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Nazi-Kitsch, Internetkritik und sexuelle Gewalt oder warum dieser Roman einen Skandal auslösen müsste

Simon Sahner

Simon Sahner

Literaturwissenschaftler und Doktorand der Neueren deutschen Literaturgeschichte am GRK1767 - Faktuales und fiktionales Erzählen in Freiburg im Breisgau.
Simon Sahner

[CN: In dieser Rezension wird die Darstellung einer Vergewaltigung aus dem Roman zitiert]

Fangen wir mit einem Staatsoberhaupt an, das einem im Zusammenhang mit diesem Roman vielleicht eher nicht in den Sinn kommt. Fangen wir mit Barack Obama an. Im Mai 2018 wurde bekannt, dass Barack und Michelle Obama einen umfassenden Vertrag mit Netflix abgeschlossen haben, in dem es um die Produktion verschiedener Serienformate in den kommenden Jahren geht. In diesem Zusammenhang stolperte man auf Twitter über einen Witz:

Warum beginnt diese Rezension damit? Weil dieser Witz das Verhältnis, das ein nicht unbeträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung zu Adolf Hitler und der Nazi-Diktatur hat, sehr gut beschreibt: das Thema birgt eine seltsame Faszination. Auch für die Unterhaltungsbranche gilt: Nazis gehen immer und wenn es dann noch um die Wunderwaffen, die Flugscheiben, die Nurflügler, die angeblich gebaut werden sollten geht, kurz um die mysteriösen Bereiche, dann sind die Einschaltquoten und die Aufmerksamkeit der Leser*innen gesichert.

Und was geht auch immer? Kritik am Internet!

NSA - Nationales Sicherheits-Amt - Andreas Eschbach - Hardcover

Das dachte sich wohl auch Andreas Eschbach als er auf die Idee kam, aus seinem neuen Roman NSA – Nationales Sicherheits-Amt (Bastei Lübbe 2018) ein Internetbashing-Nazikitsch-Mashup zu machen. Die Prämisse wird nun grob umrissen, damit ich mich im Weiteren damit nicht mehr aufhalten muss.

Die Grundannahme, dieses Romans ist, dass sich im 19. Jahrhundert in Großbritannien eine mechanische Computertechnik entwickelt hat, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts elektrisch wurde. (Das beruht auf der Annahme, dass Charles Babbage seine analytische Maschine tatsächlich gebaut hätte.) So entstand in den darauffolgenden Jahren ein dem Internet vergleichbares Netzwerk, das in groben Zügen nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie das uns bekannte Internet und das die gleichen Konsequenzen nach sich zog, unter anderem totale Überwachung. Die Entwicklung von Smartphones, social media, bargeldlosem Zahlen per Handy, Handyortung etc. ist ebenso vorhanden wie die meisten anderen uns bekannten Online-Phänomene: Shitstorms, Chats, und vieles mehr (seltsamerweise aber kein Onlinedating), wodurch eine beinahe lückenlose Überwachung durchgeführt werden kann. Diese Aufgabe übernimmt das NSA, das Nationale Sicherheits-Amt in Weimar. Und hier fangen die Probleme dieses Romans auch direkt an. Das Internet ist das Weltnetz, Computer heißen Komputer, social media sind Gemeinschaftsmedien, E-Mails sind Elektrobriefe, ein Passwort ist eine Parole. Jedes uns bekannte Wort im Zusammenhang mit digitaler Technik hat eine deutsche Entsprechung, das mag Sinn ergeben, ist aber nach kürzester Zeit sehr anstrengend, weil es letztlich nur ein Ratespiel ist, was gemeint ist. Dass die Behörde, die all die Daten sammelt und überwacht, auch noch die Abkürzung hat, die inzwischen zum drohenden Menetekel aller Kritik an Datensammlung geworden ist, ist ein Flachwitz, der aber immer noch über dem Niveau des Gesamtromans daherkommt. Denn die Tatsache, dass die Übertragung des digitalen Zeitalters in die Zeit des Zweiten Weltkrieges im Kontext dieses Romans nur dürftig funktioniert, ist vielleicht das geringste Problem:

