichen Auftritt voraus. Und am Ende, nach 173 Seiten, geht der Blick, wie schon bei Pascal Richmanns „Über Deutschland, über alles“, zum hoffentlich nächsten Buch, in dem weniger geprobt wird – und das brillante Sprach- und Schreibbewusstsein stattdessen auf ein Projekt aus einem Guss angewandt wird.

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Céline Minard – Das große Spiel

Übersetzt von Nathalie Mälzer.

Keine Ahnung, was immer alle mit Bergen und Wandern haben, wo doch die Natur keinen Geist hat. Also ich bleibe ja lieber zu Hause, ich bin ja aber auch grundsätzlich eher ein bisschen faul. Wenn man zu Hause bleibt, kann man dort Bücher lesen, das ist praktisch, dann hat man nämlich gleich noch eine Ausrede dafür, sich gar nicht bewegen zu müssen. Man kann beispielsweise klassische Sagen lesen, dann weiß man, dass die Götter auf einem Berg, dem Olymp (ja, wirklich!), wohnen. Man kann die Bibel lesen, dann weiß man, dass Berge ein Ort der Rettung (Noah strandete auf einem, Psalm 121 etc.), in jedem Fall aber ein Ort der Begegnung mit dem Transzendenten (Isaaks Opferung, Mose auf dem Sinai etc. etc.) sein können. Und wenn man dann noch ein bisschen rumgoogelt, was zuhause auch besser geht als auf so einem Berg beim Wandern, findet man heraus, dass es überall auf der Welt heilige Berge gibt, dass den Berg als herausgehobenen Ort mit „Transzendenz“ zu verbinden also wohl eine kulturübergreifende Idee zu sein scheint.

Und dann kann man auch „Das große Spiel“ von Céline Minard lesen, wenn man nicht lieber über Gesteinshubbel trampelt und sich Blasen an den Füßen holt. Die namenlose Erzählerin dieses Romans hat sich nämlich ein Stück Berglandschaft gekauft, sich dort ein mit etlichen Segnungen der Zivilisation versehenes high-tech-Domizil errichtet, um sich aus der Zivilisation, unter der sie schrecklich leidet, weil alle doof sind, zu verabschieden, um herauszufinden, ob man gegen sich selbst Schach spielen kann, ob man die Isolation aushalten kann, ob Not ein Umstand, ein Seelen- oder Körperzustand ist, kurz: Es geht eben um existentielle Erfahrung.

Und das in anderer Weise als in Haushofers Roman „Die Wand“, an den man unweigerlich beim Lesen des Klappentextes denken muss (und diese Assoziation führte dazu, dass ich das Buch gekauft habe, denn „Die Wand“ ist ein hervorragender Roman – aber tatsächlich, auf ganz andere Art „Das große Spiel“ eben auch, wenn auch vielleicht ein klitzekleines bisschen weniger hervorragend), denn in „Die Wand“ ist das Exil nicht selbst gewählt (oder vielleicht doch, wenn man davon ausgehen will, dass die Protagonistin sich die Wand nur einbildet), vor allem aber ist es nicht möglich, dem Exil zu entkommen: Die Not ist wirklich existentiell und wird mit der Zeit drückender. In „Das große Spiel“ ist das nicht der Fall.

Man sehe mir bitte nach, wenn ich all das so mit maximal augenrollendem Gestus nacherzähle, aber diese Form von Zivilisationskritik, dieses Waldgängertum, ist eben für mein Empfinden maximal albern, vor allem dann, wenn die Protagonistin trotzdem Handy und Laptop hat, um sich im Zweifelsfall in die Zivilisation zurückbringen zu lassen. Das ist eine Form der Zivilisationskritik, die bloßer Gestus ist und auf der Gewissheit wächst, ohne Probleme in diese Zivilisation zurückkehren zu können.

Aber: Ganz so platt funktioniert der Roman dann doch nicht. Tatsächlich ist „Das große Spiel“, so viel ich ideologisch daran drollig finde, ein ästhetisch sehr gelungener Roman, und vermutlich ist er sogar ideologisch interessanter als andere Romane ähnlichen Fahrwassers. Denn Minard lässt ihre Figur die eigene Misanthropie unterlaufen, sie lässt sie zum Tier werden und sich gleichzeitig selbst transzendieren und bricht damit gängige raunende Waldgängerei, überhaupt die Vorstellung von Selbsttranszendierung durchaus auch auf.

Denn die Frau, die sich hier in einer Berglandschaft den Elementen aussetzen will, wird in all ihrer misanthropen Ablehnung der Menschheit, die aus „Undankbaren, Neidern und Schwachsinnigen“ (S. 12 und diverse andere Stellen – diese Trias wird feststehend mehrfach wiederholt) mit der Zeit selbst – vielleicht – schwachsinnig, zumindest stellt nicht nur sie selbst entsprechende Mutmaßungen an, auch der Leser muss zunehmend erhebliche Zweifel an der Zurechnungsfähigkeit der Figur entwickeln: Und das fängt schon damit an, dass man nicht genau weiß, ob sie in den Bergen wirklich auf einen anderen Menschen trifft oder ob sie Tiere (ein Murmeltier) mit einem Menschen verwechselt. Ihre eigene Misanthropie hält sie zumindest nicht durch – und damit bekennt sich der Roman stärker zum menschlichen Miteinander als zum erwählerischen Einzelgängertum. Die Erzählerin entwickelt zudem selbst tierische Verhaltensweisen, wird also in der Isolation nicht zum der Menschheit überlegenen Menschen, sondern zum Tier, zur Natur, zur Idiotin, die sie eigentlich verachtet (es sei denn, die Natur wird hier als überlegen zum Menschen gedacht, das könnte auch sein, das wäre dann wiederum ein anderer Fall; mehrheitlich sprechen die Wertungen, die die Erzählerin ausspricht, aber nicht dafür). Sie „akklimatisiert“ tatsächlich, während sie noch darüber nachdenkt, ob es möglich ist, sich in dieser Berglandschaft zu akklimatisieren.

Am eindrucksvollsten wird das an der Sprache des Romans deutlich: Der Roman beginnt mit einem grammatikalisch brüchigen ersten Satz „Die fünf Männer sind wieder abgeflogen, bevor die Sonne hinterm Berg verschwinden würde.“ (S. 5), die ersten ca. 30 Seiten des Romans lesen sich ungelenk und holprig, und je länger die Protagonistin in ihrem selbstgewählten Exil lebt, desto glatter wird die Sprache, bis sie am Ende stellenweise beinahe lyrisch ist. Die Sprache wird selbst Natur, insofern als gegen Anfang des Romans Naturbeschreibung letztlich nur durch das Handeln der Figur möglich ist – die Berge werden beschrieben als Raum, der durchschritten wird, als Raum, der bearbeitet wird – und gegen Ende die Natur in Bildern, insbesondere in belebten Bildern gefasst wird. Das ist schon bemerkenswert gut gemacht.

Ein bisschen störend sind dagegen leider die (zum Glück jeweils kurzen) philosophischen Einschübe, in denen es ganz unangenehm (und das sage ich als jemand, die der Sprache Heideggers ästhetisch durchaus etwas abgewinnen kann) heideggert. Da wird eben wirklich geraunt, da findet sich halt wirklich ein Jargon der Eigentlichkeit, der irgendwie ergriffen bedeutungsschwanger daherschwadroniert, als bergen seine Worte ein Geheimnis, das aber in Wirklichkeit gar nicht da ist. Beispielsweise eine Passage wie diese wirkt in all ihrer inkonsistenten freien Assoziation ehrlich gesagt so, als hätte Ada, die zentrale (und sehr nervige) Hauptfigur aus Juli Zehs „Spieltrieb“ in den letzten Jahren einfach viel Existenzphilosophie gelesen und würde nun in „Das große Spiel“ als literarische Wiedergängerin ihr Unwesen treiben:

„Aufmerksamkeit ist die Fähigkeit des Geistes, sich verfügbar zu machen, seine Kräfte zu bündeln und sie zu mobilisieren, um das Problem zu lösen, das sich einem in den Weg stellt. Aber was passiert, wenn die Aufmerksamkeit sich auf gar kein Problem konzentriert? Wenn sie sich zum Beispiel auf die Atmung richtet, wird die Atmung dann zum Problem?

Kann diese Art von Gegenstand eine unabgelenkte Aufmerksamkeit hervorrufen? Weder durch ein Spiel noch durch Kunst noch durch Sport, ein Versprechen oder eine Drohung. Durch überhaupt keine Regel. Ganz nah an einem Risiko und einer Grundsatzentscheidung: lieber atmen als gären, lieber Blut saugen als Saft.“ (S. 66f.)

Na ja, gut, kann ja jeder trinken, was er mag. Aber natürlich ist Heidegger gemeint, wenn auf S. 66 vom „In-der-Welt-Sein“ die Rede ist, natürlich ist Heidegger gemeint, wenn auf S. 102 Leibniz („warum gibt es eigentlich etwas und nicht nichts“) anzitiert wird, weil damit eben gleichzeitig Heidegger („Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr Nichts?“) zitiert wird, und natürlich ist Heidegger gemeint, wenn mit „Die Welt verändert sich, wir verändern uns, und in diesem Fluss gibt es nur das Band“ Heraklits „panta rhei“ angedeutet wird, denn Heidegger schloss u.a. an Heraklit an, usw. usw. Es heideggert eben. Und so wie bei misanthroper Zivilisationskritik sollte man halt, so gut der Roman ist, zumindest im Hinterkopf beim Lesen mitdenken, dass das nicht ganz harmlos ist, sondern eben: immer nahe am misanthropen Erwähltheits-Geraune (und ich stelle nicht partout Existenzphilosophie, mit der ich grundsätzlich etwas anfangen kann, unter den Verdacht, nicht ganz harmlos zu sein, sondern eine allzu gewollte Selbstergriffenheit, die sich in ihr Vokabular kleidet und die eben allzu sehr von der eigenen Überlegenheit, der eigenen überlegenen Wahrnehmungssensibilität, und damit von so etwas wie Erwähltheit ausgeht). Auch wenn dergleichen hier insgesamt vermieden wird. Aber der Roman hätte halt einfach auf S. 184 unten, nicht auf S. 185 in der Mitte enden sollen, dann hätte ich nicht abschließend nochmal mit den Augen rollen müssen. Man kann wohl nicht alles haben.

Davon abgesehen: „Das große Spiel“ ist sprachlich bemerkenswert und bricht zumindest in Nuancen mit altem Einsiedler-Kitsch. Die Protagonistin akklimatisiert sich. Sie wird zu Natur, ihre Sprache wird zu Natur. Sie trifft auf vermeintlich Unsterbliches – vielleicht aber auch nur auf Halluzinationen und ein Murmeltier, das bleibt offen – und versucht diesem ähnlich zu werden. Die Berge sind also auch hier Ort der Begegnung mit dem Transzendenten, Ort der Selbsttranszendierung als Selbstüberwindung, als Selbstveräußerung. Es könnte aber auch Wahnsinn sein. Es könnte aber auch wirklich Übernatürliches sein, auf das die Erzählerin trifft, und damit könnte es sich wirklich um die Auflösung der Genregrenze handeln, wie der Klappentext das so behauptet. Sicher sagen lässt es sich nicht. Und indem diese Spannung gehalten wird, ist dieser Roman eben wirklich ein lesenswerter. Am Ende hat „Das große Spiel“ nichts Schwärmerisches, trotz gelegentlichem Geraune. Glücklicherweise. Lest das ruhig mal, es ist recht gut.

