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Maus von Art Spiegelmann

 

mauart spiegelmann mausMich muss nun wirklich keiner zum Lesen von Literatur über die Zeit des Nationalsozialismus anspornen, dagegen habe ich immer noch Berührungsängste mit Comics, respektive Graphic Novels. Einer der Pioniere, der auch in Deutschland geholfen hat dieses Genre zu etablieren, ist Art Spiegelmann mit seinem Pulitzerpreis gekrönten Comic Maus.

Wladek ist der Vater Arts und hat den Holocaust überlebt. In mehreren Sitzungen erzählt er dem Sohn seine Geschichte und immer wieder scheint im Alltag das Leid dieses Mannes durch, der deutlich gezeichnet ist, von dem was ihm und seiner Familie angetan wurde. Ein Nörgler, ein Geizkragen, der dem Rest der Seinen auf den Wecker geht, in vielen Punkten ein Unbelehrbarer, für den man immer mehr Mitgefühl entwickelt während er seine Geschichte erzählt.

Sein Leben im Ghetto, Verstecken, Arbeitslager und am Ende Auschwitz und wieder Flucht, Verstecken, der Verlust fast der gesamten Familie, auch der Frau, die sich nach dem Krieg das Leben nimmt. Teilweise unglaublich wie Wladek überlebt, doch er ist klug und hat Glück, fast aberwitzig manche Zufälle, doch dies ist eine wahre Geschichte und das verstärkt deren Kraft ungemein.

[…] weil der Mensch sich das Schlimmste immer nur am Einzelschicksal vorstellen kann und weil dieses Schlimme besonders empfunden wird, wenn es ein fröhliches junges Mädchen trifft.
Michael Maar in: Heute bedeckt und kühl

Diese Kraft wird durch einen archaischen graphischen Stil verstärkt. Ganz in Schwarz-Weiß gehalten und teilweise fast roh anmutend zeichnet Spiegelmann was mit Worten so schwer zu beschreiben ist. Die Juden sind bei ihm Mäuse, Polen Schweine, Deutsche und Nazis Katzen. Erst etwas verwirrend, stellt sich dies im Lauf der Lektüre als genialer Schachzug dar. Durch die Entmenschlichung der Figuren scheint Spiegelmann eine Form zu finden sich der eigenen Geschichte zu nähern ohne von der Last der Vergangenheit erschlagen zu werden, handelt es sich doch auch um ein sehr persönliches Buch. Die Geschichte des Vaters wird immer wieder durch den Alltag und den Vorgang des Erzählens der Geschichte unterbrochen, immer wieder wird deutlich, dass Wladek ein gebrochener Mann ist, der nie die an ihm begangenen Verbrechen überwinden wird. Die Persönlichkeit Wladeks hat nicht überlebt, wie sein Sohn feststellen muss. Zwangsläufig überläuft einen Gänsehaut, wenn man die Geschichte der Maus wieder auf den Menschen Wladek überträgt.

IMAG1077Die Tiermetapher bleibt wandelbar und trägt die Geschichte mit. Die jüdische Maus ist Ungeziefer, ihr natürlicher Feind die Katze. Gibt die Figur vor zu einer anderen Tierrasse zu gehören, trägt sie eine Maske derselben, so auch Spiegelmann, wenn er sich selbst als Zeichner darstellt: ein Mensch mit Mäusemaske. Franzosen, die in den USA auch Frogs genannt werden, werden als Frösche dargestellt. Erst nur Mittel zur Distanzierung werden die Tiere zum Vehikel für die ganze Geschichte und geben ihr eine eigene Eindringlichkeit, denn es waren eben nicht die Tiere.

IMAG1076Niemand kann verstehen Auschwitz, gibtWladek zu. Daher ist es umso wichtiger, dass man es immer wieder versucht und dieses Buch ist ein großer Schritt in der Heranführung an dieses Thema, ohne Dinge zu vereinfachen, denn die Tiermetaphern führen nie zu einer Banalisierung. Viele Stellen in diesem Buch haben mich tief berührt und das obige Zitat von Michael Maar bewahrheitet sich wieder einmal, mit einem individuellem Schicksal vor Augen, erleben wir Geschichte und die damit verbundenen Leiden anders – sei es das Schicksal einer Maus, es ist das Schicksal eines mausgewordenen Menschen, einer tiergewordenen Familie.

Dies ist ein wichtiges Buch, hoffentlich ein Buch was tatsächlich (junge) Menschen dazu bringen kann sich mit dem düstersten Kapitel deutscher Geschichte auseinanderzusetzen, Maus hat das Zeug Berührungsängste zu überwinden. Macht es zur Schullektüre!

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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