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54books Posts

Wir sind das Blog

Wenn Dinge aufeinanderprallen, geht meistens etwas kaputt. Prallt beispielsweise eine Faust auf eine Nase, ist die Nase kaputt. Fällt eine Vase zu Boden, ist die Vase kaputt. Und wenn der Blog Kulturgeschwätz auf den Blog 54books aufschlägt, geht Kulturgeschwätz aufgrund seiner porösen Beschaffenheit kaputt – und wird ein Teil von 54books. Will sagen: In Zukunft passiert auf Kulturgeschwätz nichts mehr, weil Tilman der zugehörigen Bloggerin freundlicherweise eine kleine Spielecke auf 54books eingerichtet hat. Zukünftige Beiträge von Katharina erscheinen dann auf 54books, die alten Kulturgeschwätz-Beiträge werden nach und nach hier eingespeist.

Der eine sucht einen Geburtshelfer für seine Gedanken, der andre einen, dem er helfen kann: so entsteht ein gutes Gespräch.
Friedrich Nietzsche

Wir könnten unsere Fusion jetzt natürlich mit großen Duos der Literaturgeschichte vergleichen, beispielsweise mit Goethe und Schiller, Holz und Schlaf, Andersch und Frisch, Graf und Horvath, Fix und Foxi, wir belassen es aber lieber bei dem Hinweis, dass es ja laut Adorno bei manchen Leuten schon eine Unverschämtheit ist, wenn sie „ich“ sagen, weswegen wir ganz froh sind, ab jetzt „wir“ zu sagen, damit sind wir natürlich fein raus. Zu unserer Blogfusion haben wir auch einige wichtige Persönlichkeiten des Kulturbetriebs befragt:

Franz Kafka: „54books muss der Blog sein für die gefrorene Axt in uns!“

Marcel Reich-Ranicki: “Mich interessiert die Literatur, nicht das Blog.”

BILD: “Wir sind Blog!”

Fritz J. Raddatz: “Am meisten sind doch die gekränkt, die nicht in diesem Blog vorkommen.”

Plato: „Das ist ja dann die Idee des Buchblogs an sich!“

Albert Camus: “Das Absurde hat nur insofern einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet.”

Die Spannung ist also riesig – und wer weiß: Als vor ein paar Jahrtausenden ein Asteroid auf die Erde aufschlug, starben die Dinosaurier aus. Mal sehen, was wir noch so alles kaputt machen können.

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#ReisegruppeSonnenschein: Verlagebesuchen

Der Börsenverein des deutschen Buchhandels verschenkte zum Welttag des Buches, stets der 23. April eines Jahres, Bücher. Es folgten Blogger mit dem Häshtag #BloggerschenkenLesefreude und nun steigen auch die Verlage mit ein. Denn zum ersten Mal öffnen solche in ganz Deutschland am Wochenende vom 21. bis 23. April ihre Türen, laden zu Werkstattgesprächen, Lesungen, Erkundungen und Kennenlernen ein. Was sonst nur Blogger dürfen, soll nun auch der kleine Mann können: lauschen und Schnittchen essen. Der Kompetenz- und Serviceblog 54books hat für das Wochenende eine Reiseroute durch Berlin abgesteckt (Stichwort “Spaß”: Bollerwagen; Stichwort “Service”: Google Maps zum Ausdrucken).

#ReisegruppeSonnenschein

Die Übersicht über sämtliche Verlage und Orte gibt es hier.

Matthes & Seitz: Werkstattgespräch

22. April 2017 // 11:00-13:00 // Berlin

Göhrener Str. 4
Berlin, 10437

Anmeldung unter: info@matthes-seitz-berlin.de

In den 13 Jahren seines Bestehens hat der Verlag Matthes & Seitz sich mit kontinuierlich guter, nicht selten herausragender, Arbeit in den Olymp der Indies verdient. Der Morgen eurer Tour beginnt also mit Verleger Andreas Rötzer, der einen Einblick in die Verlagsgeschichte geben und von der Entstehungsgeschichte einiger Bücher, insbesondere aus der Reihe »Naturkunden«, berichten wird. Darauf einen ersten Feigling!

Secession Verlag für Literatur: Hier haben wir eine Sammlung indiskreter Bilder.

22. April 2017// 14:00-16:00// Berlin

Secession Verlag c/o Galerie p98a
Potsdamer Straße 98a
Berlin, 10785

Anmeldung unter: weidel@secession-verlag.com

Neben der obligatorischen Einführung in die Arbeit eines Verlags, die traditionell mit einem Aquavit begleitet wird, wird 54stories-Autorin Maren Kames lesen. Anschließend dürfen Dilettanten selbst Hand an eine Bleisatzmaschine legen, “um wenigstens einmal im Leben Druck auszuüben”, preist Secession an und stellt eine (die hoffentlich zweite) Goodie-Bag des Tages in Aussicht.

Eden Books: Der Name ist Programm

21. April 2017 //16:00-18:00// Berlin

Rosa-Luxemburg-Straße 14
Berlin, 10178

Anmeldung unter: hallo@edenbooks.de

Der Weg von der Postdamer Straße in die Rosa-Luxemburg-Straße sollte nicht länger als eine juristische Sekunde dauern. Denn dort begrüßen Jennifer Kroll und ihr Team die Reisegruppe mit einem Highball aus Ambrosia und Absinth (60:40). Frau Kroll, die möglicherweise ihre Wort von der Leipziger Autorenrunde, auf der ich sie traf, recyclen wird, behauptet, vor Ort gäbe es “etwas zum Lachen” und “Nähkästchen”. Dass das Ganze unterhaltsam wird, habe ich bei eben dieser Autorenrunde überprüft.

AvivA Verlag: Wir holen die zwanziger Jahre nach Moabit

21. April 2017 // 18:00-20:00 // Berlin

Emdener Str. 33
Berlin, 10551

Anmeldung unter: info@aviva-verlag.de

Auch hier dürfte der Übergang knapp werden, aber beim AvivA spricht die Verlegerin Britta Jürgs über ihre Schwäche für Literatur der zwanziger Jahre, die sie mit dem Reiseleiter teilt, darüber wie aus Ideen Bücher werden und was einen unabhängigen Verlag ausmacht. Nach Angabe der Verlegerin freut man sich darauf ins Gespräch zu kommen, was im Klartext wohl heißen dürfte, dass Kaltgetränke gereicht werden.