Lest aber ruhig auch die sehr schönen und Interessanten Beiträge von anderen Blogger*innen zu diesem Buch:

(Beitragsbild von Denys Nevozhai auf unsplash)

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Der Wechsel der Ikonographie. Wie Migration, Klimawandel und Terrorismus unsere Zeichen verändern

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In einem Essay auf dem diaphanes-Blog denkt Mário Gomes über Gewalt, Ästhetik und die Durchsetzung neuer „schöner“ Normen nach. An einer Stelle schreibt er über ein Foto, das einen „El País“-Artikel zum Drogenkrieg begleitet:

„Zu sehen war ein nackter Frauenleichnam, der vor dem Hintergrund großflächiger Werbeplakate von einer Fußgängerbrücke herab über einer Stadtautobahn baumelte. Entlang der Wirbelsäule waren Zeichen in schwarzer Farbe auf die Haut geschmiert, tote Symbole auf toter Haut. Mir wurde klar: So werden Botschaften verfasst. So funktioniert die Kraft der Evidenz. […] Neben den vertrauten Buchstaben und Symbolen umfasst das Zeichensystem nun auch Leichen, Glieder, Häupter.“

So werden Zeichen gesetzt, so wird die Welt semantisiert. Menschen, Dinge, Stimmungen, Bewegungen – vieles lässt sich umcodieren und neu rahmen, kaputtmachen und modifizieren. Es genügt eine durchschlagende Neusetzung, ein brachiales Moment, und schon blicken wir plötzlich mit anderen Augen darauf, mit neuen Augen auf neue Zeichen.

Bei einer Anhörung vor dem US-Kongress sagte 2013 ein 13-jähriger Junge aus Pakistan, er habe Angst vor dem blauen Himmel. Schließlich flögen die US-Drohnen, die ihn und seine Schwester schwer verletzten, nur bei gutem, klarem Wetter. Sicher fühle er sich eigentlich nur noch bei bewölktem Himmel. Auch in Gomes’ Essay geht es nicht umsonst um Gewalt. Sie ist die erste Durchsetzungskraft, das Bindemittel, das das Eine zerstört, zugleich das Andere, ikonische Aufmerksamkeit, schafft. Auch deswegen ist das Thema für Autoren und Autorinnen relevant, wollen sie mit ihrer Literatur doch unsere Wahrnehmungsweisen schärfen, ändern und vorführen. Zurzeit gibt es drei “Kräfte”, die die etablierte Semantik ergreifen, einige würden sagen: angreifen, nämlich Terrorismus, Migration, Klimawandel.

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Einen exklusiv ästhetischen (also durchaus fragwürdigen) Standpunkt nahm der Komponist Karlheinz Stockhausen ein, als er über 9/11 referierte: „Also – was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle ihr Gehirn umstellen – das größtmögliche Kunstwerk, was es je gegeben hat, dass also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert, und dann sterben. Das ist das größte Kunstwerk, was es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen sie sich das doch vor, was da passiert ist, das sind Leute, die sind so konzentriert auf das, auf die eine Aufführung, und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt in einem Moment.“

Terroristen als Künstler – aber was soll ihr Werk sein? Der Tod von 2992 Menschen? Die bildhafte Vereinnahmung der weltweiten medialen Aufmerksamkeit, während Stunden, Tagen, Wochen? Die Hingabe, mit der sie sich ihrer Idee anvertrauten? Oder der Erfolg, mit dem damals neue Zeichen in die Welt gesetzt wurden? Seither wird jedenfalls der Blick auf jede großstädtische Skyline von der Möglichkeit des Einbruchs von Gewalt mitgeprägt; die Option eines totalen Ereignisses steht im Raum, wenn ein Flugzeug im vormittäglichen Blau tief über eine Metropole hinwegdüst.

Derselben Seh- und Zuweisungslogik sind wir auch bei anderen alltäglichen Gegenständen unterworfen: Der herrenlose Koffer ist seit geraumer Zeit der rollkoffrige Schrecken geworden, egal ob in Bahnhöfen, Fußgängerzonen oder Flughäfen. Alles wird suspekt, weil wir bezüglich unserer Zuweisung von Bedeutung paranoid geworden sind. Auch der Lastwagen, der in den Zentren europäischer Großstädte zu abrupt anfährt, ist nach den Attentaten in Nizza und  auf dem Breitscheidplatz eine potentielle Gefahr. Im gewissen Sinne verschmilzt hier eine terrorbezügliche Denk- mit einer literarischen Schreibweise. Die Codes werden neu verhandelt.

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Die Natur verliert ihre kontemplative Unschuld, mit der wir ihr begegnet sind, mit der sie uns umschmeichelt hat. Das Meer, das unsere urlaubsgeilen Zehen mit Wellenschaum kitzelt, ist das Meer, in dem 2015 3771 Menschen ertrunken sind, die in Europa Zuflucht suchten. Die Schwimmwesten, die wir als nervige Textilien von Bootsausflügen kennen, sind zum Symbol für Tod durch Ertrinken geworden. Durch Kunst-Installationen wie der Säulen-Ummantelung mit Schwimmwesten (Ai Weiwei, 2016)  werden diese semantischen Verwerfungen und Verschiebungen in den öffentlichen Raum getragen. (Zusatz: hier eine lesenswerte Kritik dieser Werke) Und auch der LKW darf hier nicht fehlen: Als im August 2015 Schleuser einen mit Menschen vollbeladenen und luftdicht abgeschlossenen Lastwagen auf der A4 in Österreich stehen ließen, gingen tagelang Bilder vom weißen LKW durch die Medien. Auf den Außenflächen prangten Bilder fein geschnittener Putenscheiben und kross gebratener Würste. Drinnen waren 71 Geflüchtete erstickt. Gewalt und Tod, kombiniert mit food-pornösen Fleischfotos, so etwas zwirbelt sich in die Augen.

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Vom indischen Essayisten und Romancier Amitav Ghosh liegt seit kurzem ein Essay auf Deutsch vor: „Die große Verblendung“.  Dort geht er der Frage nach, auf welche Weise die Literatur die allmählichen klimatischen Verschiebungen (und unsere Erfahrung derselben) verarbeitet. Ghoshs Antwort ist klar: Wir schreiben fahrlässig und falsch darüber. Der bürgerliche kanonische Roman, wie er sich seit dem 19. Jahrhundert in den westlichen Ländern ausprägte, konzentriere sich „immer radikaler auf die individuelle Psyche“, auf ein Leben, ein Ego, das durch eine kleine Unwägbarkeit geht, um am Ende verändert, bestenfalls gestärkt dazustehen. Solche Individual-Stories seien aber inkompatibel mit einem globalen und kollektiven Phänomen wie dem Klimawandel.

Der Essay liefert spannende Anregungen, um das Strukturdefizit, das Ghosh der Gegenwartsliteratur bescheinigt, ins Semiotische weiterzudenken: Auch in Anbetracht des Klimawandels verschieben und überlagern sich alte und neue Bedeutungen von Zeichen. Die Kerosinstreifen am Himmel stehen für mich nicht mehr vorrangig für Reisen zu exotischen Zielen, sondern für den hohen CO²-Ausstoß des Flugverkehrs. Das Meer mag noch immer Sehnsuchtsort für dahinschippernde Kreuzfahrer sein, es ist wegen seines steigenden Pegels aber zugleich der erste Austragungsort, die große Gefahrenquelle des Klimawandels geworden. Und die sogenannte große Bleiche im Great Barrier Reef entzieht einem gar das ikonographisch Prägendste einer Gegend, von der wir alle ein kunterbuntes koralliges Bild im Kopf haben, nur um es durch sein Gegenteil zu ersetzen: Es gibt nur noch erblasste, sterbende Meersträucher zu sehen. So wird die Einschätzung der Umgebung eine andere, die Natur wird behutsamer, kritischer, zugleich voller Interesse und Aufmerksamkeit neu erfasst. Das mag auch miterklären, weshalb gerade Bücher, die sich mit Naturbereichen wie dem Wald („Das geheime Leben der Bäume“ von Peter Wohlleben) oder Tieren („Naturkunden“-Reihe bei „Matthes und Seitz“) beschäftigen, so erfolgreich sind.

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Richtig Tiere essen?! – The ethical Carnivore von Louise Gray

Louise Gray zieht aus, um ein Jahr lang nur das Fleisch von Tieren essen, die sie eigenhändig getötet hat und scheitert bereits im Vorwort fast an einem Kaninchen. So führt sie in den Kampf ein, den sie ausfechten muss, im Umgang mit tödlichen Waffen, Vorurteilen von Jägern und Jägern gegenüber, der Ignoranz, aber auch dem Unwissen, von Konsumenten beim Erwerb von eingeschweißtem Fleisch an der Theke. Ihr Kampf ist zu Beginn aber vor allem ein Ringen mit sich selbst. Möchte ich Tiere töten? Was fühle ich, wenn ich Tiere töte und muss ich wirklich ein Leben nehmen, nur um etwas zu essen?

Fleischessen als Thema ist inzwischen derart aufgeladen, dass sich in Diskussionen schnell Fronten bilden. Gray ist aber neugierig und unvoreingenommen, sie spricht ehrlich über ihre Bedenken beim Töten und noch ehrlicher zum Beispiel über den Abscheu, den sie bei ihrem ersten Schlachthofbesuch empfindet. Sie erkennt die offensichtlichen Vorteile der Reduzierung des Fleischkonsums (Reduzierung von Treibhausgasen, Gesundheitsaspekte für den Konsumenten, Schonung von Ressourcen, Verminderung von tierischem Leid etc.), gibt aber zu dass es auch ihr nicht immer leicht fällt, vegetarisch oder vegan zu leben.

Richtig Tiere essen?! ist dabei keine martialische Reise von Schlachthof zu Schlachthof. Gray beginnt mit dem Töten von Austern und erkundet dabei die Austernbänke ihrer Heimat, sie geht Angeln und schreibt über die Überfischung der Meere und Lachswanderungen, das Schießen von Tauben und Grauhörnchen sind Anlass für Ausführungen zu Fressfeinden und natürlichem Lebensraum in Wald und Flur. Die Probleme der Massentierhaltung sind selbstverständlich eines der Hauptthemen des Buchs, aber auch diese werden differenziert dargestellt, denn Massentierhaltung bedeutet nicht zwangsläufig mehr Leid für Kreaturen, sondern können durchaus zu Vorteilen für Halter, Tier und Konsument führen.

Louise Gray war fünf Jahre „Environment Correspondent“ für The Daily Telegraph, ein Jobtitel unter dem ich mir nichts vorstellen kann. Ihre Themen – u.a. Klimawandel, nachhaltige Landwirtschaft – lassen dann aber doch ein gewisses Profil vermuten, das Richtig Tiere essen?! im Verlauf der Lektüre bestätigt. Es gibt Zeigefinger – wie könnte man nicht bei der allfälligen Ignoranz – in diesem Buch, aber Gray ist keine verbohrte Dogmatikerin, sie möchte nicht belehren, sondern differenziert und ruhig Vor- und Nachteile aufzeigen. Der Leser möge dann selbst entscheiden. In diesem Buch gibt es keine Schocker [dafür bitte nach unten scrollen], es ist die persönliche Geschichte der Suche nach der richtigen Ernährung.

Richtig Tiere essen?! ist ein gelungener Anlass das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen und wenn schon nicht ganz auf Fleisch zu verzichten, dann doch wenigstens bewusster auszuwählen und hoffentlich bewusster zu genießen.

Weiterführende Informationen:

Der Rezensent verfügt ebenfalls über Erfahrungen im Schlachten (von Schweinen), die man hier nachlesen kann.

Jonathan Safran Foer hat sich in Tiere essen vornehmlich in den USA die Massentierhaltung vorgeknöpft.

Jamies Oliver wird geliebt und gehasst, gerade weil er sich zum Volksaufklärer der Briten aufgeschwungen hat. Schocker erzeugen Aufmerksamkeit und vielleicht hinterfragt man dann auch mal was:

Cowspiracy gehört ebenfalls zum harten Scheiß (aber weil Fleisch”produktion”) eben der harte Scheiß ist. Den Film gibt es inzwischen bei Netflix

Die Konsequenzen der globalen Lebensmittelproduktion auf unser Ökosystem, unsere Gesundheit und Wirtschaft, noch recht neu bei Netflix, die hauseigene Serie Rotten in mehreren Teilen, die sich jeweils einem Thema (Honig, Allergien, Geflügel-, Milchindustrie, Fisch) widmen. Eine True Crime Serie (!)

ARD Brisant hat zur Weihnachtszeit Gänse auf dem Marktplatz schlachten lassen, kam super an.

