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Südlich der Grenze, westlich der Sonne

Zweimal jährlich kommt ein Liebesroman und Sie sagen empört, das gehört gar nicht hierher. Ich weiß gar nicht, Sie halten die Liebe für etwas anstößig Unanständiges, aber die Weltliteratur befasst sich nun mal mit diesem Thema.

Es ist der Roman, über den das Literarische Quartett zerbrach, zumindest dessen Ende einleitete. Haruki Murakamis Gefährliche Geliebte wurde neu übersetzt und erscheint nun (auch) als Südlich der Grenze, westlich der Sonne bei DuMont.

Ein hocherotischer Roman von ungewöhnlicher Zartheit und größter Intensität. Ich habe eine solche Liebesszene seit Jahren nicht gelesen.

Die Meinung des Literaturpapstes Reich-Ranicki passte Sigrid Löffler so gar nicht, von einem sprachlosen, kunstlosen Gestammel sprach dagegen sie (Video siehe unten).

054067339-suedlich-der-grenze-westlich-der-sonneMurakami genießt in Deutschland und Europa einen sehr guten Ruf, was für (allgemein gesprochen) asiatische Schriftsteller, abgesehen vielleicht mal vom Bereich der Manga u.ä., recht selten ist. Die letzte Murakami-Welle schwappte mit seinen 1Q84 Büchern von der Ostküste des asiatischen Kontinents zu uns herüber. Aber ich gebe zu, dass ich bisher nichts von ihm gelesen hatte, vor dem Umfang von 1Q84 zurückgeschreckt bin und mich in vor verrückten unaussprechlichen Namen der Charaktere gruselte.

In Südlich der Grenze, westlich der Sonne dreht sich alles um Hajime (den Namen würde ich sogar in der Öffentlichkeit ohne Angst vor Unaussprechlichkeit auszusprechen wagen). Der Roman beginnt mit seiner Kindheit als (damals seltenen) Einzelkind und seiner Freundschaft zu Shimamoto, die erste Gefühle in ihm hervorrufen, aber wegzieht bevor diese sich entwickelt können. Hajime hat andere Beziehungen, ist aber immer weiter auf der Suche nach der persönlichen Erfüllung, nicht nur in der Liebe, sondern auch in seinem Beruf und seinem weiteren Leben; immer auch etwas auf der Suche nach einer Frau, die seiner Idealvorstellung (Shimamoto) nahe kommt.

Hajime heiratet, hat zwei Kinder und betreibt mit dem Geld seines Schwiegervaters ausgestattet zwei Jazzbars. Eigentlich ist er glücklich, doch hat er die Suche nicht aufgegeben, nur weiß er immer noch nicht wonach, als plötzlich Shimamoto wieder in sein Leben tritt, aber immer wieder ohne Begründung verschwindet, um wieder ohne Erklärung aufzutauchen. Plötzlich steht Hajime vor der Entscheidung bei seiner Familie, mit der er glücklich ist, zu bleiben oder in das Unbekannte mit der verklärten, idealisierten Liebe durchzubrennen.

Im Literarischen Quartett ging es (auch) darum, ob es sich bei Gefährliche Geliebte nur um Männerphantasien handelt und es mag sein, dass dieses typische Midlife-Crisis-Ich-war-noch-niemals-in-New-York-Gefühl ein Männer-Problem ist, aber in diesem Buch geht es auch um viel mehr und das geschlechtsunabhängig: Die Suche nach der Erfüllung für sich als Individuum, aber auch im familiären Kontext, die Frage nach einem glücklichen Leben, der wahren Liebe, Glück, die persönliche Perspektive und ob nicht vielleicht doch nur immer das reizt, was wir nicht erreichen können.

Murakami schreibt fesselnd, durchaus “sprach- und kunstvoll” und auch wenn der Konflikt, in den Hajime mit dem Wiederauftauchen Shimamotos gerät vorhersehbar ist, wird dieser sensibel aufgebaut, herausgearbeitet und enthält genug Unvorhersehbares um dem Buch Spannung zu verleihen. Die gescholtene “Männerphantasien-Erotik” des Romans dagegen kann ich nicht ganz nachvollziehen, denn diese kommt ohne jeden Körperkontakt aus und die anrüchigen Männerphantasien muss man sich schon wirklich selber machen, an solcher Erotik kann ich nichts tadelnswertes oder anrüchiges finden.