 

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Anlässlich 150 Jahren Reclams Universalbibliothek – Ein Interview mit Claudia Feldtenzer

1. Mit dem Slogan “Gehasst. Geliebt. Gelesen!” feiert Reclam die 150 Jahre des Bestehens der Universal-Bibliothek. Ich schwanke zwischen Hochachtung für diese Form der Selbstironie und dem Eindruck, dass auch etwas Trotz im Slogan mitschwingt, “Ihr mögt uns nicht, aber ihr werdet zu uns gezwungen”. Ist das so?

Für mich ist der Slogan vor allem eine selbstironische Annahme der Tatsache, dass wir von vielen Lesern in der Schule zwar mit unter gehasst werden, sich dieses Gefühl aber im Laufe der Jahre augenscheinlich ändert, das hören wir immer wieder – und zur nostalgischen Verliebtheit, manchmal auch zur großen Liebe wird. Kennt man ja vielleicht auch von dem einen oder anderen Mitschüler oder Mitschülerin.

2. Der Unwille des Schüles für die Lektüre von “Bahnwärter Thiel” 3,00 € Taschengeld auszugeben ist sicher nicht neu. Wie kann man sich trotzdem die niedrigen Preise der Universal-Bibliothek erklären?

Die niedrigen Preise der Universal-Bibliothek erklären sich durch den rechtlich gemeinfreien Textbestand und die hohen Auflagen, die wir bei Schulklassikern wie zum Beispiel Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“ oder auch Goethes „Faust“ erreichen – aber auch erreichen müssen, um die niedrigen Preise halten können. Das eine bedingt das andere.

3. Was müssen “Neuaufnahmen” mitbringen, um das gelbe Jäckchen anzuziehen zu dürfen?

70 Jahren tot sein. Keine schöne Aussicht für Nachwuchsautoren also.

4. Eure Jubiläumsedition sieht optisch anders aus – aber ist es überhaupt denkbar das Design, gar das Format der UB dauerhaft zu verändern?

Das UB-Format kann man nicht ändern; das ist Reclam, das Herzstück des Verlag. Passend für jede Jackentasche. Unschlagbar beliebt – ja Kult. Gerade in Gelb. Die Bände sind auch bei jüngeren Leserschichten weiterhin überaus populär. Sie repräsentieren ein Lebensgefühl, das eines breites Intellektualismus, der zudem gut in die hippe Instagram-Optik der Gegenwart passt. Dass eine Designanpassung darüber hinaus hervorragend funktioniert, sehen wir an der Jubiläumsedition. Hier ist es uns gelungen, das kanonische Aussehen der UB in schwarz/ gelb in eine moderne bibliophile Gestaltung zu überführen, die der Marke Reclam treu bleibt. Im Herbst werden noch einmal 8 Bände erscheinen, die sich von den Frühjahrstitel zwar etwas unterscheiden, sich zu diesen jedoch komplementär verhalten. Zusammen laden Frühjahrs- und Herbstkollektion ein, große Literatur wiederzuentdecken. Es sind viele Lieblingsbücher von mir dabei, Bücher, die einen ein Leben begleiten – die hübschen Bücher sind also auch nicht nur optisch ein Genuss!

5. Trotz 150 Jahren UB ist ziemlich Bewegung bei euch. Eine beachtete Neuübersetzung von Prousts À la recherche du temps perdu, die Reihe “100 Seiten”, sowie gänzlich neue Formate, probiert Reclam sich nur aus oder ist sogar denkbar, dass man in den Bereich der zeitgenössischen Belletristik vordringt?

Das hast du richtig erkannt, Reclam probiert gerade im Programm viel Neues aus. Wir wollen uns neuen Lesern öffnen ohne unsere klassischen Themen zu vernachlässigen – die 100 Seiten Reihe ist hierfür ein ausgezeichnetes Beispiel. Wir haben die Reihe innerhalb eines Jahres im Team entwickelt, das war sehr intensiv und hat einen Riesenspaß gemacht. Total die Glücksgefühle! Und ja, da machen wir weiter. Da kann man auch schlecht aufhören. An Ideen mangelt es nicht, aber zeitgenössische Belletristik sehe ich ehrlich gesagt bei uns erst mal nicht. Ich denke im Moment mehr in Richtung Philosophie, da haben wir gerade eine tolle Kooperation mit dem Philosophie Magazin gestartet; und auch weitere Klassiker-Editionen ähnlich zur Jubiläumsedition kann ich mir vorstellen.

6. Die nächsten 150 Jahre werden schwer zu überblicken oder zu prognostizieren sein, aber was wünscht Du Dir für die kommenden 5 oder 10 Jahre im Hause Reclam?

Ich wünsche mir, dass wir auch in den nächsten Jahren so mutig in der Programmgestaltung bleiben können, neue Buchformen und Reihenformate zu entwickeln. Wir haben eine wahnsinnig tolle Textbasis und ein kaum zu überschätzendes Potential, das verschenkt wäre, würden wir es nicht nutzen. Ich wünsche mir, dass sich die Ideen und die ganze Kreativität in wirtschaftliche Erfolge umwandeln, denn nur so kann der Verlag noch weitere 150 Jahre bestehen. Und nichts weniger wünsche ich ihm.


reclam universalbibliothek interview claudia feldtenzer

Claudia Feldtenzer, geb. 1982, ist seit 2012 Presseleitung bei Reclam. Seit März 2015 arbeitet sie zudem in der Programmplanung inhaltlich mit und ist als Reihenkoordinatorin für die Reihe „100 Seiten“ verantwortlich. Weitere Projekte: Buchreihe mit dem Philosophie Magazin, Jubiläumsedition.