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Worüber man spricht

Manchmal versagt man ja völlig. Oder zumindest ich tue das. Ich habe einen Bekannten, den ich eigentlich gar nicht so gut kenne, ein Freund von Freunden eben, der mich eigentlich immer, wenn ich ihn treffe, mit irgendwelchen relativ langweiligen Klischees über Frauen nervt. Und man sagt dann so, was man eben so sagt: Dass das Quatsch sei, dass das nicht witzig sei, dass man selbst das anders sehe. Neulich traf ich ihn zufällig auf der Straße, und kurz bevor wir uns verabschiedeten näherte sich eine Gruppe schwarzer Jungs dem Ort, an dem wir standen, was er – übrigens: promovierter Historiker, falls immer noch jemand meint, derlei Geschwätz käme nur von Leuten, die es gar nicht besser wissen können – mit „Oh, schau mal, Schokos“ kommentierte. Und ich schaute ihn nur ungläubig an und sagte: Nichts. Er redete einfach weiter, und ich hatte nichts gesagt. Und ich war danach eigentlich wütender auf mich als auf ihn. Man kann andere ja in der Regel nicht ändern, man kann ihnen nur widersprechen, aber für das eigene Verhalten kann man etwas. Und da habe ich versagt.

Ich weiß nicht so genau, warum man manchmal etwas sagt und manchmal nichts. Ich darf mich aber nicht vorschnell von dem Verdacht gegen mich selbst lossprechen, dass es mir leichter fällt, bei Sprüchen über Frauen klar zu reagieren als bei Sprüchen, die mich selbst nicht betreffen, sondern andere. Und ich vermute, ähnliches gilt für öffentliche Debatten: Dass die Frage danach, was sagbar und unsagbar ist, eine Frage der Macht ist, ist ja sei Foucault bekannt. Aber dass das, worüber man spricht, welche Themen wiederholt aufgegriffen und debattiert werden, auch eine Frage der Sensibilisierung und der persönlichen Betroffenheit ist, ist eben gerade Journalisten aus der agenda setting-Forschung vermutlich deutlicher bekannt als mir.

Worüber spricht also das Feuilleton, der journalistische Betrieb, und damit vielleicht überhaupt: die kulturell interessierte Öffentlichkeit und mit welchen Worten? Seit einem halben Jahr debattiert man über die Wand einer Berliner Hochschule und ist sich dabei mitunter nicht zu schade, das Vokabular der höchsten Eskalationsstufe (den Vogel schoss hier, ich schrieb das bereits an anderer Stelle, für mich Denis Scheck ab, der von „Kulturtaliban“ sprach) zu verwenden, was nicht nur eine Debatte erheblich erschwert, sondern auch völlig die Relationen aus den Augen verliert. Eine Debatte macht man auch nicht leichter, wenn man die Gegenseite einfach als „dumm“ abwertet, übrigens, insbesondere das geschah ständig. Dass man privat so redet, wenn man sich die Empörung von der Seele (wenn man so will) reden will: Geschenkt. Aber dass man öffentlich so redet, wenn man ein Massenmedium bedient, das ist vielleicht schon schwieriger. Seit bald einem Monat debattiert man – losgetreten von ein paar Berliner Publizisten – über die politische Einstellung eines Theaterkritikers, auch hier mitunter mit dem Vokabular der höchsten Eskalationsstufe, auf allen Seiten: Da ist von „sechs Millionen“ bis „Nazijäger“ alles geboten. Dass Worte auch der Gefahr der Abnutzung ausgesetzt sein könnten, dass man durch dergleichen zu Desensibilisierung beitragen kann, dass man dafür eine Verantwortung tragen könnte, wenn man öffentlich spricht, scheint irgendwie manchen entfallen zu sein. Dass man nicht miteinander sprechen kann, wenn man so unsachlich spricht – wobei natürlich ausdrücklich dazugesagt werden muss, dass es auch viele sachliche, gute Artikel gab, dass wieder mal natürlich nicht alle gemeint sind, aber eben auch ein paar nicht so tolle. Dass man überhaupt nicht miteinander sprechen kann, wenn es bei den Redebeiträgen jeweils mehr um Selbstpositionierung und Beziehungskundgabe, spricht: um eigene und zugeschriebene Identitäten, um eigene und fremde Netzwerke geht als um die Sache.

Wie so etwas losgehen kann, hat man Mitte letzten Jahres wiederum an einem Berliner Fall sehen können: Ulf Poschardt, Chefredakteur der WELT, postete auf Facebook einen Link zur Schließung des Berliner Buchladens „Topics“, die angeblich auf Aktivitäten der Antifa zurückzuführen ist und fragte in die Runde, ob das stimme. Hannah Lühmann, Redakteurin bei der WELT, meldete sich, kommentierte darunter, sie wohne um die Ecke und würde sich das mal anschauen. Ich erwähne diesen Teil der Geschichte, weil es ein bisschen interessant ist, wie strukturell ähnlich die Feuilletondebatte zu dem Antifa-Shitstorm, gegen den sie sich kritisch wenden wollte, entstanden ist. Daraufhin entstand ein Artikel, der den Schluss doch nahelegte, an der Schließung des von jüdischen Betreibern geführten Buchladens seien die Anfeindungen durch den links geprägten Kiez und die bedrohte Sicherheit wegen eines Antifa-Shitstorms (der allein im Internet, nie real stattfand) Schuld. Vor allem aber trat dieser Artikel eine überregionale Welle des Interesses los. Dass der Laden schon Monate davor finanziell schwach aufgestellt war und wohl eher deswegen schließen musste, erfuhr man dann später. Genauso wie dass es sich bei denen, die den Shitstorm losgetreten hatten, mitnichten um Antideutsche handelte. Was nun genau dazu geführt hat, dass der Laden nicht lief: Wer weiß. Was aber zu dem virtuellen Antifa-Shitstorm geführt hat, wurde in allen Artikeln – und beinahe alle regionalen wie überregionalen Zeitungen, Welt, SZ, Zeit, Freitag, Stern und andere schrieben über dieses Thema – nur halb erwähnt: Zwar erwähnten alle, dass der Laden auf Facebook angegangen und für seine „Rechtsoffenheit“ kritisiert wurde, nachdem er eine Veranstaltung ankündigte, bei der der D. C. Miller, der zum Dunstkreis der Alt-Right gehört, über Julius Evola, der eben nicht nur Esoteriker, sondern auch Faschist war, sprechen sollte. Manche Artikel erwähnten sogar noch, dass das Topics schon zuvor – übrigens ohne weitere Protestaktionen oder ähnliches, soweit mir das bekannt ist – „rechtsoffene“ Veranstaltungen, z.B. mit jemandem aus dem Umfeld der „Jungen Freiheit“ durchgeführt hatte. Niemand, selbst die nicht, die den ursprünglichen Shitstorm-Auslöser, einen Facebookpost von „TOP B3rlin“, zitierten, erwähnte, in welchem Kontext dieser Boykottaufruf stand, der Wortlaut des Facebookposts war:

„Seit über drei Monaten erlebt Neukölln eine rechte Anschlagserie. Ein Höhepunkt war als Nazis versucht haben das k-fetisch anzuzünden, was glücklicherweise nicht funktioniert hat.

Und nun soll ausgerechnet ein paar Meter weiter, im Buchladen Topics Berlin, am Donnerstag ein Vortrag stattfinden, der Julius Evola (Faschist, intellektueller Stichwortgeber für italienische Nazis und die Neue Rechte) als “complex, misunderstood and increasingly powerful thinker” darstellen soll.

Also trommelt alle eure Punkerfreunde und ihre Hunde zusammen und schaut am Donnerstag mal bei diesen Eso-Hipstern vorbei.“

Tatsächlich schaute niemand bei den „Eso-Hipstern“ vorbei, und selbstverständlich ist so eine Drohung indiskutabel. Es gab einen Shitstorm auf Facebook. Das wars. Schlimm genug vielleicht. Aber bemerkenswert war es doch: Wie in all den vielen Artikeln über die Schließung des Topics konsequent ignoriert wurde, dass der Anlass für den Facebookpost nicht schlicht irgendeine potentiell rechtsoffene Veranstaltung war, sondern: Diese Veranstaltung im Kontext der bereits seit Monaten andauernden Anschlagserie durch rechts.

Diese Anschlagsreihe, die nun schon ein Jahr andauert und zumindest von der regionalen Polizei, wenn schon nicht von der überregionalen Presse, ernst genommen wird, hat bislang nur dann wirklich ihren Weg in eben diese überregionale Presse gefunden, wenn Stolpersteine gestohlen wurden. Immerhin dann, das ist ja wohl auch das Mindeste. Es gibt nur wenige Ausnahmen, beispielsweise einen Artikel in der Stuttgarter Zeitung oder einen Beitrag beim Deutschlandfunk, soweit ich das sehe, fehlen all die großen Zeitungen, die sich alle wortreich zur Schließung des Topics äußerten.

Zu dieser Anschlagserie gehören auch zwei Angriffe auf eine andere Buchhandlung: Das Leporello. Erst wird das Auto des Betreibers angezündet, dann werden die Scheiben des Ladens eingeworfen. Das war im Dezember 2016/Januar 2017. In der Nacht vom 31.1. auf den 1.2.2018, ist erneut das Auto des Buchhändlers angezündet worden, ebenso wie das Auto eines Politikers der Linken, man geht erneut – wie in der ganzen Anschlagsreihe – von mutmaßlich rechten Tätern aus, gefasst sind diese aber nicht. Ist das der Grund dafür, dass dieser Fall anscheinend überregional die Presse kaum interessiert, jenseits der linken Presse (TAZ, neues deutschland, Jungle World)? Das ist für mich wirklich eine offene Frage: Wie kann es sein, dass der eine Buchladen (Topics) überregional zum Thema wird – wegen eines linken Online-Shitstorms – und der andere Buchladen (Leporello) ein regionales Problemchen bleibt, trotz ganz realer Übergriffe von rechts? Die Süddeutsche veröffentlichte wenigstens die dpa-Nachricht. Der Spiegel berichtete immerhin mit einem kurzen Artikel. Der Focus mit einem längeren. Ansonsten weithin: Relatives Schweigen, einige überregionale Zeitungen teilen nicht einmal die entsprechenden Agenturmeldungen, die WELT teilt diese erst am 5.2.2018. Überregionale Zeitungen, die die Sache für wichtiger halten, als gerade mal wichtig genug, um eben die Agenturmeldung weiterzugeben, sind eben selten.

Wie genau kann es sein, ich schweife kurz ab in den Bereich journalistischer Berichterstattung im Allgemeinen, dass ich in jeder großen Zeitung seit Monaten detailreiche Homestorys über die Rittersleut zu Schnellroda lesen kann, zuletzt über Ellen Kositza in der ZEIT, die einfühlsam, nahezu sympathisch und völlig unanalytisch dargestellt wurde, als wären ihre Bemerkungen über Dressurreiten nicht eine Steilvorlage zur Analyse ihrer Person auf die Frage hin, wie viel autoritäre Persönlichkeit in ihr steckt? Wer diesen Artikel gelesen hat, denkt doch danach im schlimmsten Fall „Ach, die Kositza, mag’s eben ordentlich, bäckt gerne Brot und liest ein gutes Buch.“ Dabei ist dieses Schwärmen für die Einheit von Befehl und Gehorsam mitnichten einfach Ausdruck ästhetischer Vorlieben für „Formstrenge“, sondern meinem Eindruck nach Ausdruck einer autoritären Persönlichkeitsstruktur, und wer sich mal in Adornos „Studien zum autoritären Charakter“ den Typ „Spinner“, der dort beschrieben wird, ansieht, wird noch weitere interessante Parallelen finden: Typischerweise werden vom „Spinner“ die anderen Leute als einfältige Schwätzer abgetan, weil sie keinen gesunden Menschenverstand haben, typischerweise hält sich der „Spinner“ für intellektuell überlegen, er will „Eindruck machen“, typischerweise isoliert sich der „Spinner“ von der Gesellschaft, hat ein „pathologisches Gefühl innerer Überlegenheit, als gehöre er einem geheimen Orden an“, so Adorno. Man könnte das alles durchanalysieren oder eine solche Homestory einfach einen Experten aus der Populismus- oder Extremismusforschung schreiben lassen. Aber zumindest hinter die analytischen Ergebnisse zu solchen Persönlichkeiten aus der Mitte des letzten Jahrhunderts zurückfallen sollte man vielleicht nicht. Und wenn man weiß, dass ein Kernmerkmal der Neuen Rechten das Übertragen von „linken“ Konzepten nach „rechts“ ist, muss man vielleicht nicht auch noch bereitwillig mithelfen, indem man Kositza irgendwie zu einem Beispiel für rechten „Feminismus“ (welche Bedeutung hat denn dann dieser Begriff, wenn er offensichtlich nicht mehr emanzipatorisch zu denken ist?) macht und in der Überschrift „nebenbei: knallrechts“ schreibt, sich also ein Zitat von ihr aneignet, mit dem suggeriert wird, das wäre irgendwie eine Eigenschaft neben anderen – Pferdeliebe, Spazierengehen, Haare blondieren. Ich bin gar nicht grundsätzlich dagegen, auch mal über solche Leute zu berichten, sie und ihr Weltbild verstehbar zu machen – aber ob diese Leute wirklich so viele so lange Artikel bekommen müssen, ob „verstehbar“ nicht auch analytischer ginge, da habe ich doch meine klaren Zweifel.