Eine Rezension in Fünf Akten

1. Die Computertechnik

Die Computer in NSA sind im Grunde, folgt man der Beschreibung, bessere Dampfmaschinen, die aber in der Lage sind weltumspannende Netzwerke aufzubauen. Damit begeht Andreas Eschbach den Fehler in umgekehrter Reihenfolge, den viele Zukunftspropheten im 19./20. Jahrhundert gemacht haben: er denkt vom Technikstand der Zeit in die Zukunft. In einer Dokumentation aus den siebziger Jahren über die Welt der Zukunft, werden Zeitungen direkt in der Wohnung gedruckt – die Idee, dass man sie als PDF Dateien auf dem Tablet lesen kann, war noch nicht denkbar. Die Raumschiffe, die Jules Verne entworfen hat, konnten natürlich nicht funktionieren, weil sie vom Stand seiner Zeit ausgingen. Die technische Entwicklung, die durchlaufen werden musste, um zu dem nötigen Stand der Technik zu kommen, führte dazu, dass die Raumfahrzeuge, die dann wirklich in die Luft gingen, ganz anders aussahen und funktionierten. Eschbach denkt jetzt die Computertechnik der heutigen Zeit, deren Komplexität gerade wenn die gesamte Welt des Internets dazukommt, extrem hoch ist, mit dem Technikverständnis der 1920er-1940er Jahre – kurz es ergibt keinen Sinn, dass die Server (hier Datensilos) des besten Überwachungsapparates des mächtigsten Staates der Zeit in einem feuchten, schummrigen Keller stehen, nur weil Keller in Nazi-Filmen nun einmal meistens feucht und schummrig sind!

Per se ist gegen die Grundidee dieses Romans kaum etwas einzuwenden. Er ist kontrafaktische Literatur, also Literatur deren Prinzip es ist, einen Punkt der Geschichte zu nehmen und ein oder mehrere Ereignisse entgegen der historischen Realität zu verändern und so die Möglichkeit zu haben, anhand dieser Koordinaten zu spekulieren, was sich im Verlauf verändert hätte. Eines der beliebtesten Szenarien ist – oh Wunder – die Frage, was passiert wäre, wenn Nazi-Deutschland den Krieg gewonnen hätte, damit setzen sich zum Beispiel Robert Harris in Fatherland und Philip K. Dick in The Man in the High Castle auseinander. Die Frage also, wie hätte das alles ausgesehen, was wäre passiert, wenn die Welt ebenso vernetzt gewesen wäre, wie sie es heute ist, mit all den Konsequenzen für Kommunikation, Überwachung, Konsum, Politik und Diskurs ist durchaus spannend. Sie ist aber auch unheimlich komplex und Andreas Eschbachs Versuch zeigt, dass das simple Zusammenschieben von heute und damals nicht funktioniert.

Anzumerken ist, dass Softwareentwicklung im Roman, wie es bis in die 1960er auch der Fall war, Frauensache ist, weswegen man auch vom Programmstricken spricht – soweit, so platt. Das führt zu einer klaren Aufteilung des Umgangs mit Computertechnik. Die Frauen können lediglich Software programmieren, also Programme stricken, während die Männer lediglich damit umgehen können, aber nicht verstehen, wie ein Programm funktioniert. Das Grundlehrbuch zum Stricken von Programmen ist ein blumenverziertes Buch, in dem das Programmstricken mit Küchenarbeit verglichen wird: das Stricken folgt einem Rezept, man braucht Zutaten und alles ist so gemacht, dass frau es auch versteht.