Beitragsbild: Fredrik von Erichsen, Wikipedia
Bild Claudia Feldtenzer: privat

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B. Traven – Der Caoba Zyklus

Blogbuster-Autor Torsten Seifert schreibt in seinem Roman „Der Schatten des Unsichtbaren“ über die Suche nach dem mysteriösen Schriftsteller B. Traven. Aus dem umfangreichen Werk des Bestseller-Autors empfiehlt er vor allem den sechsteiligen Caoba-Zyklus:

  • „Der Karren“
  • „Regierung“
  • „Der Marsch ins Reich der Caoba“
  • „Die Troza“
  • „Die Rebellion der Gehenkten“
  • „Ein General kommt aus dem Dschungel“

Das Werk einer Dekade

Es war im Jahr 1930, als Kurt Tucholsky den Schriftsteller B. Traven in einem Weltbühne-Artikel als aufsehenerregendes Phänomen bezeichnete – und das, obwohl er ihm die eigentlichen literarischen und sprachlichen Qualitäten absprach. Die Gesamtauflage des geheimnisvollen Autors, um dessen Identität sich die wildesten Gerüchte rankten, steuerte damals bereits auf die erste Million zu. In dieser Phase erschienen in kurzer Folge seine neuen Romane „Der Karren“ und „Regierung“ (beide 1931). Sie bildeten den Anfang eines sechsteiligen Zyklus über die Zwangsarbeit der Indios in den Mahagoni-Lagern sowie über die mexikanische Revolution von 1910. Der Zyklus wurde zum Mittelpunkt von Travens Schaffen in den Dreißigerjahren. Während die ersten beiden Bände von der Büchergilde Gutenberg noch in Deutschland veröffentlicht werden konnten, erschienen „Der Marsch ins Reich der Caoba“ (1933), „Die Troza“ (1936) und „Die Rebellion der Gehenkten“ (1936) bereits aus dem Züricher Büchergilde-Exil. Der abschließende Roman „Ein General kommt aus dem Dschungel“ (1940) wurde zuerst in Amsterdam veröffentlicht.

Literarischer Sprengstoff gegen das Naziregime

Traven hatte seine Anklage von sozialer Ungerechtigkeit, Profitgier und Willkür so angelegt, dass die Analogien zur damaligen welthistorischen Situation schwer zu übersehen waren. Das blieb auch den Zensoren des Hitler-Regimes nicht verborgen, die bereits den zweiten Roman „Regierung“ auf ihre Verbotsliste setzten.

Worum geht es? Mexiko zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die indianische Bevölkerung ist entrechtet und wird unterdrückt. In den Holzfällerlagern, den berüchtigten Monterias im Dschungel von Chiapas, schuften Indios unter menschenunwürdigen Bedingungen, um den Hunger der reichen Nationen nach edlem Holz zu stillen. Ein perfides Schuldensystem, aus dem die Holzfäller sich mit ehrlicher Arbeit unmöglich befreien können, macht sie praktisch zu Sklaven der Großgrundbesitzer.

Eine der Hauptfiguren ist Andres. Im Alter von 11 Jahren war er Leibeigner des Kaufmanns Don Leonardo geworden. Neben der Tätigkeit im Laden gewährt ihm sein Gutsherr den abendlichen Schulbesuch. Doch nach vier Jahren verliert Don Leonardo seinen Burschen beim Glücksspiel an Don Laureano, dem er von da an als Fuhrknecht dient. Als 18jähriger entscheidet sich Andres, in die Monteria zu gehen, um die Schulden seines alten Vaters abzuarbeiten. Ein ähnliches Schicksal hat Candido ereilt, den ebenfalls hohe Schulden drücken. Anders ist die Lage bei Celso, der gerade erst dem Holzfällerlager entkommen ist. Auf dem Weg in sein Dorf, wo er endlich sein Mädchen heiraten wollte, die zwei Jahre lang auf ihn gewartet hatte, wird er Opfer von Schergen der Monterias. Sie verwickeln ihn in eine Schlägerei und sorgen für seine Verurteilung. Der Gutsherr Don Gabriel kauft ihn aus dem Gefängnis frei und schickt ihn zurück in das Holzfällerlager.

Unmenschliche Bedingungen

Gemeinsam mit 200 weiteren Männern und  Frauen machen sich die drei auf den beschwerlichen Marsch in den Dschungel. Gepeinigt von Moskitos, Hunger und sadistischen Aufsehern kommen sie in der Monteria an. Im Laden der Firma müssen sie sich zu überhöhten Preisen mit dem Nötigsten eindecken und geraten dabei in die nächste Schuldenfalle.

Die ohnehin schon harten Arbeitsbedingungen werden untragbar, als die berüchtigten Brüder Montellano den Betrieb übernehmen. Sie verlangen unmenschliche Leistungen, die selbst von den stärksten Arbeitern nicht mehr erbracht werden können. Allmählich wächst der Widerstand, bis die Bestrafung eines kleinen unschuldigen Jungen, dem die Unterdrücker die Ohren abschneiden, das Fass zum Überlaufen bringt. Endlich begehren die Entrechteten auf. Sie erschlagen ihre Aufseher und holen sich im Akt der Rebellion ihre Würde und Individualität zurück. Schon bald bildet sich eine Gruppe, die von desertierten Soldaten und ehemaligen Lehrern angeleitet wird. Aus den Geknechteten wird eine Rebelleneinheit. Sie lassen das Lager hinter sich und werden Teil der mexikanischen Revolution, der aus B. Travens Sicht, „interessantesten Revolution, die sich je zugetragen hat“. Sie nehmen erste Anwesen ein und finden weitere Mitstreiter. Ihr Feind ist in der Überzahl und besser bewaffnet. Doch ihre Kampfmoral lässt sie die Scharmützel ein ums andere Mal gewinnen.

Derb, proletarisch und zutiefst menschlich

Traven erzählt die Geschichte in unverstellter, derber, proletarischer Sprache und ist dennoch voller Menschlichkeit oder sogar Zärtlichkeit, etwa, als er die aufkeimende Liebe zwischen Andres und seinem „Sternchen“ beschreibt, einem Indianermädchen, das er völlig verängstigt auf einem Fest entdeckt. Happy Ends sind seine Sache allerdings nicht. Denn letztlich führt die neu gewonnene Freiheit der Indios schnell zu denselben Konflikten, die vor der Revolution bestanden – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Während der eine Teil der Truppe die Verhältnisse im ganzen Land ändern will, reicht dem anderen die Aussicht auf Freiheit, einen Esel und ein eigenes Stückchen Erde. Auch die Verhaltensweisen bei den Offizieren der Rebellenarmee erinnern schon bald an die der Regierungstruppen. Der revolutionäre Gedanke wird im Streit um Posten und Vorteile zerrieben.