Und warum lese ich keine Homestorys über Buchhändler, die seit über einem Jahr trotz Angriffen und trotz des Gefühls, beobachtet zu werden, sich weiterhin trauen, sich klar gegen Rechts zu positionieren? Die würden mich nämlich mehr interessieren: Leute, die den Mut haben, für das zu stehen, was sie für richtig halten, sofern das, was sie für richtig halten, nicht die Abwertung von Menschen beinhaltet. Jedenfalls würde mich das deutlich mehr interessieren als raunende Ziegenhirten aus dem Hinterland. Warum kann ich nicht einmal breiter etwas darüber erfahren, wie es zu dieser Anschlagreihe kam und warum gerade dieser Buchladen so massiv von ihr betroffen ist? Das würde mich nämlich wirklich interessieren. Es muss doch da Hintergründe geben, die erzählenswert wären. Ich wohne halt nicht in Berlin, ich kann nicht mal eben hingehen und mir die Sache anschauen. Ich bin darauf angewiesen, dass andere recherchieren und dann fundiert darüber schreiben.

Ich weiß nicht, warum Journalismus manche Debatten so hochkocht und andere so liegen lässt. Haben Berliner Publizisten Angst, selbst Angriffsfläche für rechte Übergriffe zu werden, wenn sie darüber schreiben, ist das der Grund? Ich weiß nicht, ob Verteilung dessen, worüber gesprochen wird und worüber nicht, mit Macht zu tun hat, dazu habe ich zu wenig Einblick. Ich weiß nicht, ob es mit persönlicher Betroffenheit zu tun hat, möglich scheint es schon, aber auch um das beurteilen zu können, fehlt mir die Kenntnis über Netzwerke. Von außen betrachtet sieht das agenda setting ehrlich gesagt eher recht kontingent und mitunter – vor allem wenn es um die Debatten der letzten Wochen und Monate geht – , und mir ist klar, dass ich nun auch unsachlich werde: eher nach einer betrunkenen Wirtshausschlägerei aus, bei der dann doch noch jeder auch nochmal mitmischen will: Einer brüllt los und dann denken alle anderen, dass sie mitbrüllen müssen. Diese Frage könnte man ja mal stellen: Wie nahe sind manche Debatten und Debattenbeiträge, was ihre Dynamik, ihre Psychologie und ihre Aufmerksamkeitsökonomie angeht, inzwischen eigentlich vereinzelt schon am Shitstorm? Muss man sich manche Dynamiken, auch hinsichtlich der Gefahr, die von der Personalisierung von Sachfragen ausgeht, nicht vor Augen halten, um eine gewisse Debattenkultur zu erhalten (oder mancherorts: überhaupt erst herzustellen)? Was verändert das Internet mit seinen Wegen und Möglichkeiten der Aufmerksamkeitsgenerierung und Informationsdistribution schleichend (?) im Journalismus? Und das ist eine Frage, die ich mir selbst schon auch stellen muss, klar, denn im Gegensatz zum Journalismus schreibe ich vom Netz aus. Aber ich stümper hier ja auch nur so rum.

Und, zudem: Warum kommt es zu überregionaler Presse-Erregung mit schöner Regelmäßigkeit dann, wenn man „Linken“ nachweisen zu können meint, sie wollen die Meinungsfreiheit beerdigen und abweichende Meinungen mundtot machen (unabhängig davon, ob nun eine Wand in Berlin gestrichen, ein Buchladen in Berlin geschlossen oder ein Bild in Manchester abgehängt werden soll – ohne abzustreiten, dass hier kritischer Diskurs dringend notwendig ist), und eben nicht im Fall der rechten Übergriffe in Neukölln, wo „Rechte“ die Meinungsfreiheit bedrohen? Ich fände es ja schön, wenn Meinungsfreiheit ein Wert an sich wäre, nicht ein relativer Wert, der nur in Abhängigkeit davon, wer sie bedroht, Bedeutung erhält.

Wäre ich Journalist/Publizist, hätte ich ein Medium mit einer gewissen Reichweite und käme ich aus Berlin, wüsste ich im Moment, wo ich hingehen wollen würde, worüber ich recherchieren, mit wem ich reden wollen würde. Jedenfalls nicht mit jemandem aus Schnellroda. Irgendwo habe ich vor ein paar Wochen mal so ein Brecht-Zitat gelesen, keine Ahnung, in welchem Kontext, aber in dem Zitat ging es darum, dass in finsteren Zeiten ein Gespräch über blaue Blumen* ein Verbrechen sei. Ich weiß nicht, ob das so ist. Aber in Zeiten, in denen ganz real das Auto eines Politikers der Linken und das Auto eines Buchhändlers brennen, und das zum wiederholten Mal, ist möglicherweise ein ausuferndes Gespräch über die politische Haltung eines Theaterkritikers nicht ein Verbrechen, aber vielleicht nicht das Erste, was mir einfiele.

*(weil manche fragen: könnte Absicht sein, ja; aber wenn man den Gag erklären muss, war er wohl einfach schlecht – zu spät, jetzt ist es so)

(Beitragsbild: Adriaen Brower – Peasants Fighting)

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Caroline Pichler (1769-1843) und die erste Gesamtausgabe der Werke einer österreichischen Autorin

Die vor Kurzem vorgestellte Therese Huber korrespondierte unter anderem mit Caroline Pichler, deren Kontakt zu Dorothea Schlegel ja bereits erwähnt wurde – auch zu anderen Romantikerinnen hatte Pichler Kontakt. Weibliche Autorinnen waren früher durchaus vernetzt, sowohl untereinander, als auch mit männlichen Autoren, eine Literaturgeschichte, die diese Netzwerke wechselseitiger Lektüre und Inspiration auflöst zugunsten allein der Männer, die als Genies ihre Ideen allein aus sich schöpfen, ist damit doch etwas einseitig.

Die am 07.09.1769 in Wien geborene Caroline Pichler war – ähnlich vielleicht wie Johanna Schopenhauer – eine außergewöhnlich selbstbewusste Autorin, und dies könnte auch daran gelegen haben, dass sie aus einem außergewöhnlichen Elternhaus stammte. Ihre Mutter, Charlotte Hieronymus, hatte selbst eine bemerkenswerte Biografie, war sie doch als Waise von Kaiserin Maria Theresia zur Vorleserin nicht nur von Literatur, sondern auch von Korrespondenzen und Akten ausgebildet worden und war damit eine für ihre Zeit bemerkenswert gebildete Frau, die zudem die Gunst der Kaiserin genoss. Mit ihrem Mann, dem Hofrat Franz Sales von Greiner, machte sie ihr Haus zu einem der künstlerischen Zentren Wiens ihrer Zeit. Hier wuchs Caroline Pichler auf, erhielt eine gute Ausbildung, lernte mehrere Fremdsprachen und erhielt Gesangs- und Klavierunterricht von Mozart und Haydn. Bereits im Alter von zwölf Jahren trug sie im Salon der Eltern ihr erstes Gedicht vor, dass bald darauf im „Wiener Musenalmanach“ gedruckt wurde.

1796 heiratete sie den Regierungssekretär Andreas Pichler, mit dem sie eine Tochter bekam und den Salon der Eltern fortführte: Zahlreiche Künstler wie Intellektuelle der Zeit gingen hier aus und ein, unter anderem Madame de Staël, die Gebrüder Schlegel, Grillparzer, Oehlenschläger, Wilhelm von Humboldt, Henriette Herz, Theodor Körner. Bereits ihr erster Roman „Gleichnisse“ von 1799 wurde ein Erfolg, der Durchbruch gelang 1808 mit „Agathokles“. In dessen Vorwort erläutert sie das Anliegen des Romans und vergleicht sich mit namhaften Autoren: „Hier spricht nicht nur eine gebildete Frau, die englische und französische Werke, Literatur und Wissenschaft, im Original sofort bei Erscheinen rezipiert, sondern auch eine Frau, die ohne Minderwertigkeitskomplexe Autoritäten kritisch hinterfragt, eigene Positionen bezieht und die sich selbst in eine Reihe mit Gibbon und Chateaubriand stellt – ein Selbstbewusstsein, dass wir bei Schriftstellerinnen nach ihr lange vermissen werden.“[1] In „Agathokles“ verhilft der gleichnamige Held im Jahr 300 nach Christus Constantin, dem späteren Augustus, zur Flucht aus dem Gefängnis und vor der Hinrichtung durch Galerius – damit kann sich das Christentum, das hier für Fortschritt, nicht wie bei Gibbon für den Zusammenbruch des Imperiums steht, aufgrund des Selbstopfers von Agathokles im Römischen Reich durchsetzen.

Caroline Pichler hat ihren Platz in der Welt der Literatur nicht zu Unrecht selbstbewusst für sich beansprucht: Sie hat tatsächlich ihre Fußspuren in der Literaturgeschichte hinterlassen. Sie trat überzeugt und klar vor dem historischen Hintergrund napoleonischer Eroberung für einen österreichischen Nationalismus ein und prägte so das Entstehen der Gattungen patriotischer Heldengedichte und historischer Romane in Österreich mit. Sie verfasste Werke aus allen Gattungen: Lyrik und Prosa sowie Dramen, die häufig am Wiener Burgtheater gespielt worden sind, häufig mit habsburgisch-historischem Sujet. Insbesondere ihre Romane geben aber auch Einblick in die zeitgenössische Gesellschaft.

Sie gilt als eher konservative Autorin, nicht nur aufgrund ihres Nationalismus (inwiefern man diesen zu ihrer Lebzeit als “konservativ” bezeichnen kann, ist ja ohnehin fraglich), sondern auch aufgrund ihres Frauenbildes, wie es beispielsweise in dem Briefroman „Frauenwürde“ von 1818 zum Ausdruck kommt: Der Roman erzählt von dem Baron Ludwig Fahrnau und seiner Frau Leonore, die zur Zeit der Besetzung deutscher Gebiete durch Napoleon allerlei Schwierigkeiten in ihrer Ehe zu überwinden haben, die zum einen im politischen Zeitgeschehen mit seinem Gegeneinander von Anhängern der Franzosen und deutschen Patrioten wurzeln, in das sie hineingezogen werden, zum anderen aber in einer Liebesbeziehung zwischen Ludwig Fahrnau und der romantischen Dichterin Rosalie. Auf einer tieferen Ebene geht es in diesem Roman auch um die Bewertung weiblicher Lebensentwürfe, und dabei wird Rosalie, die sich der traditionellen Frauenrolle entzieht und mit ihren Werken an die literarische Öffentlichkeit tritt, negativ bewertet – immerhin trägt sie dem Roman zufolge die Schuld an den Eheproblemen der Fahrnaus. Leonore Farnau dagegen ist zwar eine hochbegabte Malerin, überschreitet aber dabei nie die häuslichen Grenzen, da sie nur im Privaten malt, zudem wird sie als „wahre Vertreterin weiblicher Würde, die nicht nur einer oberflächlichen Konvenienz huldigt, sondern Schein und Sein unterscheiden kann“, entworfen.[2] Wie diese negative Wertung der schriftstellerischen Tätigkeiten von Rosalie zu Pichlers eigenen Autorschaft passen kann, bleibt dabei fraglich.