2. Handlung und Erzählweise

Die ersten über 200 Seiten wird die historische Entwicklung bis etwa 1938 dargestellt. Das könnte in Kombination mit der Prämisse interessant sein, letztlich verändert sich aber erschreckend wenig und wir lesen einen weitgehend historisch korrekten Bericht aus der Sicht zweier unterschiedlicher Figuren. Die Handlung folgt den beiden Hauptfiguren Helene Bodenkamp und Eugen Lettke, wobei Helene die positive Figur und Eugen die negative ist. Schwarz-weiß ist in diesem Fall gar kein Ausdruck. Helene ist so naiv, lieb und herzensgut, dass es einem die Schuhe auszieht und Eugen ist so durchtrieben, menschenverachtend und brutal, dass es einem ebenfalls die Schuhe ausziehen würde, hätte man noch welche an. Helene, die Tochter eines Arztes, ist ausgebildete Programmstrickerin, weil sie alles andere nicht konnte, das Stricken von Programmen aber wie keine zweite. Außerdem lässt der Erzähler immer wieder durchblicken, dass sie sich selbst als nicht so schön wie andere Frauen wahrnimmt, sie ist gezeichnet als das klassische Klischee der grauen Maus.
Sie bekommt eine Stelle beim NSA und entwirft Programme, die Daten aufeinander beziehen, sodass die Überwachung perfektioniert werden kann. Sie ist so talentiert, dass sie die Beste ihres Fachs ist und so bescheiden, dass sie das nie zugeben würde, aber in Wahrheit ist sie natürlich ein Genie. Ein Genie aber auch, das kreuznaiv ist. Eines Tages steht ein junger Mann, ein Soldat, vor der Tür ihrer Eltern, die gerade weg sind. Es stellt sich heraus, dass es sich um Arthur handelt, den einzigen jungen Mann, an dem Helene je Interesse hatte und der dann in den Krieg musste, jetzt desertiert ist und sie aufsucht. Dass ein desertierter Soldat Anfang der 1940er das Risiko eingeht durch Weimar zu laufen und an der Tür eines Hauses zu stehen, dessen Bewohner*innen er quasi nicht kennt, scheint keine zwei Sätze mehr wert zu sein. Jedenfalls hat er Glück und Helene ist alleine, sie bringt ihn bei ihrer besten Freundin und deren Mann unter, die rein zufällig ein perfekt ausgebautes und ausgestattetes Versteck haben, weil sie eigentlich einen Juden verstecken wollten, der aber dann noch fliehen konnte – was für ein glücklicher Umstand. Helene ist dann in den folgenden Jahren vorrangig damit beschäftigt, Arthur zu besuchen, Sex zu haben (dazu später mehr) und ihren Job beim NSA so zu erledigen, dass Arthur trotz Totalüberwachung nicht gefunden wird.

Eugen Lettke wiederum ist ein brutaler Sadist, aber kein ideologisch überzeugter Nazi, das wird erschreckend oft betont. Er wurde in seiner Jugend von einer Gruppe Frauen gedemütigt und ist seitdem auf Rache aus. Sein Job beim NSA ermöglicht es ihm, die Frauen aufzuspüren, ihre Geheimnisse zu finden, sie damit zu erpressen und sie zum Sex zu zwingen – das heißt, er vergewaltigt sie auf die demütigendste Art und Weise. Dabei wird immer wiederholt, dass ihm die ganze nationalsozialistische Ideologie egal ist, sein Antrieb ist seine zutiefst misogyne Rache an den Frauen. Bald ist die Verbindung von Gewalt, Sex und Unterwerfung für ihn so selbstverständlich, dass er anders keine Erregung mehr empfindet. Durch Zufall müssen Eugen und Helen zusammenarbeiten, sodass sich ihre Wege kreuzen.
Wie das alles im Einzelnen von statten geht, ist mehr oder weniger irrelevant. Der Plot ist ein typischer Pageturner-Plot mit Cliffhangern am Ende von Kapiteln und düsteren Vorausdeutungen. Wie simpel das gestrickt ist, fällt nicht zuletzt daran auf, wie oft Sätze fallen wie „Sie musste ihn retten und wusste auch schon wie sie es anstellen würde“, woraufhin wieder in die Perspektive der anderen Fokusfigur gewechselt wird. Ebenso auffällig ist die Erzählweise in Bezug auf die Konstruktion der Handlung, alles fügt sich wie durch ein Wunder ineinander: Arthur findet Helenes Elternhaus, diese sind gerade nicht da, Helenes Freundin Marie hat mit ihrem Mann ein perfektes Versteck, Helene arbeitet beim NSA und kann auf die Überwachung Einfluss nehmen und so weiter. Die Handlung wird abwechselnd als personales Erzählen aus der dritten Person von Helene Bodenkamp und Eugen Lettke berichtet, wobei das Vokabular und die Perspektiven an die der Figuren angepasst sind.

3. Figurendarstellung / Sexualität / Männlichkeit & Weiblichkeit

Was uns zum nächsten Punkt bringt und hier wird so langsam deutlich, warum Eschbachs Roman nicht nur simpel gebaut und schlecht erzählt ist, sondern warum er ein echtes Problem darstellt.