Die gnadenlose Beschreibung des Scheiterns der Revolution wollte Traven womöglich als Warnung verstanden wissen. Er war allerdings Literat genug, um den Leser nach der Lektüre des mehr als tausendseitigen Mammutwerks wenigstens mit einer kleinen Utopie zu versöhnen: der Kommune „Solipaz“. Der Anschein, alles wäre umsonst gewesen, gewinnt dadurch nicht völlig die Oberhand.

Ein bemerkenswertes und im wahrsten Sinne episches Werk, das auch 90 Jahre nach seinem Erscheinen nichts an Aktualität verloren hat.

Beitragsbild: Francisco Madero, seine Frau und Rebellen (Foto aus der ersten Jahreshälfte 1911), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=262269

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Interview zu “Der Schatten des Unsichtbaren” mit Torsten Seifert [Blogbuster]

Eine provokante Frage zum Start: Warum ist „Der Schatten des Unsichtbaren“ nicht schon längst bei einem Verlag erschienen?

Bis letzten Juni war ich bei einer Literaturagentur unter Vertrag. Da gab es den einen oder anderen Verlagskontakt. Doch offenbar fanden sie nicht die richtige „Schublade“. Historisch, Abenteuer, Liebesroman? Es steckt von allem etwas drin. Der Hauptgrund ist letztlich aber vermutlich, dass man es als Newcomer mit einem Nischenthema immer etwas schwer hat.

Self-Publishing wird nicht selten belächelt – ich nehme mich davon nicht aus. Wie hat sich bei dir der Entschluss gefestigt, diesen Weg zu gehen und wie hast du ihn realisiert?

Im letzten Mai ist meine Agentin Susan Bindermann überraschend verstorben. Das hat mich persönlich sehr schwer getroffen. Sie hat immer an diesen Stoff geglaubt und mir Mut gemacht und plötzlich war sie nicht mehr da. Im Buch spiele ich an einer Stelle darauf an, dass viele, die nach Traven suchten, ein schreckliches Ende genommen haben. Er wurde zeitweise auch der „Tutanchamun der Literaturwelt“ genannt. Letzten Sommer fühlte es sich für mich so an, als gelte dieser Fluch noch immer. Ich bin nicht abergläubisch, aber in dieser Stimmung habe ich damals beschlossen, das Thema für mich abzuschließen. Deshalb habe ich kurz darauf bei Twentysix veröffentlicht. Glücklicherweise behandelt Blogbuster Veröffentlichungen im Self-Publishing genau wie noch nicht veröffentlichte Manuskripte. So konnte ich trotzdem am Wettbewerb teilnehmen. Und dass es jetzt damit noch ein Stückchen weitergeht, ist einfach schön.

Ich verstehe, wenn Leute über Self-Publishing lächeln. Aber das Thema hat auch eine Seite, die man nicht geringschätzen sollte. Du hast von Freunden und Kollegen sicher schon oft den Satz gehört „Darüber könnte ich ein Buch schreiben.“ Nicht jeder kann das tatsächlich und kaum einer zieht es wirklich durch. Doch jeder, der sich auf diesen langen Weg macht, ohne Vorschuss und Aussicht auf Erfolg, einzig angetrieben vom eigenen Idealismus, der möchte am Ende einfach etwas in der Hand halten, was sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet. Self-Publishing erfüllt diesen Traum. Auch wenn der Leserkreis in der Regel überschaubar bleibt.

Braucht es so etwas wie Blogbuster überhaupt, wenn angeblich Verlage und Agenten den Markt so gut im Blick haben, dass sie wissen, was taugt und was der Veröffentlichung wert ist?

Ich bin in meinem Hauptjob seit langem mit Werbung und Marketing beschäftigt, deshalb weiß ich, wie schwer es ist, Erfolg vorauszusagen. Letztlich stochern wir doch alle im dichten Nebel. Aber so ist der Markt nun mal. Und am Ende wird auch bei Blogbuster nur ein einziges von 252 Manuskripten veröffentlicht. Aber überhaupt die Möglichkeit zu bekommen, von Elisabeth Ruge, Denis Scheck & Co. gelesen zu werden, ist für mich eine große Sache, für die ich Blogbuster dankbar bin.

Wenn du selbst den Klappentext für „Der Schatten des Unsichtbaren“ schreiben könntest, wie würdest du dem potentiellen Käufer das Buch ans Herz legen?

Nun, ich habe ihn ja selber geschrieben. Verkürzt gesagt, geht es um die Suche nach dem mysteriösen Schriftsteller B. Traven im Mexiko der späten Vierzigerjahre. Die Lösung dieses Rätsels versprach damals viel Renommee. Es wurde sogar ein Kopfgeld für denjenigen ausgelobt, der den entscheidenden Hinweis liefert. Der Leser erlebt diese spannende Jagd gemeinsam mit meiner Hauptfigur Leon Borenstein, einem Reporter.

Wessen “Blurb” sollte als Aufkleber darauf prangen und was steht drauf?

Am liebsten wäre mir jemand, der sich mit B. Traven gut auskennt aber nicht sofort damit in Verbindung gebracht wird. Blixa Bargeld von den Einstürzenden Neubauten wäre so ein Kandidat. Oder der Schauspieler Bernd Michael Lade. Ein Ritterschlag wäre aber natürlich auch ein Blurb von Jan-Christoph Hausschild, dem Mann, der – was die wahre Herkunft B. Travens angeht – vor wenigen Jahren das letzte Puzzlestück fand.

Dein Roman spielt nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem in Los Angeles und in Mexiko. Ist das eine Zeit, die dich grundsätzlich reizt oder war es „nur“ die Geschichte, die dich zum Setting zwang?

Es war für mich sehr schnell klar, dass ich die Geschichte in den Jahren 1947 und 1948 anlegen wollte, weil diese Jahre in gewisser Hinsicht einen letzten Höhepunkt von Travens Ruhm markierten und er danach kaum noch Spuren hinterließ. Insofern war es der Stoff. Aber Los Angeles spielte schon in meinem ersten Roman „Rodeo für Anfänger“ eine Rolle. Und in Mexiko habe ich mich spätestens auf meiner Recherchereise verliebt.

