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Hilary gegen Haruki und Mantel gegen Murakami

Manchmal packt es einen oder nicht.

Hilary Mantel gewann sowohl mit Wölfe als auch mit Falken, ihren historischen Romane über England unter Heinrich VIII. und Thomas Cromwell, den Booker Prize. Eine hohe Auszeichnung in einem Genre, das sonst eher auf Wühltischen stattfindet. Um diese derart dekorierte Autorin kennenzulernen, ohne gleich 1300 Seiten Historienschmöker lesen zu müssen, versuche ich ihren Kurzgeschichten Band Die Ermordnung Margaret Thatchers.

Ich beginne also mit Der Besucher und weiß nach den 24 Seiten der Geschichte irgendwie nicht so recht, was ich da gerade gelesen habe. Eine Frau ist mit ihrem Mann aus (seinen) beruflichen Gründen nach Dschidda in Saudi-Arabien gezogen und freundet sich mehr oder weniger mit einem Mann an, der bei ihr klingelt umzu telefonieren. Eigentlich mit einer Konzentration ausgestattet, die es mir erlaubt auch mehr als zwanzig Seiten am Stück zu lesen, merke ich doch am Ende, dass ich von der Geschichte nichts so richtig mitbekommen habe, zwischendrin bin ich wohl zu oft abgeschweift. Nichts an der Geschichte hat meine Aufmerksamkeit so richtig aufrechterhalten können. Kann natürlich passieren, mag man das Sujet der Geschichte nicht, ich bin kein Wüstenmensch (genauso wenig ein Schnee-Typ). Aber auch die nächste Geschichte plätschert an mir  vorbei, ich kann von keiner der Geschichten über den Inhalt referieren, habe aber doch jede zumindest angelesen. Sowas ist mir lange nicht passiert. Ich könnte nicht mal von dem Buch abraten, weil es einfach an mir vorbeiging (was natürlich schwerlich als Empfehlung gelten kann). Also erstmal keine Hilary Mantel mehr für mich, trotz Booker Prize.


Besser soll es danach Haruki Murakami, der ewig verhinderte Nobelpreisträger, mit Von Männern, die keine Frauen haben machen. Bereits dem Umschlag gebührt hier schon mehr Aufmerksamkeit als der bloßen Tasche der eisernen Lady. Auf das weiße Cover selbst ist nur die schwarz-weiße Silhouette eines Mannes gedruckt, Farbe und Frauengestalt sowie den Text, bringt erst ein aus dicker Folie bestehender zweiter Einband.

Marakami schafft es im Gegensatz zu Mantel bereits in der ersten Beatles-Zitat Geschichte Drive my Car mich zu interessieren. Ein verwitweter Schauspieler erzählt seiner Fahrerin wie er erfuhr, dass seine Frau ihn betrog und wie er gelernt hat damit umzugehen und nach ihrem Tod immer noch damit umzugehen versucht. Und auch im anschließenden Beatles-Zitat Yesterday versucht ein (hier) junger Mann die Beziehung zu seiner Jugendliebe zu ergründen, die Verwicklungen zu verstehen und die Eifersucht auf andere Männer, die ihr nahe kommen oder kommen könnten zu bewältigen. Sowieso dreht sich eigentlich jede Geschichte Murakamis um das (sexuelle) Gefüge zwischen Mann und Frau und Herr M. schafft Stories, die mich unterhalten und ich mit Freude weiterlese, über das abrupte Ende rätsel oder schöne Passagen mehrmals wiederhole. Kinos Bar handelt von verletzten Frauen, rätselhaften Gästen, Betrug, Flucht und Mafia. Auch Scheherazade scheint sich um ähnliche Themen zu drehen, als wäre sie das Negativ der nachfolgenden Geschichte und auch wenn man Murakami das Kreisen um das immergleiche Thema vorwerfen könnte, schafft er es aus diesem immer neue Aspekte zu kitzeln, Alltägliches und Abseitiges.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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Folge 54books.

4s Kommentare

  1. “Kinos Bar” war meine absolute Lieblingsgeschichte, ich hege ja stille Hoffnungen er möge den Text vielleicht doch noch zu einem kleinen Roman ausbauen. Es war sooo spannend.
    Aber auch alle anderen Geschichten haben mir fast alle sehr gut gefallen.

    Ich habe bislang nur Wolf’s Hall von Hilary Mantel in Englisch gelesen, das war schon richtige Arbeit. Wirklich gut, aber gar nicht einfach zu lesen.
    Ich liebäugel(t)e mit “Die Ermordung Margaret Thatchers” – aber ich bin noch nicht sicher.

    • 54books 54books

      Murakami ist ja sehr fleißig und scheint immer vor Ideen überzulaufen, im neuen Jahr erscheint bei DuMont schon das nächste Buch. Glaube nicht, dass er da noch Zeit hat “Kinos Bar” auszuarbeiten 😉

  2. Ulrich Schneider Ulrich Schneider

    Haruki Murakami kann ich nicht beurteilen, aber Hilary Mantels beide Romane “Wölfe” und “Falken” habe ich begeistert gelesen. Selten sovielmal Fakten über die Tudors, Heinrich, Cromwell und Morus gelesen. Beide Romane sind wegen ihrer sprachlichen Eleganz sehr zu empfehlen.

    • 54books 54books

      Vielleicht muss ich mir die Beiden wirklich mal vornehmen. Meine Mutter hat sie zu Hause, vielleicht was über Weihnachten?!

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