Für einen Roman mit der oben beschriebenen Prämisse enthält NSA auffällig viel Sex und sexuelle Gewalt. Da ist einerseits die Rache in Form von sexueller Nötigung und Vergewaltigung, auf die Eugen Lettke wie besessen aus ist. Hier wäre eine fundierte und detaillierte Zeichnung seiner Psyche notwendig gewesen, aber leider dient seine psychische Verrohung lediglich zum Schockeffekt. Selbstverständlich soll anhand seines Vorgehens dargestellt werden, wie gefährlich die Totalüberwachung sein kann, weil Lettke die Frauen durch das Aufdecken von Vergehen erpressen kann, was in einem Staat, in dem das kleinste Vergehen zum Tode führen kann, eine machtvolle Waffe ist. Das Schlimme daran ist, dass aus dieser Konstellation ein sich immer wiederholender Schockeffekt gezogen wird. Die Häufigkeit mit der in diesem Roman sexuelle Gewalt bis hin zur Vergewaltigung dargestellt wird und die Art und Weise der Darstellung sind erschreckend. Die literarische Beschreibung einer Vergewaltigung oder sexuellen Nötigung aus der Perspektive des Täters ist ein literarischer Drahtseilakt, bei dem es nicht nur Fingerspitzengefühls bedarf, sondern auch eines profunden Hintergrundwissens, was die Auswirkungen einer solchen Schilderung angeht, und vor allem der Fähigkeit das alles entsprechend darzustellen und selbst dann ist diese Form der Rollenprosa noch diskutabel – im vorliegenden Fall ist nichts dergleichen vorhanden:

„Justus schrie auf wie ein angestochener Stier, brüllte, wand sich, dass die vier Kameraden sich anstrengen mussten, ihn zu halten. Sie stopften ihm ein Geschirrtuch in den Mund, so fest, dass ihm die Augen aus dem Kopf quollen, während Lettke es seiner Freundin besorgte. Er nahm sie hart, brachte sie zum Schreien, und es war ihm egal, ob sie vor Schmerz schrie oder vor Lust. Das hörte sich ohnehin beides gleich an.“ (111)

Die Drastik dieser Darstellung ist darauf ausgelegt, Eugen Lettke als eine zutiefst menschenverachtende und brutale Person darzustellen. Offenbar meint Eschbach, dass es dazu dieser Beschreibung einer Vergewaltigung – und nichts anderes ist hier beschrieben – in dieser Form bedarf. Das Problem ist u.a. die Perspektive. Formulierungen wie es jemandem besorgen oder jemanden hart nehmen sind der Sprachgebrauch des Täters, der die Vergewaltigung als Lustgewinn empfindet. Eschbach wählt in diesen Fällen grundsätzlich die Täterperspektive, schreibt aber in der dritten Person, was wir lesen sind demnach die Worte des Erzählers gefiltert durch die Wahrnehmung von Eugen Lettke. Es handelt sich also nicht um Rollenprosa in der Ich-Perspektive, was psychologisch glaubhaft sehr komplex zu erzählen wäre, aber immerhin eine bessere Ausrede für die Beschreibung wäre. Die Perspektive des Opfers kommt in diesem Zusammenhang nicht vor. Dadurch bekommen diese Darstellungen eine höchst problematische Note, weil eine Gegenposition fehlt und beispielsweise das, was beschrieben wird, nie als das benannt wird, was es ist: sexuelle Nötigung, Vergewaltigung. Lettke ist zwar eindeutig der negative Gegenpart zu Helene, aber es gibt kein Korrektiv in Form einer übergeordneten Erzählinstanz.

Neben Vergewaltigung wird auch häufig Sex dargestellt. Helene, die mit Arthur, während er im Versteck sitzt, eine Beziehung beginnt und nach dem quälend langen Umschiffen der unterschiedlichsten Probleme, dann schließlich Sex hat, wird als das Stereotyp der Grauen Maus gezeichnet: sie ist naiv, sie ist ein bisschen schwer von Begriff, sie ist schüchtern und natürlich im Sinne des gesellschaftlichen Ideals keine Schönheit. Aus diesem Grund wollen ihre Eltern sie verkuppeln, aber natürlich sind unter den stattlichen jungen Männern nur eklige SS-Offiziere und stramme Nazis, die Helene alle abstoßend findet. Dabei kommen dann solche Szenen zustande:

„“Marie – es ist Krieg!“, schluchzte Helene. „Die Männer sterben weg. Bald wird es nicht mehr für jede Frau einen geben!“ Darauf wusste Marie nichts mehr zu sagen. Sie hielt sie nur fest, und so blieben sie sitzen, bis der Schmerz abgeklungen war.“ (224)

Die Naivität, mit der sich Helene in das vorgeschriebene Rollenmuster einfügt, ist bestechend. Man kann einwerfen, dass sie ja die treibende Kraft dieses Romans ist, dass sie mutig ist, dass sie intelligent ist, dass sie – und das ist vielleicht das Problem – eine starke Frau ist, aber umso seltsamer ist dementsprechend ihr Verhalten.

Man fragt sich ab einem gewissen Punkt der achthundert Seiten auch, warum hier die Geschichte des sexuellen Erwachens einer jungen Frau in der Zeit der Nazi-Diktatur mit einem kontrafaktischen Roman zusammengebracht wird, aber letztlich wird es derselbe Grund sein, der auch für die Vergewaltigungsszenen gilt: Während die Vergewaltigungen als Schockelemente verwendet werden, die Abscheu aber auch Schauer erzeugen sollen, ist die Darstellung von Sex die Garnitur auf dem klassischen Thriller-Plot durch einige pseudo-erotische Stellen: Sex sells. Um zu illustrieren, wie in diesem Roman über Sex geschrieben wird, hier ein Beispiel. Der Kontext dieser Szene ist, dass Arthur und Helene die Kondome (hier: Frommser) ausgegangen sind:

„“Das ist nicht so schlimm“, meinte Arthur. „Hauptsache du bist bei mir.“ Aber Helene schüttelte den Kopf. „Aber du willst es tun. Und ich will es auch tun. Ich weiß nicht, ob wir der Versuchung wirklich standhalten werden.“
„Es gibt andere Dinge, die man machen kann.“
„Was für Dinge?“, fragte Helene verwundert. Er zeigte sie ihr. Er macht irgendetwas absolut Großartiges mit dem Mund zwischen ihren Schenkeln, und er brachte ihr bei, das Vergnügen sinngemäß bei ihm zu erwidern. „Wo hast du das gelernt?“, wollte Helene hinterher wissen, noch schwer atmend und außerdem schwer eifersüchtig.“

Die Dialoge, die teilweise klingen wie aus Pornofilmen entnommen, gepaart mit der Darstellung von Sex, die jede Erotik vermeidet, und vollendet mit der sehr klaren Konstellation der sexuell-naiven und verwirrten jungen Frau und dem erfahrenen jungen Mann, bringen Sexszenen hervor, die nicht nur jeder Erotik entbehren, sondern an Fremdscham und klischiertem Geschlechterbild kaum zu überbieten sind.

4. Umgang mit dem Nationalsozialismus

Es ist eine breit diskutierte Frage, wie man in Literatur, in Filmen und anderen Medien mit der Darstellung des Nationalsozialismus umgehen sollte. Wie man es im Zweifel nicht tun sollte, zeigt der vorliegende Roman gleich zu Beginn.

Der Roman setzt chronologisch nicht am Anfang ein, sondern beginnt mit einem Besuch von Heinrich Himmler im NSA, um dort festzustellen, ob das Amt noch gebraucht wird. Durch das geschickte Aufeinanderbeziehen verschiedener Daten, zeigen ihm die Mitarbeiter*innen des NSA, wie sie herausfinden können, in welchen Häusern Leute versteckt werden. Als Stadt, um das zu demonstrieren, wählen sie Amsterdam und entdecken schließlich in der Prinsengracht 236 einen ungewöhnlich hohen Kalorienverbrauch. Manche werden an dieser Stelle schon erkennen, was hier geschieht, denn es ist die Adresse des Verstecks von Anne Frank. Ein kurzer Befehl mit dem Smartphone von Himmler und Anne Frank und ihre Familie werden deportiert.