Volker Weidermann schreibt über Stefan Zweig und Joseph Roth halbfiktional „Ostende“, Frederic Beigbeder in „Oona & Salinger“ über Oona O’Neill/Chaplin und J.D. Salinger, Klaus Modick in „Sunset“ über Brecht und Feuchtwanger, Michael Lentz in „Pazifik Exil“ über eine ganze Generation von deutschen Schriftstellern im Exil. Du hast dir mit B. Traven einen Schriftsteller ebendieser Generation ausgesucht. Woher kommt der Reiz dieses Genres, „tatsächliche Geschichten weiterzuschreiben“?

Ich kannte damals nur „Pazifik Exil“. Die Art und Weise, wie ich die Geschichte erzählen wollte, ist mir allerdings nicht beim Lesen, sondern im Kino eingefallen. Ich habe mir „Der letzte König von Schottland“ über den ugandischen Diktator Idi Amin angesehen. Den Arzt Dr. Nicholas Garrigan – eine der Hauptfiguren des Films – hat es ebenso wenig gegeben, wie meinen Leon Borenstein. An dem Abend wurde mir klar: Mit Hilfe eines solchen fiktiven Charakters lässt es sich herrlich durch die Historie spazieren. Es gibt Leitplanken aber dennoch genug Spielraum. Das meiste, was ich zum Beispiel über die Arbeit am Set von „Der Schatz der Sierra Madre“ schreibe – dem Film, den John Huston nach Travens Vorlage drehte –, ist verbrieft. Es stimmt auch, dass Humphrey Bogart in den Drehpausen leidenschaftlich gern Schach spielte. Es war sehr reizvoll, meinen Protagonisten mit Bogart spielen und sprechen zu lassen.

Anders als bei den Vorgenannten, Beigbeder mit dem Phantom Salinger ausgenommen, ist das Leben B. Travens in großen Teilen weiterhin ein Rätsel. Ist das eine carte blanche für den Schriftsteller, das Leben einer realen Person mit Fiktion zu füllen?

Was das „Lücken füllen“ angeht, hast du Recht. Das lädt ein. Aber B. Travens Leben ist eigentlich kein Rätsel mehr. Es macht nur einfach zu viel Spaß, weiterhin zu spekulieren. Die Hardcore-Fans, die sich selbst Travenologen nennen, möchten damit möglicherweise nur ungern aufhören.

Wie kamst du überhaupt auf B. Traven? War es zuerst die Lektüre seiner Bücher und das Interesse für sein Leben oder warst du auf der Suche nach einer solchen Geschichte?

Eine Hamburger Freundin schenkte mir das Buch „Wilde Dichter“, in dem die Lebensläufe von Schriftstellern thematisiert wurden, die nicht nur über Abenteuer geschrieben, sondern auch selbst welche erlebt haben. Hemmingway, Conrad, London … dann kam das Kapitel zu B. Traven. Und da hat es – einfach ausgedrückt – gefunkt. Ich wollte mehr über diesen Typen wissen und habe mir Karl S. Guthkes großartige Traven-Biographie besorgt. Beim Lesen wusste ich schon, da steckt ein Stoff für mich drin. Aber dann folgte erst mal die Lektüre von Travens Büchern …

Wie kann man ein solches Leben recherchieren?

Es gibt wirklich sehr viel Literatur über B. Traven. Mit einer Gesamtauflage von über 30 Millionen verkauften Exemplaren war er ein literarischer Weltstar. Das Interesse an seinen Werken schlief eigentlich erst Anfang der neunzehnhundertneunziger Jahre ein. Ich saß während der Recherche oft im Lesesaal der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig. Im selben, in dem ich schon während meines Studiums saß. Diesmal aber mit einer deutlich besseren Motivation.

Travens Werke sind weiterhin in Deutschland erhältlich, lohnen sie? Womit sollte man als Interessierter beginnen?

Traven hatte viele Facetten. Sein größter Erfolg „Das Totenschiff“ beschreibt das knallharte Seefahrerleben und kommt ganz ohne Romantik aus. In „Die Brücke im Dschungel“ zeigt er dagegen seine zarte Seite und erzählt eine zutiefst menschliche und tragische Geschichte aus dem Alltag eines indigenen Volkes. Mein persönlicher Favorit ist der gewaltige Caoba-Zyklus. Sechs Bände über das Entstehen und Scheitern der mexikanischen Revolution Anfang des 20. Jahrhunderts. Episch, ursprünglich und trotz der mehr als tausend Seiten nie langweilig.

Eine Traven-Renaissance dank Seifert?

Ha, ich hätte nichts dagegen. Aber im Ernst. Er hat eine Menge zu sagen, was heute aktueller denn je klingt – auch wenn ich nicht jede seiner politischen Positionen teile. Ich fände es toll, wenn er nicht nur von mir wiederentdeckt werden würde.

Fällt dir eine ähnliche Figur ein, deren Leben man sich wie in „Der Schatten des Unsichtbaren“ zum „Literarisieren“ vornehmen könnte?

Eine vergleichbare Figur nicht. Aber ich arbeite an einem Stoff, in dem ich wieder einen fiktiven Charakter in eine reale Begebenheit der Geschichte schicke. Diesmal geht es um die jüdischen Immigranten in den 30er Jahren. Und Los Angeles spielt erneut eine Rolle. Genau wie meine Wahlheimat Babelsberg.

Warum gewinnen wir zwei den Blogbuster?

Warum nicht? Ich treibe Sport, seit ich denken kann und bin durchaus ein Wettkampftyp. Aber das hat mich auch gelehrt, demütig zu sein. Die anderen Kandidaten haben schließlich auch etwas zu bieten. Klar ist: Nur ein Manuskript wird gewinnen. Und wenn es am Ende nicht meines sein sollte, werde wir beide dennoch gemeinsam mit dem Sieger oder der Siegerin den „Blogbuster“ feiern, oder?