Die letzten Jahre ihres Lebens verbrachte sie bei ihrer Tochter, bis sie am 09.07.1843 Selbstmord beging, dessen Gründe ungeklärt sind – unterschiedliche Quellen berichten aber von einer schmerzhaften Krankheit in der letzten Lebensphase, die ein Grund gewesen sein könnte. Sie ist die erste Autorin Österreichs, deren Werke in einer Gesamtausgabe – mit immerhin 60 Bänden – herausgegeben worden sind und entsprechende Wirkung auf die Nachwelt entfalten konnten.

Werke u.a.: Gleichnisse 1800; Idyllen 1803; Leonore. Gemälde aus der großen Welt, 2 Bde. 1804; Ruth 1805; Agathokles 1808;  Die Grafen von Hohenberg 1811; Biblische Idyllen 1812; Germanicus. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen 1813; Gedichte 1814; Mathilde. Libretto für die Oper von August Mayer 1818; Frauenwürde, 2 Bde. 1818; Olivier 1821; Die Nebenbuhler, 2 Bde. 1821; Ferdinand der Zweite 1822; Amalie von Mannsfeld 1822; Die Belagerung Wiens von 1683 1824; Die Schweden in Prag 1827; Die Wiedereroberung von Ofen 1829; Friedrich der Streitbare 1831; Henriette von England 1832; Zeitbilder 1840; Denkwürdigkeiten aus meinem Leben, postum 1844.

[1] Sigrid Schmid-Bortenschlager: Österreichische Schriftstellerinnen 1800-2000. Eine Literaturgeschichte, Darmstadt 2009, S. 30.

[2] Eva Kammler: Frauenwürde (1818), in: Gudrun Loster-Schneider/Gaby Pailer (Hgg.): Lexikon deutschsprachiger Epik und Dramatik von Autorinnen (1730-1900), Tübingen/Basel 2006, S. 339.

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Die Kirche im Dorf und den Messias in der Bibel lassen / über Simon Strauß und den TAZ-Artikel von Alem Grabovac

[Dieser Text wurde von mir als Leserbrief an die TAZ geschrieben und dort auch – selbstverständlich ob der Länge stark gekürzt – als Leserbrief abgedruckt. Ich habe ein bisschen etwas verändert, vor allem zwei längere, jeweils durch eckige Klammern gekennzeichnete Passagen gegen Ende ergänzt, und hoffe, dass durch diese deutlich wird, warum ich das hier geschrieben habe und jetzt zusätzlich in vollständiger Länge online stelle. Der Text spiegelt, wie immer auf 54books, meine Position und nicht die meiner Mitblogger, die mit dem Thema gar nicht befasst sind.]

Am 08.01.2018 erschien in der TAZ der Artikel „Treibstoff für die Reaktionären“ von Alem Grabovac, in dem Simon Strauß doch recht heftig angegriffen – und ich halte dieses für das richtige Verb, nicht „kritisieren“ – wurde, in dem die apokalyptische Vision beschworen wurde, Simon Strauß könne der „Messias der deutschen Literatur“ werden, was deswegen schrecklich wäre, weil er angeblich im Gewand der Romantik Pamphlete der Neuen Rechten schreibe. Der Artikel war mit „Debatte zum Schriftsteller Simon Strauß“ überschrieben und ich möchte das Wort „Debatte“ gerne ernst nehmen und dem etwas entgegnen. Der Artikel kämpft gegen einen Strohmann, was deswegen unschön ist, weil der Autor seine Zeit und seine Intelligenz auf jemand hätte investieren können, der wirklich rechts ist, davon laufen derzeit ja genug herum, statt sich ein Feindbild zu konstruieren, das vor allem auf einer nur sehr kursorischen, doch recht großzügig Passagen weglassenden Lektüre der Texte von Simon Strauß beruht.

Ich habe Simon Strauß durchaus auch kritisiert, bzw. nicht ihn, sondern sein Buch „Sieben Nächte“. Ich […] habe einen Verriss zu diesem Buch geschrieben, der auch ein paar Mal geteilt wurde – wie oft er gelesen wurde, weiß ich nicht, ich habe keinen Zugriff auf die Blogstatistiken und so etwas interessiert mich auch nicht. Was mich interessiert, ist Arbeit am Text, ist der Versuch, Texte zu verstehen. Und zu diesem meinem Verriss zu „Sieben Nächte“ kann ich im Nachhinein, und es ist mehrere Monate her, dass ich ihn geschrieben habe, nur sagen, dass es kein guter Text ist, weil ich den Roman aus einem Beißreflex heraus nicht verstanden habe und wohl auch nicht verstehen konnte. Mich hat die Problemstellung des Protagonisten, der Angst vor der Sicherheit des Erwachsenenlebens hat, und die Bezeichnung dieses Problems und des Buches im Feuilleton als „Generationenproblem/roman“ wirklich getroffen, denn ich hatte das Gefühl, dass hier mir und einem geraumen Teil der Leute, die mein soziales Umfeld bilden, schlicht abgesprochen wird, auch da zu sein, obwohl wir auch zu dieser Alterskohorte gehören. Meine Freunde und ich, wir haben, als wir Teenager waren, durchaus Zukunftsträume gehabt. Wir wollten einen sicheren Job, wir wollten genug verdienen, um unsere Familien finanziell unterstützen zu können, um die Renten unserer Eltern aufbessern zu können, wenn das nötig sein sollte. Wir wollten sichere Jobs und nicht auf irgendein Amt angewiesen sein, viel mehr nicht. Wir gehören auch zu der Generation, der hier zugeschrieben wird, ihr größtes Problem sei zu viel Sicherheit. Das machte mich wütend und davon ausgehend habe ich den Text nicht mehr an dem gemessen, was er sein wollte: Unmittelbarer Gefühlsausdruck, ohne eben viel Durchkonzipierung oder ähnliches. Ich bin ohnehin kein sehr gefühlvoller Mensch, auch Gefühle muss man sich leisten können, aber dennoch war damit falsch, was ich dem Text vorwarf: Inkonsistenz, Pathos, Ungenauigkeit – weil ich den Text nicht an sich maß, denn ich warf ihm genau das vor, was er wollte, statt zu sagen: Das will er, genau das macht er, aber ich kann damit nichts anfangen. Und ich tat das in einem Ton, den ich heute zurücknehmen wollen würde, auch wenn ich nach wie vor zu meiner Lesart des Textes stehe, weil es eben eine Lesart ist. Der Verriss war dennoch falsch und unfair. Fair dagegen war die Reaktion von Simon Strauß darauf, der mir eine eMail schrieb und sich dafür bedankte, dass ich den Text so genau gelesen habe. Und als ich die Mail las, musste ich lachen, weil ich nicht wusste, wie ich hätte reagieren sollen, weil es so beschämend war, dass es mich getroffen hat: Ich hätte nicht so auf eine in diesem Ton vorgebrachte Kritik an einem Text von mir reagieren können, schätze ich. Mir fallen überhaupt nicht viele Leute ein, die so mit Kritik umgehen.

Nun behauptet der Artikel von Alem Grabovac, unter anderem ausgehend von diesem Roman, Simon Strauß sei rechts oder rechtsoffen, und natürlich zitiert er einschlägige Stellen, mit denen man das belegen kann. Dass der Roman aber hochgradig inkonsistent ist, dass genau das das Programm des Romans ist, erwähnt Grabovac nicht. Dass es Stellen gibt, an denen Strauß davon schreibt, dass man bei Demonstrationen statt Polizisten Zebras und Pandas einsetzen sollte. Dass der Roman das eigene Programm unterläuft, dass er vor allem das unterläuft, was Grabovac Strauß zuschreibt – dass er Ambivalenz ablehne –, indem der Text permanent so ambivalent bleibt, dass man eben keine klare Haltung des Protagonisten ableiten kann. Er widerspricht sich selbst ständig, manchmal von einer Seite auf die andere, der Text widerlegt sich selbst. Auch diesen Teil des Textes wird man ernst nehmen müssen. Und dann lässt sich daraus eben keine politische Haltung mehr ableiten.

Grabovac erwähnt weiter den Jungen Salon, den Simon Strauß mit Freunden gegründet hat, und leitet davon, dass dort auch einmal Götz Kubitschek eingeladen war, ab, dass Strauß zumindest Sympathien für die Neue Rechte habe, wenn er nicht sogar Teil von ihr sein sollte. Was Grabovac dabei verschweigt [oder doch zumindest unterbetont]: Dass dort eben wirklich auch Linke, auch Menschenrechtsaktivisten, auch Schriftsteller, Philosophen und Journalisten eingeladen waren, weil man eben tatsächlich mit allen reden wollte. Unerwähnt lässt Grabovac auch, wie das Treffen mit Kubitschek aus Sicht der Teilnehmer des Jungen Salons ablief, er erwähnt nur einen Bruchteil der Äußerungen Kubitscheks selbst, weil das eben besser zu der Behauptung passt, bei dem Zusammentreffen wäre es in irgendeiner Form zum Schulterschluss gekommen – dabei endete das Zusammentreffen in wechselseitiger Ablehnung: „Wir wollten mit allen reden und hatten keine Berührungsängste. Götz Kubitschek war unser Gast, bevor er der ziegenmelkende rechte Shooting-Star der Presse wurde, um seine Standpunkte zu hören und zu verstehen, wo sein nationalistischer Reaktionismus wurzelt und wie er ihn vertritt. Und vor allem, um ihm persönlich zu begegnen, denn das Gedankengebäude eines Gastes wurde mitunter doch arg von seinem Auftritt, seiner (Un-)Fähigkeit des Mitteilens und Hinhörens unterlaufen. Er hat sich bei uns nicht wohlgefühlt, brach danach als einziger Gast unsere Regel der Privatheit und schilderte uns aus Enttäuschung als Delfine, die auf den Wellen des Zeitgeistes schwimmen und sich nicht seiner speziellen Idee einer konservativen Revolution anschließen werden.“ Persönlich möchte ich auch nicht mit Rechten reden, ich könnte das auch nicht. Persönlich halte ich es auch im öffentlichen Diskurs – aber um eben diesen handelte es sich im Jungen Salon ja nun gerade nicht – für gefährlich, über die Forderung, man müsse mit Rechten reden, deren Haltungen diskutabel zu machen. Aber jeden, der versucht hat, mal mit Rechten zu reden, selbst zum Rechten zu machen, halte ich auch für gefährlich. Ist dann Klett-Cotta ein Verlag der Neuen Rechten, weil dort das Buch „Mit Rechten reden“ verlegt wurde? Wohl kaum. Genauso wenig ist Strauß schon deswegen rechts, weil er sich mal Kubitschek im Original anhören wollte. So wenig ich verstehen kann, was man sich davon verspricht.

Sodann geht Alem Grabovac auf das Konzept der „Ultraromantik“ ein, das er Simon Strauß zuschreibt und das er aus dem Artikel „Germany’s Romantic literary revival built on Blade Runner and seven deadly sins“ aus dem Guardian kennt. Und leider muss ich es so deutlich schreiben: Grabovac kann den Artikel nicht einmal ganz gelesen haben, sonst müsste er wissen, dass das Konzept der „Ultraromantik“ gar nicht das von Simon Strauß, so sehr dieser sich ebenfalls für eine Erneuerung der Romantik einsetzt, beansprucht wird. „Ultraromantik“, und das steht auch im Artikel im Guardian, geht zurück auf Leonhard Hieronymi, einen Berliner Künstler, Mitglied der „Rich Kids of Literature“, und hat erst einmal mit Simon Strauß nichts zu tun. Gemeinsam ist beiden nur der Bezug auf die Romantik. Hätte Grabovac den Artikel im Guardian ganz gelesen, wüsste er auch, dass am Ende eine Äußerung von Simon Strauß zitiert wird, aus der hervorgeht, dass er „schockiert“ über die guten Ergebnisse der AfD war, aber hoffe, dass es für diese jetzt, wo sie im Parlament Verantwortung übernehmen müsse, schwerer werde – und dass er mit Romantik eben nicht Deutschtümelei meint: „We have to find a new, more Romantic language to talk about Europe – that is something that Macron has started to do.“ Sind Sympathien für Macron jetzt typisch für die Neue Rechte?