Sensibel (zart MR-R) schildert Murakami eine nie gewesene Liebesgeschichte und die Gedanken der beiden Liebenden um das “Was wäre (gewesen) wenn”. Literarisches Fastfood (Löffler) ist dieses Buch nur, weil ich es in einem Rutsch, an einem Abend durchgelesen habe.

Vorsicht das Video “spoilert” mehr als ich!

Zum Teil wurde hier auch auf die Schwächen der Übersetzung hingewiesen. Diese kann ich aber aus zwei Gründen nicht beurteilen: 1. ist mein Japanisch grausam schlecht und reicht nicht für die Lektüre des Originals, 2. habe ich nur die Neuübersetzung gelesen, bei der ich mich an nichts “gestoßen” habe.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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2s Kommentare

  1. Ich habe 1Q84 ja sehr ausführlich kritisiert. Nach langer Abstinenz dann das Frühwerk Wenn der Wind singt ausprobiert. Im Großen und Ganzen recht überzeugend. Gerade lese ich After Dark, sehr angetan von der ersten Hälfte (damit man weiß, wie ich hierher komme). Grenze/bzw Geliebte dagegen ist für mich wieder ein sehr typischer Murakami mit der unvermeidbaren Doppelhandlung einiger eher bedeutungsloser Geschlechtsakte und der gleichzeitigen Fixierung auf die ewig-unübertreffliche Jugendliebe. Im Gegensatz zum mit Spaß zu lesen Wenn der Wind singt konsumiert das hier leider fast alles drum herum.

    Mag sein, die Neuübersetzung ist besser als die, die ich zugrundegelegt habe, doch mein Einwand geht nicht gegen die meist sogar ertragbare Sprache. Die Obsession damit, wohin ein Mann ejakuliert, das notorische Mund ausspülen nach dem Oralverkehr, das ist definitiv auch aus dem Original übersetzten späteren Murakamis zu Eigen. Ebenso die schmachtende Pseudokeuschheit („ich möchte dich einfach nur nackt in die Arme nehmen“). Anders als in Wind fehlt dem hier aber jeder Witz und doppelter Boden. Und wie in 1Q84 lässt Murakami seine Protagonisten so viel, dass er zeigen könnte, ausbuchstabieren. Statt den Leser spüren zu lassen, dass die ewige Geliebte nicht gleich Sex haben kann und den Oralverkehr als Zwischenstation braucht, lässt er sie das zB genauso sagen.

    Übrigens habe ich bisher noch keine Darlegung gefunden, die zeigt, dass die neue Übersetzung wirklich originalgetreuer ist und nicht einfach nur sanfter und eleganter. Es wäre ja zumindest denkbar: Murakami stellt selbst gern das „Amerikanische“ seines Stils in den Vordergrund. Nun sorgt eine deutsche Übersetzung aus dem Englischen für einen Skandal. Die neue Übersetzung liest sich seeeeehr sanft – fast wie ein Klischeebild fernöstlicher Innerlichkeit. Wäre es nicht theoretisch möglich, dass die amerikanische Übersetzung durchaus im Sinne des Autors war und die davon angefertigte deutsche immer noch ordentlich, während die neue Originalübersetzung dem Skandal all zu sehr Rechnung trägt? 1Q84 klingt mE zumindest wieder eher wie Gefährliche Geliebte als wie Südlich der Grenze. Ich sage nicht, dass es so ist. Das kann ich mangels Japanischkenntnissen nicht beurteilen. Aber im Zuge des Übersetzungsskandals wurde niemals dargelegt, wer eigentlich so geschlampt haben soll, dass am Ende auf Deutsch zwei unterschiedliche Bücher heraus kommen können… der amerikanische Übersetzer, der auch mit dem Original arbeitete? Oder der deutsche Übersetzer, der aus dem Englischen übersetzte? Klar, die Gefahr Fehler zu machen wird bei jeder weiteren Übersetzung aus einer Zwischensprache größer. Aber es wundert mich, dass in der ganzen Debatte niemals klar herausgearbeitet wurde wo der Fehler liegt oder die Fehler liegen.

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