 

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Der Lärm der Zeit – Julian Barnes

julian barnes der lärm der zeitDmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch ist ein Weltstar. Seine Lady Macbeth von Minsk 1932 in Russland uraufgeührt, wurde in New York, Philadeplhia, Stockholm, Prag und Zürich bejubelt und gefeiert. Doch im Januar 1936 besucht Stalin im Bolschoi-Theater eine Aufführung und am nächsten Tag erscheint ein unsignierter Artikel in der Tageszeitung Prawda. Dort heißt es die Oper Schostakowitschs sei Chaos statt Musik und alle sind sich sicher, dass dieser Verriss von Stalin selbst stammt. Die vorher lobenden russischen Kritiker widerrufen, die Aufführungen abgesetzt und Schostakowitsch muss um sein Leben bangen. Da die Geheimpolizei NKWD ihre Opfer meist Nachts aus den Betten zerrt, wartet der Komponist mit einem gepackten Koffer vor der Tür seiner Wohnung, um seine Familie nicht zu gefährden.

Immerhin war es gerade noch möglich, dass er aussah wie ein Mann, der von seiner Frau Nacht für Nacht demütigend hinausgeworfen wurde, oder wie ein Mann, der wankelmütig Nacht für Nacht seine Frau verließ und dann zurückkehrte. Wahrscheinlicher aber war, dass er genau so aussah wie das, was er war: ein Mann, der wie hundert andere in der Stadt Nacht für Nacht auf seine Verhaftung wartete.

Das Genie versinkt zunehmend in Depression, Ängsten und Suizidgedanken. Er zieht seine 4. Symphonie zurück und schreibt eine 5. ganz nach Parteilinie. Er sucht als Künstler und Bürger seinen Platz in einem Land, das von einem Diktator regiert wird, dessen Politik sich selbst in kreative Prozesse frisst und vorzuschreiben versucht, wie gute Kunst auszusehen hat.

Der von mir vielgescholtene (Lebensstufen [doof!] & Am Fenster [auch doof]) Julian Barnes hat mit Der Lärm der Zeit eine grandiose halbfiktionale Biographie eines der größten russischen Komponisten, und Russland ist an großen Komponisten nicht arm, geschrieben, die mich fast mit Herrn Barnes zu versöhnen vermag. Klaustrophobisch die Stimmung in der Diktatur, der Künstler zerrissen zwischen Genius und Angst, schwankend zwischen Resignation, (zumindest musikalisch inhaltlicher) Auflehnung und Konformismus. Barnes schreibt dabei so knapp und präzise, dass man durch die Enge, die Gehetztheit der Verfolgten im Lesefluss zu spüren meint. Ein großartiger Künstlerroman!

In Stalins Russland gab es keine Komponisten, die mit einem Stift zwischen den Zähnen schrieben. Von nun an würde es nur zwei Arten von Komponisten geben: die einen waren am Leben und hatten Angst, die anderen waren tot.

 

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“Der Schatten des Unsichtbaren” von Torsten Seifert für Blogbuster

Im letzten Jahr startete erstmalig der Blogbuster Preis, bei dem sich Autoren ohne Verlagsvertrag bei drei der teilnehmenden Blogger bewerben konnten, auf dass diese deren Exposé und Manuskript auf Tauglichkeit prüfen durften. Nach Phase 1 schicke ich Torsten Seifert mit Der Schatten des Unsichtbaren ins Rennen um einen der drei Shortlist Plätze, natürlich in der Hoffnung, dass mein Autor auch den Preis gewinnt. Darüber entscheidet nun eine Fachjury, u.a. mit Elisabeth Ruge und Denis Scheck. Der Preisträger Titel erscheint bei Klett-Cotta. Erste Details zum Inhalt des Romans.

Der Roman

Leon Borenstein ist einer der erfolgreichsten Promireporter im Nachkriegs-Los Angeles der 40er. Um in diese Riege aufzusteigen, musste er mit den richtigen Leuten trinken, die richtigen Leute bestechen und schnell sein, auch als es darum ging einem talentierten Boxer die Nase zu brechen. Der neuste Coup von Borenstein ist es, der Erste am Tatort zu sein, als die eigentlich Nummer 1 der Skandalreporter erschossen im Auto gefunden wird. Doch statt einer Gehaltserhöhung und der Erlangung des Platzes des Toten, erhält er von seinem Boss einen kruden Auftrag. Er soll in den mexikanischen Dschungel zu den Dreharbeiten von John Huston an The Treasure of the Sierra Madre reisen. Dort dreht auch Humphrey Bogart das erste Mal außerhalb der USA, doch das Interview mit dem schwierigen Bogart soll nur ein Vorwand sein, um Leon mit gutem Grund ans Set schicken zu können. Sein eigentliches Ziel ist den Urheber des zu verfilmenden Buchs zu finden: B. Traven.

Traven wurde bereits während der Weimarer Republik weltberühmt. Seine Werke, so schätzt man heute, erreichten eine Gesamtauflage von über 30 Millionen und wurden in 24 Sprachen übersetzt. Seine Romane sind fast alle „proletarische Abenteuerromane“ (Volker Weidermann), die in Mexiko spielen und von der Gesinnung des Autors – irgendwo zwischen Sozialismus, Kommunismus und Anarchie – bestimmt werden; der einfache Arbeiter, die Revolution, das Hoffen auf und Eintreten für eine bessere Welt. Wer dieser Traven ist, weiß aber 1947 niemand so richtig. Borensteins Chef übergibt ihm vor dem Aufbruch nur eine Liste mit absurden Theorien und einen vagen Plan. Leon soll sich an den angeblichen Assistenten Hal Croves hängen, um so eventuell an den Chef zu gelangen. Doch in Mexiko sind inzwischen viele weitere Reporter auf den Spuren von Traven, ein Kopfgeld wird auf die Enttarnung ausgelobt und zuletzt beginnt die enigmatische Maria Leon den Kopf zu verdrehen. Als die Dreharbeiten sich zum Ende neigen, hat Leon immer noch keinen Zugang zu Hal Croves gefunden und als dieser verschwindet, steht Leon fast mit leeren Händen da.

Aus dem Reporter, der nur auf der Suche nach der nächsten Sensation und dem neusten Klatsch, ist zwischenzeitlich ein begeisterter Leser, ein Fan von Travens Büchern und ein unermüdlicher Sucher nach dem Phantom geworden.