Auch ich bin mir darüber im Klaren, dass Romantik zu einer gefühlsduseligen Verherrlichung von Nation, Blut und Boden führen kann [Nachtrag, 11.1.2018: Auch mit dem “neuen romantischen Aufbruch” und der Ultraromantik habe ich mich übrigens hier kritisch auseinandergesetzt]. Ich sehe nichts davon in den Artikeln von Simon Strauß, und auch diese habe ich gelesen, sicher nicht alle, aber doch ein paar. Strauß schreibt schon immer wieder mal Dinge, die ich nicht unterschreiben wollen würde, aber ich sehe nicht, wo diese weiter rechts stünden als die Äußerungen so vieler anderer FAZ, SZ oder Welt-Redakteure. Grabovac leitet aus Strauß‘ FAZ-Artikel „Deutschland döst“ ab, dieser habe die AfD gelobt. Tatsächlich steht in dem Artikel: „Die AfD ist die drittstärkste Partei Deutschlands geworden, 94 Sitze im Bundestag für eine rechtskonservative Gruppierung, die sich zuerst durch EU-Kritik profilierte, dann in internen Machtkämpfen aufrieb, aber stärker denn je zurückkehrte, weil keine andere Partei sich dazu aufraffen konnte, die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin vernünftig zu kritisieren.“ Das ist eine Aussage, wie wir sie in den letzten Wochen hunderte Male gelesen haben, und jeden Journalisten, der diese Diagnose formuliert hat, zum „AfD-Lobenden“ zu erklären, führt nun auch nicht unbedingt zu einem differenzierten Blick auf die Realität. Ich persönlich weiß auch nicht, warum Strauß hier unbedingt das Adjektiv „vernünftig“ verwenden musste. Aber meint er damit „klug“? Meint er damit kalte Vernunft? Meint er damit „lautstark“, in demselben Sinne, wie man „mal vernünftig auf den Tisch hauen“ kann? Ich weiß es nicht, auch ich bin mit der Formulierung unglücklich. Aber es gäbe ja einen einfachen Weg, herauszufinden, wie es gemeint ist: Man könnte Strauß einfach fragen.

Und auch zu diesem Artikel, „Deutschland döst“, möchte ich Grabovac gerne fragen, ob er ihn ganz gelesen hat: Am Ende des Artikels, und ich würde schon dafür plädieren, Textdramaturgie ernst zu nehmen, wahrzunehmen, dass das Textende keine neutrale Position ist, steht mitnichten Sympathie für die AfD. Im Gegenteil: Am Textende steht Sympathie für die Initiative „Kleiner Fünf“, die versuchen wollte, die AfD unter fünf Prozent zu halten. Strauß begründet seine Sympathie genau mit der Haltung, die ihn laut Grabovac zum Rechten macht: Die an der Initiative Beteiligten stehen für etwas, setzen sich für etwas ein. Und so verstehe ich die Artikel von Simon Strauß, bei aller Vorsicht, die auch ich der Romantik gegenüber für geboten halte: Da schreibt jemand, der sich wünscht, dass Leute sich wieder trauen, für etwas zu stehen – und damit meint er nirgends: Blut und Boden oder so etwas, sondern in der Regel: Europa, den Erhalt der liberalen Demokratie, Kunst, so Sachen. Ich lese da den Wunsch nach Mut, Aufrichtigkeit, Hoffnung auf Zukunft und Gefühl, und das sind alles Dinge, die ich – gerade eben in einer Situation, in der in der beispielsweise auch in der ZEIT neue Utopien gefordert wurden, vielleicht nicht zu Unrecht – schon auch wichtig finde. Ich habe nicht so sehr viel von Richard Rorty gelesen, aber die Idee, dass Gesellschaft von gemeinsamer Sprache und gemeinsamen Hoffnungen zusammengehalten werden kann, fand ich bislang weder direkt dumm noch irgendwie „rechts“. Kann man einem Autor, der selbst, seit er Schüler war, sich mit dem Holocaust beschäftigt hat, mit Schulfreunden ein Buch über Rolf Joseph geschrieben hat und noch heute mit diesen Freunden einen Rolf-Joseph-Preis verleiht, wirklich leichtfertig unterstellen, dass er Sympathien zur Neuen Rechten habe, weil er es befürwortet, wenn junge Leute für etwas stehen? Die Realität ist eine komplexe Angelegenheit, vielleicht müsste auch Grabovac das zur Kenntnis nehmen.

Ich weiß auch nicht, warum Strauß dabei immer wieder so für mich schmerzlich schräg formulieren muss. Ich weiß auch nicht, warum er sich ausgerechnet auf die „Tumult“ beziehen muss, wenn er Kunstautonomie fordern will. Ich persönlich würde diese Forderung lieber von Adorno ableiten. Aber was mich unendlich ermüdet, ist ein Aburteilen ohne das vorherige Bemühen um Verstehen. Man muss Strauß kritisieren dürfen, wenn er schwierig formuliert, ohne Frage. Und ich habe ihn als jemanden erlebt, der mit Kritik offen umgeht, der dazulernen möchte, der verstehen lernen möchte, warum Leute Dinge anders sehen und aussprechen als er. Vielleicht könnte man das in Zukunft ja einfach mal ausprobieren, zwei bis drei Gänge im Ton zurückfahren, und auf Diskurs setzen.

Vor einigen Wochen habe ich Simon Strauß getroffen. Wenn man wie ich in Bayern lebt, dann kommt man schwerlich durch den Alltag, ohne mal Konservative, Reaktionäre, Burschenschaftler aller Art und Rechte erlebt zu haben. Manche davon hat man eben im familiären oder lokalen Umfeld, und was Rechte angeht: So wenig ist mit ihnen reden wollen würde, so sehr erschien es mir doch immer als meine – im besten Sinne – demokratische Bürgerpflicht, mich mit ihrer Existenz, mit ihren Argumentationsmustern, ihrem Auftreten auseinanderzusetzen. Ich weiß, wer Martin Wiese ist, und ich verfolge das Aufkommen der Neuen Rechten schon seit über Jahren mit Sorge – spätestens seitdem ich um 2005 herum bemerkte, dass es auf einmal so etwas wie „Autonome Nationalisten“ gibt, dass hier gezielt versucht wird, linke Strategien nach Rechts zu übertragen. Ich glaube, ich erkenne rechtes Gedankengut, ich erkenne reaktionäres Gedankengut und ich erkenne konservatives Gedankengut schon halbwegs. Was ich aus dem, was ich weiß, mit einiger Überzeugung sagen kann, ist: Simon Strauß ist weder rechts, noch hat er Sympathien für die Neue Rechte. Es gab keine Äußerung, keine Haltung, die auf dergleichen hingedeutet hätte in unserem Gespräch. Vielleicht ist er konservativ, das kann sein, aber zum einen wäre das ja nun wirklich kein Verbrechen, zum anderen habe ich dann wirklich schon sehr viel konservativere Konservative erlebt als Simon Strauß. Im Gegenteil: Ich habe ihn erlebt als jemanden, der sehr offen denkt und redet, das mag für manchen unorthodox offen sein, und ich hatte den Eindruck, dass eben das seine Haltung ist, dass das gewollt ist: Er will offen und, vielleicht könnte man sagen: gewollt naiv, neugierig durch die Welt gehen. Man kann das für unvorsichtig halten. Vielleicht liege ich falsch, ich kann ja nicht in seinen Kopf schauen. Er spricht mit einer Sprache, die ich nicht verstehe, weder, warum er sie nutzt, noch wie er sie meint. Aber man müsste ihn fragen. Und ich kann wirklich keinen Hinweis darauf erkennen, dass Simon Strauß rechts ist.

[Ich weiß auch nicht, wie ich mich in die Lage hineinmanövriert habe, auf einmal eine mir (in mehrfacher Hinsicht) fremde Person verteidigen zu wollen (bzw. zu müssen, denn es ist mir tatsächlich eine innere Notwendigkeit). Eine mir fremde Person, die ich in mehreren Formulierungen, die sie getätigt hat, gar nicht verteidigen kann, auch wenn ich mir wünschte, ich könnte das, weil ich weiß, wie mich das treffen würde, wenn man mir unterstellen würde, ich wäre rechts. Aber es geht mir gegen den Strich, wenn man den Vorwurf, jemand sei „rechts“, an einer Stelle benutzt, wo er unangebracht ist – ich halte das für nicht minder politisch gefährlich als das Benutzen von nach rechts weiterdenkbaren Sprachmustern, gerade jetzt, wo es in neuer Deutlichkeit „rechts“ im öffentlichen Raum gibt, muss man, denke ich, genau mit den Begriffen umgehen. Und es geht mir gegen den Strich, dass jetzt ständig der Verriss, den ich eingangs hier erwähnt habe und den ich zu „Sieben Nächte“ geschrieben habe, im Internet hervorgezogen und mit dem Artikel von Grabovac zusammen gepostet wird. Es geht mir gegen den Strich, dass ich ständig diesen Artikel von Grabovac geschickt bekomme, als sollte ich mich freuen, dass hier jemand derart angegriffen wird. Ich fühle mich schäbig, weil andere so schäbig von mir denken, dass ich das tun könnte. Ich möchte nicht im Kontext mit diesem Artikel stehen, den ich für falsch halte.]

Manche wollen derzeit der Logik zu neuem Ruhm verhelfen, andere wünschen sich eine neue Romantik, ich fände es jetzt gerade, in diesem Moment, eigentlich ganz schön, wenn irgendjemand sich einmal wieder der Hermeneutik, der Kunst des Verstehens, widmen würde. Es geht mir nicht darum, Kritik delegitimieren zu wollen. Es geht mir darum, dass ich mir wünschen würde, dass Kritik öfter so ausgesprochen würde, als würde man von Mensch zu Mensch sprechen, als würde man menschlich sprechen. Als ginge es um Inhalte, nicht um Macht, um Verständigung, nicht um Angriff, als könne man wirklich vom kommunikativen Austausch etwas lernen. Kritik, die keine ist, weil sie ihr Gegenüber gar nicht in seiner Komplexität wahrzunehmen bereit ist, finde ich gelinde gesagt ermüdend. Und ich war sehr müde, nachdem ich den Artikel von Alem Grabovac gelesen hatte.

[Mir ist klar, dass man mir jetzt mit Recht vorwerfen muss: Deiner eigenen Forderung entsprechend hättest du mit Grabovac reden, mit ihm das klären müssen, statt einen Text ins Netz zu setzen. Ich habe aber – zumal Grabovac mit dem Spiel ja aus freien Stücken selbst angefangen hat – kein Interesse daran, Diskussionen über Simon Strauß zu führen mit irgendwem, und ich sehe mich in den letzten Tage dazu permanent genötigt. Ich kenne ihn kaum, wer bin ich, hier die Strauß-Exegetin zu spielen? Ich möchte, dass meine Haltung zu diesem TAZ-Artikel klar ist, ohne dass ich mich jedem einzeln erklären muss, und ich möchte, dass im Netz ein Text steht, der dem von Grabovac widerspricht, damit nicht nur seit dem 8.1. und für immer ein Text im Netz steht, mit dem jeder, der es in Zukunft tun möchte, Simon Strauß ans Schienbein treten kann, indem er ihn ausgräbt. Ich möchte, dass daneben ein zweiter Text steht, den man dann herausziehen kann, um zu zeigen: So einfach ist die „Wahrheit“ halt vielleicht doch nicht zu haben. Was ich inzwischen wieder weiß, ist, dass man nicht mit Dreck werfen und dabei sauber bleiben kann, dass mein Verriss auf mich zurückgefallen ist, dass jeder andere Artikel von mir das auch tun kann und vielleicht auch wird, und vermutlich zu Recht, und dass ich gerade nicht wirklich weiß, wie und ob ich schreiben kann, wenn das so ist. Auf Strauß sind seine Worte zurückgefallen. Auf Grabovac fallen sie zurück, wenn sein Artikel auf Twitter von einer Nutzerin geteilt wird mit der Frage, ob nicht jemand Strauß ein bisschen prügeln möchte.]

