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Mai 2015/1

Wenn ich Dir, liebem Leser, die Monatsübersicht mit einem Dutzend Bücher für den Mai hinklatsche, liest die keiner bis zum Ende, auch Du nicht. Daher werden die vergangenen dreizig Tage in zwei Happen aufgeteilt. Wohl bekommts!

daz4edDer Griesgram – André Gide
Solche Veröffentlichungen sind nur toten Autoren erlaubt, nur Klassiker dürfen Heftchen dieses Umfangs post mortem auftauchen lassen. Dieses Recht stehe ich auch André Gide zu. Matthes & Seitz hat diese Kürzestgeschichte, die erst 1993 entdeckt wurde, nicht nur in einer besonders schönen Ausgabe herausgebracht, sondern es sich, statt dem Füllen und Aufblähen durch plumpe Zweisprachigkeit der Ausgabe, den Luxus gegönnt Nanne Meyer die Geschichte illustrieren zu lassen.

In einem wütenden Monolog schimpft le Grincheux über die Welt, seine Freunde und Familie. Völlig ratlos scheint man am Ende vor den Scherben der Existenz dieses armen Mannes zu stehen. Oder gibt es gar keine Scherben, keine Existenz? Das kluge Nachwort des Übersetzers Tim Trzaskalik hilft beim Verstehen, doch auf diesen wenigen Seiten wird bereits klar warum Gide ein Großer war und ich den Segen für dieses Büchlein erteile.

2Wie ich Nonne wurde – César Aira
César Aira, 1949 in Argentinien geboren, hat bereits über 80 Bücher veröffentlicht. Spötter mögen zu bedenken geben, dass dies bei einer Länge jeweils um die hundert Seiten keine Ehrfurcht hervorzurufen vermag. Doch stecken bereits auf jeder Seite Airas Wie ich Nonne wurde mehr Geschichten als in der heute üblichen Nabelschauprosa auf vierhundert. Der Erzähler Aira versteigt sich in immer gewagter-abstruse Konstruktionen seiner kleinen Novelle, ausgehend allein von einem Erdbeereis, das der Protagonistin nicht schmeckte. Doch der impulsive Vater bringt den Eismann daraufhin um und muss ins Gefängnis und dann und dann und dann..

Diese Groteske spielt sich auf immer weiter verschränkenden Ebenen ab, bei denen man den Überblick aber nicht den Spaß verlieren kann.

25652544z Das Salzburg des Stefan Zweig – Oliver Matuschek
Oliver Matuschek hat sich bereits einen Namen als Biograph-Zweigs und Herausgeber der Briefe Zweigs an seine zweite Frau Lottes gemacht. Ein akribischer Fachmann, der für andere Enthusiasten einen kleinen Reiseführer durch die Wahlheimat des großen Österreichs geschrieben hat. Mit historischen Bildern und solchen des heutigen Salzburg wird der Weg durch die Stadt nachgezeichnet, Blicke in das prächtige Anwesen auf dem Kapuzinerberg gewährt und Zweig an alter Wirkungsstätte gezeigt. Ein Muss für Zweig Fans und den Salzburgbesuch.

urlSchreiben heißt, sein Herz waschen – Fritz J. Raddatz
Mein monthly Raddatz war diesmal eine Sammlung von Essays, die anlässlich seines 75. Geburtstages bei zuKlampen erschien. Eine gelunge Auswahl: Diese elf Essays sind ein hervorragender Spiegel Lebens und Werks und eben, hier kaum zu trennen, der deutschen Literatur nach ’45.

Immer wieder liest man vom Pendler zwischen zwei Deutschlanden und seinen Systemen auf den Punkt gebracht über den Aberwitz der Teilung und die Rolle der Schriftsteller in Ost und West. Seine Berichte sind immer aus erster Hand, denn er kannte fast alle Erwähnten persönlich, war mit ihnen befreundet, Verleger, Entdecker, Förderer oder doch eben spinnefeind.

Begeistert schreibt Raddatz über das Echolot Projekt seines Freundes Walter Kempowski, kratzt am Denkmal seines Helden Thomas Mann, stets spürt man die Begeisterung des Autors für Lektüre und seine Freude am andere begeistern. Besonders hervorzuheben sind die Texte über den Hall der Alten, in dem der inzwischen ebenfalls alte Autor beklagt, dass zu wenige junge intellektuelle Stimmen wahrgenommen werden, obwohl diese zu hören seien, sowie Das denunzierte Wort darüber Wie Macht und Ideologie das Schreiben vergiftet.