Das Phantom

Traven bleibt bis heute in vielerlei Hinsicht ein Rätsel, das sogar der berühmte Hitler Tagebücher-Reporter Gerd Heidemann zu lösen versuchte. Er traf Ende der 60er sogar die Person, von der man heute annimmt Traven gewesen zu sein, in ihrer Wohnung, der “sichere Beweis” für Heidemann den Richtigen gefunden zu haben, war damals allerdings nur das Schweigen auf die Begrüßung. Was Volker Weidermann eines der schönsten, abenteuerlichsten, wunderlichsten Rätsel in der Geschichte der Weltliteratur nennt, könnte man auch als Vorstufe weiterer moderner Autoren-Phantome – Salinger, Pynchon, Süskind – lesen. Seifert lässt Leon Borenstein auf eine Suche gehen, die von einer guten Geschichte um den Autor und die guten Geschichten seiner Romane befeuert wird. Ihm gelingt es die spannende Geschichte Travens in eine plausible Rahmenhandlung mit sympathischem Protagonisten zu fügen. Dass sich die momentan allseits beliebte Montage von realen Biographien mit fiktionalen Element bei Traven besonders anbietet, erlaubt ihm dabei nicht nur besonders frei zu arbeiten, sondern dem Roman auch etwas Rätselhaftes zu geben, das vielen Büchern dieses Genres fehlt. Für ein Buch im Urzustand – geht man davon aus, dass z.B. kein umfassendes Lektorat erfolgt ist – ist Der Schatten des Unsichtbaren eine erstaunlich ausgereifte Arbeit, die mich in großen Teilen überzeugt hat. Zwar vermag Seifert die Chandler Stimmung zu Beginn nicht zu halten, hat für seinen Roman aber einen stimmigen Ton gefunden.

Über Travens Geschichte schreibt Rainer Schmidt, die Spurensuche nach Traven liefere selbst Stoff für einen abenteuerlichen Roman – Torsten Seifert hat ihn mit Der Schatten des Unsichtbaren geschrieben.

In den nächsten Wochen werden Torsten Seifert, Der Schatten des Unsichtbaren und B. Traven auf 54books eingehend weiter vorgestellt.

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Gespräch mit Susann Brückner zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf

Der Ullstein Verlag lud Blogger zum Start des neuen Imprints Ullstein Fünf nach Berlin zum Verlagsbesuch, weil ich aber eine richtige Arbeit habe, kann ich nicht immer tagsüber Prosecco schlürfen. Also traf ich Susann Brückner von Ullstein bereits lange bevor andere wussten, dass es Schüttelbrause geben wird, zum Mittagessen in Hamburg. Susann ist blitzgescheit, schlagfertig und wählt hervorragende Restaurants aus. (Es sieht jetzt so aus, als hätten wir da ein Interview geführt, das haben wir aber nicht, später habe ich ihr eine E-Mail mit den Fragen geschrieben.)

Braucht es noch ein Berlin Imprint?

Was ist ein Berlin Imprint? Das Imprint eines Berliner Verlags? Oder eins, das nur Berliner Autoren verlegt oder nur Berlin-Texte? Ullstein fünf ist das Imprint eines Berliner Traditionsverlags, aber es ist weder thematisch noch per Autor*innenvita an Berlin gebunden. Ich würde Ullstein fünf also nicht als Berlin Imprint bezeichnen. Es ist ein Imprint für deutschsprachige Belletristik – unseres Wissens nach bisher das einzige. Wir glauben, dass Leser*innen auf der Suche sind nach Stoffen, die ihrer Lebenswelt nahe sind oder ihnen Teil der sie umgebenden Wirklichkeit näherbringen, die ihnen bisher verborgen blieben. Es gehen hier so grundlegende Veränderungen vor sich, die in der internationalen Literatur keinen Widerhall finden oder sehr anders behandelt werden,  z.B. in der Frage nach Heimat und Zugehörigkeit, die hier anders als etwa im Einwandererland USA beantwortet wird oder auch die Beschreibung bestimmter Milieus, die stark mit einem bestimmten Sprachgebrauch zusammenhängen, gehen in Übersetzungen oft verloren oder bekommen merkwürdige Konnotationen, wenn z.B. der englische Offi (off-licence)  zum Späti wird. (gelesen bei Kate Tempest)

Was könnt ihr bei Ullstein Fünf tun, was im Mutterverlag vielleicht nicht so möglich wäre? Was wollt ihr anders machen?

Die Möglichkeiten der Zusammenarbeit in einem kleinen Team sind natürlich flexibler und bieten den einzelnen Teammitgliedern einen anderen, neuen Zugang zu den Büchern als das im arbeitsteiligen Modus eines mittelgroßen Verlags möglich ist. Unser Team besteht aus Mitarbeiter*innen (fast) aller Abteilungen – und alle entscheiden mit, von der Akquise des Stoffs bis zur Ausstattung des fertigen Buchs.

Wo seht ihr euch und eure Autoren in fünf Jahren?

Unsere Autor*innen sehen wir auf der Shortlist wichtiger Buchpreise, auf den Bestsellerlisten und natürlich ständig in den Medien! Uns sehen wir zunächst mal auf der Buchmesse, wo wir unsere Launchparty feiern. Du bist auch eingeladen!

Seid ihr Sprungbrett für DebütantenInnen oder sollen die Autoren mit euch wachsen? (Also Sprungbrett im Sinne von sollen die irgendwann innerhalb von Ullstein wechseln?)

Interessante Frage. Ullstein fünf soll kein DebütantInnen-Label sein, sondern ein Programm deutschsprachiger Autor*innen  unter dem Ullstein-Dach. Wir arbeiten autorenzentriert – hatte ich das schon erwähnt? – und ja, wenn es passt, wollen wir gerne gemeinsam wachsen!

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Gespräch mit Thomas Pyczak über eBook Piraterie

Auf der Future!Publish in Berlin sprach Thomas Pyczak über Schnäppchen aus Tonga: Besuch auf der dunklen Seite der E-Book-Welt. Im Anschluss stand er mir für eine Gespräch zur Verfügung und wir sprachen darüber wer an der Piraterie verdient, was man als Autor, Leser und Verlag dagegen tun kann und wie die Zukunft aussehen könnte.

1. Sie haben bei Ihrem Vortrag der Future!Publish über eBook-Piraterie gesprochen. Piraterie? Ist das nicht ein großes Wort für ein kleines Vergehen?