NACHTRAG, 14.1.2018:

Inzwischen hat auch das Magazin “Das Wetter” einen Artikel über Simon Strauß veröffentlicht, in dem die Verfasser den Artikel von Grabovac tatsächlich als “unglaublich treffsicher” bezeichnen, und den sie auf facebook mit den Worten “WIR HABEN ZU LANGE DIE KLAPPE GEHALTEN! Hier unser Statement zu der Vereinnahmung unserer Gedanken durch den Schriftsteller und FAZ.NET – Frankfurter Allgemeine Zeitung-Redakteur Simon Strauß und zu der Diskussion um das Einsickern von rechtem Gedankengut in die junge deutsche Literatur.” überschrieben haben. Und auf ähnlichem Reflexionsniveau bewegt sich leider auch dieser Artikel:

Dass Leute nicht zu Ende gedacht haben, merkt man ja beispielsweise daran, dass sie vom „Einsickern“ rechten Gedankengutes in die junge deutsche Literatur sprechen, als ob das was Neues, geschweige denn etwas Überblickbares wäre, als hätte es eine „Stunde Null“ in der Literatur wirklich gegeben und seither wäre die deutsche Literatur, oder auch nur die „junge“ deutsche Literatur, wer auch immer das alles sein soll (denkt man auch sog „Unterhaltungsliteratur“ mit? Dann werden alle Behauptungen über eine „Stunde Null“ und also ein mögliches „Einsickern“ schlicht falsch; und wenn man sie nicht mitdenkt: warum eigentlich nicht? Ist das nicht ein bisschen elitär dann?), ein Ort der Reinheit, und man könne den einen Zeitpunkt, den einen Zuständigen ausmachen, der sie beschmutzt, als könne eine Person allein, weil sie einiges besonders unübersehbar formuliert, plötzlich etwas irgendwo hineinbringen, als wäre das nicht die ganze Zeit mal impliziter, mal expliziter schon da. Am besten behauptet man das auch da, wo es völlig absurd ist und am leichtesten widerlegbar ist, das zu behaupten, nämlich bei der Darstellung von stereotypen Geschlechterrollen, die ja bislang in der „jungen“ deutschen Literatur auch von A bis Z nirgends zu finden wäre. Und dieser Zeitpunkt, zu dem das (behauptete) „Einsickern“ beginnt, ist natürlich nie der, zu dem man selbst von einem, als Topos nie weg gewesenen, Rumlatschen im Wald als Ausdruck von „Rechtschaffenheit“ träumt, sondern der Zeitpunkt ist immer genau da, wo man ihn haben will, auch das Bemühen von „sehr deutschem Geniekult“ oder ähnlichem ist einem selbst in der eigenen, für solche, die sie nicht haben, leider nicht erfassbaren Hyperironie angeblich sehr fremd, genauso wie man nie Taten statt Worte gefordert hat, als hätte man nicht selbst eifrig „Blender“, die nur reden ohne zu handeln, als „gefährliche Figuren“ bezeichnet, als hätte man nicht festgehalten, dass ultraromantische Figuren niemals ihre Heimat verleugnen, und man könnte fortfahren und sich die Figurentypen, die Hieronymi in seiner “Ultraromantik” entwirft, genauer anschauen und so weiter und so fort (s. zu Teilen davon auch meinen oben verlinkten Beitrag zu dem Thema). Wenn man sich „vereinnahmt“ fühlt, und dafür angeblich so gar nichts kann, muss man sich dann nicht vielleicht auch fragen, warum es dann zu dieser „Vereinnahmung“ kam? Ich sehe hier, wenn ich das einmal in aller Deutlichkeit sagen darf, doch vor allem sehr deutsche Argumentationsmuster, die den selbst erhobenen Anspruch, aus der Geschichte etwas gelernt zu haben, unterlaufen: Wer so redet, als könne in den reinen Körper der deutschen Literatur etwas von außen „einsickern“, was man – wenn man die zuständige Person entfernt – dort herausnehmen könnte, als wäre der reine Körper der deutschen Literatur einfach so von außen „vereinnahmbar“, und aus diesem Konstrukt dann auch noch eine „historische Aufgabe“ (und zwar zur Reinigung des Körpers der deutschen Literatur) ableiten will, der hat doch – Entschuldigung, wenn ich das so deutlich sage – ganz grundsätzlich linke Theorie nicht verstanden. Und die Verfasser des Artikels verweisen ernsthaft auf ihre “deutschen Wurzeln” – “als junger Autoren und Publizistinnen mit deutschen Wurzeln” – nur um dann, ausgehend vn diesem biologistischen Verhältnis zum eigenen Geburtsort das “Einpflanzen” von “Heimat-orientierte[m]” Gedankengut zu kritisieren.

Und ich glaube wirklich, dass die Verfasser des Artikels das noch nicht einmal bemerkt haben, man wird es ihnen deswegen nicht anlasten dürfen. Aber gerade deswegen sollten diese eigentlich am besten wissen, wie schnell man in argumentatorische Fallen laufen kann, von denen man schlicht nicht wusste, und wie billig die Aussage “aber das ist doch jemand, der vom Schreiben lebt, der muss doch jedes einzelne seiner Worte ganz bewusst gewählt haben” ist.

Ich persönlich halte Elemente der Romantik, ähnlich wie in der Bildenden Kunst, für aktualisierbar, ich glaube nicht, dass das grundsätzlich falsch ist, bei aller gebotenen Skepsis, schon allein, weil wir Individualität und individuelle Selbstentwürfe, die ich heute nicht missen möchte, der Tradition der Romantik verdanken (die Sprechakttheorie ignorieren und einfach so von Heimat, Redlichkeit und Waldspaziergängen reden würde ich aber trotzdem nicht, aber: vielleicht kann man auch da diskutieren, kein Plan, ich lass mich vielleicht überzeugen). Aber das ist ja schon nicht ganz richtig: da kommen angeblich PLÖTZLICH AUS DEM NICHTS Elemente der Ästhetik von Jünger, dabei war der doch bislang völlig verpönt, dabei hat den niemand jemals gelesen in den letzten Jahrzehnten, oder auch nur ironisch anzitiert (wie viele Buchtitel, die lustige Abwandlungen von „In Stahlgewittern“ sind, gab es eigentlich allein im letzten Jahr? Shitgewitter, Realitätsgewitter fallen mir spontan ein). Schade drum, wäre ja schön, wenn jemand wirklich mal wieder über Motive und ihre angemessene Form der Aktualisierung nachdenken wollen würde, statt nur irgendwie zu aktualisieren und die Form (und die Theorie) dabei zu vernachlässigen und am Ende so zu tun, als hätte man selbst nie schlecht formuliert. Jeder formuliert halt mal scheiße. Ich definitiv auch, öfter als mir lieb ist leider. Und ich wünschte, ich könnte es vermeiden oder dann ungeschehen machen, aber das geht halt immer nicht. Und das passiert halt. Aber wenn man so tut, als täten das nur andere, ist das halt auch zu einfach, vor allem dann, wenn das Gegenteil so leicht zu belegen ist. Ist doch nicht schlimm, solang man darüber reden kann. Aber wenn man gleich losbrüllt, wird es halt schwierig mit dem Gespräch. Wenn man die eigenen Fehler nicht mit der maximalen Brutalität öffentlich vorgehalten bekommen will, sollte man das vielleicht auch nicht selbst auf allen Kanälen tun und dann auch noch auf „bewerben“ klicken, damit es bloß ja jeder mitkriegt.

[Das Beitragsbild stammt von pexels.]

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Therese Huber (1764-1829) und die Demütigung des Gedruckt-Seins

Therese Huber wurde am 07.05.1764 als Tochter des einflussreichen und prominenten Göttinger Professors für Altphilologie, Christian Gottlob Heyne, geboren. Auch wenn sie damit in eine intellektuell anregende Welt – sie wuchs mit aus- und eingehenden Intellektuellen und mit der Bibliothek des Vaters auf – hineingeboren war, waren die Verhältnisse nicht nur finanziell doch sehr beschränkt: Therese Huber bliebt sich weitgehend selbst überlassen und eignete sich ihre Bildung unsystematisch und autodidaktisch durch Lesen insbesondere von Romanen selbst an – die Folgen solcher fehlenden Ausbildung waren unter anderem grammatikalische und orthographische Unsicherheiten in ihren frühen Werken. Dabei begann sie mit dem Schreiben von ersten Aufsätzen und Briefen laut eigener Aussage bereits mit sechs Jahren. Vermutlich wäre Therese Huber also eine Frau, die heutzutage über sich sagen würde, dass sie schon immer schreiben wollte – in ihrer Zeit war dergleichen natürlich unsagbar.

Ihre Mutter, von der sie sich nicht geliebt fühlte, starb im Jahr 1775, woraufhin Therese in eine Pension geschickt wurde, aus der sie nach zwei Jahren zurück in die Familie geholt wurde, um die Stiefgeschwister mit aufzuziehen. Mit 18 erhielt sie die Möglichkeit, mit Verwandten nach Süddeutschland und in die Schweiz zu reisen, danach lebte sie einige Zeit bei einer Freundin in Gotha, bevor sie 1785 den Naturwissenschaftler und Schriftsteller Georg Forster heiratete, der sich davon wohl auch einen guten Kontakt zu ihrem Vater erhoffte. Mit Forster ging sie zwei Jahre nach Polen, wo er an der Universität Wilna lehrte, beide konnten kein Polnisch und waren dort weitgehend isoliert, anschließend zogen sie zurück nach Göttingen und später nach Mainz. Die Ehe war wohl nicht nur von den Schulden Forsters, die Therese bis zum Ende vergeblich auszugleichen suchte, sondern auch von Spannungen geprägt: Sie fühlte sich ungeliebt und erniedrigt, zudem gab es wohl Probleme in sexueller Hinsicht. Von vier Kindern überlebten zwei.

Während das Ehepaar in Mainz lebte, nahm Therese Huber eine Beziehung zum sächsischen Legionsrat und Schriftsteller Ludwig Ferdinand Huber auf, der als Freund Forsters seit 1790 bei ihnen im Haus wohnte. Als Forster im Zuge der Französischen Revolution 1792 aktives Mitglied des Mainzer Jakobiner-Klubs wurde, sich an der ersten Republikgründung Deutschlands beteiligte und das preußische Heer vor den Toren Mainz‘ stand, floh Therese Huber mit den Kindern auf Anraten Forsters in die Schweiz. Sie hielt engen Briefkontakt zu Huber und Forster, der die revolutionäre Politik weiterverfolgte, 1793 unter Reichsacht gestellt wurde und zuletzt sogar ein Leben zu dritt vorgeschlagen hatte. Dazu – wie auch zu einer bereits eingeleiteten Scheidung von Forster – kam es aufgrund dessen Todes 1794 nicht.

Noch im selben Jahr heiratete sie Ludwig Ferdinand Huber, der sich nun, da er seinen Posten als Legionsrat aufgegeben hatte, als Schriftsteller und Redakteur zu finanzieren suchte. Auch Therese veröffentlichte nun zahlreiche Romane, Erzählungen und Übersetzungen aus dem Französischen, dennoch blieb die wirtschaftliche Situation angespannt und besserte sich erst etwas, als Huber eine Stelle als Landesdirektionsrat annahm. Neben ihren häuslichen Pflichten, zahlreichen Umzügen und Veröffentlichungen gebar Therese Huber sechs weitere Kinder, von denen abermals nur zwei überlebten.

