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Über die Schönheit häßlicher Bilder

Als Schüler hasst oder liebt man den Mann dafür den Nachlass Franz Kafkas nicht vollständig verbrannt, sondern herausgegeben zu haben. Jeder kennt den Namen Max Brods in diesem Zusammenhang, doch wer kennt Max Brod als eigenständigen Schriftsteller, Feuilletonisten oder Journalisten? (By the way: nicht nur Franz Kafka, auch Franz Werfel wurde von Brod entdeckt.) Beim Bücherkauf stach der Essayband Über die Schönheit häßlicher Bilder schon allein aufgrund des Titels hervor (und noch jetzt beneide ich das Genie dieser Überschrift) – kurze Anfrage beim verlegenden Wallstein Verlag in Göttingen, schon liegen Buch und Pressetext vor mir. Der Band ist einer von zehn aus der neuen Reihe “Max Brod – Ausgewählte Werke”, die seit 2013 erscheint, sie soll “das Ouvre, das heute im Buchhandel nicht mehr und in Bibliotheken kaum zu finden ist, wieder einem Lesepublikum zugänglich machen”.

Ein wichtiges Anlegen, denn das Schicksal dieses armen Mannes ist es, dass der Name des durch ihn Geretteten nur von allzuwenigen überstrahlt werden kann, auch nicht von Brod selbst, aber lasst uns deswegen Max Brod nicht vergessen! Weil diese Essays mit das Unterhaltsamste, Lustigste, Intelligenteste, was ich im letzten halben Jahr gelesen habe, sind! Bereits der namensgebende Essay sprüht nur so von Witz, wenn er den nächsten, seine Streitschrift Gegen moderne Möbel, aber mit

Ich habe mich mit modernen Möbeln im Grunde ebensowenig ernstlich befaßt wie mit den anderen Dingen, über die ich schreibe. Ich gehe meines Weges und denke eigentlich über ganz andere Sachen nach, zuweilen aber fällt mir hier und dort etwas wie zwischen zwinkernden Augenlidern auf, und dann notiere ich es, mögen andre zusehen, wie sie damit fertig werden.

9783835313422leinleitet, ist es um mich geschehen. Berauscht und belustigt blättert man weiter und liest Artikel um Artikel. Selbst welche, die erst unattraktiver als die übrigen klingen, wissen zu unterhalten. Kaum ein Essay ist länger als zehn, die meisten eher um die fünf Seiten, und doch steckt in jedem eine eigene kleine Welt. Es versteht sich von selbst, dass Brod, obwohl er sich angeblich doch nie ernstlich befasst hat, geistreich über moderne Möbel sprechen kann. Und noch über vielmehr: den eigenen Tod, zufällige Konzerte, Frauen-Nichtkenner und weiße Wände, über die Vorstadtbühne und Wunderkinder, den Umgang mit Verlegern oder das verkannte Genie. Mit einem solchen hat man es hier zu tun. Mir fehlen die Worte meiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen.

Ich bin dafür, geschmacklose Möbel in Massen zu fabrizieren – nicht aber der Menschheit einzureden, es lasse sich auch nur ein Funken der reinen, tugendhaften, göttlichen Schönheit, wie er etwa eine inspirierte Prosazeile Gottfried Kellers erleuchtet, so nebenher auch noch in Sesseln, Kredenzen und Türklinken einfangen.

Gerne würde ich weiteres Lob auf das Haupt dieses Mannes regnen lassen, aber mir fehlen nicht nur die Worte, sondern auch die Zeit – ich habe noch nicht alle Beiträge Brods gelesen und will bereits wieder von vorne beginnen oder soll ich Robert Walser lesen? Denn wenn ein Max Brod sagt, es sei wirklich unmöglich diesen Dichter nach Gebühr zu loben, welch ein Riese muss das sein, gelobt von diesem Giganten. Man lese soviel Kafka wie man mag, aber man vergesse bitte nicht diesen großartigen Schriftsteller, dessen Lebenswerk sich nicht in einer großen Tat erschöpft, sondern aus vielen großen Taten besteht.

Ich kann meine verliebte Freude über seine Existenz in Kurzem nicht anders ausdrücken als indem ich die Namen seiner bisheutigen Bücher mit meiner schönsten Schrift ins Manuskript kalligraphiere. [Brod über Walser; Winterling über Brod]

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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4s Kommentare

  1. Wie schön, dass hier an Max Bord erinnert wird. Ich habe besonders gerne den Roman einer Redaktion über das Prager Tagblatt um Egon Erwin Kusch gelesen. Ein Stück Zeitgeschichte und großartige Literatur zugleich.
    Liebe Grüße, Kai

    • 54books 54books

      Einen Roman muss ich nun auch unbedingt mal von ihm lesen.

    • 54books 54books

      Dafür bin ich ja da 😉

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