Letztlich ist die Sache einfach. Die Geschichte von Anne Frank, die wir durch ihr Tagebuch kennen (oder zu kennen meinen), ist vielleicht die Geschichte aus der entsprechenden Zeit, die am meisten Scham, Rührung und Abscheu in der deutschen Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit ausgelöst hat. Sie konfrontiert uns in der perfekten Mischung aus Naivität, Kindheit, Grausamkeit und Hilflosigkeit mit den Taten unserer Großeltern und Urgroßeltern. Diese Geschichte als schockierendes Opening in den Kontext des Romans zu bauen ist ein weiteres perfides Ausschlachten eines grausamen Verbrechens. Leider ist das nur der Anfang.

Was des Weiteren auffällt ist, dass die einzigen überzeugten Nationalsozialisten in diesem Roman eklige SS-Schergen sind, die Helene heiraten soll. Der schlimmste von ihnen ist Ludolf von Argensleben, er ist überzeugter Nationalsozialist und Antisemit, zudem ist er ölig, ekelerregend, körperlich hässlich und deformiert (an jeder Stelle seines Körpers, wie wir erfahren müssen). Die normalen Deutschen sind entweder naiv, das heißt sie verstehen eigentlich nicht, was um sie herum passiert, widerständig, das heißt sie verstecken Juden, Widerstandskämpfer*innen oder Deserteure, oder sie sind Mitläufer*innen. Alle überzeugten Nazis sind als ausgesprochen widerwärtig beschrieben. Kurz gesagt, es wird vermittelt, die meisten seien eigentlich keine Nazis gewesen.

Das größte Problem ist aber, – wie bereits an dem Umgang mit der Geschichte von Anne Frank gezeigt – dass die Grausamkeiten des Nationalsozialismus nur eine schockierende Folie darstellen, die der Spannungserzeugung nutzt. Die Krönung dieses Umgangs ist erreicht, als Helene, die den ekligen Ludolf von Argensleben schließlich heiraten muss, so verzweifelt von ihrem Leben ist, dass sie ein Verbrechen begeht und es so arrangiert, dass sie verhaftet und ins KZ gebracht wird, weil alles besser ist als das Leben mit Ludolf, natürlich handelt es sich um Auschwitz – genau das hat Helene geplant. Sie geht lieber ins KZ Auschwitz als mit Ludolf zu leben – mehr muss man zum Umgang mit diesem Thema in diesem Roman nicht sagen.

5. Ein Fazit

Es wurde nun deutlich, warum dieser Roman nicht nur schlecht, sondern auch in seiner Darstellung von sexueller Gewalt, Männlichkeit und Weiblichkeit und nicht zuletzt der Zeit des Nationalsozialismus höchst problematisch ist. Er zeigt zudem, dass der Themenkomplex Zweiter Weltkrieg, Shoa, Nationalsozialismus, Adolf Hitler immer noch als Schockeffekt in Unterhaltungsmedien zieht. Letztlich ist Andreas Eschbachs NSA ein Roman, der all das miteinander vermischt, was die deutsche Seele offenbar zur Unterhaltung braucht ( 81% der Bewertungen auf Amazon mit 4 oder 5 Sternen): Nationalsozialismus, Sex, ein bisschen Grusel und das große Grauen des Internets. Das Schlimme daran ist, dass die Frage, wie diktatorische Regime die Totalüberwachung für sich nutzen können, wirklich relevant ist und in einem guten Roman ausgearbeitet hätte werden können. Hier dient sie leider nur dem Thrill.

Man kann nun die Frage stellen, warum man einem solchen Buch eine so ausführliche Rezension widmen soll, sollte man es nicht einfach ignorieren und ihm auf diese Weise so wenig Aufmerksamkeit wie möglich verschaffen? Ich denke, nein, denn der Roman zeigt, dass in der Unterhaltungsbranche der Holocaust immer noch als plumper Gruseleffekt genutzt wird und funktioniert, ebenso dass literarischer Sexismus einfach so hingenommen wird und dass sexuelle Gewalt als schockierendes Element unhinterfragt dargestellt wird. Die Frage muss gestellt werden, warum ein solcher Roman in einem Land, das sich die Aufarbeitung seiner jüngeren Vergangenheit mit Recht derart auf die Fahnen geschrieben hat, keinen Aufschrei auslöst und nicht einmal einen nennenswerten Widerhall in den Medien findet. Darin zeigt sich der zweigleisige Umgang mit dem Thema Nationalsozialismus – einerseits sind die Aufarbeitung und die Auseinandersetzung damit vordergründig nicht nur Staats- sondern auch Gesellschaftsräson, andererseits ist die geschichtsblinde und teilweise -revisionistische Verarbeitung des Themas in Unterhaltungsmedien anscheinend akzeptierter Konsens. Eine Grundaussage dieses Romans ist, dass die meisten Deutschen naive und eigentlich liebenswerte Mitläufer*innen waren oder gar im Widerstand. Das sagt auch Eschbach selbst in einem Interview mit dem DLF Kultur:

Meyer: Ihre Hauptfigur, die ganz maßgeblich auch an solchen Programmen mitwirkt, das ist eine begeisterte Programmiererin, Helene Bodenkamp heißt sie. Eine „Programmstrickerin“ in der Sprache Ihres Buches. Das ist aber keine hundertprozentige Anhängerin der Nazis, oder?

Eschbach: Nein, die ist ganz normale Bürgerin, die halt einen Job macht und in diesem Amt angefangen hat und sich da nicht weiter drüber Gedanken macht. Ein Mensch wie du und ich praktisch.

Diese Darstellung der meisten Deutschen als ganz normale Bürger*innen, die ihren Job machen, relativiert die Tatsache, dass genau auf diese Weise das System und letztlich das organisierte Töten funktioniert hat. Helene ist ein wichtiges Rädchen in der großen Maschinerie des Völkermords und der Unterdrückung. In Eschbachs Roman erscheint sie als eine Frau, die ab und zu mal Zweifel hat, aber letztlich einfach nur ihren Job macht und wenn man Eschbach glaubt, dann soll das auch genauso sein. Die echten Nazis sind allesamt abstoßende Schergen der SS und des Regimes. Dass eine solche Darstellung in einem großen Feuilleton wie dem DLF Kultur nicht nur unwidersprochen bleibt, sondern im Gegenteil auch noch affirmiert wird, ist nicht zu rechtfertigen.
Das betrifft nicht einmal nur den Umgang mit der deutschen Vergangenheit, sondern auch den Umgang mit Sexismus und sexueller Gewalt. Dass sich die Kulturressorts deutscher Großmedien nicht darum scheren, dass in einem Roman, der von einem großen Verlag publiziert wird, Themen wie Sexualität und Geschlechterverhältnisse auf dem Niveau von Mario Barth Witzen verhandelt werden und sexuelle Gewalt in der hier beschriebenen Form dargestellt wird, zeigt, dass #metoo und vergleichbare Debatten noch nicht bis in alle Bereiche der Unterhaltungsbranche vorgedrungen sind und dass das still akzeptiert wird. Die großen Print-Feuilletons haben diesen Roman weitgehend ignoriert und wenn er doch besprochen wurde, wie in dem Interview des DLF Kultur mit Andreas Eschbach, dann ohne jede Kritik oder lobend wie in der ARD-Sendung druckfrisch. Denis Scheck, der in seinem Leben so viel gelesen haben dürfte, dass er weiß, was er tut, nennt ihn einen „fulminant spannenden Roman mit intellektuellem Mehrwert“. Diesem Urteil würde man gerne vertrauen und man hätte diesen Roman, von dem Scheck da spricht, gerne gelesen, allein, es ist nicht NSA – Nationales Sicherheits-Amt von Andreas Eschbach.

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6s Kommentare

  1. Starke Rezension zu einem wohl grauenhaften Buch. Ich finde es ja schon immer schrecklich, wenn *zufällig* ganz andere technologische Bedingungen zu beinah parallelen gesellschaftlichen Entwicklungen führen…

  2. Vielen Dank Simon für diesen Text (auch wenn er für perfekte Lesbarkeit/Stilistik noch ne Politur vertrüge).
    Eine Wonne für einen kritischen Querbeet-Phantasten wie mich!