Nach dem Tod des Ehemannes 1804 musste sich Therese Huber selbst finanzieren, und da es ihr nicht gelang, eine Anstellung als Erzieherin zu finden, musste sie durch das Schreiben Geld erwirtschaften. Sie schrieb für die Zeitschrift „Morgenblatt für gebildete Stände“ bei Cotta, deren Redaktion sie 1816 auch übernahm – allerdings ohne Vertrag, unter ständiger Bevormundung des Verlegers, unter Beleidigungen durch Kritiker, die fanden, Autoren hätten unter der eigenen Frau genug zu leiden, weswegen eine Frau als Redakteurin unzumutbar sei, und unterdurchschnittlich bezahlt: Für die Gesamtredaktion erhielt sie 700 Gulden im Jahr, der Literaturkritiker Adolph Müller erhielt für die Redaktion der Literaturbeilage des „Morgenblattes“ 2000 Gulden jährlich.[1] 1823 wurde Cotta die unbequeme Mitarbeiterin los, indem sie von Redaktionstätigkeiten schlicht ausgeschlossen wurde – ihr Gehalt wurde noch drei weitere Jahre gegen Übersetzertätigkeiten für Cotta fortgezahlt. In ihren letzten Jahren lebte Therese Müller bei ihrer Tochter Claire von Greyerz in Augsburg, wo sie am 15.06.1829 erblindet starb.

Wie schwierig es für Therese Huber war, als Frau mit Schreiben Geld zu verdienen, wird in ihren Korrespondenzen mit ihrem Vater deutlich, den sie zeitlebens als Idol und Autoritätsperson verehrte. Ihm gegenüber musste sie in einem Brief im Jahr 1810 ihren Beruf damit rechtfertigen, dass sie bereits zu Lebzeiten ihres Mannes geschrieben habe, um die Familie über Wasser zu halten, Ludwig Huber habe ihre Entwürfe nur überarbeitet und veröffentlicht – und dass sie dabei selbstverständlich niemals ihre Pflichten als Ehefrau, Hausfrau und Mutter vernachlässigt habe, und dass bis zum Todes Hubers niemand erfahren habe, dass sie schreibe.[2] Nur jetzt sei es eben nötig, weiterhin Geld zu verdienen – ihr Vater billigte bis zu seinem Tod 1812 ihre Schriftstellerei nicht, erst nach dessen Tod, im Alter von 48 Jahren, bekannte sich Therese Huber zu ihren Veröffentlichungen.[3] Noch am 04.09.1810 schrieb sie – ob dies wirklich ihre Wahrnehmung war oder ob sie dies schrieb, um dem Vater zu gefallen – an den Vater: „Mir ist das Gedruckt sein immer ein beunruhigendes, schmerzliches, demütigendes Gefühl. Es ziemt dem Weibe nicht.“[4]

Vermutlich sind es auch die eigenen Mainzer Erlebnisse während der Revolutionszeit, die Therese Huber in ihrem – 1795/96 unter dem Namen ihres Mannes veröffentlichten – Roman „Die Familie Seldorf“ verarbeitet: Dort werden die Ereignisse der französischen Revolution in Paris aus der Sicht von Sara, einer jungen Frau aus der Provinz, dargestellt. Diese hatte sich gegen den Wunsch des Vaters geweigert, Roger, den Neffen eines Freundes des Vaters, zu heiraten, und hat stattdessen unehelich von einem adeligen Liebhaber eine Tochter geboren, mit der sie diesem nach Paris folgt. Dort verletzt dieser nicht nur ohne sein Wissen diese seine Tochter tödlich, sondern Sara erfährt auch, dass er sie betrogen hatte: Es ist bereits verheiratet und seine junge Frau erwartet ein Kind. Sie schwört Rache, verkleidet sich als Mann und kämpft als Soldat in der Revolutionsarmee – bis sie auf ihren Bruder trifft und ihre Rolle als Soldat wieder ablegt. Sie zieht sich in die Einsamkeit zurück und lehnt einen erneuten Heiratsantrag Rogers ab. Therese Huber hat hier Familien-, Liebes- und Zeitgeschichte ineinander verwoben und schneidet dabei praktisch alle zeitgenössisch bekannten Themen und Motive (verführte Unschuld, Kindsmord, Ehe und Ehelosigkeit, Freundschaft, Geschlechtertausch, Niedergang einer Familie) an. Umso erstaunlicher, dass er so in Vergessenheit geraten konnte.

Auch in „Luise. Ein Beitrag zur Geschichte der Konvenienz“ von 1796 griff Therese Huber die „heißen Eisen“ ihrer Zeit auf: Wie Caroline Auguste Fischers „Die Honigmonathe“ ist auch Hubers „Luise“ ein gegenstück zu Caroline von Wobesers „Elisa oder das Weib wie es seyn sollte“ (1795). Darin erzählt sie das Leben von Luise, die – im eigenen Elternhaus ungeliebt und für Mädchen typisch nur unzureichend gebildet – zur Schwermütigkeit neigt und stets bemüht ist, sich durch „richtiges“ Verhalten die Liebe anderer zu verdienen: So hofft sie durch die Ehe mit dem zu Schulden, anderen Frauen, Spiel und Wirtshausbesuchen neigenden Blachfeld die Liebe ihrer Mutter zu gewinnen, die sie zu dieser Verbindung drängt. Sie bemüht sich auch um die Zuneigung ihres Mannes – allerdings vergebens: Sie wird von ihrem Mann wie vom Rest ihrer Familie schlecht behandelt und ist immer wieder Gewalt ausgesetzt, so wird sie geschlagen und von Bediensteten aufgrund von angeblichen Wahnsinns in ungeheizten Zimmern eingesperrt. Auch die Trennung vom ihrem Mann verläuft nicht ohne Demütigungen, ihre Tochter wird ihr zunächst entzogen, und nachdem sie diese zu sich holen konnte, lebt sie, von ihrer Vergangenheit körperlich wie psychisch gezeichnet, mit ihr auf dem Land. Mit diesem Roman, der die Krankheit der Protagonistin aus ihrer weiblichen Leidensgeschichte erzählt, hat Therese Huber gegen die Lebensumstände angeschrieben, unter denen so viele Frauen zu dieser Zeit litten – und vielleicht damit auch einen kleinen Beitrag dazu geleistet, nicht nur auf diese aufmerksam zu machen, sondern auch dazu, dass sich eventuell ebenfalls betroffene Frauen verstanden fühlten. Auch diese Funktion hat Literatur, und vielleicht ist es ja doch nicht die unwichtigste.

Werke u.a.: Abentheuer auf einer Reise nach Neu-Holland 1793/94; Die Familie Seldorf. Eine Geschichte, 2 Bde. 1795/96; Luise. Ein Beitrag zur Geschichte der Konvenienz 1796; Erzählungen von L. F. Huber, 3 Bde. 1801–1802; L. F. Huber’s sämtliche Werke seit dem Jahre 1802, nebst seiner Biographie hg. von Therese Huber, 4 Bde. 1806–1819; Bemerkungen über Holland aus dem Reisejournal einer deutschen Frau 1811; Hannah, der Herrnhuterin Deborah Findling 1821; Ellen Percy, oder Erziehung durch Schicksale, 2 Bde. 1822; Jugendmuth. Eine Erzählung von Therese Huber, 2 Bde. 1824; Johann Georg Forster’s Briefwechsel. Nebst einigen Nachrichten von seinem Leben. Hg. von Therese Huber, 2 Bde. 1829; Die Ehelosen, 2 Bde. 1829; Erzählungen von Therese Huber. Gesammelt und hrsg. von Victor Aimé Huber, 6 Bde. 1830–1833; Briefe. Bd. 1–9, hrsg. von Magdalene Heuser und [ab Bd. 5] Petra Wulbusch, Tübingen 1999ff.; Romane und Erzählungen, hrsg. von Magdalene Heuser, Hildesheim 1989ff.

[1] Vgl. Barbara Becker-Cantarino: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche, Werke, Wirkung, München 2000, S. 93f.

[2] Vgl. ebd., S. 19.

[3] Vgl. ebd., S. 90

[4] Zitiert nach: Alexander Reck: Art. Huber, Therese, in: Bernd Lutz/Benedikt Jeßing (Hgg.): Metzler Lexikon Autoren. Deutschsprachige Dichter und Schriftsteller vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 4., aktual. und erw. Aufl., Stuttgart/Weimar 2010, S. 357.

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Edna O’Brien – Die kleinen roten Stühle

edna o'brien die kleinen roten stühleNach Cloonoila – ein kleines, irisches Nest – kommt ein Fremder und sucht nach einer Herberge. Er ist gutaussehend und geheimnisvoll. Im Dorf ist man Neuankömmlingen gegenüber skeptisch, was durch dessen schillernden Berufsbeschreibungen Dichter, Heiler, Sexualtherapeut noch verstärkt wird, der Gipfel sein Wunsch sich dort niederzulassen. Die Kirche schaltet sich ein, doch Dr. Vlad wickelt nicht nur deren Vertreter ein, sondern weiß bereits bei den ersten Patientinnen mit Erfolgen zu überzeugen oder sich geschickt bei der Polizei Nachfragen zu entziehen. Aus vielerlei Perspektive erfährt man wie das Dorf sich von dem geheimnisvollen Doktor – mit Lyrik, mit Wanderungen und Heilungen – einlullen lässt.

Als Hauptfigur kristallisiert sich im Laufe des Romans die kinderlose, mit einem älteren Mann verheiratete Fidelma heraus. Sie verliebt sich in den Fremden, wünscht sich von ihm ein Kind und empfängt dieses auch. Doch die Vergangenheit des Doktors holt das gesamte Dorf ein als er eines Tages festgenommen und offenbar wird, was er tatsächlich ist, ein Kriegsverbrecher des Bosienkriegs auf der Flucht. Cloonoila ist in heller Aufruhr und Fidelma wird von Agenten heimgesucht, die an ihr die Rache verüben, die für den Doktor vorgesehen war.

Edna O’Brien, Jahrgang 1930, hat mit Die kleinen roten Stühle, dieses Jahr im Steidl Verlag erschienen, wahrlich eine faszinierend, bedrückende Geschichte der neueren europäischen Geschichte verarbeitet. Dr. Vladimir Dragan ist dem bosnisch-serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadžić nachempfunden, der erst im letzten Jahr von dem UN-Kriegsverbrechertribunal für seine Teilnahme am Massaker von Srebrenica zu einer Haftstrafe von 40 Jahren verurteilt wurde.

Grigori Rasputin (um 1914/16)
Grigori Rasputin (um 1914/16)

Dass Kritiker und Kollegen sich nun vor Begeisterung überschlagen, liegt an der unfassbaren Wucht, mit der Edna O’Brien die Gräuel von Massakern, Belagerungen und Hass schildert, ohne diese wirklich zu schildern. Ein Meisterwerk – sagt Philip Roth auf dem Buchrücken zurecht – weil hier nicht plump sämtliche Widerlichkeiten, zu denen – auch die moderne, europäische – Menschheit – auch noch im ausgehenden 20. Jahrhundert – fähig war, geschildert werden, sondern auf irische Idylle, persönliche Schicksale, die bisher keine anderen Sorgen als Kinderlosigkeit oder das Schließen der eigenen Boutique hatten, gepfropft werden. Meisterwerk, weil auf diesem Hintergrund in Nebentönen, in Stimmungen das unfassbare Leid gezeichnet werden und dazu diese schier unglaubliche Geschichte des Doktors, einer Geschichte des Leugnes, von Arroganz und Mitleidlosigkeit. O’Briens Doktor ist ein Rasputin und Wunderheiler, ein Seher. Sie schafft eine Figur, die ihre Abgründe in scheinbarer Menschenfreundlichkeit verbirgt und im Hintergrund hört man die Schreie der Geschundenen und Toten. Die Gewalt ist über 300 Seiten greifbar, nimmt den Leser brutal gefangen und wird aber nie voyeuristisch geschildert. Die kleinen roten Stühle tatsächlich ein Meisterwerk!

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