Ich finde es genau passend. Denn ganz so klein ist das Vergehen doch nicht. Ich habe auf Basis der Zahlen des Gutenberg-Reports eine vorsichtige Hochrechnung gewagt, welcher Schaden der Buchbranche wohl in 2015 entstanden ist. Ich kam auf 40 Mio. Euro. Kavaliersdelikte sehen anders aus. Das ist ein richtiges Geschäft.

2. Wer verdient an der modernen Piraterie?

Ich unterscheide vier Bereiche: Portalbetreiber, Anbieter von Premium-Services, Bezahldienstleister und die üblichen Verdächtigen.

Die Portalbetreiber verdienen an Werbung, Affiliate Deals, Spenden. Es gibt auch direkte Einnahmen. Ich fand ein Portal, das E-Commerce mit geklauten E-Books betreibt. Ein gut gemachter Shop, Preise im Centbereich. Ich habe mal vorsichtig hochgerechnet, was da wohl verdient wird und kam auf Zahlen, die alsternahes Wohnen ermöglichen.

Premium-Services erlauben Zugang zum Zentrum der Piratenwelt, dem Usenet oder erlauben schnelles Downloaden.

Bei jedem Zahlvorgang ist natürlich ein Dienstleister eingebunden, die verdienen auch mit.

In die Rubrik der üblichen Verdächtigen gehören Anbieter von Abofallen, Virenverbreiter, die natürlich schnelle Hilfe anbieten. Anwälte zähle ich auch dazu. Insbesondere das Abmahnen bringt ja auch denen Geld.

3. Warum gehen die Rechteinhaber, also die Autoren und andere Kreative, nicht konsequent gegen die Piraterie vor?

Zwei Gründe: Der deutsche Buchmarkt ist – noch – ein Printmarkt. E-Books sind gerade mal für 4,5 Prozent des Gesamtumsatzes verantwortlich (2015). Keine gefühlte Not. Der zweite Grund: Die Verfolgung ist aufwändig bis unmöglich. Notice and take down, also das Löschen von Links, ist vor allem im Fachbuchbereich sinnvoll. Bei Bestsellern dagegen scheint das unmöglich. Es gibt hunderte Piratenseiten. Ist ein Link gelöscht, erscheinen zwei neue. Ein Experte sagte mir, die Engländer hätten dafür ein Portal eingerichtet, das er empfehlen würde.

4. Was kann man als Autor unternehmen? Was empfiehlt sich aus Verlagssicht?

Ich würde eine Branchenlösung suchen. So ein Notice and take down-Portal wie in England scheint mir eine praktikable Lösung, um Links zügig entfernen zu lassen. Verlagsübergreifend. Ein Autor allein ist da machtlos. Auch ein einsamer Verlag scheint mir nicht ideal aufgestellt.

5. Sehen Sie eine Möglichkeit, dass die Politik auf das Problem reagiert?

Ja, doch das wird dauern. Ich glaube, das ist mehr als Politik. Es geht um eine Form von Aufklärung, wie beim Thema Umwelt. Sharing ist großartig. Aber Diebstahl ist es eben nicht. Netzpolitische Fragen gehören auf globaler Ebene diskutiert. Ist es richtig, dass sich Piraten hinter Tonga-Domains verstecken? Ist ein Linkverzeichnis, das direkt zu illegalen Downloads führt, wirklich juristisch nicht haftbar zu machen für die Inhalte? Solche Fragen sind mit Augenmaß zu beantworten.

6. Was sollten Leser beachten? Wie weiß ich sicher, dass ich ein legales eBook gekauft habe?

Allein schon wenn ich es gekauft habe, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es nicht von einer Piratenseite ist. Piraten-Shops lassen sich leicht an den Preisen erkennen. Wenn ein Buch nur 1-5 Prozent vom Amazonpreis kostet, dann ist das zwar verlockend, aber illegal. Kein Autor wird verdienen. Kein Verlag.

7. Der Musik- und Filmindustrie hat man Anfang der Nuller-Jahre stets vorgeworfen sich zu lange an den status quo geklammert zu haben. Die Umsätze brachen wegen des Filesharings ein und erst sehr viel später reagierte man mit flat-rate Modellen und größerer Flexibilität für die Kunden und Konsumenten auf deren Wünsche. Wie sieht 2025 die Verlagsbranche unser Konsum von Büchern aus oder erwarten Sie keine Reaktion der Publishingbranche?

In 2025 wird sich vieles verändert haben. Bis dahin ist der Digitalbereich größer als Print. Jetzt geht es darum, sich diesen Markt zu sichern. Die Buchbranche braucht meiner Meinung nach dringend Innovationen im Digitalbereich. Netflix ist ein Modell dafür. Sie haben es geschafft, ein cooles Produkt auf den Markt zu bringen, obgleich da zu Beginn ja fast nur alte B-Movies zu sehen waren. Jetzt ist das eine Welt für sich.

Gute Flatrate-Modelle werden meiner Meinung nach kommen. Alles was wir bisher haben, funktioniert noch nicht richtig. Die Angebote sind unsexy. Ich denke, dass auch die Reader noch einen Sprung machen müssen, so dass wirklich jeder sie haben will. Ähnlich wie das iPhone den Markt der Smartphones revolutioniert hat. Kindle und Co sind gut, aber etwas fehlt zum wirklichen Massenprodukt. Ich kenne niemanden, der davon träumt, so einen Reader zu besitzen.

Die Buchbranche ist in der komfortablen Situation, bisher sehr klug und besonnen gehandelt zu haben. Hier wurden keine ehrlichen Leser bestraft, wenn Piraten gemeint waren. Allenfalls mit DRM, aber das ist ja so gut wie vom Tisch. Jetzt ist die Zeit für Innovationen. Die dürfen ruhig in Piraten-Manier die eigenen Geschäftsmodelle angreifen, bevor es andere tun.

©Juliane Weber

Thomas Pyczak war von 1999 bis 2012 Chefredakteur von CHIP, bis 2014 CEO von CHIP (Print und Online). Seit 2015 arbeitet er als Autor. 2016 veröffentlichte er mit Ende der Welt und Starnberg. Marrakesch. Starnberg. zwei Romane und begann, über das Thema Storytelling zu bloggen.

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