Neben einigen hervorragenden Betrachtungen findet aber jeder, der die Fehler finden möchte, auch alles was es an Raddatz zu kritisieren geben mag: eine starke Ich-Bezogenheit, eine Überfülle an Bildern und Parenthesen, mehrfach wiederholt er gar Vergleiche kurz hintereinander in einem Artikel (“der in KZs zu knochen-klappernden Lemuren Erniedrigten”) und doch strotzt gerade dieser Satz vor einer kaum beherrschbaren Kraft, gegen die Sprache Raddatz’ gibt es kein Ankommen. Er mag manchmal das Maß verloren haben, manch Essay dürfte fünf oder zehn Seiten kürzer sein und doch ist dieses Buch ein leuchtendes Beispiel für die Größe des Mannes, den ich so bewundere – trotz, mit, wegen aller vorhandenen Schwächen.

3Tod in Turin – Jan Brandt
“Alle deutschsprachigen Schriftsteller von Weltrang haben über ihre italienische Reise geschrieben”, lässt Brandt auf dem Rücken von Tod in Turin verlautbaren. Der Autor mit seinem zweiten Buch – der Bericht über die Lesereise mit dem ersten – will sich also in eine Reihe mit Heine, Mann, Goethe und Fontane stellen, arg vermessen will mir scheinen. Insgesamt machte der Herr schon vor dieser Äußerung den Eindruck ein arroganter Mensch zu sein und das wegen eines einzigen Romans! …

Doch schon bald nach Beginn der Lektüre schwant mir, dass was ich für Arroganz hielt wohl sein Humor ist, vielleicht hat Brandt nur ein Transportproblem und alle (oder nur ich?) verstehen ihn falsch.

Seine italienische Reise unternimmt er jedenfalls aus Anlass der Buchmesse in Turin, auf der er die Übersetzung von “Gegen die Welt” vorstellt. Die Fiat-Stadt macht in und zwischen den Zeilen einen sehr hässlichen Eindruck, aber Brandt ist ein launiger Erzähler und am besten bevor er nach Italien aufbricht. In wunderbarem Schnodderton berichtet er von den deutschen Stationen seiner Lesereise, schildert später bösartig-grandios das Wiedersehen mit einem alten Bekannten in London. Seine Zeit in Italien verkommt aber doch zu bald zu einem been there, done that und wen er all getroffen hat. Das gesamte Buch ist nicht uninteressant und viele Stellen gefallen mir sogar ausgesprochen gut, im Ergebnis bleibt Tod in Turin aber nur ein persönlich gefärbter Reisebericht.
4 Provokateure – Martin Walker
So und jetzt bitte sehr, möge man mir verraten warum ich auch den siebten Band dieser Reihe gelesen habe und den achten lesen werde! Irgendwas muss es ja haben. Ist es nur der Soap-Opera-Trick, möchte man immer nur wissen wie es mit den überzeichneten Figuren weitergeht? Normalerweise würde ich laut wehklagen und ein Schreibverbot für Martin Walker fordern, aber bitte Kerl schreib weiter (lass Dir vielleicht ein bisschen was bei Stil und Konstruktion helfen, nimm ein bisschen den Fuß vom Gemeinplätze-Gas und wiederhole Dich nicht ständig), ich bleib Dir treu – warum auch immer!

Zur ganzen Rezension.

Tilman Winterling

Tilman Winterling

Tilman Winterling berät als Rechtsanwalt Verlage, Autoren und andere Kreative im Urheber- und Medienrecht. Als Blogger hat er sich sowohl im Bereich der Literaturkritik als auch -vermittlung in der Branche einen Namen gemacht. Rechtsanwalt Winterling ist zudem als Jurymitglied (u.a. Hamburger Literaturförderpreise) und Moderator von Lesungen tätig, sowie gefragter Interviewpartner (u.a. Deutschlandfunk, Radio Eins), wenn es darum geht verständlich und unterhaltsam über rechtliche Themen und solche des Bloggens zu berichten.
Tilman Winterling

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