    Ich bin quasi seit den späten 80ern in der Phantastik-Szene aufgewachsen; zwar weniger in den SF-, mehr in den Fantasy-Gefilden, dennoch ließ es sich kaum vermeiden Eschbachs Aufstieg zu beobachten. Hab ihm damals™️ 2 x ne Chance gegeben: bei »Das Jesus-Video« (als Hörbuch; praktisch komplett vergessen) und »Der Letzte seiner Art«. Bei zweiterem musste ich sehr oft (nicht im Sinne des Autors) lachen, z.B. weil eben schöne irische Frauen, die dazu da sind, dem Protagonist zu helfen, zu bemuttern und damit er was hat, um sich zu verlieben, nicht nur rote Haare, sondern selbstverfreichlich auch grüne Augen haben müssen. — Kurz: ich prüfe seitdem immer wieder gerne Eschbach-Romane im Laden an, und finde immer die gleiche Melange aus plattest-braver Befolgung von Schreibratgeber-Formeln sowie Denk- & Fühl-Faulheit vor. Eschbach ist wahrlich ein wunderbares Anschauungsbeispiel, für sich selbst zur Marktkonformität dressierender Intelligenz & Kreativität … also im Grunde ist der Mann ein Opfer-Täter der Blödmaschinen im Sinne von Seeßlen/Metz. Er ist einer der markantesten Vertreter eines vorauseilenden Anti-Intellektualismus, der gerade in der vor Selbstzweifeln und Minderwertigkeitskomplexen strotzenden deutschen Genre-Phantastik weit verbreitet ist, und der auch außerhalb davon ein wesentliches Hemmnis für eine gedeihliche ›Middle Brow‹-Unterhaltungskultur darstellt.

    Wer sich von Eschbach’schen Nazi-Uchronie-Schund erholen will, sollte in der Tat zu den im Haupttext erwähnten Werken von Robert Harris und Philip K. Dick greifen — und ich trau mich um die ›Small Change‹/›Inspector Carmichael‹-Trio von Jo Walton zu ergänzen.

    Cheers
    Alex / molo

  3. Die kanonische Verarbeitung der Idee, die auch der Point of Departure für »NSA« ist, ist »Die Differenzmaschine« von Gibson und Sterling, was ich sehr empfehlen kann (allerdings nicht wegen der Handlung).

    Zu Eschbach muss ich sagen: Sein Debüt »Die Haarteppichknüpfer« hat mich begeistert. Ich finde das nach wie vor große SF, die erschütternd starke Bilder von Vergeblichkeit und menschlicher Verworfenheit findet, dazu formal innovativ und mit einer Pointe, die einem den Atem raubt. Vielleicht nicht ganz auf der Höhe seiner Zeit, aber auf Augenhöhe mit vielen Klassikern. Mir ist ein Rätsel, was seitdem passiert ist.

  4. Also wir haben hier einen Roman – keine Dokumentation und auch kein Sachbuch. Der Autor hat sich gedacht, was wäre gewesen, wenn es zu Nazi-Zeiten bereits Rechner gegeben hätte, ein umspannendens Informationsnetz etc. Die Kritik daran, diese Dinge mit deutschen Bezeichnungen zu versehen verstehe ich jetzt nicht wirklich – es mag auf Dauer nervig sein und anstrengend – aber falsch? Warum? Gerade in der Nazizeit hätte man das doch so benannt.
    2.) die Figur der Helene, die wohl scheinbar normal atypische Züge haben könnte, was die Sache mit: sie kann nix außer Programme stricken und wird als graue Maus dargestellt, erklären würde. Der Plot ist ja offensichtlich Pageturner mäßig gut umgesetzt – sowas wollen Menschen lesen, wenn sie eben einen sog. Pageturner lesen.
    Sicherlich ist hier Kritik angebracht, aber mal ehrlich – es ist doch von vorne herein klar, dass das kein belletristisches Glanzwerk ist oder? Was mir gut gefallen hätte, wäre ein Vergleich oder Anmerkungen zu Büchern, die eine ganz andere Herangehensweise an das Thema Holocaust einschlagen. Da fällt mir Moonglow ein von Michael Chabon – der Holocaust als zentraler Punkt der absolut fiktiven Biographie des Großvaters. Oder natürlich nicht zeitgenössich, zuerst 1971 in den USA, erst 1977 in Deutschland veröffentlichte groteske Roman Der Nazi und sein Friseur von Edgar Hilsenrath, der eben aus der Täterperspektive erzählt wird. Das wäre meines Erachtens nach eine einleuchtende Herangehensweise, diesen sicher zu Recht kritisch zu lesenden Roman, grundsätzlich besser zu kritisieren, die vielleicht auch außerhalb der Filterblase, in der wir uns ja doch bewegen, wahrgenommen und angenommen würde.

  5. Mario

    Ich kann die Kritik nicht nachvollziehen. Ich gebe 9/10 Punkten.

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